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Full text of "Zeitschrift für Kirchengeschichte"

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Zeitschrift für 
Kirchengesc. 



Theodore Brieger, 
Bernhard Bess, 
Gesellschaft für ... 



e?. atc? .2ö 



Y & 



UN 




Äarbartj College librarjj 

FKOM THE BF.qjRST OF 

JAMES WALKER, D.D.. LL.D., 

(CUM of 1814), 

FORMKK l'KRSIOKNT OF IIAKVARD COLLEGE; 

" Preference being given to works in the 
Intellectual and Moral ScienceR." 



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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

KIRCHENGESCHICHTE. 

XIX. 



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ZEITSCHRIFT 

KIRCHENGESCHICHTE. 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

D. THEODOR BRIEGER od Liß BERNHARD BESS. 
XIX. Band. 




GOTHA. 

FRIEDRICH ANDREAS PERTHES. 
1899. 



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; ■>'/$, J>L<, ^ -/s/i SU. is' / 

/f rtlu-i ■< (cur/ . 



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Inhalt 



Erstes Heft. 

(Ausgegeben den 1. Mai 1898.) 

s«it« 

Untersuchungen und Essays: 

1. Nitzgeh, Der gegenwärtige Stand der Streitfrage über 

die Syntcresia 1 

2. Jjempp, David von Augsburg 15 

3. Hanncke, Zur Reformation in Pommern 47 

Analekten: 

1. Dreien, Spalatiniana I 69 

2. Burkhardt, Altes ond Neues über Luthers Reigen . . 99 

3. Müsebeck, Ein Schmähgedicht gegen die Bcttelmönche 

aus der ReformationBzeit 105 

Anhang: 

Bibliographie der kirchengeschichtlichcn Litteratur. 

Vom 1. Juli 1897 bis 1- Januar 1898 1Q7 



Zweites Heft. 

(Ausgegeben den 1. Juli 1898.) 

Untersuchungen und Essays: 

1. v. Dobschütz, EuthaliusstuJien 107 

2. Rosenfeld, Beiträge zur Geschichte des Naumburger 
Bischofstreites 155 



VI 



INHALT. 



Seite 

Anatoktgp - 



1. 


Bxirn M. A., Neue Texte zur Geschichte des apostoli- 








179 


2. 


Grützmacher, Die Viten des heiligen Furseus .... 


190 


3. 


Kück, Hartmuth von Cronberg als Interpolator des von 








196 


4. 


Hubert, Verloren geglaubte ulmische Kefonnationsakten 


204 


5. 


Friedensburg, Beiträge zum Briefwechsel der katholi- 






schen Gelehrten Deutschlands im Reformationszeitalter 








211 



Drittes Heft. 

(Ausgegeben den 1. Oktober 18 C J8.) 

Untersuchungen und Essays: 

1. Dräsche, Georgios Gemistos Plethon 205 

2. Seitz, Die Stellung des Urbanus Rhegius im Abend- 



mahlKBtrritft . . . . . . . . . . . . . . . . 2f>3 

3. Tschackert f Ein neuer Beitrag zur Lebensgeschichte des 

Reformators M. Antonius Corvinus 329 

Analekten : 

1. Lempp, David von Augsburg 340 

2. Clemen, Ein Ablafsbrief von 1482 3t>0 

3. Freytag, Ein Empfehlungsbrief Phili|)p Mclanthons für 
Josias Menius aus Stolp 302 

4. Clemen f Bemerkung zu dem Schmähgedicht gegen die 
Bettelmönche . . . . , , , , , , , , , , , 3ß5_ 

5. Tscliackert, Jesuitische Miscellen 307 



Anhang: 

Bibliographie der kirchengeBchichtlicben Litteratur. 

Vom 1. Januar bis 1. Juli 1898 37fr 



INHALT. 



MI 



1. Wehrmann, Bischof Arnold zu Camin 1324—1330 . . 373 



Vierte* Heft. 

(Ausgegeben den 2. Januar 1899.) 

Seit« 

Untersuchungen und Essays: 



2. Priebatsch, Staat uud Kirche in der Mark Brandenburg 



Analekten : 

1. Giemen, Die Lamcntationes Petri 431 

2. Bang, Das Sakrament der Bufse in der Augsb. Kon- 
fession, Art. 11 — 12 449 

3. Bang, Eine falsche Lesart in den Torgauer Artikeln . 452 

4. Borkowski , Mitteilungen aus dem reichsburggräf lieh 
Dohnaschen Archive zu Schlobitten (Qstpr.) .... 453 

5. Jlaußleiter, Miscellen 404 

6. Bossert, Übersetzungen der Formula Concordiae . . . 470 

7. Friedensburg , Beiträge zum Briefwechsel der katholi - 
schen Gelehrten Deutschlands im Reformationszeitalter 
(Fortsetzung) 473 

8. Drews, Spalatiniana II 486 

9. Tschackert, Das „Oraculum pontificium" über Luther 

und Loyola 515 



Register: 

1. Verzeichnis der abgedruckten Quellenstucke . ... 517 
II. Verzeichnis der besprochenen Schriften 518 



Ausgegeben den 1. Mai 1898. 




FÜII 



KIRCHENGESCHICHTE. 

HKRAUSOKGKDKN VON 

D. THEODOR BRIEGER, 

i>niic*ti. rRi-nwan* neu iiiRrHKK'iK»ntiriiTK ** NW BinfHUWTlT i kipziii, 

tanx 

P. r I i BERNHARD BESS. 

10* Zrit MCLKSARHEITKR AX PER KOL. t'NIV£RSITÄTJ»IUMllOTHF.K JEC OÖTTINOE*. 

XIX. Band, L Heft 




GOTHA. 

PUIEDKRMI ANDREAS PKUTHK8. 
1898. 




Ober die Syntcrcsis. 

Von 

D. F. Nitzsch in Kiel. 



Manche Leser dieser Zeitschrift, welche meiner im ersten 
Hefte (S. 23 f.) des XV1I1. Jahrgangs abgedruckten Ab- 
handlung Beachtung geschenkt haben, mögen, zumal wenn sie 
zugleich von meinem im Jahre 1879 (in den Jahrbüchern für 
Protest Theologie) veröffentlichten Aufsatze Kenntnis ge- 
nommen haben, der Meinung sein, es sei einstweilen genug 
über diesen (meiner Ansicht nach apokryphen) Terminus 
geredet. Ich selbst bin im Grunde derselben Meinung, um 
so mehr, als nunmehr feststeht, dafs fünf neu verglichene 
Handschriften (des Kommentars des Hieronymus zum Ezechiel), 
unter diesen fünf auch der besonders beachtenswerte Codex 
Bambergensis, an der Stelle, aus welcher der scholastische 
Ausdruck Synteresis mittelbar geflossen sein mufs, nicht 
owifarptv, sondern avveidtpHv bieten, während ein Codex, 
der jene Lesart enthält, vielleicht gar nicht vorhanden, 
mindestens in neuerer Zeit von niemandem aufgewiesen ist. 
Inzwischen stand zu erwarten und wurde auch von mir 
erwartet, dafs es an Versuchen nicht fehlen werde, die 
Echtheit des von den Scholastikern für die ursprüngliche 
gehaltenen und zur Unterlage zahlloser Expositionen ge- 
roachten Lesart zu retten. 

Diese Erwartung hat sich sofort bestätigt, und zwar ist 

Z«it*chr. f. K.-G. XIX. 1. 1 



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2 



NITZSCH, 



kein Geringerer als der bekannte Verfasser der Geschichte 
der Psychologie (I. Teil 1880, 1884), Dr. H. Siebeck in 
Giefsen, soeben gegen die von mir aufgestellte Hypothese in 
die Schranken getreten (im Archiv fiir Geschichte der Philo- 
sophie, herausg. v. L. Stein, Bd. X, Hfi4). Derselbe geht 
so weit, zu behaupten, man würde wegen der ganzen in 
Rede stehenden Ausführung des Hieronymus, also im Hin- 
blick auf den Zusammenhang und den Inhalt des fraglichen 
Passus berechtigt sein (S. 525), die Lesart ovvt$- 
qt]Oiv selbst gegen die Autorität sämtlicher noch 
vorhandenen Handschriften aufrecht zu erhalten. 
Während ich also schon durch rein aprioristische Gründe 
(zu denen freilich hinterher das Zeugnis von fünf Hand- 
schriften hinzutrat) beinahe zur Evidenz bringen zu können mir 
bewufst war, dafs Hieronymus nicht awr^Q^aiv geschrieben 
hat, behauptet Dr. Siebeck im Gegenteil, gleichfalls a priori 
darthun zu können, gerade dies müsse der genannte Kirchen- 
vater geschrieben haben. Durch diesen Vorstofs meines ver- 
ehrten Gegners bin ich nun in die Defensive gedrängt und, 
indem ich in die Verteidigung meiner Ansicht eintrete, will 
ich 1) auf positiv exegetischem Wege darthun, dafs die Les- 
art avveidriöiv vortrefflich in den Zusammenhang pafst, will 
dann 2) Siebecks Gegengründe prüfen. 

I 

Die in Betracht kommenden Worte 1 des Hieronymus 
(Comment in Ezech. 1. I, § 10sq., Vallarsi T. V, p. 10) 
lauten in deutscher Ubersetzung wie folgt: 

„Die meisten beziehen nach Plato das Vernünftige und 
das Eiferartige und das Begehrliche der Seele, was jener 
Xoyix.6v und &vnc*.6v und tm&vpriuxöv nennt, auf den Men- 
schen und den Löwen und den jungen Stier (d. h. sie finden 
es darin sinnbildlich dargestellt), wobei sie der Vernunft und 
der Erkenntnis und dem Verstände und dem Entschlufs 
(d. h. dem Willen) und der entsprechenden (eigentlich der 
nämlichen) Tugend und Weisheit ihren Sitz in der Burg 



1) 8. den latein. Text im Jahrg. XVIII dieser Zeitschrift 8. 31. 



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STREITFRAGE L'BER DIE SYNTERESIS. 



3 



des Gehirns anweisen; der im Löwen sich darstellenden 
Wildheit aber, Jähzornigkeit und Heftigkeit in der Galle; 
ferner der Wollast, der Üppigkeit und der Gier nach allen 
Gelüsten in der Leber, d. h. in dem jungen Stier, welcher 
an den Werken der Erde hange, und setzen als Viertes 
(eigentlich vierte) die oberhalb und aufserhalb dieses Drei- 
fachen schwebende (wörtlich seiende) von den Griechen so- 
genannte Ivveidriatg, welcher Gewissensfunke auch in Adams 
Brust, nachdem er aus dem Paradiese vertrieben ist, nicht 
verlischt und mittelst deren wir, wenn wir von Lüsten oder 
Leidenschaft ffurore) überwältigt und mitunter vom Scheine 
der Vernunft selbst getäuscht sind, merken, dafs wir sün- 
digen; welche sie insbesondere (proprie, speziell) dem Adler 
zuweisen, der sich mit den dreien nicht vermischt, sondern 
die drei, wenn sie irren, zurechtweist; von welcher wir in 
den (heil.) Schriften mitunter unter dem Namen des Geistes 
lesen, „der uns vertritt mit unaussprechlichen Seufzern" 
(Rom. 8, 26). Denn „Niemand weifs das, was des Men- 
schen ist, aufser dem Geiste, der in ihm ist" (lKor. 2, 11), 
„dessen Unversehrterhaltung nebst der der Seele und des 
Leibes " auch Paulus, indem er an die Thessalonicher schreibt 
(iThess. 5, 23), erbittet. Und doch sehen wir, dafs auch 
selbst dieses Gewissen gemäfs dem, was in den Sprüchen 
(18, 3) geschrieben steht („Geräth der Gottlose tief in Sün- 
den, so verachtet er"), bei gewissen Leuten über Bord ge- 
worfen wird und seine Stelle verliert, welche bei Uber- 
tretungen nicht einmal Scham und Scheu empfinden und 
verdienen, dafs man zu ihnen sagt: ,Du nahmst eine Huren- 
stirn an, du wolltest nicht erröthen* (Jer. 3, 3)." 

Nach dem vermutlich richtigen Text wird also die aw- 
eiÖTqatg 1. Gewissensfunke (scintilla conscientiae) genannt 
Da fragt sich, was scintilla heilst und wie der Genetiv zu 
erklären ist. Ein Funke nun kann an sich Ausdruck sein 
für einen Rest eines vorher dagewesenen, aber nachmals 
zerstörten Ganzen, das in Analogie mit einem sprühenden 
Feuer gedacht werden kann, oder für einen kleinen Teil 
eines gröfseren noch fortbestehenden, in Bewegung befind- 
lichen Ganzen, oder endlich für einen Anfangspunkt 



4 



NITZSCH, 



oder eine Keimform eines irgendwie einem Feuer vergleich- 
baren Prozesses oder Gegenstandes. Könnten wir nun an- 
nehmen, dafa Hieronymus einen Unterschied zwischen dem 
griechischen avvetdrioig und dem lateinischen conscientia ge- 
macht hätte, d. h. dafs nach seinem Sprachgefühl oder nach 
seiner genaueren Kenntnis des Sprachgebrauchs beide Namen 
sich nicht deckten, so könnten wir zu der Meinung gelangen, 
dafs er die avvBid'qai'; für einen blofsen Teil der conscientia 
angesehen habe, und dann müfste er unter der letzteren das 
sittliche Bewufstsein überhaupt, unter der oweidipiQ das 
Gewissen verstanden und dieses für ein blofses Moment 
des sittlichen Bewufstseins gehalten haben. Dies ist aber 
sehr unwahrscheinlich. Es würde eine psychologische Di- 
stinktionsgabe voraussetzen , von der dieser Kirchenvater 
sonst nichts verraten hat; und es ist zwar vielleicht nach- 
zuweisen, dafs beide Namen bald das bezeichneten, was wir 
Gewissen nennen, bald mehr das, was wir als „sittliches 
Bewufstsein" bezeichnen würden, aber gewifs nicht, dafs der 
lateinische Ausdruck nur letzteres, der griechische nur 
ersteres bezeichnete. Deckten sich nun im Sprachgefühle 
des Schrittstellers beide Namen, so kann der in Rede stehende 
Genetiv überhaupt kein Genetiv, partitivus oder possessivus 
oder causae sein, sondern er raufs notwendig ein definitivus 
oder appoeitivus sein, d. h. die conscientia ist selbst der 
Funke, den Hieronymus im Auge hat, wie arbor abietis 
nicht der Baum der Tanne ist, sondern der Tannenbaum, 
d. h. der Baum, der die Tanne ist, und wie in dem vor- 
hergehenden Text bei Hieronymus selbst cerebri arx nicht 
etwa der höchste Teil des Gehirns ist, sondern das Gehirn 
selbst im Vergleich mit der Galle und mit der Leber als 
(im menschlichen Organismus) hochgelegen bezeichnet wird. 
Also die conscientia erscheint hier nicht als dasjenige, dessen 
Rest oder Teil oder Keim die owudrpii; ist Will man aber 
das einem lodernden Feuer vergleichbare Ganze angeben, 
zu dem sich das Gewissen wie ein Funke verhält, so mufs 
man sich die Gesamtheit des menschlichen Geisteslebens vor- 
stellen, das jedoch der Schrittsteller gar nicht nennt und 
nicht zu nennen braucht, weil die Sphäre des Geisteslebens 



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STREITFRAGE ÜBER DIE SYM ERESIS. 



5 



durch den ganzen Inhalt des vorliegenden Passus markiert 
und der Ausdruck ohne weiteres verständlich ist. 

2. Vom Gewissen wird nun gesagt, dafs es auch in 
Adams Brust nach seiner Vertreihung aus dem Paradiese 
nicht verlösche. In diesem Satze liegt nicht im Ent- 
ferntesten etwas Auffallendes. Man kann nur fragen : warum 
wird das hervorgehoben? Darauf aber ist zu antworten, 
dafs Hieronymus sich den Einwand als möglich vorstellte, 
das Gewissen sei nicht, wie einerseits die Vernunft, ander- 
seits die Affekte, ein bleibendes und allgemeines Moment 
des in seiner Totalität hier in Betracht kommenden mensch- 
lichen Geisteslebens, gehöre mithin nicht hierher, wenigstens 
in seiner Objektivität als Stimme und Repräsentant Gottes 
im Menschen gehöre es lediglich dem Status integritatis, nicht 
dem Status corruptionis an. Dem gegenüber konstatiert er, 
dafs es in der That auch im natürlichen durch die Sünde 
korrumpierten Menschen sich finde. 

3. Wenn er von etwas redet, was uns merken lasse, 
dafs wir sündigten, so pafst das nur eben auf das Ge- 
wissen. Es ist daher hierüber kein Wort zu verlieren. 

4. Von dem durch den Adler (Ezech. 1 , 10) symboli- 
sierten Gewissen wird ferner gesagt, dafs es sich unter die 
drei anderen Seelenkräfte (die Vernunft, das Eiferartige, das 
Begehrliche) nicht mische, sondern sie, insoweit sie irrten, 
zurechtweise. Hiermit wird die Koordination des un- 
mittelbar Gort repräsentierenden Organs mit den übrigen 
Momenten des Geistes von der Hand gewiesen und dem- 
selben eine tibergeordnete Stellung angewiesen. Dafs dies 
sehr wohl vom Gewissen ausgesagt werden konnte, bedarf 
keines Nachweises (vgl. das unter Nr. 3 Bemerkte). 

5. Einer Erklärung bedarf die Thatsache, dafs in den 
folgenden Sätzen gewisse Bibelstellen herbeigezogen werden, 
welche vom GeiBte handeln. Sie erklärt sich aber teils 
im allgemeinen daraus, dafs der Schriftsteller das Bedürfnis 
fühlen konnte, dem psychologischen Schema, welches er be- 
folgte und vorher namens der plerique dargelegt hatte, das 
Gewissen einzuordnen, teils insonderheit daraus, dafs Ori- 
genes, an den sich Hieronymus überall da, wo dessen He- 



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G 



N1TZSCII, 



terodoxieen nicht mit hineinspielen, in der Exegese gern an- 
schliefst, bei der Erklärung des Wesens des Gewissens das- 
selbe mit dem „ Geiste " identifiziert hatte (vgl. Orig. opp. 
ed. R. III, p. 361 mit IV, p. 486 u. 432). Nach Origenes 
ist das Gewissen „nichts anderes als der Geist, das eigent- 
lich Geistige im Seelischen, dem Geiste Gottes verwandt und 
seinem Wirken zugänglich" (Redepenning, Origenes, Bonn 
1846, 2. AbtL, S. 362). — Dafs nun sein Gewissen allein 
weifs, was des Menschen ist (1 Kor. 2, 11), d. h. sein In- 
neres erfüllt und zwar nach der moralischen Seite hin, das 
ist ein Gedanke, der zwar den Inhalt der Korintherstelle 
schwerlich korrekt und vollständig zum Ausdruck bringt, 
aber weder sinnlos noch dem Hieronymus nicht zuzutrauen 
ist. Auch die Benutzung der Stelle lThess. 5, 23 bietet 
keine Schwierigkeit. Denn die Bitte, dafs das Gewissen der 
Thessalonicher unversehrt erhalten werden möge, konnte er 
dem Apostel sehr wohl in den Mund legen. Schwieriger ist 
die Feststellung des Sinnes, in dem Hieronymus die Stelle 
Rom. 8, 26 herbeizieht. Denn nach richtiger Erklärung ist 
hier vom objektiven heiligen Geiste die Rede; Hie- 
ronymus meint aber ein Moment des menschlichen 
Geistes, wie aus der Citierung der beiden anderen Bibel- 
stellen hervorgeht. Die Vermittelung liegt jedoch in dem 
Gedanken, dafs das Gewissen den objektiven heil. Geist nach 
seiner moralischen Seite hin im Menschen repräsentiert, 
einem Gedanken, der dem Hieronymus ebenso wenig fern 
gelegen zu haben braucht, wie dem Origenes. 

6. Endlich mufs noch eine Bemerkung über die Worte 
„Et tarnen hanc quoque ipsam conscientiam . . . cernimus 
praecipitari apud quosdam et suum locum amittcre" etc. 
hinzugefügt werden. Zunächst ist festzustellen, dafs das hanc 
(„dieses Gewissen") nicht so gemeint sein kann, als nähme 
Hieronymus zwei Arten des Gewissens an. Davon finden 
wir nirgends eine Spur. Das hanc spricht nur aus, dafs 
das gemeint ist, wovon vorher die Rede war. Ferner ist 
anzuerkennen, dafs von den beiden Worten quoque ipsam 
das eine im Grunde überflüssig ist; das „sogar", das hier 
ausgedrückt werden sollte, läge dem Zusammenhang gemäfs 



STREITFRAGE ÜBER DIE 8YNTERESIS. 



7 



auch schon in dem quoque oder ipsam. Aber fdr die vor- 
liegende Streitfrage ist dieser Pleonasmus ohne Belang. 
Wichtiger ist scheinbar die Frage, wie sich der Gedanke, 
dafs gewisse Leute das Gewissen über Bord werfen und von 
seiner Stelle drängen, zu dem anderen verhält, dafs es auch 
im Status corruptionis, in Adam nach seiner Verbannung 
aus dem Paradies nicht erloschen sei. Beide widersprechen 
sich nicht, wenn der letztere die Regel, der andere die Aus- 
nahmefalle völliger Verstocktheit bezeichnet, oder wenn der 
erstere infolge einer U n genau igkeit nur de conatu verstan- 
den wird, so dafs es sich, während das Gewissen an sich 
nicht völlig ausgerottet werden kann, um den blofsen Ver- 
such handelte, es zu töten. Eine solche Ungenauigkeit 
kann sehr wohl angenommen werden. Denn wir nennen 
oft einen Menschen gewissenlos, von dem wir doch annehmen, 
dafs er ein Gewissen hat, demselben nur eben nicht folgt. 
Ob Hieronymus der Meinung war, eine völlige Ausrottung 
des Gewissens sei möglich oder nicht, läfst sich nun nicht 
ermitteln. Für die hier vorliegende Streitfrage (ob es mög- 
lich sei, dafs er in dem in Rede stehenden Passus owdörpiv 
und nicht avvi^gr^atv geschrieben habe) wirft die Entschei- 
dung aber auch nichts ab. 

IL 

Indem ich nun dazu übergehe, die Einwendungen zurück- 
zuweisen, die Dr. Siebeck wider die Möglichkeit der von 
mir verteidigten Lesart erhoben hat, gehe ich aus von den 
Zugeständnissen, zu denen er sich genötigt sieht. Diese aber 
bestehen — abgesehen von der für die vorliegende Spezial- 
frage nicht weiter in Betracht kommende Anerkennung der 
Thatsache, dafs den scholastischen Erörterungen des Wesens 
der Synteresis die fraglichen Sätze des Hieronymus unmittel- 
bar oder mittelbar zum Grunde liegen (S. 529) — zunächst 
darin, dafs er den Ausdruck ovvvfcr\aiv (S. 522) als „ver- 
wunderlich" bezeichnet; ferner darin, dafs er zugiebt, es 
handle Bich um eine menschliche Seelenkraft (S. 523) 
und zwar um einen spezifischen Terminus (S. 525) 
in der späteren wissenschaftlichen Sprechweise der 



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8 



NITZSCH, 



Griechen; endlich in der Anerkennung der Thatsache, dafs 
das Gewissen nach Hieronymus als Funke in dem aus 
dem Paradiese vertriebenen Adam erhalten blieb (S. 523). 

1. Der Haupteinwurf besteht nun aber in der Be- 
hauptung, dafs, was Hieronymus in der Stelle ausfuhrt, von 
Anfang bis zu Ende nichts anderes sei als ein lateinischer 
Kommentar zu dem griechischen Worte ovvr^Qriotv (S. 522) 
oder bestimmter, er wolle einen griechischen Ausdruck um- 
schreiben, der das unentwegte Beh arren oder Sich -Kon- 
servieren eines Faktors innerhalb der menschlichen Natur 
gegenüber einer Anzahl ihm entgegenstehender Momente be- 
zeichnen solle (S. 523); immer und immer wieder werde 
das Sich-Erhalten der betr. Kraft gegen Hemmungen betont 
und umschrieben, was keinen Sinn hätte, wenn lediglich der 
viel unbestimmtere (!) Begriff der ovvGidr\oiq und nicht viel- 
mehr der hier speziell charakteristische der avwr^riüig er- 
klärt werden sollte. — Dieser Behauptung stelle ich den 
Satz gegenüber, dafs, da das Citat aus 1 Thess. 5, 23 nicht 
Worte des Hieronymus, sondern eben des Paulus enthält 
und, wie die vorhergehenden Citate (Rom. 8, 26 und 1 Kor. 
2, 11) zeigen, nicht deshalb herangezogen ist, weil die 
Worte servari integrum darin vorkommen, dieselbe ledig- 
lich in dem einen Satze quae in Adam quoque 
pectore . . . non extinguitur eine scheinbare 
Stütze findet, eine scheinbare; denn wenn von einer 
Seelenkraft gesagt wird, sie habe sich in Adam nach dem 
Sündenfall erhalten, so ist das ein Prädikat, welches an und 
für sich auf sehr verschiedenes, z. B. das Erkenntnisvermögen, 
passen würde, hier aber allerdings vom Gewissen aus- 
gesagt wird, welches mit dem „Funken" identisch, jedocb 
nicht im entferntesten so geartet ist, dafs es uns nötigte, 
hinter dem Subjekt, von dem es gilt, eine Seelenkraft zu 
vermuten, wie sie Dr. Siebeck beschreibt. Dafs ferner das 
Citat aus 1 Thess. 5, 23 zur Erklärung des neutestament- 
lichen Begriffes des Geistes verwendet werden konnte 
— darum allein handelt es sich hier — ohne Beziehung 
auf den Begriff des Sich-Erhaltens oder Beharrens, beweist 
z. B. der Gebrauch, den Or igen es in einer Stelle des 



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STREITFRAGE I BER DIE SVNTEKESIS. 



9 



Kommentars zum Römerbrief von den Worten des Apostels 
macht (Orig. opp. recens. Lommatzsch, T. VII, p. 87, vgl. 
auch T. VI, p. 37). Der Gebrauch, den mein verehrter 
Gegner von der ersten paulin ischen Stelle zur Begründung 
seiner Ansicht macht (Rom. 8, 26; auf 1 Kor. 2, 11 geht 
er gar nicht ein) findet im Text absolut keinen Anhalt. An 
„Verschüttungen des geistigen Lebens durch Begierden u. a." 
und ein „Reagieren" des Geistes dagegen denkt da weder 
Paulus noch Hieronymus auch nur im entferntesten. Paulus 
meint, dafs auch der uns mitgeteilte Geist Gottes „ebenso wie 
unsere eigene Hoffnung, Zeugnis für unsere dereinstige Ver- 
klärung ablegt, indem er unser sich annimmt und uns jene 
unaussprechlichen Sehnsuchtslaute in den Mund legt, welche 
besser, als wir selbst es vermöchten, dem Harren auf die 
Erlösung unseres Leibes Ausdruck verleiht". Der „Geist" 
hilft nach Paulus unserer Schwachheit auf, nimmt sich un- 
seres Unvermögens hilfreich an, tritt für uns ein, indem er 
an unserer Stelle betet, indem er uns die Gebetslaute (in 
Worten nicht auszudrückenden Sehnsuchtslaute) in den Mund 
legt. Dies ist der Gedanke des Paulus. Aber auch Hie- 
ronymus hat in die Worte das nicht hineinlegen können, 
was Siebeck darin ausgedrückt findet. Hieronymus denkt 
wahrscheinlich an das gute Gesamtgewissen, welches bei aller 
Demut unter Umständen uns fursprechend und schützend voi 
Gott vertritt, wenn uns in einzelnen Beziehungen ein Be- 
wufstsein unserer Schwachheit (aber nicht das geistige Leben 
verschüttender Begierden) beunruhigt. — Was bleibt nun 
als Stütze für die Nachweisung des von Siebeck entdeckten 
Tenors der Worte des Hieronymus noch übrig? Etwa der 
Ausdruck scintilla conscientiae ? Er erklärt meine Fassung 
dieser Worte für unzulässig (S. 529, Anm. 11), ich die 
seinige für falsch (s. oben). Oder die Worte qua . . . nos 
peccare sentimus? Diese sagen nichts davon, dafs die frag- 
liche Seelenkraft sich erhält . . . trotz des Einflusses der 
Lüste etc. (S. 523), sondern lediglich, dafs das Gewissen uns 
unsere Sünden zum Bewufstsein bringt, uns sie merken, 
wahrnehmen läfst. Oder die Worte „non se miscentem tribus, 
sed tria errantia corrigentem ? " Diese deuten keineswegs 



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10 



NITZSCH, 



an, dafs die in Rede stehende Seelenkraft den anderen gegen- 
über die Fähigkeit bewahrt, ihre Irrtümer zu verbes- 
sern (S. 523), sondern sagen aus, dafs sie nicht mitten unter 
sondern über ihnen steht und sie thatsächlich zurecht- 
weist, wenn sie irren. Kurz ich konstatiere, dafs von den 
sieben in Betracht kommenden Attributen und Prädikaten 
vier von dem von Herrn Dr. Siebeck in den Vordergrund 
geschobenen Begriffe des Beharrens oder Sich - £rhaltens 
schlechterdings keine Spur enthalten, ein fünftes (scin- 
tilla conscientiae) nur mit Hilfe einer falschen lexikalischen 
Hypothese (dafs scintilla notwendig einen Rest bezeichnen 
müsse) von ihm herbeigezogen werden kann, ein sechstes 
(non extinguitur) mindestens ebenso gut auf das eigentliche 
Ge wissen pafst wie auf die imaginäre Synteresis, ein siebentes 
(servari integrum), wenn man die Erklärung Siebecks an- 
nehmen wollte, den sonderbaren Gedanken dem Schriftsteller 
anheften würde, dafs die Unversehrterhaltung der „Erhal- 
tung" (dies soll ovvTfarptg nach Siebeck heifsen) vom Apostel 
für die Thessalonicher erbeten sei. 

2. Siebeck leugnet, dafs es sich um einen Terminus 
technicus bandeln müsse (S. 525), und meint, dem Men- 
schen, dein Löwen, dem jungen Stier und dem Adler ent- 
spreche bei Hieronymus oder den Plerique die Zusammen- 
stellung der Erkenntniskraft, der Affekte, der Sinnlichkeit 
und — der Erhaltung. Letzteres aber soll zwar eine 
„Seelenkraft" bezeichnen und zwar innerhalb der späteren 
wissenschaftlichen Sprechweise (S. 525) der Griechen, 
hingegen kein technischer Ausdruck sein. Die vielen Bei- 
spiele, die er dafür beibringt, führen nun allerdings nicht 
zu einem technischen Worte. Das Gemeinsame, was sie an 
sich tragen, ist überhaupt nichts anderes als die Vorstellung 
des Erhaltens, und sie können daher nichts beweisen. „Spe- 
zifisches" drücken sie gar nicht aus. Denn das Sich -Er- 
halten „gegen bestehende Hemmungen und Schädigungen" 
ist keine besondere Art der Vorstellung der Erhaltung. Er- 
haltung im Sinne der conservatio bedeutet immer und in 
allen Sprachen, namentlich auch in den griechischen Verben 
yvhxzzuvy diacfvXdueiv, zriQetv, diairiQÜv, ovvn}(>£iv, auch 



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STREITFRAGE ÜBER DIE 8YNTERESIS. 



11 



vioCeiv: Bewerkstelligung der Fortdauer einer Sache oder 
Person im Gegensatz zu irgendeiner möglichen Hemmung 
oder Schädigung, sollte das möglicherweise Hemmende oder 
Bedrohende auch nur die allem Geschaffenen anhaftende 
Vergänglichkeit sein. Kurz, die von unserem Gegner bei- 
gebrachten Citate beweisen nichts anderes, als dafs der Be- 
griff des Erhaltens nicht selten durch das Wort ovvirßüv 
ausgedrückt wurde, dies aber bedurfte keines Beweises. Der 
Beweis, dafs, sei es in der griechischen Sprache der eigent- 
lichen Philosophen oder sei es in der Sprache der irgendwie 
wissenschaftlich Gebildeten ein terminus owifarioig vorkam, 
der in irgendwie stetiger Weise speziell irgendeine mensch- 
liche Seelenkraft bezeichnete, ist nicht erbracht. Hier aber 
war ein solcher erforderlich, weil man nicht ganz Disparates 
zusammenstellen kann. Einerseits Denkkraft, Willenskraft 
und sinnliches Begehrungsvermögen, anderseits — Erhal- 
tung: das wäre eine schlimmere Zusammenstellung als die 
von Kraut und Rüben. Sehr wohl pafst hingegen dazu das 
Gewissen. Beiläufig sei hier gegen Jahnel wiederholt, dafs 
man ein Analogon des xriqtiv lavta (des Triebes der Selbst- 
erhaltung) so nicht ausdrücken könnte. Denn die Haupt- 
sache, dafs nämlich das Selbst der Gegenstand der betr. 
Funktion ist, würde in dem nackten Ausdruck „Erhaltung" 
fehlen. Was soll denn das 0 bj e k t dieser angeblichen er- 
haltenden Seelenkraft sein? Das müfste man hinzudenken 1 
Ohne besondere Zufalle bilden sich aber weder im popu- 
lären, noch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch irgendeines 
gebildeten Volkes solche geheimnisvolle und apokryphe Namen. 

3. Dr. Siebeck bemerkt (S. 521), Verderbnisse entstünden 
in den Handschriften in der Kegel dadurch, dafs einem we- 
niger gebräuchlichen Ausdrucke ein allgemein bekannter, 
der dem Sinne der betreffenden Stelle scheinbar gleichfalls 
angemessen ist, sich unterschiebe. Er hält es daher für 
„ wenig begreiflich" (S. 522), dafs, wenn Hieronymus avvei- 
drpig geschrieben hätte, ein Kopist dafür avvz^qtfiig gesetzt 
habe. Dafs nun das von Siebeck beschriebene Verfahren oft 
vorgekommen ist, soll natürlich nicht in Abrede gestellt 
werden. Hier aber ist die in irgendeinem Stadium der Text- 



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12 



NITZSCH, 



Überlieferung eingetretene Veränderung anders zu erklären 
und zwar von der sicheren Thatsache auszugehen, dafs die 
auf uns gekommenen Abschriften lateinischer Texte, die hier 
und da eingestreute griechische Wörter enthalten, zum Teil 
von Kopisten herrühren, die zwar der lateinischen, aber gar 
nicht der griechischen Sprache kundig waren. Mit Text- 
verbesserung sich abzugeben, waren nun solche gar nicht 
in der Lage, diese Ambition mufste ihnen fernliegen. Viel 
mehr blieb ihnen, wenn sie sich nicht zufällig der Hilfe 
eines anderen, der griechisch verstand, bedienen konnten, 
nichts anderes übrig, als entweder die eingestreuten griechi- 
schen Wörter auszulassen, oder die für sie völlig unver- 
ständlichen griechischen Buchstaben mechanisch nach- 
zumalen. Das erstere Verfahren wählte z. B. der Ab- 
schreiber, dem wir den Codex Vaticanus 326 verdanken 
(s. Bd. XVIII, S. 36 dieser Zeitschrift). Dieser liefs das 
Wort ovvtidrioiQ, weil er es wegen völliger Unkenntnis des 
Griechischen nicht zu entziffern imstande war, einfach weg. 
Andere versuchten, die ihnen vorliegenden griechischen Schrift- 
züge, die sie nicht deuten konnten, mechanisch nachzumalen, 
eine Methode, die zwar, wenn die betr. Vorlage accurat ge- 
schrieben war, immerhin doch bei vorsichtiger Handhabung 
zu einem brauchbaren Text fuhren konnte, die aber leicht 
zu Korruptionen führen konnte, wenn den Schreibern bei ihrer 
Unkenntnis der griechischen Charaktere, da ihnen unbekannt 
war, welche Striche, Bogen und Winkel für jeden einzelnen 
Buchstaben wesentlich seien, Abweichungen entschlüpften. 
Nehmen wir an, dafs solche verunglückte Nachmalungs- 
versuche sich wiederholten, sodafs ein schon korrumpierter 
Text fernerhin korrumpiert wurde, so erscheint eine allmäh- 
liche Verwandlung des Wortes ovveidriaiq in die Form avv- 
tinQ^aig keineswegs unbegreiflich. Dafs dann schliefslich 
eine Form herauskommen konnte, hinter der ein späterer des 
Griechischen Kundiger wenigstens irgendein wirkliches grie- 
chisches Wort (und nicht ein völlig sinnloses Compositum) 
vermuten durfte, kann niemand leugnen. Kurz es ist keines- 
wegs schwer begreiflich, dafs aus ovveidrioig schliefslich ovv~ 
rf(>riotg geworden ist 



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STREITFRAGE ÜBER DIE SYNTEKESIS. 



13 



4. Was ich in einer früheren Abhandlung (s. Bd. XVIII, 
S. 33 dieser Zeitschrift) aus anderweitig vorkommenden pa- 
tristischcn Erklärungen der Ezechielstelle gefolgert habe, wird 
durch die Gegenbemerkungen des Herrn Dr. Siebeck (S. 529) 
nicht entkräftet. Es handelt sich selbst in dem für seine 
Ansicht günstigsten Falle um eine mindestens bestrittene 
Lesart (eigentlich freilich um eine solche, für die durch 
neuere Kollatoren noch kein einziger Codex als Zeuge bei- 
gebracht ist). In solchen Fällen ist nun an sich schon, 
wenn innerhalb derselben Zeitperiode mindestens drei Ver- 
treter einer an sich verkehrten Deutung einer Bibelstelle 
(dafs die in Rede stehende psychologische Deutung der 
Ezechielstelle verkehrt ist, steht fest) denselben Grundfehler 
begehen und in der Art seiner Durchführung im übrigen 
völlig übereinstimmen, jedoch bei Einem der drei Exegeten 
in Einem Punkte die richtige Lesart zweifelhaft ist (während 
bei den beiden anderen Exegeten die richtige Lesart nicht 
zweifelhaft ist), in solchen Fällen ist zu präsumieren, dafs in 
Wahrheit auch der dritte Exeget dasselbe geschrieben hat 
wie die anderen. Dazu kommt, dafs im patristischen Zeit- 
alter dergleichen allegorische Erklärungen innerhalb der ale- 
xandrinischen Schule (von der allerdings die antiochenische 
Schule abzuweichen pflegte) traditionell zu sein pflegten, 
Hieronymus aber von Origenes in exegetischen Dingen sehr 
abhängig ist. Wenn also Hieronymus (oder seine plerique) 
im übrigen genau so erklärt, wie Origenes und Pseudogregor 
von Nazianz, so ist wahrscheinlich, dafs er in dem Punkte, 
um den es sich bei Beurteilung der zweifelhaften Lesart 
handelt, gleichfalls dieselbe Auslegung vorgetragen hat wie 
die anderen. Dafs aber bei Origenes der spiritus praesidens 
animae mit dem Gewissen identisch ist, ist nachgewiesen. 

Schliefslich resümiere ich für solche Leser, welche meine 
früheren Abhandlungen über den Gegenstand nicht kennen, 
mein Ergebnis noch einmal in folgenden vier Thesen: 

1. Dafs den Erörterungen der Scholastiker über die Syn- 
teresis unmittelbar oder doch mittelbar in mafsgebender 
Weise die von Hieronymus vorgetragene Erklärung von 
Ezech. 1, 4 — 10 nach der von ihnen vorgefundenen Lesart 



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14 NITZSCn, STREITFRAGE ÜBER DIE SYNTERESIS. 

zum Grunde liegt, ist deshalb gewifs, weil sie fast alle ge- 
wisse Gedanken oder Wörter darbieten, die nur aus eben 
jener Stelle bei Hieronymus geflossen sein können, nament- 
lich den Ausdruck scintilla con scientiae. 

2. Nicht nur gewisse aprioristische Gründe, sondern na- 
mentlich der Umstand, dafs fünf in neuester Zeit verglichene 
Handschriften gegen die Echtheit der von den Scholastikern 
für richtig gehaltenen Lesart (owt$(npts) sprechen, beweist, 
dafs Hieronymus das nicht geschrieben hat, was die Scho- 
lastiker ihn schreiben lassen. 

3. Die allmähliche Entstehung der falschen Lesart aus 
der richtigen ist keineswegs unerklärlich. 

4. Die Entstehung des Terminus ovvHßrpis beruht also 
lediglich auf einer falschen Lesart, und derselbe verdient 
teils deshalb, teils weil die Bezeichnung des betreffenden an- 
geblichen Moments des Wesens des Gewissens durch den 
Ausdruck „Erhaltung" wunderlich wäre und durch den 
Sprachgebrauch der griechischen Profanskribenten und Kirchen- 
väter nicht substantiiert werden kann, von den Erörterungen 
der Lehre vom Gewissen und überhaupt von der Psycho- 
logie, soweit es sich nicht blofa um geschichtliche No- 
tizen handelt, hinfort ferngehalten zu werden. 



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David von Augsburg. 

Eine Studie 
von 

Stadtpfarrer Dr. Ed. Lempp 

in Neek»reulm (WOrttemberf). 



I. 

Sohriften. 

Da wir von dem Leben Davids von Augsburg nur über- 
aus dürftige Notizen haben, so kann nur eine Untersuchung 
seiner Schriften dem fast leeren Klang seines Namens einen 
Inhalt geben; zugleich aber wird eine solche Untersuchung 
auch sehr erschwert durch die Mangelhaftigkeit des Bildes, 
das wir uns von der Person und dem Charakter ihres Ver- 
fassers machen können. 

Gedruckt sind bis jetzt von angeblichen Werken Davids 
folgende: 

l) lateinische Schriften. 

a) Beati fratris David de Augusta, Ordinis Minorum, 
pia et devota opuscula. Augsburg 1596 *. Dieses 
Bändchen enthält aufser einer Epistola Fr. David 
folgende drei Schriften: 



1) Nach F. A. Veith, Bibliotheca Augustana (Augsburg 1793) 
X, 108 giebt es auch weitere Ausgaben Köln 1622 und Konstanz 1727; 
überdies finden sich diese opuscula abgedruckt in der Bibl. max. vet 
patrum (Köln 1618), T.XIII, p. 412 sqq. und (Lyon) T.XXV, p. 867 sqq. 
Eine Übersetzung lieferte nach Veith a. a. 0. Michael Schmidmer 
von Augsburg unter dem Titel: Novizenspiegel, 1. Teil (Augsburg 1596). 



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16 



LEMPP, 



1) Formula Novitiorum, 1. Teil: de exterioris ho- 
minis rcformatione (= F. E.). 

2) Formula Novitiorum, 2. Teil: de interioris ho- 
minis reformatione (= F. I.). 

3) De septem processibus religiosi (= VII Proc). 
b) Tractatus fratris David de inquisitione hereticorum 

(= I. H.) von Preger herausgegeben in den Ab- 
handl. d. bist. Kl. der K B. Akad. d. Wissen- 
schaften (München 1879), Bd. XIV, 2, S. 181 ff. 
2) deutsche Schriften. 

a) in den deutschen Mystikern des 14. Jahrhunderts 
(Leipzig 1845), Bd. I, S. 309 ff. hat Fr. Pfeiffer 
als Traktate Davids veröffentlicht: 

1) Die sieben Vorregeln der Tugend (= 7 Vor.). 

2) Der Spiegel der Tugend (= Sp.). 

3) Christi Leben unser Vorbild. 

4) Die vier Fittige geistlicher Betrachtung. 

5) Von der Anschauung Gottes. 

G) Von der Erkenntnis der Wahrheit. 

7) Von der unergründlichen Fülle Gottes. 

8) Betrachtungen und Gebete. 

b) In Haupts Zeitschrift f. deutsches Altertum (Leipzig 
1853), Bd. IX, S. lff. ist von Pfeiffer die Ergän- 
zung zu dem Traktat „Christi Leben unser Vor- 
bild" (oben Nr. 3) herausgegeben und mit dem 
Titel: „Von der Offenbarung und Erlösung des 
Menschengeschlechtes" versehen worden. 

Vergleichen wir nun damit, was wir an Notizen über 
Davids Werke haben, freilich sämtlich aus verhältnis- 
mäfsig sehr später Zeit. Da ist das erste und Sicherste, was 
uns von Davids Schriften überliefert wird, eine Sammlung 
von Predigten, Sonntags-, Festtags- und Marienfestpredigten, 
die bis jetzt nicht aufgefunden worden sind l . 



1) In den der Augsb. Ausg. von 1596 (Pia et devota op.) voran- 
gestellten Testimonia zuerst aus dem liber Confor initat um (1386): 
David Teutonicus scripsit serraones de tempore lib. unum. Item ser- 
raones de sanetis, lib. I, dieselben Predigten werden ebendort aus Gon- 



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DAVID VON AUGSBURG. 



17 



Dann kommen freilich in unsicherer Reihenfolge und 
Inhaltsangabe die für die Novizen geschriebenen Traktate 
F. E., F. I., VII Proc. *, wobei bei F. I. ein anderer Anfang 
angegeben und ein vierter Traktat erwähnt wird. 

Dann zählt der Jesuit Rader noch eine Expositio brevis 
super Regulam fratrum Minorum 8 und der Franziskaner 
Bernhard Müller einen Traktat De oratione 3 und „ Alia 
opuscula" 4 auf. Diese „anderen Werkchen" könnten etwa 
die sein, welche nach Andr. Sander im Chorherrenstifit zu 
Grünthal bei Brüssel sich fanden 5 , nämlich : de modis re- 
velationum; de generibus visionum; de speciebus tentatio- 
num; de virtutibus; de profectu religiosorum ; de affectu 
orationis; alia; sowie etwa der Traktat De perfidia religio- 



zaga (1587) und aus Trithemius (1506) belegt; ebenso zusamt mit 
Sermones in praecipuas dciparae festivitates in Bernhard Müller, 
Ordenschronik der Franziskanerprovinz Strafsburg, aus den Archiven 
der Minoriten geschöpft, s. Mone, Quellensammlung der badischen 
Landesgeschichte, Bd. III, S. 441, und endlich in Itaderius, Bavaria 
Sancta 1615 1, 154 und Kammius, Hierarch. August. II, 246. Vgl. 
Veith a. a. 0., S. 111. Von diesen Schriftstellern scheint mindestens 
Tritheim die Predigten selbst vor Augen gehabt zu haben, denn er sagt 
a. a. 0. Scripsit ... opuscula de quibus extant subjecta; vgl. 
Pfeiffer, Deutsche Mystiker I, Einl. xxxi — Vgl. P reg er, Gesch. 
d. deutschen Mystik (Leipzig 1874) I, 275. 

1) Tritheim zählt a. a. 0. auf als vor ihm liegende Werke Da- 
vids: Ad novitios. De compositione hominis cxtcrioris, lib. I. Profectus 
religiosi VII. De compositione hominis interiori3, lib. I. Collationes 
tneas quae. Bernhard Müller: Duo opuscula pro tyronibus religioais 
educandis perquam idonea. Librum de compositione hominis interni, 
incipit: Collationes mcas. Librum de compositione hominis ezterioris, 
incipit: Profectus religiosi; also vier Traktate I Gonzaga kennt nur 
F. £• 

2) S. Veith a.a.O. S. 111. Kader hat das aus dem Anniversar 
des Minoritenklosters in Augsburg s. Pfeiffer, Myst., p. xxx und 
Preger, J. H., S. 188. 

3) Mone a. a. 0., der Traktat beginnt nach Müller mit den Wor- 
ten: Vacate et videte. 

4) Ebenso schliefst Tritheim seine Aufzählung der Werke Da- 
vids mit „et quaedam alia". 

6) Vgl. Veith S. 111 und Pfeiffer, Deutsche Mystik 1, xxxi. 

Z«itaehr. f. K.-Q. XIX, 1. 2 



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18 



LEMPP, 



Borum, dessen Zugehörigkeit zu David freilich ganz un- 
sicher ist *. 

Ich habe noch dazu zwei Handschriften, welche 
Schriften Davids enthalten, einsehen dürfen, auf welche ich 
durch Preger 9 hingewiesen war, nämlich aus der Münchener 
Staatsbibliothek den Cod. lat. 15 312 und aus der Stuttgarter 
Bibliothek Cod. Theol. 4°, Nr. 125. Die München er 
Handschrift, die, wie die Stuttgarter, aus dem 15. Jahrhun- 
dert stammt, enthält folgende Schriften Davids a : 

1) Incipit primus liber fratris David, fol. 87 — 94 (be- 
ginnt mit den Worten: Primo Semper) = F. E. 
Explicit primus liber fratris David, fol. 94. 

2 a) Incipit prologus in secundura, fol. 94 (Collationes 
meas). 

b) Incipit secundus liber fratris David, fol. 95 — 120 
(In priori formula) = F. I. 

Explicit summa fratris David de reformatione, fol. 120. 

3) Incipit tractatus optimus de Septem profectibus reli- 
giosi fratris David, fol. 130—190 (Profectus religiosi) 
= VII Proc. 

4) Incipit quartus liber fratris David, fol. 190—195 (Si 
vis in 8piritu). 

Explicit quartus liber fratris David, fol. 195. 
4 a) Nota tres sunt species orandi, fol. 195 — 196. 
Explicit quartus liber fratris David, fol. 196. 

5) Incipit tractatus fratris David de inquisitione hereti- 
corum, fol. 210—222 = I. H. 

6) Incipit expositio regulae edita a fratre David sanctis- 
simo, fül. 266-283 = Reg. 

Diese Schriften Davids sind aber untermischt mit an- 
deren Schriften von Suso, Bernhard, Bonaventura, Anselm, 
Hugo, Augustin und ungenannten Verfassern. 



1) Veith a. a. 0. 

2) In der Einleitung zu I. H. S. 181. 203. 

3) Dafs unter diesem frater David unser David gemeint ist, vgU 
Preger a. a. 0. S. 188. 



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DAVID VON AUGSBURG. 



19 



Die Stuttgarter Handschrift enthält nur Schriften von 
David und zwar folgende 1 : 

1) Incipit summa fratris David ordinis Minorum de re- 
formatione Spiritus (Collationes meas) = F. I. 
Explicit summa fratris David de reformatione spiritus. 

2) Incipit Uber tercius fr. David ordinis minorum (Pro- 
fectus religiosi) = VII Proc. 

3) Si vis in spiritu = dem in der Münchener Hand- 
schrift unter 4 angeführten Traktate. 

Explicit Über quartus fratris David ordinis minorum 
de profectibus religiosorum. 

4) Fides catholica est = I. H. 



Von allen diesen uns vorliegenden Schriften ist offenbar 
die Abfassung durch David bei denen für die Novizen 
am besten bezeugt, und doch, sobald man sich näher mit 
ihnen einläfst, kann alles zweifelhaft werden, die Zahl, die 
Ordnung, der Text und der Verfasser. Ein ganz sicheres 
Urteil wird wohl erst durch weitere Handschriften möglich. 
Gehen wir denn an die einzelnen Schriften, so ist 
l) F. E. unter dem Titel Formula Novitiorum, de 
compositione oder reformatione exterioris ho- 
minis durch Tritheim bezeugt Dafs sie sich in der Stutt- 
garter Handschrift nicht findet, ist insofern belanglos, als 
dort ja doch durch Bezeichnung der VII Proc. als über 
tertius fratris David eine weitere Schrift vorausgesetzt ist, 
als die F. I., welche dort allein den VII Proc. vorangeht. 
Überdies geht dem ganzen Novizenwerk ein Brief Davids 
an Bruder Berthold und alle Novizen in Regensburg voran 
und der F. E. noch ein besonderes, ebenfalls an Berthold 
gerichtetes Vorwort Davids, so dafs es scheint, dafs kein 
Zweifel möglich sei. Allein fürs erste fehlen in der Mün- 
chener Handschrift der Brief und das Vorwort Davids, und 
dann finden wir die F. E. unter Bonaventuras Werken *, 

1) Leider ist die Handschrift nicht paginiert. 

2) ed. Borde (Lyon 1668), T. VII, p. 613 sqq. unter dem Titel: 
De institutione Novitiorum, pars I. 

2* 



20 



LEMPP, 



wo sich auch alle anderen Novizentraktate finden, und dazu 
unter den Schriften Bernhards von Clairvaux K 

Vergleicht man nun die viererlei Ausgaben der F. E , 
so mufs man vor allem von der Kapiteleinteilung ganz ab- 
sehen, welche in jeder wieder anders ist, da sie offenbar 
erst später hinzugefügt wurde. Abgesehen davon ist die 
Fassung in Bernhards Werken die kürzeste und einfachste; 
hier ist der Fortschritt der Gedanken klar und deutlich. Bei 
Bonaventura sind zunächst einige kleine Änderungen im 
Text wahrzunehmen *, die nicht viel bedeuten, aber am Ende 
sind unter Weglassung des Schlufssatzes noch 10 Kapitel 
hinzugefugt, die hauptsächlich auf das Verhalten der Mönche 
aufserhalb des Klosters sich beziehen und die den Eindruck 
einer späteren Hinzufügung machen s . Das ganze schliefst 
dann mit einem epilogus. Mit der Fassung in Bonaventura 
stimmt die in der Münchener Handschrift wörtlich überein, 
nur dafs sie als Verfasser Bruder David nennt und zum 
Schlufs noch zwei Abschnitte beifügt: „de officio magistri 
noviciorum" und „qualiter novicius se praeparet ad horam" *, 
letzteres ist aber keineswegs nur eine Instruktion für das 
Verhalten beim Gottesdienst, sondern überhaupt eine kurze, 
auf das ganze äufsere Leben der Novizen sich beziehende 
Belehrung, die recht wohl für sich allein die Überschrift 
Formula Novitiorum tragen könnte. Völlig anders endlich 

1) ed. Mabülon (1719), Vol. II, p. 826sqq., unter dem Titel: 
Opusculum in haec verba: ad quid venisti? 

2) Wo 68 z. B. in Bernhard heifst: Haec est lex antiqua reli- 
gionis ab antiquis patribus tradita, heifst es in Bonaventura c. VII 
a S. Francisco et alüs sanctis tradita. In c IX über den Schlaf ist 
bei Bonaventura vor dem letzten Satz ein Abschnitt eingefügt Ober das 
Mafs der Ruhe, die dem Körper zu gönnen ist; in c. XV ist der Satz 
Bernhards: non affectes praelaturam vel officium quodcumque bei Bona- 
ventura ersetzt durch den bestimmteren: non affectes fieri praedicator 
vel confessor u. dgl. 

3) Wenn z. B. c. XXXIII vor dem Laster der jactantia gewarnt 
wird, was in c. XXV schon ausdrücklich geschehen war, ahnlich in 
dem Abschnitt vom amor cellae c. XXXIV vgl. mit c. XV. 

4) Ihre erstmalige Veröffentlichung wird zusammen mit zwei an- 
deren Stücken dieser Handschrift in einem der nächsten Hefte dieser 
Zeitschrift erfolgen. 



DAVID VON AUGSBURG. 



21 



ißt nun aber die F. E., wie sie in der Augsburger Ausgabe 
gedruckt ist ; nicht nur ist die Ordnung der Kapitel wenigstens 
in der ersten Hälfte ganz verschoben und zwar nicht ver- 
bessert sondern es ist auch ein neues Kapitel de hurailitate 
eingefugt und, was die Hauptsache ist, die ganze Schrift um 
die Hälfte vergrößert, indem fast jedem Kapitel umfangreiche 
Citate aus den Kirchenvätern beigefügt sind. 

Welches ist nun die ursprüngliche und richtigste Form 
der. F. E. und wer ist der Verfasser? Dafs sie unter den 
Werken Bernhards erscheint, bedeutet nicht viel, denn das 
ist zuerst im Jahre 1594 geschehen, und Mabillon schreibt 
sie selbst eher David von Augsburg zu. Aber die Fassung 
der Schrift machte hier eben entschieden den ursprünglichsten 
und natürlichsten Eindruck, und besonders verdächtig ist 
der Umstand, dafs die F. E. in jeder Fassung ein spezifisch 
franziskanisches Gepräge ganz vermissen läfst; ich weise 
besonders auf die Abschnitte, welche über die Armut und 
das Bleiben in Celle handeln, hin ; es ist doch schwer glaub- 
lich, dafs aus der Feder eines Minoriten aus dem ersten 
halben Jahrhundert des Ordens eine Schilderung flofs, die 
so wenig an das „haec est illa celsitudo etc." der Ordens- 
regel erinnert. Wadding ist nun der Ansicht *, Bonaventura 
sei der Verfasser aller vier Novizentraktate, wobei er sich 
besonders auf zwei alte Pergamenthandschriften im Benedik- 
tinerkloster S. Nicolaus de Arenis und im Konventualenkloster 
zu Assisi beruft, welche diese Traktate unter dem Kamen 
Bonaventuras enthalten. Er meint, David habe dann die in 
der Augsburger Ausgabe sich zeigenden Veränderungen vor- 
genommen und den Brief und das Vorwort hinzugefügt a . 
Aber es erheben sich gerade wegen der Zusätze in der 



1) Vgl. besonders die Veränderung in der Stellung der Kapitel über 
das Schlafen und Essen! 

2) Scriptores ordinis Minorum (Rom 1650), p. 77 sqq. 

3) Übrigens rechnen sowohl die Veneüanerausgabe , als Sbaralea, 
als Bonelli diese Traktate zu den libri spurii Bonaventuras, nur Bo- 
nelli halt wenigstens in Beziehung auf F. E. die Abfassung durch 
Bonaventura für möglich. Vgl. die Vorrede zur neuen Ausgabe Bona- 
venturas Quarrachi 1882. 



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22 



LEMPP, 



Augsburger Ausgabe entschiedene Bedenken: l) die Mün- 
chener Handschrift hat sie nicht, stimmt vielmehr mit der 
Fassung in Bonaventura überein, 2) die Citate selbst sind 
verdächtig; ich lege dabei weniger Gewicht darauf, dafs sich 
sonst bei David zwar viel Bibelcitate, aber wenig Citate aus 
den Kirchenvätern finden, während es hier umgekehrt ist, 
ich will auch darauf nicht zu viel Nachdruck legen, dafs 
von Franz von Assisi abgesehen von der oben angeführ- 
ten, schon in Bonaventura sich findenden Erwähnung 1 nur 
ein einziges, ganz farbloses Citat sich findet»; aber sehr 
auffallen mufs doch, dafs auf die Minoritenregel , die doch 
für einen Novizen in erster Linie mafsgebend war und über 
die David überdies eine Expositio abgefafst hat, gar nie 
Bezug genommen ist, während die Regel Benedikts in jenen 
Zusätzen fünfmal 8 und die Augustins zweimal 4 citiert ist 
Dazu kommt, dafs in der Münchener Handschrift Brief und 
Vorwort Davids sich gar nicht finden und dafs in zwei wei- 
teren Augsburger Handschriften der Brief Davids ebenso 
vermifst wird und vom Vorwort wenigstens der Kopf, in 
welchem Davids Name genannt wird & . 

Nach alledem wird die ganze F. £., wie Bie gedruckt 
vorliegt, David abzusprechen sein. David hätte dann ent- 
weder die F. E , die schon vorher in vielen Klöstern bekannt 
und mit verschiedenen Zusätzen erweitert war, nur mit einem 
Vorwort versehen, oder bestände etwa Davids Formula Novi- 
tiorum de exterioris hominis compositione nur in dem An- 
hang der Münchener Handschrift •: qualiter novitius se prae- 
paret ad horam. Doch bleibt das nur Vermutung. 

2) Nicht so verwickelt stehen die Dinge bei F. I. Die 
Formula interioris hominis, in Bonaventuras Schriften 



1) 8. oben S. 20 Anm. 2. 

2) c. IX B. Franciseng dicit: Subditus praelatum stium non ne- 
minem considerare debet sed illum pro cujus est amore subjectus. 

8) F. E. in der Augsb. Ausg. S. 11. 17. 56. 67. 59. 

4) Ebend. 8. 2a 56. 

5) Vgl. Veith S. 110. Da beginnt die F. E. mit „Desiderasti & 
me, carissiine u . 

6) S. oben S. 20 Anua. 4. 



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DAVID VON AUGSBURG. 



23 



unter dem Titel De profectu religiosorum, Üb. I l , abgedruckt, 
von Tritheim unter dem Titel de cornpositione hominis in- 
terioris dem David zugeschrieben *, hat bei Bonaventura eine 
doppelte Vorrede, deren erste beginnt „Collationes meas", 
die andere „In priori formula". In der Augsburger Aus- 
gabe fehlt die erstere, die sich jedoch in den beiden Hand- 
schriften, der Mtinchener und Stuttgarter, wieder findet 
Beide Vorreden gehören jedoch zusammen *. Beide weisen 
auf eine vorhergehende formula de exterioris hominis cornpo- 
sitione hin. Die erste Vorrede ist wichtig; sie zeigt nicht 
nur, dafs der Verfasser diese Stoffe regelmäfsig in Ansprachen 
den Mönchen vortrug, sondern auch, dafs er den Traktat 
auf weiten Reisen geschrieben hat. 

In diesem Traktat tritt eine gröfsere Verschiedenheit der 
Lesarten nicht mehr hervor, der Inhalt ist vielmehr in den 
beiden Drucken und beiden Handschriften gleich. Dafs nun 
David wirklich der Verfasser ist, ist kaum zu bezweifeln, 
neben dem äufseren Zeugnis von Tritheim und Müller stehen 
vornehmlich innere Gründe. Einmal stimmt der Stil ganz 
mit allen sicheren Schriften Davids überein: so vor allem 
die überaus grofse Vorliebe für zahlenmäfsige Aneinander- 
reihung von Gründen oder Merkmalen, dann aber zahlreiche 
Stellen, die schon Pfeiffer 4 hervorgehoben hat und die leicht 
vermehrt werden können 6 , aus denen unzweifelhaft hervor- 

1) ed. Borde, T. VIT, p. 657sqq. 

2) S. oben 8. 17 Anm. 1. 

8) Es ist freilich nicht ganz leicht einzusehen, was einen Abschrei- 
ber Teranlafst haben kann, die eine Hälfte der Vorrede wegzulassen. 

4) Deutsche Mystiker, Einleitung S. xxxviff. 

5) Z. B. die Mittel gegen die Ungeduld in F. I. S. 152 ff. und 
7. Vorr. 8. 316 ff., ferner die Mahnung böse Worte als Wind zu achten 
F. I. S. 165 u. Sp. S. 829. Die Verwandtschaft zwischen F. I. und 
VII Proc möge z. B. erhellen aus Vergleichung von F. I. c. 12 mit 
VU Proc. c 2. Dort: Auima habet tres potentias ... rationem, volun- 
tatem et memoriam. Ratio data erat ei, ut deum cognosceret, voluntas, 
nt eum amaret, memoria, ut in eo quiesceret Hier: Potentiae animae, 
in quibug imaginem trinitatis praefert, sunt tres: ratio, voluntas, me- 
moria ... Ratio illuminatur ad cognitionem Teri, voluntas accenditur 
ad amorem boni, memoria tranquillatur ad fruendum et inhaerendum. 
vero bono . . . Summum bonum autem deus est 



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24 



LEMPP, 



geht, dafs der Verfasser von F. I. identisch ist mit dem der 
deutschen Schriften Davids und, können wir sagen, mit dem 
Verfasser des folgenden Traktats, VII Proc. 

Dafs man diesen Traktat auch Bonaventura zuschrieb, 
erklärt sich daraus, dafs man wohl von David sehr wenig 
wufste, wie ja Bonaventura eine ganze Menge von Schriften 
zugeschrieben wurden, deren Verfasser unbekannt war. 

3) Der Traktat De Septem processibus religiosi 
(VII Proc), in Bonaventuras Schriften unter dem Titel De 
profectu religio80rum, lib. II », abgedruckt, findet sich ziem- 
lich gleichlautend in beiden Drucken und beiden Hand- 
schriften und ist ebenso gut wie der vorhergehende als 
Schrift Davids bezeugt *. Hier stellen sich dieselben Beweise 
für die Echtheit wie bei F. I. ein 8 . Es will mir jedoch 
scheinen, als ob David selbst frühere von ihm selbst ver- 
fafste Traktate hier in diese gröfste Schrift hineinverwoben 
habe, wodurch die Übersichtlichkeit zum Teil erheblich ge- 
stört wird. Von dem Traktat über die sieben Vorregeln 
der Tugend ist das in der That zu beweisen 4 , aber auch 
von dem Traktat „De oratione" ist mir's sehr wahr- 
scheinlich 6 . 



1) ed. Borde, T. VII, p. 574 sqq. 

2) Freilich ist die Überschrift, die Müller diesem Traktat giebt 
(s. oben S. 17 Anm. 1), De compositione hominis exteriorls so unpassend 
wie möglich. 

8) Besonders schlagend zeigt die Verwandtschaft eine Vergleichung 
V£I Proc. c, 10 mit 7 Vorr. Da ist der ganze Inhalt der 7 Vor- 
regeln in das 10. Kapitel von VII Proc. hineinverarbeitet, bis auf die 
charakteristische Klage über die faulen Klosterknechte hinein 7 Vorr. 
S. 311, SO und VII Proc. S. 239, nur die Reihenfolge der Regeln ist 
z. T. anders. Vgl. auch die Schilderung der Demut in VII Pr. c. 17 
mit Sp. S. 332 und die von Pfeiffer a. a. 0. angeführten Parallel- 
steilen. 

4) S. die vorhergehende Anmerkung. 

5) Die über das Gebet handelnden Abschnitte in VII Proc c. 27 35 

sind teilweise sehr unklar im Zusammenhang. Da beginnt S. 346 das 
27. Kapitel: Orandi tres sunt modi, unus vocalis, dann S. 849 kommt 
der secundus modus orandi, dann drei Kapitel spater S. 372 kommt 
der tertius modus orandi, nachdem der Zusammenhang durch eine 
Erklärung des ganzen Vaterunsers und des Sechstagewerks unter- 



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DAVID VON AUGSBURG. 



25 



Dagegen mufs die Behauptung Jochams in Wetzer und 
Weltes Kirchenlexikon* III, 1413 ff., dafs VII Proc. von Al- 
bert dem Grofsen in seiner Schrift De adhaerendo deo weiter 
ausgeführt und zum Teil wörtlich aufgenommen worden sei, 
auf irgendeiner Verwechslung beruhen, da beide Schriften 
nach Stil und Inhalt in der That gar keine Verwandtschaft 
baben *. 

4) In den beiden Handschriften ist nun an die bisher 
besprochenen Traktate noch ein liber quartus angefugt 
(inc. „Si vis in spiritu"), der auch in Bonaventuras Werken 
steht unter dem Titel De institutione Novitiorum, pars II *. 
Aus Wadding 3 sieht man, dafs auch in den beiden von ihm 
eingesehenen Manuskripten dieser liber quartus, freilich zwi- 
schen F. E. und F. I. eingeschoben, sich gefunden hat 
Man kann zweifeln, wo dieser liber quartus hingehört. Die 
Reihenfolge in Bonaventuras Werken hat etwas für sich, 
wenn man etwa gruppieren würde 1) De compositione ex- 
terioris hominis a) F. E., b) liber quartus, 2) De comp, in- 
terioris hominis a) F. L, b) VII Pr. ; allein ganz pafst diese 
Ordnung doch nicht, da der liber quartus nur zum kleineren 
Teil auf den äufseren Menschen geht. Ob dieser Traktat 
von David ist? Bernhard Müller zählt ihn offenbar und 
zwar in der Reihenfolge, wie oben angeführt 4 , und die bei- 

brocben war. Nun findet sich in der Mttnchencr Handschrift als An- 
hang zum liber quartus, s. oben S. 18, 3 ff. 4 a ein kurzer Traktat Nota 
tres sunt species orandi, welcher in kurzen Worten und ganz klarem 
Gedankenfortschritt offenbar die Grundlage der Ausführung in den 
VII Proc. bildete und darum ebenfalls zum Abdruck kommen soll. Wenn 
Beruh. Müller, der einen Traktat Davids De oratione erwähnt, denselben 
mit den Worten Vacate et videte beginnen läfst, so ist das auch nicht 
unmöglich, da sich diese Worte in der That in den VII Proc. allerdings 
etwas früher, zu Anfang des c. 24, aus Ps. 46, 11 angeführt finden. 
Auch die von Sander in Giüntbal gesehenen Traktate, s. oben S. 17, 
machen den Titeln nach den Eindruck, als ob sie sämtlich in die 
VII Proc. verwoben wären. 

1) Auch hat VII Proc. ungefähr 'den vierfachen Umfang von dem 
Libellus de adhaerendo deo. 

2) ed. Borde, T. VII, p. 619sqq. 

3) Script ord. Min., p. 79. 

4) S. oben S. 17 Anm. 1. 



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26 



LEMPF, 



den Handschriften führen ihn als Traktat Davids ein; auch 
finden sich Anklänge an die deutschen Schriften x , wenn auch 
nicht so stark, dafs sie den Zweifel völlig ausschlössen; auch 
der Stil zeigt die Eigentümlichkeiten Davids vielleicht in 
etwas schwächerem Mafse. In der Stuttgarter Handschrift 
ist der Traktat noch um etwa sechs Seiten verlängert, ein 
eigentlicher Abschluß fehlt hier, wie auch in der Münchener 
Handschrift, wo dann noch ein Tractatus De oratione, wie 
oben erwähnt, dem liber quartus angehängt ist Doch ist 
nach alledem mir nicht zweifelhaft, dafs auch [dieser Über 
quartus von David verfafst ist 

5) Inbezug auf den Traktat De inquisitione hae- 
reticorum (I. H.) kann ich einfach Pregers Resultaten 
zustimmen, der nachgewiesen hat, dafs der Traktat nach 
1256 von David abgefafst worden; immerhin wäre es er- 
freulich, wenn noch bessere Beweise für die Abfassung durch 
David zu finden wären; doch ist dies nur durch Auffindung 
neuer Manuskripte möglich. 

6) Dafs David endlich eine Expositio regulae ge- 
schrieben, hat Rader aus dem alten Anniversar des Mino- 
ritenklosters in Augsburg ersehen 2 . Eine solche findet sich 
in der oben angeführten Münchener Handschrift fol. 266 
bis 283 als Werk eines sehr heiligen Bruders David, worunter 
der Schreiber jedenfalls David von Augsburg verstanden 
hat Aus der Schrift selbst sind folgende Zeitangaben zu 
gewinnen: Es sind schon einige, wenn auch wenige Mino- 
riten heilig gesprochen s ; auf die Erklärung der Ordensregel 
durch Innocenz IV. 1 246 wird Bezug genommen 4 ; dafs die 
Kustoden eine Mittelstufe zwischen Guardian und Provinzial 
waren, ist dem Verfasser ebenso wenig als dem Verfasser 
von Bonaventuras Expositio regulae mehr geläufig 5 , nun 



1) Z. B. lib. quart c. XI, vgl. mit Sp. S. 829, 21 ff. 

2) S. oben 8. 17 Anm. 2. 

3) Im Vorwort: quorum paud generaliter canonizati sunt in ec- 
clesia t reliqui rero non inferiori gloria fulgent in celo. 

4) Ib.: ... notare curayi tarn secundum declarau'onem domini 
Gregor» et Innocentii paparnm . . . 

6) c. IV. „Custodes", sub quibiw nomiuibua sunt etiam gardiani 



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DAVID TON AUGSBURG. 



27 



wnd unter General Hayrao 1240—1244 die Kustoden als 
überflüssige Beamte abgeschafft worden ', so werden wir 
also für Abschaffung unseres Traktates jedenfalls über die 
Mitte des 13. Jahrhunderts hinausgeführt, endlich wird der 
Ordo S. Ciarae ' erwähnt, eine Bezeichnung, die für den 
Ordo S. Damiani meines Wissens vor der Zeit Urbans IV. 
(1261 — 1264) nicht vorkommt; wir kämen also in das letzte 
Jahrzehnt des Lebens Davids. Anderseits hat der Verfasser 
noch mit Zeitgenossen des Ordensstifters gelebt 8 und aus 
der Art, wie das Testament des h. Franz berücksichtigt 
wird *, darf vielleicht geschlossen werden, dafs diese Ex- 
positio geschrieben wurde, ehe die Legende Bonaventuras 
alleinherrschend geworden war, in welcher ja das Testament 
völlig verschwiegen wird, ein Vorgang, der für den Stand- 



intelligendi , quia olim etitm ipsi vocabantur ministri in ordine, sed 
propter officiorum postea duritiam ex usu linguae latinae gardiani 
dicti sunt, id est custodes fratrum und am Schlufs des Kapitels : Ministri 
Autem dicuntur ratione laboris et humflitatis, custodes ratione circum- 
spectionis et sollicitudinis erga sibi commissos. 8o heifst es auch in 
Bonaventura, Exp. reg. ed. Borde, T. VII, p. 819: Nomina autem 
cuBtodum et Ministrorum etsi dirersis appropriantur, tarnen circa easdem 
personas dicunt roodum officü . . . und 8. 820: Hic autem nomine 
custodum etiam guardiani intelliguntur und nochmals auf derselben Seite. 
Vgl. dagegen die ganz bestimmte Anschauung in Jordan von Giano 
c 30. 47. 49 u. s. f. 

1) Thomas v. Eccleston in Monumenta Franciscana in Rerum 
britannicarum medii aevi scriptores ed. Brewer (London 1866), col. XII. 

2) Reg. c XI Intentio S. Francis« fuerat primitus ut dicitur de 
s<>lis hoc monasterüs intelligi ordinis 8. Ciarae. 

3) In der Einleitung der Reg. heifst es: notare curavi . . . secun- 
dum traditionem seniorum nostrorum, qui sub temporibus 8. Francisci 
sie riderunt in ordine eam servari. 

4) Ibid.: Qnod autem b. Franciscus in testamento suo prohibet 
Jossas in regulam mitti sed stneere sicut ei deus rerelavit eam yoluit 
intellegere, non est de omni expo&iüone aeeipiendum . . . sed de Alis 
glossis prohibuit quae sensum litterae per Bubtilitatem dispuUtionum a 
sua puritate dfctrahunt et ab intentione beati Francisci, immo a spiritu, 
qui eum inspiravit, sicut patet in ipsa littera , cum tU aliquod yerbum 
ibi sine pondere positum sit Der Sundpunkt des Verfassers ist, wie 
unten ausgeführt werden soll, ein mittlerer «wischen der Kommunität 
and den Spiritualen. 



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28 



LEM1T, 



punkt des Verfassers vielleicht entscheidend gewesen wäre. 
Auch so kommen wir also für die Abfassungszeit in das 
siebente Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts. Der Verfasser ist 
kein Italiener er ist Minorit in Beamtenstellung *, es war 
seine Gewohnheit, d. h. doch wohl seine Amtspflicht, Novizen 
und Laienbrüdern die Regel zu erklären s . Das alles stimmt 
so gut auf die Person Davids, dafs wir wohl unbedenklich 
den Traktat ihm zuschreiben dürfen. Da die Erklärung 
grofsenteils nicht mehr ist als eine nicht sehr wertvolle 
Paraphrase der Kegel, so ist wohl erklärlich, dafs sie bis jetzt 
nicht gedruckt wurde, doch glaubte ich, was wertvoll ist, 
veröffentlichen zu sollen 4 , da es in seiner Art auch ein 
kleiner Beitrag zur Franziskanergeschichte des 13. Jahrhun- 
derts ist und über die Stellung Davids in den grofsen Fra- 
gen seines Ordens Aufschlufs giebt 

Damit habe ich die Reihe der mir zugänglichen latei- 
nischen Schriften Davids erschöpft, und es bleibt noch übrig, 
den deutschen Schriften nachzugehen. Preger hat 
meines Erachtens richtig nachgewiesen & , dafs keines der 
fünf Stücke aus Pfeiffers Sammlung, die ich oben 6 als 
Kr. 4 — 8 bezeichnet habe, von David stammen könne, da* 
gegen glaubt er mit Pfeiffer, dafs der Traktat „ Christi Leben 
unser Vorbild " mit seiner später aufgefundenen Ergänzung 7 
von David herrühre, nur sollte er „Cur deus homo?" 
überschrieben werden, da er nur eine Übersetzung bzw. 
Nachbildung und Ausführung der unter diesem Titel be~ 
kannten Schrift Anselms von Canterbury sei. 

Ich kann diesen Urteilen nicht beistimmen Pfeiffer 



1) c. IV Schlufs: nomen vero gardiani postmodum iutroductum est 
ex idiomate romano. 

2) Denn er bat mit Provinzialen und Generalen verkehrt, 8. Ein- 

1 *A 

1C1 L vi • 

3) Einleitung Schlufs: a primo capitulo incipiam sincere sicut aliis 
laicis fratribus vel noviciis exponere consuevi. 

4) S. oben S. 20 Aum. 4. 

5) Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter I, 269 ff. 

6) S. S. 16. 

7) Pfeiffer, Deutsche Mystiker I, 341 ff. und Haupts Zeitschr. 
für das Altertum IX, 8 ff. 



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DAVID VON AUGSUL'KG. 



29 



stützt sich 1 auf die vielfache Übereinstimmung in Wort, 
Darstellung und Inhalt mit den sieben Vorregeln und dem 
Spiegel der Tugend, namentlich hebt er hervor die Innigkeit 
des Gefühls, die Milde des Urteils und der Gesinnung, den 
einfachen, klaren Vortrag und den kunst- und lichtvollen 
Perioden bau. Was nun den Stil anlangt, so kann ich eine 
Ähnlichkeit mit dem Stil der sicheren Schriften Davids 
kaum finden, namentlich fehlt ein untrügliches Zeichen des 
davidischen Stils, die mit Zahlen aufgezählten Gründe und 
Merkmale, fast ganz. Das liefse sich nun freilich erklären, 
wenn die Schrift, wie Preger meint, nichts anderes als eine 
Ubersetzung und Nachbildung der Anselmschen Schrift wäre. 
Allein auch dieses Urteil scheint mir zum mindesten über- 
trieben. Dafs freilich der Verfasser Anselms Schrift kennt 
und benützt, ist keine Frage. Aber nicht nur ist die Form 
der anbetenden Betrachtung hier eine ganz andere als bei 
dem Scholastiker Anselm, sondern es sind grofse Abschnitte * 
ganz ohne Anklang an Anselm und selbständige Stücke. 
Aber gerade auch in diesen Stücken kann ich weder im 
Stil noch im Inhalt eine Verwandtschaft mit David merken 8 . 
Die Ähnlichkeit ist nirgends so wie z. B. zwischen den bei- 
den sicheren deutschen und den lateinischen Schriften, ja 
auch da, wo man eine nähere Verwandtschaft erwarten 
möchte, findet sie sich nicht 4 ; auch fehlt hier jede eigent- 
liche Mystik. Ich glaube darum diese Schrift David ab- 
sprechen zu müssen 5 . 

Anders steht's nun mit den zwei andern köstlichen deut- 
schen Traktaten den „sieben Vorregeln der Tugend" 



1) Haupts Zeitschr. a. a. 0. S. 2. 

2) Z. B. der Abschnitt, der von Maria handelt, Haupt a. a. 0. 
S. 32—37, und der grofse Abschnitt, der das ganze Leben Christi be- 
spricht, ebd. S. 43—55. 

3) Die von Pfeiffer citierteu Stellen beweisen nichts. 

4) Man vgl. z. B. wie im Spiegel der Tugend Christus uns zum 
Vorbild gestellt wird mit der Art in der vorliegenden Schrift 

5) Auch hat sich nirgend eine Handschrift gefunden, in der in der 
Überschrift dieser Traktat als ein Werk Davids bezeichnet wäre. 
Pfeiffer, Mystiker, Einleitung xxxm u. xxxv. 



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30 



LEMPP, 



(7 Vorr.) und dem „Spiegel der Tugend" (Sp.). Hier 
ist die Identität des Verfassers mit dem der echten latei- 
nischen Schriften durch Stil und Inhalt gleich sicher zu be- 
weisen 1 und auch wenigstens für sieben Vorregeln durch 
die Überschrift zweier Handschriften bezeugt Wir dürfen 
darum unbedenklich David als Verfasser ansehen. 

Das Resultat dieser Untersuchung ist also folgendes: 

1) Sicher von David verfafste Schriften sind: 

Epistola fratris David am Kopf der Novizentraktate. 
Formula interioris hominis (F. L). 
De septem processibus religiosi (VH Proc.). 
Liber quartus. 

De inquisitione haereticorum (I. H.). 
Expositio regulae (Reg ). 
Die sieben Vorregeln der Tugend (7 Vorr.). 
Der Spiegel der Tugend (Sp.). 

2) Unsicher: 

Formula exterioris hominis (F. E.). 
De officio magistri novitiorum. 
Qualiter novitius se praeparet ad horam. 
Nota tres sunt species orandL 

3) Unecht: 

Die vier Fittiche geistlicher Betrachtung. 
Von der Anschauung Gottes. 
Von der Erkenntnis der Wahrheit 
Von der unergründlichen Fülle Qottes. 
Betrachtungen und Gebete. 
Christi Leben unser Vorbild. 



1) Vgl. Pfeiffer, Mystiker I, xxxviff. und die oben S. 23 Anm/6 
und S. 24 Anm. 3 citierten Stellen, die man leicht vermehren kann; 
z. B. 7 Vorr. 817, 8ff. mit F. I. 3. 153; das dreifache Gebet 7 Vorr! 
324, 39 ff. mit dem Traktate De oratione, bzw. den entsprechenden Ab- 
schnitten der VII Proc In Sp., der auch für Ordensleute geschrieben 
ist (vgL 326, 86 ff., 327, 15), vgl. die Stelle über das Unwert -werden 
der Kranken 328, 10 mit den ahnlichen Stellen der Expositio regulae 
c. VI. 



DAVID VON AUGSBURG. 



31 



II. 

Leben und Charakterbild. 

Da die Legende über David von Augsburg bis jetzt 
noch nicht aufgefunden worden ist *, so können wir uns von 
dem Leben Davids nur ein sehr undeutliches Bild machen. 
Geboren ist er ohne Zweifel in Augsburg Ä ; über seine 
Eltern und sein Geburtsjahr wissen wir nichts, ebenso wenig 
über die Beweggründe, die ihn in den Minoritenorden trie- 
ben. In Regensburg, wo schon seit 1226 eine Niederlassung 
der Franziskaner bestand, wurde er Novizenmeister, und 
unter seinen Schülern war der berühmte Berthold von Re- 
gensburg 3 , mit dem ihn auch später innige Freundschaft 
verband. Im Jahr 1243 hat Bischof Sibot in Augsburg den 
Franziskanern ein Klostergebäude eingeräumt 4 , da ist wohl 
David damals schon in seine Vaterstadt gesandt worden * 
und begleitete auch dort das Amt eines Novizenmeisters 
offenbar bis in das letzte Jahrzehnt seines Lebens hinein • 

Noch vor 1250 T schrieh er für Berthold und die No- 
vizen in Regensburg 8 den ersten Novizentraktat De ex- 
terioris hominis compositione ö , dessen ursprüngliche Gestalt 

1) Vgl. die Aussage Raders in Pfeiffer, Myst. I, xxx. 

2) Denn es ist stehender Sprachgebrauch in der ersten Franzis- 
kaner generation, die Brüder nach ihrem Geburtsort zu nennen. 

3) F. E. Vorwort: Dilecto in Christo fratri Bertholdo . . . De&i- 
dera8ti a me frater cbarissime, ut aliquid scriberem tibi ad aedificatio- 
nem, ex quo absens sum a te, sicut aliquando praesens tibi ore dicere 
solebam, quando ad tempus novitiatus tui magister eram tibi deputatus. 

4) Pfeiffer a. a. 0. S. xxix. 

5) Vgl. P reger, Gesch. d. d. Myst I, 274 u. Pfeiffer S. xxx. 

6) Vgl. oben 8. 28 Anm. 3. 

7) Um 1250 zieht Berthold schon predigend in der Nahe von Augs- 
burg umher. Pfeiffer S. xxvn. 

8) In der Epistola von F. E. heifst es: Dilectis in Christo Jesu 
fratribu8 Bertholdo et omnibus noviciis et novis Ratisponae morantibus 
frater David . . . 

9) So nennt David selbst in der Vorrede zu F. I. den ersten 
Traktat: In priori formula Novitiorum quam quibusdam novitiis nostris 
scripsi de exterioris hominis compositione. 



32 



LEMPP, 



wir freilich nicht mehr sicher kennen \ Doch bald mufs 
er daneben einen weiteren Wirkungskreis gefunden haben 
als Prediger und Begleiter seines Schülers Berthold 2 , und 
diese Wirksamkeit hat ihn jedenfalls zeitweise auf weite 
Reisen geführt. Doch fand er auf diesen Reisen trotz aller 
Zerstreuung noch Mufse genug, seinen zweiten Novizen- 
traktat De interioris hominis compositione abzufassen, 
wenn er auch die Zeit und die Sammlung dazu mühsam 
erringen mufste 5 . Vielleicht war diese Predigtthätigkeit 
auch Veranlassung für ihn, in die traurige Arbeit eines In- 
quisitors einzutreten, der er jedenfalls wiederholt und längere 
Zeit mit Eifer und Erfolg obgelegen ist 4 , so dafs er sich 
getrieben fühlte, seine Erfahrungen als Inquisitor in einem 
Traktat De inquisitione haereticorum, nach 1256 geschrieben, 
niederzulegen. Noch später, im letzten Jahrzehnt seines 
Lebens wagte er sich auf ein für damalige Zeit noch heik- 
leres Gebiet, indem er eine Erklärung der Minoritenregel 
veröffentlichte , wie er sie als Novizenlehrer in den stillen 
Klosterräumen oft genug hatte geben müssen. Die Ab- 
fassungszeit seiner übrigen Schriften läfst sich auch nicht 
annähernd bestimmen. Gestorben ist er im November 1271 
oder 1272 ä . 

Der Grundzug des Charakters unseres David 
scheint mir eine gewisse klare, nüchterne Verständigkeit, die 
allem Exzentrischen und Unwahren abhold ist, alles Grübeln 
über Dinge, die man nicht wissen kann, verwirft und auch 



1) S. oben S. 19—22. 

2) Preger S. 276; Pfeiffer S. xxvi. 

3) In der Vorrede „Collationes meas 4i Bonaventura a.a.O. S. 567: 
Et quia non potui in otio et quiete ista colligere, sed vagando per di- 
versas terras, vix vel raro propter multas occupationes habui Oppor- 
tunitäten! scribendi modicum, ideo multa non ibi posui ut volui, quia 
distractus animus ad plura, non valet subito se ad unum plene colli- 
gere, qui etiam cum aliquantuluni se coeperit congregare, statim cogitur 
ad illa foras egredl 

4) I. H. p. 228: Sicut ipse vidi et audivi per plurimos dies, 
p. 231 : omnes istas interrogationes et responsiones audivi etiam ab istis. 
p. 232: In Uli anxietate aliquotiens vidi abquos confiteri errores suos. 

5) Preger a. a. 0. S. 275. 



DAVID VON AUGSBURG. 



33 



über die Beschwerden des Daseins gerne mit verständiger 
Reflexion, glaubendem Gottvertrauen und Gebet hinüberhilft 
Aus solchem Charakter pflegen freilich keine Heiligen zu 
erwachsen, aber tüchtige, brauchbare Männer in jedem Stand ; 
und zu solchen mufs David gewifs gerechnet werden. 

Betrachten wir ihn zunächst als Franziskaner. Da 
ist auffallend, wie wenig man von dem Feuer, das kurz 
zuvor den Heiligen von Assisi entflammt hatte und von dem 
man noch bei dem gleichzeitigen Jordan von Giano einen 
so lebhaften Wiederschein wahrnimmt, mehr zu spüren be- 
kommt. Freilich das Bild des Ordensstifters selbst, des 
Bräutigams der Armut, des Troubadours der alles dahin- 
gehenden Liebe, ist für David schon völlig verblafst und 
versteinert zur herkömmlichen Schablone eines gewöhnlichen 
Kirchenheiligen *. Noch auffallender ist, wie sehr die Armut 
hier in der Wertschätzung zurücktritt. Wenn man die 
Schriften Davids in dieser Hinsicht durchliest, da merkt man 
nichts von überschwenglicher Verherrlichung der seltenen 
Tugend der freiwilligen und völligen Armut, vielmehr wird 
von ihr in so allgemeinen Ausdrücken geredet, wie es jeder 
andere Mönch auch thun konnte und für das Betteln wer- 



1) Wenn man von der Reg. absieht, so finden sich aufser den 
oben S. 22 Anm. 2 und S. 20 Anm. 2 angeführten nur folgende zwei 
Erwähnungen des h. Franz in sämtlichen Schriften Davids: VII Pr. 
c. 19, p. 310: Sic de sanetissimo patre nostro Francisco legimus et 
primis ejus soeüs, qui non solum ea quae beatus pater eis verbo ex- 
pressit, prompte aditnplebant, sed etiam si aliquo indicio beneplacitum 
ejus poteraut, conjicere, studiosissime perfecerunt, sicut ab ipso didi- 
cerant saneto patre. VII Pr. c. 20, p. Sil: Contemptus divitiarum dup- 
plex est, cum vel liberaliter effunduntur in pauperes . . . aut cum 
penitus respuuntur divitiae, sicut saneti fecerunt, in mendicitate et in- 
opia rerum viventes ut sanetus pater Franciscus et sanetus Dominicus 
et alii Christi sectatores, evangelicae perfectionis aemulatores, juxta 
illud: Si vis perfectus esse, vade et vende omnia etc. Aber wenn man 
auch Reg. dazu nimmt (vgl. bes. in der Einleitung), erhält man doch 
den Eindruck, dafs David von dem wahren Bild und den ursprüng- 
lichen Ideeen Franzens, wovon Jordan von Giano 1262 noch eine so 
gute Erinnerung hatte, kaum eine Ahnung hatte. 

2) Ct F. I. c. 65, p. I62sqq.; VII Pr. c. 20, p. 310sqq.; 7 Vorr. 
S. 314. Natürlich ist hier von der Reg. abgesehen. 

Z.iUchr. t K.-0. XIX. 1. 3 

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34 



LEMPP, 



den Vorschriften gegeben, welche zeigen, wie man nur 
darauf bedacht sein mufate, dafs die Bettelmönche nicht 
den Leuten durch unersättliches Fordern gar zu lästig 
werden *. Ja David spricht geradezu aus, dafs die Armut 
nicht der besondere Ruhm des Ordens sei, sondern das Ge- 
bet 2 , das er nicht nachdrücklich genug empfehlen und dessen 
Verdienst er nicht hoch genug rühmen kann 3 . 

Von Interesse ist die Stellung, die David zu den grofsen 
Zeit- und Streitfragen in seinem Orden einnahm. Es be- 
standen bekanntlich damals zwei grofse Parteien, deren eine 
hauptsächlich auf das Testament des verstorbenen Ordens- 
gründers, die andere auf die päpstlichen Erklärungen und 
Privilegien sich berief. Für David waren durch die päpst- 
lichen Erklärungen nicht ohne weiteres alle Skrupel abge- 
schnitten 4 ; es machte ihm etwas aus zu wissen, dafs die 

1) VII Pr. c. 21, p. 323: Minus sumus aliis graves ad recipieodum 
nos ad mensam videntcs quam modicis content! simus, quia quo plura 
ab hominibus petitnus, co minus aliis mendicis dandum relinquimus» 
Et hoc est quoddam genus rapinae, quod a paucis advertitur, cum ali- 
quis ultra necessitatem veram mendicat, unde alter magis indigens pa- 
titur detrimcntum, quia postea superveniens non invenit, quid iste prae- 
veniens praeripuit. 

2) VII Pr. c. 33, p. 385: Austeram vitam corporalis exercitationis 
quasi ad modicum utilera despicimus, ardua pietatis opera actualiter 
non habemus, sicut olira sancti, qui pro fratribus animas posuerunt et 
similia magna gesseruot. Item sublimia virtutum exercitia pauca vi- 
demus et maxime obedientiae eximiae, peifectae patientiae et humili- 
tatis praecipuae et paupcrtatis extremae. Si ergo istis caremus 
et adhuc orationis Studium postponimus, in quo gloriari de nostra reli- 
gione poterimus, nisi fürte de solo nomine et exteriori bahitu et verbis 
scripturae quae in foliis et in ore magis quam in affectu et opere 
gustamus. 

3) Vgl. namentlich in der Epistola vor F. E., wo das Gebet als 
höchste und wertvollste Spitze der vita contemplativa erscheint; dann 
7 Vorr. S. 324 f.; VII Proc. c. 27—35 u. oft. 

4) Vgl. in Kap. IX die Ausdrucksweise Davids: „Ista formula est 
regulae. Quod secundura autem declarationem domini Gregorü papae 
dicitur de instructis in theologica facultate . . ., non prosequor cum 
hoc sit de gratia sedis apostolicae speciali 4 ' mit der ganz skrupellosen 
Art, mit welcher in Bonaventuras Expositio regulae (ed. Borde T. VII, 
p. 324 sq.) der Wortsinn der Regel beiseite gesetzt und die päpstliche 
Erklärung dafür eingesetzt wird. 



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DAVID VON AUGSHUlift. 



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Meinung des h. Franz in der Frage des Betretens der 
Frauenklöster eine andere war, als die folgende Erklä- 
rung Gregors IX. », und was das Testament Franzens 
über die Glossen zur Regel sagte, beunruhigt ihn in seinem 
Gewissen *, man bekommt den Eindruck, als ob die Ent- 
wickelung der Kommunität und der Ausgang des Elias ihm 
ernste Bedenken über die Zukunft gemacht haben 8 ; jeden- 
falls bewundert er die Tapferkeit und Strenge der Spiri- 
tualen, welche von der Regel in gar nichts abweichen wollten *, 



1) C. XI: Intentio S. Francis» fuerat primitua ut dicitur de solis 
boc monasteriis intelligi ordiois S. Ciarae, sed quia in regula hoc non 
expresse dicitur secundum declarationem domini Oregorü papae gcnera- 
liter de omnibus est 8er van dum. 

2) Vgl. oben S. 27 Anra. 4. 

3) Vgl. die Kap. 4 u. 6 der Reg., sowie aus c. VIII den Satz: 
Qui (sc generalis minister) si forte recusarct officio cedere ipso eo quod 
apparet insufficiens universitati electorura jara reputetur depositus; be- 
sonders aber aus dem Uber quartus c. 2. Bonaventura S. 620: 
Tandem ad hoc ista mala libertas dilatatur et fluit quod hoc a pluribus 
vident fieri, ut quasi pro lege et pro jure ordinis descendant ... Et 
quasi qui norum ordinem et insolitum morem inducere velit, ut delitus 
et vanus irridebitur et omnibus fiet onerosus et tanquam temerarius 
judex aliorum actuum persecutiones amarissimas sustinebit. Timent 
ecim distracti et a via dei exorbitantes, ne si parcerent zelantibus pro 
justitia et religionis disciplina, multos ad partem suam traherent et ita 
paulatim ad ordinis observantiam etiam ipsi tandem cogerentur. Et 
praecavent ardentissime, ne ad hoc perveniant et sub specie singulari- 
tatis extirpandae ejiciunt a se illos et opprimunt quam desiderant reli- 
gionem ad statum debitum reformari. Quod videntes alii quibus hoc 
diaplicet aliquam bonae voluntatis Bcintillam habentes sed tarnen in- 
firmam terrentur et potius se illis Student conformare, quos fortiorem 
partem habere vident in multitudine et potentia quam cum illis tribu- 
lari . . . Haec omnia experti sumus in ordine nigro et in aliis. Nun- 
quam autem contingat nostram religionem ad statum similem pervenire. 

4) Reg. c VI: & Francisci fratres sunt qui alia regulae instituta 
secundum formam communem umolabiliter observant, sed ubi licite pos- 
sunt rigorem ejus dispensatorie sibi temperari gaudent, tarnen propter 
statum salutis cari deo et S. Francisco veraciter aestimantur. Ca- 
rlo res autem sunt qui ferventiores . . . Student ... ad primam puri- 
tatis perfectionem universaliter revocari, licet pro condescensione infir- 
morum se patienter contemperant mediocritati eorum. Carissimi vero 
sunt, qui affectu et actu vestigiis sanctissimi patris fideliter inhaerentes 

3» 

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LEMPP, 



aber er wufste, dafs die Strenge eben einfach nicht durch- 
führbar war ! , die Zeit der ersten Liebe und des ersten 
Eifers war unwiederbringlich dahin, und wenn er die ver- 
schiedenen Ansichten, die im Orden über das Eigentums- 
und Geldverbot herrschten , aufzählt *, so ist es charakte- 
ristisch, dafs er als der Vernünftige einen Mittelweg sucht 3 
unter den sich gegenüberstehenden Meinungen, der freilich 
schliefslich , wie's nicht anders möglich war, auf die laxe 
Partei führte \ obgleich er die Umgehungen der Regel nicht 
Betrug, sondern nur notwendige Umsicht genannt wissen 
wollte 5 . Allerdings werden ja die abgewiesen, welche schon 



altissiraae paupertatia limites nee pro se nee pro aliis in aliquo pa- 
tiuntur excedere atque oranis perfectionis ejus semitas ferventissime 
aemulantur. 

1) Reg. c IV: Sciendum quod olim in primis temporibus regulae 
valde strictiua ac per hoc cautius et purius hoc capitulum . . . serva- 
batur ... Sed cum modo multo latius servetur tarn ratione multitu- 
dinis ac debilium fratrura, qui rigorem primum facere non valent, quam 
ratione studii et diversorum attinentium et aedificiorum, quae plura re- 
quirunt conquirenda . . quatuor viae videntur mihi in bis tenendae. 

2) In c. IV der Reg. zu Anfang der Expositio bona: Aliquibus 
enim minus intelligentibus videtur quasi non intelligibile , dum idem vi- 
detur prohiberi et concedi et non sit aliquo modo reeipienda pecunia 
et tarnen aliquo modo necessaria procuranda. Aliis autem videtur quasi 
inobservabile et ideo periculose foveri, quod nullatenus posset observari 
ubi oportet plura per pecuniam procurari. Tertiis autem videtur esse 
quaedam delusio, profiteri se nolle reeipere pecuniam et tarnen omnia 
necessaria per pecuniam procurare. Quarti vero ita libere petunt pe- 
cuniam, reeipi faciunt, mittunt, committunt, distribuunt, ac si nulla 
prohibitione super hoc per regulam sint artati. 

3) Ibid. (S. Franciscus) innuit mediam viam quandam esse quaeren- 
dam et tenendam . . . 

4) Vgl. im c. IV|die ausführlichen und ganz detaillierten Anweisungen 
Ober die Art, alles mögliche Nötige und Wünschenswerte sich anzu- 
schaffen, ohne mit Geld in Berührung zu kommen. Charakteristisch ist, 
dafs er zu dem „für den Leib Nötigen", was nach c. V als Arbeits- 
lohn angenommen werden darf, auch Bücher rechnet. Nam et liber est 
corpori necessarius, quod visus, quo legitur corporis est sensus, et ita 
de similibus est sciendum „praeter denaria vel pecuniam" de quibus 
si offerantur pro mercede laboris illa cautela servetur ac si gratis in 
eleemosynam offerantur. 

6) Reg. c. IV: Forma autem ista non est dicenda esse delusio con- 



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DAVID VON AUGSBURG. 



ohne Zaudern Grunderwerb anstrebten *, aber die Anwei- 
sungen, wie man den Prokurator, den Nuntius, den Inter- 
nuntius belehren müsse, uro den Schein zu retten, als wolle 
man kein Geld und kein Eigentum *, sind doch jammervoll. 
Schön ist aber, wie David sich der kranken Brüder an- 
nimmt, denn soweit war es schon gekommen, dafs manche 
unter den Nachfolgern des h. Franziskus kranke Brüder füi 
das Kloster allzu lästig fanden ! 3 

Für den Minoritenorden war er besonders als N o v i z e n - 
meist er thätig. Was er in diesem Amt zu thun hatte, 
davon haben wir vielleicht aus Davids eigener Feder eine 
kurze Beschreibung 4 ; danach hatte er den Novizen die 
Regel und die Konstitutionen zu erklären, sie in den Sitten 
und Gebräuchen des Ordens und des Mönchslebens über- 
haupt zu unterrichten, wobei auch in den kleinsten und 
äufserlichsten Dingen genaue Vorschriften gegeben wurden; 
jede Woche einmal mufste er ihre Beichte hören und ein 
Kapitel mit ihnen halten; insbesondere soll darauf gesehen 
werden, dafs sie in der Bescheidenheit gehalten werden, ohne 
jedoch sie kleinmütig und verzagt zu machen. Schon aus 
früherer Zeit waren Verhaltungsmafsregeln für Novizen vor- 



scienciae seu varia confictio sed est provida irrationalis observantiae 
circumspectio, qua sie media via intendit, ut necessaria quibus tanta 
multitudo fratrum careie non potest procurentur et tarnen contra pro- 
hibitionem regulae pecunia a fratribus non reeipiatur. 

1) C. VI Reg.: Hujus observantiae puritati omnino contrarium est 
reeipere domos vel loca ubi fratres non resident mediantibus procura- 
toribus nomine ordinis sub annuo censu vel si eis distinetis areae vel 
alia pro fratribus inde procurentur . . . 

2) VgL die weitläufigen Ausführungen der Expositio bona zu c. IV 
der Reg. 

3) C. VI: Vidimus tarnen aliquando etiam inter religiosos . . . 
quosdam ita postponere curam fratrum suorum debilium et infirmorum, 
quod vix patienter eos secum in domo tollerabant propter modicas ex- 
pensas vel laborem eis ministrandi ... Et tales plerique leviter in- 
eipiunt ut pro aedificio vel alio quocumque faciendo quoslibet magnos 
sumptus consumant . . . sed pro multo minoribus sumptibus cum in- 
firmis et debilibus expensis queruntur, domum nimis esse oneratam, 
eleemosynas non sufficere, debita aecrescere . . . Vgl. Sp. S. 328, 10 ff. 

4) S. oben S. 20 und unten. 



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LEMPP, 



handen *, welche das Leben bis aufs kleinste (z. B. bis auf 
das erlaubte Mafs des Lachens) regelten, und in diesem 
Sinn hat David jedenfalls sein Amt verwaltet. Doch waren 
ihm diese äufserlichen Dinge nicht alles, nicht die Haupt- 
sache; er unterscheidet ein doppeltes Noviziat, ein äufseres, 
das mit dem vollendeten Probejahr zu Ende ist 2 , und ein 
inneres, das erst dann beendet ist, wenn der Mönch inner- 
lich ganz fest geworden ist in der Gewöhnung des guten 
Lebens s . So liegt ihm denn auch daran, mit seinen früheren 
Schülern in Verbindung zu bleiben und ihnen zu immer 
weiterem Fortschreiten, zu immer gröfserem Wachstum des 
inneren Menschen zu verhelfen 4 . 

Die Grundlage alles Guten und alles inneren Fort- 
schritts ist die fides catholica 6 . An dem Glauben zu zwei- 
feln, erscheint ihm als gefährlichste Versuchung, der zu ent- 
gehen ein Hauptmittel das ist, wenn man nicht weiter über 
diese Dinge nachdenke, sondern zu ctwa3 anderem übergehe 6 . 
In dieser Hinsicht ist überhaupt die gröfste Vorsicht nötig, 
auch die vom h. Geist Erleuchteten dürfen nur das finden, 
was mit der Kirchenlehre übereinstimmt 7 . Es ist bei diesem 
Standpunkt Davids nicht zu verwundern, dafs er keinerlei 
Verständnis für die Häretiker seiner Zeit hat. Wohl er- 
kennt er an, dafs die Schlechtigkeit der Priester 8 , sowie der 



1) Die F. E. 

2) Bezeichnend ist jedoch, dafs damals schon bei vornehmeren Per- 
sonen das Probejahr abgekürzt werden konnte. Cf. Reg. c. 11 : „ quibus- 
dam honestioribus personis pro caparone humitus professorum ex causa 
rationabili concedatur ante annum probationis completum". 

3) F. I. c. 2, S. 81. 

4) Vgl. die Epistola Fr. David vor F. E 

5) I. II. S. 189. 204. 

6) VII Proc. S. 212: Acerbissimae tarnen tentationes videntur 
haesitatio in fide Catholica et desperatio de dei misericordia . . . Contra 
tales ista raaxima valent remedia . . . Tercio quod non curentur nec 
ratiocinando eis resistatur, quia ex hoc magis confricatae inflammarentur, 
sed ad alia tractanda convertat se homo, quibus abstractus a se obli- 
viscatur passionis suae. 

7) VII Proc. S. 394 f. 

8) I. H. S. 201. 219. 



DAVID VON AUGSBURG. 



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häufig getriebene Wunderschwindel 1 mannigfach Anstois 
geben kann, allein er ist völlig in den Anschauungen seiner 
Zeit und seiner Kirche befangen. Er sieht in den Ketzern 
eben nur Wölfe und Füchse, die, soweit sie nicht völlig zur 
Rückkehr zu bringen sind, weder zu widerlegen noch mit 
geistlichen Waffen zu bekämpfen, sondern einfach zu jagen 
und auszurotten sind; und zu solcher Wolfsjagd ist jedes 
noch so schlechte Mittel erlaubt, hier ist nicht die Rede von 
Barmherzigkeit oder Wahrhaftigkeit oder dem Vorbild Christi, 
wovon sonst David so beweglich zu reden weifs, hier ist 
Mitleid nur schädliche Thorheit *, hier werden Tortur, Hunger 
und Todesdrohung 3 als berechtigte Mittel um Geständnisse 
zu erzwingen angeraten und ebenso Lüge und Verrat». 
Hier gilt eben nur unbarmherzige Ausrottung. 

In vollem Gegensatz zu dieser uns so fremden Härte 



1) VII Proc. S. 197: aliae consolationes non sunt neceasaiiae sa- 
luti et saepe etiam suspectae sunt et saepe falsae et fictae et deeepto- 
liae ut visiones, revelationes, prophetiae, sensuales oblectationes , raira- 
culorum operationes, maxiine modernis temporibus, licet quandoque 
verae reperiantur sed in paucis. 

2) I. H. S. 220 : quadain noeiva miseratiooe dimittunt eoß jam con- 
victos; S. 234: talem pro ejus Actione liberum dimittere sie esset, sicut 
qui lupum in cavea se humiliantem ex compassione in spe correctionis 
abire permitteret: immo tales postea efficiantur saepe nociriores ex 
tepore christianorum circa zelum fidei et stulta cortini compassione. 

3) I. H. S. 223. 225. 

4) I. H. S. 222: Et si haberentur aliqui qui sagaciter scirent et 
rellent eos in hujusmodi observare vel qui de licentia episcoporum se 
ipsis hereticis favorabiles et familiäres ostenderent, qui caute scirent 
loqui cum eis sine mendacio et de quibus non esset timor quod infice- 
rentnr ab eis, isti possent omnia secreta eorum perscrutari et mores et 
verba et personas ipsorum et fautores investigare et latibula et conven- 
ticula perquirere et ea per quae singuli eorum possent convinci de hae- 
resi concorditer notare et in scripto redigere et quando magistri eorum 
praesentes essent vel plures in unum convenirent cxplorare ut suo tem- 
pore baec et alia inquisitoribus haereticorum indicarent et coraprehendi 
eos facerent . . . hoc multum conferret ecclesiae ad extirpationem 
haereticae pravitatis. ldem esset si aliqui ex his qui in secta eorum 
fuerant reversi ad fidem fideliter haec omnia proderent . . . Dicitur 
enim quod lupus domesticus postea fiat utilior pro venatione aliorum 
luporum quam canis. 



40 



LEMPP, 



gegenüber den Ketzern stehen Davids sonstige praktische 
Vorschriften. Hier gilt das Lob, das Pfeiffer Davids 
edler Persönlichkeit und seinem Geist voll Demut, Sanftmut 
und Liebe gespendet hat *, auch hier aber zeigt sich beson- 
ders jene nüchterne Verständigkeit, die jedem blofsen Schein 
abhold ist und überall das Erreichbare im Auge hat. ; 

Christus ist unser Vorbild in allem, unser Schulmeister, 
wir seine Schulkinder 2 . Nun läfst sich freilich Christi Vor- 
bild nicht ganz nachahmen, sondern nur stückweise 3 , und 
so giebt es denn nicht nur den Unterschied zwischen denen, 
welche nur die Gebote, und denen, welche auch die Rat- 
schläge Christi befolgen wollen 4 , sondern auch unter den 
letzteren, den Religiösen, selbst wieder sind zu unterscheiden 
solche, die nur leichte Übungen auf sich nehmen und zu- 
frieden sind, wenn sie sich vor Todsünden hüten, solche, 
welche ein hartes Leben in körperlichen Übungen fuhren, 
aber auch innerlich hart sind, weil sie die innere Süfsigkeit 
nicht kennen, und solchen, welche die innere und äufsere 
Heiligkeit erstreben 6 . Drum gehört für den Mönch, welcher 
Christi Vorbild befolgen will, in seinem äufseren Verhalten 
in erste Linie die Tugend der Sanftmut. Das enge Zu- 
sammenwohnen von Leuten, die durch die Sorge ums täg- 
liche Brot und körperliche Arbeit wenig in Anspruch ge- 
nommen waren *, giebt besonders leicht Anlafs zu den häfs- 
lichen Gewohnheiten des Verklagens, des Verleumdens, des 
müfsigen Klatsches. Dagegen waren schon in den alten 
Ordnungen energische Vorschriften gegeben worden 7 , David 

1) Deutsche Mystiker, Einleitung XLI. 

2) Sp. 325, 26 — 326, 24. 

3) F. 1. c. 9, S. 97: . . . vita Jesu Christi et morum ejus conver- 
satis, quam nemo plene in bac vita valet imitando portare, cum ipse 
non ad mensuram aeeeperit spiritum sanetitatis et sapientiae sed omnein 
plenitudinem de qua nos omnes aeeipimus, sed particulariter , alius sie, 
alius vero sie, dum unus imitatur eum in hoc, alius autem in hoc. 

4) Vn Proc. c. 9. 
6) F. I. c 9. 

6) Das sollte ja freilich bei den Jüngern des h. Franz nicht sein, 
aber wie schnell hatten sich die Zeiten geändert! 

7) Vgl. bes. F. E. 



DAVID VON AÜGSBUHG. 



41 



giebt dazu aber treffliche und nachdrückliche Mahnungen, 
vor allem die verständige Regel, den allgemeinen Ordena- 
gewohnheiten zu folgen und durch keine Absonderlich- 
keiten das Geschwätz herauszufordern *, obwohl unter Um- 
ständen auch das Odium der Absonderlichkeit zu tragen 
ist, wie das alle Heiligen getragen haben Aber jedenfalls 
soll der Mönch nicht nur andere in Ruhe lassen und nie- 
mand etwas zuleid thun, was er selbst nicht erfahren möchte 8 , 
sondern er soll namentlich vermögen in Sanftmut auch un- 
gerechte Anklagen und Geschwätze über sich ergehen zu 
lassen 4 ; dazu hilft vor allem, wenn man überlegt, wie die 
verleumderischen Worte eigentlich nichts sind als ein Schall, 
ein Wind, das Bellen eines Hundes 6 : wer unschuldig ist, 
dem können Worte nichts anhaben. Uberhaupt wenn wir 



1) Sp. 327, 15: Volge dem gemeinen orden, swädü mit vuoge maht 
und ane grözen schaden der andacht; so bastü deste baz mer vrides 
Ton der samenunge (d. h. Konvent) und wirst deste minner vermaeret, 
ob dir got iht heimlicher genaden tuot. Ziuch din gemflete Ton allem, 
des dich niht anget 

2) Liber quartus (Bonavent S. 620) c. 3: Quod si timet de singu- 
l&ritate notari et ob hoc aliis fieri odiosus, sciat quod nullus sanctorum 
singularis gloriae factus est in coelo nisi qui inter homines positus 
studuit esse in sanctitate vitae singularis. 

3) Sp. 330, 10 ff.; 327, 18 ff. 

4) Sp. 327, 33 ff. vgl. F. E. c. 8. 9. 

5) Dieser Gedanke wird wiederholt mit fast denselben Worten von 
David ausgeführt 7 Vorr. S. 316, 20—80: Wort sint ein schal in dem 
lüfte, den der wint hinvüeret, und mugen von ir nature niht geschaden 
(der sieb selben damite niht stiebet) als wenic als ein ander schal. 
Da von lazen wir gense und aglistern (d. h. Elstern) gen uns schrien 
und hunde bellen und ahten des niht, wan ez uns anders niht ge- 
schaden mac ff. Sp. S. 329, 25 ff.: Sprichet er dir iht leides, daz wort 
ftreit der wint hin als ein andern schal Wä hat dich daz troffen? an 
houbete oder an rucke oder wä? Liber quartus c. 11 (Bonav. S. 622): 
Et cum detrabi tibi intelligis, non movearis, quia si verum est quod 
dicitur non est inconveniens hoc loqui homines quod facere ausus es. 
Si autem verum non est, non nocet tibi eorum locutio. Ut si albus 
esses et diceret quis te nigrum esse quid obesset tibi illud dicere? . . . 
Quod et si verba contumeliae tibi intulerit discere debes, ut omnia verba 
habeas pro sono transeunte, ... et sint tibi sicut avium garritus et 
latratus canum. Vgl. auch F. I. c 58, S. 167 ff. 



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LEMPP, 



den Lauschern keinen Anlafs geben, so kann ihre Feind- 
seligkeit uns keinerlei Schaden thun, wenn wir die rechte 
Sanftmut im Herzen tragen, aber wie selten ist solche Sanft- 
mut in den Klöstern! 1 

Sie ist überhaupt nur möglich, wo die Demut vor- 
handen ist, die Mutter und Wächterin der Tugenden *. Sie 
ist die rechte Waffenrüstung des Christen, weil sie Christi 
Waffe ist s . Von ihr spricht David mit grofsem Nachdruck. 
Wenn wir unser Wesen, besonders unsern Leib 4 betrachten, 
so haben wir allen Grund, demütig zu sein: „Wie mag sich 
ein Aschenhäuflein gegen den aufrichten in Hoffart, vor dem 
Himmel und Erde bebt in seiner Herrschaft? Drücke dich 
nieder, Stäublein, dafs du nicht gar zerstäubest, denn Gott 
widersteht den Hoffartigen, aber den Demütigen giebt er 
Gnade!" 5 Die Demut hinwiederum fliefst wie alle Tugen- 
den schliefslich aus der Liebe, welche alle Tugenden in 
sich begreift 6 und allem Bösen sich entgegensetzt und es 
überwindet 7 . 

Es ist hier nicht der Ort, die ganze Tugend- und Pflichten- 
lehre Davids, wie sie besonders in den Novizenwerken sehr 
breit und von verschiedenen Gesichtspunkten aus dargestellt 
ist, zu entwickeln. 

Nur auf zwei Sünden sei noch hingewiesen, die mit dem 

1) Sp. S. 330, 24 — 331, 6: Da von ist wunders nicht ob diu 
süeregkeit seltzaenc ist üf erde; wan so getaniu senfte ist in geistlicher 
menige niht gemeine bi disen ziten. 

2) VII Proc. S. 288 und Überhaupt das ganze c. 17. 18 daselbst, 
dann besonders Sp. S. 331, 7 — 334, 

3) 7 Vorr. S. 319 ff. 

4) Von ihm redet 7 Vorr. S. 320, 12 ff. sehr drastisch. Daz wir 
iezuo sin, daz ist ungaebe, ein roisthaven, der von horwe ist und auch 
mist in im behaltet, ein ursprinc alles unvlätes, der ze allen steten uz 
diuzet ein suhtbrunne; üsen ein gemältiu horlade, innen ein vüler 
schanthort u. 8. w. 

6) Ib. S. 321, 25 ff. 

6) VII Proc. (c. 13) S. 263. 

7) Daher gehört auch das schöne Wort im Uber quartus c. 13 
(Bonav. 623): Si aliquis domesticus tuus vel vicinus tibi fuerit in corde 
onerosus, illi stude magis obsequiosus esse et affabilis, cito senties re- 
roedium illius morbi. 



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DAVID VON AUGSBURG. 



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Mönchsleben zusammenhängen und ernstlich bekämpft wer- 
den ; das eine ist die fast zu ausführlich beschriebene luxuria, 
Sinnlichkeit, deren Gewalt durch die Unnatur des erzwun- 
genen Cölibats immer neue Formen der Befriedigung sucht l , 
dann die accidia {d^rfieta) d. h. der Ekel an aller geist- 
lichen Beschäftigung und Übung *, der aus dem Übermafs 
und öden Einerlei der klösterlichen Übungen wohl entstehen 
konnte. 

Mit Absicht bespreche ich die Mystik Davids an letzter 
Stelle. Denn mit ihr hat es eine eigentümliche Bewandtnis. 
Wohl ist David Mystiker, aber man hat das Gefühl, die 
Mystik ist ihm nicht recht in Fleisch und Blut übergegangen, 
sie ist etwas von ihm vielleicht erst im späteren Leben 
Hinzugelerntes; das praktische Leben steht ihm im Vorder- 
grund, die Mystik beherrscht nicht seine praktischen Lehren, 
sondern sie ist ihnen nur als Spitze hinzugegeben. Aller- 
dings wird gleich in dem einleitenden Brief seines Novizen- 
werkes gesagt, das Studium bestehe in zwei Dingen, in Tu- 
gendübung und innerer Hingebung, das eine bezieht sich 
auf das thätige, das andere auf das beschauliche Leben, das 
eine gleicht der fruchtbaren Lea, das andere der schöneren 
Rahel; das letztere besteht einerseits in Schriftforschung und 
heiligem Nachdenken, anderseits im Gebet, ohne welches 
alles andere umsonst sei. Ahnlich ist auch die Anlage der 
sieben Fortschritte im Mönchsleben, zuerst kommen sechs 
Fortschritte des aktiven Lebens, dann führt der letzte höchste 
Schritt zum kontemplativen Leben s , und da spricht sich 
David so aus, die höchste Vollkommenheit in diesem Leben 
sei, so mit Gott vereinigt zu werden, dafs die ganze Seele 
mit allen ihren Kräften ein Geist mit Gott werde, nichts 
denke, nichts fühle, nichts erkenne als Gott und dafs alle 
Gefühle in der Freude der Liebe vereinigt nur im Genufs 

1) F. I. (c. 60-62) S. 172—186; VII Proc c. 16 S. 274-281. 

2) F. I. (c. 51. 52) S. 159-159. 

3) VII Proc. c. 25 S. 343: Et quia de voluntatis profcctu supra 
tractatum est, quae consistit in ordinata dispositione affcctuum, in qua 
attenditur activae ritae perfectio, coosequenter et ad contemplativae 
vitae profectum appropinquare considerationis passibus 8tudeamus. 



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44 



LEMPP, 



des Schöpfers ruhen. Denn das Ebenbild Gottes bestehe in 
den drei Kräften Vernunft, Gedächtnis und Willen, und so 
lange diese nicht gänzlich in Gott versenkt sind, ist die 
Seele nicht gottähnlich (deiformis). Denn die Form der 
Seele ist Gott, dem sie eingedrückt werden mufs wie das 
Siegel dem Wachs *. Namentlich ist das Ziel des Gebets 
das, ganz in Gottes Antlitz begraben sein und mit ihm ver- 
einigt zu werden 2 . 

Und trotz solch unzweifelhafter Mystik glaube ich, daf* 
es ein unrichtiges Bild von David wäre, wenn man von 
Pregers, an sich richtigen Ausführungen geleitet, David aus- 
schliefslich als Mystiker ansehen würde, denn die Mystik 
war nicht die beherrschende Seite der Anschauungen, der 
Thätigkeit, des Charakters unseres David. Er war zu nüch- 
tern, um eigentlich ganz Mystiker zu sein, er kennt die 
Auswüchse der Mystik und tritt ihnen entgegen und hat 
auch ein sehr verständiges Urteil über die jubilus, ebrietas,. 
Bpiritus, liquefactio der Mystiker s . Überdies findet sich die 
Mystik eigentlich nur in zwei gröfseren Abschnitten der 
Schriften Davids 4 . Die Hauptsache Bind ihm offenbar überall 
die auf das thätige Leben sich beziehenden praktischen Rat- 
schläge. Das Wertvollste an der Mystik ist ihm das Gebet, 
durch welches die Vereinigung mit Gott erzielt wird, die 
freilich das Ziel Davids und jedes Mystikers, aber nicht nur 
jedes Mystikers ist. 

Die Bedeutung Davids kann ich nicht mit Preger 
darin erblicken, dafs er die deutsche Sprache zur Trägerin 
der Mystik gemacht hat, denn die beiden kleinen in der That 

1) VII Proc. c. 36 S. 401. 

2) VII Proc. c. 35 S. 392. Es ist nicht richtig, dafs Preger diesen 
Satz an die Spitze der Darstellung der Mystik Davids stellt und dabei 
die Beziehung zum Gebet, die hier das ganze Kapitel beherrscht, weg- 
läßt. Ähnlich heifst es c. 36 S. 402: Orationis perfectio est cum id 
obtinet anima ad quod orando tendit, ut tota ab infimis abstracta solis 
uniatur divinis nec volens nec Valens aliud sentire nisi deum. 

3) Vgl. Pregers Ausführungen a. a. 0. 8. 279 ff. 

4) In I. F. c. 9—15, wozu VII Proc. c. 25, das zum Teil wörtlich 
damit übereinstimmt, gehört, und VII Proc. c 35—41. Vgl zu letzterem 
Abschnitt, was oben S. 24 gesagt ist 



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DAVID VON AUGSIU7KG. 



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trefflichen deutschen Traktate enthalten fast gar keine Mystik 
und wie weit er in Benutzung der deutschen Sprache für 
theologische Gedanken bahnbrechend gewesen oder seine 
Zeitgenossen überragt hat, das zu beurteilen wage ich nicht. 
Mir scheint seine Bedeutung für seine Zeit in seiner Predigt- 
thätigkeit zu liegen, von der wir freilich nur ganz wenige 
Andeutungen noch haben; für uns aber liegt seine Bedeu- 
tung darin, dafs wir an der Hand seiner Schriften, wie kaum 
an andern seiner Zeit, einen Blick thun können in die stille 
Arbeit der Mönchserziehung, in das ernste Ringen nach 
äufserem und innerem Frieden, das im Kloster sich fand, in 
der Art und Weise, wie das neueintretende Geschlecht in die 
Gedankenwelt des Mönchslebens eingeführt wurde. Ver- 
bluffend ist dabei freilich zu bemerken, wie sehr der ur- 
sprünglich so tiefe Unterschied zwischen Franziskanern und 
andern Mönchen schon verwischt ist. Dafs die Jünger des 
Franziskus dafür bestimmt waren, Missionare, Friedensboten 
unter das Volk zu sein, dafs sie etwa dafür erzogen wurden, 
davon merkt man eigentlich nichts *. Dafs David für sich 
dieser Aufgabe bewufst war und ihr nachgekommen ist, das 
wissen wir ja wohl. DafB aber in seinen uns erhaltenen frir 
Novizen bestimmten Schriften so wenig davon zu spüren ist *, 
erklärt sich wohl dadurch, dafs die Predigt im Minoriten- 
orden durch die päpstlichen Erklärungen fast ganz nur den 
theologisch geschulten Kräften übertragen war. Diese wur- 
den nun gewifs in besonderen Kursen für die Thätigkeit des 
Predigens herangezogen ; die Laienbrüder aber hatten aufser- 
halb des Klosters nun nichts mehr zu thun als zu betteln, 
wofür David ja genaue Vorschriften giebt, die aber nur in 



1) Man vergleiche den Tadel, den F. I. c. 51 S. 167 über gewisse 
Mönche ausspricht: Cella ei carcer est, evagari autem tarn corpore quam 
mente extra claustrum diliget et quaerit multifaria occasione. 

2) Vgl. übrigens auch, was in der Einleitung der Reg. als Qrund 
der Gründung des Ordens durch Franz angeführt ist: Tercio ut ordo 
iste etiam aliis sit in aedificationem per praedicationis doctrinam et vi- 
vendi exemplum et orationis suffragium, ut hoc temporali funiculo, qni 
difficile rumpitur, peccatores extrahant fratres de luto faecis et ad coe- 
lestia secum ducant. 



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LEMPP, DA tD VON AUGSBURG. 



der Absiebt sich bewegen, dem Wortlaut der Regel zu ent- 
sprechen und die Mönche dem Volk nicht allzu lästig wer- 
den zu lassen. 

Freilich um Davids ganze Wirksamkeit und Bedeutung 
kennen zu lernen, die ja schon an der Bedeutung seines 
Schülers und Freundes Berthold von Regensburg gemessen 
eine gröfsere gewesen sein mufs, als die vorhandenen Schriften 
uns ahnen lassen, müTste man seine Legende und vor allem 
seine Predigten wieder auffinden. 

Wo mögen sie zu finden sein? 



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Zur Reformation in Pommern. 



Von 

Prof. Dr. Hanncke in Cöslin. 



In neuerer Zeit haben katholische Schriftsteller versucht, 
die Einführung der Reformation in unseren nordischen Ländern 
als einen Akt revolutionärer Überrumpelung hinzustellen und 
mit tendenziöser Klage auf diesen übereilten Bruch in dem 
Entwickelungsgange religiöskirchlichen Lebens hinzuweisen. 
Diese Schriften werden das Gute haben, dafs wir Protestanten 
uds mit wissenschaftlichem Eifer in jene hochwichtigen Jahr- 
zehnte des 16. Jahrhunderts vertiefen und den ganzen Werde- 
prozefs der Kirchen besser ung vor unseren Augen erneut vor- 
überziehen lassen. Man ist vielleicht gespannt darauf, in 
jener Zeit, die uns hier in Pommern die grofse Glaubens- 
änderung bringen sollte, Ereignissen und Situationen von dra- 
matisch packendem Interesse zu begegnen, und wir müssen 
uns enttäuscht sagen, dass die pommersche Reformations- 
geschichte ein unendlich nüchternes Gepräge trägt Wo ist 
da der gewaltige, elementarer Wut vergleichbare Ausbruch 
religiöser Erweckung wie zur Zeit der Kreuzzüge, als das 
Gott will es! die einzelnen völlig in die leidenschaftliche 
Extase versetzte und sie ihre bisherigen Gewöhnungen und 
Umgebungen vergessen liefe? wo ist da das wunderbar ent- 
rückte Glaubensleben der ersten christlichen Märtyrer, die 
gegen die blutigsten Verfolgungen ihren jungen Glauben ver- 
teidigen und bewahren mulsten ? wo ist endlich die gewaltige 



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48 



HANNCKK, 



dominierende Persönlichkeit des neuen Glaubenskündigers, 
um die sich alles Interesse konzentriert und zu der die 
Fäden der Bewegung gleichmäßig hinlaufen? Luther ist ja 
nie in Pommern gewesen und hat dem niederdeutschen 
Sprachidiom auch ohne Verständnis gegenübergestanden. 

Also wir müssen darauf vorbereitet sein, hier in Pommern 
sich die ganze so wichtige Kirchenbesscrung verhältnismäfsig 
ruhig und allmählich vollziehen zu sehen. Aber vielleicht 
gerade darum werden wir einen klaren durch keine leiden- 
schaftlichen Emotionen gestörten Einblick in den Ubergang 
zweier bedeutsamer Kulturepochen erhalten. 

Man fragt zunächst, wie konnte es nur kommen, dafs 
eine den inneren Menschen so packende Neuerung, der 
Glaubenswechsel, in einem ganzen Lande sich so ruhig und 
man könnte beinahe sagen in kühler Geschäftsmäfsigkeit 
vollzog. Die katholischen Schriftsteller sind gleich bereit, 
an die Unaufrichtigkeit der ganzen Bewegung oder an eigen- 
nützige Vergewaltigung einer wehrlosen Menge zu denken, 
und ihre Darstellungen gehen von dieser Voraussetzung aus. 
Aber es giebt doch noch einen andren Erklärungsgrund. 
Die alten kirchlichen Zustände waren unbedingt nicht mehr 
zu halten, und man gab gerne verloren, was man nicht mehr 
achtete und verehrte. Freilich, wenn es sich um die An- 
nahme eines ganz neuen Glaubens gehandelt hätte, etwa des 
Islam oder des Buddhismus, wo man auch den wesentlichsten 
Kern des Christentums verfluchen und sich zur offenbaren 
Abgötterei wenden mufste, wäre ein solcher äufserer Gleich- 
mut ebenso empörend wie unbegreiflich gewesen. Aber man 
behielt ja dieselbe Religion und reinigte sie nur von groben 
Irrtümern, die man längst geahnt hatte und die dem Volke 
nun von berufener Seite als solche dargethan wurden. Das 
Gefühl der Einheit der Kirche blieb in der grofsen Menge 
noch lange lebendig, und erst, als alle Vermittelungen und 
Reforrabestrebungen an dem Starrsinn der hierarchischen Kirche 
gescheitert waren, als man sich inzwischen völlig in die ein- 
fachen und zum Herzen sprechenden Formen der neuevan- 
gelischen Kirchengestaltung eingelebt hatte, nahm man ohne 
Widerstreben die endgültig entschiedene Thatsache hin, dafs 



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'/A li REFORMATION IN POMMERN. 



49 



Papismus und Protestantismus verschiedene Kirchen und Be- 
kenntnisse seien. 

Das Grundgebrechen der katholischen Kirche um die 
Wende des 16. Jahrhunderts war, dafs alles auf Aufserlich- 
keiten hinauslief und dafs ein verwilderter Klerus habgierig 
aus den reinsten und idealsten Gefühlsregungen materiellen 
Nutzen herauszuschlagen suchte. Um den kirchlichen Festen 
den nötigen Zulauf zu sichern, wurde in unsinnigster Weise 
den Besuchern ein auf Wochen ausgedehnter Ablafs gewährt, 
und damit die zu erschrecklicher Zahl herangewachsenen 
Meispriester Einnahmen bekämen , — hatte doch Danzig 
an seiner Marienkirche 128 Weltpriester — wurden die 
Memorien und frommen Stiftungen den Leuten förmlich ab- 
geprefst. Der Klerus wucherte dann mit dem Gelde, und 
die säumigen Zahler wurden in den Kirchen exkommuni- 
ziert Dazu kam die Sittenlosigkeit der Mönche und Priester. 
Man sah mit Hafs und Verachtung auf diese privilegierten 
Müfsiggänger. In Pommern rechnete man nach, dafs man 
unter den Klerikern 20000 hätte zum Kriegsdienst aus- 
beben können. 

In Deutschland wurde endlich der Protest laut gegen 
die verwahrloste und verweltlichte Kirche. Und gerade in 
Deutschland machte sich dieses Bedürfnis vor allem geltend. 
Denn während bei den übrigen europäischen Kulturnationen, 
Frankreich, England und selbst Spanien — in Italien kamen 
nationale Empfindlichkeiten ins Spiel, und man sah in dem 
Papsttum den Repräsentanten der Einheit der Nation — , 
selbständigere Staatskirchen entstanden waren, blieb Deutsch- 
land der päpstlichen Tyrannei schutzlos ausgeliefert, und hier 
konnte die Brutalität der hochmütigen Bevormundung und 
schamloser Habgier am ungestörtesten ihr Wesen treiben. 
Da erhob der Mönch Luther aus deutscher Wahrhaftigkeit 
und deutschem Mitgefühl heraus seinen flammenden Protest, 
und wie zündete er allenthalben. Unter den Mönchen und 
dem niederen Klerus wurde es bald empfunden, dafs man 
ein in sich elendes, un wahrhaftes Leben geführt hatte, 
die Sendlinge des neuen evangelischen Geistes durchzogen 
als Martinisten die Lande und führten ihre staunenden und 

ZeiUchr. f. K.-0. XIX. 1. 4 



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50 



HANNCKE, 



empfänglichen Zuhörer zurück zur Einfachheit und Reinheit 
der urchristlichen Lehre. Bald müssen die Nuntien entsetzt 
nach Rom berichten, es gäbe schon mehr Klöster als Mönche, 
und selbst in Osterreich wäre aut 30 Meilen fast kein 
Priester und Mönch anzutreffen. — Natürlich tauchen auch 
in Pommern diese Martinisten zahlreich auf, und ihre nieder- 
deutschen Namen muten uns ganz fremdartig an, wie Pan- 
koken, Ketelhodt, Soetekok und Kniepstro. 

Sehen wir uns nun um, in welcher Art die pommersche 
Bevölkerung zusammengesetzt war, der das neue Evangelium 
entgegengebracht werden sollte. Die grofse Klasse der Bauern 
spielte keine Rolle. Sie schien, wie man sagte, zum Sklaven 
oder Lasttier geboren und seufzte stumpf und unselbständig 
unter dem Joche der Hörigkeit. Es blieben also die städti- 
sche Einwohnermasse, der Adel und die Fürsten. Vom 
Klerus, der natürlich im Mittelalter sich sehr geltend zu 
machen verstand, wollen wir füglich absehen, da wir schon 
oben angedeutet haben, dafs hier die neue Lehre eine über- 
raschend schnell wachsende Anhängerschaft sich verschaffte. 

Vorzugsweise in den Städten fand, wie das in der Natur 
der Sache liegt, die Kirchenbesserung ihren empfänglichsten 
Boden. Aber nur allmählich entwickelten sich die neuen 
Verhältnisse. Kniepstro, der in Frankfurt a. O. sich als An- 
hänger der neuen kritischen Richtung entpuppt hatte, wurde 
noch schnell nach Pommern (Pyritz) geschickt, weil man 
ihn da, „wo noch das dickste Papsttum herrschte", für 
weniger schädlich hielt. Dann aber übernahm Stralsund, 
die mächtigste Stadt des „Landes am Meere" die Führung 
auch in der neuen kirchlich-religiösen Bewegung. Die Finanz- 
not war hier wie oft die Mutter der Reformen. Als man 1522 
die Geistlichkeit besteuerte, kam das Rad ins Rollen, und 
schon 1526 veröffentlicht Stralsund seine neue evangelische 
Kirchenordnung, die auf der Forderung auferbaut war „Gottes 
Wort lauter, rein und klar zu predigen". Diese Formel 
wurde nachher das Schiboleth der neuen Bewegung. Selbst 
da, wo man mit den alten Einrichtungen noch nicht ganz 
brechen wollte, z. B. im Stifte Camin ward dies Gebot 
doch immer als selbstverständlich hinzugesetzt — lauter und 



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ZUR REFORMATION IN POMMERN. 



51 



klar das Wort Gottes zu predigen, wie es in den nieder- 
deutschen Urkunden hei Ts t 

Di e pommerschen Städte öffneten nun in unterschiedener 
Zeit- und Reihenfolge dem Siegeszuge der neuen Kirchen- 
ordnung ihre Thore und Herzen. Längere Zeit sträubte 
sich Greifswald, das trug ihm die poetische Verherrlichung 
vonseiten der Altgläubigen ein: grypeswold du bist eren riek. 
Meist stellte sich das Verhältnis so heraus, dafs der Rat und 
die älteren Patrizier der Neuerung abhold waren,"und ein typi- 
sches Beispiel von der Gruppierung der städtischen Bürger- 
masse liefert uns der Chronist Cosmus v. Simmern in seiner Er- 
zählung eines Cösliner Vorganges *. Hier, in der stiftischen 
Stadt, hatte endlich 1531/2 die neue Lehre ebenfalls Eingang 
gefunden, aber es gab noch Bürger, die den alten katho- 
lischen Satzungen treu blieben und die evangelischen Prediger 
verspotteten. Am Marktplatze wohnte der Barbier Döring, 
der während des evangelischen Gottesdienstes Branntwein 
verzapfte und damit ein öffentliches Ärgernis gab. Der 
lutherische Prediger berichtet empört über diese Entweihung 
in seiner Kanzelpredigt, und Döring, der gewifs seinen An- 
hang hatte, geht frech während des nächsten Gottesdienstes 
in die Kirche und trinkt aus einem Branntweinglase dem 
Prediger auf der Kanzel zu, verübt auch sonst Mutwillen. 
Der Mann wäre heute, in unseren ruhigen Zeiten mit em- 
pfindlicher Gefängnisstrafe belegt worden, damals wo man 
einerseits nichts mehr als den „upror" fürchtete und das 
Volk immer gleich zur Lynchjustiz griff, verlief die Sache 
ernster. Ein protestantischer Bürger geht während der Pre- 
digt — also die Störung schien bald beseitigt zu sein — 
heim, schreibt vier Zettel und klebt sie an die Kirchenthüren 
an. Er bittet, damit allen aufrührerischen Bewegungen gleich 
von vornherein wirksam begegnet würde, dafs die Bürgerschaft 
nach der Mahlzeit in die Kirche zur Beratschlagung zu- 

1) Sollte hier aber nicht eine Beziehung auf die bekannteu Nttrn-, 
berger Reichstagsbeschlüsse von 1523 u. 1624 vorliegen? 

Anmerkung der Redaktion. 

2) Simmern erzählt den bekannten Vorgang wesentlich neu und 
ausführlicher. 

4* 



52 



HANNCKE, 



sammen kommen möge. Und so wird am Nachmittage das 
Gotteshaus der Schauplatz sehr erregter Scenen. Der ge- 
lehrt witzige Chronist meldet: Herr Omnis strömt haufen- 
weise zusammen, man citiert den schuldigen Barbier vor das 
Volksgericht, und dieser weifs nichts zu seiner Verteidigung 
hervorzubringen. Und nun bekommt der weitere Verlauf 
der Sache sein typisch-interessantes Gepräge. Bürgermeister 
und Rat der Stadt Cöslin sind im Kloster zu einer zufälligen 
Verhandlung mit dem Stiftskanzler versammelt, und die er- 
regte Menge in der Kirche schickt zwei bis dreimal Botschaft, 
der Rat möge ihr den Missethäter zur Aburteilung überliefern. 
Der Rat, der wohl größtenteils noch papistisch gesinnt war 
und dem Bischof — das war der Landesherr — „hofieren" 
wollte, fühlt sich jedoch zu ohnmächtig zum energischen 
Handeln, und seine ganze Weisheit ist, wie es in der Quelle 
heifst, dafs er „laviert". Hier hat man nun ein rechtes Zeit- 
bild aus jenen Jahrzehnten der reformatorischen Bewegung- 
Der ängstliche, ohnmächtige Rat mit dem unentschlossenen 
Bürgermeister Ruback an der Spitze, in der offenen Kirche 
den ganzen Sommernachmittag hindurch eine erhitzte Menge 
— man erinnere sich, dafs anderswo Bilderstürmereien und 
Beraubungen des Kirchenschatzes unterliefen — ; nun kommen 
zum Unglück noch zwei junge Ratsherren hinzu, die durch die 
Kirche ihren Weg nehmen wollten. Die Ratsherren, Moritz 
Nufs und Otto Pumlow, sind, wie die jüngere Generation 
überhaupt, lutherisch gesinnt, schüren ihrerseits und schreien 
ad Baccum. Und so wird der Unglückselige vor das Colberger 
Thor gestofsen und dort gesackt und ersäuft. Als der Rat 
später den angeschwemmten Körper beerdigen wollte, hatten 
bereits die Hunde den Leichnam gänzlich zerfleischt und auf- 
gefressen. 

Wie stellten sich denn nun dem immer mehr um sich 
greifenden Abfall Papst und Kurie in Rom gegenüber? 
Wenn ein spanisches Sprichwort besagt, es giebta nichts 
Seltneres, als schönen April und einen guten Bischof, so 
konnte die anzügliche Wahrheit dieser Behauptung erst 
recht Anwendung finden auf den damaligen obersten Bischof 
der Kirche , den Papst in Rom. Clemens VH. , der 



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ZUR REFORMATION IN POMMEKN. 



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bis 1534 auf dem Stuhle Petri safs, zeigte sich dem An- 
stürme in keiner Weise gewachsen. Es ist unfafsbar, mit 
welcher Leichtfertigkeit und wie verständnislos man seine 
Mafsregeln traf. Zunächst glaubte man wohl genug gethan 
zu haben, wenn man in Rom verbot, „die lutherische Sekte" 
auch nur zu nennen. Dann suchte man durch allerlei äufser- 
liche Mittelchen der Bewegung Herr zu werden, indem man 
in echt welscher Weise einflufsreichen Männern Gnadenbezeu- 
gungen und Pfründen zuschanzte, um ihren Eifer im Kampte 
nutzbar zu machen. Den tiefen, heiligen Ernst der Bewe- 
gung, die innere Gebundenheit, den Einsatz der ganzen Per- 
sönlichkeit bei den Evangelischen verkannte man in Rom 
ganz und gar. Der der alten Kirche so wohlgesinnte König 
Ferdinand und die Nuntien in Deutschland, die besser auf 
die Zeichen der Zeit zu achten vermochten, bestürmten den 
Papst, ein Konzil zusamraenzuberufen, damit die offenbarsten 
Schäden der Kirche abgestellt würden, damit man sähe, die 
alte Kirche wolle von innen heraus Wandel schaffen und 
den neuen Bedürfnissen einer geläuterten Religionsauffassung 
Rechnung tragen. Deutsche Bischöfe befürworten aus voll- 
ster Uberzeugung Zugeständnisse an die mit heiligem Sturmes- 
wehen entfachte kirchliche Bewegung; unerläfslich wären 
zwei Einführungen, nämlich das Abendmahl unter beiderlei 
Gestalt und die Priesterehe. Nun, und der Papst ? Er will 
von keinem Konzile wissen, da das die Einnahmen und das 
Ansehen des Papsttums schmälern könnte; er verachtet alle 
ernste Arbeit auf kirchlichem Gebiete und wendet sich lieber 
den Lockungen der Grofspolitik zu. In perfidester Weise 
intriguiert er mit Frankreich gegen die Interessen des ihm 
so ehrlich begegnenden Habsburg, wie das die württember- 
gischen Händel beweisen. (Cadan 1534.) 

Eine solche Haltung des Papstes und der Kurie mufste 
natürlich ihre Wirkung üben auf die Fürsten und Bischöfe 
Deutschlands, die sich eben gar keiner vernünftigen Unter- 
stützung vonseiten Roms versehen konnten, und am 7. April 
1535 meldet der päpstliche Nuntius Vergerio, dafs auch 
Pommern zum Luthertum abgefallen sei. Es hatten also in- 
zwischen die pommerschen Fürsten offen Stellung in den 



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HANNCKE, 



kirchlichen Wirren genommen. Aufser dem Bischof v. Camin 
gab es damals zwei Landesherren in Pommern, die Herzöge 
von P. Stettin und P. Wolgast, die Nachkommen Bogislaws 
des Grofsen, der ungeteilt das ganze Pommernland beherrscht 
hatte. Die pommerschen Herzöge waren mit ihren Einnahmen 
übel daran. Sie besafsen keine Silberbergwerke und waren 
wesentlich auf die Zölle angewiesen, ihr ganzer Hof halt machte 
gegenüber den reicheren Städten oft einen etwas kümmer- 
lichen Eindruck, und es war ja bekannt, dafs auch Hofleute 
sich an dem verrufenen Gewerbe, den Kaufleuten in Wald 
und Heide aufzulauern und sie niederzuwerfen, beteiligt 
hatten. Als nun beim Anbruch der neuen Zeit die Mönche 
aus den Klöstern wegliefen, erschienen den Fürsten die reichen 
Klostergüter als ein begehrenswerter Besitz, und schon der 
sonst dem alten Glauben treubleibende Bogislaw hatte zuge- 
griffen und Beibuk als fürstliches Eigentum eingezogen. 
Barnim und Philipp, die in ihrem Herzen dem Luthertum 
zugethan waren, konnten es unmöglich übersehen, dafs die 
Neugestaltung der pommerschen Kirche nach den reforma- 
torischen Grundsätzen ihrer ganzen fürstlichen Stellung 
einen erheblichen Zuwachs an Einnahmen und Ansehen brin- 
gen würde, und sie fafsten die Evangelisierung des Landes 
ernstlich ins Auge. Die mittelalterliche Geistlichkeit mit 
ihrer Exemtion von den landesüblichen Gerichten, mit ihrem 
stolzen Besitz, war, man kann nur sagen, ein Staat im Staate, 
und wenn die neuzeitliche Fürstenautorität Boden gewinnen 
sollte, so mufste die Beseitigung dieses grofsen Hemmnisses 
voraufgehen. Schon bei den Reformationen der Städte hatte 
Bugenhagen die trefflichsten Dienste gethan. Er als „alter 
Pommer und Speckesser", wie ihn König Christian von Däne- 
mark scherzhaft nannte, der die Bedürfnisse des Landes kannte 
und vor allen Dingen seine Sprache verstand, — hatte er 
doch 1524 sofort das Luthersche hochdeutsche Neue Testament 
ins Niederdeutsche übertragen, — wurde jetzt wieder herbei- 
gerufen, um unter fürstlicher Autorität an die Evangelisierung 
des ganzen Pommernlandes die letzte Hand anzulegen. So 
wird im Dezember 1534 der Landtag zu Treptow abgehalten, 
den man gemeinhin als entscheidend für die Einfuhrung der 



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ZUR REFORMATION IN POMMERN. 



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Reformation in Pommern bezeichnet. Bugenhagen geht sofort 
daran, eine evangelische Kirchenordnung Pommerns auszuar- 
beiten, die Feldklöster werden von den Fürsten eingezogen, 
nur in betreff des Klosters Hiddensee erhebt sich noch ein ärger- 
licher Streit zwischen Pommerns und Dänemarks Fürsten, 
welche letzteren sich in dem ehemaligen Sprengel des Bischofs 
von Roeskild ebenfalls nach einer Beute umsahen. Man fand 
überhaupt den Eifer, sich der Kirchengüter zu bemächtigen, 
vielfach anstöfsig, und selbst Bugenhagen äufserte später ein- 
mal im Unmute, er wolle nicht der „Küchenmeister" der 
pommerschen Herzöge sein. Er spielte also darauf an, dafs 
das ehemalige Kircheneigentum zu Tafelgütern der Fürsten 
umgewandelt war. — Die katholischen Schriftsteller greifen 
mit Begierde diese Thatsachen heraus, um die ganze refor- 
matorische Bewegung als einen Akt der Habgier und selbst- 
süchtigsten Eigennutzes hinzustellen. Gewifs sind in diesen 
Fragen der äufserlichen Umwandlung Menschlichkeiten unter- 
laufen, und vor allen Dingen waren zunächst die Gehalts- 
verhältnisse der lutherischen Prediger und das Armenwesen 
kümmerlich genug bestellt, aber bald entsannen sich Fürsten 
und Städte inbetreff der eingezogenen Güter ihrer Pflicht, 
die Gründung höherer Schulen und die Stiftung der Hospi- 
täler in den Städten legen davon Zeugnis ab. Und wenn 
man den Evangelischen Vorwürfe machen will, so raüfste 
man doch billigerweise die Mafsnahmen und den Zustand 
des damaligen Katholicismus vergleichend daneben halten. 
Vieles uns weniger Sympathische gehört zum Charakter des 
ganzen Zeitalters, und so wirkt es denn auch besonders be- 
fremdlich, dafs die katholischen Kritiker unserer Reformations- 
bewegung den derben Ton der Polemik bei den Evangeli- 
schen bemängeln wollen — Luther z. B. spricht von Dreck- 
bischöfen, und Bugen hagen eiferte, dafs, wenn man in den 
Kirchen ein Papstbild haben wolle, so solle man einen Teufel 
mit Angesicht und Klauen und mit den päpstlichen Insignien 
angethan hinmalen — ; gewifs sind solche Ausdrücke stark, 
aber machten es etwa die Papisten besser?! 

Einen unerwarteten Widerstand fand die Evangelisierung 
des Landes bei dem Adel und den ritterschaftlichen Ständen. 



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HANNCKE, 



Wenn die Fürsten die Klöster einzogen, so verlor der Adel 
die Anwartschaft der Versorgung für seinen armen Nach- 
wuchs, und die materiellen Interessen trieben hier den Adels- 
stand meist in das Lager der Opposition. Es ist wohl zu 
beachten, dafs die adeligen Herren von dem Landtage zu 
Treptow wegritten, ehe das Einigungswerk zustande gekom- 
men war, und dafs also mit dem einmütigen Beschlufs der 
Protestantisierung es zunächst etwas problematisch aussah. 
Einen grofsen Einflufs auf die oppositionelle Haltung übte 
es auch aus, dafs Brandenburg, dem in verschiedener Be- 
ziehung eine Art übergeordneter Stellung eingeräumt war, 
erst 1539 sich bereit finden liefe, die Reformation einzuführen. 
So fühlte man bei seinen Protesten sich einigermafsen den 
Rücken gestärkt. Selbst !die Städte machten nachher bei 
den Visitationen Schwierigkeiten. Sie hatten sich eigen- 
mächtig in den Besitz der Kirchengüter und des Kirchen- 
silbers gesetzt, und als sie nun für die Pfarrerbesoldungen 
und den Unterhalt der Kirchen Verpflichtungen eingehen 
sollten, kam es zu allerlei Weiterungen. 

Eine der vornehmsten Rollen in der Reformationsge- 
schichte Pommerns zu spielen war natürlich der oberste 
Kleriker des Landes berufen, der Bischof in Camin. Seit 
1521 war dieser geistliche Oberhirte Pommerns Erasmus von 
Manteuffel; da er erst 1544 starb, so ist es zumeist seine 
Regierungszeit gewesen, die erfüllt war von den anhebenden 
Religionsstreitigkeiten und Verhandlungen behufs der beab- 
sichtigten Reformen. Mit seiner gewaltigen Leibesgröfse erregte 
er das Wohlgefallen des ebenfalls hünenhaften Bogislav X., 
der ihn zu seinem Hofrat ernannte, und nach alter Vorliebe 
der Caminer Bischöfe war auch er der Jagd leidenschaftlich 
ergeben *. Gewife waren seine ganze männliche Erschei- 
nung und sein schlagfertiger Verstand dazu angethan, ihm un- 
ter seinen Zeitgenossen eine besondere Beachtung zuzuwenden 



1) Eine Hauptrolle bei den Jagden spielt Schlofs Gülzow. In sei- 
nem Vergleich mit Wolfgang v. Eberstein bedingt sich Manteuffel aus, 
so viel Holz aus dem Walde von Quarkenburg zu holen, als zur Feue- 
rung in Gülzow nötig wäre (1524, Montag nach Neujahr). 



ZUU REFORMATION IN POMMERN. 



57 



— wie vorteilhaft stach z. B. seine reife Persönlichkeit ab 
von dem knabenhaften Nachbarbischof Magnus, der als 
7 jähriger mecklenburgischer Prinz 1516 auf den Bischofs- 
sitz in Schwerin berufen war — , aber die heutigen katho- 
lischen Schriftsteller thun des Guten zu viel, wenn sie nun 
in diesem Man teuffei einen der charaktervollsten Märtyrer 
der damals unterliegenden katholischen Kirche feiern und 
verehren wollen *. 

Wir müssen hier gleich von vornherein einen Punkt 
in seiner Charakteristik berühren. Berckmann scheint näm- 
lich mit seinem Urteil, dafs der Bischof Goldgier und Geiz 
gezeigt habe, nicht ganz im Unrecht gewesen zu sein, denn 
wenn katholischerseits mit Hinweis auf die angebliche Aufse- 
rung Manteuffels, seine Reichtümer steckten in den Meng- 
löchern von Cörlin und Gülzow, behauptet wird, der Bischof sei 
ganz arm gestorben, so widersprechen dem die Thatsachen. 
Gleich nach des Bischofs Tode nahmen die Kapitularen ein 
Inventar auf über die hinterlassenen Barschaften, Pferde, 
Kleinodien und Kleider und sahen sich zunächst genötigt, 
den bischöflichen Bedienten, die schon an 15 — 18 Jahre im 
Dienste gewesen waren und keine Vergütigung erhalten 
hatten, den rückständigen Sold auszuzahlen, damit sie desto 
besser das Schlofs Cörlin, die bischöfliche Residenz, in acht 
nähmen. Aufserdem stellt Herzog Barnim an die Erben des 
Bischofs Montags nach Ostern 1544 eine Obligation über 
entliehene 8000 rth. aus. Man sieht also, arm ist Manteuffel 
nicht gewesen, und Zähigkeit im Gcldausgeben scheint er 
auch besessen zu haben. — Es bleibt noch übrig, über die 
vorgefundenen Kleinodien ein paar Worte zu sagen. Der 
Bischof Suave, der auf Manteuffel folgte, liefs sich während 
der kurzen Zeit seiner Regierung 6 silberne Becher anfer- 
tigen, und man geht wohl nicht fehl, wenn man in diesen 
Thatsachen die Anlange eines Kunstsinnes und einer Kunst- 
pflege in Hinterpommern annehmen will. Späterhin hatte 
ja der Kolberger Cosmus von Simmern sogar Beine „Kunst- 



1) Vgl. des Verfassers Bemerkungen in der „Hist Zeitschrift u t 
N. F., XLU, 3021 

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HAKNCKE, 



kamraer". Übrigens hielt sich Bischof von Weyher um die 
Mitte des 16. Jahrh. sogar „Musikanten", die zum Gottes- 
dienste und zu seiner persönlichen Ergötzung ihre Weisen 
ertönen liefsen l . 

Der Beginn der Manteuffelschen Episkopalregierung liefs 
die Religionsneuerungen noch wenig hervortreten, desto mehr 
machten ihm die Räubereien der adeligen Herren zu schaffen. 
Es war damals in dieser Beziehung vielfach eine böse Zeit, 
und der Übermut, der dem Kurfürsten von Brandenburg so 
keck in den bekannten Versen: Joachimke, Joachimke hüte 
di . . ., begegnete, ist auch in Pommern bei den Edelleuten 
gewaltig zu spüren. Die eigenen Namensvettern des Bischofs, 
die Man teuffei von Poppelow, trieben es am ärgsten, uud 
der alte Räuber Gert von Manteuffcl hatte Beine Söhne gut 
angelernt, wenn er sie vom Sterbebette auf Raub austrieb 
mit den Worten: uth, uth, gy dröraers, wat stach gy hie, 
erwarwet gy wat as ik dan hebbe! Poppelow das Raub- 
nest wurde bestürmt und in Asche gelegt, die Familie nahm 
ein klägliches Ende *. — Später machte dem Bischof viel 

1) Nach den Urkunden in der handschriftlichen Geschichte des 
Bistums Camin von Wachse (gest. 1773). Dem Bischof Weiher (gest 
1556) stiftet sein Bruder einen prächtigen Sarg und eine Tumba. Die 
Einkünfte des Bistums hatte Bischof Sttave um 4000 Gulden vermehrt, 
dagegen klagte Weyher sehr über die Einnahmen (äufserst interessante 
Spezifikation aus dem Jahre 1551: Zoll in Köslin, Erträge der Ämter 
etc.) und starb verschuldet. — Das Schlofs Cörlin hat als bischöfliche 
Residenz in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine grofse Rolle 
gespielt Vgl. die Abbildung bei Merian, jetzt ist es vom Erdboden 
verschwunden. Hof halt des Bischofs, noch Weyher ritt mit 200 Pfer- 
den in Kolberg ein. In der Michaeliskirche Carith und Weyher be- 
graben (auch inbetreff Manteuffels wurde es behauptet). Die Kolberger 
wachten eifersüchtig darüber, dafs der Bischof keinen Fremden als Vogt 
in das Schlofs einsetzte. 

2) Der alte Chronist Cosmus v. Simmern, der über diese Räubereien 
der Adeligen ausführlich berichtet, setzt zum Schlüsse diese eigentüm- 
liche Eintschuldigung hinzu: es sollen aber hierüber, weil noch viele 
aus den gedachten adeligen Geschlechtern vorhanden, ihnen auf meine 
Person, dafs ich dieses anhero aus alten Monumenten und Urkunden 
gesetzet, nicht etwa in einem argen vermerken. Denn kein Korn so 
rein, man findet Drespe drunten, sondern lassen es ihnen vielmehr ein 
Exempel sein, damit sie gedenken, dafs nobilitas nicht sei velamen ini- 



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ZUR REFORMATION IN POMMERN. 



Verdrufs sein Stiftskanzler, eine Persönlichkeit, deren Le- 
benslauf recht typische Züge aufweist für den Geist des 
damaligen Zeitalters. 

Otto Döring, eines Stadtdieners Sohn, war Pfarrherr in 
Pasewalk geworden. Sein Kapellan Jochem Jagow hatte er- 
fahren, dafs ein Bauer sein Korn an einem Sonntage einge- 
fahren hatte, und that den Unglückseligen in den Bann. 
Der Bauer starb als Verfluchter, die Seinigen begruben ihn 
aber auf geweihtem Kirchacker. Da liefs Döring den Leich- 
nam ausgraben und aufserhalb des Kirchhofs einscharren. 
Der Junker des Dorfes Werner v. Rave war über diese 
Unduldsamkeit empört, lauerte dem Pfarrherrn auf, r und in 
kläglichem Aufzuge führte er ihn in die Gefangenschaft. 
Hier mufste Döring „sein Brot unter dem Tische sammeln 
und mit lustigen Schwänken seinem Herrn die Zeit ver- 
kürzen". Später entkam der Pfarrer, und der Zwist wurde 
endlich beigelegt. Manteuffel lernte dann den schlagfertigen 
und kecken Priester kennen und machte ihn zu seinem 
Stiftskanzler. Döring mochte wohl ahnen, dafs sein Kanzler- 
amt einst mit Schimpf und Schrecken enden könnte, und liefs 
in vorsorglicher Weise darum nicht gleich seine Priesterstelle 
in Demmin fahren, sondern verwaltete sie durch einen Vice- 
pleban. Und seine Befürchtungen sollten sich bewahrheiten. 
Er hatte im Jahre 1529 den Auftrag erhalten, die Reichs- 
standgelder im Stifte einzusammeln, veruntreute dieselben 
und spiegelte dann dem Bischöfe und Herzoge vor, er habe 
die Steuern bereits abgesendet. Der Betrug trat bald zu 
tage, und nur, weil der reiche Stettiner Bürgermeister Hans 
Loitz das veruntreute Geld ersetzte *, und der Bischof Gnade 

quitatis, sondern ornamentum virtutum und wer dawidcrhandelt, dafs er, 
wenn auch der menschlichen doch der göttlichen Strafe keineswegs ent- 
gehe. — Die Familie Manteuffel war damals sehr ausgebreitet, in den 
stiftiachen Verhandlungen dieses Zeitraums erscheinen noch ein Marcus 
and ein Lorenz Manteuffel. Bei der Instituierung Erasmus Manteuffels 
hielt Kleist eine begeisterte Oration über den Ruhm des Geschlechts. 
Die Mutter des Bischofs entstammte dem Geschlechte der Borck. Im 
Jahre 1523 hatte Erasmus seinen Neffen Tönnies von Glasenapp als 
Schreiber neben sich. 

1) Die Loitzen waren damals, ahnlich den Fuggers, die Bankiers 



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60 



HANNCKE, 



für Recht ergehen liefs, wurde es Döring ermöglicht, nach 
Rom zu gehen und über seine bisherige Aufführung Gras 
wachsen zu lassen. Später ist er noch nach Pasewalk zu- 
rückgekehrt und hat häfsliche Unruhen dort hervorgerufen, 
bis er 1541 in der Gefangenschaft im Kloster elendiglich 
verstarb. 

Vom Jahre 1530 ab schlugen die Wellen der Religions- 
neuerungen auch in das Stift hinüber. Es half wenig, dafs 
die Altgläubigen die Pest des englischen Schweifses 1529 al» 
eine göttliche Strafe für den Geist der Auflehnung und 
Zweifelsucht hinzustellen suchten, von Lübeck aus hielt, durch 
den hanseatisch-politischen Einflufs unterstützt, die neue evan- 
gelische Predigt ihren Siegeseinzug auch in die stiftischen 
Städte, also zunächst in Colberg und Cöslin. Der Bischof 
Man teuffei konnte sich unmöglich dem allgemeinen Eindruck 
verschliefsen ; hiefs es doch, unter tausend Personen im Reich 
sei nicht eine frei von lutherischen Meinungen, und in Stolpe 
war es ein Stammesvetter (Manteuffel) gewesen, der schon 
1524 die Reformation begünstigte und in dessen Hause Suave 
das Evangelium predigte. Wenigstens hielt noch bis 1537 
der Bischof die Reformation von seiner Stiftsstadt Cörlin ab, 
im übrigen aber mied er alle Schroffheit und trug der 
mittlerweile eingetretenen Wandlung möglichst Rechnung l . 
Es ist ein verhängnisvoller Irrtum der neueren katholischen 
Schriftsteller, dem Bischof für diesen Zeitraum die Rolle eines 
altgläubigen Märtyrers zuzuweisen, der bis zum letzten Atem- 
zuge eifrig für seine Kirche ficht In Wahrheit nahm der 
Bischof eine vermittelnde und versöhnliche Stellung der neuen 
Bewegung gegenüber ein, und wenn er hartnäckiger oppo- 
nierte, so wurde ihm die Nötigung durch die stiftischen 
Stände in sehr energischer Weise aufgedrungen. Bezeichnend 



Pommerns. Noch im Jahre 1555 bestimmt Bischof Weyher, dafs durch 
sie die Abfindungssumme für Suave in Raten bezahlt werden solle. 

1) 1534 vermittelt Manteuffel einen Vergleich zwischen Domprälaten 
und Magistrat in Colberg wegen Abgabe eines Teils der geistlichen 
Benefizien an Prediger und Schulbediente. Riem. Colb. 310. 1539 wird 
der Vertrag wiederholt. Ausführliche Angabe über denselben bei 
Wachse a. a. 0.: Bischof Suave 1546. 



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ZCK KEFOKMATION IN POMMERN. 



61 



dafür ist der Colberger Land tagsabschied (Dienstag nach 
Laetare 1535) l . Als selbstverständlich gilt den stiftischen 
Ständen, dafs im ganzen Bistum die „'lere des Evangelii 
lutter klar ane Upror" gepredigt wurde, also die evangeli- 
sche Gestaltung des Gottesdienstes fand an sich keinen Wider- 
spruch; dagegen wird der Bischof verwarnt, dafs er dem 
Kaiser und römischen Reiche verwandt sei, von dort seine 
Privilegien habe und also nicht einwilligen solle, die Trep- 
tower Beschlüsse wegen der anderweitigen Verfassung des 
Stifts gutzuheifsen. Das war also der Kern der Sache. Die 
Stände, und allen voran Colberg, fürchteten für ihre Selbstän- 
digkeit und wollten von einer Verschmelzung mit den Herzog- 
tümern um des gemeinsamen Glaubens willen nichts wissen. 

Wenn die Opposition des Bischofs gegen die Herzöge 
vielfache Berührungspunkte aufwies mit der Unzufriedenheit, 
die der Adel über die Neuerungen an den Tag legte, nament- 
lich in der Frage der Einziehung der Klostergüter, so ist eine 
spätere Streitfrage zwischen Fürsten und Bischof doch von 
ganz eigenartigem Interesse. In den vierziger Jahren hören 
wir von ernsthaften Versuchen, dafs Bischof und Stift sich 
reichsunmittelbar machen wollen. Es war das eben ein Aus- 
flufs ihres Selbständigkeitsgefuhls, mit einer Rückkehr zum 
katholischen Glauben hatte das nichts zu thun. Da diese 
Verhandlungen und Streitigkeiten in den Geschichtswerken 
bisher nur sehr kurze Erwähnung gefunden haben, so will 
ich an der Hand neu erschlossener Quellen * sie hier aus- 
führlicher berichten. 



1) Bei Wachse a.a.O. im Originaltext mitgeteilt, auch Riemann 
hatte in Plate eine Abschrift gefunden und eingesehen. 

2) Ich habe die Akten und Urkunden nach den Auszügen bei 
Wachse a. a. 0. benutzt. Übrigens sind hier auch die Originalakten 
vorhanden, und sie befanden sich unter den Archivalien, die ich 1883 
auf dem Boden des Cosliner Rathauses entdeckte (s. Balt. Studien XXXV, 
S. 388 ff.). Die aufgefundenen Skripturen sind später an das Staats- 
archiv in Stettin abgegeben. Von dort habe ich im Oktober vorigen 
Jahres das betreffende Aktenkonvolut zur nochmaligen Durchsicht hier 
nach Cöslin erhalten. Es führt die Bezeichnung: zu Dep. 313. Akten 
des Bistums Camin bis 1549. In demselben Caminer Zusammenkunft 
S. 271 ff. Herzog Philipps Äusserung S. 294. Zusammenkunft in Stettin 



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62 



HAtfNCKE, 



In Betracht kommen die Jahre 1541 — 1543. Der Bischof 
und die Stiftsstände bedachten wohl, dafs die pommerschen 
Herzöge durch ihren Anschlufs an den Schmalkaldischen 
Bund es mit Kaiser Karl V. gründlich verdorben hatten, und 
rechneten für ihre politischen Pläne auf das weitgehendste 
Entgegenkommen von seiten des Kaisers. Hatte doch der- 
selbe den Bischof, als wäre er ein Reichsfürst, zu den Reichs- 
tagen eingeladen Schon im Jahre 1541 waren die Geister 
aufeinander geplatzt. In Carain fand eine Zusammenkunft 
statt zwischen den Herzögen Barnim und Philipp, dem Bischof, 
den Deputierten des Adels, den Colbergern, Bürgermeister 
Ulrich Damitz und Hans Puttkamer, und den Cöslinern, 
Bürgermeister Grave und zwei Ratsherren, darunter Nufs. 
Der Kanzler Herzog Barnims, der spätere Bischof Bartho- 
lomaeus Suave, führte die Sache der Herzöge und wies da- 
rauf hin, dafs diese wohl merkten, Erasmus Manteuffel wolle 
sich für einen Reichsfürsten halten. Dadurch würde aber 
eine Trennung des Bistums von ihren Ländern herbeige- 
führt, und im Falle, dafs der Bischof stürbe, könnte der 
römische König einen Fremden ins Fürstentum setzen. Das 
sei widersinnig, die Herzöge seien des Bistums Patronen und 
umschlössen wie mit einem Ringe das Stift Die Herzöge 
hätten für ihre Lande eine „ Ordonantie " gemacht und 
wünschten, dafs derselben auch im Bistume nachgelebt würde. 
Der Bischof und die stiftischen Stände baten sich zunächst 
einen Tag Frist aus und erklärten dann, dafs dem Stifte es 
nie in den Sinn kommen wolle, sich zu trennen. Aber die 
Ordonantie hätte sehr harte und schwere Artikel, und sie 
könnten nicht für diesmal darauf antworten; sie erbäten 
sich übrigens eine Abschrift derselben. Der Kanzler ant- 
wortete sehr nachdrücklich, dafs schon früher Ähnliches ge- 
beten worden sei, die Herzöge aber wollten aus besonderer 
Gnade eine Frist zur Beantwortung bis auf Quasimodogeniti 
1542 gewähren, wo sie dann ihre Entschliefsung hier eben- 

1542 S. 292 ff. Die Verhandlungen des Jahres 1543 S. 329 ff. Die 
Äufserung über den Bischof, er handle saumig etc S. 372. 

1) Vgl. die Äufserung Philipps 6. April 1542 bei Spahn, Berliner 
Doktordissertation 1896, S. 28. 



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ZUR KKFOHMATION IN POMMKUX. 



63 



falls in Camin kund thun sollten. Es wurde auch" den Prä- 
laten aufgetragen, die weggenommenen Kleinodien und Privi- 
legien zurück an Ort und Stelle zu bringen. Dies verspra- 
chen die Caminschen Kapitulare und entschuldigten ihre 
Handlungsweise mit Hinweis auf die bösen Zeiten, wo so 
viele Diebesbanden und Mordbrenner im Lande wären. 

Die eigentliche Seele der fürstlichen Opposition gegen die 
stiftischen Sondergelüste war Herzog Philipp. Er war noch 
jung (26 Jahre alt), hatte sich mit einer Prinzessin aus dem 
Kurhause Sachsen, der Schwester Johann Friedrichs des 
Grofsmütigen vermählt — Luther traute damals selbst das 
Paar — , und er äufserte energisch, wie später dem Bischof 
hinterbracht wurde: ehr er dath Bistumb euer geuen und 
faren lathen, wolde er land und Lude und alles wath ehr 
in der Jopen hedde daran tosetthen und strecken ! . 

Man hatte schon aus den Caminer Verhandlungen ersehen, 
dafs Bischof und Stände wiederholt Ausflüchte gebrauchten, 
wenn sie klipp und klar ihre Entschliefsung kundgeben soll- 
ten. Auch im Jahre 1542 schrieb der Bischof dreimal ab 

1) Nach den ausführlichen Auszügen aus den Akten, die Wachse 
a. a. 0. giebt, fanden 1644 gleich nach dem Tode des Bischofs weit- 
läufige Korrespondenzen zwischen den Stiftsständen und den Herzögen 
statt, aus denen auch über die früheren Jahre, als Erasmus noch lebte, 
manche Aufklärung gegeben wird. Die „Reichsanlagen, so das Stift 
tragen müfste" ergehen vom Kaiser an den Bischof. 1542 wird dem 
Bischof vom Kaiser anbefohlen, das dem Stifte zufallende Kontingent 
Kriegsvolk zu stellen (9 Mann zu Pferde und 42 Fufsknechte, der 
Reiter zu 12 Gulden und der Fufsknecht zu 4 gerechnet). Der Bischof 
hatte damals „sein Volk", wie es die Herzoge ihm geboten, zu dem 
herzoglichen Kontingente stofsen lassen, hatte auch den Herzogen, als 
die Truppen aus Ungarn wiederkamen, 800 Gulden Yorschufsgelder 
bezahlt. Darüber entstanden Mißverständnisse und kaiserliche Straf- 
befehle. — Noch im Jahre 1654 sandte der Kaiser an den Bischof 
(Weyher) den Befehl, sich auf dem Reichstage einzustellen. Inzwischen 
war aber zwischen Bischof und Herzögen eine Einigung erfolgt, die na- 
mentlich in den herzoglichen Einladungsschreiben an den Bischof und 
seine Titulatur ihren Ausdruck finden sollte. In den Schreiben sollte 
es also beißen: wir (die Herzöge) bitten und gnädiglich begehren — t 
und die Titulatur sei nicht blofs: ehrwürdiger, sondern hochwürdiger 
und andächtiger, auch könne der Bischof „ gleich andern Reichsgenossen,. 
die nicht Fürsten wären, sich kredenzen lassen". 



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64 



HANNCKE, 



inbetreff der festgesetzten Zusammenkunft, am 11. April er- 
liefsen die Stiftstände von Cörlin aus eine geharnischte Er- 
klärung l , und erst weit über den ursprünglichen Termin 
hinaus kam Montag nach Exaudi (21 Mai) 1542 in Stettin 
der neue Konvent zustande. Der Bischof war erschienen, 
wenigstens wird später auf seinem „Hofe" mit ihm verhan- 
delt. Zunächst wird vonseiten des Stiftes es entschuldigt, 
dafs man noch immer nicht „ beschliefslich " sich erklären 
könne; der Bischof sei doch dem Reiche unterworfen und 
des Reichs Lehnsträger; er sei nur dem Reiche mit Steuern, 
Diensten u. s. w. verbunden, und überhaupt müsse man ihn 
für des Reiches „Gliedmafs" halten. Das bringt die Herzoge 
ungemein auf, und sie fragen, ob vom Reiche Privilegien 
vorhanden wären und ob der Bischof jemals dem Reiche ge- 
schworen habe. Der Bischof beruft sich darauf, dafs des 
Kaisers Gnade ihn mit dem Eide verschonet habe und dafs 
sich Privilegien wohl beim Kapitel noch finden würden. 
Die Herzoge bleiben dabei, das Stift sei ein accessorium des 
Landes, und der Bischof ein erblicher Kapellan und bestän- 
diger Rat der Herzoge. Der vorige Bischof Martin hätte 
sich nie einen Fürsten genannt, viel weniger sich als solchen 
geachtet — Der Bischof wollte sich „in nichts weiter ein- 
lassen" und bat die anwesenden Stände, die Vermittelung 
zu übernehmen. Ein „ Uthschotze " ( Ausschufs) verhandelt 
nun zuerst mit den Herzogen und ihrem Berater Massow, 
dann mit dem Bischof auf dessen „Hof". Die adeligen Ver- 
mittler sprechen jetzt auf den Bischof ein, sie erinnern ihn 
an die Wohlthaten, die die Herzoge dem Stifte erwiesen 
hätten, namentlich auch Colberg, so noch zuletzt in der Zeit 
der räuberischen Lodes. Nur Kaiser Wenzel hätte einmal 
versucht, einen Bischof zu nominieren, der sei aber „repeliiert" 
worden. Was soll daraus entstehen, wenn „Ryk oder Kais. 
Majestät" hier „herschopp in dath Stift setten würde", es er- 
folgte dann „Uneinheit und Blutvorgethen", und alle Privi- 
legien würde man „breken und nhemen". Davon sei ein 
Exempel der Fürst von Preufsen. Sie rieten also zur An- 
nahme der drei von den Fürsten festgesetzten Artikel: 

1) Barthold IV, b, 314. 



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ZI-K REFORMATION IN POMMERN. 



G5 



1) Der Bischof soll weder in Person noch durch Ge- 
sandte den Reichstag besuchen. 

2) u. 3) Die Reichssteuern, Truppen und Türkensteuer 
sollten vom Bistum den Herzogen zugesandt werden, 
die sie dann weiter ablieferten. 

Der Bischof fand diese Artikel sehr beschwerlich, liefs 
sich aber doch bereit finden sie zu bewilligen, allerdings mit 
dem Vorbehalt, dafs seine Zugeständnisse „ unaffbrücklich " 
für die Rechtsame des Stiftes namentlich dem Reich und Kaiser 
gegenüber sein sollten. Zur weiteren Festsetzung des Eini- 
gungswerkes sollten von jeder Partei 6 Kommissarien er- 
nannt werden, und, „wath de befinden werden schal sik 
Jder deil wisen lathen." 

Das gegenseitige Vertrauen scheint aber doch noch nicht 
hergestellt zu sein. Im Oktober 1542 erlassen die Herzoge 
Drohbriefe wegen der Anmafsungen des Stiftes 1 , und der 
Bischof sendet den Kapitular Otto Manow auf den Reichs- 
tag nach Spcier, um die „ confirmation und inhibition " zu be- 
treiben. Die Kommissare waren inzwischen in Cörlin zu- 
sammengetreten, und der Bischof machte noch einmal das 
Zugeständnis wegen der vorgelegten Artikel. Die Herzöge 
beraumten einen neuen Landtag und eine Zusammenkunft mit 
dem Bischof auf Misericord. 1543 in Camin an, und ein deut- 
liches Zeichen, wie sehr man gegenseitig Mifstrauen empfand, 
war, dafs der Bischof sich wiederholt zu diesem Konvent einen 
Geleitsbrief ausstellen liefs. Erst der vom 24. März schien ihm 
hinlänglich sicher. Sehr interessant und deutlich beweisend, 
von woher der eigentliche Widerstand des Stiftes geführt 
und unterhalten wurde, sind die Briefe des Colberger Magi- 
strats in der Osterwoche 1543, also noch vor der verabre- 
deten neuen Zusammenkunft. Es waren 5 Schreiben, die 
der Empörung der Colberger über die Nachgiebigkeit des 
Bischofs Luft machen sollten. Das erste erging an die Cös- 
liner, das zweite an den Grafen Georg v. Eberstein zu Nau- 
gard mit der Bitte, da die Artikel noch unentschieden wären, 
für ihre Beseitigung Sorge zu tragen, weil diese dem Stifte 



1) Barthold IV, b, Slü. 

Z«itaehr. f. K.-O. XIX, 1. 5 



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66 



HAKKCKE, 



den völligen Untergang brächten Er mochte sich deshalb mit 
den Herren v. Wedeil, „als des Stiftes vornehmsten Junkern", 
in Verbindung setzen. Einen gleichen Inhalt hat das dritte 
nnd vierte Schreiben an die Herren Melcher v. Wedeil und 
Wulf v. Wedeil, und dann an Claus Damitz, Lorenz Man* 
teuffei, Wedige Blanckenburg, Tesraer Kameke, Jürgen Kamel. 
Das nachdrücklichste Schreiben ist endlich das an den Bischof, 
worin sie ihm einschärfen, für des Stifts Privilegien und Frei- 
heit Sorge zu tragen; er könne es nicht verantworten, dafs 
von den Herzogen die Stricke der Knechtschaft über das 
Bistum als ihre Unterthanen geworfen würden. Er solle be- 
denken, wie er das Stift gefunden hätte ; es dabei ohne Ab- 
bruch zu erhalten, sei seine Pflicht. — Das Antwortschreiben 
des Bischofs 1 ist sehr charakteristisch für den sanften und 
nachgiebigen Charakter Manteuffels. Er habe, sagt er, sich 
jederzeit ehrlich und billig gegen das Stift betragen, habe 
nie etwas ohne der Stände Einwilligung und Anraten ge- 
than und wolle diesen Ruhm auch in die Grube nehmen. 
Seltsam sei das kurze Gedächtnis der Kolberger, die in Cör- 
lin selbst zu den Artikeln geraten hätten. Wollte man leicht- 
sinnig zurücktreten, so wäre es besser, dafs man nichts ab- 
geschlossen hätte. Ihm wäre es gewifs recht, wenn man 
ohne die Artikel mit 4 en Herzogen in Ruhe und Frieden 
leben könnte. — Dann wurde wirklich der verabredete 
Landtag zu Camin gehalten, verlief aber, da der Bischof 
sich wieder beengt fühlte, fruchtlos. Mit den Stiftsständeu 
verhandelte der Bischof noch Montag nach Nicolai, die Stände 
aber wunderten sich höchlichst, dafs nur gleichgültige Dinge 
zur Mitteilung und Beratung gelangten und dafs die brennende 
Frage wegen der Reichsstandschaft garnicht berührt wurde. 
Am 27. Januar 1544 starb Manteuffel an einem Schlagflufs 
zu Bast. Kurz vor seinem Tode äufsertc noch der Bischof, 
er würde die kaiserliche Einladung, auf dem Reichstage zu 
erscheinen, nicht befolgen, noch per procuratorem denselben 
beschicken, weil es unnütze Kosten mache* und 

1) Dienstags in den Ostern. 

2) Aus einem Schreiben des Kammergerichtsadvokaten Christoph 
von Schwabach an den Kolberger Magistrat erhalten wir Einsicht in 



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ZUR INFORMATION IN POMMERN. 



67 



nichts Heilsames bewirke. Und die Colberger schrie- 
ben zuletzt verächtlich, der Bischof handle schläfrig 
und säumig, und des Stifts Bestes liege ihm nicht 
am Herzen! 

Wenn wir noch einmal den Verlauf unserer Untersuchung 
überblicken, so müssen wir uns fragen, wie ist nur Barthold 
zu dem Urteil gekommen, Manteuffel sei bis zu seinem Tode 
ein „ störrischer Altgläubiger " gewesen, und wie können die 
neueren katholischen Schriftsteller ihm wegen seiner bewun- 
dernswerten Hartnäckigkeit die Krone des Märtyrers und 
Glaubenszeugen aufsetzen? Aktenmäfsige Forschungen haben 
von dieser behaupteten zähen Widerstandskraft und Glau- 
bensfreudigkeit für die alte Sache nicht das Mindeste erge- 
ben. Manteuffel war in seiner letzten Episkopalzeit nachgie- 
big, versöhnlich, und wenn die Stittsstände nach dem Tode 
Manteuffels den Herzogen gegenüber äufsern, das Amt eines 
Bischofs erfordere einen Mann, dessen Alter, Stand, Vernunft, 
Erfahrung, unsträflicher Wandel, Wesen und Geschicklich- 
keit vorzüglich seien, so war vernünftige Erwägung und er- 
fahrene Geschicklichkeit, die gegebenen Thatsachen zu er- 
kennen und sich mit ihnen abzufinden, diesem Bischof ge- 
wifs besonders eigen. 

Die Zeiten des Katholicismus waren für Pommern vor- 
über. Gewifs hat sich noch manche Gewohnheit des früheren 
Gottesdienstes fortgeerbt, und es wäre eine sehr interessante 
Untersuchung , diesen Überbleibseln und Zeugen des alten 
Kirchentums bis in die letzten Jahre ihres Daseins hinab 
nachzuspüren; aber der glühende Marienkult, wie er im 
löten Jahrhundert zu einer intensiven Entfaltung gekommen 
war, hatte das Ende seiner Herrschaft gefunden, aus den See- 
städten segelten nicht mehr ganze Schiffe mit Pilgrimen nach 
S. Jago ab, und man hätte es jetzt nicht mehr verstanden, 



die auflaufenden Küsten der Verhandlungen bei Kaiser und Reich. Die 

Kosten der Konfirmation und Inhibition betrugen 30 (ioldgulden, dar. 
Mandat 15 Gulden, dem Regenten drr Kanzlei 4 rth., dem Schreiber 2, 

für Cordein und Wachs 1, für die Büchse 4 Batzen; dem Boten, das 

Mandat zu bringen , 30 rth. , für jede Exekution sollte 1 fl. und auf 
jeden Tag, wenn er still hege, auch 1 fl. erlöget werden. 

5* 



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68 HANNCKE, ZUR REFORMATION IN POMMERN. 



wenn einer Dorfkirche als ein besonderes Gnadengeschenk 
vom Bischof der Zahn des heiligen Jacobus verehrt worden 
wäre, wie es doch noch 1519 in Nehmer (bei Colberg) ge- 
schah. Der kirchliche Geist wurde Uberall nüchterner, und 
das Leben erhielt, sozusagen, einen materiellen Zug. Wenn 
deshalb aber die katholischen Schriftsteller auf eine Abnahme 
des religiösen Gefühls hindeuten wollen, so sind sie im Irr- 
tum. Etwa 70 oder 80 Jahre später hat die protestantische 
Bevölkerung Pommerns um ihres angeblich so nüchternen 
und unwahren Glaubens willen standhaft und ungebeugt die 
härtesten Drangsale vonseiten der friedländischen Soldateska 
erlitten, und ganz im Sinne der altchristlichen Märtyrer und 
Glaubenszeugen konnte der geängstigte und bedräute pro- 
testantische Prediger rufen: hui, hui, Teufel, das Leben 
kannst du mir nehmen, aber nicht die Seele! 



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ANALEKTEN. 

1. 

S p a 1 a t i n i a n a. 

Hitgeteilt 
von 

Prof. D. Drews in Jena. 
1. 

Die Universitätsbibliothek in Jena besitzt eine Sammlung von 
über hundert Spalatiniana, die in einem Folioband (App. Mscpt. 
Appendix, f. 2) vereinigt sind. Etliche der Schriftstücke sind, 
um sie vor gänzlichem Zerfall zu bewahren, aufgeklebt, etliche 
am Bande stark beschädigt. Diese wertvolle Sammlung ist seit 
lange bekannt und benutzt. Veröffentlicht jedoch sind daraus nur 
Bruchstücke. Benutzt hat sie Caspar Sagittarius-Schlegel in der 
Historia vitae Georgii Spalatini, Jenae 1643; abgeschrieben und 
für die Veröffentlichung vorbereitet Chr. Gottu. Neudecker *. 
Jedoch ist sein grofser Plan, Spalatins Schriften und Briefwechsel 
herauszugeben, unausgeführt geblieben. Was sein außerordent- 
licher Sammlerfleifs zusammengetragen hat, befindet sich, wie be- 
kannt, auf der Herzogl. Bibliothek zu Gotha (A. Cod. Chart. 
1269, 1) und ist oft von neueren Forschern benutzt worden. 
Ich gebe unter jedem Schriftstück die Blattnummern an, die es 
in der Neudeckerschen Sammlung tragt Der Buchstabe N. be- 
deutet: Neudecker. 



1) Auf Bl. 25 giebt Neudecker einen Brief des Kurfürsten Friedrich 
vom 10. Dezember 1615 an Spalatin, der sich in der Jenaer Sammlung 
befinden soll. Hier ist er aber nicht zu finden. 



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70 



ANALEKTEN. 



Wir haben in dieser Jonaer Sammlung von Spalatiniana meist 
Briefe ans Spalatins Feder vor uns. Wo es nicht besonders an- 
gegeben wird, ist das Schriftstück von seiner Hand. Die Briefe 
sind meist an den kurfürstlichen Rentmeister und späteren Mar- 
schall Hans von Doltzig gerichtet (Ober diesen vgl. Allg. deutsche 
Biogr. V, 322; Zedier, Univ. Lexik. VII, 1147; Kneschke, 
Adelslexikon II, 540). Ich gebe die Schriftstücke möglichst in 
chronologischer Ordnung. Die Reihenfolge im Codex ist ganz 
willkürlich. Die erste Nummer unter dem Texte jedes Stückes 
ist die Nummer, die das betr. Stück in der Handschrift trägt. 
Stücke, deren genane Datierung unsicher oder unmöglich ist, habe 
ich an den Schlufs gerückt Was in eckigen Klammern [ ] steht, 
ist Zuthat von mir. Die Briefadressen stehen in den Originalen 
auf der Bückseite der Briefe; oft sind sie verklebt Punkte be- 
deuten, daXs eine Stelle unleserlich oder abgerissen worden ist 

1) Spalatin an Hans von Doltzig. 
13. Januar 1514. 

Dem Gestrengen vesten Hansen von Dolczcken Bentnmeistern 
meinem gunstigen furdern. 

Lieber Her Rentmaister besonder gunstiger forderer. Mir 
hat Bernhart von Hirsfelt etc. angetzaigt wie in dem necbst- 
vergangen marckt zw Leyptzick soll Regal papyr zw meines Gne- 
digsten Herren Cronicken vnd etlichen andernn seyner C. 6. 
wercken. zwsampt den bucbern so ich euch vertzaichent vber- 
geschickt erkaufft werden. Demnach ist an euch mein vleissig 
bitt mir zw ewr gelegenhait zwerkennen zwfugen ob solch papyr 
vnd bucher erkawfft seint Vnd disser meiner bitt keyn verdrieß 
haben. Dann ich wolt gern damit meynes Gnedigsten Herren 
befel nach handeln. Dann euch neben meinem gebet freuntliche 
dinst zwerzcaigen bin ich alletzeit willig. Datum Suntags nach 
Erbardj Anno etc. xiiij. 

Jorg Spalatin 
Mgr. 

Cod. Nr. II. — N. Bl. 18. 

2) Spalatin an einen d er kur fürstlichen Räte, wahr- 
scheinlich Hans von Doltzig. 
[Juni?] 1521. 

Dartzu will ich nymmer mer reden, das der propst wider 
sein gewissen zu den decretalen gedrungen werd. vnd wenn er 
ein gantz Bistumb damit verdienen kunt. 

Angesehenn das keyn menschliche Recht vnd gesetz, Statut 
priuilegien vnd Ordnung auf erden weder Bebstiich noch keyserltch 



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DR EWS* SPALATINIANA. 



71 



eynes eynigen menseben gewissenn mit dem geringsten beschweren 
kan. denn so weyt der mensch selbe dareyn bewilligt vnd mit 
gntem willen trytt, 

Item ich besorg diser spruch des psalters gee wider vns in 
disem fall aufo sterckst. Ibi trepidauemnt timore vbi non erat 
timor l . 

Item von der hohen wirdickeit des vberedlen buchs der de- 
cretaln wil ich itzo schweigen. Dann sie werden bald ein 
bessern schnapp im lateyn vnd deutschen nemen, wie sie filfaltig 
verdient habenn. 

Item zn bedennckenn, das ich weiß das sich der probst hertz- 
lich gern der probstey wirt vertzeyhenn vnd absteen, wenn mann 
Im eyn ander Canonicat dofur gibt Zuuor das Archidiakonat, 
ob man den karlstat kunnt leyden fnr eyn probst *, oder denn 
Ottenn*. vnd das Ottenns prftbend der itzig probst erlanngt 
Dann Ich holt karlstat wer gernn probst Hett man disen guten 
man nur ein wortlein gin Erffordt geschriben das er solt die de- 
cretal lesen so word er vngetzweifelt sich der probstey vertzygon 
haben. Nu hot er als er mir schreibt ob den hundert gülden 
darob vertzert 4 . Vnd soll noch weyter gefurt werden. Darumb 
wer freylich zu bedencken was gut zu thunn were. Summa Sum- 
marum. Er wirt vnderteniglich zu frid sein wenn mann im ein 
Theologus prebend gebe, vnd wolt Gott das er schon Archi- 
diacon oder Cantor were, das man In aber von Wittenberg soll 
kommenn lossen. oder aber zu dem doctorat in Jnre zwingen, 
vnd zu den Decretaln dringen do will ich zu frid mit seinn. 
vnd last dawider seine Statuta vnd Instituts. Hat man doch 
vor wol merer einen probst durch ein andern dise lection zu be- 
stellen gestat. 

Vnd ob es gleich ein eingang machet, So wer es ein Criat- 
licher redlicher eingang. vnd wolt Gott das alle obern in den 
kirchen rechte vnd warhafftige Theologi weren. Dann wisst ir 
nicht was die Juristenn seint, zuuor in den kirchen werden wir, 
ob Gott will balde erfaren, wir haben bisher dem teufel hofirt, 
wer nu Zceit das wir Gottes wort sein ere auch wider geben, wir 



1) Ps. 53, 6. 

2) Vgl. Kawerau, Briefwechsel des Justus Jonas I, S 48. 

3) Otto Beckmann. Vgl. Uber ihn Enders, Luthers Briefwechsel 
I, S. 80 Anm. 2 und S. 107 Anra. 3. Jedenfalls ist Beckmann nur 
etwa ein Jahr, 1617/18, in Erfurt gewesen. Im Herbst 1618 treffen wir 
ihn wieder in Wittenberg (De Wette, Lutherbriefe I, 161; VI, 8. 
C. R. I, 52). Er hat erst 1523 Wittenberg dauernd verlassen; im 
März 1520 hat er seinen Wohnsitz in Wittenberg (Scheurls Brief- 
buch IT, 112). Vgl. diese Zeitschr. XVIII, 393 ff. 

4) Dieser Brief ist unbekannt. 



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72 



ANALEKTEN. 



wellen aber villeicht so lang vertzieben bis er kumpt vnd spricht. 
Compeüe intrare. 

Cod. Nr. III; fehlt bei N. — Jedenfalls das Bruchstück oder 
der Entwurf eines Briefes. — Die Datierung ergiebt sich aus 
einer Vergleichung mit den in: Briefwechsel des Justus Jonas 
(herausgegeben von Kawerau) I, S. 63 ff. mitgeteilten Briefen 
und Aktenstücken. 

3) Spalatin an- Hans von Doltzig. 

[1521.] 

Her Hansen von Doltzck Marschall! etc. 

Lieber her Marschalg. Wer nicht das auch ein meynung. 
weil diser probst so gar keyn willenn wider zu dem doctorat 
in Rechten, noch zu der lection der Decretal hat. vnd das Rot 
pyret villeicht auch nit gern tragen wirt als ein Theologus. 
Das man Doctor Denstet ließ zu der probstey kommenn. vnd 
dem Jonas die Gantorey gebe. 

Ynd ob wol Doctor Denstet nicht wurd lectionem Juris oder 
Decretalium halden. so kunt ers doch bestellen, vnd nachdem 
Doctor Densteth ein betagter man ist, mocht man mitler Zceit 
nach einem redlichen anseelichen mann zu der probstey trachten. 

Also wurden sie alle versehen. Vnd wolt Qott das mein 
Gnedigster Herr ein gnedigs bedencken darauf hett. 

Dann weil es mir zufallen ist so hab ichs euch lenger nit 
wellen verhalten. 

Domit vil seliger Zceit. 

Spalatinus. 

Cod. Nr. XC. — N. Bl. 202. Darnach gedruckt boi Ka- 
werau, Jonasbriefe I, 69. 

4) Spalatin [an Hans von Doltzig?]. 

[1622]. 

Besonder günstiger Herr. Mit allem vleis thue ich euch 
dancksagung aller zugeschriben Cristlicher trostung, auch der 
zuenboten Zceitung von Lyon vnd Magdburg vnd beuor vmb 
doc[toris] M. Luthers antwort gegen Engellandt. Freylich ist 
es der kerab vnd hafen sturtzer. Gott gebe gnad. Der Engel- 
lendisch buch mach er hate vmb Gott vnd sein wort vilfaldiglich 
verdient. Hat doch der Emser dasselb buchlein verteutscht und 
der Grefin zu An . . zugeschriben. mit eyner solcher foller 
lugen vorredt mit laub zuschreiben das man die vnwarheit greiffen 
kunt. So blindt vnd töricht ist die weit. So danckt sie Gott 
für sein heil[ig] wort. Kumpt mir wider etwas seltzams so will 



DR EWS, SPALATLNIANA. 



73 



ich8 wie geburlich mit euch auch aufs treulichst teylen. Vnd 
so es muglich bitt ich mich mit wennig Worten zuuerstendigen 
wie sich Her Hannß Schotten etc. sach enden wirt. Gott gebe 
vns allen sein gnad. Amen. 

Cod. Nr. LXXXVII. — N. Bl. 232; hier der Brief in den 
Okt. 1522 gesetzt. Adresse fehlt. Die Datierung ergiebt sieb 
aus der Erwähnung der Schrift Luthers gegen Heinrich VIII. von 
England: Contra Henricum regem Angliae, die im August 1522 
erschien und der Übersetzung der Schrift Heinrichs von Emser, 
nämlich: Schutz und Handthabung der siben Sacrament | Wider 
Martinum Luther | von dem aller unüberwintli- | chsten Künig zu 
Engelandt vnd Franckreych. vnnd herrn in | Hibernia | Hein- 
richen dem achten diß namens auß- | gangen M:CCCCC.XXIL 
(Vgl. Waldan, Nachricht von Hieron. Emsers Leben u. Schriften 
[Anspach 1783], S. 50.) Allerdings ist die Schrift nicht einer 
Gräfin zu An ... , sondern der Herzogin Barbara von Sachsen 
gewidmet. Allein eine Schrift Emsers mit solcher Widmung giebt 
es nicht. Die Vorrede ist datiert: sonnabent nach Johannis tag 
= 28. Juni. 

5) Spalatin an Hans von Doltzig und andere kur- 
fürstliche Bäte. 

1. April 1523. 

Den Ernuesten vnd Gestrengen Her Hansen von Doltzk. 
Hofmarschall. Her Hansen Schotten vnd Otten von Ebleben 
Bittern meinen günstigen Herren. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuvor. Ernuesten gunstigen lieben 
Hern. Euch bitt ich im besten zuwissenn, das gestern vor dato mir 
ein schrifft von dem hochgelerten Hern Doctor Wontzla Linck zu 
Aldenburg Ecclesiastes zukommen, darinn er vnder andern von 
mir begert euch alle in seynem namen mit allem vleis zubittenn, 
ir wolleth auf nechstkunfftigen Dienstag nach Sontag Quasimodo- 
geniti bey im zu Aldenburg Erscheynen, denselben abent vnd des 
folgenden Mitwochs neben andern seinen bern vnd freunden, im 
die frolickeit eeynes eelichen beylagers helffen voltziehen vnd be- 
tzeugen, mit erbietung etc. 

Weil ich dann benanten hern Doctor aus Cr istlichen phlichten 
billich dienne, so hab ich im das in keyn weg wissenn abzu- 
schlaen. Der gunstigen Zuuersicht ir werdet euch alle derraassen 
vernemen lassen vnd ertzeigen. Das er vormerk das ich mein 
botschafft außgericht hab. Dess eur antwort zu eur gelegenheit 
bittend. Das bin ich meins teyls zuuerdienen schuldig vnd 



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74 



ANALEKTEN. 



willig. Datum Mitwoch in der Carwochenn. Anno domini 
xv eo xxiij. 

Georgias Spalatinus. 

Im Cod. Nr. IV; — N. Bl. 260. — Von N. auf den 27. März 
datiert 

6) Spalatin an Hans von Doltzig. 

29. April 1523. 

Meinem besonder lieben Hern Her Hansen von Doltzck. 
Marschalh etc. zuhanden l . 

Gottes Gnad zuuor. Lieber Her Marschalh, Euch fug ich 
im bestenn zuwissenn das ich dises morgens schrifft hab vom 
Amstorff vberkummen. Darinn er euch lest mit vleis grussenn. 
und vnder andern disen artickel einsetzt. 

Was bat es doch für vrsacb, das ir den Nonnen, so lanck- 
sam schicketb, Ist Ie ein wunderlich Ding. Das ir so trege vnd 
zo lancksam zu dem guten werck seyt Iba in der warheit einem 
guten werck. Das dem nechsten zu nutz reicht etc. Das hab 
ich euch im besten nit wellenn verhalten. Ob Gott gnad geben 
wolt etwas durch eur anregung zusammelnn den armen leuten 
zuschicken. 

Domit wir den namen des Euangelion nicht vergeblich trugen. 
Dann glaub vnd lieb gehorn zusammen. Vnd wo eyns nicht ist, 
do ist gewislich das ander auch nicht, wir stellenn vns wie wir 
wellen. Domit vil seliger guter tage. Datum Mitwoch nach 
Jubilate. Anno domini xv co xxiij. 

Georgius Spalatinus. 

Cod. No. V. — N. Bl. 264. — Bei N. auf den 28. April 
datiert 

7) Spalatin an Hans von Doltzig. 

2.-8. April 1625. 

Hern Hansen von Doltzck. Marschalh etc.* 

Gotts Gnad vnd Frid zuuor. Lieber Her Marschalh. Mit 
grosser Danksagung schick ich euch hiewider meins Gnedigen 



1) Von der Hand Joh. Feyels, des Sekretärs von Doltzig, unter der 
Adresse: Almuden den closter Jungkfrawen zu Wittenberg. Zur Sache 
vgl. Kolde, Anal. Luth. 442. 

2) Von Joh. Feyels Hand durchgestrichen und darunter geschrieben: 
In der wocben Judica 1525. C. Meins gnedigen jungen [?] herns bant- 
schrift Handlung des aontg . . . zu K . . . . berg. Darüber : h[errn] ban- 
sen s brief. 



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DR EWS, SPALATINIANA. 



75 



Hern brief. Hett denselben euch heut billioh vil eher wider ge- 
schickt, wie ichs wol zum teil willens gewest. Ist aber folgend 
verSehenn. Darumb bitt ich vmb gunstlich vertzeihung. Domit 
▼ü guter nacht. 

0. Spalatinus. 

Cod. No. X. — N. Bl. 373. 

8) Spalatin an Hans von Doltzig. 

13. Juni 1526. 

Dem Hern Marschalh Hannsen von Doltzck. Zu eigen handenn. 

Gottes Qnad vnd frid zuuor. Lieber Herr Marschalg. 

Nechten seind mir spat von Wittenberg schrifften kamen vnder 
welchen mir von einem Studenten von deuenter angetzeyt wixt 
dise Zceitung. 

1. Das der Bischof zn Entricht pfaltzgraf Heinrich der pfaltz- 
grafen bruder Gottes wort auch anhengig sey worden vnd ein 
liebhaber des fridens sej. 

2. Item das in Holl an dt wunder vil leut mit dem Karlstatischen 
gifft befleckt sind, die das Sacrament des alters verleugnenn, 

3. Item das die Fürsten vnd ketzermeister vil baß nun mer 
seind an doctor Uartinns den an Karlstats lere. 

4. Item das zn Leyden zwey weiber vnd dreu menner von 
wegen Karlstats lere gefencklich gehalten werden. 

5. Des gleichen zu Amsterdam auch dreu, Verhofft auch dise 
wochen Zceitung aus Antorff wenn die kummen so Böllens euch 
auch vnuerhalten mitgeteylt werden. 

Heut mocht ich eur etlich armen leut zu eurer gelegenheit 
ansprechen. Domit man eyns teyls anlanffens mocht enthoben 
werden. Vnd beuor armen leuten Gott zu eren geholfen. 

Mit laub ich hab heut pilulas genummen zu einer purgation. 

Hiemit vil seliger morgen vnd tage. Datum Dienstag nach 
Trinitatis 1525. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XII. — N. Bl. 404. 

9) Spalatin an Hans von Doltzig. 

21. Juni 1525. 

Dem Hern Marschalh zn Händen. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Lieber H. Marschalh. Mein 
vleissig bitt ist wo ir Zceitung hett aus Francken die ich durflft 
wissenn, ir welleth mirs mitteilenn. Euch wol verwart wider zu- 
schicken. Soll ichs aber nicht wissenn, so wünscht ich mir nicht 
zuerfarenn. 



76 



ANALEKTEN. 



Des armen er Peters hie im Closter werdt ir ob Gott will 
auch nit vergessen. Domit dem armen mann auch aus dem elenden 
leben geholffen werd. * 

Hiemit vil gute nacht. Datum Mitwoch nach Corporis Christi 
1525. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. VI. — N. Bl. 415. 

10) Spalatin an Hans von Doltzig. 
22. Juli 1525. 

Dem Ernueston Gestrengen Her Hansen von Doltzck etc. 
meinem besonder gunstigen Freundt. Zu eigen handen. 

Gottes Guad vnd Frid zuuor. Lieber Herr Marschalh. Wie- 
wol ich weisß, das ir aus Gotts gnaden on mein erinnerung armen 
leuten gern dient vnd helfift. So hab ich doch aus Christlicher 
pflicht in keyn weg wissenn zu vnterlassen, euch für den armen 
Statschreiber zum Jessen zuschreiben. Vnd ist derhalben mein 
vleissig bitt ir welleth Ihn umb Christus willenn treulich befoln 
haben. Im seiner bitt nach zuhelffen. In ansehung seiner armen 
frawen vnd vnertzogenen Kinder. Vngetzweifelt Gott wirte reich- 
lich belonen. So bin ichs meins vnuermugens znuverdienen willig. 
Domit vil soliger zceit euch vnd allen den eurn. 

Datum Sambstag Marie Magdalene Anno domini xv co xxv. 

G. Spalatinus. 

Der Ewig Gott verleihe euch vnd vns alle sein gnad vnd 
sterckung in allen sachenn. Vnd beuor vnserm frummen Chur- 
fursten. 

Cod. No. XV. — N. Bl. 417. 

11) Ein kurfürstlicher Rat [H. von Doltzig?] an den 
Dekan des Stifts zu Altenburg. 

1. August 1525. 

Gnad vnd frid In Christo. . Erenwurdiger besunder Herr ,vnd 
Freund. Euch schick ich hieneben etlich Zceitung. Daraus 
allerley hendel in disen schwinden Zceiten vnd leufften zuuernemenu. 

Weil auch der Spalatinus von den von Aldenburg zum dienst 
götliches worts beruffen. vnd mein Gnädigster Herr der Chor- fürst 
zu Sachssen mit Christlichem rat etlicher vil gotlicher schrifft ver- 
stendigen Christlich darein bewilligt, vnd der Spalatinus sich aus 
grundt gedachter BerurTung vnd Churfurstlicher gnediger bewilligung 
hinauf begibt. Zweifeln andere vnd ich nicht Ir vnd das ganntz 



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DR EWS, SPALATJNIANA. 



77 



Capitel werdt im als einen andern Chorbruder vnd mitCanoniken 
sein presenntz jedoch vnnerphlicht zu den Cerimonien, die Gottes 
wort Ordnung vnd aussatzung vnngemeß seinnd. gutwillig folgen 
lassenn, vnd solche mein anzeigung vnd Erinnerung auß bewe- 
genden vrsachen zu ewrem besten gantz freuntlicher Vermerks [?] 
Das hab ich Euch gutter meinung nicht verhalten wollen mit 
Erbyttung meiner Dienstwilligkeitb. Vnd die gnade gotts sey mit 
vns allen. In gnediger beschyrmung. Actum thorgaw [?] Dins- 
t<ig8 Confectura [?] Sanctj petrj Anno domini 1525. 

An den techant zu Aldenburgk. 
Mgr. Cunraden. 

Cod. No. XI. — N. Bl. 424. — Konzept vou Spalatins Hand, 
dessen ersten Satz und dessen letzte Worte (von: „vnd solche 
mein" an) jedenfalls Secretär Feyel geschrieben bat. Auf der 
Rückseite: Copey An den techant zu Aldenburgk Confectu petrj. — 
Über Spalatins Berufung vgl. Enders, Luthers Briefwechsel V, 
Nr. 963 1 . 

12) Spalatin an Hans von Doltzig. 
10. August 1525. 

Dem Ernuesten Gestrengen Her Hansen von Doltzk etc. 
meinem besonder günstigen Hern. 

Seines Abwesens Johann Feyel Secretarien. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Lieber Herr Marschalh, beson- 
der gunstiger Freundt. Euch thue ich freuntlicher meiuung zu- 
wissenn, das ich aus Gottes Verleihung vnd gnaden, wol anher gin 
Aldenburg kummen. vnd folgend freuntlich vnd wol vom Burger- 
meister, etlichen vom Rat vnd Vierteylmeistern von des Rats vnd 
der geraeyn wegen angenommen, vnd mundtlich gebeten mich 
mit dem dienst Gottes worts znbeladen. welche ich mich denn 
gestern Sontags mit Gottes hulff vntorwunden. Der Ewig Gott 
gebe weiter sterck hulff vnd gnad. biß die gute leut mit sterckern 
leuten versehen werden. 

Das Capitel heldeth sich auch mit handtreichung der presentz 
vnd in ander wege sich noch freuntlich gegen mir. Schick 
euch auch hieneben des hem Decbants autwort an euch, vnd 
bitt zu vnterricht der sachen mir seine wort so vil mich be- 
langend vertzeichent zuschicken. Mich dester baß darnach zu 
richtenn. 

Doctor Wentze8laus hat gestern abgesegneth. vnd steet darauf 
das er inwendig acht tagen mocht nach Nürnberg aufbrechenn, 
Dann er hat sein haußrat berayt vorbin geschickt. Berurter 
Doctor Wentzeslaus enbeutt euch auch sein freundtlichen grus, 



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78 



ANALEKTEN 



Qott lob es steen sonst alle Bachen heroben so vil ich ver- 
tu erckt in zciml icher wolfart. Gott helfe weiter, 

Wie ich zu Colditz dem Pfarren zo Colditz 1 neben dem Ampt- 
mann des orts seinen andern son ein fast feynes Kind hab des 
vergangen Donnerstags helffen aus der tauf heben wirt euch 
mein Job 2 antzeigen. 

Ferrer ist mein gantz freuntlich bitt, ir welleth mir so gut- 
willig sein, vnd mit den wagenknechten oder fuhrleuten verschaffen, 
mir mit Jren zweien f huren meyn gereyt vnd blunderlen herauf 
gin Aldenburg zufuren. Derhalben ich auch mein Job hinab gin 
Torgaw itzo schicke, Dann solt es von euch mit den wagenknech- 
ten nit anschaffenn. so wer zubesorgen das es bey Ihnen so nicht 
zuverlangen were, Darumb welleth mein domit treulich in der . . . s 
sein. 

Item den Hern preceptor, Her Hansen Minckwitz vnd Hansen 
Feyel zu sampt gemeiner Cantzley mein fr. grus vnd geringen 
Dienst antzeigenn. 

Vnd vor allen dingen, wie bisher mein gunstiger Herr, freundt 
vnd farderer sein, Das bin ich meines armen vermugens treulich 
zuverdienen so vil mir vmer von Qott gnad verlihen allwegen 
willig. 

Domit vil Gottseliger Zceit euch allen, vnd bitt Gott für mich. 
Wie ich denn für euch so vil mich Gottes geist erinnert für 
euch auch zuthun geneigt bin, 

Datum Montags Donati Anno domini x? e xxv. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XIV. — N. Bl. 425. — Auf der Rückseite unter 
der Adresse wahrscheinlich von Secretär Feyels Hand: Splati- 
nus (sie!) Laurentij [10. August] 1525. 

13) Spalatin an Hans von Doltzig. 
15. August 1525. 

Her Hansen von Doltzck etc. meinem besonder günstigen vnd 
lieben Hern. Zu eigen Henden. Cito. 4 

Gottes Gnad Frid durch Christum zuuor. Ernuester gestrenger 
bosonder gunstiger Herr. Wo es e. g. allenthalben wol vnd 
glücklich gienge erfur ich hertzlich gern. Dann mich hat mein 



1) Mag. Wolfg. Kues. 

2) Spalatins Schreiber. 

3) Lücke durch Abrifs. 

4) Unter der Adresse von Feyels Hand: Spalatin Zeyttung 1625. 
Assumptionis marie virginis Aldenburg. 



DREWS, SPALAT1MANA. 



79 



lieber vnd frummer Gott abermals in die Spören genommen, Das 
ich die schnuppen, fluß vnd husten zu sempt dem heissern so 
schwerlich habe das ich weder reden noch icbts anders schier 
itzt thun kann. So treibt vnd matt michs, 

Gestern vor dato hab ich von vnserra guten vnd lieben Freundt 
Gabriel Stendler aus Anntorff schrifft vnd Zceitung bekummen. 
Die ich euch aufsgesetzt hieneben zuschicke. Er gedenkt eur vnd 
H. Georgen von Mingwitz neben seiner freuntlichen Begrüsßung 
aufs beste, 

Ich bitt ir welleth dise Zceitung vnd die mir aus presla 
kummen meinnen Gnedigen Fürsten vnd Heran auch vnterteniglich 
mitteilen, vnd Irer F. G. mich vnterteniglich befeien, neben 
vnterteniger entschuldigung ob ich mich meyner f urgefallen vn- 
schicklicbkeit halben nicht selbs eynstellen wurd, 

Die Zceitung aus Antorff hab ich gestern spat meinem gnedig- 
8ten Herin dem Churfursten zu Sachssen etc. auch zugeschriben. 
günstiger hoflFnung sie sollen morgen zceitlich seynen C. G. zu- 
kommen, Domit sey Gott mit euch. Amen. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XIII. — N. Bl. 433. 

14) Spalatin an Hans von Doltzig. 
5. Oktober 1525. 

Dem Ernuesten vnd Gestrengen Hansen von Doltzck meinem 
besondern lieben Hern in Christo *. 

Gottes Guad vnd Frid zuuor. Besonder gunstiger Lieber Herr. 
Wo es euch allenthalben seliglich vnd glucklich gieng wer ich 
alltzeit zu erfaren ser erfraweth. Gott lob es geeth mir heroben 
noch wol, 

Nu kan ich euch eyns aus sonderlichen vertrauen nicht ver- 
halten. Ich merck das gemeine Stat Aldenburg vberaus arm vnd 
vnuermnglich ist. Vnd nichts destminder ein groß geld wie ich 
hör Ierlich fürstlicher Obrickeit geben muss. Wolt Gott das man 
ein Christiichs einsehen vnd messigung thun mocht, das man der 
Sachen auf beiden teylen kunt zukummen. 

Do Gebe Gott sein Gnad zu. 

Ich bitt auch das best dazu zureden wo es zum wurff kumpt. 
Auch der Christlichen Vniversiteth zu Wittenberg treulich zu ge- 
dencken. Dann ich hab Jungst schrifftlich Her Hansen von Minck- 
witz vnd euch f urgeschlagen gin Wittenberg zu schicken etc. * 



1) Auf der Adresse von Feyels Hand: Spalatinus Francis« [4. Ok- 
tober] 1625. — N. datiert irrig den Brief auf den 30. September. 

2) Vgl. Enders a. a. 0. V, Nr. 988*. 



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80 



ANALEKTEX. 



Ist doch Gott lob den dingen on alle beschwerung Ja mit merck- 
licher enthebung des Cammerguta Je lenger Je baß zuthnn, Man 
thue nnr zceitlich dartzu. Ynd bestelle statlich die rendt vnd 
Zcins der gefallen Leben vnd Cerimonien treulich vnd wol einzu- 
bringen, in guter verwarung zuhaben, vnd ordentliche Register 
zuhalten. Dise sach welleth euch Gott zu erenn vnd zu dienst 
gemeiner Christenheit treulich befoln lassen sein. 

Der Prior zu Wittemberg 1 hat des nechsten Sontags hie ge- 
predigt. Des Enangelion von dem eynigen son der witwen zu 
Naym *. Vnd Gott lob hat der Sachen recht gethun. Ist heut wider 
abgereiseth. Geet es recht zu, so wirt er herauf ziehenn, auch 
auf der von Aldenburg berufFung. 0 es ist Je ein armes Folck. 
O das man Ir vnd ander armuth gnediglich gewar nome. Domit 
vil seliger Zceit. Vnd bitt Gott für mich. Datum Dornstag nach 
Michaelis. 1525. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XIX. — N. Bl. 432. 

15) Spalatin an den Hofbeamten Meiner. 

[Oktober?] 1525. 

Lieber Herr meiner. Das ich euch vnd vil andre meine liebe 
Hern vnd Freunde zu hof nicht zu meinem eelichen beylager bitt 
kompt allein aus dem das ich mit Gottes hulff nicht vil gescblepps 
gedenck zu haben. Zum andern das ich eur gern zu anderer Fur- 
derung sparen wolt, vnd folgend das ichs dafür acht ir werdt 
villeicht die Zceit nicht bey handen sein. Zu dem das mir als 
einem armen diener Gottes worte wol geburen will dem schlam- 
pamm ein abbruch helffen thunn. Domit doch die ding eyn- 
getzogener mochten werden. Das hab ich euch als meinem 
lieben Hern vnd bruder in Christo im besten auch nicht verhalten 
wollen. 

Datum vts. 3 

Cod. No. VII. — N. Bl. 446. Er bemerkt dazu: Fragmen- 
tum, ut videtur, schedula epistulae inclusa. — Links am Rande 
dos Briefes von der Hand des Sagittarius: Ad Bosilium Mon- 
nerum (!!), si recte capio. Rechts oben: 1525. Donnerstag 
nach Michael. Damach wäre dieser Brief eine Einlage zu dem 
vorigeu gewesen. 



1) Magister Eberh. Brisger. Uber diese Probepredigt Enders 
a. a. 0. V, Nr. 983'. 

2) 16. Sonntag nach Trinitatis, 1. Oktober. 

3) Am Rande: Welleth mir Je den Befel erlangen an Hanns Jeger. 
Vmb das wilpreth zu meiner hochtzeit. Vnd den Befel mir zuschickenn. 



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DREWS, SPALATINIANA. 



81 



16) Spalatin an Hans von Doltzig. 

9. Oktober 1525. 

Dem Ernnesten Gestrengen Her Hansen von Doltzck etc. 
meinem besonder günstigen Hern. 

Er sey zu Torgaw oder anderswo durch die Cantzley. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Lieber Herr Marscbalb. Eur 
itzigs schreiben hat mir Tanbentantz heut dato treulich geantwort. 
Derhalben ich mich dises eures Schreibens vnd zugeschickter 
Zceitung mit allem vleis bedanck. 

Hör vberaus gern das ir znsampt dem Grefendorf hinab gin 
Wittemberg verordent seyt l . Der Hoffnung ir werdt etwas gut3 
vnd bestendigs aus Gottes gnaden aufirichtenn, 

Die rhetoree werden ein Jeder sein LX. fl. wol verdienen. 
Wie ir vngezweifelt vom Doctor Martino, philippo, probst vnd 
andern vernemen werdt. 

Wiewol ich auch nit zweifei ir werdt on mein erinner nng 
alle ding zum besten verorden, So bitt ich doch aus meiner ge- 
barenden phlicht vleis zuhaben zubefelen. was weiter von proben- 
den vicarien etc. vnd sonst fallenn wurd. Derselben einkummen 
auch von Ampts wegen einzumanen vnd bringen vnd folgend zu 
gemeinen nutz in der Vniuersiteth außzuteileun. Dann am ein- 
bringen wirt wie ir znachten vil ligen. Domit man zur katemer 
mit der entrichtung allenthalben vngeseumt sey. 

Domit vil seliger Zceit vnd laß mich einst zu ein gelegenheit 
so vil thunlich wissen wie irs zu Wittenberg aussgericht 

Datum Montags nach Francisci 1525. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XVI. — N. BL 435. 

17) Spalatin an Hans von Doltzig. 

27. Oktober 1525. 

Dem Ernuesten vnd Gestrengen Her Hansen von Doltzk etc. 
meinem besonder gunstigen Freundt Hern vnd Förderer. Torgaw. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Ernuester lieber Herr. Ich 
bitt noch wie vormals eur fr. antwort aufs treulichst 

Vnd beuor die zwo schrillten von meinem Gnedigsten Hern, 
oyne an das Capitel hie, vnd die andere an Hansen Jeger zu 
Oolditz vmb wilpreth zu meiner hochtzeit *, welch brief ir welleth 
mir zufertigen, durch mich zu bestellenn. Dann es gee mir wie 



1) Vgl. S. 80 Anm. 1. 

2) Vgl. Spalatins Brief an H. von Doltzig vom 6. Oktober 1625 
in: Fortgesetzte Sammlung von Alten und Neuen Theol. Sachen 1737, 
S. 12. 

Z^Uchr. f. K.-G. XIX, 1. 6 



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82 



AXALEKTEX. 



mein fruminer Gott will , so weiss ich Ie nicht lenger in dem 
elenden Cerimonischen vnwesen zusteen. Ists doch dohin gerateu 
das das elend Folck Je lenger Je blinder tummer vnd verstockter wirt 
Gott erleuchte vns alle. Haben sie doch im Stifft aufm Schloß 
als ich glaublich bericht die Cafenthur 1 wider aufgemacht. Durften 
sie so hüben sie doch ander an zu leuten orgeln singen, Halten 
noch an feyeitagen vil messen Dartzu das arm Folck laufft. Vnd 
inucheth vil ergernus. Wer gut das mein Gnedigster Herr mit 
Inen schaffeth der vnchristlichen Cerimonien abzusteen. Vnd 
wo sie Ie mesß lesen wolten das sie es mit allen verschlosseu 
thuren teten vnd nymants aus der Stat zu Inen hin ein Hessen 
Dann des Gottloß wesen nymbt sonht keyn end, Hoffen itz auf den 
Reichstag als ich hör. Domit vil seliger Zceit. Bitt vnib fr. vn- 
uertzuglich antwort a . Verdien ich billich meines armen vnuer- 
rougens. Datum Freitag Simonis vnd Judae Abent. 1525. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. VIII. — N. Bl. 443. 

18) Spalatin an [Hans von DoltzigJ. 
[Ende Oktober oder Anfang November 1525.] 

Besonder lieber Herr. Euch thue ich eurs itzigen trewen 
Schreibens vnd antzeigens das die ding zu Wittenberg aus Gottes- 
gnaden so wo! vnd »tätlich verordent freuntliche vnd vleissige 
dancksagung. Daun ut es Ie ein loblichs Christlich werck, Da- 
raus gemeiner Christenheit vil vil guts frummen vnd gedeyene 
erwachssen kann. Will auch vngetzweifelt seinn, sie werden die 
Rotein auch on mein gegenwart sekicklich. wol vnd ordenlich 
stellen n, wurden sie aber mein begeren, oder das ir darauf berweth 
das ich, etlich tage bey Iuen sein solt, so ist mein bitt mir zu- 
uermelden ob ich als dann den nechsten gin Wittenberg oder zuuor 
gin Torgaw faren solt. Allein bitt ich mit vleis darumb weil es 
so kurtz vor meinem eelichen beylager ist, ir welleth wo es mtig- 
lich nicht beschwerung haben, Dassel b mit Gottes hulff zuuor zu 
uol bringen. Dann es wirt doch mein eelichs beylager. durch 
Gottes Schickung, bis auf den Sontag Elisabeth 3 vertzogen. Solt 
ich nu hinab, so mocht es ferrer vertzogen weiden, Zu dem so 
ist wio ir wisst Doctor Martinus itz mit einer grossen arbeit be- 
laden. Vnd wer doch villeicht nichts auß. 

Der Churfurstlich befel des wilpreths halb zu meiner hochtzeit 
ist mir fast wol vnd zu allem Danck zukummenn. Derhalben ich 



1) Hängt dieses Wort etwa mit dem lat. cavea zusammen? 

2) Am Rande, aber meist abgei isscu : . . . f ir . . . eine .... schrei- 
ben . . . r guts . . tte E . . rieht bt. 

3) 19. November. Enders a. a. 0. V, Nr. 1002 1 . 



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DREWS, SP ALATIN I AN A. 



83 



wie billich, mich solcher gnaden gegen meinen Gnedigsten Hern 
aufs vntertenigst vnd gegen euch enrs gehabten vleis aufs treu- 
lichst bedanck. Vnd kunt icbs verdienen wolt ich Ie gern als 
der danckpar diener befunden werden. 

Lieber Herr wo man hie den geistlichen nicht weren wirt vnd 
das christlich einsehen haben, das sie irer gottlosen Cerimonien 
absteen, oder zum wenigsten heymlich vnd mit verschlossen tburen, 
on Zulassung ejniger personen die irer Versammlung nicht seind, 
so wirt die Ergernuß ye lenger Ie weiter einreissen. Zusampt der 
lesterung Gottes vnd seines heiligen Euangelions, Dann es beginnen 
etlich weiber hinauß auf die dorf pfarren zulauffen vnd das Sacra- 
ment wider Christi nnsers lieben Hern vnd Seligmachers Ordnung 
vnd aussatzung zuentfaen. Das Euangelion zu lestern, Christus 
Ordnung zu tadeln. Des Babsts gesetz zuerheben vnd loben, vnd 
andere leut auch zuuerfurenn. Wie denn vermutlich von etlichen 
mennern auch geschiedt. Derhalben mir Ie nicht wol darbey 
sein will, Gott behüte die seinen, vnd erleuchte die blinden. 

Cod. No. XVIII. — N. Bl. 447. — Ein Brieffragment, das 
wahrscheinlich nicht abgesandt wurde. Die Datierung ergiebt 
sich aus der Erwähnung der bevorstehenden Hochzeitsfeier Spa- 
latins. Aus den Worten : „ Zu dem so ist u. 8. w. " scheint zu 
folgen, dafs Spalatin Luthers Brief vom 11. November (Enders 
V, Nr. 1002) noch nicht erhalten hatte, als er obigen Brief 
schrieb. 

19) Spalatin an [Hans von Doltzig?] 
[Oktober oder November 1525.] 

Vnser Gabriel Stendlen hat mir abermals neulich aus Antorff 
geschriben. vnd gedenkt eur wie allwegen im besten. Schreibt 
mir vnder andern das sie in Holland zum Hage am xvten tag 
des Septembers ein fast Christlichen priester verbrennt habenn. 

Item sonst bei xxx gefangen, alle von wegen Gottes wort. 

0 lieber Herr kunt ir helffen so seyt mit vleis darob des dern 
verarmten Commun hie zu Aldenburg gnedig erlinderung geschee. 
Dann es ist Ie ein armes heufflen. Als ich hör vnd merck. Nu 
soll die obrickeit beuor christlich auf gemeynen nutz mer denn 
auf eigen bevlissenn seinn. 

Man will anch douon reden als solten etlich vil munchen 
aus den Reichen feltcloster (?) vil zu gering abgefertigt sein. Da- 
raus meinem Gnedigsten Hern schimpf vnd nachrede zusteen mag. 
Wolt Gott das wir all aneinander hulffen vnd christlich handel- 
ten das cleyn trummlen hie auf erden. Dann es wirt sich doch 
endlich finden. 

6» 



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84 



ANALEKTEN. 



Ich bitt mit vleis des Gabriln Stendlen schlifft so ich zu 
Torgaw euch gelossen mir wider «aschicken. 

Cod. XCIL — N. Bl. 434. — Brieffragment oder Briefein- 
lage. Die Datierung ergiebt eich aus der Erwähnung der Ver- 
brennuug eines Evangelischen in Haag am 15. September. Ge- 
meint ist jedenfalls Pistorius, der am 15. September 1525 ver- 
brannt wurde (vgl. Hoop-Scheffer, Gesch. d. Beform, in d. 
Niederlanden, S. 347 ff)- 

20) Spalatin an Hans von Doltzig. 
25. November 1525. 

Dem Ernuesten Gestrengen Hern Hansen von Doltzk etc. 
meinem besonder gunstigen Hern. 

Torgaw. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Besonder gunstiger Herr. Euch 
beßl ich Christofen Hofmann abermals in allen trewen, dem 
armen man gunstige furderung zuthun, wie ich denn daran 
nicht Zweifel, daran werdt ir wol vnd Christlich thunn. Dann 
sein vnd der seinen armut ist Ie vor äugen. 

Meiner sachenn bitt ich zu gedencken wie ich auch jungst 
gescbriben. Dann was mir Gott gibt soll ob Gott will wider 
ausgeben werden. Vnd vil leuten zu guten reichenn. Wurd doch 
keyn danck sein wenn man schon den leuten vil oder wennig 
nachliesse. Sie haben mir noch nichts entzogen bisher, Es wolt 
denn noch gescheen. 

Der Ewig Gott gebe Ie gnad sich zubekeren zu Christo vnd 
von den Gottlosen Cerimonien zulassenn. Dann ditz wesen taugt 
gar nichts. . 

Domit vil seliger Zceit euch allen. Datum Sonnabent Catharine 
Anno domini iv^xxv. 

Georgius Spalatinus. 

Cod. No. XVII. — N. Bl. 449. — Auf der Adresse von 
Feyels Hand: 1525 Nach Katarine. 

21) Des Spalatini Bedenck Zceddel. Dem Herrn Marschalh mit- 
geben. — 1525 — 

Bitt erstlich mit allem vleis meinen Gnedigsten und Gnedigen 
Hern mich vnterteniglich zu befeien. 

Zum andern so es fuglich thuelich vnd muglich treulich hel- 
frenn das ich mit gnaden muge nu weg kummenn. Doch also 
wo ich ichts kunt thun, mein Lebenlang mit Gotts hulff auf 
meines Gnedigsten vnd Gnedigen Hern erfordern vnd ansuchen 
mich als der gehorsam vntertenig vnd danckpar zuertzeigen. 



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DliEWS, SP AL ATLNLAN A. 



Dann ich werd mit Gotts wort zn handeln Je lenger Je blöder. 
Auch schwecher, vnd laß mich Je lenger Je mer bedancken das 
Til mer sterck 1er kunst schicklikeit frummckeit darczu gehöre 
denn ich armer schweiß bei mir befinde. Za dem so hab ich 
auch für mit Gottes hulff mein wesen anders anznstellenn. das 
sich mit dem hofwesen nicht vbereintragen wurd. Darann auch 
vngetzweifelt mein Gnedigster Her mich nicht hindern, sonder als 
ein Christlicher Churfurst gnediglich furdern werden. 

Zum dritten Her Fridrich Thun Bitter treulich von meiner 
wegen zu grussenn. vnd mit im auch douon so sicbs schicken 
wille reden. 

Zum Vierden mir zuschreiben. Das binn ich zuuerdienen schul- 
dig vnd willig. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XX. — N. Bl. 405. — Vgl. den Brief Spalatins 
an den Kurfürsten Friedrich v. Nov. 1524. (N. Bl. 334). Dort 
heifst es o.a.: Demnach clage E. C. G. unterteniglich zum ersten, 
das ich das hoch ambt Gotts wort zutreiben je lenger je mer 
in meinem gewißen beschwert bin. Erstlich aus dem das ich 
mein schwacheit und ungnOgsamkeit wiewol ungnügsam erkenne, 
und folgend das ich vermerck das E. C. G. hofgesind zu mir 
dartzu nit gnad het, darob ich auch wider lust noch mutwillen 
noch geist dartzu kann haben. Hab auch darauf bey mir be- 
schlossen mich binfßr des predigens gantz vnd gar zuentschlaen. 
die faxe die andern und mir darauf steebt zn verhüten. Und ist 
derhalben mein untertenigst bitten umb Gottes willen, E. C. G. 
wellen nach Irem gnedigen willen mich also des ambts gnediglich 
entheben und dartzu beruffen wen E. C. G. gnediglich mugen leiden. 
— Vgl. anch folgenden Brief Spalatins an den Bat zu Altenburg 
v. 23. Sept. 1526: Gottes Gnad und Frid durch Christum. Ehr- 
bar und weiser lieber Herr Burgermeister. Auf eur jungst Anreden 
und Bitt in Gegenwart dreyer vom ehrbaren weisen Rath hie zu 
Altenburg, ich wollte mich auf euer vorigen Berufung bey euch im 
besten länger nicht verhalten, daß ich diese Sache bin und her 
bewogen hab, und weil meine vorige Beschwerung, die ich euch und 
etlichen andern vom Rath hie zum Theil hievor mehr denn ein- 
mal angezeigt hab, noch stehen. So könnt mir baß und liebers 
nicht widerfahren, denn dass ich berübrts Predigerdiensts entladen 
wurd. Dann ich spiele mit diesen hohen Sachen nicht gern, hab 
auch nu lang her, wie mein gnediger Herr der Churfurst zu 
Sachsen und viel meiner Herrn und Freunde wissen, mit dieser Be- 
schwerung vernehmen lassen, in solchem Dienst länger zu stehen. 
Zu dem so seyd ihr aus Gottes Gnaden also versehen, dass ihr 
mein dazu nicht bedurft, dann wo ich eins Rath und gemeiner Stadt 



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86 



AN ALE KT EN. 



sonst in ander Wege in allem dem, des zu fordern Gottes Worts 
und Ehre dienstlich, wößt zu dienen, da sollt ihr mich alle gauz 
unverdrossen befinden. 

Wo ich aus Gottes Willen, dem niemand widerstehen kann, 
sollt hinfOr zuweilen dienen, so sollt ihrs dafür halten, *daß ich 
dem Rath und gemeiner Stadt meines armen Vermugens mein treuen 
Dienst nicht gern entziehen wollt, doch mußte ich mich zu nichten 
zu verpflichten und aut gar kein versprochen Sold oder Lohn zu 
bestellen lassen, aus viel Ursachen mich dazu bewegend. Der 
ewig barmherzig Gott hab euch, den Bath und gemeyne Stadt in 
gnedigem Schutz. Amen. Dat. Sontags nach Mauritii Anno dni. 
xv c ixvj. 

Georgius Spalatinus. 

22) Spalatin an Hans von Doltzig. 
3. Januar 1526. 

Dem Ernuosten vnd Gestrengen Hern Hansen von Doltzck etc. 
meinem besonder gunstigen Hern. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Emuester besonder gunstiger 
Herr. Znsampt erwunschnug eynet Christlichen seligen Newen 
Jars vnd erbieten meines armen Diensts. Eur itzigs schreiben 
das Datum heldeth Torgaw Sumbstag nechstvergangen hab ich 
gestern vor Dato zu allem danck entfangen vnd verlesonn. Thu 
mich auch desselben mit allem vleis treulich bedanckenn, Beuor 
eur manchfeldigen Newen Zceitung. Die ich euch zuuergleichen 
mit Gottes hulff wol geneigt wer. wo mir etwas sonderliche zu- 
kummen. 

Nu hab ich itz Ie nichts sonderliche denn eyn keyserlich 
Mandat in Holland 1 geschickt, mir neulich von vnserm lieben 
Frenndt Gabriel Stendlcn von Antorff vbersendeth. Dess Copien 
ich euch hiemit zuschicke. 

Genanter Gabriel entbeutt euch abermals wie allwegen sein 
trewen grüß vnd dienst, mit anhengender bitt. Ihn bey meinem 
gnedigsten Hern vnterteuiglich znuerbitten ob sein C. G. etwas 
derselben ende zubestellen willens Ihn dazu für einen diener zu- 
gobraucben mit angehefften erbieten einen getrewen diener zuge- 
ben. Wo ir im nu kunt dienen, so bin ich vngezweifelt ir wer- 
deth seiner berurter gestalt wol im besten bey meinem Gnedigsten 
Hern zugedenken. 



1) Vgl. Spalatins Annal. bei Mencken, Script Germ. II, 647 C 
und Schelhorn, Amoenit. lit. IV, 429. Vielleicht ist das ßücher- 
verbot vom 24. September 1525 (Hoop-Scheffer a. a. 0. S. 35G) 
gemeint 



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DREWS, SPALATINIANA. 



87 



Nach dem ich des keyserlichen Mandats keyn Copien mer 
habe, So bitt ich mir ein abschrifft dauon zuschicken. 

Es ist Ie wol ein Jammer das der Schloßdechant 1 so gar in 
den vncbristlichen Corimonien steckt Gott erleucht sie vnd uns alle. 

Ser gut ist es das mein Gnedigster Herr ir trutzig wesen 
nicht lenger dulden wellen. Wie auch sein C. G. billich thun. 
Wolt nur Gott das man die Sachen nicht in den langen kästen 
legeth. Dann es erfolgen vil ergernuss ans dem elenden wesenn. 

Wolt Gott das ir heroben einst sein solt. Dann ir wurdt 
freilich allerley erfaren. 

0 das dem armen Commun durch Christlich gnedig einsehen 
meines Gnedigsten Hern geholfTen wurd, Dann es wer hohe Zceit 

Ko. Wirden von Denemarck haben mir des vergangen Octobers 
aus Myddelburg in Seeland fast gnediglich vnter andern geschri- 
ben. sie haben keyne Newe Zceitung mir mitzuteilen, denn das 
das heilig Euangelion wunder starck in Nyderlanden durchs blut 
der merterer erwachsse *. 

Mein lieber Her Helfft Ie das die Vniversiteth zn Wittemberg 
treulich gefurdert werde. In ansehung des gemeinen nutz so 
gantzer Christenheit deraus er folge th 

Item das die manchen aus den Furstenclostern erlich abgefer- 
tigt werden. Dann es mochten sonst mein Gnedigster Herr dar- 
durch vercleynert vnd verdacht werden. 

Gott lob die Sachen steen heroben noch zeimlich. Allein wenn 
die geistlickeit mit den Cerimonien, ler, und leben reformirt 
wurden. Stellen sich doch die Schloßpriester eben als wollen sie 
allein den gantzen Baal vnd Antichrist allein erhalten. Gott 
vergebs Inen allenn, vnd bekere sie zu seinem heiligen wort 

Kurs lancksamen widerschreibens hab ich euch billich von wegen 
eur mancbfeldigen gescheffte vnd vnrwe entschuldigt, freuntlich 
bittend wenn es zu weilen eur Gelegenheit, meinen Gnedigsten 
vnd Gnedigen Hern mich vnterteniglicb zubefelen, vnd mir zu 
weilen zuschreibenn. Wie ich mich denn treulich zu euch versehe. 
Das bin ich meines geringen vermugens zuuerdienen alltzeit 
schuldig vnd willig. Domit vil tausent seliger Zceit euch vnd 
dem gantzen hofgesind. Datum Mitwoch des achten Johannis 
apostoli et Euangeliste. Anno domini xv e xxvj. 

G. SpalaÜnus. 

Cod. No. XXin. — N. Bl. 469. 



1) Mag. Konrad Gerhard. 

2) Vgl. Spalatins Annal. bei Mencken, 1. c. und Schelhorn, 
1 c. p. 428. — Der Brief war vom 16. Oktober. 



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ANALERTEN. 



23) Spalatin an Hans von Doltzig. 
23. Januar 1526. 

Dem Ernuesten Gestrengen Hern Hansen von Doltzck etc. 
meinem besonder gunstigen Hernn. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Besonder gunstiger Herr. Zu 
Gott bin ich der hoffnung ir werdeth mir zu eurer gelegenkeyt 
auf mein iungstes schreiben aotwort geben. 

Itzo bitt ich mit allem vleis hirinbewarte zwcn artickeln 1 bey 
meinem Gnädigsten Hern dem Churfursten zu Sachssenn etc. treu- 
lich anzutragen vnd fordern. Vnd was ir erlangeth durch Got- 
tes gnad mir schriftlich antzeigen. Dann wenn ich wust das 
es nicht fast Christlich sein soll Auch dern Christlichen Cam- 
mergut zu keynen nachteyl reichen, so wolt ichs vnerregt bei 
mir behalten haben. Hoff aber Ie es soll christlich und wol ge- 
than sein, Domit Gottes gnad vnd geist euch vnd dem gantzen 
bofgesind vnd zum fordersten allen meinen Gnedigsten vnd Gne- 
digen Herrn. Datum Dienstag nach Vicentij Anno domini xv e ixvj. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XXIV. — N. Bl. 522. 

24) Zwen artickel der man gegen meinem Gnedigsten Hern dem 
Churfursten [zu] Sachssen vnterteniglich gedencken soll. 

1526. 

Zugedencken in alleweg das man von dem vorigen geldt der 
gefallen vnd abgangen stifftung vnd personen zu Wittemberg in 
Aller Heiligen Stifftkirchen etlichen armen Studenten der Ie vi) 
da seind, alle katemer etlich gülden gebe, wie wenig der sein 
mugen. Domit sich die armen schweiß dester baß vnd lenger in 
der Lere erbalten kunnenn. Dann die muß solt Ie wol zutreffen 
sein. So kennet Her Licentiat Blanck vnd beuor Doctor Martinas 
vnd Philippus derselben leut vil. Das mans nicht etwa mut- 
willigen leuten gebe. 

Weiter zugedencken von berurten vbrigem geldt. die dren 
Jirmerckte zu Leyptzick gute bucher in die Librey zu Wittemberg 
aufm Schlosß kauffenn von Jar zu Jar zubessernn. Darzu man 
dann der kirchenperson eyne zu Wittenberg verorden kunt ir 
brot domit zu verdienen. Die librey zuerhalten. 

Das welleth bey meinem Gnedigsten Hern dem Churfursten 
zu Sachssen etc. treulich vnd vnterteniglich helffen furdern. In 
ansehung das bede berurte Sachen gemeinen Christlichenn nutz 



1) Vgl. die folgende Nr. 24. 



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DREWS ; SPALATINIANA. 



8<> 



betreffenn, ynd vns alleon vnsers Vermögens zufurdern christlich 
annsteet 

Cod. No. XXVII. — N. Bl. 523. — Gehört zu No. 23. 

25) Spalatin an Hans von Doltzig. 

17. Febrnar 1526. 

Dem Ernnesten vnd Gestrengen Hern Hansen von Doltzck etc. 
meinem besonder gunstigen Hernn. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Ernuester besonder gunstiger 
Her. Wo es euch allenthalben gottseliglich vnd wol gienge wer 
ich alltzeit zuerfaren sehr erfreueth. 

Gott lob es steet heroben noch zeimlich, Allein das die winckel- 
messen vnd andere tempeldienst im Schlosß etc. noch steen. Der 
Ewig Gott gebe sein gnad vberal, das man endtlich doruon musß 
absteen. 

Ich bitt nochmals wie vor gegen meinen Gnedigsten Hern dem 
Churfursten zu Sacbssen die Christlich vniversiteth zu Wittenberg 
vnterteniglich zu befeien. Vnd sonderlich der Librey vnd armen 
frummen stndenten treulich zugedencken. Das man denselben 
alle katemer ein wenig reichen mocht, 

Euch befil ich auch treulich magister Marxen Althenn *. Do- 
mit sein sach zu einem gnedigen vnd vnuertzuglicben ende lau- 
ffen möge. 

Gestern vor dato hab ich aus Antorff schrifft vberkummen 
von vnsern Gabriel Stendlen. geben am 29 Januarij. In welcher 
er eur wie all wegen zum besten gedenckt. Vnd schreibt mir 
vnder andern Zceitung wie ir hieneben vertzeichent befindeth. 
Die mugt ir meinem Gnedigsten Hern auch mitteylen, Vnd son- 
derlich auch magisters Voyten etc. neben meinen getrewen gros. 

Euch wünsche ich zu euren Tornyrn vil glücks vnd heyla. 

Ich hoff ir werdt mein mit dem fesslen wilpretbs so es sein 
mag von Colditz gunstlich gedencken. 

Domit vil seliger Zceit. Datum Sonnabent nach Esto mihi. 
Anno Domini xv e xxvj. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XXII. — N. Bl. 480. 

26) Spalatin an Hans von Doltzig. 

22. Februar 1526. 

Hern Hansen von Doltzk etc. Zu eigen banden. Torgaw. 
Besonder gunstiger Herr. Heut Dato hab ich eurer schreiben 
zu allem fr. vnd christlichem Danck entfangen vnd verlesen. Dess 



1) Über ihn in Mitteil, des Osterbindes VI, 220 ff. u. 233 ff. 



Di 



90 



ANALEKTEN. 



ich euch auch allenthalben sonderlichen danck sage, vnd hett 
euch zur vergleichung oder vil mer zur antzeige meiner danck- 
parkeit gern vil Zceitung wider geschribenn. Weil ich derselben 
aber nicht hab. hoff ich ir werdt on den nyderl endischen so ich 
euch hieuor geschriben vnd itz mitschick von vnserm lieben G. 
Stendlen entfangen ditzmals bestetigen lassenn. bis mir etwas 
bessere kümpt So ists euch billich vnnersagt. 

Der kongynn von Denemarck 1 verteutscht Epitaphium oder 
Grabschrift werdt ir bey Her Anshelm von Tettaw finden. Ich 
hab sein keyn abschrifft behalten sonst solts euch itz worden sein. 

Gott gebe vnser F. Obrickeit weiter gnad vnd stercke. Dann 
mir gefeilt hertzlich wol das mein Gnedigster Herr aus Gotts 
gnad so weit kummen sind das sein C. G. in gotlichen sachen 
so lautern befel geben *. vnd das man vber hof fleisch isseth. 
Dann ist doch S. paulus clar wort 1. Timoth. 4. Das das wider- 
spil teufels 1er. irrig geister fall vom glauben heuchlerey. gleis- 
nerey. gebrandte mal in gewissen, vnd lugenreden sind. etc. So 
sagt Ie paulus. Tit. 1. Omnia munda mundis. id est Credentibns 
omnia sunt munda. Ja Christus selbs Math. 15. Quod intrat 
os non coinquinat hominem etc. 

Gleich dise stund ist der bot mit dem gedruckten befel die 
Oerimonien betreffend kummen an Ampten hie zu Aldenburg. 

Könnt ir mir helffen Zu einem fesslen mit wilpreth von Col- 
<3itz so bitt ich wie vor. 

Domit Gottes gnad in e wickelt. Datum Dornstag nach Inuo- 
cavit. 1526. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XXV. — N. Bl. 492. — Auf der Adresse: Spa- 
latinus 1526. Item (?) das gesalzen wildprett. 

27) Spalatin an Hans von Doltzig. 
11. April 1526. 

[Dem Ernu]e8ten Gestrengen Hern [Hansen vo]n Doltzck etc. 
meinem gunstigen Hernn. [Zu] eigen handen. 

Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Besonder gunstiger Lieber Herr. 
Wo es euch auf dem gebirg allenthalben von Gott glucklich vnd 
wol zustünde wer ich zu erfaren ser erfreweth. 

Gegonwertigen briefs Zceiger otwo ein mnnchen zu Grunhayn 
vnd sein andere außgetretene brudere bitt mit allen vleis zusampt 
den andern Hern Beten in gunstigen befelh zuhaben. Domit sie 
ir zcimlich abfertigung erlangen mugenn. Wie ir vngetzweifelt 



1) Isabella, gest. 9. Januar, vgl. Enders a. a. 0. V, Nr. 1032 1 . 

2) Vgl. Mitteil, des Osterendes VI, 516, Nr. XIII u. 518, Nr. XV. 



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DK EWS, SPALATINIANA. 



91 



treulich wert helffen furdernn Dann die arme leut werden vil 
auf Tnd ab getribenn etc. 

Ferrer weiss ich euch als meinem lieben Hern nicht zuuer- 
balden das mir glaublich geschriben wirt, wie das sich meiner 
nachbarn eyner zu Torgaw Caspar Schneider vntersteen soll, 
meines heuslen zu schaden zu bauen, Derhalben bitt ich freunt- 
lich wenn ir wider anheym kümpt ir welleth helffen darob sein 
das nichts vnbillichs furgenummen werd. Dann ich beger nicht 
anders noch mer, denn das mein nachbar also mit mir handle 
wie er kunt leiden das ich mit Im handleth. Do steen alle pro« 
pheten vnd das gantz gesetz Innen. Wie Christus selbs sagt 
Mathej yij. 

Weiter kann [ich euch in] gebeym nicht bergen das mir man- 
cherley vnschicklickeit hie begegent haben, wie es vmmer kümpt. 
Sind darunder spitzig schrifft gangen, die der itzig statschreiber 
valtyn Kolb fast wol machen kan. werd gleich matt darüber. 
Darumb bitt ich wo irs für gut achteth. ir welleth dem Burger- 
meister hie Ludwig Bernsteyn schreiben, das euch furknmmen sey 
das mir hie allerley begegen soll. Das hortt ir vnd andere 
nicht gern. Wust auch das es ineinen Gnedigsten vnd Gnedigen 
Hern nicht gefallen wurd. Dann ir wust so solten sie die von 
Aldenburg es auch wol gespurt haben das ich Inen aus gnaden 
vnd auf ir beruffung vnd nicht mein Zudringen geschickt were 
etc. Ob es helffen wolt. Dann mit Gottes hnlff wolt ich die 
kortze Zceit gern mit glimpf zubringen. Wenns die erden nur 
vermocht Der Burgermeister ist meins achtens redlich. Ir wisst 
wie ich allweg für die arme leut so treulich geschriben vnd ge- 
beten hab. Mir solt wol gelont werden. Nu Gott gebe gnad. 
Wunder hett ich euch antzutzeigen. Damit vil seliger Zceit. 

Gegenwertiger weisß mir zusagen das der konyg zu Denemark 
bey meinem Gnedigsten Hern gewest sey. 

Datum Mitwoch nach Quasimodo geniti Anno domini xv c xxvj. 

Georgius Spalatinus. 

Kumpt ir wider zu hoff so helfft Ie durch Gott, das die 
Christlich Reformation auch am Stifft hie im Schloß vnd ander 
geistlickeit vnd in des adels pfarren kumm. Dann sonst wurd 
nymmer mer nichts guts darauß. 

Cod. No. XXVI. — N. Bl. 494. — Auf der Adresse: Spala- 
tinus. Quasimodo geniti 1526. 

28) Spalatin an Hans von Doltzig. 
13. Mai 1526. 

Dem Ernuesten vnd Gestrengen Hern Hansen von Doltzck etc. 
meinem besonder gunstigen Heran. 

v 

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92 



ANALEKTEN. 



Gottes Gnad vnd Frid zuuor. Besonder gunstiger Herr. Das 
mein hausfraw vnd ich nechst zu Torgaw euch angesegt ab- 
geschiden. ist allein ans dem bescheen, das wir euch nicht 
haben wissen in eurer vnmusß zubeladen. Sonst hettet ir Ie ein 
vil merers vmb vns beide verdient Darumb bitt ich treulich von 
vnser beder wegen vnsern abschid nicht anders den gutwillig 
zuuermercken vnd deuten. Auch meiner Catharin itzig schreiben 
vnd bittenn so vil euch vmmer muglich räum geben. Wie wir 
vns denn bede zu euch von hertzen versehen, mit erwnnschung 
aller selickeit. Das sind wir auch bede danckpar zusein mit 
Gottes hulff allweg willig vnd erbötig. Datum Sontags Exaudi. 
Anno domini xv c xxvj. 

Georgius Spalatinus. 

Cod. No. LXII. — N. Bl. 779. — Im Cod. oben rechts 
irrig: 1536. Darnach auch von N. ins J. 1536 gesetzt 

29) Spalatin an Hans von Doltzig. 
23. Januar 1527. 

Dem Ernuesten Gestrengen Hern Hansen von Doltzk meinem 
besonder gunstigen Hernn. Zu eigen banden. 

Gottes Gnad vnd Frid in Christo zuuor. Ernoester besonder 
gunstiger Herr. Wo es euch allenthalben von Gott gluckseliglicb 
gienge erfur ich alltzeit gern. 

Hoff Euch sei mein schreiben aus dem marckt zu Leyptzick 
worden. 

Eur Zceitung durch Abraham von Einsidel vnd der zugeschick- 
ten briefe durch den Gleitzman zu Born tbue ich euch freunt- 
lich vnd vleissig dancksagung. 

Schosser Bat vnd Gleitzman zu Torgaw haben mir zu antwort ge- 
ben, mein Gnedigster Herr hüben ernstlichen bevelh Ihnen thuo 
lassen, doch vnuermeldt durch wen. Ire Jarrenthe hinfurt mer 
nyrgentßhin denn in Ire Cammern zugeben. Darauf ich seyner 
C. G. geschriben. Vnd nu teglich der antwort warte. 

Itz bab ich nichts newes denn des kenygs von Engellandt 
antwort auf Doctor Marti dus schrifft an beuanten konyg des ers- 
ten Septembris im Jar xv co xxv ausgangen l . Darinn der konyg 
zu Engelland den Doctoreu Martinus bald in der vberschrifft ein 
Ertzketzer nenneth. Item sagt das fast alle seine bucher nichts 
denn die allerschendtJichste Irrthumb vnd allervnsynnigste Ketze- 
reyen lernen. Item. Nenneth Doctoris Martini hausfrawen sein 
huren. Vnd spricht sie besitzen keyn Ee. Lobt Babst, Cardinel, 



1) Luthers Brief bei Enders V, Nr. 971. 



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DREWS, SPALATINIANA. 



93 



Concilien, Vetter, Doctores, Sophisten. Komisch Kirchen vnd hof 1 ; 
pariß vnd alle Vniuersiteten die den Doctorem Martinnm für ein 
Kotier Yerdampt haben. 

Legt Im vil vermeinter ketzereyen anf. Vnter welchen er 
fnr die erste antzeucht, das er den freyen willenn verneyne, 
Folgend, das er wider die Sacrament Christi schreibe, Item wi- 
der die Messen. Item wider das Fegfeur, Item das er soll die 
reyne Junckfraw Maria vnd das Creutz Christi geschmeht habenn, 
Item gibt im schuld er holbippel 2 die gantze kirchen. Er lestere 
die heiligste Veter, Er lestere alle heiligen, Er verachte die Apo- 
steln Christi. Er vnere die matter Christi. Er mache Gott zu 
einem brunnen, haubtsacher vnd treibet aller vbeltatenn, Item 
sagt das der paurn anfror aus seinen buchern verursacht vnd 
das er ob sibenUig tauzent paurn vmb leib vnd leben vnd seelen 
on Zcal in die hell bracht habe. 

Ermaneth Ihn endtlich sein weib zuverlassenn. und in ein 
Closter zutziehen vnd zubussen. 0 lieber herr wol ein giftig 
vnchristlich schrifft ist das. Wie veel fureth sie Gottes wort. 
Das ein Jedes christlichs mensch zu vil malen solt lieber Je 
ehr Je besser sterben denn solche Gotteslesternng erfaren. Es ist 
lateynisch zu Dresden, villeicht auch teutsch gedruckt *. Gott 
nelffe vns allen Amen. Datum Mitwoch nach Vincentij. Anno 
domini 1527. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XXXII. — N. Bl. 562. Unter der Adresse: Spa- 
latins Purificationis Mariae virginis [2. Februar] 1527. 

30) Spalatin an Hans von Doltzig. 
5. Februar 1527. 

Dem Ernuesten vnd Gestrengen Hern Hansen von Doltzck 
meinen besonder gunstigen Lieben Hernn. Zu eigen Hendt vnd 
allein. 

Gottes Gnad vnd Frid in Christo. Besonder gunstiger Herr. 
Wo es euch von Gott aufs beste gienge wer ich zuerfaren ser 



1) Am Rande: beuor den Cardinal zu Enpellandt [Wolsey]. 

2) Hohlhippeln schmähen, lästern, spotten (Grimm. Deutsches 
Wörterbuch IV\ S. 1718). 

8) Responsio ad Epistolam M Lutheri in qua hic veniam petit 
etc. — Panzer, Annal. X, 396 kennt nur zwei Ausgaben: Argentorati 
1537 und Coloniae 1527, aber keine, die in Dresden erschienen wäre. 
Eine solche kennt auch Schoettgen, Historie derer drefsdnischen Buch- 
drucker nicht. Auch auf der Dresdner Bibliothek habe ich vergebens 
danach gefragt — Emser lieft Anfang 1527 eine Übersetzung erscheinen 
(Vgl. Köstlin, Luther II 4 , 145). 



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94 



ANALEKTEN. 



erfreweth. Der Hoffnung wo ir etwas seltzams von Zceitnng er- 
langt ir werdt mein domit gunstlich gedencken. Weichs ich wo 
mir etwas beuor aus Nyderlanden zukumpt billich widerumb thue. 
Gott lob mein Gnedigster Herr der Churforst za Sachssen haben 
mir von wegen der Zcins meines lehens halben za Torgaw ein 
guedig antwort geben. Welichs euch ich freuntlicher meinung 
als meinen geliebten Hern in keyn weg hab wissenn zauerhalten. 
Domit ich euch in Gottes hüld vnd schirm treulich befil. Zü- 
sampt allen meinen lieben Hern vnd freunden zu hof. Datum 
Dinstag Agathe 1527. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XXIX. — . Bl. 548. 

31) Spalatin an Hans von Doltzig. 
11. Februar 1527. 

Dem Ernuesten vnd Gestrengen Hern Hansen von Doltzck 
meinem besonder gunstigen Hern. 

Gottes Gnad vnd Frid in Christo. Emuester besonder gun- 
stiger Herr. Hie schick ich euch ein verdeutschte schrif [ft] die 
Erasmus von Koterdam an hertzog Jorgen secretar eynen so] [1] 
gethun haben ! . Die welleth meinem Gnedigsten Herrn dem Chur- 

fursten Zu Sachssenn etc [vnte]rteniglich ver 2 d 

so fugen vnd leiden will seynen . . . G. mich vnter- 

teniglich befelenn 

Mit vleis befel ich euch Sigmund den blinden Organisten vnd 
Ambrosius] Hoffer Orgeldiener. Dann ich hoff Ihn sey'mit einem 
geringen zuhelf[fen]. 

Weiter bitt ich aufs treulichst wie ir vermerckt das etwas 
zuerheben den Hern Cantzler zubitten mein Job zu Ihm in die 
Cantzley zunemen, vngetzweifelt er wurd sich dienstlig vnd wol 
halten. Dann er ist frumm zuchtig verschwigen vnd zimlicher 
handt, wie ir aus inligenden Erasmi schrifft zuuernemen. Bitt 
dess eur gunstig antwort. Vnd dises anlauffens keyn beschwerung 
zutragen. Hiemit wünsch ich euch allen Gottes huld vnd schütz. 
Amen. Datum Montag nach Scholastice 1527. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XXVIII. — N. Bl. 549. — Sehr verstümmelt. 



1) Welche der verschiedeneu 1526 erschienenen Schriften von Eras- 
mus gemeint ist, ist nicht zu bestimmen. 

2) Fehlt eine Zeile. 



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DREWS, SPALATJNIANA. 



32) Spalatin an Hans von Doltzig. 

15. Febraar 1527. 

Dem Ernuesteu Gestrengen Hern Hansen von Doltzck meinem 
besonder günstigen Hern. 

Gottes Gnad vnd Frid in Christo zunor. Ernnester gunstiger 
Herr. Wiewol ich hoff ir habt nu des Ferdinanden einzug zu 
praga ergangen sej bekummen K dennoch weil Ich dess heut von 
Martin Sanger zu Zwickaw 2 der dabey gewest ist als er mir an- 
tzeigt bericht hab ich in keyn weg vnterlassen wollen euch zu dienst 
so gut ichs in eyl zusanientragen mugen euch mitzuteilen. Vn- 
getzweifelt wo irs für gut achtet ir werdeths meinem Gnedigsten 
Herrn auch vnterteniglich vermelden. Vnd was euch von der 
kronung etc. zukumpt mir auch nicht verhalten. 

Der wapen bitt ich Ie nicht zuuergessen. Zusampt Iren titeln. 

Ferrer bitt ich mit allem vleis Martin Sangers supplication 
helffen zuantworten ein gnedige offen schrifft zu erlangen. Das 
bin ich zusampt Ihm zuuerdienen willig. Domit befil ich euch 
vnd den gantzen Chf. hof in Gottes gnad vnd schütz. Datum 
Freytiig nach Scholastica Anno domini xv c xxvij. 

G. Spalatinus. 

Weiter habt ir hie ein antzeige von einem newen monstro 
Zu Brüx lauts Martin Sangners inligender handtschrifft welchs ir 
alles dem Hern prfteeptor Taubenheym Feyhel, Grefendorf Mgr. 
Veyten etc. welletu mitteilen. 

Cod. No. XXXI. — N. Bl. 550. 

33) Spalatin an Hans von Doltzig. 

16. Februar 1527. 

Dem Ernuesten Gestrengen Her Hansen von Doltzck etc. meinem 
besonder günstigen Heran, 

Gottes Gnad vnd Frid in Christo. Ernuester gunstiger Herr. 
Was ich heut für Zceitung von vnserm nyderlendischen Freundt 
bekommen werdt ir hirinbewart befinden. Douon ir meinem 
Gnedigsten Heran mugt antzeigen desgleichen andern Hern vnd 
freunden was ir meynt. Dann ich habs euch lenger nicht 
wkßen zuuer halten. Datum Sambstag nach Valentini. Anno 
domini xv c xxvij. 

G. Spalatinus. 

E. G. werden ob Gott will meins Jobs meiner nechsten bitt 



1) Einzug zu der am 24. Februar vollzogenen Krönung zum König 
ron Böhmen. 

2) Über S. Enders VII, Nr. 1619». 



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ANALEKTEN 



nach gunstlich gedencken. Vnd mir wider schreiben, ob ichts 
oder nichts da zuhoffenn sey. 

Cod. No. XXXIII. - N. Bl. 651. — Auf der Adresse: 
Spalatinus Zeyttung Aus Anttorff Mitwoch nach Valentini 1527. 

34) Spalatin an [Hans von Doltzig.] 
30. März 1527. 

Gottes Gnad vnd Frid in Christo. Ernuester gunstiger Herr. 
Nach erwnnscuung alles guten vnd gesundts. thue ich euch gantz 
fr. m einung zuwissenn. das ich heut Dato von vnserm lieben 
freundt aus Antorlf schrifft entfangen hab durch Leyptzick zu 
Antorff am xj* B Martij gegeben. In welcher er enr neben er- 
wunscbung aller seligen wolfart zum besten gedenckt, Schickt 
mir auch ein lateynischen druck wie der konyg von Franckreich 
entschuldigt wirt aus was vrsachen er den vertrag gegen Ro. kay. 
Mat nicht zu halden schuldig sey. Schreibt mir er hab den- 
selben geteutscht, Sey Ihm aber zu vil gewest vmbzuschreiben. 
Soll im das exemplar widerschicken. Itz lasß ichs vmbschreiben 
Domit ich die Copien solcher grosser handlang auch bey mir habe. 

Weiter schreibt er mir also. 

Wir sitzen stark hie noch in Egypto vnd gefencknusß von 
Babylonien, Gott helf vns daraus, Sonst ists verlorn, 

Der Salamann oder Graf von Ortenberg 1 ist itz hie gewest des 
Konygs von Beuern Ambasator. Vnd in Engellandt getzogen mit 
Doctor Johannes Fabrj von Constentz 2 geldt zobetteln wider den 
Turcken. 

Aber der Fabrj sucht seyn eigen nutz als Murnar Eccius 
auch da gethun haben. Ist hie vmbgangen in eynn damascken 
mardern schauben mit vil knechten, Ist gantz Lnx mundj. 

Item Eyn naiuh&fftiger predigermunch doctor mit namen Melis 
ist im anfang hefftig wider das Euangelion in seynn predig vnd 
also gewest, das er aus forcht eines künftigen auflau£fs in Hol- 
landt ist versandt worden ist des vergangen winters in Harlen 
gantz bekert, vnd hat auf dem predigtstul öffentlich widerruft. 
Es sey alles falsch gewest was er zuuor gepredigt habe, Gott 
vnd die seynen verfolgeth. Das sey im leid, Das mans Im ver- 
tzeibe. Dess ist er alda auch verfolgt vnd gefangen worden. 
Aber man sagt er sey dauonkommen. 



1) Gabriel Salamanca, ein Spanier, den Ferdinand zum Grafen von 
Ottenburg gemacht hatte. 

2) Von dieser Reise Fabers handelt: Oratio a Fabro de origine ac 
tyrannide turcarum ad Henr. VIII. habita. 1528. Cf. Kettner, De 
Joh. Fabri ... vita et scriptis (Lipsiae 1737), p. 30. 



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DREWS, SPALATINIANA. 



97 



Item so bat man lang gesagt, wie das bruder Mathes parfuser 
ix Jar lang bie gepredigt gelert wolsprecbend wider das Euange- 
lion hefftig, vnd minister des Ordens hie Gardian gewest, soll 
eich itz auch bekert haben. 

Item sonst steets in der weit seltzam genug. 

Ko. Kay. Mat heldt in Hispanien itz ein Landtag mit der 
geistlickeit, geldt von Inen zuscbetzen, in Vngarn wider den 
Turcken. zu kriegen. Dazu etlich Bischöfen schon ab 100 M. 
ducateu erlegt vnd hergemacht sein geben haben, mit dem be- 
echeid teglich besserer Bistamb zugewarteD. 

Item beichtuatter vnd ander munchen vnd pfaffen regirn den 
Kayser vnd alle Fürsten gar, verfolgt den Babst mit krieg, vnd 
will doch sein thon for gut vnd heilig halten. Verkriegt was 
er hat mit Im, Dann dem Babst kumpt dem Bapst (sol) vom 
Eonyg, Cardinal, vnd andern teglich genug zu. 

Item der Viceroy 1 ist des vergangen monats ein tagreiß von 
Bora vor eyner Stat gelegen, mit vil Folcks aus Hispanien vnd 
den Tolumneser, vnd practick gehabt den Babst selbs in Born 
zubehendigen. Dieselb practick ist aber außkummen vnd hinder 
sich gangen. Also das sich der Viceroy sich mit seinem Folck 
hinder sich in Neapels gethun hat, Ist im des Babsts Folck 
starck nachgefolgt ein Stat Aquila vberkummen, mit mer flecken 
zu Neapels gehörig, die nicht starck sind. Vnd der Babst hat 
sein Armada vnd galeen zu mere nach Neapels vnd Sicilien ge- 
sandt, dieselben einzunemen. Das man vbel forcht desselb ge- 
scheen seyn *, 

So ligt der Hortzog von Burbon vnd H. Jorg von Fronsberg 
noch vmb Parma, richten nichts aus, zeiehen wider hinder sich 
noch für sich, Leiden groß inangel an geldt vnd allen andern 
dingen. Also das des Kaysers fach nicht wol steet, Ja gantz 
sorglich in Italia das gantz zuuerlieren. Als dann wirts an dise 
Land auch geen , vnd sich das spil mit Engellandt heben, vnd 
der Kayser baß muß lernen erkennen was Babst, pfaffen vnd 
munchen sind, vnd thunn, wenn im das wasser in mund geen 
wirt so wirt er lernen 6chwymmenn, 

Item man sagt das der Wayuoda k. in Vngarn den frid mit 
den Turckeu gemacht hab außruffen lassenn. Vnd soll durch et- 
lich Vngarische Hern die der Turck mit gefangen hett Zceitung 
kuminen Win das der Turck sich wider rüste widerumb starck 
mit dreyen beeren auf Vngarn deu andern ort zubeschirmenn. 



1) Lannoy, der Vizekönig von Neapel. 

2) Über die Erfolge des Papstes gegen Neapel im Februar 1527 
vgl. baumgarten, Qesch. Karls V., II, 531. 

Z.iUcbr. f. K.-0. Iii, l. 7 

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98 



ANALEKTEN. 



Item es ist auch Zceitung kämmen das her Jorg von Frons- 
berg vor placentz gelegen vnd ein stürm verlorn habe *, vnd das 
der Tarck wider zwey schlosß in Vngarn genummen hab. 

Dise Zceitung welleth meinen Gnedigsten vnd Gnedigen vnd 
andern Hern auch mitteilen. Domit befil ich euch alle Gott zu 
ewigen gnaden. Amen. Datum Sonnabents nach Oculj 1.5.2.7. 

G. Spalatinus. 
Cod. No. XXXIV. — N. Bl. 552. — Adresse fehlt 

35) Spalatin an Hans von Doltzig. 
18. Mai 1527. 

Dem Ernuesten Gestrengen Hernn Hansen von Doltzck etc. 
meinem besonder gunstigen Hernn. Zu eigen handen. Allein. 

Gottes Gnad vnd Frid in Christo. Besonder Lieber Her. 
Das sich eur kranckbeit aus Gottes gnaden zur besserung schickt, 
hab ich vom newen gleitzman hie zu Aldenburg vnd andern her- 
tzlich gern erfaren. Gott gebe weiter stercke vnd gnad. 

Itz schick ich euch ein vertzeichnis aus zween briefen von 
Zceitung von vnserm lieben freundt aus Antorff heut Dato ent- 
fangen. Darinn er eur neben freuntlicher begrussung zum besten 
gedenckt. Bittend ir welleth neben vnterteniger befelnng meiner 
wenickeit dise Zceitung so vil sie euch des wirdig dunckeu meinen 
Gnedigsten vnd Gnedigen Hern mitteylen. Domit Gott in ewickeit 
befolen, Datum Sonnabent nach Jubiiate Anno domini xv. e xxvij. 

G. Spalatinus. 

Cod. No. XXX. — N. Bl. 557. 



1) Weder von einer Belagerung, noch von einer Niederlage Frunds- 
bergs ist sonst etwas bekannt. 



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BUKKHAKDT, ALTES UND NEUES ÜBER LUTHERS REISEN. 99 



2. 

Altes und Neues Ober Luthers Reisen. 

Quellenm&fsig 1 mitgeteilt 
von 

Dr. C. A. H. Burkhardt. 



15 20 11. Oktober kam Luther bekanntlich in Lichtenberg 
wegen seiner Unterhandlung mit Miltitz an. Aus Vorsorglichkeit 
hatte der Kurfürst am 9. Oktober einen Boten nach Seyda abge- 
ordnet, der den Befehl überbrachte, alle Halden und Fährden, die 
Luther zu passieren hatte, zu prüfen und sicher zu stellen, damit 
dieser ohne Gefahr nach Lichtenberg reisen könne. Die That- 
ßachen ergiebt eine Rechnungenotiz, die Beg. Bb. 2774 darbietet 
Die Stelle in Lingkes Reisegeschichte I, 75: „Dabey berichtet 
mich mein Diener, dass darüber nicht fern von dannen 30 Pferde 
wartend gewesen sind", spricht ebenfalls für die Vorsorglichkeit 
des Kurfürsten, der danach ein starkes Geleite aufgeboten haben 
m niste. 

15 2 2. Luther mufs schon am 5. Mai nach Torgau gekommen 
sein. Das ergiebt sich aus einer amtlichen Nachricht vom Mon- 
tag n. Misericordias (5. Mai) an die Ortschaften Dommitzsch, Bei- 
gem und Schiida „dass Luther alhier (sc. Torgau) predigen 
werde". Da nun Luther nach seinen Briefen am 6. Mai wieder 
in Wittenberg war (s. de Wettes Briefe), so mufs er noch an 
demselben Tage am 5. Mai in Torgau gepredigt haben. Die No- 
tiz entstammt einer Rechnung Bb. 2433. Von Interesse ist übri- 
gens auch die, Benachrichtigung der umliegenden Ortschaften über 
die bevorstehende Predigt Luthers. 

15 2 2. Lingke setzt den Aufenthalt Luthers in Erfurt und 
Weimar, ohne nähere Bestimmung der Tage, Ende Oktober und 
Anfang November. Da sich nun nach Bb. 5210 feststellen läfst, 
dafs Luther sieben Nächte bei dem Kammerschreiber Sebastian 
Schade in Weimar wohnte, der im alten Vorwerk beim Schlofse 
ansäfsig war, und Luther am 2. November schon wieder in Witten- 



1) Nach Rechnungen des S. Einestinischen Gesamtarchivs .in 
Weimar. 

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100 



ANALEKTEN. 



berg sich aufhielt (s. meinen Briefwechsel Luthers S. 50), und 
er sicher am 21. u. 22. Oktober in Erfurt predigte, so läfst sich 
mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dafs Luther am 23. Oktober 
von Erfurt nach Weimar reiste, bis zum 30. dort verblieb und 
am 31. Oktober nach Wittenberg zog, wohin er mit sieben Per- 
sonen und drei Pferden gebracht wurde. Bei seiner siebentägigen 
Verpflegung wurden ihm kleine Fische, Semmeln, Obst, Ingwer, 
Hühner, dicke Milch, Wein uud Bier verabreicht. 

152 3. Nach einer Rechnungsnotiz Bb. 672 wnrde Luther am 
17. März auf Erfordern Hanbolds von Einsiedel von Wittenberg 
nach Eilenburg durch den Bornaer Geleitsmann geholt 

15 2 4. Zu der Reise Luthers von Wittenberg nach Weimar, 
Jena, Orlamünde, über die Lingke richtige Angaben macht, ist zu 
bemerken, dafs der Zweifel (bei Lingke S. 147, Anm. 6.) an dem 
sechstägigen Aufenthalt Luthers in Weimar begründet ist, da 
Luther, obwohl die Beratungen mit dem Hofprediger Stein einige 
Tage in Anspruch genommen haben können, sicher am 21. Au- 
gust nach Jena reiste, wohin er mit 2 Pferden gebracht und 
Tags darauf sein Wagenführer Seiffart mit 12 Gr. abgelohut wurde. 
Den Sonntag bestätigt auch Lingke Anm. 7. Wahrscheinlich 
wurde Luthers Reise auch noch von dem besonderen Briefe des 
Hofpredigers Stein an Luther veranlafst, der am Samstag Sixti 
(6. August) für das Botenlohn in Rechnung gestellt wurde. (No- 
tiz in Bb. 5217.) Über Ankunft und Dauer des Aufenthaltes von 
Luther in Weimar lä&t sich nichts feststellen. Die Berechnung 
über die Kosten seines Aufenthaltes (6 Guldon) fand erst Frei- 
tag nach Bartholomäi (26. August) statt. Diese Summe lafst auf 
mehrtägigen Aufenthalt geblieben, für sechs Tilge ist sie zu gering. 

1 5 2 6. Die Angaben über die mehrfachen Reisen Luthers nach 
Torgiiu sind dahin zu ergänzen, dafs er am 27. April dort auf 
eine Aufforderung des Kurfürsten vom 26. April (s. meinen Brief- 
wechsel Luthers) eintraf, da ihn der daselbst anwesende Herzog 
Heinrich von Sachsen kennen lernen wollte. 

1 5 2 7. Zu ergänzen ist auch das Reisebuch Luthers durch 
folgende Rechnungsnotiz in Bb. 5232, da ein Bote in Torgiiu 
Donnerstag nach Matthäi (26. Sept.) an Luther nach Wittenberg 
abgelohnt wurde und bereits Freitag vor Matthäi die Auslosung 
Luthers in der Herberge zu Torgau mit zwei Gulden stattfand, 
wobei auch der Anwesenheit des Hans von der Planitz, Melanch- 
thons und Spalatins gedacht wird, die dann später nach Altenburg 
und Jena abreisten. Aufserdem wird Luthers Aufenthalt vom 
25. November, dessen Lingke quellenmäfsig gedenkt (S. 162 — 163) 



1) Angaben über diesen Besuch fehlen auch bei Lingke, Luthers 
Geschäfte und Andenken iu Torgau. 



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BURKHARDT, ALTES UND NEUES ÜBER LUTHERS REISEN. 1Ö1 



duTch den Auggabeposten von 27 Fl. 19 Gr. 10 Pf. berührt, 
▼elcher am Tag Andreas (30. November) berichtigt wurde, und 
woraus sich ergiebt, dafs neben Luther und Melanchthon, Dr. Je- 
ronimus (also Schurff und die Visitatoren, die extra von Jena 
kamen und nach der Beratung dahin wieder abgingen, anwesend 
waren, wie natürlich neben Magister Agricola von Eisleben, in 
dessen Streitigkeiten neben Melanchthon auch Dr. Caspar 
(sc. Teutleben) und Asinus von Hanbitz genannt werden. 

15 2 8. Der bekannte Aufenthalt Luthers bis 29. Januar incl. 
(s. Lingke S. 164) wird noch durch einen Rechnungsposten fest- 
gestellt (Bb. 5234), wonach Luther am 26. Januar in Torgau 
angekommen und bis 29. geblieben sein mufs, da für ihn und 
Melanchthon drei Nachtlager am 29. Januar verrechnet wurden, 
über die Reisen Luthers bis zum 5. Mai 1528 habe ich Quellen- 
mäfsiges in der Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft 1889 ver- 
öffentlicht und bemerke, dafs die rechnerischen Quellen sich in 
Bb. 5234, 4344, 1413, 5235 u. 5567 finden. Dafs Luther kurz 
nach dem 5. Mai mit der Visitation im Kurkreise beschäftigt und 
auch diese durch sein Erfordern nach Wittenberg unterbrochen 
wurde, lehrt die Bechnungsnotiz (Bb. 2790) 11 Gr. Losung des 
Raths zu Torgau zweien Knechten und 4 Wagenpferden, die Frei- 
tags nach Cantate (15. Mai) zu nacht den Doktor Martinas von 
der Visitation von dannen wieder anher (sc. Wittenberg) geführt. 

Eine wesentliche Ergänzung zur Geschichte der Visitation im 
Kurkreise (vom 22. Oktober an), über deren lückenhafte Kenntnis 
ich auf meine Geschichte der sächsischen Kirchen- und Schulvisi- 
tation S. 29 verweise, geben die Rechnungsnotizen in Bb. 2253. Ob- 
wohl Luther als Visitator des Kurkreises ernannt war, zeigte er 
sich nicht immer beteiligt, wie auch schon einige während der 
Visitation in Wittenberg verfafste Briefe seinen dortigen Aufent- 
halt feststellen (de Wette 25. Nov., 15. Dez., 21. Dez. 1528, 
7. März, 13. März 1529). Unmittelbar auf die (noch fehlende) 
Visitation in Wittenberg folgte die des Kreises und Amtes Schwei- 
nitz. An diese schlofs sich die Visitation in den Orten Jessen, 
Prettin und Schönewalde an. Dafs Luther unbedingt bei der Vi- 
sitation in Schweinitz, aber auch in Jessen, Prettin etc. tbfltig 
war, steht nach der Rechnung Bb. 2790 fest, da zwei Reisige und 
vier Wagenpferde den Dr. Luther und den Hauptmann von Schwei- 
nitz Sonnabends nach Trinm regum (9. Januar) wiederum nach 
Wittenberg geleiteten, auch ein Brief vom 7. Januar 1529 für Luthers 
Anwesenheit in Schweinitz spricht Somit hat Luther auch in 
Schweinitz, wo die Visitatoren im Schlosse wohnten, eine Feuers- 
gefahr bestanden, die nach grofser Anstrengung beseitigt wurde, 
als nachts unter dem Ofen Feuer ausgebrochen war. Von 
Interesse ist auch die Aburteilung eines Falls in Schweinitz, in- 



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102 



ANALEKTEN. 



dem ein „vom Teufel besessener" Bürgerssohn, der vielfach durch 
Fenstereinschlagen und Ausbrechen aus dem Gefängnis Unwillen 
erregt hatte, wieder zu Gefängnis gebracht, beim Versuch seines 
Entweichens von einem hohen Gange herabgestürzt war und des- 
halb von den Visitatoren auf drei Jahre aus dem Ort verbannt 
wurde. Die Unterbrechung der Visitation ist bekannt; erst im 
Mai wurde sie unter Dispens Luthers fortgesetzt 

1530. Zur Coburger Reise, über die Lingke richtige Daten 
aufweist, ist nur Ergänzendes hinzuzufügen. Luther, der am 
2. April von Wittenberg nach Torgau kam, logierte bis zur Abreise 
in der Pfarrei daselbst, die mit 4 Groschen Trankgeld bedacht 
und am 4. April in Grimma verrechnet wurde. Von Torgau 
reiste der Kurfürst mit den Theologen nach dem Morgonmahle 
ab, und machte gegen Abend Nacht-Bast in Grimma 4. April, in 
Altenburg 5. April, in Eisenberg 6. April, in Jena 7. April, 
in Weimar 8.— 12. April, in Saalfeld 12. April, in Gräfenthal 
13. April, in Neustadt a. d. H. 14. April, Aukunft erfolgte in 
Coburg 15. April. Nach der Nachtrast reiste man in der Regel 
früh nach dem Morgenmahle ab. Der Kurfürst reiste Sonntag 
Quasimodogeniti 24. April über Bamberg nach Augsburg; traf 
Samstag nach Michaelis 1. Oktober Abends in Coburg wieder 
ein. Die Abreise mit den Theologen erfolgte Dienstag Francis« 
4. Oktober früh. Mehrfach zn ergänzen und zu berichtigen sind 
die z. T. unrichtigen Angaben Lingkes über die Rückreise. 
Diese gestaltet sich wie folgt: 

Abreise von Coburg 4. Okt., Ankunft in Neustadt 4. Okt. 
„ „ Neustadt 5. „ „ „ Lehsten 5. „ 

Lehsten 6. „ „ „ Schleiz 6. „ 



Schleiz 7. „ „ „ Weida 7. 



„ „ Weida 8. „ „ „ Altenburg 8. „ 

ii „ Altenburg 9. „ „ „ Grimma 9. „ 

Grimma 10. „ „ „ Torgau 10. „ * 



»» t» 



In Torgau erhielten Luther und Melanchthon jeder 20 Gul- 
den Trinkgeld. Die Gesamt-Reisekosten zum Augsburger Reichs- 
tage betrugen 32659 Gulden 8 Gr. 6 Pf. Quelle: Reiserechnung 
Bb. 3570. 

Über Luther selbst enthalten die Rechnungsnotizen nur weni- 
ges. Der Bezug von Arzneien aus der Apotheke läfst auf sein 
Unwohlsein in Weimar scbliefsen. Auch die Beschaffung von 



1) In Köhlers Luthers Reisen steht S. 191 falsch Sonnabend vor 
Ostern den 16. April; es mu£s heifsen Freitag den 15. April. 

2) Spalatins Angabe ist allein richtig. Müllers Angabe in den 
sächs. Annalen falsch. 



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BURKHARDT, ALTES UND NEUES ÜBER LUTHERS REISEN. 103 

Gluttiegeln spricht dafür. Auf Veste Coburg wurden mehrfache An- 
schaffungen von Zinnwerk für ihn ausgeführt; die vielfachen Be- 
snche, die er empfing, Aber die Lingke Eingehendes bringt, mögen 
derartige wirtschaftliche Anschaffungen bedingt haben. Der Geld- 
un d Weinverbrauch, der mehr als 25 Eimer während seines 
Anfeuthaltes betrug, war durch den reichen Besuch bedingt, der 
sich bei Luther einstellte. 

1531. Der Zurückkunft Luthers, Brücks und des Jonas 
von Lochau nach Wittenberg in der Woche Catharinae (20. bis 
26. November) gedenkt eine Rechnungsnotiz Bb. 2796, der zu- 
folge der Kurfürst die Rückkunft mit vier Pferden, denen Ver- 
pflegung gegeben war, anordnete. 

15 3 3. Das Verhör Stiefels, der auf Erfordern des Land?oigts 
am 27. August erschien (de Wette: feria tertia post Bartholomaei), 
um sich über die Verkündigung des jüngsten Tages zu rechtfertigen, 
wurde noch dreimal und zwar in der Woche Egidii (1. — 6. Sep- 
tember), Galli (12.— 18. Oktober) und Ursulae (19.— 25. Ok- 
tober) fortgestzt. Beim ersten Verhör antwortete Luther dem 
Stiefel 7 Gulden aus, eine spätere Zahlung im Betrag von 
10 Schock 30 Gr. beweist übrigens, dafs man den Stiefel bei 
seiner Absetzung nicht ganz fallen liefs. (Reg. Bb. 2801.) 

15 34. Lant Notiz in Bb. 2805 geleiteten Fürst Joachims 
von Anhalt Diener den Dr. Luther von Dessau nach Wittenberg 
am Tage Margarethe (13. Juli). Bei Lingke unbestimmt 

15 34. Die Rechnung Bb. 2805 von Walp. 1534—1535 
bringt die interessante Notiz, dafs Luther den Boten Simon Weifs 
auf Befehl des Kurfürsten nach Soest in Westfalen absandte, um 
zu erkunden, wie es „vmb die Sache zu Munster stehe"; der 
Bote ist aber auf dem Hinwege gefangen worden. 

153 6 wurde Luther auf Befehl Kurfürst Johann Friedrichs 
auf vier Tage, Dienstag bis Freitag nach Exaltationis Crucis 19. bis 
22. September zur Verhandlung mit der k. böhmischen Gesandt- 
schaft nach Torgau geholt Am Tage Michaelis 29. September 
wurde Luther wieder nach Torgau geholt, wo ihm die Auslosung 
.„abermals laut seiner Handschrift nicht worden ist". Bb. 2813. 

15 3 7. Die Schmalkaldener Reise Luthers ist von mir in 
4er Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft 1882 Heft 7 u. 8, 
S. 353 — 362 quellenmiUsig dargestellt. Einige spatere Reisen 
Luthers von 1537 sind bis jetzt unbekannt geblieben. So wurde 
Luther am 3. Oktober 1 537 von Lochau nach Wittenberg durch zwei 
Einspännige geleitet; hier blieb er am 3. u. 4. Oktober, ging am 
5. Oktober nach Lochau zurück und wurde am 6. Oktober wieder 
nach Wittenberg geholt Am 3. Oktober abends war Luther 
bei dem Prinzen Johann Ernst von Sachsen zu Tische (Reg. Bb. 
2815, 2816), der damals in Wittenberg studierte. 



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104 



ANALEKTEN. 



153 8. Eine Rechnungsnotiz in Bb. 5292 vom Samstag nach 
Conversionis Pauli bestätigt den Aufenthalt Luthers in Torgau: 
3 Gulden 3 Gr. 3 Pf. Zehrung und Fuhrlohn Martino Luther, 
nämlich 1 Gulden Fuhrlohn auf drei Tage; 17 Groschen 9 Pf. 
haben die Fuhrknecht alhier verzehrt und 12£ Groschen Trank- 
geld in des Luthers Uerberg. 

Bei Lingke unbekannt ist der Aufenthalt Luthers in Torgau 
Anfangs April, laut Notiz in Bb. 5293: Freitag nach Letare 
(April 5): 5 Gr. 4 Pf. Losung uff 2 pferd 2 Nacht Dr. Marti- 
nus Fnrmann beim Stoltz durch Magister Philippam gefordert. 
1 Gulden 3 Gr. zu Lohn demselben Fuhrmann uff 3 Tage anber 
(sc. Torgau) und wieder hinn. — 12£ Groschen der herberg, do> 
Doctor Martinus gelegen. 

Die Abreise Luthers von Wittenberg (nach Torgau) Anfangs 
September wird durch die Ausgabe in Bb. 2818 bestätigt: von 
Donnerstag nach Egidii 5. September: drei Einspännige haben 
Doktor Martinum ans Schiff geleit. 

Die Ausdehnung der Reise nach Torgau -Wittenberg vom 
15. — 19. November (von Lingke S. 249 erwähnt), wird durch fol- 
genden Ausgabeposten in Bb. 2818 festgestellt: */t Pf. Licht auf 
die Einspännigen, so mit Dr. Martinus Luther und Dr. Brücken an- 
her von der Schweinitz und Lochau geritten „bis auf Elisabeth **. 

Einen Ausgabeposten v. 15 3 9 die Woche Invocavit enthält 
die Rechnung Bb. 2272; nach der der Reisewagen der Theo- 
logen zum Schmalkaldener Tag (1537) wieder in stand gesetzt 
wurde. Es war der sogenannte grofse Amtswagen, der in ledernen 
Riemen hing, die nun durch Ketten ersetzt wurden; auch erhielt 
der Wagen einen neuen Tuchvorhang. 

154 0. Juni. Der Aufenthalt Luthers in Weimar, über 
dessen Dauer Lingke auch unterrichtet ist (262) läfst sich 
nach der Rechnung B. 5301 feststellen. Luthers Aufenthalt in 
Weimar dauerte sicher länger als bis zur Abreise des Kurfürsten 
nach Gotha, die Montag nach Johannis Baptiste vor dem Morgen- 
mahl also den 28. Juni erfolgte, während die Kurfürstin in Wei- 
mar zurückblieb. Lingkes Angabe, dafs Luther nach Mitte Juni 
nach Weimar gekommen sei, ist zwar richtig, läfst sich aber genauer 
bestimmen. Luther mufs spätestens am 23. Juni in Weimar angekom- 
men 1 sein, da am 26. Juni bereits drei Nachtlager für die Wa- 
genknechte Luthers sich berechnet finden (Bb. 5301) nnd aufserdem» 
das Botenlohn für Briefe Luthers an Melanchthon (nachträglich) 
am 24. Juni berechnet wird, das Mecum verlegt, der im ganzen 
sieben Nächte bei Melanchthon sich aufhielt Ist die Nachricht, 
die Lingke nach einer Chronik giebt, richtig, dafs Luther am 2. Juli 



1) Die Aufforderung dazu seitens des Kurfürsten ist vom 16. Juni. 



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MÜSEBECK, EIN SCHMÄHGEDICHT. 



105 



durch Erfurt gezogen sei, so wäre er bis dahin in Weimar ge- 
wesen \ um nun nach Gotha und Eisenach zu ziehen. Dafs Luther 
am 2. August nach Wittenberg zurückgekehrt, weist Lingke nach, 
und es stimmt dies auch mit dem Aufenthalt der Theologen in 
den zwei Herbergen Eisenachs, deren Verpflegung (Luthers, Jonas', 
Amsdorfs und Melanchthons) auf die Dauer von drei Wochen mit 
8 Gulden 7 Groschen vergütet wurde. (Bb. 5590.) 



1) Entgegen steht Luthers Brief bei de Wette vom 2. Juli 1540, 
in dem er seinen Besuch am 4. oder 5. Juli verhelfst; es sei denn, dafs 
er am Morgen des 2. Juli, vor Abreise nach Erfurt geschrieben sei. 



3. 

Ein Schmähgedicht gegen die Bettelmönche 
aus der Reformationszeit. 

Aus dem Zerbster Stadtarchiv mitgeteilt] 

von 

Stadtarchivar Dr. E. Müsebeck. 



In den anhaltiscben Landen fand die alte Kirche einen be- 
sonders starken BQckhtrit an den Franziskanern in Zerbst. Wäh- 
rend die Augustiner 1524 ihr Kloster gegen eine Geldentschä- 
digung dem Magistrate flberliefsen, der es in ein Hospital um- 
wandelte, fuhren die Franziskaner trotz des Verbotes des Rates 
fort, die Messe zu lesen. Aber auch unter ihnen fanden sich 
Strömungen, die das mönchische Leben scharf ?ernrteilten und 
geifselten. Bei der Ordnung des hiesigen städtischen Archivs 
fand sich unter den Akten aus den Jahren 1560 — 1570 ein 
kleines Quartblatt, auf dem ein Mönch, der offenbar dem hiesigen 
Franziskanerkloster angehörte, ein von ihm verfafstes Schmäh- 
gedicht aufgezeichnet hat, in dem er zugleich seine confratres 
zum Austritt auffordert. Das Stück ist hintereinander in einer 
schwer lesbaren Schrift aufgezeichnet; die einzelnen Beime und 
Absätze sind durch feine Striche hinter den betreffenden Worten 
gekennzeichnet. Das Scbmähgedicht gehört sicherlich den Jahren 
1522 — 1524 an, wo die Durchführung der Reformation in Zerbst 
sich abspielte. 



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106 



ANALEKTEN. 



Ich armer bruder! 

Ich kam darher ausz dem 1 

Unde byn franciscus genant, 

Alle mynen bruder n heucbgeleren vol bekant; 

Und tragent eszels falwes gewant unde löcheren sehne: 

Daszselbige horth allesz den heuchlern zue. 

Unde werd ych ausz dem orden nicht gegangen, 

Sho hetthe ich kegen osteren müssen einen Koffher werden; 

Unde hette müssen lauften eyn dorff nff dasz andere nedder 

Unde gebettelth eyger, putter unde kesze unde vorkauffensz vydder. 

Wy mochten ihe selzamer kauffleuthe auff erden sein kommen 

Als dey broder, dey sein in mynem orden! 

Ich weysz wol, sey tryncken gern gueth byere; 

Sey hutten sych, dasz ihn nicht gesehen alsz myr. — 

Czu Wyttenberchgen satzt man myeh auf eyn gerstenwagen 

Unde hyr hath man mich an der stupe prangen geschlan. — 

Darnmb, üben bruder, czihet ausz dy kappen undt laufft dar von 

Und lasset den kloster den rytten * han. 

Schauet zu, sy haben mir durchstochen hende, fusse und leib, 

Der teuffei in dem kloster bleibt 

Sehet ench vor, das sy euch nicht ausschinden . . . peccatores, 

Szo magk man euch billich byssen auch confessores. 

Darumb, wer myt wil, der mach sich auff gar schür, 

Wir wollen gleich wol trincken weyn undt bir. 

Werden wir doch von Martino mastsen geschulden. 

Dasz kan ich nicht wol gedulden! 

Auch sagt er: der leip ist unser gott [testante Paulo], 

Undt dasselbige ist uns auch ein grosz spott. — 
Darmitt gott bevolen, Dem habest eurem abgott, 
Welches gesetze ihr melier czalt wen gote gebottl 
Scunst lange byn ich gowest eyn heylich man, 
Nun musz ich armer bruder by brantwein feyl han. 

We und wach awer den affgott, 
Der unsz hatt belenet mitt den kalenkopl* 

1) Die punktierten Stellen bezeichnen abgerissene Stücke, die ge- 
sperrt gedruckten ergänzte Worte. 

2) rytte = ritte; nach Brinckmeyer Fieber. Hier sind wohl die 
Kranken gemeint. 

3) Die beiden letzten Zeilen sind besonders stark geschrieben. 



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J 



Inlialt. 

Seit«» 

Untersuchungen und Essays: 

1. Xit:sch, Der gegenwärtig«' Stand der Streitfrage über 



die Synteresis 1 

2. Lempp, David von Augsburg 1$ 

'4. Hanncke, Zur Reformation in Pommern 47 

Analekten : 

1. Drctvz, Spalatiniana I ti'.t 

'2. llurkhardt, Altes und Neues über Luthers Reisen . . '.•:» 

3. Müsebedc, Kin Schmäligedicht g^gen die Bcttelmünche 

aus der Reformationszeit 105 

Anhang: 

ßibi iograjjbie der kircbengescliiebtlichen Litteratur. 
Vom 1. Juli 18!>7 bis 1. Januar 1808 107 




Ausgegeben den 1. Juli 1898. 



ZEITSCHRIFT 

( AUG 4 1£ 

FÜR V 



KIRCHENGESCHICHTE, 



HERAUS Ii EU KUHN VON 



D. THEODOR BRIEGER. 

ORUKITTL. FROFBSBOR DER KIRCHRNQESriMCHTE AK DIR UNIVERSITÄT LEIPZIG, 



UND 



I 1 BERNHARD BESS, 

ZUR ZEIT nCLFSARREITER Alf DER KOL. UftlTCRSITÄTSßinUOTHKK ZU OÜTTJNflKN 



XIX. Band, 2. Heft. 




GOTHA. 
FRIEDItlCFI ANDKEAS PERTHES 
1898. 



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Euthaliusstudieiu 



Von 

E. von Dobschütz. 



Wenn Jülicher in seiner „Einleitung in das Neue 
Testament" (1894), S. 370, zu Euthalius von Alexandria 
bemerkt: „die Forschung über das an diesen Namen ge- 
knüpfte Werk mufs neu aufgenommen werden", so hat er 
damit ausgesprochen, was jeder fühlte, der einmal der Eutha- 
liusfrage näher getreten war. „Über den Verfasser steht 
nichts fest; was uns vorliegt, ist ein Sammelsurium verschie- 
dener Hände." Das ist die ehrlichste Antwort, die man 
gegenwärtig auf jene Frage geben konnte. Wenn Jülich kr 
damit erreicht hätte, dafs künftighin etwas vorsichtiger mit 
dieser Gröfse operiert würde, als es bisher geschah, so wäre 
es schon ein grofses Verdienst 

Vor einem doppelten immer und immer wiederkehren- 
den Fehler in der Benutzung des Euthalius ist vor allem 
zu warnen. 

1) Nicht alles, was man bei Zac[c]agni 1 bezw. dessen 
Nachdrucken bei Gallandi 8 und Mione 8 liest, gehört 



1) Laur. Alex. Zacagnics, Vatic. bibl. praefectus, Collectanea 
monumentorutn veterum ecclenae graecae et latinae, T. I (unic) (Rom 
1698), 401—722, dazu LIV— XCVI. 

2) Andr. Gallandiub, Bibhotlieca veterum patrum antiquorumque 
scriptorum eccksiasticorum (Ven. 1765—1781), X, 197—316. 

3) Mione, Patrologiae graecae Curaus completus LXXXV, 619— 
Zwtochr. f. K.-Q. XIX, t. 13 



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108 VON DOBSCHÜTZ, 

einem Manne, dem Hauptmasoreten des Neuen Testa- 
mentes, den wir „Euthalius" zu nennen gewohnt sind. Za- 
cagni hatte das Prinzip, möglichste Vollständigkeit sei Ge- 
währ für gröbste Güte, und nahm alles auf, was seine Haupt- 
handschrift 1 bot: darunter auch jene sogenannten Hypo- 
thesen (Argumente), von denen es bereits seit Mill 2 , Wett- 
stein 3 , Matthaei 4 feststeht, dafs sie mit „Euthalius" 
gar nichts zu thun haben, sondern der pseudo-athanasiani- 
bchen Synopsis scripturae sacrae entlehnt sind 6 . Neuerdings 
hat Robinson 6 in einer vorzüglichen Studie eine Schei- 
dung der bei Zacagni vereinigten Materialien begonnen und, 
wie uns scheint, in vielem zu einem guten Resultate ge- 
fuhrt Wir brauchen im weiteren die herkömmliche Bezeich- 
nung „Euthalius" für alle älteren Partieen des Werkes ohne 



75)0. Hier sind wie gewöhnlich manche Druckfehler eingeschlichen, wes- 
wegen wir immer die ed. princ. benutzen. Anders Stevenson, Catal. 
codicum ms*. Reginae Sueciae, p. 179, der seinem Vorganger an der 
Vaticaua vorwirft tvQtioafitvovi gelesen zu haben; es stehe in Vat. 
Reg. 179 tvQqau iifvovq: genau dies aber sagt Zacagni p. 438 n. 1 
mit der glücklichen Konjektur (VQtjaut xufA(vov$\ erst Mjqne hat jene 
Porm daraus hergestellt 



1) Zacagni benutzte 



Vat. Reg. Alex. 179 




Ac. 40, P. 


46, Greg., 


sc. XI 


Vat. gr. 367 




73, 


80, 


XI 


Vat. gr. 1660 (Crypt.) 




156, 


190, 


1037 


Vat Urb. gr. 3 




79, 


90, 


XI 


Vat gr. 363 




71, 


78, 


XI 


Vat. gr. 1761 (Lollin.) 




158, 


192, 


XI 


Vat gr. 761 [Oecum] 




« 


81, 


XII 


Vat. Reg. Alex. 29 




78, 


89, 


X (XU?) 


Vat. Pal. 38 






433, 


XI/XII 



2) Millii Nov. Test. ed. Küster 1710, prol. § 993, S. 95. 



3) Nov. Test gr. op. J. J. Wetstenii (1751) I, p. 75. 

4) Nov. Test gr. et lat. ed. Mattbabi VI = Rom. (1782), p. 7 no.; 
242. 252. 

5) Vgl. meinen Aufsatz im Centraiblatt für Bibliothekswesen X, 2 
(1893), S. 49—70. — Trotzdem werden diese Argumente natürlich fort- 
gesetzt als „Euthalius 14 citiert 

6) J. Ahm. Robinson „EuihaMana" in Text* and Studie* III, 3 
(Cambridge 1895), vgl. meine Anzeige LCbL 1897, 6, 193 f. — W.Bocssbt, 
TbLz. 1897, 2, 44-48. 



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EU TH ALI U SST U DI EN . 



109 



Unterschied der verschiedenen Hände, die daran gearbeitet 
haben. Der Frage nach dem oder den Verfassern soll da- 
mit nicht vorgegriffen werden. 

2) Wichtiger noch ist der andere Felder, dafs man fort- 
gesetzt mit einem Bibeltext des Euthalius operiert. Von 
einem solchen wissen wir einstweilen gar nichts. Was in 
älteren Ausgaben sich unter dem Zeichen „ Euthalius " findet, 
sind Lesarten des Vat Reg. 179, dessen Kollation Zacagni 
in einer für damalige Begriffe Behr gründlichen Weise der 
Euthaliusausgabe beifügte und Mill in den Apparat des 
Neuen Testamentes einführte l . Schon Wettstein * hat 
mit gewohntem Scharfsinn den Trugschlufs aufgedeckt: mit 
gleichem Recht könnte man die Lesarten jeder beliebigen 
Paulushandschrift auf Paulus selber zurückfuhren. Das 
Gleiche gilt nun aber von Tischendorf's Enth-cod (Ac. 315, 
P 474 Gregory), der oberen, aus dem Jahre 1301 stammen- 
den Schrift des Codex Porfirianus (P) olim Chiovensis, jetzt 
in St. Petersburg. Bibl. imper. gr. 225 3 . Man darf dabei 
nicht übersehen, dafs es eine Handschrift des „ Euthalius 
textcs , nicht dieser selbst ist 4 . Erst wenn einmal die Ge- 
samtheit der mit „ Euthalius " zusammenhängenden Hand- 
schriften gesichert sein wird, dürfen wir vielleicht auch hof- 
fen, seinen Bibeltext etwas näher kennen zu lernen. Ein- 
zelnes kann man jetzt schon aus den zweifellos ältesten 
Stücken herauslesen : In dem Prolog zu Patd. findet sich in 
der Inhaltsangabe des Kolosserbriefes der Satz (Zac. 525): 
eivai yaq ov xaöaQav SorpyttiaVy dXX' ä<peidiav o<!>nato$\ 



1) Nov. Test. ed. KCsteh (1710), § 946-992, S. 91-95. 

2) Nov. Test gr. op. J. J. Wrtstenii (1751), I, p. 76. 

3) Vgl. Gregory, Prolegomena zu Tischendorfs ed. crit maj. VIII, 
p. 417. 646 u. 1188. Tischendorfs für die Monuments sacra geplante 
Ausgabe dieses Textes ist nicht zustande gekommen. Die untere Schrift 
ist P Act. Paul. Die Angabe über die jetzige Signatur, welche be- 
richtigt, was bei Gregory 1. c 417 und RE 8 II, 747, 25 steht, ver- 
danke ich Herrn Prof. von Gebhardt. 

4) Vgl. meine Bemerkung zu F. Zimmer, Der Text der Thessa- 
lonicherbriefe 1893 in ZfwTh 1893, S. 640. — Vgl. auch W. Bocsset, 
Textkritische Studien 1894 (TD XI, 4), 52 ff. 

13» 



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HO VON DOBSCHÜTZ, 

offenbar hat der Verfasser Kol. 2, 23 nicht xai äyeiöt? 
oiüfjarog, sondern mit B, der Ubersetzung deB Origenes, dem 
pseudo-augustinischen Speculum und andern Lateinern ä<pei- 
dia oiof-iatog (als. Prädikatsnomen zu letiv) gelesen — wahr- 
lich ein vielversprechendes Zeichen für die Güte seines 
Textes! 

Wie man hört, ist eine grofsartige Unternehmung zur 
Erforschung des neutestamentlichen Minuskelbestandes im 
Gange. Erst nach deren Vollendung wird man ganz klar 
in diesen Fragen sehen. Dennoch durfte es auch jetzt nicht 
unnütz sein, sich einmal Rechenschaft zu geben über das, 
was wir von „Euthalius" wissen. Der Auftrag, dies in ge- 
drängtester Kürze für die neue Auflage der „ Realencyklo- 
pädie für protestantische Theologie und Kirche" zu thun, 
veranlafste mich, meine seit Jahren dafür gesammelten No- 
tizen zu revidieren, und es erschien wünschenswert, die dort 
nur apodiktisch ausgesprochenen Ansichten etwas eingehen- 
der zu begründen. Die folgenden Zusammenstellungen wol- 
len und können nicht vollständig, noch die darauf erbauten 
Vermutungen abschliefsend sein; dennoch dürften sie auch 
in diesem unfertigen Zustand vielleicht nicht unbrauchbare 
Baumaterialien liefern. 

I. 

Beginnen wir zunächst mit der Überlieferung, so gilt es, 
ein grolses Versäumnis der bisherigen Forschung nachzuholen : 
Bis vor kurzem kannte man „Euthalius" überhaupt nur aus 
griechischen Handschriften. Eine Bezeugung fehlte so gut 
wie ganz; denn „Oecumenius" kann bei dem gegenwärtigen 
Stande der Uberlieferung nur als Handschrift, nicht als Zeuge 
gelten. Ebenso fehlte aber jede Kenntnis von Ubersetzungen. 
Und doch ist es von höchster Wichtigkeit zur Beurteilung 
eines derartigen Werkes, ob es auf den verhältnismäfsig engen 
Kreis der griechischen Kirche und Sprache beschränkt blieb, 
oder seinen Weg auch zu anderssprachigen Kirchen fand. 
Neuerdings ist nun die Benutzung des „Euthalius" bei La- 
teinern und Armeniern nachgewiesen worden ; wir wollen die 
Syrer hinzufügen. 



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KUTHALirSSTCDIEN. 



111 



Lateiner. 

Ed. Riggenbach 1 in Basel hat das Verdienst zuerst er- 
kannt zu haben, dafs die im Codex Ftddensis 2 und in einem 
Cod. Vat. Heg. 9 3 sich findende Kapiteltafel zu dem He- 
bräerbrief nichts anderes ist als Ubersetzung des betreffen- 
den Stückes bei „Euthalius" (Zac. 671 f.), nur dals in der 
gemeinsamen Vorlage, sei es der lateinischen oder dem grie- 
chischen Exemplar, aus dem übersetzt ward, die ganze zweite 
Hälfte (c. 13—23) fehlte. Leider erwies sich die Hoffnung, 
in S. Berger's reichen Sammlungen Uber Kapitelverzeich- 
nisse in den Vulgatahandschriften 4 weitere Spuren des „Eu- 
thalius " aufzudecken, als irrig. Dagegen hat Berger 6 ge- 
zeigt, dafs die fälschlich dem „Euthalius" zugeschriebenen 
griechischen Stichenzahlen von einer Gruppe von Vulgata- 
handschriften direkt übernommen sind. Diese Spuren sind 
zwar aehr geringe, berechtigen aber immerhin zu der An- 
nähme, dafs mehr vorhanden war und mehr zutage geför- 
dert werden wird, wenn erst die Sichtung der Vulgataüber- 
lieferung, die S. Berger mit so grofser Energie in Angriff 
genommen hat, vollendet sein wird. 

Armenier. 

Bereits 1877 hatte H. Petermann in seinem Artikel „Ar- 
menien" in der zweiten Auflage der Realencyklopädie ftir 
protestantische Theologie und Kirche I, 668 bemerkt, dafs 
sich in allen armenischen Bibelhandschriften nach den ka- 
tholischen Briefen ein kurzes „Gebet des EuthalhiB" finde, 
das früher am Sonnabend vor Pfingsten, später am Pfingst- 



1) Neue Jahrbücher für deutsche Theologie III, 3 (1894), 360—363. 

2) ed. E. Ranke (1868), S. 312, dazu die wichtigen Bemerkungen 
8. 492 f. 

3) J. M. Thomasu (Tomjiasi) opera ed. Vbzzosi I (Rom 1747), 
p. 428. Cod. Vat. Reg. 9 ist von Fuld unabhängig, denn er zählt richtig 
12 Kapp., während in Fuld die letzten drei unter der Zahl 10 zu- 
sammengefofst sind. 

4) S. Bebgbr, Histoire de la Vulgata (Paris 1893), p. 358—360. 

5) L. c. p. 321 n. 2. 



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112 



VON DOBSCHLTZ, 



tage selbst in der Mefsliturgie verlesen worden sei. Aber 
wie es solchen Notizen zu gehen pflegt, war dieser Wink 
von der Eutbaliusforschung ganz unberücksichtigt geblieben. 
Contbeare konnte wirklich Entdeckerrechte in Anspruch 
nehmen, als er 1895 im Journal of Phüohgy XXIII, 241 — 
259 „on the Codex Pamphili and the (late of Euthalius" 
erstmalig armenische Quellen für die „Euthalius "-Frage 
fruchtbar machte. Er wies nach, dafs sich hier die Prologe 
finden, und zwar vereinzelt mit jener eigenartigen Unter- 
schrift, die auch der Codex Coisl. 202 (H paul *), und cod. 
Neap. II, A. 7 (Ac 83, P 93 Greg. *) bieten, auf die wir 
noch zurückkommen werden. Die Schlüsse, die Conybeare 
daraus zog, sind höchst gewagt und von Robinson in sei- 
nen Euihaliana einer gebührenden Kritik unterzogen wor- 
den. Wichtiger schien es, dafs Conybeare in einer arme- 
nischen Chronik a erstmalig ein Testimonium für „ Euthalius " 



1) ed. H. Omont in Notices et extraits des manuscrits de la Bild. 
Nat. XXXIII, p. 189. 

2) A. En rh ard, Ceiitralblatt für Bibliothekswesen VIII (Sept. 
1891), p. 386—411 — vgl. meine Entgegnung, ebdas. X (1893). 40—70. 

3) Book of the Cesars, im Auszug mitgeteilt von Pater Carkkin, 
Catalogue des anciennes traduetions arm&niennes , p. 1 74 : ich gebe 
das betreffende Stück in Conybrarer Übersetzung: „Arcadius and 
Honorius sons of Theodosius the Gr tat, ruled 24 years. In his (!) 
third year there was Euthalius a blessed (father), an Alcxandrine, 
who in admirable copies arranged (or ,drew op', lit. ,ordered ( ) the 
preface and the particulars (or ,sections ( ) and the lections of the holy 
Apostles and of the seven Catholic Epistles on aecount of the heresies 
then existing, of Kalabros and Karpoerates, of Katharos and Eklaros (!) 
who said (hat Christ was a mere man, dnd rejected the Old Testa- 
ment and despised its testimony concerning Christ . . . 

Euthalius wrote to a certain monk Athanasius, who asked htm 
for a summary of the Apostles (? of the Acts) against those who 
comtpt the sacred scriptnres. He is not the person who asked for tlie 
summary of the Acts, but a certain other person of royal rank . . . 

In the days of Arcadius and Honorius the holy Euthalius of 
Alexandria made a summary of the Apostle [= Briefe des Paulus], 
at the request of tlte great father Theophilus; also of the Acts and 
Catholic Epistles at the request of the royal ecclesiasticai Athanasius 
his contemporary, because of the heresies of Kleobas and Karpokrates, 



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EUTHALIUSSTUDIEN. 113 

und seine Zeit nachzuweisen vermochte. Bei näherem Zu- 
sehen ergab sich aber, dafs die Kenntnisse des betreffenden 
Armeniers offenbar aus den Prologen und dem sogen. Mar- 
tyrium Pauli des „Euthalius" geflossen sind, also einen selb- 
ständigen Wert neben diesen nicht beanspruchen können. 
Was darüber hinausgeht, scheint freie Phantasie eines arme- 
nischen Haereseologen zu sein. 

Auf dem Datum in dem Mart. Pauli wird es auch be- 
ruhen, wenn Mekhithar von Airivank in seiner Chronik zwi- 
schen a. 402 und 424 bemerkt: „Euthal dAlexandrie regle 
T index des ecrits des apotres et des actes". Derselbe führt 
übrigens auch in dem Verzeichnis der biblischen Bücher, 
das er zum Jahre 536 (= 1085 u. Z.) nach dem Vartabied 
Johannes von Haghbat, gen. Sarcavag, giebt, am Ende der 
katholischen Briefe an: „ Ou philomathe Euthalius", was 
wohl aus dem Anfange des Prologes zu Paul.: tö q>ilopa- 
&ig Kai o/tovdaiov sich erklärt l . 

Jedenfalls ist die Untersuchung des armenischen Eutha- 
liusapparates von denen, die es können, weiter zu führen. — 
Dabei wird besonders der Cod. Par. Eibl. Nat. arm. 9 * 
aus dem 11. Jahrhundert zu beachten sein, der den zweiten 
Teil des Neuen Testamentes samt dem euthalianischen Ap- 
parat griechisch-armenisch enthält. Es erscheint ausgeschlos- 
sen, dafs wir hier die Quelle des armenischen Euthalius 
haben. So kann es sich nur darum handeln, ob dieser arme- 
nische „ Euthalius "-text in seiner Anpassung an eine be- 
stimmte griechische Vorlage eine selbständige neue Über- 
setzung oder eine Bearbeitung der älteren armenischen Eu- 
thaliusübersetzung enthält Zu letzterem werden wir gleich 
eine höchst instruktive Analogie bei den Syrern finden. 

Cokybeare hat auffallenderweise von jenem „ Gebet des 



wJto rejected and destroyed in netc <?> teMamenis Ute testimonies of 
the prophets aboui Christ . . . Iltis is one person and he who asked 
for the Acts another person. 

1) Vgl. Th. Zahn, Forschungen zur Gesch. des neutestamentL 
Kanoos V (1893), S. 149, dazu S. 152 Anm. 4. 

2) Gregory, Proleg., p. 644. Ac. 301, p. 918 (Arm. 23). Cony- 
beabe, Journ. of Philol. (1895), p. 242. 



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114 



VON DOBSCHÜTZ, 



Euthalius" nichts mitgeteilt Durch die Freundlichkeit des 
Herrn stud. theol. Esnik Gjandschezian in Halle bin ich 
in der Lage, eine Übersetzung desselben zu geben, die von 
Herrn Geh. Rat Prof. D. Gelzek in einigen Punkten nach- 
gebessert ist. Es findet sich in den Drucken am Ende des 
Neuen Testamentes; Zohrab aber bemerkt ausdrücklich, 
dafs die Handschriften es am Schlufs der katholischen Briefe 
haben. Es lautet: 

Das Gebet des Euthalius. 

„Überall hat jedes Ding seine Zeit; es wächst, rückt vor, 
gelangt zur Kraft und umgekehrt ein andermal hört es wie- 
derum auf. Aber der Sieger über die Leidenschaft, nur er siegt 
über alles. Sei nicht stolz, wenn du in hoch erwünschtem 
Ehrenglanze lebst, und nicht mutlos (gemein), wenn du ins 
Elend geraten wirst. Denn, wenn du so die Wage haltst, 
wirst du ein gerechter Richter des Lebens dieser Welt sein. 
Denn nicht in einfache oder zusammengesetzte (vielleicht = 
künstliche, eingebildete) Gefahren sind wir verfallen, sondern 
in viele und unerträgliche und in die verschiedensten Trüb- 
sale, und es giebt keinen, der uns in diesen ein Tröster sein 
könnte. Von allen zweifelhaften Gütern haben wir uns voll- 
ständig abgewandt, namentlich von der Welt, dem Leben und 
der Macht Und nur den Gehilfen der Bosheit, den Unver- 
stand, habe ich gefunden. Und nun, weil du von vieler Trüb- 
sal umgeben bist, o meine Seele, werde nicht mutlos in deinen 
Anstrengungen, sondern gedulde dich, meine Liebe, als ob du 
über etwas Gutes nachgedacht hattest, dafs jemand nicht das 
thut, was er wünscht und erstrebt, sondern was einer nicht 
aufsucht und flieht, das hält er aus l . Aber das göttliche 
Gesetz strebt alles zu überwinden. Jemand hat gesagt, ein 
Dichter (notrjTixos) hat uns gesagt eine Sentenz (? = xtqaXaior 
Hauptsatz): »Hoffnungen bei den Lebenden, hoffnungslos die, 
welche gestorben sind 4 *. Wenn es so ist, mufs man die Lei- 
den ertragen und in Tapferkeit (oder Tngend) die Leiden- 
schaften bändigen. Denn keiner ist etwas und kein Ding ist 
etwas im Leben der Erdgeborenen und nichts nnter den 
menschlichen Dingen bleibt in derselben Beständigkeit, sondern 
wie ein Bad dreht sich alles und eilt davon. Und da ward 
ich sorgenvoll in meinem Gemüte Über dies alles und schreibe 



1) Cf. Rom. 7 i«. 

2) Theokrit. Idyll IV, 42: Unrtts Iv faolotv, ÜptXmoToi <te 
&ttvovti{. 



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EUTHALIUSSTUDIEN 



115 



mir selbst persönlich und der Erziehung meines Vaters meine 
vielen Unglücksfalle zu. Weh mir, wenn ich an diese Wechsel 
denke! Alles was menschlich ist, sehe ich als menschlich an 
und als meine gläubige Hoffnung halte ich mich nur an 
Gottes Menschenliebe." 

Schwere Schicksale scheint der Mann durchlebt zu haben, 
der dieses in der Stimmung dem Kohelet verwandte Selbst- 
bekenntnis niederschrieb. Dafs es in der armenischen Kirche 
gottesdienstliche Verwendung fand, ist höchst beachtenswert 
Mehr sagen uns die Worte ftir „Euthalius" einstweilen nicht l . 

Syrer. 

Bereits Glocester Ridley hat in seiner Dissertaiio de 
Syriacarum Novi Foederis versionum indole atque usu, Lon- 
don 1761 *, auf das Vorhandensein des „Euthalius "-prologes 
zu den paulmischen Briefen in seiner Handschrift der Phi- 
loxeniana hingewiesen. Jos. White 3 teilte in seiner Aus- 
gabe derselben Proben aus den Kapitelverzeichnissen mit. 
Fokshajll 4 beschrieb eine Pesiytohandschrift, deren Beigaben 
jeder Kenner des „Euthalius" als euthalianisch erkennen 
mufste, und Gregory, der mich schon 1892 brieflich aut 
die Bedeutung dieses Codex hinwies, hat diese wie jene 
Notiz gebucht 6 . Ich sehe nicht , dafs von diesen Angaben 
für die „Euthalius "-Frage Gebrauch gemacht worden sei. 
Auch Robinson, der gegenüber Conybeare ausführlich das 
Verhältnis der armenischen Ubersetzung des Neuen Testa- 



1) Wie ich höre, ist in einem Cod. Patm. das griechische Original 
aufgefunden worden. Vielleicht ist hiervon noch mehr Aufschlufs zu 
erwarten, z. B. auch über das rätselhafte xal iö ngos ifiavrbv oitx<* xf 
(Zac.513ii), dessen Erklärung imCentrbl. für Bibl.Wesen (1893), S.66, 
Anra. 1 ich gerne aufgebe. 

2) Abgedruckt in Ioh. Iac. Wktstenii, Libtlli ad crisin atque 
inUrpretationem Novi Tettamenti ... ed. Ioh. Sal. Semler (Halle 
1766), p. 247—339, speciell p. 305 sq. 

3) los. White, Novum Testamentum syriace, T. III (Act et Ep. 
Cath.), 1799, praef. p. IX— XIX. 

4) Catalogus codicum manuscr. orientalium qui in Museo Bri- 
tannico asservantur, Pars I (London 1838), p. 17 sq. 

5) Gregory, Prolegomena, p. 829, sub 6; p. 866, sub 9. 



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116 



VON DOBSCHÜTZ, 



mentes zu dem syrischen behandelt und in sehr feiner Weise 
den Nachweis erbringt, dafs wahrscheinlich der ältesten ar- 

• • • • 

meniBchen Ubersetzung eine ältere syrische Ubersetzung, wie 
sie bei Aphraates vorliegt, zugrunde lag, während sie später 
nach griechischen Texten korrigiert ward, geht auf die Frage 
nach einem syrischen Euthalius gar nicht ein. Und doch 
ist es keineswegs blofs für die „Euthalius "-Frage von In- 
teresse zu sehen, dafs auch bei den Syrern die unter diesem 
Namen bekannten Materialien im Uralauf waren. Auch die 
Geschichte der syrischen Bibelübersetzung darf sich davon 
neue Aufschlüsse versprechen. 

Wir besitzen zwei Handschriften mit euthalianischem Ap- 
parat, welche zugleich zwei ganz verschiedene Bearbeitungen 
repräsentieren. 

1) Lond. Mus. Brit. Add. 7157 = L 

2) Oxon. Coli. Nov. 333 = O 

Ich beginne mit der Beschreibung und Analyse der er- 
steren, gleicherweise durch sorgfältige und schöne Schrift wie 
durch ihr Alter ausgezeichneten Handschrift l . Sie gehört 
zu der 1820 von dem Konsul Claüd. Jacob Rich in Mesopo- 
tamien erworbenen, seit 1825 dem British Museum angehö- 
renden Sammlung. Uber ihre Entstehung giebt folgende auf 
die Unterschrift des Hebräerbriefes folgende Schreibernotiz 
(fol. 193bis-as) Auskunft: 

„Geschrieben aber ward diese Schrift im Jahre 1079 der 
Griechen in dem Kloster des Mannes Gottes Rabb'au Mar 1 Sa- 
brisV, welches ist Bet Koka am grofsen Za'b gelegen, in der 
Gegend von Hädiab (Adiabene) unter der Regierung des from- 
men Mar 1 MelkizMek, Presbyters und Klostervorstehers: seine 



1) Zu der genannten Beschreibung Fohshall's gab Wright, Cata- 
loffue of the Ädditional Manuscripts III, App. A 1203 Nachtrage. 
Facsimilia findet man bei Forshall und Land, Anecd. Syr. I, tab. XXII. 
Fttr die zehn hauptsächlich in Betracht kommenden Seiten stütze ich 
mich auf vortreffliche mir durch gütige Vermittelung der Bibliotheks- 
direktoren Sir Edw. Maunde Thompson und Prof. Robert K. Douglas 
von dem Photographen Henning gelieferte Photographieen. Bei der durch 
den schadhaften Zustand dieser Schlufsbl&tter sehr erschwerten Lesung 
sowie der Übersetzung hat mein Kollege Dr. H. Hilgknfeld mir in 
liebenswürdigster Weise Hilfe geleistet. 



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EUTFIAUUSSTCDl EN. 



117 



Gebete und die der Väter und Brüder seien über mich und 
über die ganze Welt Amen. Bis schrieb es aber ein ge- 
ringer aus dem Kloster, namens Sabriäo*, für einen benach- 
barten Bruder namens IsoVka. Alle die ihr darin lest, betet 
für den Schreiber nnd für den Besitzer, dafs ihnen Leben gebe 
der Herr am Tage des Gerichtes wie dem Schacher am 
Kreuz. Amen." 

Also stammt die Handschrift aus dem Jahre 768 und dem 
Norden Mesopotamiens. Sie ist in Quart auf Pergament ge- 
schrieben, in je zwei Spalten zu 38—34 Linien, mit sehr 
feiner regelmäßiger Estrangeloschrift Erhalten sind 197 
Blätter. Es fehlt aber sowohl zwischen Fol. 196 und 197, 
als nach Fol. 197 eine ganze Anzahl von Blättern. Es ist 
ein vollständiges Exemplar des Neuen Testamentes der Nesto- 
rianer in der Pesitto, d. h. Ew. (Fol. 1 — 99), Act. (Fol. 
99—128), von Cath. nur Jac, 1 Pct, 1 Joh. (Fol. 129—137), 
dann Paul. (Fol. 137'— 193) mit Heb. am Schlüsse. Die 
andern katholischen Briefe und die Apokalypse fehlen. Bei 
den Evangelien ist am unteren Rand jeder Seite ihre Har- 
monietabelle beigegeben nach eusebianischen Sektionen und 
Kanones l . Am Rande sind Kapitel angemerkt. Act. hat 
eine kurze Praefatio, die mit „Euthalius" gar nichts zu 
thun hat. 

Innerhalb der Paulusbriefe scheinen sich Spuren der 
euthalianischen Bearbeitung nur an den Unterschriften zu 
zeigen, welche die Zahl der alttestamentlichen Citate, der 
Kapitel und der Petgamg {^aza) in folgender Weise an- 
geben: 

Citate Capitel Petgame (att'xoi) (Stichom. syr.) 
Rom. . 49 . 19 . 1201 . (920) . (825) 
lCor. . 7 . 9 . 1222 . (870) . (946) 
II Cor. 11 . 10 . 768 . (690) . (653) 
Gal. . 10 . 12 . 405 . (293) . (265) 
Eph. . 6 . 10 . 364 . (312) . (318?) 

1) Vgl. zu dieser Anordnung, die sich auch bei einzelnen griechi- 
schen Manuskripten findet, Gregory, Proleg. 144, und besonders G. H. 
G William, The Ammonian Sections , Eitsebian Canons, and Harmoni- 
jting Talles in tlie Syriae Tetraevangelium in Studia biblica et eccle- 
siastica II (Oxford 1890), 241—272. 



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118 



VON DOBSCHÜTZ, 



Citate Capitel Petgame (oTt'xoi) (Stichom. syr.) 



rhu. . 


• 


7 


281 






L/Ol. 


• 


10 . 


243 


(208 ) 


(275 [JcoorJ^ 


T TL.». 

1 lhesa. 




7 . 




(19i>J 


( A f 7 9\ 

(417 r) 


TT Tl 

11 1 nesß. 




6 


i n/t 

190 


(106) 


(118) 


I Tim 


2 


18 


341 


l *r %J \J 1 • 


(Y318?» 


II Tim. 


1 ■ 


9 . 


237 . 


(172) 


(114) 


Tit. . 


1 


. 6 . 


148 . 


(107.97) . 


(116) 


Philem. 




2 . 


56 . 


(42. 37) . 


(53) 


Heb. . 


30 


. 22 . 


850 . 


(703) 


(837) 



(4936.4P5J.4P3P) 



Ich habe, um die Eigenart der hier vorliegenden Petgame- 
zählung darzulegen, sowohl die Stichenzahlen der griechi- 
schen Codices, wie sie auch Zacagni aus dem Vat. Reg. Alex. 
179 als euthalianisch giebt *, beigefügt, als die syrische Pet- 
gamezählung, welche neuerdings aus dem Cod. Sinaiticus syr. 
1 0 2 bekannt geworden und von J. R. Harris in seiner Vor- 
lesung On the origin of the Ferrar- Group (1893 3 ) behandelt 
worden ist. Harris weist auf die völlige Übereinstimmung 
dieser letzteren syrischen Zählung mit den in etlichen Evan- 
gelienhandschriften 4 neben den axi%oi gezählten fr^ctia hin 
und fafst diese als Übersetzung der syrischen Petgamö. 
Die immerhin zwischen den griechischen oti'xoi und diesem 



1) Vgl Th. Zahn. Gesch. des neutestameutl. Kanons II, 1, S. 394. 
Col. 2 und 3 und dazu die Noten S. 398. 

2) Studia Sinaitica I: Catalogus of the syriac MS8. by Agnes 
Smith Lewis (London 1894), p. 13 sq. Leider sind die Zahlen teilweise 
sehr verderbt 

3) Vgl. die Auszüge daraus in Scrivexer-Miller, A piain intro- 
duction to the criticism of the New Testament 4 (1894), J, 381—383 
App. D, auch J. R. Harris, Süchometrie (1893), p. 65—68. Vgl. 
ferner J. Gwynn in Transactions of the Royal Irish Academy XXX, 10 
(1693), p. 352 und vor allem dessen neue Ausgabe: The Apocalypse of 
St. lohn (Dublin 1897), p. 94 sqq. über die Petgame zu den Evan- 
gelien in dem Crawford-Manuskript. 

4) Z. B. Ev. 9. 13. 48. 173. 174. Meines Wissens sind ^ara für 
den griechischen Apostolos bisher nicht belegt. In unserm Codex L 
scheinen — nach Forsball — für Ew. Act Cath. alle Stichenangaben 
zu fehlen. 



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EUTIIALIUSSTUDIEN. 



119 



Petgamö - ^ijfiaza bestehende Differenz will er erklären, in- 
dem er unglücklicherweise wieder auf Zählung der Sinnzeilen 
zurückgreift Mit mehr Recht dürfte man bei dem nicht 
eben bedeutenden Unterschied in beiden Zählungen (z. B. 
Matth, orixoi 2560, Qrj/uara 2522) auf die verschiedene Länge 
des syrischen und des griechischen Textes hinweisen, vor* 
ausgesetzt dafs die ^fjaxu der griechischen Handschriften 
wirklich aus einer syrischen Petgamezählung stammen. 

Ganz anders ist nun die Zählung der Petgamö in un- 
serer Handschrift: die Zahlen hier verhalten sich zu den 
üblichen griechischen axi%oi im allgemeinen wie 4 zu 3. Eine 
solche Differenz läfst sich nur durch Anwendung eines ganz 
verschiedenen Zählmafses erklären. Es steht jetzt fest, dafs 
dem griechischen avi%og der heroische Vers von 16 Silben 
(= c. 36 Buchstaben) zugrunde liegt R. Harris 1 hat nun 
mit Recht darauf hingewiesen, dafs sich manche Zählungen, 
z. B. die Preisdifferenz im Diokletianischen Preisedikt, auf 
das kürzere Mafs des jambischen Trimeters von 12 Silben 
(ca. 27 Buchstaben) zurückführen lassen. Dies ist genau das 
Verhältnis unserer Zählung zu den griechischen Stichen : also 
wird man auch die hier vorliegende Zahlenreihe am besten 
durch Rückgang auf das Mafs des jambischen Verses er- 
klären. 

Petgame bezeichnet bei den Syrern aber noch etwas 
anderes: foL 193a am Schlüsse des Hebräerbriefes findet 
sich die Bemerkung Petgame 136. Ich weifs nicht, ob 
sich analoge Zählungen auch für die andern Briefe finden; 
Forshall hat sie nicht notiert (auch nicht bei Hebr.), ver- 
mutlich weil ihrer genauen Lesung zu grofse Schwierigkei- 
ten entgegenstanden: wie vereinzelt in griechischen Codices 
das ältere Zahlzeichensystem statt der alphabetischen Zahlen 
verwandt wird *, so kennen auch die Syrer neben den Zahl- 
buchstaben ein Zablzeichensystem. Erst Land hat in sei- 
nen Anecdota Syriaca I (1862) zum guten Teil auf Grund 

1) Stichometrie (1893), p. 26. 

2) Z. B. Papyr. Hercul. 1148 Vü* VI, 8—23 und 1151 ib. 24—36, 
cl H. Usbner, Epicurca 128. — Als neutestanientliche Handschrift ist 
bekannt Mon. reg. 376 (Ac 46, P 55), cf. Gregory p. 622. 



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120 



VON DOBSCIIÜTZ, 



unseres Codex dieses System dargelegt und die Regeln sei- 
ner Entzifferung entworfen (p. 94sq., dazu tab. XXII). Für 
uns ist wichtiger, dafs sich unter dieser schwerverständlichen 
Form eine höchst interessante Paragrapheneinteilung der 
Paulusbriefe erhalten hat, wie sie ähnlich meines Wissens 
sonst nur aus dem Codex Fuldensis bekannt ist, der bei dem 
Hebräerbrief von erster Hand eine Einteilung in 125 Para- 
graphen hat, während spätere Hände erst auf Grund der 
voranstehenden euthalianischen Kapiteltafel deren zwölf erste 
Kapitel notiert, dann später noch die verbreitetste lateinische 
Einteilung in 39 Kapitel eingetragen haben K 

Das alles hat mit „ Euthalius " verhältnismäfsig wenig zu 
thun: höchstens die Kapitel- und Citatenzahlen gehen auf 
dessen Arbeiten zurück. Um so wichtiger ist für uns ein 
Anhang zu den Paulusbriefen, der uns Fol. 193' — 197 der 
Handschrift erhalten ist, und nichts anderes als eine eigen- 
artige Bearbeitung des „ Euthalius u darstellt. Derselbe be- 
ginnt unmittelbar nach der oben mitgeteilten Schreibernotiz 
in der gleichen Handschrift mit folgender Einleitung 2 : 

(fol. 193'a). Mit der Hilfe unseres Herrn Jesu Christi be- 
ginnen wir zu schreiben eine Abhandlung, die geeignet (ist), 
gestellt zu werden an die Spitze der Briefe des seligen Paulus, 
des göttlichen Apostels 8 . Gesammelt also und geschrieben 
ward diese Rede von einem Freunde der Wissenschaft. 

1) S. Ranke's Comm. diplom., p. 492 sq. — zu den zwölf euthalia- 
nischen Kapiteln oben S. 111 — zu den 39 Kapiteln, J. M. Thomasu, 
opera ed. Vezzosi (Rom 1747), p. 41 3 sq. Nov. Test. lat. inUrprete 
Hieronymo ex ccleberrimo codice Amiatino ed. Tibchendorf (1850), 
p. 363 sq. 

2) Ich übersetze möglichst wörtlich, selbst gegen den Oeist der 
deutschen Sprache; soweit es sich in diesem Syrisch um Übersetzung 
griechischer Vorlagen handelt, wird es syrischen Ohren kaum besser 
geklungen haben als uns solches Deutsch. Anmerkungsweise füge ich 
die entsprechenden griechischen Phrasen aus „Euthalius" bei. Grie- 
chische Lehnwörter sind in Klammern eingesetzt Die Fragezeichen 
deuten Unsicherheiten nicht sowohl der Übersetzung als der Lesung an. 
Auf reichere Mitteilungen aus dem syrischen Texte mufste ich leider ver- 
zichten, da die Druckerei Schwierigkeiten machte, Nur aus diesem Grunde 
habe ich auch die leidige Transskription in hebräische Lettern angewandt. 

3) Cf. Zac. 616: ngöXoyos n{joiaao6ptvos tßv intarolSiv TJavlov 
toO aytov anooröiov. 



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EL'THAMI'SSTUDIEX. 



121 



Vorausachidtung der Theorie 1 (foajo/a), welche belehrt Qber 
alles das, was in Ordnung (tu§/$) und in Reihenfolge (axo- 
Xov&t'u) wir gesetzt haben in diese Schrift. 

Weil ich kenne deinen göttlichen Wissenstrieb * und die 
Reinheit deiner Seele , o unser geliebter Bruder , Herr 
X. N. * und wie ohne Neid du beständig wünschst und 
begehrst anzutreffen nützliche Geschichten der heiligen Schrif- 
ten; sie, die nach dem Zeugnis des göttlichen Apostels, 
des seligen Paulus — meine ich — imstande sind , uns 
dem Leben nahe zu bringen, die (wir) bestandig mit Lesen 
beschäftigt sind: also auch ich elender, suche ich Zuflucht 
in dem göttlichen Erbarmen, welches neidlos über die Men- 
schen (?) ausgegossen ist; ich hebe die Augen meines In- 
neren auf zur Höhe des Himmels und flehe, dafs mir ge- 
geben werde ein Wort beim Aufthun meines Mundes zu dir, so 
dafa es zum Vorteil dienen möge, damit ich den (Dingen), die 
ich bereit bin zu bringen vor deine Liebe, entsprechend deiner 
Liebe zu mir die Vollendung gebe, die sich geziemt. Es ist 
also nötig, wie (mir ?) scheint, dafs eben diese (Dinge), welche 
deine Heiligkeit durch meine Einfalt schreiben liefs, in den 
bekannten Kapiteln und in der bekannten (?) Reihe an- 
geordnet werden. Und so können sie leicht erwerben lassen 
Nutzen von ihnen denjenigen, welcher auf sie stöfst, wenn 
auf diese Weise, die besprochen ward (?), eine Richtschnur 
(xuywy) über sie festgestellt wird. 

Es sind also [fol. 193'b] die Kapitel, in denen läuft das 
Wort deiner Bitte zu mir, folgende: 

Kapitel I. Die Erzählung, welche belehrt über die Zeit 
der Predigt des Paulus und die Art seiner Krönung 4 . 

II. Über den Zweck oder die Ursache eines jeden von 
den Briefen des Apostels, was gesagt ist in Kürze, und über 
die Summe der Kapitel und der Zeugnisse, die in ihnen sind. 

III. Welches sind diese Kapitel, die in jedem einzelnen 
von den Briefen (sind), und wer sie aufgestellt hat 6 . 

2) Ntibit ":cbT rrama = to <f*iofAutes oov. 

3) Mar» P»lan (hier rot geschrieben), vertritt bei den Syrern einen 
unbestimmt gelassenen Namen. 

4) ■= 7i<pl x<&v /pw toO xTjQvypttJos roö uytov IJavkov xal ntqi 
rifc 6ta fittgtvQtov uirroO ttltuaaetos. Mill-Küster p. 252 nach Roe 2 
= P 47, Laud 2 = P 38 (Ev 51, Ac 32) — Athous Protati 32 (Lam- 
bros 13 = Ac 375, P 464). — Cod. Theodori Hagiop. a. 1296 (Ev 483, 
Ac 194, P 251, q**). 

5) "pptatt t*?a Forshall: et quinam has divisiones promul- 
gaverint 



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122 



VON DOBSCHLTZ, 



IV. Über die genaue Lehre und Erklärung des Siegels 
der Verse der Zeugnisse, welche der Apostel angeführt hat. 

V. Die Geschichte, die in Kürze kund thut» was die Ur- 
sache ist der Unkenntnis derjenigen Schriften, aus denen der 
Apostel Zeugnisse gebraucht hat und darin ferner auch 
die Erklärung über diejenigen Zeugnisse, welche er aus den 
Schriften der Weisen der Griechen gebracht hat. 

VI. Wie grofs die Summe der Zeugnisse ist, welche der 
Apostel aus jeder einzelnen der Schriften für sich bringt 

VII. In jedem einzelnen von den Briefen, wie viel Zeug- 
nisse es giebt aus jeder einzelnen von den Schriften. 

VIII. Von allen den Zeugnissen, welche der Apostel ge- 
bracht hat, wie viele es sind, welche von ihm zu zweien Malen 
gebracht werden und welches diese sind, und in welchen 
Briefen sie gefunden werden. 

IX. Welches die Zeugnisse sind, deren jedes einzelne 
zwei Schriftsteller oder drei Leute gleich gesagt haben und 
darin miteinander fibereinstimmen und welches ferner die 
Psalmen sind, von deren jedem einzelnen der Apostel zwei 
Zeugnisse gebracht hat, und in welchen Briefen sind diese 
Zeugnisse. 

X. Welches [fol. 194 a] die Briefe sind, welche- Paulus 
von der Person seiner selbst allein verfafst hat, und welches 
diejenigen, in denen auch den Namen anderer er (sich) bei- 
gesellt hat, und wer diejenigen sind, welche er zu sich bei- 
gesellt hat; ferner aber von welchen Orten und Städten sie 
geschrieben worden sind, und durch wen sie gesandt worden 
sind, ein jeder einzelne von ihnen. 

Leider besagt die Vorrede so gut wie nichts. Sie macht 
ganz den Eindruck, aus euthalianischen Phrasen zusammen- 
gearbeitet zu sein, ähnlich wie die subscr. in cod. H. An 
der einzigen Stelle, wo scheinbar der Bearbeiter mit einem 
persönlichen Moment auftritt, enttäuscht er uns schwer durch 
die Unbestimmtheit der Anrede an den Bruder Herrn N. N. 
Interessant zu bemerken ist nur, dafs er diesem seinem Ela- 
borat den Haupttitel des euthalianischen Prologes vorange- 
stellt hat, während er für diesen in der folgenden Kapitel- 
tafel die in einer bestimmten Gruppe von Handschriften sich 
findende Teilüberschrift für den dritten Teil des Prologes 
verwendet. Schon das vernichtet völlig die durch die un- 
zulänglichen Angaben bei Forshall mir erweckten Hoff- 
nungen, hier vielleicht die von „Euthalius" benutzte ältere 



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EUTB ALI USSTUDIEN. 123 

Arbeit eines ooytbtctTog %ai (piMqrQioxog 7tccTt)Q (Zac. 528) 
zu finden. 

So schwer verständlich sodann die knappen Inhaltsangaben 
der Kapitel dieses Traktates zu den paulinischen Briefen in 
manchem einzelnen auch zunächst scheinen, das geht doch 
deutlich daraus hervor, dafs die gröTste Verwandtschaft mit 
dem unter dem Namen des „Euthalius" bekannten Werke 
vorhanden ist, nur dafs eine ganz systematische Bearbeitung 
und Anordnung desselben vorzuliegen scheint. Ja aus einer 
Wendung in Kap. III konnte man hoffen, hier Aufschlufs 
über die wichtige Frage der Urheber dieser ganzen isago- 
gischen Litteratur zu erhalten. 

Leider ist uns das offenbar umfängliche Werk nur zum 
kleinsten Teile erhalten: fol. 194 — 196 bieten Kap. I, am 
Ende verstümmelt, doch wohl nur um ein kurzes Stück; 
fol. 197 enthält den Schlufs von Kap. III und den Anfang 
von Kap. IV. Aus diesen Fragmenten gilt es den Charak- 
ter der Arbeit zu erkennen und danach den mutmafslichen 
Inhalt der übrigen Kapitel zu bestimmen. 

Kap. I enthält, wie es vorliegt, fünf Teile: 

a) fol. 194a» — 195 a is unter der Überschrift : „ Kapitel I : 
Die Geschichte, welche handelt über das Geschlecht des se- 
ligen Paulus und über seinen ersten Unterricht und über 
seine spätere Jüngerschaft und über die Art seiner Krö- 

• * 

nung u : — eine wörtliche Ubersetzung des ersten Teiles 
des euthalianischen Prologes zu Paul., worin nach kurzer 
Einleitung das Leben des Paulus in seinen Hauptzügen ge- 
schildert wird: ro (ftloua&tg aov Aal anoidalov dydfterog — 
toitov t6 ftaQTiQiov ioQToCovieg (Zac. 515 — 523). 

b) fol. 195 a sa — 196 ai 6 daran anschliefsend mit dem 
Titel: „Zusammenfassung"; eine Ubersetzung des dritten 
Teiles jenes Prologes, worin die Chronologie und son- 
derlich die Frage der zweiten Gefangenschaft behandelt wird 
dvaysLaiov di t)yt](Kx^7p> — tfjg ovQaviov fiaoileiag xAi^ovo- 
ftot AaSioxavtai (Zac. 529—535). 

c) fol. 196 ai e — b4i anläfslich der Berufung auf die 
Chronologie des Eusebios in b wird das betreffende Ka- 
pitel aus dessen Kirchengeschichte — aus der syrischen 

Z-iUchr. f. K.-O. XIX, %. 14 



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124 



VON DOBSCIILTZ, 



Übersetzung desselben — hier beigefügt mit dem Eingang r 
„Aus dem zweiten Buch der Ekklesiastike des Eusebios des 
Kaisareiers. Es sind aber die Worte des Eusebios, welche 
von ihm gesetzt sind in diesem Band, den ich oben erwähnt 
habe, folgende": folgt wörtlich Eus. h. e. II, 22 i-s ed. Bed- 
jan 132 5 — 135» 1 mit dem Abschlufs: „Dies nun sind die 
Worte des Eusebios." 

d) fol. 196b 41 — 196'asi: „Das Martyrium des 
Apostels Paulus", teils eine wörtliche Ubersetzung, teils 
eine syrische Umarbeitung des bei Zacagni 536 sich an den 
Prolog anschliefsenden Mciqtvqiov Ilavlov toC dnootdlov. 

e) fol. 196' as» — 196'b: „Ferner Zusammenstellung in 

kurzen (Worten) von allen die oben gesagt wurden": 

eine chronologische Aufzählung der wichtigsten Thatsachen 
aus Jesu Leben und der Wirksamkeit des Paulus, die auf 
der Chronik des Eusebios zu ruhen scheint, leider aber kaum 
mehr zu entziffern ist. 

Diese Ubersicht zeigt, wie der Titel des Kapitels in der 
vorausgeschickten Tabelle den Inhalt desselben keineswegs 

1) Histoire ecclösiastique d'Eusebe de Cesaree 6ditee pour la pre- 
miere fois (siel) par Paul Bedjan, P. D. L. M. Paris und Leipzig 1897. 
Bei dein höchst zweifelhaften Werte dieser bisher leider einzigen Aus- 
gabe dieses wichtigen Eusebiuszeugen gebe ich eine Kollation dieses 
Stückes, die vielleicht einem künftigen Herausgeber von Nutzen sein 
kann. Ich bezeichne die vorliegende Handschrift M. Br. Add. 7157 
a. 7G8 mit C, Bedjans Text mit B, seine beiden Handschriften Lond. 
M. Br. Add. 14 039 (sc. Vi) mit L, Pctrop. (Num.?) a. 462 mit P und 
citierc nach Seiten und Zeilen der Bedjanschen Ausgabe: 132,6 y*103n 

V^m z: C || «rs-an + cb c II 7 yn B : b-sn c II b-ccc b : oiaorro 
CL || ■+■ -»rrarp C || ii B : r]« c || u «rbs b : «mbs 

C || 133, l Nin pE3 B : T13 CL recte! || 3 "IST B : IDT CL || 

7 Nnmo BC : Krnno L || s Tmn BC : rrrn P || 12 r^xenan 
B : r^xenan C cum Eus. gr. || 134, 4 nrns-bna B : atrrobsa (?) c || 
tr^cn b : traom c II mmc B : eurnrro vid. C, cf. Eus. gr. t6 
pttQTVQiov sine avroO || 7 TTOirrab BC : "irDTab LH 10 yn B : cb 
C II B, in c : irr L || 13 hrnytsrb B : nrwrb CL || ie ib 

B : ibl CL II 135, l NWp OlblET B : 00 C || 1 r|N B C : SjfiO L || — 
Auf welcher wissenschaftlichen Höhe übrigens Bedjans Ausgabe steht, 
zeigt hinlänglich der eine Umstand, dafs er als Exemplar latinum 
• rb • X2 nicht etwa Rufin, sondern die bei Migne nachgedruckte Über- 
setzung des ValeBius citiert, die er vermutlich für eine alte gehalten hatl 



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EtTHALIUSSTUDIEX. 



125 



ganz deckt. Es mufs daher im Folgenden offen bleiben, was 
in den einzelnen Kapiteln noch alles gestanden haben kann ; 
wir vermögen nur zu sagen, was den Kern derselben bil- 
dete. 

Da wird zunächst Kap. II jenes in Kap. I ausgelassene 
31 ittelstück des Prologes geboten haben, welches eine kurze 
Inhaltsangabe der 14 Paulusbriefe giebt Wir haben 
keinen Grund, dabei an die pseudo-athanasianischen Hypo- 
thesen (argumenta) zu denken. 

Kap. III enthielt offenbar eine Zusammenstellung aller 
Kapiteltafeln der Briefe, die in den griechischen Hand- 
schriften an den Anfang der einzelnen Briefe verteilt erscheinen. 
Vielleicht war dem ein jcQoyQafifta vorangestellt, welches das 
Verhältnis von 'K&pdhxia und vnodtaiQtaeig auseinandersetzte, 
und hier zugleich bemerkt, worauf die Schluisworte der Uber- 
schrift hindeuten, von wem diese Kapiteleinteilung stammt: 
möglicherweise aber war da auch nicht mehr gesagt, als 
was wir bei Zac. 528 lesen: zrjv rOv xefalauov tTL&eotv 
hi tQv oopcDTccriov Tin xca cpiloxQtOTy naxtQtav ijfiQv nt- 
Ttovttfuvriv, eine Notiz, die schon zu so viel Vermutungen 
Anlafs gegeben hat, indem die einen den Vater in Pamphi- 
lus >, die andern in Theodor von Mopsuestia sehen wollen *. 

Kap. IV fol. 197b: „Uber die genaue und erklärende 
Lehre der Zeugnisse des Apostels Paulus" beginnt mit dem 
TTQO'/Qanna (Zac. 548) und schliefst daran die gröfsere Ci- 
tatentabelle (Zac. 549ff.). 

Es ist sehr wertwoll, dafs uns wie von Kap. III wenig- 
stens die letzten 13 Kapitelüberschriften von Heb, so hier 
die ersten 14 Citate aus Rom erhalten sind und uns ermög- 



1) Dies nehmen auf Grund der — wohl in igen — Zuweisung der 
capp.-tab zu Act an Pamphilus in Cod. Par. gr. Coisl. 25 (Ac 15) und 
Rom. Barber. VI, 21 (Ac 21) an Montfaucon, Bibliotheca Coisliniana 
(Par. 1715), p. 78. Tregelles, Iutroduction to tbe teztual crilicism 
of the NT. (London 1856), p. 27. 

2) Diese Vermutung von Mill (N. T. ed. Küster 1710 prol. § 905—907) 
wird gebilligt u. a. von Swbte, Theodori ep. Mops, (in epistulas b. 
Pauli commentarii (Cambr. 1860) I, p. LXI und Gregory, Prolego- 
mena, p. 159. 



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12«) 



von dobschCtz, 



lieben, von der Art der Anlage uns ein hinreichendes Bild 
zu raachen (b. u.). Leider ist der Text des TTQuyQctfiiia, das 
stark von dem griechischen abweicht, so verdorben, dafs auf 
eine völlige Lesung und eine genaue Übersetzung einstweilen 
verzichtet werden mufste. 

Für die übrigen sechs Kapitel sind wir nur auf Vermutungen, 
die sich an einen Vergleich der Kapitelüberschriften mit dem 
bei Zacagni vorliegenden Material anschliefsen, angewiesen. 

Da findet sich zunächst nichts, was Kap, V entspräche. 

Kap. VI hat an dem kurzen der kürzeren Kapiteltafel 
angeschlossenen Abschnitt Zac. 545 f. eine ungefähre Paral- 
lele: es ist aber kaum anzunehmen, dafs dies der ganze In- 
halt des Kapitels gewesen sein sollte, da der Abstand im Um- 
fang z. B. von Kap. I ein gar zu unverhältnisroäfsiger wäre. 

Kap. VII scheint die kürzere Kapiteltafel (Zac. 
542 — 545) zu meinen; ob mit ihrem /CQO'/Qafifia oder nicht, 
läfst sich nicht entscheiden; jenes ist wahrscheinlich, da die 
beiden Zahlen hier eine etwas andere Bedeutung haben als 
in der gröfseren Kapiteltafel. 

Kap. VIII findet sich in grofscr Kürze nach dem zu 
Kap. VI vermerkten Stück Zac. 54G: etwas ausführlicher 
am Schlufs der gröfseren Kapiteltafel Zac. 568 f.: xeri tdto- 
aoXoyij&ripctv tv öiarfüQOig truoioXalg ai V7TOzzxayy.iva.i . . . 

Zu dem Kap. IX bezeichneten findet sich bei Zacagni 
kein ganz entsprechendes Stück. Doch liegt es völlig in 
der Linie der anderen Zusammenstellungen, wenn auch die- 
jenigen Citate bei Paulus, für die zwei Fundstellen bei „Eu- 
thalius" angegeben sind, tabellarisch zusammengefafst werden ; 
und dafs hierbei gerade die Psalmen besonders genannt wer- 
den, hat seinen guten Grund darin, dafs im Psalter mehr 
als sonst ganz gleiche Verse doppelt vorkommen *. So gut 
wie Zacagni mehrere der eben genannten Tabellen nur in 
einem oder dem anderen seiner Codices fand, mag diese Zu- 
sammenstellung in den bisher bekannten griechischen Zeugen 
ganz ausgefallen sein. 

1) Z. B. zu Röm. 3 13: Uli <cf> t>>aX t uoO ty' xtt) vß' ^ «iVij ß' = 

vi na ä: in ysi -r cnvrra p » i — zu Röm. 10 u: jjtt 

xt'y Naoi'f* xa) 'llaator rßv nootfrjfOv a . 



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ELTHAMUSSTUD1EX. 



127 



Kap. X endlich bat an den beiden bei Zacagm an die 
kürzere Kapiteltafel (genauer nach unserem Kap. VIII) an- 
geschobenen Stücken tyoaqnrfiav de tx nqoailmov JJavXov . . . 
(Zac. 547 f.) und hyqa^tflav di *x Siaif ÖQWV Tiaxoldtav . . . 
(Zac. 546 f. also in umgekehrter Folge) eine völlig ent- 
sprechende Vorlage. Daraus, dafs hier diese beiden Stücke 
zusammengefaßt sind, wird man aufs neue schliefsen dürfen, 
dafs die für die vorausgehenden angegebenen teilweise 
kürzeren Stücke nicht deren ganzen Inhalt ausmachten. 
Andrerseits wird nicht zu bestreiten sein, dafs die letzten 
Kapitel sich mit den ersten an Umfang schwerlich haben 
messen können: Auch wenn wir in Kap* I die vielleicht 
erst nachträglich eingefügten Stücke c und e ausscheiden, 
bleibt ein grofser Umfang, und noch respektabler mufs der 
von Kap. III gewesen sein, wenn es sämtliche Kapiteltafeln 
der Paulusbriefe enthielt. 

Die Resultate der bisherigen Untersuchung von Cod. L 
veranschaulicht folgende Übersicht: 

Kap. I a prol. Paul. 1 Zac. 515—523 

b prol. Paul 3 Zac. 529—535 

c Eus. h. e. II, 20 

d marl. Paul. Zac. 535 f. 

e Chronol. anonyraa. 

Kap. II prol. Paul. 2 Zac. 523—529 

Kap. III capp - tabb Zac. 573 etc. 

Kap. IV progr; ^aqx-lab long. Zac. 548 — 567 
Kap. V V 

Kap. VI fiaot-summ (et alia?) Zac. 545 f. 

Kap. VII (progr?); ftaoT-tab. brev. Zac. 542—545 

Kap. VIII de naor bis usitatis Zac. 546 vel 568 f. 

Kap. IX de fiagr bims locis inventis ? 

Kap. X de peisonis; de locis Zac. 547 f. 546 f. 

Der zweite syrische „Euthalius "-Zeuge ist der sogenannte 
Codex Ridleyanus, jetzt Oxon. Collegii Novi 333. Ich ver- 
danke die genaue Kenntnis der für unsere Frage in Betracht 
kommenden Teile der grofsen Liebenswürdigkeit des Biblio- 
thekars von New College, Herrn Professor D. S. Margoliouth, 



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128 



VON DO USCHI TZ, 



der in zuvorkommendster Weise nicht nur alle meine An- 
fragen beantwortet, sondern mir auch von 27 Seiten Photo- 
graphieen angefertigt und bereitwilligst zur Verfügung ge- 
stellt hat. 

Die Handschrift, in Quart (31,75 X 22,8 cm) besteht aus 
27 Lagen zu je 10 Blättern (Quinio wie z. B. in Codex B ; 
nur Lage 5 hat 14 Blätter). Jede solche Kurräsa trägt auf 
der ersten und letzten Seite in der Mitte des unteren Randes 
ihre Zahl, syrisch und darunter armenisch, also z. B. 
fol. 193' = 19 , fol. 194 und 203' = 20,, fol. 204 = 21. 
Die Foliozahlen stammen von einer modernen Hand (Ridley's 
oder White's?), die auch jedem Blatt auf dem oberen Rande 
eine lateinische Inhaltsangabe zugefugt hat. Bemerkenswert 
sind noch einzelne hebräische Beischriften, welche, wie Prof. 
Margoliouth bemerkt, den Anfanger im Hebräischen ver- 
raten. Die Schrift ist ein bedeutend jüngeres Estrangelo 
als das in Codex L; sie wird ins 11. Jahrhundert 
gesetzt *. Die stattliche Schrift steht in zwei Spalten 
(25,4 X 8,9 cm) zu durchschnittlich 29—32 Zeilen mit etwa 
20 Buchstaben. Die Titel sind rot und treten auch durch 
veränderte Schriftzüge hervor. Es ist die bekannte Hand- 
schrift, welche Jos. White seiner Ausgabe der Philoxeniana 
(richtiger Heracleensis) für die Apostelgeschichte und die 
Briefe zugrunde legte, auf der auch bis zu dem Erscheinen 
der angekündigten neuen Ausgabe von Deane * unsere ganze 
Kenntnis des Textes der Heracleensis für diesen Teil des 
Neuen Testamentes beruht, obwohl es noch andere Handschriften 
desselben giebt, die sogar nach Deane's Urteil einen besseren 
Text der Heracleensis bieten, so Oxoti. CoU. Nov. 334 und 
vor allem der berühmte Codex MoM, Cantabr. Univ. 1700, 
der uns nicht nur den in den Oxonienses fehlenden Schlufs des 
Hebräerbriefes, sondern auch den syrischen Text der Clemens- 
briefe geliefert hat *. Keiner dieser Codices enthält — das 

1) Vgl. Gregory p. 855, Ev 9, Ac 3, P 3. 

2) S. Scrivener - Miller 4 II, 29. — Deane ist .leider darüber ge- 
storben. Seine Sammlungen liegen, wie mir Herr Prof. Margoliouth 
schreibt, in St. John's College. 

3) S. R. Brnsly, The Harkhan Version of tfo epittle to the He- 



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EUTIIALIUSSTUDIEK. 



«ei gleich im voraus bemerkt — die „Euthalius"- Stücke, 
wie mir Professor Makgomouth und für den Cantabr. Herr 
Professor J. Armitage Robinson auf meine Anfrage aus- 
drücklich bestätigt haben. 

Codex O bietet nun den „Euthalius" in einer ganz an- 
deren Form, als wir ihn in Codex L fanden: dort war es 
ein dem Neuen Testament (in Pe3i v to - Ubersetzung) ange- 
hängter selbständiger Traktat. Hier ist der Apparat in das 
Neue Testament (in Heracleensis- Version) eingefügt, wie es 
-die griechischen Handschriften haben. 

fol. 193' bi schliefst der Judasbrief, darauf folgt die be- 
kannte sttbscriptio , welche von der im Auftrag des Bischofs 
Philoxenos (Xenaia) von Mabug im Jahre 508 durch den 
Chorepiskopos Polykarp veranstalteten Bibelübersetzung und 
deren Revision durch Thomas von Herakleia im Jahre 616 
im Antonioskloster bei Alexandria handelt K Dann folgen 

foL 193' b— 198 b4 prol. Paul. (Zac. 515 — 535) mit sei- 
nen drei Teilen, 
fol. 198 b s-27 mari. Pauli. (Zac. 535 f.) 

fol. 198 b 28 — 199' a 6 lect-iab (Zac. 537—541 19) ohne den 

stichometrischen Schlufssatz ! 
fol. 1 9 9 ' a e — 1 7 progr. brev. (Zac. 542) 

fol. 199' a 18— 201 ajs ^taqx-UÜK brev. (Zac. 542 — 548 15) 

mit summarium (Zac. 545 f.) 

tob. de loeis (Zac. 546 f.) 

iab. de personis (Zac. 547 f.) 

doch ohne Stichenangaben! 
fol. 201 a 16—201 b'u progr. lü)ig. (Zac. 548 ie— 549 u) 
ioL20lbis — 205a je fjaqr-tab. long. (Zac. 549—569) mit 

Umstellung von Heb. nach Phm. 

mit tab. de dupl. ftctor. (Zac. 568 f.) 



brews XI, 28 — XIII ', 25. Cambridge 1889. — J. B. Lightkoot, 
S. Clement of Botnt 1 (1890), 129—117. 

1) Vgl. hierüber Gregory p. 822 f. — Scrivenfr - Miller 4 H t 
26 ff. — Nestle inJRE» III, 176 f. — W. Wrioht, History of syriac 
Literature, p. 13 sqq. 



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130 



VON ÜOBSCHÜTZ, 



fol. 205 an -33 7iivct$ der 14 Briefe (Zac. 569) 

ohne die quaest. öia ti (Zac. 570 
l — to) 

ohne das arg. (Zac. 570 — 573) 
fol. 205 a34 — 205' a capp-tab. Born (Zac. 573—576) 
fol. 205' b Born. 

Im weiteren folgen die einzelnen Capiteltafeln vor jedem 
Briefe, wobei besonders zu bemerken ist, dafs fol. 266' der 
capp-tab zu Heb jenes interessante über den paulinischen 
Ursprung von Heb handelnde Stück vorangestellt ist, doch 
unter die Überschrift der capp-tab eingereiht, welches bei 
Zac. 669 f. dem arg. angehängt erscheint, in den Hand- 
schriften aber meist mit eigenem Titel bald vor bald nach 
dem arg. steht und sich auch in Handschriften findet, die 

— wie unser Syrer — der pseudo - athanasianischen Argu- 
mente entbehrten, also offenbar zu dem älteren „euthaliani- 
schen" Apparat gehört *. 

Diese Anordnung entspricht durchaus der in den griechi- 
schen Handschriften üblichen, und weicht nur in geringen 
Auslassungen von dem ab, was Zacaoni geboten hat. 

Es erhebt sich hier nun sofort die wichtige Frage: Wie 
verhalten sich diese beiden syrischen „Euthalius"- 
Bearbeitungen zu einander? 

Sie sind nicht unabhängig voneinander. Denn 

— von der Anordnung zunächst einmal abgesehen — er- 
weisen sich in den zur Vergleichung stehenden Stücken die 
Texte von L und O weit eher als verschiedene Handschriften 



1) a) Ohne die ps.-athan. arg. : inscr.: nQÖXoyot ijtow wf^yrpic 
ii}e nQÖf 'Eßgaiove iniOTokijs cod. 37 P (Leicester cf. Scri- 
vener, Cod. Augtensis, p. XL VII). 

b) dem arg. vorangestellt: 298. 256 (inscr.: nQ6Xoyos rijs nfa 
'Eß(Ht(ov( (rtKJTokfjt) 477 (item). 

c) dem arg. nachgestellt mit inscr. : xttfriltaa rfc avrfn lnt~ 
aroXijs: 244 (cf. 0). 

d) dem arg. nachgestellt mit inscr.: tinofcote irtya: 7. 

e) dem arg. nachgestellt mit roter Initiale: 36. 303. 

f) dem arg. nachgestellt ohne Andeutung eines Absatzes : 2. 242. 

g) fehlt: Syn. Äthan.- 1. 260. 302. 



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EUTHALirSSTUDIEX. 131 

* • 

einer Übersetzung wie als getrennte Bearbeitungen der grie- 
chischen Vorlage. Sie stimmen völlig tiberein auch an Stellen 
des Prologes, wo der syrische Ubersetzer, der sehr komplizierten 
Konstruktion seiner griechischen Vorlage nicht gewachsen, 
völlig von dieser abgewichen ist So wird z. B. wieder- 
gegeben: 

Zac. 815 22 bti ädi'Aov (.laviav tv öixaiq öFflev jiQoatQtau 
cxcxrqro 

L 194' a 8, O 194' a* dass von redlicher Gesinnung er er- 
griffen war 

Zac. 520 7 free pövov xi)v (Z. 302) Sid («x 81. 89) xQv 

tQywv, dX?xc y.ai (+ dia 1. 192) xi]v ex xGiv 

koy<ov tlg xö ^txtntixa 'Ax^aovxai (sie) ötöa- 

CAaXiav xai . . . 
L 194'a4i, O 194'bio damit nicht nur durch die Werke, 

sondern auch von den Worten danach sie 

fänden Belehrung, dafs 
Zac. 521 tv dt tö peragv ataatg AavtiXfau xtg xrjv 

nokiv (Z. xtg 78. 81 ; <v> nach axämg 7. 242. 

302) 

L 194' bie, O 195 ag es geschah aber, und ein Aufruhr war 
in der Stadt 

Zac. 521 2i ovvtXd(.ißavov olv avibv y.ai 7cgög zöv td-votQ'/rp 
tyov, Q>fjfo£ Jjv ovo/na cut#: 

L 194' b je, O 195 a 22 als nun sie ihn brachten zu dem 
Hegemon, dessen Name war Felix. 

Zac. 523 i—4 trctxtiov (irfaiov 78) avzQ jui^/uj? f^ttgav 
TzavqyvQtLOvoi xfj itQÖ xqiQv xalardtöv 'iovluüv, 
7itfi7rrrj Jlavtfiov urpög (al. J'xrr/i T<p s/wot fir\vi 
et varie) xovxov xö fiuQxvgiov tOQxaLovxtg: 

L 195 a2o— 23, O 195 b t9—22 und in jedem Jahre ein Fest 
am Tage seines Gedächtnisses begehen sie, und 
im Monat Tamuz (so ohne Datum L und 0!) 
die Erinnerung seines Martyriums feiern sie. 

Besonders das letzte Beispiel beweist unwiderleglich, dafs 
wir es bei L und O im Grunde mit der gleichen syrischen 
Version zu thun haben, dennoch stellen L und O, auch 

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13*2 



VON DO BSC Ht' TZ, 



von der Anordnung des Stoffes abgesehen, nicht einfach 
zwei Abschriften einer Übersetzung dar. 

Die Varianten sind allerdings meist rein orthographischer 
Art, indem bei den griechischen Eigennamen und Lehn- 
wörtern in 0 die aus Whites Ausgabe bekannte, peinlich 
exakte Transscription der griechischen Vokale auch hier 
möglichst durchgeführt wird, während L die üblichen syrischen 
Formen hat l . 

Vereinzelt sind Synonyma vertauscht * ; zumal bei Wieder- 
gabe des Reflexivpronomens liebt 0 eine andere Konstruktion 
als L 8 . Das Personalsuffix fallt in O oft fort, oder wird 
mit nVn umschrieben. O setzt den stat. emphaticus, 
wo L den absolutus hat *. In alledem stimmt O völlig 
mit den Eigentümlichkeiten der Heracleensis überein. Ferner 
fehlen O einige in L über den griechischen Text hinaus- 
gehende Glossen. Varianten, die Textverschiedenheiten in 
der griechischen Vorlage voraussetzen, finden sich kaum. 
Denn es ist sehr fraglich, ob der Anrede „unser Bruder" 
(L fol. 193' ai4 = Zac. 515s rtaiiQ; O 193' b»o unser 
Vater) je ein ädefcpt im Griechischen entsprochen hat; ob 
für Evoeßiov toC IIap<ptXov 529 is (cf. O 196' bi 4) je 

1) Also z. B. L Cibic, 0 meist cnbiSE; wenn sich daneben noch 
oft genug jene Form findet, so kann man das als Einwirkung der ge- 
läufigen syrischen Schreibart auf den Schreiber von 0 erklaren, aber 
auch annehmen, dafs hier die Korrektur der Vorlage nach dem grie- 
chischen vergessen wurde. Ferner L OVCE, 0 CViEfiWJ — L b^O*, 

o bjnc^N — l oi:e::ck, o ci:kbüs« — l oipc^i, 0 öipcarafin — 

L ^sp, 0 ^»op — L fcTOirn, o *?rn — l fic-rim, 0 firnr» — 
L d-sotk, 0 cvanom — l "p-basi«, 0 -rrbnarfin» — L «pwobp«, 
O "^EO^C'SppN u. s. w. Besonders das letzte beweist, dafs der 
Schreiber von 0, bezw. dessen Vorlage einen griechischen Text vor 
Augen hatte, den er exakt transskribierte. 

2) L 0 «rw — L by, 0 bsra — L yo"«, 0 y:r, — 
L CTpib, 0 mfittip — besonders interessant ist 529 1 s ävaxufa- 
Xaitoatv L K^n, 0 KWQ ; dies Wort hat L als Überschrift dieses ganzen 
Teiles! 

3) Zac. 516 1 i/tavröy L WS, 0 T5 «:« — Zac. 520 12 h rj 
*pi'Xg ntguftpouv L 149' b4 *pnr>OS33 "p2p2 (= nffHTiCHtjooort), 
O 194' bu "Jinn *p:n -p:p: scheint (*> kavioig vorausgesetzt! 

4) So durchweg «n:^5 für rSQ , K-ac für "frä, ähnlich K-TO 

für ■n*: und terms für «:31a. 



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EITHALIISSITÜIKN. 



133 



«ine griechische Handschrift Eusebios' des KaisareUrs (L 
f. 195a«7) bot. 

Auch die Textvergleichung im einzelnen lehrt also genau 
dasselbe, was wir schon der Anordnung im ganzen ent- 
nahmen: O steht dem griechischen Text näher; L 
stellt eine selbständigere — wir dürfen sagen, mehr 
syrischen Geist atmende — Bearbeitung dar. 

Unter solchen Umständen liegt am nächsten die Ver- 
mutung, in L stelle sich uns eine Umarbeitung der in O er- 
haltenen Ubersetzung dar. Diese letztere dürfen wir wohl 
mit V* bezeichnen und der Heracleensiachen Ubersetzung vom 
Jahre 616 gleichstellen, mit der gemeinsam sie uns in O 
überliefert ist, mit der sie auch eine Reihe entscheidender 
sprachlicher und orthographischer Charakteristica teilt. Da 
nun L im Jahre 768 geschrieben ist, so müfste diese Um- 
arbeitung (X) der Zeit zwischen 616 und 768 angehören. 

Dagegen erheben sich aber Bedenken schwerwiegen- 
der Art. 

1) L ist eine Pesitto- Handschrift, repräsentirt also einen 
älteren Typus der syrischen Bibel als 0 mit der Hera- 
cleensis. Das will freilich nicht viel besagen, da der „Eu- 
thalius"- Traktat in L nur ganz äufserlich an das Neue Testa- 
ment angeknüpft ist 

2) L enthält, z. B. im mati. Pauli, mehr als O, und 
zwar in Ubereinstimmung mit dem griechischen Text (s. u.). 
Man müfste also annehmen, entweder, dafs l) als Vorluge 
von X (L) in O nicht vollständig erhalten sei, oder aber, 
dafs auf die im ganzen syrische Bearbeitung X doch auch 
der griechische Text noch eigens eingewirkt habe. 

3) Besonders interessant ist das Verhältnis der Bibelcitatc : 
in der ^aqx-tab, wo sie gedrängt auftreten, stimmen diese 
in O last genau mit der Heracleensis überein ; in L dagegen 
mit keiner der bekannten Versionen. Die hier vorliegende 
Fassung steht sprachlich gleichsam zwischen Pesitto und 
Heracleensis. Ob sie einer bisher unbekannten Bibelüber- 
setzung entnommen ist — wobei dann eventuell an die 
Philoxeniana von 508 zu denken wäre — oder ad hoc auf 
Grund der griechischen Vorlage gemacht wurde, mag einst- 

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134 



VON DOBSCHÜTZ, 



weilen noch dahingestellt bleiben. Jedenfalls ist hier klar, 
dafs L nicht eine Umgestaltung von O bezw. I) sein kann, 
sondern O (f}) den Text der zugehörigen Bibelübersetzung 
einer älteren in L erhaltenen substituiert hat. Schon dafs 
die geringen Abweichungen von der Heracleensis, die sich in 
O finden, durchweg auf die in L vorliegende Fassung hin- 
weisen, zeigt, dafs diese in O (Vi) nach der Heracleensis 
überarbeitet worden ist Vollends deutlich wird dies durch 
den Vergleich der wenigen Citate in dem Prolog: hier, wo 
keine so direkte Veranlassung vorlag, den Bibeltext nach- 
zuschlagen, Ftimmt O fast ganz mit L gegen die sonstigen 
Versionen überein, d. h. O (f}) hat hier an der Vorlage, wie 
wir sie in L erhalten haben, fast nichts geändert *. 

4) Die Möglichkeit, das Verhältnis noch genauer zu be- 
stimmen, giebt uns das Martyrium Pauli an die Hand. Wir 
lassen hier neben dem griechischen Text eine Übersetzung 
der in L vorliegenden Form unter Vergleichung von O 
folgen : 

L fol. 196 D4i— 196' a*i 

Das Martyrium des Paulos 
(des) Apostels. 

In den Tagen des Neron (des) 
Kaisers der Römer erlitt das 
Martyrium zu Rom Paulos der 
Apostel , indem abgeschnitten 
ward sein Kopf mit dem Schwert. 
Im Jahre nämlich dreifsig and 
sechs des Leidens unsers Er- 
lösers stritt er den schönen 
Kampf in Rom am 5. Wochen- 
tag 

im Monat Tamuz, 
am 29. in ihm, und es ward 
vollendet der heilige Apostel in 
seinem Martyrium im Jahre 

1) Ich mufs hier auf die bereits ausgearbeiteten Belege verzichten, 
hoffe aber anderwärts nicht nur Proben, sondern die ganzen Texte geben 
zu können. 

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Zac. 535 

1 MUQTVQIOV IIuvXoV JOV 

unnnioXov. 

'Eni Nfywrog zov Kai- 
augog 'Pü;/i«/W ipugit gqotr 
& ntrTOth JluiXog ü unoaroXog 
£/<jTfi Tqv XHf-ukrp anojfir t ~ 
ittic* fy TW Toiuxooi (i> xew 
txiio txu xov ataxr^gtov nu- 
&ovg tov xaXoy uywvu a)'ft>— 

in vincttirtiQ }y P(o/itJ] n^ftnxj) 
r^iiga xutu ~vgo/naxtdoyug 
Huyi/nov ftr/vog, f t vig Xtyotx* 
uy xux' Aiyvnxiovg 'Enty* 
t, nugu df 'Pw/itui'otg r t ngh 

Xbxguüv xuXuvöiiv 'IovXuüv 
(jir t yt *Iovyuo) x&\ xufr* T f y 
fxtXtitütrij o uytog anuaioXog 
iw xux* utxty pugjvgut> 



EL'THALIUSSTUDIEK. 



135 



sechzig und neun der Ankunft 
unsere Erlösers Jesu Christi. 

Es ist nun die ganze Zeit 
von (da an) als er das Mar- 
tyrium erlitt [und] bis zu dem 
Jahre, dem achthundert und 
neunzehnten nämlich des Ale- 
xanders des Makedoniers Jahre 
vierhundert und vierzig und 
eins. 

Andere Veränderung der Zahl 
der Zeiten. 

£5 ift nun b\c gause <oeit 
von (ba an), als er bas ZTlar« 
ryrium erlitt, £>rcit>uufcert imö 

dreißig 3 ar ! re ms 3 U ^ cm ^ on ' 
fulat bem werten bes 2lrfabios, 
bem dritten aber fces l^onorios, 
bet Brüser 2lutofratores 2lu- 
guftoi, Jnöirtion neunte, Öer 
3atjre fünfjerm bie fid> fcrerjen, 
im ZHonat Camus am swansig 
uuö neuu(ten). 

1. 2; 29. 30 rot in L 
34 L Z naqovariQ TaiTTjg 
36 L Z dvo 



2 + welches geschah in Rom 
durch Neron 0 (fol. 196 b) 

26 + in welchem diese Schrift 
aus dem griechischen in das 
syrische fibersetzt ward das 
frühere Mal 0 

27 statt 441 : 436 0 

28 + genau that ich kund 
die Zeit des Martyriums dos 
Paulos 0 (cf. gr. 298) 

29—41 ^ 0 



t^fjXoaTw xat tvvuna tut 
20 Tr t g tov aiüTrgog r^tüy 
aov Xptozov nugovatag 

/.QOVOQ 



fOl Ii' 



UVV 



7t a. 



f§ 01; fftagzi gqotv 



30 



TQiuxaatu 

TgtuxovTa (Tr t f-tt/gt Tr t g na- 
govarjg TavTijg vnazttag 
35 TizugT^g f*tv Agxudiov, jqI- 
tjjc di 'Ovwgiov, twv dvo 

udtlqiöy UVlOXQUTOQlilV Av ' 

yovoziuv, Ivvuxrfi hdixTtwvog 
Tr t g 71 c vt txatdexutzTjQixijs nt- 
4 0 giodnv fxr^oq 'lovviov ttxoazrj 

21. expl. 2. 7. 256. Oec. 
41. expl. 1. 260. Ac. 15. 36. 

190 hic ponit: azi/m ig. 
al. + torfjjitiioauiirf uxgißiog tov 

/govov TOV lIUQTVgtOV 

riuvXov tov uitoazukov. 
(298 — 46. 78. 190). 

al. + Xttl «710 Tr'c V7XUZt'lU$ T*- 
TUQTTjg ftiv AgXudiOV TQt- 

Tr t g di 'Ortogiov (nt/gi 
Trg nagovorjg TavTtjg 
vnuTiug ngwzrjg Aiovxog 
Al yovazov , tvdtxnwvog 
diod*xuT7]g t *Eni(f\ f \ Jto- 
xXqztuvov god', kzt] %y' 
lüg tivat zu navza uno Ttjg 
rot; au)zr t gog quiov nu- 
govoiag mXQi tov txqo- 
xfitUyov hovg irr] mga- 
xoota QqxovTa dvo. 
(46. 78. 190.) 



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136 



VON DOBSCHÜTZ, 



Hier liegt zunächst in L und O die gleiche ziemlich 
wörtliche Ubersetzung des Textes vor. Bei dem Datum ist 
offenbar einfach die syrische Art an die Stelle aller anderen 
gesetzt, wobei es fraglich bleibt, ob die ägyptische und alt- 
römische Zählung in der Vorlage vorhanden war; jedenfalls 
enthielt diese auch die neurömische Zählung 1 und die syro- 
makedonische ; denn letztere hat zu dem Mi fs Verständnis An- 
lafs gegeben, als sei von dem 5. Wochentag (Donnerstag) 
die Rede. 

Dieser Art das Datum zu behandeln, entspricht nun ganz 
die erste in L und O gemeinsame Jahresberechnung, welche 
in syrischer Art nach Alexanderjahren zählend, von dem 
Jahre Öl 9 Alexanders, d. h. 508 unserer Zeit, aus zurück — 
rechnet und so durch Subtraktion von 441 das Jahr 67 
— ganz im Sinne des euthalianischen Ansatzes — als das 
des Martyriums bestimmt 

Dies ist aber genau das Jahr der in Philoxenos' Auftrag 
gefertigten Ubersetzung des Chorepiskopos Polykarp! Es 
kann keinem Zweifel unterliegen, dafs diese Form des Mar- 
tyriums, aber wohl nicht nur dieses einen „euthalianischen" 
Stückes mit zu der Arbeit jenes Polykarp gehört. Zum 
Überflufs bestätigt dies 0 und erweist sich als den auf 
der Philoxeniana weiter aufbauenden Bearbeiter von 616, wenn 
er eben hier zufügt: „in welchem diese Schrift aus dem 
griechischen in das syrische übersetzt ward zum erstenmale". 

Es scheint darnach klar, dafs L auf die Philoxeniana 
von 508 (p) zurückgeht, O dagegen eine Überarbeitung von 
P aus dem Jahre 616 (Ii) darstellt. 

So einfach liegt aber die Sache nicht: das Verhältnis 
von L zu p bedarf näherer Bestimmung. 

An die eben zugrunde gelegte Berechnung vom Jahre 



1) firpl 'lowiy x&' fehlt bei Zacagni, findet sich aber z. B. bei 

Mill. 

2) Wenn 0 dafür 436 setzt und also auf 72 (statt 67) kommt, so 
beruht das wohl nur auf einem Schreibfehler. Übrigens ist daran zu 
erinnern, dafs der Ansatz der Geburt Jesu bei den Syrern sehr schwankt, 
vgl. die Zusammenstellung in der Chronik Mar Michaels (ed. Langlois 
I». 32) und für den Tod Jesu beiBar-Hebraeus, Chron. syr., p. 49. 



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EITHALIUSSTUDIEN. 



508, welche offenbar bestimmt ist, die griechische Berech- 
nung nach dem Konsulat der beiden Kaiser Arkadios und 
Honorios (396) zu ersetzen, schliefst sich in L, nicht in O, 
eine wörtliche Übersetzung der ersteren an, mit denselben 
Worten beginnend, aber durch eine eigene Uberschrift ab- 
getrennt Wir würden das Verhältnis völlig begreifen, wenn 
sich dieses Stück in O fände, sei es an Stelle des ersten, 
sei es, wie jetzt in L, diesem angehängt Denn O (£7) ist, 
wie wir sahen, eine Revision von p (L) in genauester An- 
lehnung an griechische Vorlagen. Nun aber findet sich dies 
offenbar dem griechischen Text am genauesten entsprechende, 
insofern zu £j wohl passende Stück in L, nicht in O. Die 
bereits zurückgewiesene Annahme, dafs L doch eine Uber- 
arbeitung von & (O) sei, erleichtert das Problem um nichts; 
wir müfsten dann eine Revision von 1} an der Hand griechi- 
scher Texte nach 616 annehmen, von der wir nichts wissen. 
Mit gleichem Recht kann man eine solche zwischen 508 und 
616 postulieren. Ja, es bleibt die Möglichkeit, dafs es schon 
vor 608 einen eigenen „Euthalius"-Text gab, welcher in 
dem Mart. Pauli keine Bearbeitung, sondern eine wörtliche 
Übersetzung darstellte. 

Zu der Vereinigung dieser beiden disparaten Berech- 
nungen bildet der in etlichen griechischen Handschriften 
sich findende Zusatz, der die Rechnung auf 458 weiterführt, 
und lange Zeit die Altersbestimmung des „Euthalius" irre- 
geleitet hat *, ein gutes Analogon ; aufserdem darf man viel- 
leicht an die Art erinnern, wie in einer bestimmten Gruppe 
neutestamentlicher Handschriften die beiden Marcusschlüsse 
miteinander verbunden sind *. 



1) Dafs dieser Zusatz aus Ägypten stammt, geht hervor aus der 
angewandtes diokletianischen Aera und dem allein gebrauchten Datum 
(Tiiif* e'. Offenbar hat am Tage des Apostels ein eifriger Leser diese 
Berechnung angestellt und beigefügt. Sie findet sich nur in einzelnen 
Handschriften, z. B. 46. 78. 190. Was ich 1893 gegen Ehrhard zur 
Verteidigung der bisherigen , von Zacagni begründeten Anschauung:, 
welche in diesem Datum die grundlegende Zeitbestimmung für „Eu. 
thalius" sah, gesagt habe, nehme ich jetzt ausdrücklich zurück. 

2) In LT Q< /'1 M al. wird an Mc. 16, erst der kürzere, jüngere 

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138 



VON DOBSCHÜTZ, 



Jedenfalls hat die Vereinigung der beiden „Euthalius"- 
Texte nicht im Jahre 508 (P), sondern, wenn nicht erst 
768 (L), so in der Zwischenzeit stattgefunden. Denn $ (O) 
land in seiner Vorlage p die syrische, nicht die grie- 
chische Form des Martyriums. Sonst hätte er sicher die 
letztere aufgenommen, wie er den Schlufssatz, den er in 
seinen griechischen Handschriften fand, gewissenhaft nach- 
trägt 

Darauf, dafs L nicht mit p ohne weiteres gleichzusetzen 
ist, sondern diesem in der zwischenliegenden Zeit von einem 
kaum mit dem Schreiber von L identischen Bearbeiter 3E teils 
andere aufsereuthalianische Stoffe noch beigefügt worden sind, 
teils ein zweiter „Euthalius"-Text eingearbeitat wurde, weisen 
auch andere Momente hin. 

Zunächst die nicht zu „Euthalius" gehörigen Stücke des 
Kapitels I: c) aus Eus. h. e. II, 20, e) aus irgend einer 
Chronographie. Uber diese letztere vermögen wir nichts Näheres 
zu sagen. Jenes ist, wie wir sahen, aus der syrischen Uber- 
setzung des Eusebius genommen, und weist in den überein- 
stimmenden Stellen, wo „Euthalius" aus Eusebius schöpft, 
charakteristische Unterschiede der Übersetzung auf. Daraus 
folgt nicht ohne weiteres, dafs das Stück aus dem syrischen 
Eusebius nicht von dem Ubersetzer p eingeschoben sein 
kann. Aber wahrscheinlich ist es nicht, dafs er den Text 
zur Hand hatte, als er so ganz selbständig die wörtliche 
Parallele übersetzte. 

Noch deutlicher tritt die nachträgliche Vereinigung ver- 
schiedenartiger Materialien in L (X) hervor, bei der capp- 
tab, von der leider nur ein kurzes Stück erhalten ist (fol. 
197 a. b.: Heb. c. 9—22 == Zac, 673 — 674): 

. . . unv) in feinem xut t>)v Ugwaiyr^ 

priefterrum 



Markusschlufs angefügt, teils mit, teils ohne Einleitung. Daun folgt 
mit der Übergangsfonnel iauv $k xal raOra ytQÖutva ptra jö itfo- 
ßoOvro yäQ der längere, wohl ältere Markusschlufs v. 9 — 20. 

1) Dieser Satz scheint sehr verbreitet, er fehlt aber z. B. in 1. 260. 
Ac. 15. 36 — und der kürzeren Form 2. 7. 256. Oec. 



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EUTHALIUSSTUDIEN. 



139 



unb öarin, ba§ aud\ vov 
^Ibrafyam — seigt er, 
bafj er geehrt würbe. 
X Davon dafs notwendig 
mit der Veränderung 
des Priestertums geschah 
auch Veränderung des 
Gesetzes. — 

Daruber ba§ follen bie /' 
pom fjaufe 21aron auf' 
fyören von bem priefter« 
tum, unb baß foU be- 
tätigt werben biefer 
inmmlifdje , welcher ifl 
Qrijhts, ber uon einem 
anbem Stamme (ifi), 
nid?t förperlid? , aud) 
nid>t nad] flei|d}lid]em 
(Sefefc. 

XI Weil nicht zu vollenden 
vermag die Hin auf sich 
nehmenden (?) der erste 
Bund , ist notwendig 
dieser zweite, der ge- 
geben wird durch Chri- 
stus. — 

Über ben Dor3itg biefes JA' 
3u>eiten Öunbes , u?eit 
über ben erften in Sufj« 
nung unb Reinigung. 

XII Daruber dafs alle ge- 
setzlichen (Dinge) Typos 
sind von dem des Chri- 
stus. — 

Über bas Blut bes IB' 
<0>rifrus, baß es ift ber 
neue 23unb unb ift Hei« 
nigung ber IDaljr^eit in 
afler <3ett, bie uid?t in 
bem Blut ber Ciere, 
roeldje au^eit bärge» 
brad^t merben, ift. 
XIII Ermahnung entspre- 
chend der Gröfse der 

Z«iUchr. f. K.-O. XII. *. 



a' Iv w oxi xat jov 



et 

Oll 



navtrai t\ jov 
*Aaowy Upuxjvyr] r\ im 
vrjg ovoUf laiazai <J< 
fj ovguviog r t Xoiaxov 
i% tr/pov ylvovg ov 
xaxu ougxa ovdi 6 tu 
vo(aov angxiyov. 



intooxrt trjg dtviigug 
dia&r'jxrjs naou rrjy 
rcQOT^Qay iy tXaoftüi 
xul uyiuoftw. 



ntgl jov uiuuxog 
Xqioxov , ky tu r 
yia Stu&rjxrj ort tovto 
aXrjfrtg xa&ugoioy dg 
utt, ov ra iy utyaot 
£wü)y xoTg noXXuxtg 
nooouyofUyotg. 



15 



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140 



VON DOBSCHÜTZ, 



Güter, welche uns ver- 
sprochen worden sind. — 

Über bas Zeugnis bas 
reine, roeldjes ifl allem 
entfpredjenb (Sott; 
unb barin, barüber ba§ 
in (Eifer es ftdj gelernt 
[bafj] ben IPeg 3U machen 
3um (ßlauben (ßottes. 
XIV Darüber daß schwerer 
ist die Strafe, welche 
empfangen werden die- 
jenigen, wtlche verachten 
die göttlichen Geheim- 
nisse, mehr als die- 
jenigen, welche sündigten 
im Gesete, wie um vieles 
reichlicher und gröfser 
(ist) diese Gnade als 
jene frühere. — 

Über ben (Eifer ber Gebe, 
ber uns entfernt von 
bem (Berieft, bent fünf, 
tigen. 

XV Ermahnung, durch 
welche er erinnert sie, 
dafs sein wird gleich 
ihr Ende ihrem An- 
fang. — 

Über ben frönen 2In» 
fang, ber 311 ber voü* 
fommenen (ßüte uns 
führen roirb. 

XVI Von dem Glauben, ihm, 
der auch die früheren 
verherrlicht hat. — 
Über ben (ßlauben, ber 
3U oerrferrlicfften machte 
bie früheren. 

XVII Von der Ausdauer, der 
in Nachfolge des Chri- 
stus. — 

Über bie 2lusbauer unb 
fcert (ßlauben ber fidjeren 



IF' ftagxvgiat ntgi trg f*6- 
ytjg xa$uoota>s xal ngoa- 
aytaytjc ngog &ioy. 
a iv alg ngoxgonr) rrg ir 
niaxtt ngoodov. 



IE' 



iz' 



ngorgonr) anovSrjg xaia 
xptottog. 



ntgl tov xaXrjv agx^y 
ug xakov tAoc ngooa- 
yayiXv (al. ngoayttv). 



mgl nloxtwg rf t g xai 
xovg nalatoig Joga- 
$ovot]g. 



mgl tmopovijs h 
Xov&rjOti XgiaioZ. 



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EUTHALIUSSTUDIEN. 



141 



Cebensfüijrungen, ber in 
£t}rijhis. 
XVIII Von der Einfalt, solange 
dafc ist uns die Zeit zur 
Aufrichtung, dafs nicht 
geschehe uns wie Esau, 
der nicht fand einen Ort 
zur Bufse. 

Über bie €tnfalt, bie bis 
3U ber ^cit ber 2htfrid}> 
hing, ba§ nur nidjt wir 
fünbigen wie €fcm, n?el* 
djer ben ®rt 3iir Buße 
nid) t f anb, als er iljn f udtfe. 
XIX Davon, dafs furchtbarer 
sind als jene (Dinge) 
die in den Tagen Mosis 
(geschahen) diese , die 
künftig (sind) und zu 
reichlicherem Eifer wert, 
die nun (sind). 



XX Von Freundschaft der 
Brüderschaft und Freund- 
schaft der Fremden. 
Uber feie liebe ber 33rü« 
ber unb bie 5r*unbfd7aft 
ber ^^"ben. 

1. [und] worin von der 
Einfalt; 

2. davon, dafs uns genug 
ist, das was wir haben; 

3. davon, dafs es uns ziemt, 
daüs wir gleich werden 
den Vätern den früheren. 



XXI Davon, dafs wir nicht 
körperlich leben wie nach 
dem Gesetz , sondern 



IH' 



1& 



K' 



ntQt oüMpQoavytje l'wg 
xouqov xuTOQ&wotiog, ftrj 
(MOTvx (i) P* y <wt»jC tag 
'Haavy fitj tvQtov xonov 
ptravotag. 



ori (f oßtQiLitQa Tto* inl 
Mtavaiwg tu plkXovra 
xal nXtlovog o£m» anov- 
ärjg to 



mg! (piXaStXtpiag trat 
<pt\og'ty(ug. 



a' Iv u) ntpl a(o<f>QOct>yy]g y 
ß' mQi avraQxtfag, 

y' ntQi fiuprjotwg na- 
rigwv. 



lb* 



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142 VON DOBSCHÜTZ, 

geistlich wie die Lebens- 
weise in Christus (ist), 
die in Tugend. — 



XXU Gebet, das zn Gott von 
wegen Leben nnd (zwar) 
in Leitung der zur Tu- 
gend. — 

Uber oas (Sebet, bas 
311 ö3ott, ber in (Treff« 

lidjfett unb 

in Derwaltung. 

Zu ende sind die Kapitel der 
Briefe des Apostels. 

Offenbar sind hier verschiedene Stoffe ineinander ge- 
arbeitet. Bei cap. 10 hat man zunächst den Eindruck, dem 
Titel des Kapitels sei einfach das Initium vorangeschickt. 
Solche Kapitelverzeichnisse nach Initien kommen ja öfters vor. 
Zac. 438 — 441 hat der euthalianischen cap- tob zu Act eine 
andersartige mit Initien statt Titeln angehängt. Die eutha- 
lianische cap-tab zu Heb. lateinisch mit Initien statt der Titel 
soll Cod. Sangallensis 75 enthalten l . Eine nur nach Initien be- 
zeichnete lateinische cap-tab z\xHeb. mit 23 Kapiteln bietet J. M. 
Thomasius nach Codd. Orat B. 6., S. Pauli, S. Petri A. 1 * 
In unserem Falle aber widerstrebt die Fassung in cap. 13 
und 15, die offenbar Titel giebi — Aufserdem ist das Ver- 
hältnis der doppelten Kapitelüberschriften in den beiden 
Teilen ein sehr verschiedenes : cap. 10 — 15 sind sie auch inhalt- 
lich völlig verschieden voneinander, in cap. 16 — 22 erscheinen 
sie fast nur als verschiedene Ubersetzungen eines Textes. — 
Wir werden die jeweilig an zweiter Stelle stehenden, durchaus 
gleichmäfsig gebauten Titel (in Fraktur), die stets mit „über" 
(b; = neQi) beginnen, als Einheit fassen dürfen: es ist eine 
im Wortlaut freie, in der Sache genaue Wiedergabe der eu- 



1) E. Riggenbach, J. f. d. Th. III, 3 (1894), S. 363. 

2) Opera ed. Vezzosi 1747 I, 440—442. 



KA' ntQi xov ftrj awfiartxujg 
$rjv Mara yo/uov, aXXä 
nvtvfiaiixwQ xara Xqt- 
avny iv dgtjf. 



KB' klyt] nooq &thy negi Tr\g 
t!( ugfttjy uywyijg xai 
olxoyofxlag. 

oitxoi oß' (al. 40- 



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EUTHALIUSSTUDIEN. 



143 



thalianischen cap-tab. Bei cap. 19 und 21 und den Hypo- 
diaeresen von cap. 20 aind die hierher gehörigen Glieder 
wohl nur per homoeoteleuton ausgefallen. Die anderen Titel 
in cap. 10 — 15 (in Kursive) gehören einer Kapiteltafel an, 
die mit „Euthalius" nichts zu thun hat; die an erster Stelle 
in cap. 16—22 stehenden Titel (in Antiqua) stammen aus 
einer anderen Ubersetzung des „Euthalius", die sich strenger 
an den griechischen Text hielt. 

Zur näheren Bestimmung verhilft auch hier O, in dem 
die cap-tab zu Heb. vollständig erhalten ist (fol. 266b— 267 b) *. 
Allerdings scheint es zunächst das Problem zu vergrößern, 
dafs dieser Text mit keiner der beiden soeben erkannten 
Übersetzungen des „Euthalius" genau stimmt Dennoch klärt 
sich das Verhältnis durch die Beobachtung, dafs O auf das 
engste mit der in L cap. 16 — 22 erhaltenen Version zu- 
sammengeht (schon äufserlich in der Wiedergabe von negi 
durch btttt), und zwar genau so, wie wir es zu erwarten 
haben, wenn O (£j) eine Revision von L (p) auf Grund 
griechischer Handschriften darstellt Es finden sich hier, wie 
bei der Heracleensis überhaupt, Randlesarten, die das Bestreben 
zeigen, den griechischen Wortlaut möglichst genau wieder- 
zugeben; es findet sich auch eine andere Zählung der Hypodiae- 
resen, wie sie jedoch auch in griechischen Handschriften vor- 
kommt (s. u.). Haben wir sonach in O die Heracleensische 
Bearbeitung von 616 (£}), in L cap. 16 — 22 ein Fragment 
von deren Vorlage p vom Jahre 508 zu sehen, so fragt sich, 
als was der Haupttext in L cap. 10 — 22 zu gelten hat. 
Eine sprachliche Vergleichung fuhrt darauf, dafs diese Uber- 
setzung des „Euthalius", die freieste von allen, auf Grund 
der Peäitto gemacht ist *. Dann aber wird man auch eher 
an die Zeit vor 508 als an spätere Zeit denken. Von hier 



1) Proben daraus gab J. Whitb, III praef. p. XIV. 

2) L (2): KTTtn tOTT! :: L (1), 0: KmTW Pöm bOtt ; — cf. 

1 Th. 4 9 pei «fitn yi toin b* :: her ttrnriK rrarn yn bö» cf. Heb 
13, pei. Kfttn K3Tn ; für her fehlt dies Stück bei White, Bensly steht 
mir leider nicht sugebote; vgl. aber für die sogen. Pococke Briefe (ver- 
mutlich = p) 2Pet 1 7 WITT» mm 



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144 



VON DOB8CHÜTZ, 



au8 gewinnt es nun Bedeutung, dafs L eine Pesittohandschrift 
ist; vor allem aber erklären sich jetzt erst die Spuren eu- 
thalianischer Kapitel- und Citatenzählung im neutestament- 
liehen Texte von L selber: sie können ja nicht aus dem erst 
nachfolgenden, frühestens 508 entstandenen „ Euthalius "- 
Tractat stammen, sondern bezeugen eine ältere Verbindung 
des „Euthalius" mit der syrischen Bibel, auch in der Peäitto- 
Version. 

Die Analyse der cap-tab bestätigt also im einzelnen, 
was wir schon aus dem Bau der „Euthalius "-Bearbeitung 
in L im grofsen erschlossen, dafs hier die O (fi) zugrunde 
liegende Version f> mit anderen teils einer noch älteren 
„ Euthalius "-Übersetzung angehörenden, teils dem „Euthalius" 
ganz fremden Materialien durchsetzt und verarbeitet vorliegt. 

Dafür spricht endlich auch das längere TtQoyqa^na zu 
der grölseren Citatentabelle, auf dessen genauere Unter- 
suchung wir wegen der argen Beschädigung des Textes in 
L gerade an dieser Stelle verzichten müssen. So viel aber 
ist klar, dafs mehrere Sätze in L sich wörtlich mit O 
decken — in genauer Ubereinstimmung mit dem griechischen 
Text Darüber hinaus aber hat L allerlei selbständiges, 
was die Freiheit des Bearbeiters erweist, der z. B. die Psalmen 
nach der üblichen syrischen Art zählt, während O die 
griechische beibehält 

Unsere beiden Codices haben uns also — so seltsam dies 
klingt — drei syrische „Euthalius "-Versionen geliefert, leider 
freilich von zweien nur schwer entwirrbare Fragmente. Ihr 
Verhältnis läfst sich vielleicht in folgendem Stemma veran- 
schaulichen : 



Eue. et alia „Euthalius 1 




I 

768 L 
c. 1000 



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EUTXIALIUSSTUDIEN. 



145 



Das heilst: 

1) 5: Eine, wohl schon vor 508 an der Hand der Pe&tto 
gefertigte „Euthalius" -Version — erhalten cap-tab. Heb. 
9—22, Mart. Paul (?) — oben in Fraktur gesetzt. 

2) p: Neue Ubersetzung, 508 im Zusammenhang mit der 
Phüoxeniana — oben in Antiqua gesetzt 

2a) 36: Bearbeitung von p (ungewisser Zeit) mit Auf- 
nahme von Einschüben aus 5 und anderen „ Euthalius " 
fremden Stoffen: erhalten — bruchstückweise — in cod. L. 

3) £}: Überarbeitung von p im J. 616 nach griechischen 
Handschriften: erhalten in cod. O. 

Es erübrigt endlich die Frage: Was für griechische 
Textformen bezeugen diese syrischen Bearbei- 
tungen? 

Beginnen wir mit (O), wo die Sache am klarsten 
liegt: 

Thomas von Herakleia benutzte im J. 616 für die 
Revision der Paulusbriefe zwei Handschriften des Antonios- 
klosters in der Nähe von Alexandrien, die also spätestens 
<lem 6. Jahrhundert angehörten. Es scheint, dafs zum min- 
desten die Kapitelüberschriften sich in beiden fanden, und 
zwar mit leisen Textdifferenzen : darauf deuten die kritischen 
Zeichen (auch in den von White mitgeteilten Proben). Im 
Übrigen stimmte der Text des „ Euthalius ", wie es scheint, 
im wesentlichen mit dem der Mehrzahl unserer griechischen 
Handschriften überein in Umfang und Anordnung. Es 
fehlten ganz die pseudo-athanasianischen Argumente — nicht da- 
gegen die der cap-tab eingefügte Erörterung über die 
paulinische Autorschaft von Heb. — ; auch das kurze Stück 
über die Vierzehn - Zahl der Briefe (Zac. 570), ferner die 
stichometrische Notiz (Zac. 541) und die Stichenzahlen am 
Schlafs der einzelnen Stücke fehlten : es ist nicht wahrschein- 
lich, dais diese der Syrer erst weg liefs. Dafs O an den 
beiden zur Gruppierung der Zeugen bedeutsamsten chrono- 
logischen Stellen, im Prolog (Zac. 623 s ) und Mart. Paul. 
(Zac. 536i) völlig mit der freien syrischen Bearbeitung in 
L übereinstimmt, ward schon gesagt: es legt dies in Ver- 
bindung damit, dafs hier alle kritischen Zeichen fehlen und 



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146 



VON DOBSCHÜTZ, 



die Abweichungen von L fast nur orthographische und 
stilistische sind, die Vermutung nahe, Thomas habe es hier 
mit der Revision an der Hand der griechischen Hand- 
schriften nicht allzu genau genommen. Es mufs daher auch 
die Frage offen bleiben, ob die Varianten, welche der Text 
des Prologes gegenüber dem Texte Zacagnis bietet, wirklich 
sich in jenen beiden Handschriften des Antoniosklosters 
fanden, oder aber nur aus den Handschriften stammen, die 
Polykarp im Jahre 508 benutzte. Erst bei L können sie 
daher fuglich besprochen werden. 

Doch ist hier noch auf eine gröfsere Abweichung der 
syrischen „Euthalius "-Bearbeitung in O von den bekannten 
griechischen Handschriften hinzuweisen: überall, wo die 
Paulusbriefe der Reihe nach aufgeführt werden, im Mittel- 
teil des Prologes, in der lect-tab, in beiden naot-tabb, 
endlich im 7tiva^ t hat der griechische „Euthalius" stets die 
jüngere alexandrinische Stellung 1 : am Schlufs der Gemeinde- 
briefe, vor den Personalbriefen (Heb. Tim.). O dagegen 
hat durchweg die andere Anordnung, wie sie in Uberein- 
stimmung mit dem Abendland der antiochenische Text und 
alle syrischen Versionen bieten : Heb. am Schlüsse des corpus 
Paulinum (Phm. Heb.). Man wird hierin kaum lediglich 
eine Nachwirkung der mit dem griechischen Texte freier 
schaltenden Art von p erblicken dürfen. Im einzelnen mochte 
der Revisor fj manches aus p unbesehen herübernehmen 
— gerade in solchen Dingen, wie z. B. der Psalmenzählung, 
hat er P nach seinen griechischen Vorlagen corrigiert — : 
wenn er eine so starke Abweichung von dem griechischen 
Text beibehält, so wollte er sie eben, so trug er der Art 
seiner Syrer Rechnung, wie denn auch im Neuen Testament 
der Heracleensis Heb. am Ende steht, ohne dafs wir be- 
haupten dürften, Thomas habe es so in seinen griechischen 
Handschriften gefunden. 

Weit schwieriger liegt die Frage nach der griechischen 
Vorlage für L. War schon bei 0 neben den griechischen 

1) Als ältere alexandrinische Stellung fasse ich die Einordnung in 
die Gemeindebriefe vor oder nach Oai, wie sie die Kapitelziihlung ior 
B und die terato mhidica aufweisen. 



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ETTH ALU" SSTL' DIEN. 



147 



Handschriften der zugrunde gelegte syrische Text p in Betracht 
zu ziehen, so haben wir hier p selbst, dessen Ubersetzungsart 
offenbar eine ziemlich freie ist, und den Bearbeiter 36 zu 
unterscheiden — von den auf die älteste Pesitto-Version 5 
zurückgehenden Stücken, deren geringer Umfang genauere 
Untersuchungen nicht zuläfst, ganz abgesehen. 

Von Stellen, in denen p (L), von (O) gefolgt, den 
griechischen Text sehr frei wiedergiebt, war schon oben 
die Rede. Dem stehen aber doch ebenso zahlreiche Belege 
einer Bemühung um möglichst wortgetreue Ubersetzung zur 
Seite, fiiiv, tig werden genau wiedergegeben, töv avto- 
qegujyvfxov ~xt(pctvov (Zac. 529ts) übersetzt p „den gleichen 
seinem Namen Stephan os", Xoyddeg (Zac. 51m) etymologi- 
sierend: „Söhne des Wortes". So wird man geneigt sein, 
auch für völlig abweichende Ubersetzungen den Anlafs in einer 
Variante der griechischen Vorlage zu Buchen: z. B. Zac. 517u 
ev rfj devreQa ßißXtp eavrof) (afcoV 78. 80. 89. 302 *): in der 
zweiten Schrift über ihn (= rcegl avroü), 520it üaeiotov 
rfjg evaeßeiag iqvfia (egeia^ta 1. 80. 192) kv zfj \pv%fi rceqi- 
(ftQoiev: L 194' b» sie erwürben (=» neginoirjoüHJi?) in ihren 
Seelen ein Gebäude (egeiafial) von Furcht Gottes, das un- 
erschütterlich (ist); u. ä. m. Vor allem gilt dies, wo dem Syrer 
griechische Zeugen zur Seite treten: so las er offenbar 
Zac. 516 14 statt vnb didctOYXzXq) de : xe mit 1. 80. 192. Oec. 

517 M statt tfjg hadrpiag : %f t g evaeßeiag mit 1. 192. 

302. Ac 36. Oec. 

518 s »tatt töv rfjg dXrj&eiag ev&aXfj X6yov em%qaii- 

oreQOv : . . . Xöyov evSaXf) x<w eTti*QcntozeQov 
mit 302. 

519 3 statt ayanrpbv eavtoß xot niatoiaxov : ohne xcri 

mit allen aufser 81. 89. 

519 io Btatt 'Avavlav ttvä nafhfrfv : *A. xbv fi. mit 80. 

520 s statt zfjg evaeßeiag : tf}g ÄXr\$eiag mit 1. 80. 1 92. Oec. 
52 0 28 statt %ovg SXovg afabg viwfaag : avvoijg mit 78. 

81. 89. — 80. 242. 302. Oec. 

1) Die Zahlen bezeichnen die Minuskeln nach Ghegory's hoffent- 
lich bald allein angewandter Zählung. Die Angaben stammen teils aus 
Zacaoni, teils aus eigenen Kollationen; sie wollen nur Specimina geben. 



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148 



VON DOBSCHÜTZ, 



Zac. 521 ji statt elg (ai. rtQÖg, &g) tbv j}yot?jum>v : fjyepdya 
mit Oec. 

522 i7 statt ovQayßhf nollxr\v (l. 80. 192) : xXriQOvdfjoy 

81. 89. — 7. 242. 302. Oec 
529 u statt Tzleioxrp : naliv mit 1. 7. 302 (~ 242) 

cf. ndliv nXdorrp 80. 

531 4 statt ini Tl}g "Bafiaitav : 'Piofif^g mit 80. Mill. 

532 u statt xara %Qv änoa%6hav : ohne xara mit 1. 

192. — 81. 89. — Oec. Compl. 

533 s statt 6 6i /.vqi6q fiov Ttaqlarri : Z* 01 m ^ 7 - 

242. 302. — 78. — Ac 15. Mill 1 . 

533 15 Tijf naXty dtaxoviav aov : ohne xaXrp> mit 190. 
433. Compl. 

634 t statt zeXetutoeiag : + avtoC mit Oec. 
Diese Proben erweisen deutlich, dafs dem Syrer im Jahre 
608 ein griechischer Text vorlag, wie er uns teilweise nur 
aus ganz jungen griechischen Zeugen bekannt ist: es gilt 
aber überhaupt in der Textkritik die Regel, dafs die Mehr- 
zahl aller Varianten aus der ersten Zeit der Verbreitung 
stammt, im neutestamentlichen Text aus dem 1. und 
2. Jahrhundert; bei „Euthalius" wohl aus dem 4. und 
5. Jahrhundert; die weitere Uberlieferung ist selten produktiv, 
nur durch Kombination des Vorhandenen schafft sie noch 
scheinbar neues. Der Syrer geht offenbar nicht mit einer 
bestimmten Gruppe, obwohl 1. 80. 192 — daneben wieder 
7. 242. 302 Oec. — und vereinzelt auch 81. 89 deutlich 
als Zeugen seiner einzelnen Lesarten heraustreten. 

Diese Beobachtungen sind von Bedeutung zur Ent- 
scheidung der Frage, wie es sich mit der Struktur des Eu- 
thalianischen Apparates im grofsen verhält, die L bietet Die 
Gliederung des Stoffes in zehn streng geschiedene Kapitel 
mag dem Syrer, wahrscheinlich dem Bearbeiter X angehören, 
der davon in seiner Vorrede viel Aufhebens macht, ohne 
dafs es klar würde, was er eigentlich meint Wir wiesen 
bereits darauf hin, wie er euthalianische Titel für seine 
Arbeit in freiester Weise verwendet Für die Reihenfolge 



1) Wörtlich: mein Herr aber stand auf für mich. 



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ELTHALirSSTUDlEN. 



149 



aber, in der er die einzelnen Teile bringt, scheint ihm doch 
die ältere, wohl aus der griechischen Vorlage überkommene 
Anordnung die Handhabe geboten zu haben. 

So ist es kaum zufällig, dafs auch in griechischen Hand- 
schriften — und zwar der Gruppe 7. 242. 302. Oec. — 
die Form des Prologes ohne das Mittelstück vorkommt, 
freilich mit der Abweichung vom Syrer, dafs gegen Ende 
des ersten Teiles die drto6n\^iiai IJavXov (Zac. 425 — 427 
zwischen arg, und cap-tab zu Act) eingeschoben sind und 
von dem Mittelteil die Einleitung beibehalten wird: ein Ver- 
hältnis von Ubereinstimmung und Differenz, genau wie wir 
es bei den Einzelvarianten fanden. Gehört also auch die 
Vorlage von p (L) nicht ganz zu jener Gruppe, so wird 
sie ihr doch nahe gestanden haben. 

Ursprüngliches mag sogar darin bewahrt sein, dafs bei dem 
Syrer, wie die Citate aus allen Briefen in einer naqT-tab, 
so auch die cap-tabb aller 14 Paulusbriefe in ein ganzes zu- 
sammengefafst waren. Ich weifs nicht, ob sich gleiches auch 
in griechischen Handschriften findet; ein Überbleibsel davon 
scheint mir die bei Zacagni ganz unmotivierte allgemeine 
Überschrift* ex&mg x&paXauov xa&oXiyißv y.a&' ixdorip 
iftiOToXfjv rot! drtoazdXov ix&vuov tivQv xal fteQixag Ino- 
diaiQiaeig rüg did toß xiwaß<xQeo>g (p. 573) vor der Über- 
schrift zu der Kapiteltafel des Römerbriefes zu sein. Sie 
fehlt übrigens in der Mehrzahl der griechischen Handschriften 
und auch bei Syr. 0. Dagegen spricht auch nicht die 
Wendung im Prolog (p. 528): xa#* vju&oxrp de awid^tog 
lnia%oXrp> iv tolg s^fjg 7tQ0Ta^0ftev tt)v töv xeipaXaitov 
trx&ecfiv, die so wenig eine Verteilung der Kapiteltafeln auf 
die Plätze vor den betreffenden Briefen besagt, als die 
darauf folgenden Sätze gleiches für die Citatentabellen thun : 
erst mifsverstanden haben diese Worte — neben praktischen 
Erwägungen — die freilich schon in Cod. H (6. Jahrh.) 
vorhandene Verteilung der Kapiteltafeln veranlafst. 

Auch in der Anordnung der einzelnen Teile der fictQt- 
tab und Zubehör, die, so weit wir sie aus den Titeln in L 
erkennen können, stark von der Zacagni's — und des Syrers 
O — abweicht, scheint mir altes bewahrt zu sein. Dafs die 



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150 



'VON DOiJSCHÜTZ, 



kürzere tiaqx-tab, die in ihren Zahlen fortgesetzt auf die 
längere verweist, dieser ursprünglich als ein Summarium 
folgte, liegt auf der Hand und scheint mir aufserdem für 
den analogen Fall in Act. erwiesen durch die hohe Stichen- 
zahl (Zac. 415 ati%oi q% = 120), welche wohl die längere 
paQT-tab mit der kürzeren zusammenfafst 

So wird auch der Abschnitt de personis schon in der 
griechischen Vorlage vor dem de locis gestanden haben. 

Solange wir nicht alle griechischen Handschriften genau 
betreffs ihrer Anordnung des Stoffes kennen und wissen, 
ob sich hier irgendwo etwas dem Syrer L entsprechendes 
findet, wird die letzte Entscheidung in all diesen Fragen 
offen bleiben müssen. Wir werden aber immerhin sagen 
dürfen, dafs uns hier eine recht altertümliche Form des 
„Euthalius "-Textes erhalten zu sein scheint. 

Dabei sei denn noch auf zweierlei hingewiesen, was für 
die Wiederherstellung der Urform des „Euthalius" nicht ohne 
Interesse ist 

In den cap-tabb finden sich meist Unterteile (pnodiai(>i- 
aetg), die in sehr verschiedener Weise gezählt werden ! , meist 
so, dafs die Hypodiaeresen jedes Kapitels für sich mit 
a' ß' etc. bezeichnet sind. Daneben hat schon cod. H die 
Form, dafs das Kapitel selbst als erste seiner Hypodiaeresen 
gefafst und neben der Kapitelzahl mit a' bezeichnet wird, 
die folgenden Hypodiaeresen also mit ß' y' etc. 

Diese Zählart, bisher nur aus H bekannt, wird jetzt 
durch O (Q) bestätigt, der z. B. Heb. c. 4 2 (statt 1) Hypo- 
diaeresen zählt, c. 20 4 (statt 3). Es scheint, dafs beide 
Zahlen gleichmäßig rot sind. In L müssen wir unterscheiden. 
Der zu p gehörige Teil hat c. 20 die übliche Art, 3 Hypo- 
diaeresen a' ß' y\ und zwar, wenn ich auf der Photographie 
recht sehe, ebenso schwarz wie die Kapitelzahlen. Die aus 
5 stammenden Teile aber weisen neben den schwarzen 
Kapitelzahlen bei cap. 13 die eine rote Hypodiaeresenzahl 
a' auf, bei cap. 9 scheint ein ursprünglich rotes ß' in et' 

» 

1) Vgl. die übersichtliche Tabelle bei Robinson S. 23. 



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EUTHALirSSTUDIKN. 



151 



korrigiert, so dafs die Möglichkeit vorliegt, dafs hier auch 
die aus H bekannte Zählung beabsichtigt war. 

Anders steht es mit der fiaQt-tab t wo O die üblichen 
zwei Zahlen hat, und zwar zusammen an den Rand gesetzt, 
in schwankender Stellung, doch so, dafs die bei Zacagni 
voranstehende Zahl, welche angiebt, das wievielte Citat in 
jedem Briefe das betreffende ist, rot ist, wie die Uberschrift, 
die andere, welche — durch die 1 4 Paulusbriefe fortlaufend — 
ansagt, zum wievielten Male die betreffende Schrift citiert 
ist, welche bei Zacagni wie in den Handschriften meist 
dem Titel nachsteht, schwarz ist, wie der Text des Citates. 
Ganz anders hält es L, der jedem Citat drei gleichfarbige 
schwarze Zahlen im Texte voranstellt — ähnlich wie auch 
Zacagni drei Zahlen bietet Diese drei Zahlen Zacagnis 
beruhen nun aber eingestandenermafsen auf einer Konjektur 
des Herausgebers, allen von ihm benutzten Handschriften 
zuwider. Er verstand — oder wie wir mit allen neueren 
sagen dürfen, mifsverstand — das Programma dahin, dafs 
aufser jenen beiden Zahlen noch eine dritte durch alle Briefe 
fortlaufende Ordnungszahl beabsichtigt gewesen sei, die an- 
gab, das wievielte Citat innerhalb der sämtlichen Briefe das 
betreffende sei, und fügte diese — im Römerbrief natürlich 
mit der ersten übereinstimmende, im 1. Cor. um die Zahl 
der Citate des Römerbriefes (48) höhere u. s. f. — Zahl 
von sich aus bei *. Nun ergiebt sich, dafs er an jenem alten 
Syrer schon einen Vorläufer hatte, der genau so seine drei 
Zahlen (im Römerbrief die beiden ersten identisch) zu jedem 
Citate stellt, — ein lehrreiches Beispiel, wie vorsichtig man sein 
mufs, aus gleichem Thatbestand auf causalen Zusammenhang 
zu Bchliefsen! 

Die vorliegenden beiden syrischen Euthaliustexte werfen 

1) So z. B. Zac. 549 19 : 

Röra. 1 18 I <a> sffißaxovfi nQotfqxov «' 

0 fol. 201 b 14 firaa pipnn ya t* (rot » 
L fol. 197' b fc^ns pnpnn *p m et k 

Rom. 2 t4 II </j'> 'Haatou nQoyqrov «' 

0 fol. 201 b l6 tTOBK K (rot 3 

L fol. 197' b «-na kwk ya k a n 



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152 



VON DOBSCHÜTZ, 



nicht nur auf die „Euthalius "-Frage, sondern auch auf die 
Geschichte des syrischen Bibeltextes ihr besonderes Licht: 
es ist hier nicht der Ort, diese Frage weiter zu verfolgen 1 : 
angedeutet wurde schon, dafs die Citate in L mit keiner der 
bekannten Versionen stimmen. Vergleicht man sie mit den 
Zusammenstellungen, die J. Gwynn in seiner Ausgabe der 
Apokalypse 2 über den Sprachgebrauch dieser, — vermutlich 
auch von dem Chorepiskopos Polykarp herrührenden — 
Ubersetzung gegeben hat, so wird man unschwer manche Be- 
rührungen finden, welche darauf weisen, dafs die gleiche 
Hand hier thätig war. Vielleicht also haben wir hier Reste 
der echten Philoxeniana, vielleicht aber auch nur Uber- 
setzungsproben des Polykarp, die er ohne Rücksicht auf die 
Übersetzung der h. Schriften selber fertigte. Hat ersteres für die 
[ACtQT-tab eine gewissse Wahrschemlichkeit, so fordern das 
letztere manche Stellen im Prolog, wo „Euthalius" paulinische 
Stellen frei kombinierend citiert (z. B. Zac. 533 20: 2 Tim. 45 
mit Col. 4i«) und p und f} das gleichmäßig wörtlich über- 
setzen. Besonders interessant ist in dieser Hinsicht die 
— leider in L nicht erhaltene — Ubersetzung des Prooemion 
zu Heb. (Zac. 669 — 671), worin die paulinische Herkunft 
des Hebräerbriefes u.a. auch aus Heb. 10 M erwiesen wird: 
toig deofidig pov awenad^aaze , eine schon von den Ale- 
xandrinern Clemens und Origenes vertretene Lesart statt 
töig deapioig (ohne fiov, AD aL), die fast den Eindruck 
macht, um der alexandrinischen Hypothese der Autorschatt 
des Paulus willen aufgebracht zu sein. 1} (0) übersetzt hier 
wörtlich, obwohl er im Text von Heb. 10 s 4 mit den andern 
Syrern die Lesart tolg deoploig hat, ähnlich wie auch Tischen- 
dorfs Euth. cod. hier gegen EtUh. xdig Öeopioig liest. Be- 
achtenswert ist übrigens, dafs in £} (O) das letzte, aus der 
Erwähnung des äd&kpög Tifiid&eog Heb. 13 ss genommene 
Argument fehlt; ebenso in cod. 90; auch in dieser Aus- 



1) Ich hoffe Gelegenheit zu haben, anderwärts diese syrischen 
Texte noch eingehender zu behandeln. 

2) The Apocaiypsis of St. John in a tyriac vertion hitherto 
unknown ed. by Jörn» Gwnrw, Dublin 1897. 



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EUTIIALIUSSTUDIEN. 



153 



lassung scheint also der Syrer nur seiner griechischen Vor- 
lage zu folgen. 

Jedenfalls bleibt es eine für die Geschichte des „Eu- 
th alias "-Textes wie der syrischen Bibel wichtige Erkenntnis, 
dafs wir jetzt so gut wie sicher wissen, dafs sowohl 508 ein 
Euthaliusapparat mit den Paul usbriefen — für Act und Cath 
fehlt mir bisher jede Spur — für Philoxenos von Polykarp 
übersetzt wurde, als dafs auch 616 Thomas von Herakleia 
diesen auf Grund andersartiger griechischer Handschriften 
revidierte. Eine dritte syrische „Euthalius"- Bearbeitung, die 
wahrscheinlich noch vor jene beiden anzusetzen ist, ist leider in 
ihrer Art noch zu wenig fafsbar. Sie ist wichtig, sofern sie 
uns zeigt, dafs auch abgesehen von jenen beiden Ubersetz- 
ungen, die mit ausgesprochener Anlehnung an das Griechische 
gemacht wurden, ein Bedürfnis nach solch einem isagogischen 
Apparat vorhanden war. 

Denn das bleibt jedenfalls das merkwürdigste bei dieser 
ganzen Überschau über die „Euthalius- Versionen", dafs die 
keineswegs besonders geistvollen und tüchtigen Arbeiten jenes 
nicht eben grofsen Unbekannten, der sich für uns unter dem 
Namen des „Euthalius" verbirgt, so viel Anklang nicht nur 
bei seinen Landsleuten, sondern auch bei Leuten anderer 
Sprache gefunden haben. Es ist auf der einen Seite ein 
Zeichen für die hohe Verehrung, die griechische Wissen- 
schaft genois, zugleich für eine wohl unberechtigte Selbst- 
Unterschätzung seitens der anderen Kirchen: solch eine Arbeit 
hätte ein Syrer auch reichlich geleistet Zum andern ist es 
ein trauriges Denkmal für die niedrige Stufe, auf der das 
Bibelstudium im allgemeinen stand, und zumal bei den Mono- 
physiten, denen p und ^ angehören: so grofses die exegetische 
Kunst der Antiochener geleistet hatte — und davon zehrten 
die syrischen Nestorianer bis in späteste Zeit — , die syrischen 
Monophysiten wufsten dem nichts Besseres entgegenzusetzen 
als eine Übersetzung dieser geistlosen masoretischen Tabellen. 
Welche Ironie, wenn wirklich das Beste, was sich darunter 
findet, die Kapiteltafeln mit ihrer geschickten Zusammen- 
fassung des Inhaltes der Paulusbriefe, von ihrem bestgehafsten 
Gegner, dem grofsen Theodor dem „Exegeten" stammen sollte! 



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154 



VON DOBSCHÜTZ, EUTHALIÜSSTÜDIEN. 



Ob daraus, dafs wir den „Euthalius" so speziell in den 
monophysitischen Bibelübersetzungen der Syrer finden, etwas 
für den Ursprung der Arbeit gefolgert werden kann, ist 
mehr als fraglich. Vermutlich erschienen diese Texte den 
Ubersetzern, wie so manchem griechischen Abschreiber, fast 
als integrierende Bestandteile der h. Schrift. Wohl aber 
regt es die Frage an, ob denn nicht die monophysitischen 
Kopten — und in Abhängigkeit von ihnen die Abessynier 
diese Materialien auch in ihrer Bibel gehabt haben. Einst- 
weilen fehlt davon jede Spur. Aber wie wenig kennen wir 
noch diese Übersetzungen ! Mir scheint es kaum zweifelhaft, 
dafs auch hier noch einmal „Euthalius" zum Vorschein 
kommen und der Kreis der Ubersetzungen sich völlig 
schliefsen wird. 



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t 



■ 



Beiträge zur Geschichte des Naumburger 

Bischofstreites. 

(Nach Akten im Naumburger Domkapitelsarchive 1 .) 

Von 

F. G. Rosenfeld in Magdeburg. 



Im Jahr 1517, nach dem Tode des Bischofs Johann III. 
von Schönberg übernahm Bischof Philipp von Freising, ein 
Herzog von Baiern, die Administration des Bistums Naum- 
burg, nachdem er schon vorher seinem Vorgänger als Koad- 
jutor zur Seite gestanden. Seine Wahl erfolgte namentlich 
auf Betreiben des Kurfürsten Friedrichs des Weisen, dem 
gegenüber das Domkapitel — seiner Privilegien und seiner freien 
Wahl für die Zukunft versichert — seinen anfänglichen Wider- 
spruch fallen liefs. Seit alters besafsen die Meissener Mark- 
grafen die Schutzhoheit über das Naumburger Bistum; 1485 
bei der Teilung zwischen Ernst und Albrecht hatte sie die 
kurfürstliche Linie der Ernestiner erhalten. Wenn diese Schutz- 
herrschaft auch nicht an sich dem Reichsfurstenstande des 
Bischofs präjudizierte , so bot sie doch den Kurfürsten stets 



1) Der nachfolgende kurze Aufsatz, der aus einem Vortrage her- 
vorgegangen ist, will auf bisher unbekanntes Aktenmaterial aus der 
Reformationszeit im Archiv des Domkapitels zu Naumburg aufmerksam 
machen. Da sich die Darstellung auf diese Quellen beschränkt, so wird 
sich wohl die gröfsere oder geringere Bedeutung derselben beurteilen 
lassen. Übrigens findet dieses Material augenblicklich bereits eingehen- 
dere Verwendung in einer Leipziger Dissertation. 

Zeltachr. f. K.-0. III, 8. 16 



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150 



ROSENFELD, 



eine Handhabe, in die Verhältnisse des Stiftes einzugreifen,, 
und wurde um so bedeutungsvoller, je mehr die landesherr- 
liche Gewalt während der Keformation und durch sie sich 
hob und festigte, und je mehr bei der Verbreitung der neuen 
Lehre die ihr geneigten Stände, also namentlich die Stadt 
Naumburg, bei den glaubens verwandten Schutzherren für 
ihren Glauben und für ihre sonstigen Ansprüche weltlicher 
Natur einen Rückhalt suchten. Es ist bekannt 1 , wie die 
Reformation in der Stadt Naumburg allmählich Fufs fafste. 
Dem gegenüber bildete neben der bischöflichen Regierung in 
Zeitz das Domkapitel in Naumburg die Hauptstütze des Ka- 
tholicismus. Dieser neue Gegensatz mufste die alten, unauf- 
hörlichen Streitigkeiten und Zwiste zwischen Dom und Stadt, 
die sich bisweilen bis zu offener Feindseligkeit steigerten, 
bedeutend verschärfen, und die Sache der Religion verbindet 
sich so auch hier mit Fragen rechtlicher und politischer 
Natur. Dazu war das Kapitel nicht nur der erste der Stift- 
stände, sondern auch gewissermaßen Repräsentant des gan- 
zen Stifts, des bischöflichen Territoriums, namentlich inso- 
fern ihm die Wahl des Bischofs und die Verwaltung des 
Stifts in der Sedisvakanz zustand; daraus aber ergab sich 
schon allein ein Gegensatz zum Kurfürsten. Das hier be- 
nutzte Material beschäftigt sich nun mit diesen mannigfal- 
tigen Interessen des Kapitels, gegen welche die religiöse An- 
gelegenheit stark zurücktritt*. 

Deshalb erhalten wir von den ersten Kämpfen der neuen 
Lehre in Naumburg nur wenige Nachrichten. 1532 wird 
der Pfarrer der Othmarskirche auf der Freiheit daselbst, Jo- 
hann Kramer, da er das Sakrament unter beiden Gestalten 



1) Vgl. die Publikationen von Geh. San.-Rat Dr. Köster aus dem 
Naumburger Stadtarchiv: Nie Krottenschmidts Annalen (1891) und 
Sixtus Brauns Annalen (1892); Mitzschke, Naumburg, Luther 
und die Reformation (1885); neuerdings Borkowsky, Gesch. der Stadt 
Naumburg a. S., S. 80—103. 

2) Infolge dessen ergiebt sich auch für die folgenden Ausführungen, 
dafs sie mehr diesen Interessen als der evangelischen Sache gerecht 
werden, da ich eben nur den Inhalt dieser neuen Quellen — und auch 
nur, so weit sie neues bieten — hier darlegen möchte. 



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GESCHICHTE DES NAUMBURGER BISCIIOFSTREITES. 157 

gereicht, Messe und Taufe in deutscher Sprache gehalten, 
auf Betreiben der Stiftsregierung vom Domdechanten Gün- 
ther von Bünau nach fruchtloser Vermahnung entfernt *. 
Wiederholte Mandate des Bischofs schärfen dem Stiftsklerus 
die strenge Beobachtung der alten Gebräuche und die Ver- 
meidung aller Neuerungen in Lehre und Kultus ein, verbie- 
ten die Zulassung der neuen Visitationen und verkünden die 
Wiederaufnahme aller reuig zur alten Kirche Zurückkehrenden. 
Indessen rügte er auch die allerdings offenkundigen Gebre- 
chen der damaligen Geistlichkeit und bedrohte namentlich 
das Leben im Konkubinat mit Kirchenstrafen. Aber zu 
durchgreifenden Mafsregeln konnte sich Philipp trotz man- 
cherlei Klagen und Beschwerden des Kapitels doch nicht ver- 
stehen. Er sah selbst ein, dafs seine beständige Abwesen- 
heit dem Stift durchaus unzuträglich sei, aber er entschlofe 
sich trotz gelegentlicher Versprechen nicht dazu, wieder hier 
Aufenthalt zu nehmen. Hatte, wie es scheint, unter Kur- 
fürst Friedrich dem Weisen ein durchaus freundliches Ver- 
hältnis zu dem Schutzfürsten geherrscht, so begannen schon 
unter Johann dem Beständigen die Mifshelligkeiten. Auf 
einem Landtag zu Zwickau 1531 suchte Kurfürst Johann 
das Domkapitel in derselben Weise wie seine Stände zur 
Landsteuer heranzuziehen. Der Bischof protestierte dagegen. 
In den Beratungen zwischen den Kapitelsvertretern, der 
bischöflichen Regierung und dem Bischof, wie diesen An- 
sprüchen gegenüber die alten Freiheiten des Stifts aufrecht 
zu erhalten seien, tritt auch Julius Pflug der spätere Bischof, 
damals Propst in Zeitz und Senior des Kapitels in Naum- 
burg, zuerst hervor. — Kurfürst Johann starb 1532, wäh- 
rend dieser Streit sich entspann, und Johann Friedrich, unter 
dem das ganze Verhältnis zum Bischof und Kapitel sich 
überhaupt bedeutend verschärfen sollte, trat von vornherein 
weit energischer mit diesen Ansprüchen auf, unterstützt von 
seinen eigenen Landständen. 

1) Konzept eines Schreibens an die Stiftsregierung im D.-A. 

2) Vgl. Aber ihn die, namentlich auch für die politische Seite des 
Bistumsstreites recht eingehende Biographie von Jansen in Neue Mitt. 
des thüring.-sacbs. Vereins X, 1. u. 2. Heft. 

16* 



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158 



HOSENFELD, 



Mit Genehmigung des Bischofs machte dann das Kapitel 
auf dem Landtag zu Jena 1533 (Januar) die Konzession für 
die dort beschlossene Getränksteuer inbezug auf die unmittel- 
bar unter kurfürstlicher Regierung belegenen Kapitelsbesitzun- 
gen. Auch inbetreff einer schon auf dem genannten Land- 
tag zu Zwickau vom Stift bewilligten Türkensteuer entstand 
Streit, da das Kapitel die Steuerregister an den Kurfürsten 
einzuliefern sich weigerte. Die Sache zog sich lange hin; 
der Kurfürst wandte sich noch im Oktober 1533 an die 
Stiftsstände, die sich hinter den Bischof zurückzogen. 

Am schlimmsten aber wurde doch die Unbotmäfsigkeit 
der Stadt Naumburg 1 . In den zwanziger Jahren hatte hier 
ja, namentlich seit dem Bauernkrieg und Johann Langers 
Auftreten die Reformation rasche Fortschritte gemacht. 1529 
bricht der offene Streit mit dem Bischof aus; Langer ver- 
läfst Naumburg, und bis zur Ankunft des Mag. Gallus 1532 
ist kein evangelischer Prediger an der Wenzelskirche. In 
der Zwischenzeit predigten — von der Stiftsregierung ent- 
sandt — Wolfgang von Rotschütz, der später offen übertrat, 
und Wolschendorf , der laviert zu haben scheint; doch sie 
fanden keinen Anhang. — 1532 sucht nun aber der Rat 
den Schutz des Kurfürsten nach gegen den Bischof, und da- 
mit gewann der Streit ein viel gefährlicheres Ansehen. 

Aus diesen Besorgnissen läfst es sich leicht erklären, dafs 
Bischof Philipp Anfang 1533 ernstlich an Abdankung dachte. 
Diese Absicht scheint nur im Geheimen verhandelt worden 
zu sein, und sie ist, soweit ich sehe, unbekannt geblieben. 
Mit vier Domherren, unter denen abermals Julius Pflug und 
auch der mit ihm eng befreundete Domdechant Günther von 
Bünau erscheinen, stand der Bischof darüber in Briefwechsel ; 
sie rieten ab, verzögerten, so scheint es, die Besprechung vor 
dem Generalkapitel, während Philipp seinen Bruder, Admi- 
nistrator zu Regensburg, zur Übernahme des Stifts zu ge- 
winnen suchte 8 ; da dieser ablehnte, liefs er den Plan wohl 
fallen. 



1) Vgl. die oben angeführte Littcratur. 

2) Schreiben Philipps an die vier Domherren im D.-A. 



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GESCHICHTE DES NAUMBURGER BISCHOFSTREITES. 159 



Dasselbe Jahr 1533 brachte einen neuen Streitfall mit 
dem Kurfürsten, als der Propst des Naumburger Moritzklo- 
sters, Melchior Mantzsch, auf den Tod darniederlag und im 
Auftrag der bischöflichen Regierung der Zeitzer Dechant 
Dr. Basilius Wilde eine Inventarisierung des Klosters vor- 
nehmen wollte. Der Kurfürst, der die Gerichtsbarkeit über 
die beiden Klöster in Naumburg in Anspruch nahm, und der 
sich gerade in der Stadt aufhielt, liefs Wilde mit seinen Be- 
gleitern gefangen nach Weimar abführen. 

In demselben Jahre wandte sich der Rat von Naumburg 
an den Kurfürsten mit einer Beschwerde über die bischöf- 
liche Regierung wegen seines neuen Predigers. Johann Fried- 
rich zögerte nicht, unter Berufung auf seine Eigenschaft als 
Schutzfürst sich das Recht der Entscheidung beizulegen und 
erkannte, wie nicht anders zu erwarten, dafs die von Naum- 
burg wegen des Predigers (Gallus) nicht beschwert werden 
sollten, da nicht erwiesen sei, dafs er etwas lehre oder pre- 
dige, was Gottes Wort entgegen oder aufrührerisch wäre *. 

So lagen schon in den ersten zwei Jahren Johann Fried- 
richs eine Reihe von Streitpunkten vor, die eine Erledigung 
heischten. Am 9. Januar 1534 kam daher ein Tag zu Leip- 
zig zu stände, auf dem die Irrungen zwischen dem Kurfür- 
sten und dem Bischof durch Räte des Kardinalerzbischofs 
Albrecht und des Herzogs Georg zu Sachsen, der erwählten 
Schiedsrichter, ausgetragen werden sollten. Wir besitzen über 
diese interessante Verhandlung einen sehr ausführlichen Be- 
richt an Bischof Philipp, dessen Vertreter neben dem Zeitzer 
Statthalter Eberhard von Thor und dem Stiftskanzler wieder 
der Naumburger Dechant und Julius Pflug sind. Die Klage 
des Kurfürsten betrifft zunächst die andauernde Nichtresidenz 
des Bischofs ; man verhandelt über die erwähnten Streitpunkte, 
namentlich die Weigerung der Steuerverzeichnisse, die Ge- 
fangenschaft des Dr. Wilde und das Moritzkloster, die Ent- 
scheidung des Kurfürsten zwischen der Stadt Naumburg und 
den Stiftsräten. Das Wichtigste ist, dafs meines Wissens hier 
zum erstenmale die Frage der Reichsunmittelbarkeit oderLand- 



1) Mehrere Kopieen dieser Entscheidung im D.-A. 



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160 



ROSENFELD, 



sässigkeit des Stiftes ausfuhrlich mit historischen Gründen 
pro et contra diskutiert wird. Natürlich konnten in dieser 
schwerwiegenden Frage die Schiedsrichter kein Urteil fallen ; 
sie beschrankten sich auf einige der akuten Fragen und ent- 
schieden auf Aushändigung des Verzeichnisses der Türken- 
steuer, auf Freilassung des Dr. Wilde, empfahlen beiden 
Parteien Beobachtung der gegenseitigen Rechte, namentlich mit 
Beziehung auf die kurfürstlichen Visitationen, und bestimmten, 
dafs Statthalter und Kapitel den Bischof zu persönlichem Er- 
scheinen im Stift im Sommer bewegen sollten, damit durch 
Zusammenkunft mit Johann Friedrich selbst die weitern Strei- 
tigkeiten beigelegt würden. Demgemäfs sandte das Kapitel 
dann im März 1534 den Domherrn und Kustos Heinrich 
von Bünau nach Freising, dessen Instruktion 1 in der drin- 
gendsten Weise bei dem Vorgehen Johann Friedrichs um 
das Erscheinen des Bischofs bat Auch der Statthalter machte 
sich selbst auf den Weg und überreichte eine eingehende 
Begründung des Verhaltens der bischöflichen Räte bei den 
Verhandlungen *. Aber Philipp entschuldigte sich mit sei- 
nem körperlichen Zustand, der ihm schon Besuche bei sei- 
nen Brüdern und Verwandten verbiete, äufserte sich auch 
nicht befriedigt von den Zugeständnissen auf dem Leipziger 
Tage*. Dagegen wandte er sich schriftlich an den Kur- 
fürsten, um ihn — unter abermaliger Entschuldigung seines 
Ausbleibens aus Gesundheitsrücksichten — zur Annahme wei- 
terer rechtlicher Erörterung ihrer Stieitigkeiten, abgesehen 
von der der Regalien und Reichslehnschaft, vor Kardinal 
Albrecht, Herzog Georg und Pfalzgraf Friedrich, oder vor 
des Reichs Ständen zu bewegen (Mai 13). Die kurfürstliche 
Antwort indes war schroff ablehnend und verlangte unter 
kaum verhüllten Drohungen die Anwesenheit des Bischofs 
im Stift « 



1) Kopie im D.-A. 

2) Kopie im D.-A. 

3) Schreiben Philipps vom 19. Mai 1534 (D.-A.). 

4) Antwort der kurfürstlichen Räte an Heinrich von Bünau und 
Eberhard von Thor, auf dem Schlofs zu Torgau, Ii. Juli; Kopie mehr- 
fach im D.-A. 



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GESCHICHTE DES NAUMBURGER BISCHOFSTREITES. 161 

So war der Einigungsversuch mifslungen, und der Streit 
entbrannte nur heftiger. Aus dieser Zeit stammt wohl eine 
Schrift Philipps, welche die einzelnen streitigen Punkte zu- 
sammenfafst und die Ubergriffe des Kurfürsten zurückweist. 
Auf Grund dieser Beschwerden wandte er sich an König 
Ferdinand, der abermals Kardinal Albrecht und Herzog Georg 
zu Schiedsrichtern bestimmte *. Mit dem Kurfürsten scheint 
sich ein gereizter Schrittwechsel angesponnen zu haben. 

Unterdessen aber hatte Johann Friedrich im März 1534 
eine Gesandtschaft an das Domkapitel gelangen und dieses 
wegen des Gerüchtes, dafs Bischof Philipp einen Koadjutor 
in das Stift habe einfuhren wollen, zur Rede stellen hissen. 
Offenbar sind die im Jahr vorher wegen Aufgabe des Stifts 
gepflogenen Verhandlungen, so geheim sie auch gehalten 
waren *, dem Kurfürsten zu Ohren gekommen. Das Kapitel 
wollte von derartigen Absichten gar nichts wissen, viel we- 
niger eingewilligt haben, womit die kurfürstlichen Gesandten 
zufrieden waren, nachdem sie noch vorgehalten: der Kurfürst 
erwarte, dafs in dieser Sache nichts ohne sein Wissen vor- 
genommen werde. Das Kapitel drückt sich dem Bischof 
gegenüber ziemlich besorgt darüber aus, zumal ihm auch 
die Fortschritte der lutherischen Prediger Sorge machten. 

In der That breitete sich seit 1532 die neue Lehre weiter 
aus; trotz des Verbotes des Bischofs wurde Mag. Gallus in 
der Stadt behalten; durch den damals beginnenden Reichs- 
katnmergerichtsprozef8 erhielt die Stadt später das Patronat 
der Wenzelskirche; auch an St. Moritz wurde das Evange- 
lium in Luthers Sinne verkündigt; im Georgenkloster wurde 
der Abt Thomas Hebenstreit selbst lutherisch und richtete 
dort eine evangelische Schule ein zum Mifsvergnügen des 
Kapitels. Dazu kam es gelegentlich zu Streitigkeiten zwi- 
schen der Stadt Naumburg und dem Domkapitel, bei denen 
die Stiftsregierung vermitteln mufBte, andererseits zu lebhaften 
Auseinandersetzungen zwischen dieser und der Stadt, die sich 
nicht blofs auf die Religion, sondern auch auf Ubergriffe des 



1) 28. August; Kopie im D.-A. 

2) Wie das Kapitel an deu Bischof schreibt (D.-A.). 



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1G2 



ROSENFELD, 



Rats in Gerichts- und Polizeisachen bezogen. 1536 starb 
Mag. Gallus, und nach kurzer Unterbrechung wurde Dr. Med- 
ier, vom Kurfürsten entsandt, sein Nachfolger. Grofs ist 
sein Verdienst um die Befestigung der Reformation in Naum- 
burg und ebenso um das Schulwesen, nicht nur in der Stadt l , 
sondern auch auf der Domfreiheit ; aber die Rücksichtslosig- 
keit seines Charakters mufste die Gegensätze zu den Anhän- 
gern der alten Kirche bedeutend verschärfen. Der Bischof 
wandte sich 1537 an das Reichskammergericht und erwirkte 
zwei kaiserliche Mandate, eins betreffend die Herstellung der 
Religion und des Gottesdienstes nach altem Brauch bei Ver- 
lust aller Freiheiten und Privilegien, das andere eine Citation 
enthaltend zur Verhandlung der streitigen Gerichtssachen. 
Der Rat setzte dagegen eine umfängliche Rekusation * auf. 
Es ist bekannt, dafs der Bischof den Prozefs fallen liefe und 
die Austragung den Stiftsständen überliefe, die vom Rat an- 
gegangen, sich auf Anregung des Domkapitels zu gemein- 
samem Eingreifen geeinigt hatten. Diese Intervention führte 
dann zu dem Vertrage vom 21. März 1539, in dem die Ver- 
treter der Stiftsstände die Händel über das Geleite in der 
Stadt, Gerichtsverfahren u. s. w., namentlich inbezug auf das 
Verhältnis des bischöflichen Stadtrichters zum Rat, beileg- 
ten 8 . — In der kirchlichen Angelegenheit fruchtete das kai- 
serliche Mandat gar nichts 4 . Das Domkapitel klagt dem 
Bischof, dafs seitdem die Prädikanten in und aufserhalb der 
Stadt noch viel mehr Leute ihnen abspenstig machten und 
ihren eigenen, mit Mühe unterhaltenen Predigern entzögen, 
dafs sich ein lutherischer Pfarrer mit Weib und Kind der 
Othmarspfarre bemächtigt habe, wie es hilflos sei gegenüber 



1) Vgl. namentlich seine Kirchen- und Schulordnung für Naumburg 
von 1537; abgedruckt von Dr. Köster und eingehend erläutert von 
Pastor Albrecht in Neue Mitt., Bd. XIX, S. 497 ff. u. 570 ff. (bes. 
a 620ff). 

2) Kopieen dazu im D.-A. 

3) Junge Kopie im D.-A.; vgL Annalen des Sixtus Braun S. 268 f. 
(264). 

4) Der Bischof schrieb übrigens selbst, es sei nicht so ernstlich 
gemeint gewesen. 



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GESCHICHTE DES KAUM BUROER BISCHOFSTREITES. 163 



dem Treiben des Rotschütz. Wolfgang von Rotschütz war 
Domherr zu Naumburg, hatte aber seine Haushälterin, von 
der er mehrere Kinder hatte, als er sich Luthers Lehre zu- 
wandte, geheiratet, um seine Rinder zu legitimieren. Das 
Domkapitel hatte ihn nach fruchtlosen Ermahnungen deshalb 
seiner Pfründe beraubt; der Kurfürst, von Rotschütz ange- 
rufen, hinderte dafür die Einkünfte, die das Kapitel aus sei- 
nem Amt Eisenberg bezog, und trotz aller Klagen des Ka- 
pitels und der geschädigten Domherren blieb es dabei, da 
eben kein Teil nachgab; Rotschütz lebte indessen auf der 
Freiheit zu Naumburg, predigte im Georgenkloster, besuchte 
die Kranken und reichte ihnen das Abendmahl unter bei- 
derlei Gestalt. Dafs der Kurfürst die beiden Klöster unter 
seiner Gerichtsbarkeit hielt, und infolge dessen diese unter 
den Augen des Kapitels zu einer Freistatt der neuen Lehre 
wurden, mufste den Domherren äufserst lästig sein, aber ihre 
Ansprüche auf die Stiftszugehörigkeit der Klöster waren ver- 
gebens. Wieder bittet das Kapitel, — das mit seiner Mei- 
nung nicht zurückhält : es wäre nicht soweit gekommen, wenn 
sich der Bischof öfter im Stift aufgehalten hätte, — womög- 
lich noch einmal zu kommen, oder beim Kurfürsten auf kai- 
serliche Entscheidung, namentlich auch über die Kompeten- 
zen der Schutzherrschaft anzutragen. Denn grofse Sorge ver- 
ursachte ihm, dafs Johann Friedrich abermals wie 1534 die 
Frage einer Koadiutorwahl angeregt hatte. Hatte er damals 
auf das Gerücht der geplanten Einsetzung eines Koadiutors 
dem Kapitel entbieten lassen, er erwarte, dafs sie nicht ohne 
sein Wissen in dieser Sache vorgehen würden, so sandte er 
jetzt (im April 1538) seinen Weimarer Amtmann, Ewald 
von Brandenstein, samt einem Notar nach Naumburg (auch 
der Amtmann von der Leuchtenburg gesellte sich noch dazu) 
und liefs unter Berufung auf das umlaufende Gerücht (und 
es scheint auch, dafs es begründet war) und unter Erinne- 
rung an die frühere Abmachung abermals verlangen, ohne 
sein Wissen in keinen Koadiutor zu willigen, sowie auch bei 
Bischof Philipps Tod sich gegen sein Wißsen und seinen 
Willen in keine neue Bischofswahl einzulassen. Das Kapitel 
sagte jenes zu und scheint einer Beantwortung der zweiten 



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164 



ROSENFELD, 



Frage ausgewichen zu sein. Jedenfalls bestritt es später 1 
durchaus, sich bezüglich einer Neuwahl irgendwie gebunden 
zu haben, während der Kurfürst das behauptete, berief sich 
vielmehr auf mehrfache Zugeständnisse seiner freien Wahl, 
ein Anspruch, dem auch 1538 nicht widersprochen war. 

Dies Vorgehen des Kurfürsten veranlasste das Kapitel, 
Philipp neue Unterhandlungen mit dem Kurfürsten oder Er- 
wirkung einer rechtlichen Entscheidung durch kaiserliche Kom- 
mission nahezulegen, Vorschläge, auf die der Bischof erst gar 
nicht, dann völlig ratlos erwiderte; er sieht keine Hoffnung 
dabei, beteuert seine guten Absichten, beklagt die Halsstar- 
rigkeit seiner Widersacher, erbietet sich zur Resignation des 
Stifts gegen eine Pension und Zusicherung der päpstlichen 
Bestätigung des Nachfolgers, indem er eine früher schon ge- 
hegte Absicht wieder aufnahm, ohne doch Vertrauen zu ihrer 
Zweckmäfsigkeit zu haben: kurz dieses bischöfliche Schrei- 
ben vom 5. Dezember 1538 ist der vollständige Ausdruck 
der Niederlage der alten Kirche im Stift Naumburg. 

Noch Anfang 1539 hatte man an dem Herzog Georg zu 
Sachsen eine Stütze gegen den Kurfürsten zu finden gesucht; 
in demselben Jahr starb auch er, und unter seinem Bruder 
Heinrich dem Frommen trat ein völliger Umschwung im al- 
bertinischen Sachsen ein. Sehr empfindlich wurde davon be- 
sonders das Hochstift Meifsen betroffen, und es ist begreif- 
tich, wie sehr es die Besorgnis und Aufregung des Naum- 
burger Kapitels vermehren mufste, als sie nun vernahmen *, 
der Kurfürst und der Herzog Heinrich hätten gemeinschaft- 
lich dem Stift Meifsen den Schutz aufgesagt, da der Bischof 
ohne ihr Wissen sich auf dem Reichstag zu Worms habe 
vertreten lassen; der Herzog verbiete dem Bischof und dem 
Kapitel etwas aus den Amtern verabfolgen zu lassen, be- 
drohe die Geistlichen und ihre Leute, wo sie sich auf offenen 
Strafsen in den Amtern betreten liefsen, mit Gefängnis; fast 
alle Domherren und Vikare seien entwichen ; wer vom Her- 
zog Geleite haben wolle, müsse das Evangelium annehmen s . 

1) Vgl. die Verhandlungen von 1641. 

2) Brief an Heinrich ron Birnau aus Meilsen im D.-A. 

3) Diesen freilich eioseitigen Äufserungen gegenüber Tgl. die Dar- 



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GESCHICHTE DES NAUMBL'KGER BISCHOFSTREITES. 165 

Am 5. Januar 1541 starb nun zu Freising Bischof Phi- 
lipp. Es war vorauszusehen, dafs Johann Friedrich sich so- 
fort in die vorzunehmende Neuwahl einmischen würde, und 
das Domkapitel suchte dem vorzubeugen, indem es die Wahl 
möglichst beschleunigte; sie fand statt am 20. Januar. Ob 
es die Bekanntmachung der Erledigung des Bistums ver- 
zögerte, ist wohl zweifelhaft, da es die Todesnachricht erat 
am 16. Januar empfangen haben soll. Es teilte dem Kur- 
fürsten den Todesfall unter dem 19. Januar mit; aber der 
Bote erreichte mit diesem Schreiben Johann Friedrich nicht 
in Altenburg und kehrte „aus Unverstand", wie das Kapitel 
wenigstens behauptete, nach Naumburg zurück, worauf ein 
zweiter Bote abgesandt wurde l . Aber schon erschienen am 
22. Januar die Gesandten des Kurfürsten, die Amtleute Chri- 
stof von Taubenheim und Eberhard von der Thann, um die 
Verwunderung ihres Herrn über die Nichtanzeige der Erle- 
digung auszudrücken und, unter Berufung auf die Verhand- 
lungen von 1538, dem Kapitel den Befehl zu überbringen, 
sich der Neuwahl vorläufig zu enthalten und nichts ohne sein 
Wissen vorzunehmen. Das Kapitel aber antwortete, dals 
die Wahl schon vollzogen sei und bestritt, durch jene Ver- 
handlungen zur vorläufigen Enthaltung von der Wahl ver- 
pflichtet zu sein. Dieser Punkt ist etwas dunkel * ; beide 
Parteien berufen sich auf ihr notarielles Protokoll: das der 
kurfürstlichen Gesandten sollte die Beschränkung der Wahl- 
freiheit enthalten, das des Kapitels nur von der Koadjutorei 
melden. — Den Namen des Gewählten — es war Julius 
Pflug — teilte das Kapitel bald darauf dem Kurfürsten mit *, 
der durch seine Räte antworten liefs, dafs ihm dessen Person 

Stellungen von Hering, Gescb. d. Einführung d. Reformation in Meifsen 
(1839) (Tgl. 8. 97), Ranke (Deutsche Gesch. IV, 103 ff.), Köstlin 
(Lot her n, 4l6f.), Bö ttger-Flathe, Gesch. Sachsens I, 673ff. und 
Brandenburg, Moritz Ton Sachsen I (1898), S. U5ff. f bes. 149. 

1) Bericht des Kapitels an den Kurfürsten, Abschrift im D.-A. 

2) VgL oben S. 163/4. Bemerkenswert ist, dafs nach einer Darstel- 
lung des Kapitels Ton 1541 beim Schlufs der Verhandlungen von 1538 
der Kapitelssyndikus den gegnerischen Notar ermahnt haben soll, in 
seinem Protokoll die Sachen nicht zu weit zu erstrecken. 

3) Schreiben Tom 14. Februar, Konzept im D.-A. 



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16G 



ROSENFELD, 



nicht leidlich sei ; und gegen seinen Widersprach waren aber- 
malige, eingehende Vorstellungen des Kapitels vergebens. 

Das Ergebnis der Wahl teilte man am 28. Januar dem 
Elektus mit und bat ihn um Annahme. Julius Pflug betand 
sich in Mainz, wo er auch ein Kanonikat besafs, und erbat 
sich Bedenkzeit 1 ; es verging schliefslich fast ein Jahr, bis 
er sich zur Annahme entschlofs. Indessen begann ein leb- 
hafter Briefwechsel zwischen ihm und dem Kapitel, sowie 
mit dem Dechanten Günther von Bünau, aus dem sich zahl- 
reiche Stücke, namentlich eine Reihe seiner eigenen Briefe, 
erhalten haben *. Auf sein Betreiben ist es wohl zurückzu- 
führen, dafs sich das Kapitel sowohl an den Kardinal Al- 
brecht, wie an den Kaiser selbst wandte, um einer Vergewal- 
tigung an seiner Wahlfreiheit vorzubeugen. Dem Erzbischof 
Albrecht stand Pflug als sein Rat nahe ; in seinem Auftrage 
besuchte er 1541 den Reichstag zu Regensburg, wodurch er 
verhindert wurde sich gleich ins Stift zu begeben ; dort wurde 
er vom Kaiser zur Teilnahme an dem Religion sgespräch be- 
stimmt und beginnt damit eine nicht unbedeutende Rolle in 
der Reichsgeschichte zu spielen. Karl V. schätzte ihn, da 
seine mittlere und versöhnliche Richtung seinen eigenen Plä- 
nen damals und öfter noch entgegenkam. 

Im Stift Naumburg kam unterdessen die lange Sedis- 
vakanz dem Vordringen des Luthertums zustatten. 1541 
führte die Zeitzer Bürgerschaft die Reformation und Säku- 
larisation ihrer beiden Klöster durch, und die Strafandrohung 
des Domkapitels hemmte der Einspruch des Kurfürsten. 
Der Kurfürst befahl eine Inventarisierung des Schlosses zu 
Zeitz ; er veranlafste den Rat zu Naumburg, die Bestätigung 
des neuen Rates nicht vornehmen zu lassen; der Rat liefs 
die Jakobskirche niederreiisen , die KirchhofBmauern an der 
Wenzelskirche verändern, und Johann Friedrich schützte ihn 
gegen das Kapitel. Dieses klagte über zahlreiche weitere 
Eingriffe in seine geistlichen und weltlichen Rechte, nament- 



1) Schreiben vom 13. Februar, Kopie im D.-A. 

2) Diese Briefe Pflugs, sowie eine Anzahl späterer, an Peter voa 
Naumark gerichteter, beabsichtige ich noch zu veröffentlichen. 



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GESCHICHTE DES NAUMBURGER BISCHOFSTREITES. 167 



lieh auch über die heftigen Angriffe der Prediger in Naum- 
burg (die selbst zu offenen Gewalttaten führten, wie gegen 
Sebastian Schwebinger *, den Gegner Mediers, auf der Frei- 
heit) oder über die Einhaltung seiner Zinsen in den kur- 
fürstlichen Amtern; man dränge die Priester zur Ehe, man 
verweigere in der Stadt den Freiheitern, die noch zum Ka- 
pitel hielten, die Sakramente. So entstand auch hier eine 
Bewegung in der Gemeinde, der das Domkapitel vorzu- 
beugen suchte, indem es sich nach geeigneten Predigern 
umthat. Dennoch scheint sich die freiheitische Gemeinde 
sogar an den Kurfürsten gewandt zu haben *. Namentlich 
mit Dr. Medier hatte das Domkapitel einen schweren Stand. 
Schon 1540 hatte es sich beim Rat zu Naumburg über die 
heftigen Angriffe und Injurien in seiner Grabrede für den 
oben erwähnten Mag. Rotschütz beschwert, was zu langen 
Verhandlungen zwischen dem Rat und Kapitel führte, in 
denen ersterer aber ein gerichtliches Vorgehen gegen Medier 
ablehnte. Jetzt kam es — abgesehen von fortwährenden 
kleineren Zänkereien — zu einer argen Ausschreitung, als 
Dr. Medier im September im Dom predigen sollte und 
die Thüren, die er geschlossen fand, aufbrechen liefs, ohne 
die Antwort der Domherren abzuwarten. Auch im Dom 
sollen , nach der Klage des Kapitels beim Schutzherren 8 , 
seine Begleiter Unfug verübt, Bilder beschädigt, Leuchter 
zerschlagen haben. Das Kapitel war machtlos dagegen. 

Johann Friedrich war schon lange entschlossen, einen 
andern — evangelischen — Bischof in das Stift einzusetzen. 
Trotz der Bedenken seiner Räte hielt er daran fest. Na- 
mentlich Fürst Georg von Anhalt, Dompropst zu Magde- 
burg, kam dafür in Betracht; der Kurfürst selbst entschied 
sich schliefslich für Nikolaus von Amsdorf 4 . Auch an 



1) Vgl. über ihn und seinen Streit mit Medier: Neue Mitt. II, 
S. 212—221. 

2) Vgl. Brief Pflugs von 1541 August 10 im D.-A. Er suchte 
selbst nach Predigern. 

3) Konzept im D.-A. 

4) Vgl. bes. Ranke IV, 194 f., Köstlin II, 541ff. 



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168 



ROSENFELD, 



Medier wurde gedacht *, während von anderer Seite die 
Aufmerksamkeit auf den Naumburger Dechanten gelenkt 
wurde, den mehrfach genannten Günther von Bünau, den 
wir in kirchlicher Hinsicht wohl als Gesinnungsgenossen 
Pflugs betrachten können. Wir besitzen ein Schreiben Hein- 
richs von der Planitz aus Torgau (Februar) an Günthers 
Bruder, dem vorgestellt wird, welchen Vorteil die Wahl 
des Dechanten, wenn er sich zu ihr bereit finden lasse, dem 
Stift bringen werde. Vielleicht scheiterte dieser Vorschlag, 
wie auch später *, als er abermals auftauchte, an der Festig- 
keit Bünaus. 

Während nun in Wittenberg noch die Verhandlungen 
über die beabsichtigte Einsetzung eines Bischofs weiter- 
geführt wurden, erschien am Abend des 18. September 1541 
eine Anzahl kurfürstlicher Räte im Schlosse zu Zeitz und 
entbot auf den 20. die Vertreter der Stiftsstände im Auftrag des 
Kurfürsten vor sich. Hier liefs nun Johann Friedrich noch- 
mals alle seine Beschwerungen über das Kapitel wegen der 
Wahl, wegen der Behinderung des Dr. Medier, wegen Aus- 
lieferung der letzten Stiftstürkensteuer an Pflug, und über 
diesen, als Widersacher des Evangeliums und Feind des 
Kurfürsten, vortragen und ankündigen, dafs er willens sei, 
einen Hauptmann ins Schlofs zu Zeitz zu setzen, damit nicht 
Einkünfte an Pflug abgeführt, oder dieser ins Stift eingeführt 
würde, indem er dem Domkapitel anheim gab, ihm einen 
Adjunktus zur Seite zu stellen. Die Kapitelsvertreter iuufsten, 
nachdem sie vergebens Frist bis zu ihrem nächsten General- 
kapitel (Mitte Oktober) verlangt hatten, auf Drängen der 
anderen Stände schließlich in die Einsetzung des Haupt- 
manns willigen. Zu weiteren eingehenden Erörterungen 
gaben die weitgehenden Befugnisse dieses Hauptmanns An- 
lafs: er sollte die Administration im Stift führen, bis das 
Kapitel zu einer andern, dem Kurfürsten genehmen Wahl 
käme, oder dieser selbst einen Bischof einsetzte. Denn schon 
wurde von den Gesandten wiederholt und mit Nachdruck 

1) Böttger-Flathe I, 520. 

2) Im Sommer 1541; vgl. Jansen a. a. 0. X, 2, S. S. Über diese 
Verbandlungen findet Bich nichts im D.-A. 



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GESCHICHTE DES NAUMBURGER BISCHOF STREITES. 169 



darauf hingewiesen, dafs der Kurfürst wohl befugt sei, das 
Kapitel überhaupt zu keiner Wahl mehr kommen zu lassen, 
dafs er vielmehr nur aus Langmut ihrem nächsten General- 
kapitel nochmals Gelegenheit dazu gebe. Alle Vorstellungen 
und Proteste des Kapitels waren dagegen vergebens; die 
Gesandten liefsen keinen Punkt nach, verbaten sich jede 
Kritik des Vorgehens Johann Friedrichs, brachen schliefslich 
die Verhandlungen ab, setzten Melchior von Kreuzen zum 
Stiftshauptmann ein und ermahnten die Stände zum Ge- 
horsam gegen ihn und den Adjunktus, den ihm das Kapitel 
beigeben würde — Dies Vorgehen liefs noch Schlimmeres 
erwarten. Wenn daher die Kapitelsvertreter hier den Ständen 
und kurfürstlichen Gesandten gegenüber versprachen, auf 
dem nächsten Generalkapitel sich um die Wahl eines andern, 
genehmeren Bischofs bemühen zu wollen, damit ihnen nicht 
der Verderb des Stifts zur Last gelegt werde, so ist wohl 
an ihrer Aufrichtigkeit kaum zu zweifeln. 

Das Generalkapitel Mitte Oktober kam heran, und 
die Domherren schöpften doch wieder neue Hoffnung, da 
die Verwandten Pflugs eine ausführliche Verwendungs- 
schrift für den Elektus an den Kurfürsten hatten gelangen 
lassen; auch mögen Gerüchte über eine mildere Gesin- 
nung Johann Friedrichs hinzugekommen sein, und man 
getröstete sich der Vermittelung der andern protestantischen 
Fürsten, die gerade um diese Zeit mit dem Kurfürsten und 
seinem Bruder in Naumburg zusammenkamen (namentlich 
Herzog Moritz, der Landgraf und der Kurfürst von Branden- 
burg), und an die sich Pflug gewandt hatte. In Naumburg 
wollte der Kurfürst die Antwort auf die für Pflug eingelegte 
Supplikation erteilen. Da man darauf wartete, hütete man 
sich einstweilen über diese Sachen zu verhandeln. Aber 
man täuschte sich. Am 18. Oktober erschienen kurfürst- 
liche Gesandte beim Kapitel, die an die Zeitzer Verhand- 
lungen des vorigen Monats anknüpfend, unter neuen Be- 
geh werungen die Fragen stellten, ob man einen andern 



1) Konzept von Bernhards von Draschwitz Hand; anderer Bericht 
in einem Sammelband im D.-A. 



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ROSENFELD, 



Bischof, auch wenn Pflug seine Rechte dem Kapitel nicht 
wieder heimstellte, wählen wolle, und welche Vorschläge man 
dem Kurfürsten für eine Neuwahl zu machen gedenke. 
Das Kapitel erwiderte, es habe mit Pflug wegen seines 
Rücktrittes, ohne welchen es nicht neu wählen könne, be- 
reits verhandelt, aber da er damals, wegen der Verwendung 
seiner Anverwandten und der Fürsten gerade doch noch 
auf Annahme durch den Kurfürsten hoffte, so habe er damit 
gezögert; sie bäten darum um weitere Frist zur abermaligen 
Verhandlung mit ihm ; verzichte er, so wollten sie jemand er- 
wählen, der sich mit dem Kurfürsten in der Religion ver- 
gleiche ; aus ihrer Mitte könnten sie keinen vorschlagen, der 
sich dazu gebrauchen lassen würde, wären aber bereit, einen 
Auswärtigen zu postulieren. Der Kurfürst liefs ihnen auf 
diese nicht genügende Antwort ankündigen, dafs er vor- 
läufig einen Provisor in das Stift zu setzen gesonnen sei, 
wogegen das Kapitel, da ihm keine Verhandlung darüber 
gestattet wurde, protestierte ». — Mehrere Tage später liefs 
der Kurfürst die Domherren vor seine Räte citieren und 
ihnen erklären, er habe die andern Fürsten, die Pflug um 
Vermittclung angegangen, über sein Vorgehen zufrieden- 
gestellt; er verbot ihnen nunmehr bei schwerer Strafe und 
Aufsagung des Schutzes, ob Pflug zurücktrete oder nicht, 
irgendeine neue Wahl vorzunehmen, und verlangte die Ab- 
schaffung der unchristlichen Zeremonieen, die bei ihnen noch 
im Gebrauche und der kurfürstlichen Reformation zuwider 
seien. Die Domherren erklärten, dafs bereits die Seelmessen 
und horae b. Virginis bis auf die horae canonicae abgeschafft 
seien, und versprachen in allem Gehorsam. 

Julius Pflug hatte in Regensburg, von dem Kapitel aufs 
genaueste unterrichtet, auch mit Akten versehen, sich Ma- 
terial verschafft, um allen Ansprüchen des Kurfürsten auf 
Territorialhoheit im Stift entgegentreten zu können. Er 
hatte die Ablieferung der letzten Reichstürkensteuer vor- 
genommen, die Reichsstandschaft im Reichsabschied be- 



1) Konzept über diese Verhandlung von Günthers von Bünau Hand 
im D.-A. 



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GESCHICHTE DES NAUMBCRGEK MSC'HOFSTREITES. 171 



anspracht, Beschwerde über den Kurfürsten und die Stifts- 
städte geführt und ein kaiserliches Mandat an diese, sowie 
an Johann Friedrich ausgewirkt, in welch letzterem der 
Kaiser zwar milde, aber doch bestimmt die Zulassung Pflugs 
zu seinem Bistum und die Erhaltung des Kapitels bei seiner 
freien Wahl verlangte, unter ausdrücklicher Hervorhebung 
der Reichsstandschaft des Stiftes. Alles dies mufste den 
Kurfürsten trotz der Verwendungen für Pflug noch mehr 
aufbringen, zumal vorläufig die Lage des Reichs keineswegs 
für den Schmalkaldischen Bund bedrohlich erschien. Die 
ablehnende Antwort des Kurfürsten 1 auf die oben erwähnte 
Eingabe der Verwandten Pflugs zählt alle diese Gründe aus- 
führlich auf, aus denen Johann Friedrich Julius Pflug in 
weltlichen und Reichssachen als Widersacher des Kurhauses 
und seiner Rechte, in der Religion als einer christlichen 
Reformation unzugänglich und der Ruhe des Stifts gefährlich 
betrachtete und daher ablehnte. 

Nachdem Pflug den Reichstag zu Regensburg verlassen, 
hatte er in Mainz sein Dienstverhältnis zu Erzbischof Al- 
brecht gelöst und befindet sich kurz vor dem erwähnten 
Generalkapitel in Freyburg a. U., von wo aus er mit dem 
Domkapitel regen Briefwechsel unterhielt und ihm mit seinem 
Rat in den schwierigen Verhandlungen zur Seite stand. Beim 
Nahen des Kurfürsten zog er sich nach Merseburg zurück, 
da er sich in Freyburg nicht sicher fühlte. Später erscheint 
er wieder hier, und von hier aus ist auch sein Schreiben 
an das Kapitel datiert, in dem er sich endlich zur Annahme 
des Bistums entschlofs trotz der unerfreulichen , selbst be- 
drohlichen Verhältnisse, man kann wohl sagen, aus Pflicht- 
gefühl. Wenige Tage später meldete er in einem beschei- 
denen und versöhnlichen Schreiben diesen Entschlufs auch 
dem Kurfürsten und liefs seine Annahme der Wahl durch 
Anschlag am Dom den Stiftaunterthanen bekannt machen. 
Gleichzeitig aber hatte schon der KurfUrst seine Ankunft in 
Naumburg auf den 18. Januar ansagen und die Stiftsstände 



1) Kopie im D.-A. 

2) 1542 Januar 11, Orig. im D.-A. 
feitaekr. t c-o. xix, t. 



17 



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172 



ROSENFELD, 



dorthin entbieten lassen, um selbst einen christlichen Bischof 
einzusetzen. Die Publikation Pflugs versetzte ihn bei seiner 
Ankunft (wie unser Bericht angiebt) in grofsen Zorn; er 
liefs sie sofort abreifsen. Mit dem Kurfürsten und seinem 
Bruder waren Luther, Melanchthon, Spalatin, Amsdorf und 
andere nach Naumburg gekommen. Uber diese beiden 
denkwürdigen Tage, den 19. und 20. Januar, existiert ein 
sehr eingehender Bericht im Naumburger Stadtarchiv, den 
Lepsius früher veröffentlicht hat 1 und der bis auf unwesent- 
liche Veränderungen und Umstellungen in die Annalen des 
Bürgermeisters Sixtus Braun 8 vollständig aufgenommen ist ^ 
andere Überlieferungen desselben sollen sich in Weimar * 
und Gotha 4 belinden. Wir können hier einen andern, frei- 
lich weit kürzeren, aber auch nicht uninteressanten Bericht 
zugrunde legen, der sich unter den Akten des Domkapitels 
in einem, vom Stiftsbaumeister Weidemann begonnenen, 
vom Decbanten Günther von Bünau fortgesetzten Konzept 
und in einer veränderten Fassung in einem Sammelbande 
über Pflugs Wahl befindet. — Am Donnerstag (19. Januar) 
früh predigte Medier in der Wenzelskirche und mahnte die 
Gemeinde auf seine Weise, sich an Pflug, den die Dom- 
pfaffen in einer Winkel- und nichtigen Wahl aufgestellt, 
nicht zu kehren; es sei nicht zu vermuten, dafs er Gottes 
Wort befördern werde , da er sich noch zu dem obersten 
Antichrist, dem Papste, und seiner Mutter, dem Erzbischof 
zu Mainz Mordbrenner, dem Erzverfolger des göttlichen 
Wortes, hielte; es würde nun ein Bistum in deutschen Lan- 
den dem Teufel aus dem Rachen gerissen werden, und das 
Poltern des Teufels liefse sich bereits hören; er werde was 
anrichten, da Herr Julius in grofser Gnade beim Kaiser sei ; 
aber sie sollten sich dem Werk, das durch Gottes Gnade so 



1) Neue Mitt. II, 155—188. 

2) ed. Dr. Köster (1692), S. 294—313. 

3) Vgl. Mitzschke, Naumburg, Luther uud die Reformation. 

4) Vgl. Allg. evangel.-luther. Ki chenzeitung vom 14. Febr. 189G 
(Nr. 7), deren Kenntnis ich Herrn Pastor Albrecht in Naumburg ver- 
danke. Der hier besprochene Bericht deckt 6ich nach den gegebenen 
Citaten mit dem von Lepsius. 



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GESCHICHTE DES NAUMBURGER BISCHOFSTREITES. 173 



weit gediehen sei, nicht entziehen. — Darauf folgten die 
Verhandlungen der kurfürstlichen Räte mit dem Rat von 
Naumburg, die wir so ausführlich in jenem städtischen Be- 
richt lesen; der unserige sagt nicht mit Unrecht: dei Rat 
solle sich etwas gewehret haben. Auch behauptet er, dafs 
der Rat zu Zeitz um eine Unterredung mit dem Kapitel 
gebeten, aber vom Kurfürsten mit harten Worten und unter 
Androhung der Aufsagung des Schutzes abschlägig beschie- 
den sei. Ebenso hatten die sechs anwesenden Vertreter der 
Ritterschaft Bedenken wegen der von Pflug an sie gerich- 
teten Schrift und ihrer Verpflichtung gegen das Kapitel; 
doch wie der Bericht sagt: „es ist stracks und mit schwin- 
dem ernst in sie gedrungen"; im übrigen wurden sie auf 
die anwesenden Gelehrten verwiesen. Von der darauf fol- 
genden Befragung Luthers und seiner charaktervollen Ant- 
wort meldet nur der städtische Bericht. Am folgenden Freitag 
früh war denn die Einwilligung der drei Stände glücklich 
erreicht, und man schritt zu Amsdorfs Einführung in der 
Domkirche, wo Dr. Medier wieder das Volk ermahnte und 
die Aufstellung des neuen Bischofs Nikolaus von Amsdorf 
verkündigte. Darauf hielt Luther vor dem Altar S. Crucis 
eine gewaltige Predigt, kreierte den Erwählten mit Hand- 
auflegen „nach apostolischer Art" und führte ihn in den 
Chor auf den Bischofsstuhl ein *). Am Nachmittag liefsen die 
kurfürstlichen Räte, unter ihnen Melchior von Ossa, das 
Kapitel zusammenfordern und teilten den Domherren, die 
sich in der Dechanei versammelten, nun erst die Wahl und 
Einführung Amsdorfs mit; zugleich liefs ihnen der Kurfürst 
seinen Unwillen melden, da er aus Pflugs Anschlag ent- 
nommen habe, dafs dieser vom Bistum abzustehen keines- 
wegs gesonnen, und das Kapitel nicht geneigt sei, einen 
christlichen Bischof zu wählen ; deshalb habe er auch weitere 
Verhandlungen mit ihnen unterlassen; er befehle ihnen, von 
Pflug abzulassen und ihn gänzlich zu meiden, sowie die In- 
vertierung der Stiftskleinode zuzulassen, verheifse ihnen aber 
gnädige Förderung, so sie das Evangelium annehmen und 



1) Vgl. neben Jansen a. a. 0. besonders Kö9tlin II, 544 f. 

17* 

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174 



ROSENFELD, 



sich mit dem Kurfürsten vergleichen wollten. Das Kapitel 
antwortete ausweichend, man wisse Amsdorf nichts nachzu- 
reden, denn man kenne ihn nicht; Praktiken habe man 
nicht getrieben und gedenke sich als fromme Ehrliebende 
ihres Standes und Adels zu halten, wisse sich nicht zu er- 
innern, dafs sie ihre Leute der Religion wegen gehindert 
haben sollten und sie seien bereit, sich deshalb zu verant- 
worten. Die Inventierung liefsen sie zu „um Verdachts 
willen" und empfahlen sich der Gnade des Kurfürsten. Eine 
nochmalige ähnliche Besprechung hat (nach der zweiten 
Fassung unseres Berichts) am Sonnabend darauf in der 
Stadt stattgefunden; der Berichterstatter schliefst: „Item zu 
merken, ein Kapitel wird auf Ansuchen des eingedrungenen 
Bischofs nit willigen; Frage: was wird folgen; Antwort: 
Aufsagung des Schutz; was als dan dem Capittel zu thun 
sein wil, ist liederlich zu erraten." Gleich darauf schritten 
die Räte mit Zuziehung von Vertretern des Rats zu Naum- 
burg und Zeitz zur Inventierung der Stiftskleinodien, was 
das Kapitel mit Mifs vergnügen geschehen liefs. Weiter aber 
werden wir in der ersten Fassung noch berichtet, dafs an 
diesem Sonnabend früh die Gemeinde der Stadt zur Hul- 
digung aufs Rathaus entboten wurde. Als der Bischof mit 
den kurfürstlichen Räten zur Eidesleistung aufforderte, wollte 
eine Anzahl Bürger entweichen, aber man verschloß die 
Thtiren und stellte die Knechte davor auf; trotzdem traten 
einige vor und äufserten Bedenken wegen ihrer Verpflich- 
tung gegen das Kapitel, auch befürchteten sie Gefahr für 
ihren Handel; aber „es ist der Gemeyn furgerugkt, sy 
heften vilfeldig bei chur. u. f. gn. umb eyn christlichen 
Bischof angehalden, der were aldo bey der Handt, dem solten 
sy pflich thun unwegerlichen. Als ist inen der Eydt vor- 
gelesen wurden; mit waser Gewissen sy geschworen, also 
dar zcu gedrungen wurden, erbarme Gott!" — Der Bischof 
aber brach noch an demselben Tag nach Zeitz auf, um auch 
dort sich huldigen zu lassen. 

Das Vorgehen Johann Friedrichs, durch das er endlich 
in den völligen Besitz des Stiftes gelangte, war unstreitig 
ein unrechtmäfsiger Akt der Gewalt, so sehr er selbst auch 



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GESCHICHTE DES NAUMBUBGER BISCHOFSTHE1TES. 175 

vielleicht von der Gerechtigkeit seiner Sache durchdrungen 
Bein mochte. Seine früheren Ansprüche waren beatritten, 
seine Theorie von der Landsässigkeit der sächsischen Bis- 
tümer wenigstens zweifelhafter Natur; jetzt hatte er sich 
trotz der Bedenken seiner Räte, trotz kaiserlicher Mandate 
zu einem Rechtsbruch fortreifsen lassen, der auf seine 
spätere Katastrophe nicht ohne Ein Hufs geblieben ist — 
Zunächst freilich klagte Pflug vergebens bei dem Kaiser 
und den Ständen des Reichs auf den Tagen zu Speyer, 
Nürnberg und wieder zu Speyer l . Qerade 1542 war die 
Lage der Protestanten günstiger wie je; die kaiserliche 
Deklaration von Regensburg (1541) war ihnen weit ent- 
gegengekommen; Kaiser Karls V. Zug gegen Algier verlief 
ebenso unglücklich, wie die Unternehmungen gegen die Os- 
manen in Ungarn; Frankreich begann im Bunde mit diesen 
den Krieg in den Niederlanden; der Schmalkaldische Bund 
nahm in glänzender Fehde Braunschweig; im Süden und 
Westen des Reichs machte die Reformation bedeutende Fort- 
schritte: Regensburg fiel ihr zu, in der Pfalz, in Osterreich 
breitete sie sich aus; in Köln begannen der firzbischof Her- 
mann von Wied und Butzer zu reformieren *). 

So konnte auch der Kurfürst im Stift Naumburg schalten 
wie im eigenen Lande. Er und Amsdorf griffen auch in 
die inneren Angelegenheiten des Kapitels ein; z. B. als der 
hochbetagte Senior Georg Forstmeister, der sich übrigens 
auch an der Einführung Amsdorfs beteiligt hatte, 1542 
starb, übertrug das Kapitel seine Pfründe einem Felix von 
Peschwitz; der Kurfürst setzte aber Haubold von Einsiedel 
in ihren Genufs ein *. Einige Glieder der Stiftsritterschaft, 
z. B. Valtin von Lichtenhain, die Amsdorf die Huldigung 
versagten, wurden aus ihrem Besitze vertrieben 4 . Die Prä- 
dikanten bereiteten jetzt auch am Dom dem Kapitel, das 
selbst Gewaltthätigkeiten, Bildersturm und Aufruhr fürchtete, 

1) Vgl. Jansen a. a. 0. X, 2, S. 18ff. 

2) Vgl. dazu Ranke IV, 162. 166—179. 199—206. 232ff. 

3) Akten darüber im D.-A. 

4) Vgl. Jansen a. a. 0. X, 2, S. 17 f.; mehrere Schriftstücke 
dazu auch im D.-A. 



176 



KOLENFELD, 



durch ihre heftigen Ausfälle schwere Sorgen; von Medier 
behauptete man, er laure nur auf den Tod des schon hin- 
fälligen Günther von Bünau *, um sich zum Dechanten ein- 
setzen zu lassen. Heftigen Ausdruck findet die Erbitterung 
gegen Medier in den Briefen Lemmermanns * , eines treuen 
Anhängers Pflugs, der nach Amsdorfs Einsetzung den Stifts- 
dienst aufgab und Weib und Kind in Not zurücklassen 
mufste, bis er Dienste bei Herzog Moritz fand, der ihn in 
Pforta als Schösser anstellte. 

Auch den Abbruch des Moritzklosters 3 1544 durch den 
Rat, der den Grund und Boden vom Kurfürsten erkauft 
hatte, betrachtete das Domkapitel als Eingriff. Dazu kam 
1545 Amsdorfs Visitation im Stift. Das Domkapitel half 
sich durch Obstruktion. Amsdorf hatte in der Wenzels- 
kirche gepredigt, wider das Papsttum und seine Anhänger; 
seine Predigt war Schmähen und Lästern : sagt der Kapitels- 
bericht; in Gemeinschaft mit kurfürstlichen Räten forderte 
er zunächst die Vikare am Dom vor, die, soweit anwesend, 
sich einfanden, über ihre Lehen, Einkünfte u. s. w. aus- 
sagten, aber sich nur an die kurfürstlichen Räte hielten, 
ohne Amsdorf anerkennen zu wollen; die anwesenden Dom- 
herren wichen der Vorladung aus, liefsen durch ihren Bau- 
meister mit den Räten verhandeln und zogen sich schliefs- 
lich hinter das Generalkapitel zurück, so dafs sich jene mit 
dem Einkommenverzeichnis eines auswärtigen Lehens be- 
gnügten, das Bernhard von Draschwitz besafs *. 

Pflug war unterdessen in Mainz und betrieb seinen Pro- 
zefs 5 , in ununterbrochener Verbindung mit seinem Anhang 
im Stift, vor allen mit Günther von Bünau, Bernhard von 
Di •aschwitz, seinen Brüdern und Lemmermann. Namentlich 
Bünau unterrichtet er über den Stand seiner Sache, ihm 



1) Mit dem er übrigens eine Zeit lang in ganz freundlichem Brief- 
wechsel stand. 

2) Meist an Günther von Bünau gerichtet, im D.-A. 

3) Und der alten „Pfarrkirche" St. Michel: hciCst es damals in 
einer Notiz im D.-A. 

4) Kopie eines Berichtes in einem Sammelbande im D.-A. 

5) Vgl. auch zum Folgenden namentlich Jansen a. a. 0., S. 44 ff. 



GESCHICHTE DES KAUM BUKGER BISCHOFSTKE1TES. 177 



erteilte er Rat in den neuen Beschwerungen des Stifts, für 
ihr Verhalten zu Amsdorf. Er erhält von Naumburg Do- 
kumente, die ihm nötig sind; man teilt ihm mit, dafs der 
Kurfürst die Glocken der Zeitzer Kirchen habe wegnehmen 
lassen, dafs Amsdorf Stiftskleinodien, Mefsgewänder, Kirchen- 
ornat eingezogen habe; aus Altarkelchen habe er z. B. 
Schaumünzen mit einem Kardinalsbild, das umgekehrt einen 
Narren zeigte, prägen lassen; man klagt ihm, wie Drohungen 
gegen das Kapitel in Naumburg laut würden, wie heftig die 
Prediger sie angriffen. 

1542 wurde das Konzil vom Papst angesagt; natürlich 
beschäftigte das auch Pflug in hohem Grade, wenn er auch 
von ihm Erspriefsliches für die deutsche Kirche, deren Eini- 
gung ihm stets am Herzen lag, nicht erwartete *. Mehr 
hätte auch seinen Wünschen eine Vereinigung der Deut- 
schen unter sich entsprochen ; er bemühte sich um ein Pro- 
vinzialkonzil, das Erzbischof Albrecht halten sollte *, zu dem 
es aber nicht kam. — Seine Hoffnung zur Erlangung seines 
Bistums setzte er auf den Kaiser, und als dieser 1544 
auf dem Reichstag zu Speyer erschien, erfüllten sich zwar 
nicht alle seine Wünsche, aber er erlangte doch ein Mandat 
gegen den Kurfürsten 3 . Denn noch bedurfte Karl der Hilfe 
der Protestanten gegen Frankreich; doch als auch dieser 
Krieg, dem Pflug mit lebhafter Teilnahme folgte, durch den 
Frieden von Crespy glücklich beendet war, wufste Pflug, dafs 
nun die Zeit auch für ihn gekommen sei. Im Sommer 1545 
hoffte er noch, zum Kriege werde es nicht kommen, falls die 
Protestanten Ruhe hielten 4 ; aber wenige Tage später schreibt 
er schon von Truppenansammlungen 6 , die weitergehende Ab- 
sichten des Kaisers befürchten Uelsen. Im Februar 1546 scheint 
er an einem Ausbruch des Kriegs doch schon kaum mehr 



1) Pflug an Bünau, 1542 Okt. 12 (D.-A.). 

2) Desgl., 154S März 9. 

3) Briefe Pflugs an Günther von Bttnau, Juni 17, und an Haus 
▼on Landwust, Juni 18 (D.-A.). 

4) Pflug an Bünau, Juli 12 (D.-A.). 

5) An dens., Juli 18. 

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178 ROSENFELD, NAUMBURGER BISCHOFSTREIT. 

zu zweifeln l . Er leitete damals das zweite Religion sgespräch 
in Regensburg, erhielt die kaiserliche Belehnung; gegen 
Johann Friedrich wurde ein Poenalmandat erlassen und 
Pflugs Restitution gefordert Den Ausbruch des Kriegs er- 
lebte Pflug noch in Regensburg ; wo er sich bis in den 
August aufgehalten zu haben scheint; dann ist er im No- 
vember in Sachsen, in Stolpen, wo er anfangs seine Ankunft 
noch geheim hält 2 ; aber bald zog er in das Stift ein; 
Mandate des Kaisers und des Herzogs Moritz ebneten ihm 
den Weg. Noch einmal mufste er weichen, ab der Kur- 
fürst sich im Winter aus Süddeutschland nach dem eigenen 
bedrohten Lande zurückwandte. Die Aufregung in Naum- 
burg machte sich damals in einem Tumult auf der Freiheit 
und einer Plünderung mehrerer Domherrnkurien durch die 
Bürger gewaltsam Luft B . Pflug hielt sich in Dresden auf, 
bis ihm die Schlacht von Mühlberg am 24. April 1547 das 
Stift dauernd zurückgab. 



1) An dens., Febr. 10. 

2) An dens., Nov. 5. 

3) Aktenstücke über die später darüber geführte Untersuchung im 
D.-A. 



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ANALEKTEN. 



i. 

Nene Texte zur Geschichte des aposto- 
lischen Symbols. 

Herausgegeben 

▼on 

A. E. Büro M. A., 

Kector of Kynnerslej (Walliogton Salop). 



1. Expositio de fide catholica „Auscultate expositionem 2. Credo 
aus dem Karlsruber Codex Nr. CCXXIX. 3. Auszug aus einem Sermon, 
Cod. Sangalienais 40. 4. Sermon aus Cod. Sangallensis 27. 5. Sermon 

aus Cod. lau Monacensis 14508. 

Im folgenden veröffentliche ich einige bisher nicht bekannte 
Texte zur Geschichte des apostolischen Symbols. Die meisten der- 
selben lernte ich kennen auf einer Reise, die ich im Sommer 1896 
im Auftrage der Direktoren der in Cambridge zum Andenken an 
Professor Hort errichteten Stiftung unternahm; ich hoffe, dafs 
dieselben der Forschung von Nutzen sein werden und möchte mit 
ihnen eine Art Anhang zu der schätzbaren Bibliothek der Sym- 
bole Yon Hahn liefern. 

1. 

Der nachstehende Sermon war bislang nur in einer Zusammen- 
setzung bekannt Er wurde von Caspari in zwei Pariser Hand- 
schriften aufgefunden, Bibl. nat Cod. lat 3848 B., saec. IX und 
Cod. lat. 2123, saec. X, wo er kombiniert ist mit dem pseudo- 
augustinischen Sermon, Nr. 244, der jetzt allgemein dem Cae- 



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180 



ANALEKTEX. 



sarius von Arles zugeschrieben wird *. Ich hatte das Glück, drei 
Handschriften des Originaltextes zn finden: 1. Cod. Junins 25 (B) 
in der Bodleyanischen Bibliothek zu Oxford, saec. IX; 
diese Handschrift stammt aus der Abtei Murbach, einem Tochter- 
haus von Reichenau 8 . 2. Cod. 91 (W) in der Bibliothek 
zu Wolfenbüttel, saec. IX; stammt aus Kloster Weissenburg. 
3. Cod. lat. Monacensis 14508 (M); stammend aus St Em- 
meram in Regensburg, saec. X. 

Das Symbol, welches dieser Sermon erkennen läfst, hat in 
seiner Form interessante Verwandtschaft mit dem im Antiphonar 
von Bangor (Hahn 8 § 76), wodurch man auf den ersten Anblick 
veranlafst werden könnte, auch es mit der irischen Kirche in 
Verbindung zu bringen. Aber die Thatsache, dafs der Sermon 
in Gallien mit dem des Caesarius kombiniert worden ist, und 
zwar vielleicht schon gegen Ende des 6 Jahrhunderts (Caspar i, 
S. XVII), weist auf Südgallien als seine mutmafsliche Heimat. 
Die Worte „Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Dinge" 
nach dem ersten Artikel mögen aus einem orientalischen Symbol 
herzuleiten sein und könnten durch Cassian (?) vermittelt sein. 
Conceptum weist nach Gallien und die Auslassung von passus 
und mortuus auf eine frühere Zeit als die des Caesarius, es 
sei denn, dafs man annimmt, Caesarius citiere hier etwa das 
Symbol von Arles. Die Auslassung von ascenditad caelos 
nach victor ist wohl ein Zufall. Communem omnium cor- 
porum resurrectionem ist eine alleinstehende Phrase, da- 
gegen ui tarn post mortem et uitam aeternam findet sich 
im Symbol von Bangor, wie auch der Zusatz zu Spiritum 
sanctum: unam habentem substantiam cum patre et 
filio. 

Ich habe alle Worte, die sich in der Rezension der Pariser 
Handschriften nicht finden, in Klaramern gesetzt. 

Expositio de fide catholica*. 

[Auscultate expositionem de fide catholica] quam si quis digne 
non habuerit regnum dei non possidebit 4 . Credite in deum 
patrem omnipotentem inoisibilem uisibilium 6 et inuisibilium 6 



1) S. Caspari, Kirchenhist. Anecdota I (1883), S. 283 ff., dazu 
Einleitendes Vorwort, S. XV ff. Kattenbusch, Apoat. Symbol. I, 
S. 164 ff. 

2) Auf Fol. 33 findet sich eine Anmerkung, die um ein Gebet bittet 
für Abt Bartholomeus de Andolo, der das Buch im Jahre 1461 erneuern 
liefs. Eine ähnliche Bemerkung in Cod. 68 der Bibliothek zu Epiual 
saec. VI/VII mit dem Datum 1464. 

3) De est titulus M. 4) possidebtint B. 5) uisibiUum] uisibilem 
M. 6) rerum W. inuisilium B. 



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BCRN, ZUK GESCHICHTE DES APOSTOLISCHEN SYMBOLS. 181 

«conditorem 1 , hoc est quia 2 omnia creauit simul uerbo potentiae 
suae. Credite et in Ihea um Christum filium eius uni- 
cum dominum nostrum, conceptum despiritu sancto 
natum ex Maria uirgine 9 , hoc est sine matre [in caelo] 
sine patre camali [in terra]; crucifixum 4 sub Pontio Pilato 
praeside et sepultum; tertia die resurgentem ex mor- 
tuis, hoc est in uera sua carne 6 quam accepit ex Maria Semper 
uirgine 6 Per neram resuirectionem resurrexit, postqmim diabolum 7 
liganit et animas sanctorum de inferno liberauit Uictorsedit 
in 8 dexteram 9 dei lü patris 11 . Inde 12 credite uenturnm iu- 
dicare uiuos ac 18 mortuos hoc 14 est sanctos et 16 peccatores 
aut mortuos de sepulchris et uiuos quos dies iudicii inueniet ui- 
uentes. [Et tunc, in illo 16 die, timebunt eum qui non amabant 
quando ueniet cum carne sua et parebunt in eo signa clauorum 
et" plaga lanceae 18 . Et qui iniuste iudicatus est ab hominibus 19 
per iustitiam 20 iudicabit omnes qua 21 fronte uidebunt w eum 28 
in illo die qui uicem 24 passionis suae non habuerunt, aut in 
martyrio, aut in dura poeuitentia 26 aut in ieiunio 26 aut in ui- 
gilia 27 et 28 in omnibus laboribus.] Credite et in spiritnin 
sanctumdeum omnipotentem, unam habentem substantiam cum 
patre et filio. Sed tarnen intimare debemus 29 quod pater deus 
«st et filius deus est et spiritus 50 sanctcs deus est et non 
sunt tres dii sed unus est deus, sicut ignis et flamma et calor 
nna res est [Pater non est genitus, filius a patre genitas 
est. Spiritus nec 81 genitus nec ingenitus sed ex 32 patre et 
filio procedit.J Pater non [est] senior 33 filio 84 secundum di- 
uinitatem nec filius iunior 85 patre 86 , sed una aetas 37 , una sub- 
tstantia, una uirtus, una maiestas 38 , nna diuinitas, una potentia 
est patris et filii et Spiritus sancti. Credite ecclesiam ca- 
tholicam hoc est uniuersalem 89 uniuerso mundo 40 ubi unus 
deus colitur, unum basptisma 41 habetur, una fides seruatur. Et 
qui non est in unitate ecclesiae 44 , aut clericus aut laicus, aut 

1) conditorutn W. 2) qui M. S) uirgine] pr. Semper MW. 
4) Crucifixum BM. 5) carne sua M. — carne quam acce- sec. 
man. B. 6) -a Semper uir- sec. man. B. 7) diabulum W. 
8) in supra lin. W. 9) dextera W. 11) om dei M. 11) patris] 
atri eras. B. 12) jnde B 13) ac] et M. 14) Hoc W. 15) om et 
BW. 16) illa M. 17) om et B. 18) lande B. 19) homibus B, 
omnibuB M. 20) iusticiam B. 21) Qua W. 22) uidebunt eum 
eras B. 23) eum] illum W. 24) qui uicem eras. B. 25) peni- 
tencia B, penitentiae M. 26) geiunio M. 27) uigiliis MW corr. 
28) et] aut M. 29) debemur M*. 30) spiritus] sanctus W. 
31) nec supra lin. B. 32) ex] a MW. 33) om senior ... nec W. 
34) filio] pr. de B. 35) iunior] inuenior BW. est M W. 36) Patre] 
pr. de BW*. 37) aetas] deitas BW. 38) magestas B. 39) uni- 
uersalis M. 40) om mundo M. 41) babtisma W* 42) ae- 
cclesiae W. 



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AXALEKTEX. 



masculus, aut femina, aut ingenuus, aat seruus, pariem in regno 
dei non habebit. Credite 1 remissionem peccatorum aut 
per bapti8mum si obseruas 1 legem eius , hoc 3 est abrenuntia- 
tionem 4 diabolo 6 et angelis eins 4 et pompis saeculi, aut per 
poenitentiam 7 ueram id est commissa deflere et poenitenda 8 
non committere , aut per martyrium ubi sanguis pro baptismo' 
computatur 10 . Credite" communem 18 omni um corporum re- 
surrectionem post mortem sine dubio enim erit sicut scrip- 
tum est: „Et resurgent qui in monumentis 19 sunt. 1 * Qoanta 14 
membra et ossa habuit homo tanta 16 habebit in resurrectione 16 . 
Non 17 in altera carne resurgent 18 sed in ea ipsa quam habue- 
runt 18 . Sed tarnen resurgent homines iuuenes quasi XXX annis *° 
licet 81 senes aut infantes ex hoc aaeculo 88 transierint 83 ; pul- 
cbriora 84 corpora et tenuiora 86 habebunt, ut peccatores aeternas 
sustineant 26 poenas , iusti 87 fuero] et sancti praemia 88 caelestia 
in eisdem 88 corporilus possideant so , [praestante Christo qui 81 cum 
aeterno patre et 38 spiritu sancto uiuit et regnat in saecula sae- 
culorum. Amen]. 

3. 

Das Nachstehende ist der Text eines Symbols in einem 
Reichenauer Manuskript, das aus innern Gründen auf das Jahr 
821 datiert werden kann, Karlsruhe Cod. CCXXIX. Die Liste 
der Apostelnamen ist zu vergleichen mit derjenigen bei Pirminius 3 * 
und in einem anderen Karlsruher Manuskript, Cod. XVIII, saec X, 
ferner mit der in den pseudoaugustinischen Sermonen Nr. 240 
und 241. Ich stelle auch die in Cod. Seasor. 52 und Cod. 
Sangall. 40 hierher. 

Karlsruhe, Cod. Augiensis CCXXIX saec. IX, f. 222. Petrus 
dixit: Credo in deum patrem omnipotentem creatorem caeli et 
terrae. Andreas dixit: Et in Ihesum Christum filium eius unicum 



1) Credite /// duo lit. eras. ut uid. M (abremissionem M*?). 
2) obseruauerit M W. 8) Hoc W. 4) abreuuntiatione B. 5) dia- 
boli M, diabulo W*, -i W corr. 6) om. eius M. 7) penitentiani 
B M. 8) penitenda B M. 9) pro baptismo] per bapti9tnum M. 
10) om computatur B. 11) credite M. 12) communem ... resur- 
rectionem] communionem sanctorum omnium peccatorum resurrectionem 

nio du 

M, communem W. 13) momeu///tis W. 14) quanta M. 15) tan- 
tos MW. 16) resurrectionem M. 17) non M. 18) resurget W*. 
19) habu..t B, haberunt W. 20) annorum MW. 21) Licet B. 
22) o m ex hoc seculo M W. 23) transierunt W. 24) pulchriora] p, 
et MW. 26) teniora M, teneriora M corr. W. 26) susteneant 
W. 27) iuslij pr. et MW, om uero M W. 28) premia MW] pr. 
post M. 29) eisdem] hisdem M. 30) possedeant M. 31) qui] 
quicunque M. 32) om et TW. 33) S. Caspar i, Anecdota, 
S. 168. 



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BURN, ZUR GESCHICHTE DES APOSTOLISCHEN SYMBOLS. 183 



pominum nostrum natum et passnm. Jacobus dixit: Qui conceptus 
est de spiritu sancto natus ex Maria uirgine. Iohannes dixit: 
Passus 8üb Pontio Pilato crucifixoa mortuus 1 et sepultns. Thomas 
dixit: Descendit ad infernnm * tertia die surrexit 5 a mortuis. 
lacobos dixit 4 : Ascendit ad caelos sedit ad dexteram dei patris 
omnipotentis. Philippos dixit: Iode uenturus iudicare uiuos et 
mortuos. Bartholomen dixit: Credo in spiritum sanctum ^anctam 
ecclesiam catbolicam. Matheus dixit: Sanctonim commonionem 
remis8ionem peccatorum. Thatheus dixit: Carois resorrectionem. 
Mathias dixit: Vitam aeternam Amen. 



CarlaruheCCXXIX. 

Petrus 
Andreas 
Jacobus 
Johannes 



Jacobus 

Philippus 

Bartholemeus 

Mattheus 

Thaddeus 

Matthias 



Ps. Aug. 241. 
Sacr. Gall. 3. 

Petrus 
Johannes 
Jacobus 
Andreas 
Philippus 
Thomas 
Bartholomen 
Mattheus 
Jacobus Alphaei 
Simon Zelotes 
Judas Jacobi 
Matthias 



Cod. Sessor. 52. 
Petrus 
Paulus 
Andreas 
Jacobus 
Johannes 
Thomas 
Jacobus 
Philippus 
Bartholemeus 
Mattheus 
Simon 
Thaddaeus 



Pirmini us. 
Carisruhe XVIII. 

Petrus 
Johannes 
Jacobus 
Andreas 
Philippus 
Thomas 
Bartholomen 
Mattheus 
Jacobus Alphaei 
Simon Zelotes 
Judas Jacobi 
Item Thomas 

CodL Sangallensis 40. 

Petrus 

Andreas 

Jacobus 

Johannes 

Philippus 

Bartholemeus 

Thomas 

Mattheus 

Jacobus Alphaei 

Thaddeus 

Simon" Canoneus 

Matthias 



Ps. Aug. 240. 

Petrus 
Andreas 
Jacobus 
Johannes 
Thomas 
JacobuB 
Philippus 
Bartholemeus 
Mattheus 
Simon 
Thaddeus 
Matthias 



3. 

Der folgende Auszug aus einem Sermon ist interessant, weil 
den einzigen Fall (?) von Verteilung der Artikel des altrömischen 



1) mortuos. 2) inferno. 8) pr. re corr. 4) t. supr. lin. 



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181 



AXALKKTEN. 



Symbols unter die Apostel darstellt. Der Vergleich, der in den 
Einleitungsworten vorgebracht wird, findet sich auch in einem 
Sermon im Codex Sessorianus 52, fol. 161 v und dem Münchener 
Cod. lat 14Ö08; s. hernach Nr. 5. 

Cod. Sangallensis 40 aaec. VIII/IX, p. 322. Symbolum 1 graece 
conlata * pecunia dicitor latine. Quicunque trans mare transire 
uoluerit pecuniam ad nauem congregat et gubernatorem et nauem 
locare uidetur et uuusquUqne pecuniam suam quasi se seruat. 
Nauis id est ecclesia. Gubernator id est Christus. Pecunia con- 
latores apostoli uel praemia fides ipsorum. Isü duodecim 
apostoli duodecim uersiculos in simbolo congregauerunt. Primus 
Simon dixit, qui dicitur Petrus: Credo in deum patrem 
omnipotentem. Andreas frater eius dixit: et ego credo 
Christum Ihesum unicum dominum nostrum. Iacob Zobedaei 3 
dixit: Et ego credo qnia natus est de spirftu sancto ex 
Maria nirgine. Iohannes frater eius dixit: Qui sub Pontio 4 
Pilato crucifixus 5 et sopultus. Philippus 6 dixit: 
Tertia 7 die resurrexit a mortuis. Bartholomeus dixit: 
Ascendit in caelum". Thomas dixit: Sedit ad dexteram 
dei patris omnipotentis. Matthaeus 9 publicanus dixit: 
Inde uenturus iudicare uiuos 10 et mortuos. Jacob 
Alpbaei 11 dixit: Ego credo in spiritum sanctum. Tathaeus 18 
dixit: Credo s an c tarn ecclesia m. Simon Cananaeus 15 dixit: 
Et ego credo remissionem peccatorum. Matthias dixit: 
Et ego credo carnis resurrectionem 14 . Sanctus Augustinus 
dixit ... 

4. 

Der folgende Sermon ist entnommen aus einem dem 9. Jahr- 
hundert angehörigen Psalterium, Cod. Sangallensis 27, wo er 
an den Bändern steht; ich lasse daher zuerst den Text des 
Symbols und dann den Sermon drucken. Er enthält interessante 
Citate aus dem Sermon des Niceta von Bemesiana und aus 
Pseudo- Augustin S. 242, mit Parallelen zu Phrasen in Pseudo- 
Angustin S. 240. In dem Symbol ist unicum zu dominum 
gezogen. 

Cod. Sangallensis 27.8 aec, IX, p. 690. 

Symbolum Apostolomm. 

Credo in deum patrem omnipotentem creatorem caeli et terrae. 
Et in Ihesum Christum filium eius, unicum dominum nostrum, qui 

1) simbolum. 2) conlita. 3) zebe. 4) poncio. S) cruci- 
fixus r supr. lin. 6) Philippus p sub lin. 7) tercia. 8) ce- 
lum. 9) Mattheus. 10) uiuus. 11) alfei. 12) Tatheus. 
13) cananeus. 14) resurreccionem. 



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BURN, ZUR GESCHICHTE DES APOSTOLISCHEN SYMBOLS. 185 

conceptus est de Spiritu Sancto natus ex Maria uirgine. Passus 
sub Pontio Pilato, crucifixus, mortuus, et sepultus. Descendit 
ad inferna, tertia die resurrexit a mortuis. Ascendit ad caelos 
sedet ad dexteram dei patris omnipotentis. Inde nenturus iudi- 
care uiuos et mortuos. Credo in spiritam sanctum, sanctam 
pcclesiam catholicam. Sanctorum communionem. Remissionem 
eeccatorum. Carnis resurrectionem. Vitam aeternam amen. 

Symbol nm est quod seniores nostri collationem ac pignus 
esse dixerunt. Inde collationem quia sicut per Christum et multis 
membris unum ecclesiae corpus effectum est, ita et per discipulos 
Christi in unum breuiare textum salutaria uerba collecta sunt. 

Pater ergo fllium est habens utique filium cuius sit pater, 
omnipotens deus eo quod omnia potest, creatorem caeli et terrae 
non enim aliqnid esse potest cuius non sit creator cum sit 
omnipotens. 

Credens ergo in deum patrem statim te confiteberis credere 
et in filium eius Ibesum Christum hic est filius dei K 

Natum de spiritu sancto dicit per administrationem * spiritus 
Sancti 5 illo cooperante datns est filius, ubi angelus ad Mari am 
dicit spiritus 6anctus superueniet te etc. 

Ideo Pontiom Pilatum hic nominauit ut nullns alius Christus 
credatur nisi ille qui sub Pontio Pilato crucifixus est. Quod 
autem crucifixus et mortuus legitur secundum hominem dictum est. 

Descendit utique non ut mortalium lege detineretur a morte 
sod ut ianuas mortis aperiret tertia 4 die resurrexit nt nobis 
exeinplum resurrectionis 6 ostenderet. 

Ascendere pro parte carnis dicit quia postquam ille ascendit 
animas sanctorum illic susum ubi ante 6 fuerant modo as- 
cendunt; dexteram uita aeterna intelligitur; sinistram uita 
praesens. 

Ille iudicatus fuit ille iudicaturus est terram, uiuos dicitur 
qoi niuenti in carne fuerimns, mortuos qui iam longo tempore 
transierunt, tarnen 7 uiuos sanctos possimus intelligere 8 , mortuos 
peccatores. 

In spiritum utique sanctum qui ex patre et filio procedit qui 
patri et filio est coaequalis. Non dicit credo in sanctam ecclesiam 
sed credo ipsam esse sanctam. 

Id est cum il Iis sanctis qui in hac quam suscepimus fide 
defuncti sunt societate 9 et spei communione teneamur 10 . 

Oportet enim per remissionem quae 11 nobis praestatur in bap- 
tismo u inplenae 18 credulitatis teneamus affectu 

1) Niceta. 2) administratione. 3) cf. Ps. Aug. 240. 4) tercia. 
5) resurrecciouis. 6) ^ au. 7) t = tarnen? 8) iotelligi. 9) so- 
cietate.. 10) Ps. Aug. 242. 11) que. 12) babtisrao. 13) plene. 
14) Ps. Aug. 242. 



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186 



ANALEKTEN. 



Carnem, quam in hac uita sub mortali conditione portamus, 
resurrecturam esse immortalem credamus l . 
Absqne ulla dubitatione. 

5. 

Der folgende Sermon enthält das Symbol in einer der alt- 
römischen Form noch sehr nahestehenden Form, wobei interessant 
ist, dafs nnicnm mit dominum nostrum verbunden wird. 
Die Auslegung beginnt mit einer ausgeführten Darstellung des 
Vergleiches in Cod. Sangall. 4 0, ist aber abgeleitet aus einer 
gemeinsamen Quelle. Der Best ist nicht besonders interessant, 
aber wir werden nicht zu endgültigem Abschluß in der Erkennt- 
nis der Entwicklung unseres textus receptus kommen, wenn nicht 
noch manche solche Sermone publiziert werden. 

München, Cod. lat. 14508 f. 67; vgl. oben Nr. 1. 

Dum de eymbolo * conferre uolumus inquirendum est nobis 
symbolum in cuius lingua nuncupetur *. Symbolum graecum 4 est 
quod in latino sonat conlatio sine congregatio pecuniae. Augustinus 
dizit quod per similitudinem intelliguntur 6 nautores. Quando in 
partibus marinis transmeare conantur nauem emunt, et ibidem 
nautores constituunt tractores, et gubernatores mittunt pecunias, 
unusquisque quas habet. Mittit alias plus alius minus et sie 
unlt saluam facere ille qui minus habet et qnantum ille qui plus. 
Postea pergnnt ad illum portam ubi eorum pecuniam multiplicare 
debeant Sed hoc inquirendum est quod intelligitur 6 per istam 
similitudinem, id est per mare 7 mundus 8 , per nauem saneta 
ecclesia, quia sicut nauis in mare fluetibus patitur sie ecclesia in 
praesenti 9 uita tribulationes sustinei Per nautores et tractores in- 
telliguntur 10 apostoli uel imitatores eorum per gubernatorem 
Christus qui regit ecclesiam suam. Per pecuniam conlatam 11 
bonorum apostolorum intelligere ,Ä po&sumus hos 1 * duodeeim uer- 
siculos. Per lignum nauis per quod 14 saluatur pecunia in- 
telligitur 15 lignum crucis per quod 16 saluatur ecclesia. Uli 
nautores tendunt ad illum portum ubi saluentur. Ita et saneti 
apostoli uel imitatores apostolorum festinant ad portum uitae 17 
aeternae 18 ubi eorum merces multiplicare uel crescere debeat. 
Aliam similitudinem dixit: duo reges anteqoara iungantur ad 
proelium unusquisque suum signum ponit f. 67 v. Sic 19 ecclesia 



1) Ps. Aug. 242. 2) simbolo. 3) noneupetur. 4) grecum. 

6) intelleguntur. 6) intellegitur. 7) ma // re duo litt. ras. 

8) istP mundi supra lin. 9) presenti. 10) intelleguntur. 11) con- 

lata. 12) intellegere. 13) haec. 14) quo. 16) intellegitur. 

16) quo. 17) uite. 18) aeterne. 19) si. 



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BURN, ZUR GESCHICHTE DES APOSTOLISCHEN SYMBOLS. 187 

in primordio qnando cepit florere in fide tone semina haereti- 
corum 1 pnllalat, sed cum essent saneti apostoli in unum con- 
gTegati antequam in mundo dispersi essent in praedicationem sie 
fecerunt istam consolatam bonorum operum et posuerunt Signum 
inter Cbristianos et haereticos *, ut per hoc cognoscerent quis est 
et Christianos ut qui haereticus ut . . istos uersiculos XII unus- 
quisque Christianus memoriter teuere debeat. Credo in deum 
hoc curio8iu8 inquirere uolunt quis istum uersum de sanetis 
apostolis primus cantasset sed tarnen a pluris incertum est quia 
hoc non narrat historia. Tarnen seimus quia toti perfecti et 
honorati sunt apud deum hoc nostrum non est ad discernendum 
quis primus maior merito et istum uersum cantasset sed qui 
dixit benedixit. Credo in deum nos credimus in deum patrein 
haeretici 8 credunt patrem esse . . . Credimus patrem haeretici * 
pro eo quod pater omnium creaturarum uel qui hominem fecit 
non credunt ut habeat naturae sicut nos credimus quia non potest 
dicere pater nisi habeat filium nec filius nisi habeat patrem. 
Ispi haeretici * sie dicunt quod ipse et Spiritus sanetus qui sie 
dixit anathematizatus est inter populum Christianum sed nos sie 
credimus sicut aliquis auetor dixit: „deus pater deus filius deus 
et Spiritus sanetus". Personae 6 his nominibus distinguntur sed 
una diuinitas est Ulis et una potestas per similitudinem rerum 
creaturarum cognoscitur creator. Non ut creatura coniungat 7 crea- 
torem f. 68 sed sicut Paulus aiit: „docent terrena quae sunt 
accaelestia". Id est aqua ignis 8 anima sol sie pater et filius et 
spiritus sanetus una diuinitas et una potestas est Ulis sed dum 
ipse haeretici 9 sie dicunt quod ipse sit pater ipse filius ipse 
Spiritus sanetus. Sed inquirendum est si habeat pater quod non 
habeat filius aut filius quod non habeat pater aut spiritus sanetus 
quod nec pater nec filius non habet. Habent proprio id est no- 
mina personas, pater dicitur eo quod habeat filium, filius dicitur 
eo quod habeat patrem, spiritus sanetus ab utrisque procedeos 
qua toti tres coaeternae et coaequales 10 sibi sunt in regendo et 
gubernando et dominando et sustinendo rerum creaturarum. 
Omnipotentem 11 , id est omnipotens deus quia omnia potens, 
tarnen hoc ad brutos et indoctos cum cautela 1 * dicere debet nec 
forte cum tu dicis in bene ille reeipiat in mal um, dum dicis omni- 
potens ille dicit non omnipotens; quia deus tres non potest, mori, 
falli, nel peccare. Et si ista tria supradicta potuisset omni- 
potens non esset, Quare non potuit! Quia non noiuit nec 



1) hereticorum. 2) hereticos. 3) hereticus ... duo litt. ras. 
8) heretici ... Tres litt. ras. 4) heretici 5) heretici. 6) per- 
sone. 7) coniungat. 8) igne. 9) heretici. 10) quoaeq. 
11) omnipotenti. 12) cautelia i ras. 

Z«lte.hr. f. K.-Q. XIX. 2. 18 



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188 



AXALEKTEN. 



potuit. Sed nos qui possumus mori, falli, omnipotentes non sumus 
quia ista supradicta facere possumus. Et in IhesnmGhristnm 
filiuB eius. Quomodo dicit in Ibesum credere quia Ihesus filiua 
foit nam 1 absit nt in hominem * porro debeat credere magis 
quam in deum, quia ipse dixit: „maledictus homo qui in nomine 
ponit spem suam". Et alibi: „benedictus uir qui confidit in 
domino". Sed nos in Ibesum filium eins credimus. uerum deum 
et uerum bominem et cetera. Uni cum dominum nostrum 
68?. Id est 3 si quo modo dicit unicum dominum quia legimus 
in sacris scripturis deum duos filios habnisse 4 sanctam Mari am 
similiter. Quod et ipsa duos habuit deus ut legimus Adae qui 
fuit dei et sancta Maria legimus de illo discipulo quem Ihesua 
amauit plurimum cum esset in cruce dixit : „Mulier ecce filiua 
tuus et ad ülum discipulum 6 ecce mater tua et suscepit eam in 
suam'*. Unicum dominum nostrum, id est cum dei patris 
dum et unicum sancta e Mariae qnae nec antea aliam habuit nec 
postea, quia uirgo ante partum et uirgo post partum. Dominus 
deus, eo quod dominator suam creaturam nostrum quia de nostra 
accepit humanitatem 6 . Natum de spiritu sancto et Maria 
nirgine, quomodo dicimus dum soperius diximus. Credo in 
deo patri. Numquid filius duos patres habuit si 7 absit nobis 
sie credere sed spiritu sancto cooperante et administrante uel 
pro sanctificatione 8 uterum uirginis Mariae sie natus est filius 
dei ex Maria uirgine, id est distinetionem fecit inter Mari am et 
Marias quia fuerunt aliae Mariae non uirgines, sed ista Maria 
uirgo ante partum et uirgo post partum. Passus sub Pontio 
Pilato. Qua re commemorat hominem cruentum ut 9 pessimum 
propter illum commemorat quia futurum est ut psendo christi et 
pseudo prophetae sine apostoli suggerere credit alium Christum 
nisi illum qui sub tempore Herodis est natus et sub tempore 
Pilati est passus. Crucifixus et sepultus descendit ad 
inferna. Id est crucifixus dominus sicut dixit propheta: „lpse 
infirmitates nostras accepit et aegrotationes 10 nostras (f. 69 r) 
portauit Sed dum dicitur crucifixus qui legimus quod diuinitas 
adtraxit humanitatem et non humanitas diuinitatem si sustinuit 
diuinitas passionem non sed humanitas per similitudinem intelli- 
gitur id est arbor stans in platea et inciditur et radius solis in 
scissura intrat. Sol inlaesus 11 permanet Ita et diuinitas in- 
passibilis et inlaesa" permansit quia humanitatem credebant et 
diuinitatem non nocebant. Descendit ad inferos. Hoc 13 in- 



1) naue? 2) nomine. 3) I de. 4) habuisset e supr. lin. 
5) discipulo. 6) humanitate. 7) n in mar g. 8) sanetificationis 
o supra lin. 9) con ras? 10) egr— . 11) inlesus. 12) in- 
lesa. 13) haec o supr. lin. 



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BURN, ZUR GESCHICHTE DES APOSTOLISCHEN SYMBOLS. 189 

quirendum est ubi fait humanitas tibi et anima et corpus in se- 
pulchro, diuinitas in caelo anima simul com diuinitate triumpbauit 
Ad inferos quia illas animas quae 1 sab debito Adae in inferno 
erant detentae 2 illos dominus seenm traxit, sicut dixit pro- 
pheta: „0 mors ero mors tua, ero morsus tuus 9 inferne Sicut 
sanctus Gregorius dixit. Ac si dicam 4 partem momordit et 
partem reliquit Partem momordit quia nullum de electis suis 
ibidem reliquit, partem reliquit 5 id est infidelium , et fortis est 
captus a 6 non fortiore id est diabolus. Tertia die resur- 
rexit a mortuis, quia uera morte et uera resurrectione id est 
uent8 deus uerus bomo sicut in euangelio : Destruite 7 boc templum 
et in tres dies suscitabo illud. Ipse dicebat de templo corporis 
sui. Ascendit ad caelos sedet ad 8 dexteram dei 
patris. Ascendit ad caelos hoc est super sanctos angelos ex- 
ultauit humanitatem. Sedet ad dexteram patris id est in pros- 
peritate uitae aeternae 9 . Inde uenturns indicare uiuos 
ac mortuos, uiuos tunc qui corporaliter uinunt, mortuos et 
qui ab initio mortui sunt Aliter, uiuos qui niunt in anima deo 
et mortuos qui mortui sunt, sicut dixit propheta: „Post biduum 
nisitabo uos et in die tertio resnscitabo uos." Credo in 
spiritum sanctum. Quando superius nominauit patrom et 
filium cur dixit spiritum sanctum? Sed mos est scriptararum 
ex ordine narrare sicut et antea uoluit narrare de sua nati- 
nitate et de sua passione. Postea uero de sua ascensione sed 
ubi inuenis unam personam totas tres personas intellege, sed 
merito sie erat ut Spiritus sanctus iuxta ipsam creaturam po- 
situs est, et unde illa creatura inluminata est Sequitur 
sanetam ecclesiam catholicam boc inquirendum est 
Spiritus sanctus proprie quid sit, hoc est Caritas quae 10 est inter 
patrem et filium, id est dilectio sicut Paulus ait: „quia Caritas 
dei diffusa est in cordibus nostris per spiritum sanctum qui datus 
est nobis". sanetam ecclesiam catholicam. Ita est uninersalis 
ecclesia in toto mundo diffusa, dum dicit catholica est ecclesia 
non catholica haereticorum ecclesia 11 quia illae 18 non sunt uni- 
nersales, sed extremis partibus uel iocis et per similitudinem potest 
intellegere. Homo quando mittit legatorium 18 ad regem uel ad 
potentes et ipse rex uel potens qui est exornat domum suam de 
auro uel de argento sed legatorius non ad illud aurum sed ad 
habitatorem declinatur. sie et nos non ad creaturam sed ad 
creatorem, non habitaculum sed habitatorem adoramus, hoc est 
Christum. Credimus remissionem peccatorum ubi est con- 



1) que. 2) detente. 3) ero morsus tuus supr. lin. sec. mar. 

4) t supr. lin. 5) reliquis Iis. 6) ad. 7) Distincte. 8) a. 

9) aeterne. 10) qui. 11) eccleaiis. 12) ille. 3) legatarium bis. 

18« 



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190 



ANALEKTEN. 



sortium sanctorum ubi est remissio peccatorum carnis re- 
surrectionem, ostendit Tieram primam resnrrectionem f. 70. Quia 
omnes homines resurgere habemus cum corporibus nostris, moriuntur 
et mali, accipiunt boni acciphint et mali; boni accipiont stolos 
mali accipiont poenam. Modo anima gloriatur apod de um. ßed 
post iudicium corpus et anima similiter, modo et ad peccatores 1 
duplicatur eornm poena quia modo anima cruciatur, sed postea 
anima et corpus, et tunc iusti gloriabuntur cum domino in sae- 
cula saeculorum. Amen *. 



1) peccatoribus. 2) seq. it Auscultate expositionem ... 



2. 

Die Viten des heiligen Furseus. 

Von 

Prof. Lic. Dr. Grützmacher in Heidelberg. 



Die Quellen, die uns über das Leben und Wirken des iro- 
schottischen Missionars und Klostergründers Furseus (gest. c. 650) 
zu Gebote stehen, bedürfen einer neuen Untersuchung, da die 
Arbeiten der Bollandisten (A. S. Jan. II, 399 ff.), Mabillons (A. S. 
Ben. II, 299 ff) und der Mauriner (Histoire litteraire de la 
France III, 613 — 15) über diesen Gegenstand nicht mehr ge- 
nügen. Wir besitzen drei Lebensbeschreibungen des Furseus und 
den Bericht des Beda. — Die erste dieser Viten (A) ist bei den 
Bollandisten (A. S. Jan. II, 399 ff) und dann von Mabillon unter 
Vergleichung neuer wertvoller Manuskripte herausgegeben (A. 
8. B. n, 299—315). Diese Vita (A) zerfallt in zwei Teile, 
von denen der erste die Visionen des Furseus, der zweite die 
Miracula von den Bollandisten betitelt ist In Wirklichkeit liegen 
uns aber in den beiden Teilen der Vita (A) zwei selbständige, 
von verschiedenen Verfassern und aus verschiedenen Zeiten stam- 
mende Viten vor. Weder die Bollandisten noch die Mauriner 
haben diesen Sachverbalt erkannt, und Mabillon wagt nur ganz 
schüchtern seinen Zweifel an der Einheitlichkeit der Vita A zu 



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GRÜTZMACHER, DIE VITEN DES HEILIGEN FURSEUS. 191 

äufsern (A. S.B.II, 299): an über Miracnlorum, qui in plerisque 
codd. M88. primariae isti scriptioni subjicitur, eundem habet auc- 
torem, certo definire non ansim, cum nonnallas res in Vita iam 
memoratas repetat. Dafs wir es aber mit zwei verschiedenen 
Werken in dem ersten (Ai) und zweiten Teile (As) der genannten 
Vita zu thun haben, erhellt aus folgenden Gründen: Ai hat einen 
Schlufs, der keine Fortsetzung mehr erwarten läfst; As giebt sich 
auch nicht als Fortsetzung zu Ai , sondern erzählt das Leben des 
Fursens von Anfang an, allerdings mit genauerer Berücksichtigung 
seines Aufenthaltes im Frankenreich; zahlreiche Doubletten, die 
schon Mabillon (s. oben) bemerkt hat, finden sich in den beiden 
Teilen der Vita A; ferner hat Beda nur Ai gekannt, da er ans 
A2 nichts berichtet; endlich sind eine Reihe von Widersprüchen 
und Differenzen zwischen Ai und As vorhanden. Nach Ai 
(Mabillon IT, 300, § 1) ist Fursens nobilis quidem genere, sed 
nobilior fide, nach As (A. S. Jan. II, 408, § 1) Furseus, cum 
esset regali ex semine (nicht regimine, wie Mabillon liest (II, 
309, § 1); nach Ai erbaut Furseus in Ostanglien ein mona- 
sterium in quodam Castro constructum (Mabillon II, 308 § 33), 
nach As (Mabillon 310, § 2) construxit monasteria et ecclesias 
cum sanctis pignoribus dedicavit; nach Ai verläfst Furseus Ost- 
anglien wegen der heidnischen Einfalle und begiebt sich nach 
Frankreich ad Galiamm litora dimissis ordinatisque Omnibus navi- 
gaverit (Mabillon II, 308, § 35), nach As wünscht Furseus eine 
Bomfahrt zu unternehmen und bittet den König Sigbert von Ost- 
anglien offiziell um seine Erlaubnis dazu (Mabillon II, 310, § 3): 
Angelo admonente petiit a Rege sibi licentiam dari in Romaniam 
transmeare, ubi piis precibus ad limina S. Petri et Pauli et 
ceterorum Sanctorum orationibus vacaret. Die aufgezählten Fälle 
werden genügen, um zu zeigen, dafs uns in Ai und As zwei 
- verschiedene Viten des Furseus ans verschiedenen Zeiten vor- 
liegen. 

Es kann nun keinem Zweifel unterliegen, dafs Ai die älteste 
Lebensbeschreibung des Heiligen ist, die wir besitzen. Sie lag 
bereits dem Beda vor, als er 731 seine Kirchengeschichte ab- 
fafste. Er beruft sich für seine Darstellung ausdrücklich auf 
einen libellns, der vom heiligen Furseus und seinen Genossen 
handelte: Hist eccl. III, 19 (ed. Holder S. 136) quae cuncta in 
libello eins sufficientius sed et de aliis commilitonibus ipsius, 
qnisque legerit, inveniet. Der Ausdruck Bedas, dafs der von ihm 
benutzte Libellns auch Nachrichten über seine Genossen enthalten 
habe, ist von den Bollandisten dahin aufgefafst worden, dafs sie 
die uns vorliegende Vita A für unvollständig hielten, da sie nichts 
von seinen Genossen berichte (A. S. Jan. II, 400). Doch be- 
steht die Annahme der Bollandisten kaum zu Recht; die Worte 



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192 



ANALEKTEN. 



des Beda de aliis commilitonibus dürfen nicht so geprefst werden, 
zumal doch die Vita Ai über die Brüder des Forseas, Foillan 
und Ultan einiges berichtet hat, woraus sich der Ausdruck Bedas 
zur Genüge erklärt. Aufser dem libellus d. b. der Vita Ai hat 
auch Beda keine anderen schriftlichen Qnellen über das Leben des 
heiligen Furseus benutzt. Dagegen hat er wenigstens noch an 
einer Stelle seines Berichts einen Zeugen der mündlichen Tradi- 
tion über die Visionen des Furseus namhaft gemacht (Beda, Hist. 
eccl. III, 19 ed. Holder S. 135: superest adhuc frater quidam 
senior monasterii nostri, qui narrare solet diiisse sibi quendam 
multum veracem et religiosum, quud ipsum Furseum viderit in 
provincia Orientalium Anglorum illasque visiones ex ipsius ore 
audierit; adiciens, quia tempus hiemis fuerit acerrimum et glacie 
constrictum, cum sedens in tenui veste vir ita inter dicendum 
propter magnitudinen memorati timoris vel suavitatis quasi in 
mediae aestatis caumate sudavetit. Mit Ausnahme dieser Anek- 
dote, die Beda der mündlichen Tradition verdankt, ruht der Be- 
richt des Beda, wie eine Vergleichung ergiebt, vollkommen auf 
der Vita A t . Nur hat Beda den Libellus stark verkürzt wieder- 
gegeben und auch manche stilistische Verbesserung an der zwar 
nicht schlecht, aber doch bisweilen unbeholfen geschriebenen Vita 
vorgenommen. Durch dieses Abhängigkeitsverhältnis des Beda 
von Ai wird der Bericht des Beda auch ein nicht unwichtiges 
Mittel, um über die differenten Lesarten der verschiedenen 
Manuskripte der Vita Ai eine Entscheidung zu treffen. An 
einigen Stellen seines Berichtes hat aber Beda, wie man leicht 
erkennt, einige Namen, die ihm, aber nicht dem Verfasser der 
Vita Ai bekannt waren, hinzugefügt Während der Verfasser 
von Ai den Namen des in Ostanglien von Furseus gegründeten 
Klosters nicht kennt (Mabillon S. 308, § 33 monasterium in 
quodam Castro construetum) , fügte ihn Beda hinzu (ed. Holder 
S. 133 in Castro quodam, quod lingua Anglorum Cnobheresburg id est 
urbs Cnobheri vocatur), auch die Namen der beiden Presbyter, denen 
Furseus nach seinem Weggang neben seinem Bruder Foillan die 
Leitung dieses Klosters übertrug, finden wir nur bei Beda angegeben 
(ed. Holder, S. 136 reliquit monasterii et animarum curam fratri 
suo Fullano et presbyteris Qobbano et Dicullo). Diese Zusätze 
Bedas sind übrigens später in den Text der jüngeren Manuskripte 
der Vita A gedrungen (s. A. S. Jan. II, 400 ff.), während Ma- 
billon A. S. B. II, 299ff.) sie mit Recht in die Vita Ai auf Grund 
der ältesten Manuskripte nicht aufgenommen hat \ Außerdem 



1) Eine merkwürdige Differenz findet sich zwischen der Angabe 
des Beda (III, 13), dafs der Körper des Furseus in der Säulenhalle der 
neuerbauten Kirche zu Perrone aufbewahrt sei, bis diese Kirche post 



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GKÜTZMACHEK, DIE VITEN DES HEILIGEN PURSEUS. 193 

finden sich noch eine ganze Zahl von Interpolationen in den 
jüngeren Manuskripten der Vita Ai, auf denen die Edition der 
Bollandisten ruht, die durch Bedas Bericht als solche erkennbar 
sind, und von Mabillon in seiner Ausgabe nicht aufgenommen 
sind. Diese Interpolationen, die aus der Vita A? stammen, wurden 
gemacht, um die Differenzen und Widersprüche zwischen beiden 
Viten At und Aj auszugleichen, so ist z. B. der Todestag des 

b. Funsus und der Ort, an dem er starb, aus Aa in die jüngeren 
Manuskripte von Ai eingetragen worden (At Mabillon II, 308, 
§ 35 sie praesentia relinquens ad aeterna commigravit regna; 
Beda, Hist eccl. III, 19 ed. Holder S. 136 infirmitate correptus 
diem claosit ultimum; A2 (Mabillon II, 312, § 11) veniens in 
praedictam traditionem Haimonis Ducis yocabulo Macerias ad 
aeterna migravit regna). 

Die Abfassungszeit der Vita Ai ist dadurch bestimmt, dafs 
sie vor der Eirchengeschichte Bedas im Jahre 731 und nach 
der Translation des Furseus in die gröfsere Basilika zu Perrone 

c. 658 abgefafst sein mufs. Eine nähere Fixierung ist nicht 
mOglich, wahrscheinlich gehört sie noch dem Ende des 7. Jahr- 
hunderts an. Ibr Abfassungsort ist wahrscheinlich das Franken- 
reich, und ihr Verfasser ein Mönch der von Furseus gegründeten 
Abtei Lagny bei Paris. Diese Annahme scheint dadurch ge- 
boten, dafs der Verfasser der Vita At von dem irischen Lebens- 
abschnitte des Heiligen nur wenig berichtet, insonderheit nicht 
die örtlichkeiten, an denen sich Furseus aufhielt, näher zu be- 
zeichnen weifs, auch bei der Wirksamkeit des Furseus in Ost- 
anglien vermissen wir genauere Angaben über den Namen des 
von ihm gegründeten Klosters, während er über die Wirkungs- 
stätte des Furseus in Frankreich, das Kloster Lagny, sowie Über 
die mit ihm in Frankreich in Beziehung getretenen Männer, wie 
<leu König Chlodwig II , den Majordomus Erchenbald, die Bischöfe 
Eligius von Noyon und Autbert von Cambrai Auskunft giebt 
Der Quellenwert der Vita At ist entsprechend ihrer Abfassungs- 
zeit und ihrem Charakter ein grofser, sie zeigt sich von keiner 
anderen Tendenz beherrscht als der barmlosen, den Heiligen als 
grofsen Wundertbäter und Visionär hinzustellen, berichtet aber im 
ganzen schlicht und wahrheitsgetreu. Ihr Stil ist klarer und 
besser als der anderer Schriftstücke ihrer Zeit (Hist Litter. III, 613). 



dies viginti Septem geweiht worden wäre, und der Vita A t , wonach 
dreifsig Tage bis zur Weihe vergingen (Mabillon II, 309, § 36) intra 
triginta dies paratur. Die Angabe des Beda, die nicht mit der Vita A t 
übereinstimmt, stammt wahrscheinlich daher, dafs in England ein an- 
derer Tag als Gedenkfest des Heiligen gefeiert wurde als in Frank- 
reich. 



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194 



AXALEKTEN. 



Was die Vita A2, die Miracula S. Fursei betrifft, so ist sie- 
fraglos später als At und, da Beda sie nicht kennt , nach 731 
abgefafst. Sie giebt bereits einen weit legendarischeren Bericht 
Ober Furseus als Ai, aus dem vornehmen Iren ist ein Sprofs ans 
königlichem Geschlecht geworden (s. oben), die wunderbaren Thaten 
des Furseus sind bedeutend vermehrt; von der gröfsten Wichtig« 
keit ist aber die von Ai völlig abweichende Motivierung, die die 
Vita A2 für den Aufbruch des Furseus von England giebt. In 
A 1 waren es die Einfalle der Heiden, die Furseus zur Flucht ins 
Frankenreich zwangen (Mabillon II, 308, § 35), nach Ai 
bittet Furseus den König Sigbert, ihm eine Wallfahrt nach Rom 
zu gestatten (Mabillon II, 310, § 3). Dieser Zusatz verrät aber 
eine ganz bestimmte Tendenz, der iro-schottische Missionar und 
Klostergründer sollte dadnrch als treuer Sohn des Papstes und 
Verehrer der heiligen Stätten Roms, der Gräber des b. Petrus und 
Paulus dargestellt werden. Der Verfasser dieser Biographie des 
Furseus wollte die in Ai vollständig fehlenden Beziehungen des 
Heiligen zu Rom, die zur Zeit, in der er schrieb, als anstöfsig 
empfunden wurden, durch die dem Furseus angedichtete Absicht 
einer Romfahrt einigermafsen ersetzen und so den Heiligen seiner 
Zeit empfehlen. Diese Vita A2 stammt also sicher aus einer 
Zeit, in der die Beziehungen der fränkischen Kirche zu Rom 
innigere geworden waren. Da sie nach 731 geschrieben ist, so 
werden wir sie am wahrscheinlichsten um die Mitte oder Ende des 
8. Jahrhunderts entstanden sein denken. Damals war auch in allen 
französischen Klöstern die Regel Benedikts von Nursia die allein 
herrschende geworden, und diese Zustände scheint der Verfasser von 
A2 vorauszusetzen, wenn er von Furseus berichtet, dafs er in 
Ostanglien Klöster gründete und Mönche und Nonnen cum cura 
regulari ad serviendum Domino constituit (Mabillon II, 310, § 2). 
Dafs aber die Vita A2 im Frankenruich entstanden ist, geht 
daraus mit Sicherheit hervor, dafs der Verfasser sich auf die 
durch ganz Gallien verbreitete mündliche Tradition beruft (Ma- 
billon II, 311, § 7: illud, quod superius memoravimus, quotidie 
per totam Galliam divulgabatur) ; ferner weisen die zahlreichen 
genauen Angaben von örtlichkeiten, und Personen , die sich nur 
auf das Frankenreich beziehen (§4. 7. 11. 14 etc.), daraufhin, 
dafs der Schreiber der Vita ein französischer Mönch war. Trotz- 
dom diese Vita A2 nun als Geschichtsquelle einmal der späten 
Abfassungszeit, anderseits der tendenziösen Bearbeitung des Lebens 
des Furseus halber der Vita Ai nicht gleichwertig ist, so wäre 
es doch falsch, ihr überhaupt keinen Wert zuerkennen zu wollen. 
Eine ganze Reihe nicht unwichtiger Angaben über Stätten , an 
denen Furseus in Frankreich gewirkt hat, und Persönlichkeiten, 
zu denen er Beziehungen gehabt hat (§ 4. 7. 14) sind uns nur 



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GRÜTZMACHER, DIE VI TEN DES HEILIGEN FÜRSEUS. 195 

durch A2 vermittelt Der Ort Macerias, an dem Furseus ge- 
storben (§ 4 u. 11), die Nachricht, dafs der h. Bischof Eligius 
von Noyon, der als Baumeister einen berühmten Namen hat, das 
Mausoleum des Furseus in der Basilika zu Perrone verfertigte (§ 21), 
der Streit des Majordom us Erchenbald um die kostbaren Reliquien 
des Heiligen, die ihm erst der dux Haymo vou Macerias und 
später der dux Bercharius von Laon streitig machten (§ 14) etc., 
sind uns nur in A2 überliefert, und ihre Geschichtlichkeit kann 
kaum bezweifelt werden. 

Die zweite der Viten des h. Furseus (B) ist bisher nicht 
selbständig, sondern nur von Mabillon (A. S. Ben. II, 299 — 315) 
in den Anmerkungen zu der Vita Ai abgedruckt worden. Eine 
selbständige Edition ist auch nicht nötig, da sie vollständig von 
dem Verfasser der Vita C (s. unten) in seinem Werke verar- 
beitet ist. Diese Vita B zerfallt in zwei Teile, die den beiden 
Viten Ai und A2 entsprechen. Das Urteil über den Wert dieser 
Vita B kann nicht zweifelhaft sein, und schon Mabillon nnd die 
Mauriner haben sie für wertlos gehalten. Der Verfasser von 
B kannte At und A2 und hat nur noch die unglaublichsten 
Wunder hinzu erfunden, wie z. B. die Erzählung, nach der der 
Heilige seinen Grofsvater aus dem Mutterleibe bedroht habe 
(A. S. Jan. II, 409, § 7) oder seine Mutter den ihr bereiteten 
Scheiterhaufen durch ihre Thränen ausgelöscht habe (§ 8) etc. 
Auch wo diese Vita B scheinbar genauere Ortsangaben wie über 
das irische Kloster des Furseus bietet (§ 3) oder den Furseus 
in Irland die Bischofswürde erlangen läfst (§ 3), haben wir es 
nur mit wertlosen, unkontrollierbaren Kombinationen und Weiter- 
bildungen des von Ai und A2 berichteten zu thun. Es zeigt 
sich dies besonders charakteristisch daran, dafs die Nachricht 
von A2, Furseus stamme aus königlichem Geschlecht, dahin fort- 
gesetzt worden ist, dafs die Vita B einen ausgedehnten könig- 
lichen Stammbaum des Furseus zusammengestellt hat (§ 1), und 
dafs die in A2 dem Furseus untergeschobene Absicht einer Bom- 
reise in B bereits ausgeführt erscheint. In B wird dem iro- 
schottischen Missionar Furseus sogar eine begeisterte Lobrede 
auf das ewige Born und den weltbeherrschenden Papst in den 
Mund gelegt (A. S. Jan. II, 414, Hb. II, 6), und Furseus 
mit dem Segen des Papstes zu seiner weiteren Mission entlassen 
(üb. II, 7). In dieser späten Vita ist also die Tendenz, den 
Klosterstifter Furseus zu einem devoten Verehrer des römischen 
Papstes zu machen, noch unverhüllter als in A2 zum Ausdruck 
gekommen. Näheres läfst sich über die Abfassungszeit — der 
Abfassungsort wird wohl Frankreich sein — nicht aussagen, 
jedenfalls ist sie völlig wertlos für die Geschichte des Furseus. 

Die dritte Vita (C) ist von Jacob Desmay, Vie de S. Fursy 1607 



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196 



ANALEKTEN. 



und bei den Bollandisten (A. S. Jan. II, 408 ff.) mit geringen 
unwichtigen Abweichungen gedruckt Sie ist, wie schon oben 
bemerkt wurde, nichts als eine Zusammenarbeitung der Vita A 
und B, auf die der Epilog ausdrucklich hinweist (A. S. Jan. II, 
417) Epilogus: elimatis, carissime frater, vita et miraculis egregii 
confessori8 Fursei secundum quattuor schedulas (d. h. die ?ier 
Bücher der Vita A und B) notari volumus. Die Bollandisten 
haben sie als anonyme Vita ediert, während Mabillon sie auf 
Grund eines Manuskriptes für das Werk des Abtes Arnulf von 
Lagny aus dem Ende des 11. Jahrhunderts hält (A. S. B. II, 299). 



3. 

Hartmuth von Cronberg als Interpolator 
des von Luther an ihn gerichteten 

Missives. 

Von 

Dr. Eduard Kück in Rostock. 



In einer „Verraahnung an die Drucker" erbebt Luther 1525 
schwere Vorwürfe gegen die Buchdrucker, die seine Schriften beim 
Nachdruck so zurichteten, dafs er „seine eigenen Bücher", wenn sie 
zu ihm zurückkämen, „nicht kennte": „da ist etwas aufsen, da ist's 
versetzt, da gefälscht, da nicht korrigiert". Doch nicht nur der 
Unverstand und die Nachlässigkeit der Drucker spielten ihm so 
mit; bereits 1522 hatte, wie diese Ausführungen darlegen sollen, 
sogar einer seiner begeistertsten Anhänger eine Schrift von ihm 
interpoliert und zwar so rücksichtslos- ungeschickt, dafs Luther 
manche Unannehmlichkeiten daraus erwuchsen. 

Es handelt sich um Luthers Missiv an Hartmuth von Cron- 
berg (Erl. 53, 120 f.)* jenen im Taunus ansässigen Beichsritter, 
der schon damals mit mehreren Schriften als überzeugter An- 
hänger Luthers aufgetreten war und bald durch eine intensive publi- 
zistische Thätigkeit und als das Opfer schwerer Schicksalsschläge 
das Interesse weiter Kreise wachrufen sollte. Luther sandte den 



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KÜCK, HAKTMUTH VON CRONBERG. 



197 



Brief beim Verlassen der Wartburg dem Ritter zu; dieser liefs 
ihn zusammen mit seiner Antwort vom 14. April und der 
— Übrigens in keinem Zusammenhang mit den beiden andern 
'Schriften stehenden — „Bestallung" bei Wolfgang Köpfel in 
Strafsburg drucken. Von den bekannten und bei Enders (III, 
Nr. 494) aufgezahlten Drucken scheint der Urdruck (2!!) im 
letzten Viertel des Jahres erschienen zu sein, die drei anderen 
Ausgaben sind unmittelbare Nachdrucke der Originalausgabe : der 
bislang unbekannte Drucker von 1 dürfte, nach dem Titelholz- 
schnitt (= v. Dommer, Lutherdrucke, S. 269, Ornam. 160 Ab- 
satz) zu schliefsen, Melchior Ramminger in Augsburg sein, der von 
Ausgabe 4 ist J. Gronenberg in Wittenberg \ 3 bietet eine 
zweite Ausgabe Köpfeis. 

Es ist begreiflich, wenn diesem zweiten Köpfeischen Druck 
bislang keine Bedeutung beigeregt worden ist, aber gerade er 
lichtet das Dunkel, das nach mehreren Seiten bis heute aber dem 
Verhältnis des Herzogs Georg von Sachsen zu Luther Ende 1522 
und Anfang 1523 liegt 

Nachdem Luther im Laufe der Schrift im allgemeinen die 
Vertreter der strohernen und papierenen Tyrannei gegeifselt hat, 
fahrt er (a3 b des Original drucks) fort: „Der eyner ist furnem- 
lich die wasser blase. N. trotzt dem byinmel mitt yrem hohenn 
bauch, vnnd hat dem Ewangelio entsagt, hats auch im synn, er 
wöll Christum fressen, wie der wolff eyn mucken, lasst sich auch 
duncken er hab im schon nicht eyn kleyne schramme in den 
lincken sporen gebissen, vnd tobet eynher für allen andern." 
Man meint nun, dafs Herzog Georg „diese Stelle auf sich bezog, 
wie sie ihm denn auch galt" (Enders a. a. 0., Anm. 6, vgl. auch 
de Wotte-Seidem. VI, S. 529, Anm. 3; 8eidemann, Erlaute- 
rungen, 8. 60). 

Date die Sache sich so nicht verhalten kann, macht schon 
ein Brief Georgs an seinen damals in Nürnberg weilenden Rat 
v. Werthern wahrscheinlich (abgedr. bei M ende, Fr. v. Sickingen, 
Progr. d. Annen-Realsch. in Dresden 1863, S. 68). Aus diesem 
geht hervor, dafs dem Herzog durch den genannten Rat im Auf- 



1) Diese Ausgabe ist wegen ihres Druckortes vorzugsweise den 
späteren Neudrucken zugrunde gelegt worden. Nach den obigen Dar- 
legungen ist dieses unzulässig, aber immerhin kommt aus einem an- 
deren Grunde der Ausgabe eine gewisse Bedeutung zu. Gerade sie zeigt 
und bezeichnenderweise nur im ersten Teile, dem Sendschreiben Luthers 
an Cronberg, eine Reihe bemerkenswerter Varianten; die Vermutung 
liegt ja nahe, dafs Luther selbst es war, der vor dem Kachdruck diesen 
Teil des Buches einer Durchsicht unterzog, anderseits aber — und das 
halte ich für durchschlagend — stellt er später Albrecht von Mansfeld 
gegenüber (Enders IV, 626, an der hernach zu citierenden Stelle) jede 
Beteiligung seinerseits an Veröffentlichungen der Schrift in Abrede. 



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198 



ANALEKTEX. 



trage de 8 Komturs von Koblenz ein Druck des Miasives zu- 
geschickt worden war; er läfst dem Komtur Dank sagen und be- 
merkt, er werde zunächst in der Angelegenheit an Luther schreiben 
(was um 30 /XII. geschah). Es ist nun von vornherein wenig 
wahrscheinlich, dafs der Komtur, der sich den Dank des Herzogs 
verdienen wollte, ein Exemplar gesandt haben sollte, in dem 
in der nur andeutenden Weise (die Wasserblase K.) vom Herzog 
gesprochen wurde. In diesem Falle hatte er doch eine recht 
undankbare Aufgabe aof sich genommen 1 

Die Lösung des Problems giebt der zweite Köpfeische Druck, 
in dem die Stelle folgendermafsen lautet: „Der eyner ist für- 
nemlich die wasser blase Hertzog Jörg zu Sachsen, trotzt" etc. 
Also ein Exemplar der zweiten Köpfel sehen Ausgabe ist dem 
Herzog flbersandt worden. Jetzt versteht man auch, wie er in 
seinem Begleitschreiben zu der - Luther übersandten Kopie der 
Schrift (vom 30./XII. 1522, Enders IV, 603) dazu kommt, Luther 
zu fragen, ob er eine Schrift des Lautes geschrieben und ver- 
öffentlicht hätte, in deren fünftem Artikel er „sonderlich mit 
Namen benannt" sei *. Jetzt fällt auch Licht auf den Brief des 
Grafen Albrecht v. Mansfeld (vom 24./II. 1523, Enders IV, 626), 
der nach Bücksprache mit Luther dem Herzog schreibt: „Aus 
dem (aus den angeführten Gründen) hat er solche Schrift an 
Hartman von Cronberk ausgehen lassen, vnd moebt sein, dafs die 
daufsen zu Lande gedrucket worden, vielleicht auch zu Witten- 
berk; ab aber in dem (den?) allen E. F. G. ader zum Theil (!!!) 
mit Namen stunde, wäre ihme ans dem er solhs nicht be- 
stellet, auch nicht gesehen, unbewufst" 8 . Dafs Herzog Georg ein 
seinen Namen ausdrücklich nennendes Exemplar hatte, geht auch aus 

1) Nach Georgs Brief (bei Enders) bat der Anfang des fünften 
Abschnittes gelautet „Solche Freude und Freudigkeit", während in dem 
Drucke steht „Solliche freiide vnd freydickeyt". Aber Seidemann (Er- 
l&ut. 62), der das Originalkonzept abgedruckt hat und auf den Enders 
hier zurückgeht, hat: „Solche frewde vnd freydigkeyt". Die kleiuen 
dann noch bleibenden Verschiedenheiten können nicht ins Gewicht fallen; 
dem Herzog kam es nicht darauf an, eine buchstabengetreue Abschrift 
vom Anfang des betreffenden Absatzes zu geben, als darauf, diesen 
selbst zu bezeichnen. Übrigens zeigt der Originaldruck dieselben Worte 
wie 3, der Wittenberger „Solliche freude vnnd freydikcytt", der Aujrs- 
burger beginnt bei diesen Worten gar keinen neuen Absatz, ist also 
von vornherein ausgeschlossen. 

2) Die Angelegenheit im Zusammenhange zu verfolgen, liegt hier 
dem Verfasser fern; aufser den genannten Briefen würden dafür in Be- 
tracht kommen 609, 611, 637, aufserdein die von Seidemann, Er- 
läuter., S. 63 — 79 gedruckte oder doch dem Inhalt nach angegebene 
Korrespondenz (besonders zwischen Herzog Georg und dem Kurfürsten 
von Sachsen). Noch 1625 ist der Zorn des Herzogs nicht verraucht 
(Enders V, 1011). 



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• 

KÜCK, HARTMUTH VON CRONBERO. 



199 



seinem Brief an den Kurfürsten von Sachsen (vom 21. /III. 1523, 
Seidem., Erläut, S. 67, Nr. 11) hervor, worin er über ein neues 
Buch Luthers („von weltlicher Obrigkeit") folgendermaßen klagt: 
„In welchem wyr (zwar) nicht mit namen benant, Wir seynn aber 
mit solchen Wortten dargeben, vnnd angerurt das menniglich ßo 
zcuvornn den Bryff an Hartman von Cronberg geleßen darauß ver- 
stehen vnnd vormercken kan, Das solch schreyben vornemlich 
vnnß zcn vordryß . . . bescheen" 1 . 

Noch eine zweite Stelle des Sendschreibens ist interpoliert 
worden, nnd zwar richtet sich dort die Spitze gegen den Kur- 
fürsten von Sachsen. Im Originaldruck fährt Luther nach Er- 
wähnung der durch die Wiedertäufer in Wittenberg hervor- 
gerufenen Unruhen fort (a4 B ): „Wol an ich dencke ob nicht 
Sollichs auch geschehe zur strafe etlicher meiner f&rnemstenn 
gynnern, vnd myr. Meinen gynnern darumb, dan wye wol sy 
glauben Christus, sey vfferstanden, tappent sie doch noch mit 
Magdalena im garten nach Jm, vnd er ist ynen noch nicht auf- 
gefaren zum vatter. Mich aber* etc. Daraus bat die zweite 
Ausgabe gemacht: „. . . . zur strafe, beyde dem Churfflrsten 
vnd myr, dem Churfflrsten darummb, dann wye wol er 
glaubt Christus, sey aufferBtanden , tappet er doch noch mitt 
Magdalenam im gartten nach ym, vnnd er ist ym noch nicht 
anfgefaren zum vatter. Mich aber etc. ..." Es befremdet, dafs 
der Herzog, wenn er wirklich die interpolierte Ausgabe in Händen 
gehabt hat, in seinem Beschwerdebrief an den Kurfürsten (vom 
17./I. 1523, gedr. bei 8eidemann, Erl., S. 63) nicht auch aus 
dieser Äußerung Luther einen Strick dreht. Hatte er sie selbst 
nicht gelesen? Hielt er sie nicht für verfänglich genug, um 
auch auf sie seine Anklage zu stützen? Rechnete er mit dem 
psychologischen Faktor, dafs die Stelle, wenn der Korfürst bei 
der Lektüre der Abschrift unvorbereitet auf sie stiefoe, einen noch 
grüberen Eindruck machen würde? Wollte er sein Pulver nicht 
auf einmal verschiefsen ? Leider giebt Seidemann von den fol- 
genden Schreiben Georgs an den Kurfürsten in derselben An- 
gelegenheit nur eine knappe Inhaltsangabe, von einer Bezug- 
nahme auf die erwähnte Stelle findet sich in dem Mitgeteilten 
nirgends eine Andeutang. Somit bleibt hier vorläufig ein Non 



1) Nach dem Abschlufs des Aufsatzes finde ich bei Köstlin 
(Luther 1, 630) die beiläufige Notiz, in einer anderen Ausgabe [als der 
Wittenberger] hätte auch Georgs Name gestanden. Offenbar ist Köstlin 
durch die oben citierten Briefstellen zu dieser Auffassung gelangt Den 
Druck selbst scheint er nicht gesehen zu haben. Näher ist weder er 
noch ein anderer auf diesen Punkt eingegangen. Vgl. auch Kol de, 
Luther II, 6. 



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200 



AN ALERTEN. 



liquet, ohne dafs hierdurch die obige Behauptung betreffs des 
vom Herzog benutzten Druckes hinfällig würde. 

Noch eine zweite, aber ziemlich belanglose Schwierigkeit ent- 
steht. Nachdem der Herzog in dem oben citierten Brief seinem 
Rat den Auftrag gegeben hat, die Bücher aufzukaufen 1 und zu 
erkunden, wo sie gedruckt wären und wer sie zu drucken be- 
stellt hätte, fügt er hinzu, er werde auch eine Beschwerde an die 
Herren von Nürnberg schicken, „dann vnns bedunckt, die littera 
sey zu Nuremberg gedruckt, vnnd so jr den beslus des Reychs- 
tags zu Wunnes kegen dem Truck besehet wirdt es fast eyn 
littera sein." Offenbar hat der Herzog eine der offiziellen, auf 
den Reichstag zn Worms bezüglichen Veröffentlichungen (Weller, 
1675 — 1682) im Ange, aber ein Köpfelscher Druck ist bisher 
nicht bekannt geworden. Widerstreitet das der Hypothese, dafs 
er einen Druck der z w e i t e n Köpfeischen Ausgabe besessen habe ? 
Antwort: Die Schwierigkeit bleibt natürlich auch bestehen bei 
der Annahme, dafs es ein Exemplar der ersten Köpfeischen 
Ausgabe gewesen, auch der Grunenbergschen (denn auch ein 
Grunenberg8cber Nachdruck des oben erwähnten Buches ist un- 
bekannt); dafs der Rammingersche Druck überhaupt nicht in 
Frage kommen kann, wurde schon S. 198, Anm. 1 betont. 
Höchst wahrscheinlich war die typographische Beobachtung des 
Herzogs falsch. Er wird den „beslus des Reychstags zu Wurmbs" 
in einem (möglicherweise) zu Nürnberg gedruckten Exemplar be- 
sessen haben, dessen Typen mit den (übrigens wenig charakteristi- 
schen) Köpfeischen eine gewisse Verwandtschaft zeigten. Die 
Sabskription „Getruckt zum Steinburck . . . W. C." [= Wolf- 
gangus Cephalaeus = Wolfgang Köpfelj war ihm wohl nicht 
verständlich. Zu der Annahme, dafs es noch einen fünften 
Druck der Flugschrift gegeben habe, der aus der zweiten Auf- 
lage Köpfeis — möglicherweise in Nürnberg — abgedruckt sei, 
braucht man nach meiner Ansicht nicht einmal zu greifen. 

Schließlich über die Frage, wann die Köpfeischen Drucke 
erschienen sind, eine kurze Erörterung, wobei zugleich die Inter- 
polationen in eine noch andere Beleuchtung zu rücken sein wer- 
den. Baum (Capito & Butzer 202), der nur eine Köpfeische 
Ausgabe kennt, läfst diese erst 1523, und zwar nach der Er- 
neuerung des Magistrats (13./I.) erschienen sein. Dieser Ansatz 
ist unrichtig, da Herzog Georgs Brief an Luther (vom 30./XII. 1522) 
schon die beiden Köpfeischen Ausgaben voraussetzt und Luthers 
Antwort an Georg (vom 3./I. 1523) bereits von dem Wittenberger 



1) Ob es dieser Mafsregel gelungen ist, die betreffende Auflage 
mehr oder weniger zu vernichten, weifs ich nicht anzugeben; das von 
mir benutzte Exemplar gehört der hiesigen Universitätsbibliothek. 



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KÜCK, HARTMÜTH VON CRONBERG. 201 

Druck spricht. Herzog Georg wird sein Exemplar der zweiten 
Ausgabe in den letzten Tagen des Dezembers erhalten haben» 
somit mufs diese Ausgabe spätestens etwa Mitte des Monats die 
Presse verlassen haben, ein terminus post quem ist nicht 
zu ermitteln. Wohl aber ist nachweisbar, dafs die zweite Auf- 
lage der ersten schnell gefolgt sein mufs, denn die Bogen a 
(er enthält die obigen Interpolationen) und b der zweiten Auf- 
lage zeigen zwar einen neuen Satz 1 , der von c aber ist stehen 
geblieben. Sicher hat also Cronberg, bevor der dritte Bogen der 
ersten Auflage fertiggedruckt war, dem Verleger den Wunsch nach 
einer zweiten Auflage mit den oben behandelten Änderungen zu 
erkennen gegeben. 

Es wäre interessant, zu wissen, wann diese Änderungen der 
Druckerei übermittelt worden sind. Doch wir sind hier ebenso 
wie hinsichtlich des Beweggrundes der Änderungen lediglich auf 
Vermutungen angewiesen. In rücksichtsloser Weise wird von Lu- 
thers nur angedeutetem Tadel der Schleier fortgezogen: mit aus- 
drücklicher Namensnennung werden Herzog Georg als ein trotziger Be- 
kämpf er und der Kurfürst als ein lauer Freund der reformatorischen 
Bewegung vor dem Publikum gegeifselt. Dafs dies Vorgehen der 
Sache Luthers mehr schaden als nützen mufste, liegt auf der 
Hand, und die Folge zeigte es ebenfalls. Aber gerade der in 
diesem Vorgehen sich bekundende wenig geschärfte politische 
Blick ist für Cronberg bezeichnend; kein Zweifel, dafs wir in ihm 
selbst den Urheber jener Änderungen zu sehen haben, wie es 
denn auch an sich wenig wahrscheinlich ist, dafs irgend ein an- 
derer so einschneidend in der Druckerei, aus der wahrscheinlich 
der Originaldruck noch nicht einmal hervorgegangen war, die Ge- 
staltung des Textes beeinflufst haben sollte. 

Was mag nun in Cronberg den Entschlufs, in so kecker 
Weise gegen die beiden Fürsten vorzugehen, zur Beife gebracht 
haben. Sollte ihm die Erkenntnis, wer mit der Wasserblase N. 
gemeint sei, erst nachträglich, als die erste Auflage nahezu 



1) Die Seitenfüllung stimmt überein, aber der doppelte Satz geht 
deutlich aus den an gleichen Stellen verwandten verschiedenen 
Formen der Minuskel b hervor; c dagegen zeigt in dieser wie in an- 
derer Hinsicht (schiefstehenden und abgenutzten Lettern!) durchgängige 
Übereinstimmung. Die Frage, wann Cronberg die Manuskripte für die 
erste Drucklegung in die Druckerei befördert hat, braucht uns hier 
nicht zu beschäftigen. Auf Grund einer Stelle in einem Briefe Luthers 
an Spalatin (Enders III, 640) vermute ich, dafs er mit der Absicht, 
Küpfel die Schriften zuzusenden, sich schon in der Mitte des Jahres 
getragen hat. In meiner Ausgabe Cronbergs werde ich ausführlicher 
auf die Angelegenheit zurückkommen. Es scheint, dafs Cronberg die 
Absicht nicht sofort ausgeführt oder doch die Drucklegung sich monate- 
lang hingezögert hat. 



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202 



ANALEKTEN. 



fertig gedruckt war, gekommen eein, und diese Erkenntnis ihn zu 
den nachträglichen Änderungen veranlagt haben? Wenig wahr- 
scheinlich: hatte er doch, wenn es überhaupt notig war, seit dem 
März (man denke an seinen Verkehr auf der Ebernburg!) Ge- 
legenheit genug gehabt, sich Aufklärung zu ▼erschaffen *. Näher 
scheint Folgendes zu liegen: In der Mitte des Oktobers war 
Cronberg durch den Landgrafen von Hessen, den Kurfürsten von 
der Pfalz und den Erzbischof Bichard von Trier aus Cronberg 
vertrieben und zum heimatlosen Flüchtling gemacht, kurz darauf 
hatten eine Reihe anderer Anhänger Sickingens den starken Arm 
derselben Fürsten gefühlt; schon vorher war Sickingens Zug gegen 
Trier, in dem Cronberg den Versuch sah, „dem Evangelium eine 
Öffnung zu machen", unglücklich verlaufen. Hatte er schon im 
September in dem Erzbischof von Trier einen Mann gesehen, der 
„das Wort Gottes nach menschlichem Vermögen auf das hätreste 
beschliefse" (Seckend. I, 226*), wie viel stärker noch mufsten 
die Ereignisse der nächsten Wochen die Oberzeugung in ihm 
festigen, dafs die fürstliche Gewalt den Beformationsbestrebungen 
immer bedrohlicher würde. Bei dieser Erkenntnis nun in passive 
Unthätigkeit zu versinken, lag nicht in seinem Charakter. Un- 
gebeugt durch sein eigenes Unglück kämpft er eifrig für die 
Sache des evangelischen Glaubens weiter. „Es ist die Zeit zu 
reden", ruft er in der am 26. November 1522 abgeschlossenen 
„Treuen Vermahnung an alle Stände . . .", und in derselben Flug- 
schrift macht er auch einen Vorstofs gegen die um das Seelen- 
heil ihrer ünterthanen sich nicht kümmernden Fürsten: „Welcher 
oberer eölichs nit wol bedenckt, der würdt finden, das im nützer 
eines seuhierten ampt gewesen were, die herschung sey wie g&tt 
sy wölle" *. Georgs rücksichtslose Feindschaft gegen die An- 
hänger der evangelischen Lehre war ihm vielleicht durch die 
Ereignisse der letzten Zoit besonders verhafst geworden, ebenso 
wie die andauernde Lauheit des Kurfürsten. So ergreift er die 
Gelegenheit beim Schopf, beiden scharf ins Gewissen zn reden. 
Nur diese Auffassung und nicht die ja auch naheliegende Deutung, 
dafs er sich in kleiulicher Weise an Georg als einem Hauptfeind 
der politischen Bestrebungen der Bitterschaft hätte reiben 
wollen, wird dem, was wir sonst von Cronbergs Charakter wissen, 



1) Auch setzt Luther an der betreffenden Stelle voraus, dafs Cron- 
berg ihn versteht. Denn einige Zeilen weiter sagt er, ohne vorher den 
Namen des Herzogs genannt zu haben, er möchte wohl Cronberg er- 
mahnen, auch „ an ihn " [wie vorher an den Kaiser und die Bettelorden] 
eine Ermahnungsschrift zu richten. 

2) Bemerkenswert ist noch, dafs wir gerade auch bei einem Nach- 
druck dieser Schrift Cronberg bessernd eingreifen sehen (Näheres in 
meiner Ausgabe Cronbergs). 



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KÜCK, HARTMITH VON CRONBERG 



203 



gerecht. Wenn Glarean in einem Briefe vom 28. November, 
worin er Zwingli die Anwesenheit Cronbergs nnd Huttens in 
Basel meldet (Schüler n. Schulthess VII, S. 247), auf die Ergeben- 
heit hinweist, mit der Cronberg sein Unglück trage (. . . quo non 
vidi unquam placatius in miseria rerum omnium), so widerspricht 
das der oben dargelegten Auffassung selbstverständlich nicht. 
Hatte doch auch Cronberg, als Glarean 5ies Zwingli mitteilte, 
kaum die Feder aus der Hand gelegt, mit der er die oben an- 
gefahrten kampffrohen Worte an den Reichstag zu Nürnberg nieder- 
geschrieben hatte 1 

Ob er jene Interpolationen schon vor oder erst nach dem 
Eintreffen in Basel vorgenommen hat, wird sich nicht ganz sicher 
entscheiden lassen. In letzterem Ealle läge die Vermutung nicht 
fern, dafs der Heifssporn Hutten die Hand im Spiele gehabt 
hätte, denn etwas wie Huttensche Keckheit blitzt unleugbar aus 
den Änderungen hervor. Aber für ein unerschrockenes selb- 
ständiges Vorgehen fehlt es auch sonst bei Cronberg nicht au 
Belegen, und aufserdem kommt man bei dieser Annahme doch 
auch mit der Zeit ins Gedränge^ (etwa Ende November wäre dann 
anzusetzen die Anordnung der Änderungen, dann Neudruck, dann 
Versendung von Exemplaren durch den Drucker nach Nürnberg, 
dann Kauf eines Exemplars durch den Komtur, dann Vorsendung 
durch den Rat v. Wertbern nach Dresden, dann Georgs Antwort 
an den Rat, — alles noch vor dem 30. Dezember!!!). Wahr- 
scheinlich hatte Cronberg also schon vor seiner Ankunft in Basel 
den betreffenden Auftrag erteilt, aber es bleibt noch zu bedenken, 
dafs, worauf Straofs (Hutten 446) hinweist, Cronberg und Hutten 
die Reise, wenigstens zum Teil, möglicherweise miteinander ge- 
macht haben 1 . Nach dem vorliegenden, wenigstens dem mir be- 
kannten Material, scheint die bestimmte Entscheidung, ob Hutten 
beteiligt oder unbeteiligt war, unmöglich. 



1) Steitz (Ärch. f. Frankfurts Gesch. u. Kunst, N. F. IV, 161) 
hält die Vermutung allerdings nicht für wahrscheinlich, da der geäch- 
tete Cronberg sich wohl so schnell wie möglich nach Basel begeben 
hätte, während Hutten sich bekanntlich noch längere Zeit in Schlett- 
stadt aufhielt. Aber jener hat sich nachweislich zunächst in der Nähe 
Cronbergs versteckt gehalten (vgl. seine Supplikation an d. kaiserl. Regi- 
ment, Marburger Archiv, 5 1 »). 



Z«it»chr. f. K.-O. XIX. 2. 



19 



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204 



ANALERTEN. 



4. 

Verloren geglaubte u hinsehe Refor- 
mationsakten. 

Von 

F. Hubert in Rummelsburg. 



Das Ulmer Stadtarchiv ist nicht nur für die Ortsgeschichte,, 
sondern für die deutsche Geschichte überhaupt von nicht ge- 
ringer Wichtigkeit; seine Reichstags- und sonstigen Stadt- 
korrespondenzen, auch seine Städtetagsakten z. B. wird der Histo- 
riker nicht ohne Nutzen einsehen. Nun steht es aber in einem 
eigentümlichen Rufe. Wie eine Legende geht es von Mund zu 
Mund: ein Turm berge jene Schatze, doch in einem völligen 
Durcheinander und an Zurechtfinden sei kaum zu denken. Man 
ist aufs angenehmste enttauscht, wenn man die Treppenstufen in 
dem einen Münsterturm emporgeklettert ist und sich im Archiv 
der löblichen alten Reichstadt befindet. Die Ordnung, welche, 
wie an Ort und Stelle versichert wurde, vor etwa einem Jahr- 
zehnt hergestellt worden ist, kann in einem des eigenen Archivars 
entbehrenden Archiv von solcher Bedeutung nicht wohl eine bessere 
sein. Der Besucher orientiert sich leicht nach einem neuen 
Repertorium. 

Seltsamerweise scheinen unter dem Einflnfs der Legende von 
ihrem Archiv selbst ulmische Forscher zu leiden. Im vierten 
Jahrgang (N. F. 1895) 8 der von der württembergischen Kom- 
mission für Landesgeschichte gemeinsam mit mehreren Örtlichen 
Geschichts vereinen, auch dem Verein für Kunst und Altertum in 
Ulm und Oberschwaben, herausgegebenen Württembergischen 
Vierteljahrshefte für Landesgeschichte hat Pfarrer Keidel in Asch 
(unweit Ulm) ulmische Reformationsakten von 1531 bis 1532 
veröffentlicht. Die mit Anmerkungen bereicherte Ausgabe ist mit 
treuester Sorgfalt gefertigt — nach Abschriften und Auszügen 



1) Dem Stadtschultheifsenamt und dem Gemeinderat der Stadt Ulm 
sei schon an dieser Stelle verbindlichst Dank gesupt für die Güte und 
Liberalität, mit der sie die Benutzung gefördert haben. 

2) S. 265 ff. 



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HUBERT, ULMISCHE REFORMATIONSAKTEN. 205 



des am die Geschichtsforschung verdienten Prälaten J. Chr. 
Schmid, welche die Ulmer Stadtbibliothek besitzt. Nur für vier 
Stücke wies Keidel die Urschriften nach im Königlichen Haus- 
und Staatsarchiv in Stuttgart. „Wohin ist nun aber der Best, 
der grofse Hauptteil der Akten gekommen?" „Mir ist es wahr- 
scheinlich 'S schreibt Keidel, „dafs er in dem grofsen Aktenhaufen, 
der noch ungeordnet in einem Chorturm dos Ulmer Münsters 
verwahrt ist, begraben liegt, und dafs er dort eines schönen Tags 
eine glückliche Wiederauferstehung feiern darf?" In der That 
finden sich die verloren geglaubten Akten grofsenteils, wenn nicht 
alle, in dem wohlgeordneten Stadtarchiv. An einem Stuttgarter 
Aktenstück hat Keidel die Schmidsche Abschrift geprüft und sie 
Wort für Wort genau befunden. Leider ist bei einem Vergleich 
seiner Publikation mit den ulmischen Originalen das Ergebnis 
kein ähnlich günstiges. 

Zuweilen finden sich schwer oder gar nicht verständliche 
Stellen. Nach Keidel N. 38 1 soll das Spital „mit Prediger und 
Zusp recher" versehen werden; das Original hat „mit Prädikanten 
und Leuten, die den Armen zusprechen und sie trösten". Unter 
den Zusprechern sind also Laienhelfer zu verstehen. Oft ist die 
sachliche Wiedergabe ungenau *. Von einem Ort (Türkheim) * 
wird berichtet, Spiel und Völlerei gingen erschrecklich, nur 
eine Frauensperson, die Gerstetterin , solle Hurerei treiben. Im 
Druck steht: Spiel und Hurerei gingen erschrecklich. Ergötz- 
lich ist folgende Stelle. In Keidels N. 59 soll „dem Barfüfser- 
mönch ein Böcklein gegeben werden"; im Original 4 heifst es: 
„dem Barfüisermönch soll sein Böcklein bezahlt und vom Wirt 
gelöst werden". 

Die Namen sind nicht selten unrichtig gelesen. Zum Beispiel der 
in derselben Nummer erwähnte Heinrich Hafenbracker heilst in 
Wirklichkeit Hasenbrack. Dinge, die in die Vergangenheit ge- 
hören, werden in die Zukunft verlegt oder auch umgekehrt 5 . 

Wir wollen kein Gewicht darauf legen, dafs gerade das, was 
die Zustände vorzüglich kennzeichnet, in diesen Auszügen häufig 
verloren geht. Schlimmer ist, dafs die nicht immer ersichtlichen 
Auslassungen und Lücken hie und da von recht bedenklicher 
Natur sind. In N. 131 6 beispielsweise heifst es betreffs des 
Pfarrers von Ballendorf, der ohne Chorrock predigen und das Ave- 

1) Stadtarchiv in X, 15, 1: N. 67. 

2) In N. 63 (= X, 15, 1: N. 36) mufs es heifsen 6 statt 60 Gul- 
den; wohl nur ein Druckfehler. 

3) Keidel N. 129; in X, 16, 1: N. 147. 

4) X, 15, 1: N. 36. 

5) Z. B. S. 290 in N. 59 (vgl. vor. Anm.), wo es sich um die Ab- 
fertigung eines Pfründeninhabers handelt 

6) In X, 16, 1 : N. 149. 

19* 



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20G 



ANALEKTEX. 



Maria- Läuten abstellen soll: „darauf bat er begehrt, ihm ein 
andern Ort zu ordnen". Doch bezieht sich dies letztere gar nicht 
mehr auf den Pfarrer von Ballendorf, sondern auf den Prädi- 
kanten von Bernstatt, wie es scheint einen Thunichteut der 
neuen Partei; dem „ist ernstlich vndersagt worden, sein ergerlich 
leben mit trincken, schamperen, vnzuchtigen worten ?nd den 
ergerlichen zugang, so vß der statt zu ime beschicht, hinfüro ab- 
zustellen; darauff hat er begert, ine an ein ander ort 
zu ordnen". In den Kirchcnvisitationsprotokollen 1 werden 
eine ganze Reihe von Ortschaften einfach übergangen. In Blaurers 
Memorial *, das um beschleunigte Ausführung der Ergebnisse der 
Synode nachsucht, fehlt bei der Inhaltsangabe das wichtige Mo- 
ment: Almosen auf dem Lande einzurichten. Die Schrift des 
Pfarrers Dr. Jörg Oswald 8 gegen die achtzehn Artikel der ülmer 
Kirche wird nur analysiert bis zum sechsten Artikel. 

Im Anfang von N. 70 4 ist nicht zu ersehen, dafs die schul- 
digen Geistlichen in die Stadt vorgeladen („hereinbesebrieben ') 
werden sollen. Eben bei dieser Nummer, aber auch noch bei 
einer ganzen Reihe anderer, z. B. N. 67 und 73 — 75 6 , fehlt 
der Vermerk, dafs es sich um Entscbliefsnngen der betreffenden 
Verordneten, deren Namen die Quelle fast immer bietet, handelt. 
Man bleibt leider darüber öfters im Unklaren, ob diese Ent- 
scheidungen endgültige sind, oder ob sie noch, wie z. B. N. 131 
der Abschied auf den Synodos oder wie boi N. 171, an einen 
ehrbaren Rat gebracht werden müssen. 

Schmid hat seine Abschriften und Auszüge nicht zur Ver- 
öffentlichung bestimmt; ihn trifft also keinerlei Vorwurf. Unsere 
Ausstellungen haben nur dies eine dargothan, dafs eine Publi- 
kation nach Abschriften und Auszügen mit solchen Mängeln wissen- 
schaftlich recht wenig brauchbar ist Es sei der Erwägung an- 
heimgestellt, ob nicht in grösserem Zusammenhange — etwa als 
Urkunden und Aktenstücke zur Reformationsgeschichte Ulms oder 
überhaupt zur Reformationsgeschichte in süddeutschen Reichs- 
städten — eine neue Ausgabe auch dieser Akten nach den 
Originalen zu erstreben ist. Wichtig genug dazu sind sie ohne 
Zweifel, denn sie werfen markante Schlaglichter auf die ersten 



1) S. 297 ff. (in X, 16, 1: N. 136 f.). 

2) N. 169 (auch in X, 16, 1). 

3) N. 23 (X, 16, 1: N. 116) mit Glossen Butzers; z. B. die bei 
Keidel S. 273 unten erwähnten Ergüsse „Blasphemie!", „pfy dich 
tuffel" kommen auf Rechnung des Strafsburgers. Auch N. 17 (ebd. 
N. 115), von einer Protokollanten-Hand geschrieben, ist mit ein paar 
■Handbemerkungen Butzers versehen. 

4) X, 15, l: N. 68. 

5) Ebenda. 



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HUBERT, ULMISCHE REFORMATIONSAKTEN. 207 

♦ 

Jahre der staatlichen Durchführung der Reformation im Ulmer 
Gebiet 

In den Schmidschen Sammelbänden auf der Ulmer Bibliothek 
fand der Herausgeber noch umfangreiche Gutachten und Ver- 
handlungen aus dem Jahre 1531 Qber die zu erlasseude Kirchen- 
ordnung. Es ist nur zu begrüfsen, dafs diese Bedenken etc. nicht 
auch nach Abschriften veröffentlicht worden sind. Sie finden sich 
nämlich ebenfalls originaliter auf dem Stadtarchiv. Martin Butzers 
entscheidender Einflufs leuchtet aus fast allen hier in Betracht 
kommenden Aktenstücken heraus. Keines Prädikanten Hand- 
schrift begegnet uns während der Zeit seiner Anwesenheit so 
häufig wie die seinige. Er war der Wort- und Schriftführer der 
ulmischen und der aufcer ihm geladenen fremden Prädikanten. 

Interessant ist ein Zusatz von seiner Hand beim vierten der 
achtzehn Artikel der ulmischen Kirche. Nachdem die Kirche be- 
stimmt ist als die Gemeinschaft derer, die an Christum ihren 
Herrn wahrlich glauben und durch seinen Geist wie Glieder eines 
Leibes zusammengehalten werden, heifst es: dis ist die heilig 
christlich kircb, deren nicht mer dan diener sind alle apostel, 
Propheten, lerer, hierten. Da setzt Butzer, veranlafst durch eine 
Anfrage von seiten der Obrigkeit, ob sie denn mitgemeint sei, 
hinzu: des eusserlichen regiments christliche vergewalter, guber- 
nierer, obren 

Die Grundlage der nlmischen Kirchenordnung ist die Schrift 
„Christenlich leern, ceremonien vnd leben, durch die praedicanten 
gestallt (sampt meiner herrn der verordneten ratschlagen dabey) *, 
wohl in der Hauptsache ein Werk der fremden Prädikanten a , 
doch nicht ohne Berücksichtigung ulmischer Vorarbeiten *. Zahl- 



1) So istbeiFunck, Reformations- und Augsspurgische Confessions- 
Historie, Anhang S. 166 gedruckt; vielleicht ist in der Handschrift But- 
zers eher zu lesen: öltren. Diese Bezeichnung rindet sich als rats- 
behördlicher Titel z. B. in Nürnberg. 

2) Stadtarchiv Ulm X, 15, 1: N. 40 ff., auch N. 45 gehört noch 
dazu; ferner im Strafsburger Thomasarchiv Folio-Sammelband III, 355 ff. 
Beide Exemplare sind von Butzer mit Verbesserungen versehen; doch 
ist, soviel ich, erst später auf dies Verhältnis aufmerksamer geworden, 
mich erinnere, der gröfsere Teil der im Ulmer Exemplar befindlichen 
Verbesserungen bei dem Strafsburger Exemplar in den Text über- 
gegangen. So dürfte letzteres eine spätere Redaktion sein, etwa eine 
nach dem ulmischen Exemplar besorgte und nach Strasburg gesandte 
Abschrift. 

8) Nur so ist es verständlich, wenn es betreffs der guten Pfarren, die 
den arbeitenden und den abgesetzten Pfarrer ganz wohl zusammen 
unterhalten können, heifst: deren E. G. eben fil haben sollen. Das 
Aktenstück X , 15, 1 : N. 39 ist übrigens auch offenbar hauptsächlich 
an die fremden Prädikanten gerichtet 

4) Vgl. Keim, Die Reformation in Ulm, S. 224 ff. 



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208 



AXALEKTEN 



reicher als in dieser Schrift sind die handschriftlichen Zusätze 
Butzers in dem schon der Reinschrift sich nähernden Konzept 
der Kirchenordnung selbst. Einige Beispiele folgen. Was im 
allgemeinen schon die grundlegende Schrift der Prädikanten be- 
treffs Zuziehung von Laien zur Synode angeregt hatte, bestimmt 
folgender Zusatz näher: „Vnd so das der besserung mag dienst- 
lich erkant werden, sollen auch von iedem flecken zwehn 
bescbriben, die von jrem pfarrer, wie er sich haltet, zeugen 
mögen; wo nicht, sollen die flecken all weg yr schrifftlich zeugnnß 
vff die synoden schicken". Bei der Stelle, welche bestimmt, dafs 
keine Gesänge in der Kirche zu singen, „dan welche alß der 
schrifft gemäß durch die gemeinen examinatoren christlicher lehre 
erkennt sind", fögt Butzer hei „vnd der gmeyn zu singen fürgeben 
(sind) vnd noch werden". Der staatskirchliche Gesichtspunkt hat 
ihn auch dazu geführt, in der Schrift „christlich leern . . ." ein 
obrigkeitliches Gebot zu verlangen, dafs jedermann sonntäglich 
doch wenigstens eine Predigt hörte \ wofür die evangelischen 
Prädikanten auch anderwärts, zuweilen nicht ohne scharfen Tadel 
der nach ihrer Meinung zu lässigen Obrigkeit eingetreten waren. 
Dafs Butzer auch für eine mehr durchgreifende Bestrafung der 
Laster „weyters, dann bißher ym brauch gewesen" 2 eintritt, 
wird niemand wundernehmen, der ihn kennt. 

Für die Strafbestimmungen wurden, wie es für Ulm nahe lag, 
und wie eine Anmerkung Butzers in der mehrfach erwähnten 
Schrift ausdrücklich forderte, durchaus mafsgebend die Beschlösse 
des Städtetages, der, von den Abgeordneten der Städte Ulm, 
Konstanz, Lindau, Memmingen, Biberach und Isny besucht, im 
Februar 1531 in Memmingen gehalten worden war. Weniger ist 
das der Fall bei der viel erörterten Frage der Kircbenzucbt. 

Man besitzt eine nach dem ulmischen Original 5 besorgte Aus- 
gabe der Memminger Beschlüsse in Jägers juristischem Magazin 
für die deutschen Reichsstädte (II, 1791) 4 . Es sei gestattet, die 
soviel ich sehe bisher meist nicht ganz richtig ausgelegte Stelle 6 
betreffend die Bestallung der geistlichen Gewalthaber der christ- 
lichen Gemeinde hier wiederzugeben: Die Gemeinde bestehe aus 
drei Ständen, den weltlichen Oberen, den Dienern des Worts und 



1) X, 15, 1: N. 45; von Butzers Hand hier allerdings nur die be- 
schränkenden Worte „doch eyn" (Predigt sollte jedem zu hören ge- 
boten Bein). 

2) Ebd. N. 45. 
8) Ebd. N. 86. 

4) S. 486—488. 

5) Vgl. Schmid, Denkwürdigkeiten der württembergischen und 
schwäbischen Reformationsgeschichte, Heft II, S. 179 (Tübingen 1817); 
Keim a. a, 0. S. 214. 



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HUBERT, ULMISCHE REFORMATIONSAKTEN. 209 

den Unterthanen. So „wiert sich wol zymen vnnd zu lenger 
erhaltung gutter Ordnung och verhuettung mancher) ay mißbreuch, 
so in kurtz gar leichtlich wider umb einbrechen möchten, gantz 
fürtreglich vnnd erschießlich 1 sein, das ettlichpersonen von 
disen dreyen Stenden, das sy der ganntzen gemaind 
gewallthaber seyend, erweit vnnd verordnett wurden, alls- 
dann wol von einer gelegeuhait vnnd volkomenhait wegen die 
obbestympte zuchtmaister, waettlich vomratt, ettlich von der 
gemaind weren, sein möchten, denen dann ettwar vß den 
predigern zugeben sollte werden, doch das sich die- 
selbigen prediger des zuchtmeisterampts nicht weit- 
ters dann allein, was die erfarung vnnd erkundigung der laster 
antrifft, vnnderfi engend vnnd annemend, sonnder fürnemblich 
den gwallt der schlüssell den anndern dartzu verordnetten helffen 
verwallten". Wir haben demnach hier begrifflich unterschieden 
zwei Institutionen, die der weltlichen Zuchtmeister * und die der 
kirchlichen Gewalthaber; jedoch wird als ratsam angesehen, die 
Zuchtherren weltlicher Obrigkeit, wofern sie nur teils vom Bat 
and teils von der Gemeinde wären, anch zu geistlichen Gewalt- 
habern der christlichen Gemeinde zu machen. Aber es sollen ihnen 
dann für den kirchlichen Teil ihrer Aufgaben von den Predigern, 
welche beigegeben werden; doch natürlich haben diese am welt- 
lichen Zuchtmeisteramt keinen Anteil, höchstens dafs ihre Kennt- 
nis der vorhandenen Laster eventuell den Znchtherren mit zu- 
gute kommt 

Die treaeste Realisierung dieser Bestimmungen zum Gesetz 
bietet die Konstanzer Zuchtordnung, die überhaupt großenteils 
wörtlich die Memminger Beschlüsse Übernimmt, ein Verhältnis, 
das in der neuesten Reformationsgeschichte von Konstanz leider 
nicht erkannt ist. Die Zuchtherren sind in Konstanz zugleich 
•die Gewalthaber der Kirche, doch letzteres im Verein mit et- 
lichen vom Bat ihnen beigeordneten Prädikanten. 

Die Konstanzer Zuchtordnung soll, wie Dobel 3 ohne Beleg 
mitteilt, von der Reichsstadt Memmingen einfach adoptiert worden 
sein. Wahrscheinlicher ist, dafs die Memminger freilich unter 
teilweisem Anschlufs an die Konstanzer sich eine eigene Ordnung 
zurecht gemacht haben. Die von Dobel * veröffentlichte sogenannte 
Kirchenpflegerordnung ist ein Fragment der Memminger Zucht- 
ordnung. Ihre Einleitung deckt sich mutatis mutandis mit der- 
jenigen der Konstanzer Zuchtordnung. In dem Abschnitt „Von 

1) Im Druck: ersprießlich. 

2) Vgl. Jagers oben cit Archiv II, 452 ff. 

S) Dobel, Memmingen im Rcformationszeitalter (Augsburg 1877 f.) 
V, 46. 

4) Ebd. S. 52 ff. 



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210 



ANALEKTEX 



Kirchenpflegern " wird verwiesen auf hernach zu erwähnende 
Zucht- und Ebehenen; jedoch stellt sich diese Erwähnung nicht 
ein. Es scheint sonach , als oh in Memmingen auch de facto 
zwei verschiedene Zuchtkommissionen, eine weltliche und eine 
kirchliche nebeneinander bestanden haben. Mit dem weltlichen 
Zuchtmeisteramt haben die Memminger undlsnyer Kirchenpfleger, 
für welch' letztere eine fast durchweg wörtlich mit jener überein- 
stimmende, im Strafsburger Thomasarchiv 1 unter irreführendem 
Titel erhaltene Ordnung galt, wenigstens nach dem Wortlaut 
ihrer Ordnungen nichts zu thun gehabt In Memmingen wie in 
Isny hat man indessen, um einer solchen ständigen Kommission 
einen genügenden Wirkungskreis zu geben, die Befugnisse dieser 
kirchlichen Gewalthaber erweitert. Sie sind zu einer Kommission 
für Kirchen-, Schul- und Armenwesen geworden. Daher sind 
denn die beigeordneten Prädikanten nicht mehr vollberechtigte 
Mitglieder, „nit das die des ampts oder bevelchs der Kirchen- 
pfleger in ainich weg sich vnderfahen, noch in Verhandlung der- 
selben bey seyen, sondern allain daz ampt vnd gaistlichen gewalt, 
was absunderung von der gmainschafft der kirchen vnd vom 
tisch des herren vnd widerumb versünung mit derselben antrifft, 
mitsampt den kirchenpflegern , als die alle mit ainandern der 
kirchen gwalthabere sein, verhandlen vnd ausrichten sollen." 

Bei allen diesen Ordnungen ist, wenn man sie mit den Mem- 
minger Beschlüssen vergleicht, das Bestreben unverkennbar, dem 
Rate einen gröfseren Einila fs auf die Bannband] ung zu gewähr- 
leisten. Dieselbe Beobachtung macht man in Ulm, wenn man 
dort die Entwickelung der Angelegenheit durch ihre verschiedenen 
Stadien verfolgt. Wir weisen, ein näheres Eingehen für eine 
andere Stelle uns vorbehaltend , nur darauf hin , dafs der Vor- 
schlag der Prädikanten 8 , zu Dienern christlicher Zucht (auch 
Warnungs- oder Bannherren genannt) drei vom Bat, drei von der 
Gemeinde und zwei von den Prädikanten zu bestellen, dahin 
modifiziert wird, dafs nur zwei von der Gemeinde, dagegen vier 
vom Bat unter den acht Warnungsherren sitzen sollten. Ferner 
sollte der Bann, dessen Verhängung nach den Memminger Be- 
schlüssen eventuell auch ohne eine Stellungnahme des Rates zu 
dem Einzelfall vorgesehen worden war, in Ulm nur auf Befehl 

1) Folio-Sammelband 1, 223—226. Der Titel lautet : Pauli Fagii 
disciplinae instituendae ratio. Die vor der Memminger Kirchenpfleger- 
ordnung sich findende Einleitung zu einer Zuchtordnung steht hier nicht, 
sondern es beginnt gleich: Von Kirchenpflegern. Auf die wenigen, nicht 
immer uninteressanten Abweichungen der Memminger und Isnyer Ord- 
nung wird wohl eingehen eine von dem Herrn Stadtpfarrer Rieber in 
lsny zu erwartende Geschichte seiner Stadt. 

2) Dobel V, 67. 

3) In Chris tenl ich leern . . .". 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 211 



des Rates, den die Warnungsherren zu erwirken hatten, voll- 
zogen werden. Voll und ganz waren die Ulmer Prädikanten da- 
mit sicher nicht zufrieden. Dem Ideal der fremden Reformatoren 
wird die ulmische Kirchenordnung mit ihren Bestimmungen Ober 
den Bann ebenso wenig entsprochen haben. Wie Blaurer dar- 
über dachte, kann man sich nach den Memminger Beschlossen 
und der Konstanzer Zuchtordnung 1 vergegenwärtigen. In Basel, 
von wo Ökolampad gekommen war, liefs die Kirchenordnung 
den kirchlichen Organen doch mehr Spielraum. Auch der 
Strafsbürger Reformator hätte in Ulm gern der Obrigkeit gegen- 
über freier und mehr durchgreifend den Bann oder, wie man 
damals mit einem besser klingenden Worte zu sagen pflegte, 
die christliche Zucht realisiert. In diesem Punkte hat Butzers 
und der anderen Prädikanten Einflufs keinen durchschlagenden 
Erfolg errungen. In Strafsburg vollends hat Butzer erst recht 
seine Gedanken nicht in die Wirklichkeit umsetzen können. Des 
Rates Eifersucht und Weisheit hat das verhindert. 



1) Pressel, Blaurer, S. 565. 



Beitrage zum Briefwechsel 
der katholischen Gelehrten Deutschlands 
im Keformationszeitalter. 

Aus italienischen Archiven und Bibliotheken 

mitgeteilt von 

Walter Friedensburg. 

(Fortsetzung l ). 



V. Dr. Johann Eck. 

Die hier mitgeteilten Briefe Johann Ecks (geb. 13. No- 
vember 1486 , gest. 10. Februar 1543) gehören mit Aus- 
nahme des ersten, der in die Zeit des Bauernkrieges fallt , den 
neun letzten Lebensjahren ihres streitbaren Verfassers an. Sie 

1) Vgl. Bd. XVI, S. 470ff., Bd. XVIII, S. 106 ff. 233ff. 420 ff. u. 
596 ff. dieser Zeitschrift. 



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212 



ANALEKTEN. 



sind in der Mehrzahl den in der Einführung zu dieser Publi- 
kation 1 erwähnten Archivalien in Rom, Venedig, Neapel, Mai- 
land und Parma entnommen; als Vorlage für den Abdruck diente 
fast durchweg das Original oder wenigstens eine gleichzeitige 
Abschrift; nur Nr. 116 hat sich lediglich in späterer Abschrift 
erhalten *. Gerichtet sind die Briefe Ecks in der Oberzahl an 
Männer der römischen Kurie: den Datar Bischof Giberti, die 
Nuntien nnd Legaten Aleander, Vergerio, Morone, Contarini, die 
Kardinäle Farnese und Ghinucci, die Legaten des ersten Triden- 
tiner Konzilsversuchs (1542), sowie an die Person des Papstes, 
Pauls III., selbst; dazu kommen zwei Briefe an den Freund und 
Mitstreiter Jobann Fabri, Bischof von Wien, und einer an den 
Sachwalter an der Kurie Vitus Krumher. Von Antworten hat 
sich nur eine einzige, ein kurzes Billet Farneses, vorgefunden 
(Nr. 142); die vornehmen Kurialen waren, wie wir es auch 
schon bei Cochlaeus wahrnehmen konnten, nicht allzu eifrig in 
der Beantwortung der Briefe, die aus Deutschland ihnen zugingen; 
waren es doch meist Bittschreiben oder unbequeme Mahnungen 
an Zusicherungen und Verheifsungen , die sie etwa als Nuntien 
nnd Legaten an Ort und Stelle freigiebig erteilt hatten, hernach 
aber einzulösen nicht ebenso leicht fanden. So sehen wir auch 
Eck, schon vom ersten unserer Briefe an, wiederholt und allem 
Anschein nach nicht ohne Grund, sich beklagen, dafs die Kurie 
ihn vernachlässige und zurücksetze und seine Dienste nicht hoch 
genug anschlage. Doch stehen in Ecks Briefwechsel die eigenen, 
persönlichen Interessen nicht so ansschliefslich im Vordergrund 
wie etwa bei Cochlaeus. Ecks Briefe spiegeln vielmehr durch- 
weg — und darin liegt ihr besonderer Reiz — die Zeitereig- 
nisse wieder, soweit diese auf die grofse Bewegung der Geister 
Bezug hatten, in deren Bekämpfung Eck seine Lebensaufgabe er- 
blickte. Besonders interessant und inhaltreich sind die an Con- 
tarini gerichteten Briefe, die sich zusamt anderen Korrespondenzen 
des nämlichen in dem wichtigen Codex 37 des Armarium 62 
(Concilium Tridentinum) des Vatikanischen Geheim - Archivs ver- 
einigt finden. Raynaldus hat aus diesen Briefen Ecks nur einige 
Bruchstücke mitgeteilt, über die auch Dittrich in seinen Schriften 
über Contarini nicht hinausgegangen ist 



1) Bd. XVI, S. 472 ff. 

2) Der Codex Annan 32, vol. I des Vatikan. Archivs, aus dem 
Nr. 116 genommen, ist ein Abschriftenband des 17. Jahrh.; nach 
einem Vermerk im Codex selbst sind die Abschriften nach den Origi- 
nalen aus dem Nachlasse des Blosio Palladio angefertigt, die sich in 
der Secretaria apostolica domestica befunden haben. — Aus der näm- 
lichen Vorlage hat Balan Mon. ref. Lutheranae einige andere Briefe Ecks 
aus der gleichen Periode veröffentlicht. 



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FRIEDENSBURG; BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 213 



übrigens versteht es- sieb, dafs auch die persönlichen Sckick- 
sale Ecks, dessen Leben in seinem äufseren Verlauf allerdings 
ein ziemlich einförmiges war, berührt werden und insbesondere 
von seiner schriftstellerischen Thätigkeit und den damit zusammen- 
hängenden Bestrebungen vielfach die Rede ist; bemerkenswerte 
Äusserungen über seine Stellung gegenüber der Scholastik und 
dem Humanismus finden sich in dem langen Briefe an Contarini 
(Nr. 135), von dem Raynaldus nur die erste Hälfte mitgeteilt 
hat 

Das Haoptwerk über Eck ist die Monographie von Theodor 
Wiedemann, Dr. Johann Eck, Professor der Theologie an der 
Universität Ingolstadt (Regensburg 1865), wo den biographischen 
Nachrichten ein sehr sorgfältiges Verzeichnis der Schriften an- 
gehängt ist 

116. Eok an Giovanni Matteo Giberti, Bisohof von 
Verona, päpstlichen Datar: Ecks Handel mit Wolfgang 
und Gothard Wackinger. Seine Vernachlässigung durch die 
Kurie. Plan auszuwandern. Besorgnis den Bauern in die 
Hände zu fallen. Die Herrschaft der Bischöfe in Gefahr. 
Ungedruckte Werke. Baiern und das Luthertum in Ober- 
Deutschland. 1525 Juni 29 Ingolstadt. 

Aus Arch. Vat Arm. 32, vol. 1, fol. 229* b spätere Abschrift. — 
Coli. Korn Cod. Barberin. XXVII, 5, fol. 264 b — 266*, spätere 
Abschrift, anscheinend abhängig von der vatikanischen Vorlage. 

Beverendo in Christo patri et domino domino Joanni Maitheo 
antistiti Veronensi ac San mi Domini Nostri a datis, Maecenati sno. 

Puratissima obsequia cum sui commendatione. rogo plurimum, 
Rev. pater, non patiaris diutius me divexari super bis quae in 
inquisitionis saneto negocio contra Wolfgangum Wackinger jussn 
speciali B mi domini legati accedente [feci], et per breve San 11 " 
Domini Nostri praeeipiat capitulo saneti Andreas Frisingae nt 
proviso per me possessionem tradat et, siquid juris impetrati Got- 
hardus Wackinger praesumat se habere seu praetendat, jure ex- 
periatur \ speraveram me habiturum illud breve ante fest um 



1) Von der Angelegenheit Wackiuger ist auch in zwei späteren 
Briefen Ecks die Rede, an den Papst vom 25. Juli 1525 (Bai an, 
Mon. ret Luth. p. 497, nr. 237) und an Giberti vom 30. September 
1525 (ibidem p. 544, nr. 258). Nach dem letzteren Schreiben hatte 
sich Eck, da er vom Papste nicht genügend unterstützt wurde, auf 
einen unvorteilhaften Vergleich mit Gotfried Wackinger (oder Weckinger?) 
einlassen müssen. — Der oben erwähnte Legat ist der Kardinal Lorenzo 
Campeggi, der 1524 nach Deutschland gekommen war, damals übrigens 
in Ungarn verweilte. Ausführlich behandelt diese Angelegenheit Wiede- 



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214 



AN ALE KT EN. 



Margaretae [Juli 13]; sed quia nescio t quo remorante res tar- 
datur, ad alterum annum residentia venit secundum statuta ec- 
clesiae illius differenda. qaanquam nihili ducam tantillam jactu- 
ram; hoc plus nimio me premit quod negouium inquisitionis tarn 
mature et diligenter per me actitatum debet a sede apostolica 
irritari et baereticus exultare de retento pro fratre aut pro se 
beneficio, quia nihili ducit infamiam, sed moratur cum bestia 
lutherana Augustae in monasterio Minorum, et haue blasphemiam 
fortiter astruunt et propagant, corpus scilicet Christi verum et 
sanguinem ejus non esse sub eucharistia, sed pauem duntaxat et 
vinum. 

Quam lamentabiliter et erumnose vivamus, ex litteris ad 
San mnm Dominum Nostrum scriptis et Scheda alligata 1 intelliges, 
nec B mU8 dominus legatus nec sedes apostolica est memor pau- 
peris Eckii; non scio profecto quomodo tranquill itati studiorum 
meorum consulam; jam ego accinetus sum itineri: proficiscar per 
Burgundiam, inferiorem Germaniam et Angliam, visurus quomodo 
res fidei apud illos tractetor, si commode San™ 08 Dominus Noster 
non poterit mihi providere in superiori Germania, ut vel in illis 
partibus Bev. Paternitas Tua memor esset mei. totum periculum 
est ne in seditiosos incidam rusticos, quoniam ubique defecerunt; 
etsi armis repressi sint, tarnen Kckio in potestatem eorum ve- 
nienti non parcerent. San mna Dominus Noster in hoc tanto peri- 
culo non deberet derelinquere Germaniam; nisi Caesar advenerit 
aut aliunde provideatur, timeo actum esse de prineipatu episco- 
porum et praelatorum nostrorum. über vix reeiperet quaerelas 
meas pro Germania; quanto minus parva epistola. tuum fuerit, 
Bev. pater, affecti in nie animi aliquando effectum ostendere. 
aliqua chartacea opuscula nondum impressa mecum fero, si forte 
contingat me christianum proelum in venire, ut illic exeudantur. 
bene vale, Socratice Bev. antistes, et Eckium servitorem tuum 
commendatum habe. 

Raptim Ingolstadii ipso die Petri et Pauli primatum ecclesiae 
1525. 

Nolo existimes ob hanc meam trepidationem Bavariae pro- 
vinciam esse haeresi Lutberi infectam, licet experiar reverentiam 
erga clerum minui; at hoc insidet animo. tot sunt blasphemiae, 



mann, Dr. Job. Eck, S. 198—200 (nach Winter, Gesch. der evan- 
gelischen Lehre in Bayern); hier heißt das Brüderpaar Wurziuger. 

1) Nicht vorhanden. Bei Balan nr. 237 bezieht sich Eck auf ein 
früheres Schreiben an Papst Clemens (1. 1. p. 499) : aliig literis suppli- 
caveram Sanctitatem Tuam ut mihi pauperi provideretur , ut possem in 
extera terra consulere tran quill itati studiorum meorum ; taedet enim me 
patriae, u. s. w. 



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FRIEDEKSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 215 

impietates et perfidiae publicae Lutheranorum per Germaniam 
superiorem, ut non sit possibile, Deum termisericordis6imum im- 
pune Lutheranorum 1 tot fidefragia scelera et blasphemias 8 ; ut 
his non involvar tutiaa erit migrare, sicnt Cbristiani Judaeam 
reliquerant instante excidio Hierosolymitano. 

117. Eok an AI o ander: frühere, unbeantwortet gebliebene 
Briefe und Sendungen. Jüngste literarische Leistungen. Christof 
Krefs und die Nürnberger Prädikanten. Die Rückkehr Ulrichs 
von Würtemberg, der die Lutheraner begünstigt. Blarers lutheri- 
sches Bekenntnis. Vereinigungsbestrebungen zwischen Lutheranern 
und Zwinglianern. Haltung Baierns. Andere katholische Fürsten. 
Beschränkung des katholischen Kultus in Augsburg. Rückhalt 
der Stadt an Herzog Ulrich. Bitte um Rückgabe entliehener 
Bücher und um Verwendung beim Papste. 1534 [c. Sep- 
tember] Ingolstadt s . 

Aus Rom, Cod. Vatic. 6199 fol. 109 ab eigenh. Orig.; auf dem 
Adressenblatt von Ecks Hand: fenestra tua egregie est parata. 
Von Aleanders Hand : Venetiis 3 novembris ; de multis et de 
revocatione Ambrosii Blarer Benedictini et ejus convereione ad 
Lutherani8mnm e Zwinglianismo. 

S. p. et paratissima obsequia. 

Post tuam ex Ratisbona abitionem, R" 06 pater et patrone 
colendissime, ternas ad te dedi literas, quarum unas comitabantur 
homiliae de sperania victoria ex Thurca 4 . vehementer autem 
dubito an bona fide sint redditae, cum nullum acceperim ex te 
responsum et nec teruncio mihi in hanc horam profuerit tua apud 
San raam Dominum Nostrum commendatio. rationem tarnen reddam 
Amplitodini Tuae insumpti interea laboris ac temporis: feci ut 
homiliae nostrae de tempore et sanctis latine loquerentur 6 ; quar- 
tum tomum homiüarum de sacramentis ecclesiae, cum hic maxime 



1) Beide Vorlagen haben hier Lutherum. 

2) Zu ergänzen relicturum? 

3) Zur Datierung beachte das Praesentatum und die Erwähnung 
im folgenden Briefe Ecks, dafs er „ super iori autumno" geschrieben, 
sowie die Angaben des Briefes Belbst Jedenfalls wurde letzterer ab- 
gefafst, ehe die Todesnachricht Clemens' VII. (gest 25. September) in 
Ingolstadt anlangte. 

4) Sperandam esse in brevi victoriam adversus Turcara Joh. Eckii 
Homiliae V ex byblia desumptae, ad Bernhardum cardinalera Triden- 
tinum (1532): s. Wiedemann, Joh. Eck, S. 594. 

5) Zur Übersetzung der zuerst 1530 erschienenen Christenlichen 
auslegung der Evangelien" Ecks (Wiedemann S. 573 ff.) in die 
lateinische Sprache s. Wiedemann S. 597 ff.; der erste Band ging 
mit Widmung an Clemens VII. vom 11. Juni 1533 aus. 



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216 



AXALEKTEX. 



dos baeretici impugnent, jussu R ml cardinalis Mogantini lingua- 
nostra edidi 1 . remuneravit cardinalis labores meos centum aareis 
monuitque ut quamprimum verteretur in latinum etiam hic tomus, 
in quo jam desudo. feci praeterea quinque illas homilias de 
s]»eranda victoria ex Turcis, quarum supra memini; et dam mar- 
chio Georgius cum Nerobergensibns novam edidissent baereticam 
ac scbysmaticam ordinationem, confutavi illam magnorum virorum 
jussibus *. acceptus est plauaibiliter libellus iste etiam a multis 
Luterania et nauaeant super predicatoribus suis Nerobergenses, 
adeo ut publice fateatur Christopherus Kressus primus civitatis 
novos illos sacerdotes esse homines nequam, seductores, avaros, 
ambitiosos etc. inii quoque magnam gratiam cum viro. 

At nova calamitas imminet negotio fidei ob reditum Ulrici 
ducis Wertenbergensis , qai apud Hessum infectus Lac lue in- 
stillabit virus toti huic ducatui populosissimo ; nam etsi nondum 
aliquid mntaverit in sacris, tarnen verendum est, cum viderit se 
firmatum in imperio, omnia sit subversurus; nam mox in in- 
gressu regiminis admisit ludderanos praedicatores. Ambrosius 
Blarer Constantiensis, apostata Benedictinns, multa oppida Sveviae 
subveitit Zuinglianismo : Constantiam, Memingen, Campodunum, 
Eysen, Biberacum, Ulmorum urbem ac Esselingam; hic habitus 
est, postquam occubuit Zuingliua, antistes sacramentariorum. sed 
modo revocavit coram duce Uldarico, fraudulenter, ut praesumo, 
solum ut permittatur libere praedicare haereses alias in ducatu s . 
ajunt et Argentoratum huc respicere, ut abjecto Zuinglianismo 
conjungantur Luderanis ; nam sie concordia magis nocebunt Catho- 
licis et ecclesiae. Hessus totus jam in eo laborat ut uniat 
Zuinglianos ac Ludderanos. 

Principes Bavariae adhuc perstant fortiter in fide patrum; 
idem facit dux Georgius Saxo (apud quem non sine periculo 
indesinenter adhuc laborat egregie pro fide Cochleus noster) et 
marchio Brandenburgeosis Joachim elector. 

ADgustenses quotidie deficiunt in pejus; interdixerunt Catho- 



1) Der viert tail christenlicher predigen von den 7 h. sacramenten 
(1534 April): Wiedemann S. 576. 

2) Christenliche Underricht mit Grund der Schrift wider die an- 
gemaßten Setzer und Angeber vennainter neuer Kirchenordnung jüngst 
in der obern Marggrafschaft und Nürnberger gebiet aufigangen (1533, 
am andern tag Herbstmonats). Wied e m a n n S. 596 f. 

3) Die Erklärung Blarers liegt diesem Briefe bei: Ego Ambrosius 
Blarer fateor hac mea syngrapha, quod vi illorum verborum: „hoc est 
corpus meum, hic est sanguis meus", hic corpus Christi et sanguis 
veraciter, hoc est substantialiter et rationaliter, non autem quantiUtive 
vel qualitative vcl localitcr in coena domini praesens sit et tradatur 
etc. confessio haec, heifst es weiter, facta est et lecta per revocantem 
2 augusti 1534 Studtgardiae in arce praesente principe Ulricho. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 217 



licis etiam in ecclesia cathedrali munus contionandi ac omnes 
ecclesias clauserunt non collegiatas 1 ; plus sequuntur Zuinglium 
quam Luderum. hactenus non fuerunt ausi hoc facere motu prin- 
cipum meorum; at jam nacti Ddalricum Wirtenbergensem con- 
sortem erroris minoris faciunt principes meos. 

Scripsi snperioribus literis quam cupiam restitui mini libros 
meos: cronica Polonomm et Hangarorum; quod commode fieri 
posset, si Kolbio Fuckerorum facto ri praesentarentur Venetiis, qui 
cum aliis vecturis facile destinaret Augustam ad Fuckeros. rogo 
etiam plurimum U mxm Amplitudinem Tuam, commenda me simul 
cum effectu pontifici, nt non solum verbis, sed re ipaa experiar 
michi Suam Sanctitatem esse benevolentem. 

Vel per amanuensem cura ut literas tuas aspiciam; nam hic 
Amantius poeta noster, vir bonos et literatuB, quamprimum ad 
nos est redituru8, utinam onustus literis tuis. vale et salve 
foelicissime. 

Ingoldstadii Bajoariae anno a natali christiano 1534. 

118. Eck an Ale an der": seine Hilfsbedfirftigkeit Hoffnung 
auf Paul III. Die Versuche zur Wiederaufrichtung des Schwäbi- 
schen Bundes; Aufzählung der Stände, die am Bunde teil- 
nehmen wollen; Haltung der Zwinglianischen Städte. Wieder- 
holte Mahnung die entliehenen Bacher zurückzusenden ; Schritte in 
Polen wegen der Chronica Polonorum. Versprechen, den fünften 
Teil seiner Streitschriften zu senden; dessen Inhalt Aleanders 
Fenster. Nicolo Tiepolo und Marcantonio Contarini. 1535 
Marz 10 Ingolstadt 

Aus Cod. Vatic. 6199 fol. 111 eigenh. ürig., mit Vermerk von 
Aleanders Hand: Venetiis 29 martii. 

S. p. et parati88ime obsequia. 

R mo pater ac patrone observandissime. scripsi anperiori au- 
tumno, supplicans ut Amplitodo Tua me meosque labores commen- 
daret San mo Domino Nostro; nam imminet jam senecta, experior 
principum gratiam vernali aura instabiliorem. ego contentus 
stipendiis meis non admodum ambivi sacerdotia; at iam intueor 
quam facile poasem exui stipendiis, quibus spoliatus nichil om- 
nino haberem praeter 60 florinellos mihi a dementia Leonis op- 
timi pontificis provenientes; nam ex Hadriano et demente nec 



1) Vgl. Ranke, Deutsche Geschichte III', S. 849; am 22. Juli 
erfolgte der bezügliche Ratsbeschlufe. 

2) In der Aufschrift wird Aleander als hebraice, graece ac latine 
doctissimus ac totius encyclopaediae eruditissimus bezeichnet. 



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218 



ANAI.KKTEX. 



teruntium habui. rogo igitur plurimum R m * F. T. dignetur me 
ampliter San 00 Domino Nostro commendare *, ut prospiciat studiis 
mei8 cum aliquo reservato (nam sie celerius miebi succurreretur), 
quemadmodum Suae Sanctitati ac R™° cardinali Cbampegio et 
Rev. domino Johanni Ingevinckel iargius scripsi. 

An liga Svevorum habitura sit effectum *, etsi res trepidet, 
tarnen bene spero, cum prineipes coierint Cesar, rex Roman^rum 
Ferdinandus, prineipes mei, dux Ottobeinricus , marebio Georgias 
Brandenbnrgi, cardinalis Salisburgensis , episcopi Bambergensis, 
Augustensis et Eistettensis ; consensernnt postremo alienae civitates 
Überlinga christianissima , Ravenspurgum , Werdea 3 , Wangen, 
Pfullendorff, Gomundia, Hailbrnnna, Ha) Iis, Dinckelspüel, Nor- 
linga, Wintzhaim et Weissenburg in Norico; sex postremae 
attractae sunt per Noribergam, quae suo et praedictarum nomine 
asaensit: super quo indignantur plusquam acerbe Augusta, Ulma, 
Campidona 4 , Memminga, Esselinga et reliquae Zuinglianae; nam 
prineipes nolunt quenquam aeeipere in sotium foederis, nisi ar- 
ticulns de religione et ceremoniis observetur juxta edictum Worma- 
ciense et recessum Augustens is dietae, demptis statibus protestan- 
tibus, qni dicuntur tollerari juxta concordiam per Caesarem nuper 
1532 Nurembergae factam. et quia Augustenses, Ulmenses etc. 
non sint inclusi in illa concordia, ideo gravate suseipiunt onera 
et pacta ligae. 

Aegerrime careo duobus libris meis, quos promiseras michi 
remittere ex Venetiis; cronicam Polonorum obtinere non valeo, 
etsi Cracoviam scripserim regio secretario B. Vapusky. commode 
negotioram Fuckeri procurator mihi illos transmittere posset. bona 
fide polliceor me invicem missurum quintam partem operum 
meorum adversus Ludderanos. habet autem quatnor tomos 
latinos: primus habet homilias a dominica adventus usque ad 
dominicam resurrectionis ; secundus tomns habet homilias de 
tempore a pasch a usqoe ad finem anni; tertius tomus habet ho- 
milias de festivitatibus Christi, Mariae et sanetorum per circulnm 
anni; qnartus tomns habet homilias de Septem sacramentis 
ecclesiae 6 . videbis quid valeat Eckius in ülo genere decla- 



1) Dem neuen Papste Paul III. hatte Eck bereits am 17. Februar 
seine Verdienste um die katholische Sache und seine Wünsche kund- 
gethan; vgl. diese Zeitschrift Bd. VI, S. 688 f. (mitgeteilt von Benrath 
aus dem Konzept). 

2) Über die Versuche, den 1584 aus Anlafs der Wflrttembergischen 
Unternehmung auseinandergefallenen Schwäbischen Bund wieder auf- 
zurichten vgl. Ranke, Deutsche Geschichte IV 0 , S. 50; Spiefs, 
Geschichte des kaiserlichen neunjährigen Bundes. 

3) D. i. Donauwörth. 

4) D. i. Kempten. 

6) Vgl. Wiederaann S. 597 ff. 



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FRIEDENSBÜRO, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 219 



mandi. modo Amplitudo Tua me commendet San mo Domino 
Nostro et libros meos postliminio faciat ad me reverti. Deua 
optimus maximus Paternitäten! Tuam R mam sospitet. 

Ingolstadii 10 martü anno gratiae 1535. 

Fenestra tua faberrime facta est, et sors contigit illi ut con- 
joncta sit cum fenestra episcopi Misnensis 

Magnificoa viros dominum Nicolaum Theupilum et Marcum 
Antonium de Conterinis * per Hteras salutassem, nisi vererer illos 
occupatiores. precor tarnen Ulis omnia bona ac utinam possem 
Ulis in aliqua re gratificari. 

119. Cok an Papst Paul III. : die an Pauls Erhebung ge- 
knüpften Hoffnungen der Deutschen. Eifer des ersteren für 
das Konzil. Mission des Vergerio; Freude über dessen Auf- 
treten. Mahnung, die Erwartungen der Deutschen nicht 
zu tauschen. Erbietung seiner Dienste. 1535 Mai 10 Re- 
gensburg. 

Aus Arch. Vat Lettere di principi vol. 9 fol. 17, Orig. 
Post oscula pedum beatorum. 

Beatissime pater. incredibile dictu quanto gaudio universus 
populus Oermaniae sit perfusus, cum post assumptionem tuam ad 
apicem apostolatus fama volitaret nos habere pontificem pacis 
amantem, doctum, integrum, justiciae ac fidei cultorem, de quo 
spes sit ut ejus ope ac opera ecclesiae afflictae succurratur. pussim 
enim Germani, qui olim in urbe vixerant, landes Sanctitatis Tuae 
praedicabant : mansuetudinem, innocentiam ac reliquas admirandas 
virtutes suas, ut jam universi erigerentur spe habendi concilii, 
qnod unicum et necessarium omnes arbitrantur remedium extir- 
pandis haeresibus omnium commodissimum. jam vero maxima ea 
confirmata est sententia, cum Deo inspirante Sanctitas Tua iu 
ipsis auspiciis pontificatus sui deliberavit consentientibus prin- 
cipibus Christian is concilium generale ac oecomenicom celebrare; 
quo nullum laetius nuncium potuisset Germania accipere! äuget 
summopere sententiam Sanctitatis Tuae nuncius dominus Petrus 
Paulus Vergeriu8 8 , qui tanta utitur dexteritate in exponenda 



1) Der Sinn dieser Bemerkung ist nicht klar; ob wirklich an Fen- 
ster zu denken ist, etwa von Aleander und dem genannteu Bischof ge- 
stiftete?. (S. auch oben die Stückbeschreibung von Nr. 117.) 

2) Über diese beiden Venetianer s. Venet. Depeschen I, S. Xf. 
sowie unten Nr. 124. 

3) Über die Berührungen zwischen Eck und Vergerio wahrend 
der Nuntiatur des letzteren vgl Nuntiaturberichte Bd. I, woselbst auch 
mehrere Briefe Ecks an Vergerio aus dem Jahre 1534 mitgeteilt siud 
(a. a. 0. S. 141, 1 und 174, 1). 

Ztitaehr. f. K.-Ö. XIX. t. 20 



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220 



ANALEKTEN. 



Sanctitatis Tuae mente, sie omnia agit, sie loquitur, sie suadet, 
immo persuadet, ut miuime anibigent prineipes rem serio et ex 
animo tractari ac divina favente dementia hoc sanetum concilli 
negotium, saepe quidem frustra desideratum, sub Paulo III jam- 
jam sit perficiendum. alii enim pontifices, praedecessores Sancti- 
tatis Tuae, saepe promisernnt concilii congregationem jam 
20 lustris, sed ita profecto promisernnt ut facile omnes intelli- 
gerent eos nunquam concilium celebraturos ; sie nuncios mitte- 
bant cum mandatis et articulis oneratos cum multis verborum 
involucris, punetis disputabilibus ac conditionibus intricatis, ut pa- 
tenter proerastinationem negocii quererent ac jam magnificae pro- 
missiones concilii apud Germanos in ludibrium ablehnt. Vergerius 
antem tuus tanta utitur prudentia ac circumspectione, tarn plane, 
tarn aperte, tarn facile proponit negocium, sine meandris ambigui- 
tatibus ac labyrinthis, adhec tanta utitur in dicendo vehementia, 
ita nrget et cogit ut omnes facile animentur et credant serio et 
ex animo hoc sanetum et necessarium negocium tractari. 

Cum autem natio illa inelyta Germaniae ineipiat credere om- 
nino concilium congregandum , de quo impense letantar sedi 
apostolicae devotissimi et hi quoque qui ab haeresibus infecti 
male ineeperant de Bomana sede sentire, unum tarnen Sanctitas 
Tua uon dedignetur audire a servitore suo fidelissimo. hoc 
dixerim, non quod Sanctitas Tua in hoc saneto laudabili ac summe 
neeessario instituto perseveret (cum jam citra omnem haesitatio- 
nem credam te hoc perfecturum), sed illud velim animo Sanctitatis 
Tuae insideat ut nec aliquid diligentiae in hoc saneto negotio 
vel omittatur vel remittatur. quam primum enim nostrates in- 
telligerent Sanctitatem Tuam in hac re summe ardua non dico 
frigescere, sed solum tepere, confestim hanc amplissimam quam 
de Sanctitate Tua spem coneeperant, abjicerent non sine scandalo 
pernitiosissimo et maxima cum ecclesiae Komanae tum famae Sancti- 
tatis Tuae ac fidei jactura. cum ergo Deus iratus seculis priori bus 
non hanc largitus sit gratiam ut hujus felicitatis et gloriae essent 
compotes habiti concilii, tu gloriam tuam ne des alteri, sed coro- 
nam tibi reservatam tene, ne detur alteri; ut sie non solum 
voceris, sed re ipsa oomprobes te fore verum Christi Ihesu vi- 
carium! et oves, quas ille sanguine suo redemit, tu oecomenico 
celebrato concilio in ovili ecclesiae a morsibus cannm ac luporum 
sanatas Christo restituas, aeternam pro hoc saneto opere reeep- 
tuius gloriam. quod ad me attinet, id quod jubet Sanctitas Tua 
in breyi summis viribus in hac re laborabo, uti hactenus summis 
laboribus fidei causam totatus sum, ac periculis et re ipsa com- 
probabo nihil frustra Sauctitatem Tuam vel nuncios tuos Eckio 
praeeipere quod non diligentissime absolvat. 

D. 0. M. incolumem ser?et Sanctitatem Tuam. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 221 



Ex Batisbona Danubii, ubi magistratus etsi vacillet pamm in 
fide , cum summo honore oratorem Sanctitatis Tuae excepit \ 
10 maji anno gratiae 1535 *. 

Sanctitatis Tuae 

servitor 

a pedibus 
Joh. Eckius. 

120. Eok aa Pietro Paolo Vergerio Nuntius la 
Deutschland: die voraufgegangenen Reichstagsverhandlungen 
über die Konzilswalstatt. Warnung vor Betrügern. Ecks 
Personenkenntnis. Bitte nm Nachrichten. Würzburger Briefe. 
1535 Juni 1 Ingolstadt 

Aus Venedig Bibl. Marciana lat cl. IX, cod. 66 fol. 33. 

eigenh. Orig. 

Parata obseqnia pro salute. S m * pater *. verti in recessibus 
conta 4 quantum ad concilium attinet, Terum colluctatio de loco 
concilii quae in tractatu babito cum Caesare et statibus 5 , non 
est hic inserta. solent enim in recessu breviter attingi quae ali- 
quanto diutissime versantur a partibua; sed si quis haberet ephe- 
merides totius conventus, sicut habet R rau * Moguntinus cancellarius 
imperii, hic certior fieret de omnibus. nam obtulerant status 
Argentinam, Coloniam, Wormatiam, Constantiam ; Caesar contra 
Bononiam, Placentiam, Mediolanum et Mantuam. 

Estote fortes in proposito vestro et Deo coadjutore perficietis. 
solum compendiosiorem viam adeundi principes querite, ne videa- 
mini non dico neglecte ?el remisse agere, sed velle non cogi con- 
cilium. non cnrate si is vel alius dixerit de Moguntino, de Saxone 
Georgio, BrunsTicensi etc. haec est hominum malioia 6 . reperietis 
bonos principes et huic sancto negotio adfectos. solent ita nagari, 
in minoribus personis ludere, ut ?el amicitias dirimant aut existi- 
mationem extenuent. dolendum est hoc malum in Germanos mi- 
gTasse ut sciant fraudibus et dolis uti ac nihil interea mentiri 
verentur, adeo ut res tangi possit quare in primo coogressu 



1) Vergerio befand sich eben damals in ReReosburg: s. seinen Be- 
richt von dem nämlichen Tage wie obenstehender Brief Ecks in Nun- 
tiaturberichte I, S. 374—376, Nr. 146. 

2) Der Papst antwortete am 26. Juni: Nuntiaturberichte I, S. 433, 
Anm. 1.. 

3) Über den Anlafs dieses Schreibens s. Nuntiaturberichte I, S. 400, 
Anm. 1. 

4) Sic? 

5) Zu ergänzen: facta est oder ähnliches. 

6) Diese Anspielungen beziehen sich namentlich auf den bayerischen 
Staatsmann Leonhard von Eck; vgl. Nuntiaturberichte ebendaselbst. 

20* 



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222 



ANALEKTEN. 



animadvertite : si obviat bomo Candidus, syncerus, sibi Semper 
constans, inadulabilis, apertus, aperite et cor vestrum; si blan- 
ditur, si nugatur, si sibi minus constat, si bonos semper habitos 
proscindit, una manu panem ostentat, altera lapidem gerit: disqui- 
rite quorum habeat familiaritem, an non colludat com Lutheranis, 
an non nequiter se humiliet, ut aliquid clementiae aut indul- 
gentiae extorqueat, uti Melanchton bis fecit Cbampegio , multis 
mendacüs Simon 1 ille responsum cardinalis promulgans. utinam 
essem semper cum Paternitate Vestra B"**, cum quis esset 
allocuturu8 vos, ut decriberem hominis ingenium. novi ferme omnes 
majores et minores, doctos et laycos, Luteranos, Zvinglianos, Catho- 
licos et Semichristianos, quemque suis depingerem coloribus. 

Quo in statu sit negotium, aveo scire cum casualem nuncium 
habueritis, et omnino spero vos videre in aedibus nostris. literas 
Pernedero credite aat Qleicbbergio aut Martino Krelsdorffio: hi 
norunt, quando adsont Ingolstadiani. miram illis diebus nullus 
nuncius mihi occurrit. per Frisingam hec scribo et me et ne- 
potem meum Michaelem Knab R m * P. V. coinmendatos habeat. 

Ingolstadii 1 junii anno 1535. 

Si in literis Herbipolitanis est qnippiam quod me respicit, per 
Bonaventuram agite ut sciam *. 

121. Eck anVergerio: dessen Abreise. Besorgnisse wegen 
des Konzils. Bedauern, dafs Nuntius nicht nach Ingolstadt 
gekommen ist. PfrQndenangelegenheiten. 1535 Juli 2 In- 
golstadt 

Aus Venedig Bibl. Marciane lat cl. IX cod. 66 fol. 35, 

eigenh. Orig. 

S. P. Rev. pater et domine observandissime. ingemui pro- 
fecto multis ex causis, dum per literas Minervii intelligerem prae- 
properam abitionem tuam *; potissimum autem perturbat me quod 
verear sanctum negotium concilii impediri, id quod centenis jam 
annia frequenter factum est. quod ne fiat, manibus et pedibus 
contendas. alterum vero de quo indoleo, est ut abitione ista factum 
sit ne aliqaando Ingolstadinm invisas, quod tarnen mi erat per- 
suasissimum; nisi certo mihi id persuasissem, profecto non fuissem 
Passus te praeterire ex Eistet 4 , quin deduxissem te ad nos; nam 



1) Sic? 

2) Dies bezieht sich wohl auf eine Pfründensache; unter Bona- 
ventura ist vielleicht der Nuntiaturberichte I, S. 519 erwähnte messer 
Buonaventura Michiele zu verstehen. 

3) Vcrgerio war anfangs Juni aus Baiern an den Hof des römischen 
Königs nach Wien zurückgekehrt; s. die Nuntiaturberichte a. a. 0. 

4) Vgl. Nuntiaturberichte I, S. 389. 



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FRJEDENSBUKG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 223 



pleraque fuerant per universitatem com R na Paternitate Tna trac- 
tanda, et simul aedes nostras, ortnm, suppellectilem, librariam, 
Chartas, cronograpbicas varias et benefactorum arma suspensa 
vidisses. 

Tertium quia ea quae super praeposituris aliquando fueramus 
collocuti, ut ista certius conclusissemus, unde R. P. Tuae emo- 
lumentum et honor accederet ex legatione Germanica et ego pro 
mea parte studiorum meorom aliqnem fructum haberem. osten- 
dissem praeterea in quibua commonendus esset San m ™ Dominus 
Noster ad futurum concilium. jam restantia commemorabo. bulla 
super praepositura in Haugis est mihi remissa una cum instru- 
menta; nam constituti procuratores noluerunt onus in se sus- 
cipere, quod multi super ea praepositnra contenderint, quorum 
quilibet cpiscopi auxilium imploravit, qui voluit esse neutralis, 
quare ex ipsis non erat integrum se de negotio intromittere. 
insteterunt autem pro praepositura marchio Fridericus Branden- 
burgensis praepositus in catbedrali ecclesia ibidem *, d. Martinus 
Uessiken et d. Kilianus de Töngen. verum marchio obtinuit per 
electionem, licet a saeculo non sit auditum quod electio eomm 
sit sortita effectum. itaque nihil faciendum scio, licet provisio sit 
facta, antequam marchio electionem obtinuerit. si quid vultis fieri, 
rescribite. 

In canonicatu Ratisponensi adversarius mens d. Hanius adhuc 
instat; propterea jam scribo iterum Fabro et imprimis R mo cardi- 
naliTridentino 8 . cum ad eos veneritis, sollicitate etc. 4 Tridentinum 6 , 
ut illi scribat, ne modo consumat preces suas, sed expectet pin- 
gniorem, attenta praesentia vestra, quod providistis et quod ipse 
fuit negligens in insinuando. ego alioquin perdam illos centum 
florenos; esset nimia jactura Eckii. instant adhuc pro expe- 
ditione literarum Eckius super canonicatu Ratisponensi; prior 
praedicatorum Ratisbonae super supplicatione sua; Gotfridus de 
Gronbach filius domine de Stauff 6 ; abbas Caesariensis 7 pro confir- 
matione pensionis nepotis sui. si quicquam possom facere aut ex- 
hibere obseqnii, jubete et factum putate. valete et salvete. 

Ingolstadii 2 julii anno gratiae 1535. 



1) Kollegiat- und Pfarrkirche in Warzburg. 

2) D. h. in Würzburg; vgl. Nuntiaturberichte I, S. 477. 

3) Bernhard Clefs, Bischof von Trient 1514—1539, Kardinal 1530, 
Kanzler König Ferdinands. 

4) Sic! 

6) Orig.: Tridenti, mit einem hakenähnlichen Zeichen. 

6) D. i. Argula von Stauffen, die an einen Herrn von Grumbach 
verheiratet war. 

7) D. i. Konrad Reutter, Abt von Kaisheim (oder Kaisersheim), 
Cistercieoserkloster bei Donauwörth. 



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ANALEKTEN. 



122. Eok an Aleaader: erbittet Aleanders Verwendung, 
damit ihm seine Pension aus den Einkünften der Würzburger 
Dompropstei nicht verloren gehe. Klagt über das widerspruchs- 
volle Verhalten Pauls III. in dieser Angelegenheit und über 
seine eigene Vernachlässigung durch die Kurie. Bittet um 
Antwort. 1536 Dezember 15 Ingolstadt. 

Aus Cod. Vatic. 6199 fol. 139 ab , eigenh. Orig.; von Aleanders 

Hand: Eomae 3 jan. 1537. 

8. p. et paratissima obsequia. K me pater et patrone obser- 
vandissime. 

Hodie per literas certiorem me reddidit amicus Amplitudinem 
Tuam in urbe modo agere; unde non modicom exhilaratus tuo 
maxime confisus patrocinio, quem non dubito velle, sicut et posse, 
rebus meis consulere. nosti in primis nihil me sub Adriano et 
demente pontificibus assecutum pro laboribus, posteaquam nebu- 
lones aliqui breve gratiosum Clementis papae retinuerunt, ut 
nunquam pervenerit ad uspectum meum, tantum valet invidorum 
malitia. pontifex Paulus accepto quarto homiliarum de sacra- 
mentis ac enchiridio locupletato 1 misit breve accumulatissime 
gratiae super Herbipolensi, Bambergensi et Frisingensi ecclesiis: 
addidit breve benivolentiae plenum, ubi excusat cur tardius Sanc- 
titas Sua gratiam sacerdotiorum duorum miserit*. at cum ex 
eventu gratia mea facta est uberior et locupletior ex obitu mar- 
chionis praepoeiti Herbipolensis *, forte poenituit pontificem bene- 
ficii in me collati; nam non attenta gratia michi plenissime data, 
jure quaesito, posseesione adepta per Mauricium Hutenum (est 
de Butbenicis Hutenis, non de Alatis, ex quibus fuit illnd mon- 
strum Ulricuß 4 ) pontifex mittit unum breve post aliud contra 



1) Enchiridion locorum communium adversus Lutheranos: zuerst 
1525 erschienen; 1536 in siebenter Auflage, mit einer Titelvignette, die 
das Wappen Pauls III. darstellt, und einem Gifickwunschschreiben an 
den Nämlichen: Wiedemann S. 539. 

2) Über diese zwei Breven (vom 22. und 27. Juni 1636) s. Nun- 
tiaturberichte II, S. 84, 1. 

3) Des oben erwähnten Friedrich von Brandenburg. Ober die Wei- 
terungen, die durch die Erledigung der reichen Propstei hervorgerufen 
wurden, vgl. Nunttaturbericbte IV, 8. 172, Anm. 1, wo auch von Eck 
die Rede ist, dessen Anwartschaft auf eine Pension aus den Gefällen 
der Propstei durch die Verleihung der letzteren an den papstlichen Ne- 
poten Kardinal Farnese bedroht schien. 

4) Vgl. auch das folgende Stück: non illum alatum, sed Hutenum 
de virunculo Tartarico. Eck spielt auf die Wappenschilder der Hutten an: 
die Linie Steckelberg, zu der Ulrich von Hutten gehörte, hat an dem Helm 
des Wappenschildes zwei Flügel; wogegen die Linie Stolzenberg, deren 
Mitglied der Propst, spätere Bischof von Eichstädt, Moritz von Hutten 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 225 

Hotenum, et ita contra me: et illa brevia sibi inutuo ad- 
versantur, adeo ut esset in nomine vulgari una verecundia toties 
pognare in dictis. in primo brevi mandat San™" Dominus Noster 
michi dari possesionem; mox in alio prohibet dari alicui posses- 
sionem, nisi habeat literas provisionis expeditas sab plambo : illud 
factum est in odium mei, licet de gratia Dei ante assecutus sit 
possessionem Hutenus quam insinuaretur breve. tertium rursus 
breve jubet dari possessionem R mo cardinali Fameeio, non habita 
mentione prioris mandati, et quo se vertat quispiam in hoc laby- 
rinto mandatorum, ut non aberret? quartum autem breve omni 
maxime juri et rationi adversatur, cum papa tollit actionem spolii, 
certo contra omne jus divinum, naturae et positiv am. 

Interea egregie contemnor et tan quam indig-nus nullum accipio 
responsum: scripsi San™* Domino Nostro, cardinalibus, procura- 
ioribus, at ceratis auribus me praetereunt rogo propterea R™*™ 
P. T. pro solita in me dementia, faciat viam 1 San -0 Do- 
mino Nostro et cardinali Campegio, ut laborum meorum memores 
*t juris quesiti cessent michi esse molesti et gratiam semel con- 
cessam faciant manauram. et dignetur R"* P. T. paucissimis me 
certiorem reddere quo in statu sit negotium: an ne pontifex ita 
velit abjicere Eckium et ex jure quesito deturbare, quomodo non 
spero. tantum mihi polliceor de Amplitudine Tua et amanti pau- 
cissima verba sufficiant. expertus es labores meos pro honore 
sedis apo8tolicae, qui etiam in futuro concilio San -0 Domino 
Nostro non essent defuturi. vale foelicissime, vir incomparabilis. 

IngoUtadii 15 decembris anno gratiae 1536. 

123. Eok an Ale ander : klagt, dafs man ihm aus Rom 

nicht schreibt; befürchtet Verlust von Briefen. Hofft, dafs der 
Papst sich durch Aleander bestimmen lassen werde, ihn bei 
der Pension aus den Gefallen der Würzburger Dompropstei und 
Moritz von Hutten im Besitz der Propstoi selbst zu erhalten. 
Empfiehlt Hutten, der nach Born reist. 1537 Februar 4 In- 
golstadt 

Aus Cod. Vatic. 6199 fol. 154, eigenh. Orig., mit Vermerk Ale- 

anders: Bomae 23 martii. 

Salutem et paratissima obsequia, R me pater, patrone et Me- 
cenas. totiens jam scripsi ad urbem, nemo respondit, nec Echo 
quidem; Campegius et Aleander mirum dictu, ipsisdimi patroni 
Eckii, silent. cum re opus est, nemo mihi adest: alioquin montes 



war, auf dem Helm einen rechts gekehrten, rot bekleideten bärtigen, 
mit einer roten, ungarischen Mütze bedeckten Rumpf zeigt 
1) Sic? 



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226 



ANALEKTEN. 



promittitis. verum ex orbe habui litteras amici omnia bona mihi 
promittentis de domino meo Brundusino; et quod plus est, scripsit 
amicus dominum meum R maB> Brundusinum etiam literas michi 
scripsisse: at velut michi obtigit cum literis meis non fidel iter 
praesentatis , ita vicissim nebulonum malevolentia literas patro- 
norum meorum intercipi! verum ut veniam ad institutum, oro, 
rogo, obsecro per veterem amicitiam, per genium tuum studiosis 
omuibus amicum, per omnes labores Eckianos, age patronum Eckii 
in causa praepositure Herbipolensis, nam omnes docti frigefient, 
si audierint Eckium a pontifice bic repelli et repudiari. non refrico 
quae Gumpenbergius nobis minatur, declarationes mentales, reser- 
vationes pectorales, antidata, sinistras et omni juri dissonas inter- 
pretationes : unum hoc rogo et obsecro, insta apud San n " m Domi- 
num No8trum ut patiatur Sanctitas Sua Eckium gaudere, uti et 
frui privilegio et gratia: ac Huttenum (non illum alatum sedis 
apostolicae ac fidei hostem ex professo, sed Huttenum de virun- 
culo Tartarico, hoc enim est maxime insigne nobilitatis Francicae) 
faciat ad vitanda scandala, ad continendam nobilitatem Francicam 
in obedientia apostolica, manere in possessione semel obtenta 
concordibns votis R mi episcopi et capituli Herbipolensis. rogo 
eruditam et prudentem animam Aleandri, San 100 Domino Nostro 
exponat quomodo patiantur tot mala ab hereticis episcopi et 
canonici : acti sunt in exilium Constantiae, Curiae, Basileae, Made- 
burgi, Bremae, et jam novissime Augustae, et summus pontifex, 
qui deberet esse pater ecclesiarum, Teilet ecclesiara Herbipolensem 
gravare et molestaro. tantum fidei tibi tribuo, ita mihi persuadeo 
et polliceor ut domino Mauricio Huteno, qui hac causa Bomam 
profici8citur, in nulla parte desis; ego vicissim fidei negotio, sedis 
apostolicae honori et tuae dignitati nunqoam deero. me com- 
mendo commendatissime et syncerissime, atque adeo ipsum Hu- 
tenum. 

Ingolstadii 4 februarii anno gratiae 1537. 

Job. Eckius pauperculus theologus. 

124. Eok an Kardinal Glrolamo Ghlnnool 1 : Aufzäh- 
lung der Kardinäle, denen er zu schreiben gewünscht hätte, 
wenn ihn nicht Geld- und Zeitmangel gehindert Campeggi. 
Quirinus Galler. Die Angelegenheit der Würzburgischen Propstei. 
Die Konzilsfrage. Romreise einstweilen aufgeschoben. Bitte 
um Ghinuccis Verwendung bei Farnese. Die Bundesversammlung 
zu Schmalkalden; anwesende Oratoren und Fürsten. 1537 
Februar 18 Ingolstadt. 



1) Girolamo Ghinucci, früher Uditore della Camera apostolica^ 
Kardinalpresbyter Ut. S. Balbinae 1535, gest. 1641. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 227 



Aus Cod. Vatic. 6199 fol. 110% eigenh., ohne Anrede; auf dem 
Rücken von Aleanders Hand: D. Eckii ad R mum Ghinuccium. — 
Erwähnt Nnntiaturherichte IV, S. 172,1 ans einer von Aleander 
besorgten Abschrift in Cod. Yat 3919 fol. 189. 190. 

R mi " cardinalibus, quos arbitramini mihi profatnros, praecipne 
principalem R mom vicecancellarium Farneeiom, R mam dominom Capu- 
anum 1 t R mnm dominum Simonetam, qui auditor michi bene voluit, 
8pero qnod cardinalis sit propensior, R mu,B dominum de Pucciis 
pro veteri familiaritate , H mnm dominum de Jacobatiis, de quo 
spero patrui, optimi viri in me benevolentia in eum haere- 
ditario jure defluxerit, R m0B cardinales Theatinum 8 , Verulanum, 
Sadoletum et Veronensem 4 confido totos Eckianos fore, nisi desie- 
rint esse quod fuerunt. R 1 ™ 9 dominus cardinalis de Contarenis 
de facie est michi ignotus, sed omnia bona michi polliceor ex 
fratri8 sui humanitate, domini Marci Antonii illuetris dominii 
Veneti apud imperatorem Carolum oratoris 6 , post Nicolaum Theu- 
pilnm 6 . praetereo Senensem Picolominium, Tranensem, Ravenna- 
tensem, Grimannum, Cesium, Caesarinum, Salviatum, Rodulphum: 
ferme fueram oblitus Trivultii, qui non vulgariter me amavit. 

His omnibus singulis singulas literas scripsissem; verum ex 
inopia et parcitate sedis apostolicae non habeo amanuensem; ora- 
tiones jam in quadragesima sunt prolixae, lectiones theologicae in 
scholis erunt continuae; revidendum novum testamentum pro calco- 
grapho in lingua nostra contra depravationes luderanas 7 ; epi- 
scopo cuipiam facienda hac septimana instructio pro synodo pro- 
vinciali: haec impediunt ne plura scribam. tu vero, R m * pater, 
si recte faveris Eckio, unus eris pro mille 

Scribo R mo cardinali Campegio, a 26 annis michi familiariter 
noto, etsi aliqui moneant me ut eum devitem; verum tanta est 
mea in Suam Paternitatem fiducia, nt nolim de ejus fide dubitare, 
nisi in sole, ut dicitur, experiar contrarium. scio literas ad eum 



1) Nikolaus von Schömberg, Erzbischof von Capua 1520, Kardinal 
1535, geat 1537. 

2) Chri*8toforo Jacobacci, Kardinal 153G, war der Neffe des Do- 
minico Jacobacci, Kardinal 1517, gest. 1528. 

8) Gioyanni Pietro Caraffa, Kardinal 1536, Bischof von Chieti 
(Theatinus) 1537, gest. 1559 als Papst Paul IV. 

4) D. i. Bischof Giovanni Matteo Giberti, der aber nicht Kar- 
dinal war. 

6) Vertreter Venedigs beim Kaiser 1533—1535: Venetianische De- 
peschen I, S. XI. 

6) Nicolö Tiepolo. 

7) Vgl. Wiedemann S. 615 ff.; nach dessen Urteil (S. 619) ist 
die „Eckische Übersetzung unstreitig die schlechteste aller Bibelfiber 
Setzungen in die deutsche Sprache; die Sprache ist das elendeste 
Deutsch, welches im 16. Jahrhundert gedruckt wurde". 



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228 



ANALEKTEN. 



fore interceptas; utinam vel unas literas acciperem ab urbe, a viro 
bona« opinionis. Gumpenbergii scripta accipio academice aut 
potius pyrrhonice. si R m * P. V. rescribere velit, faciat hoc per 
dominum Qairinum Galler \ qui apud nos est reputatus verax et 
fidelifl. 

Urgete dominum vicecancellarium ut acceptet concordiam pro 
intruso *, qui forte vult dare 400 aut 500 ducatos pensionis 
annuae et me reddere contentum in 500 fl. ecce, cardinalis plus 
habebit ex illa praepositura; qui solos verum babeo jus ad illam, 
tarnen tarn modico sum contentus. bic est scopus apnd me: si 
spolior jure meo super praepositura, non serio agitis de concilio 
celebrando, sed Christianitati verba datis, velut jam centum annis 
factum est post schisma Basileae exortum. 

Constitueram apud me invisere Romam ac tantum clamare 
apud San n,um Dominum Nostrum ac sacrum conlegium ac singu- 
lares personas, ut votorum compos fierem; verum III"" meus 
Bavariae princeps noluit adsentire; pluribus causis allegatis vult 
ut differam usque ad pascha, cui merito et jure obtempero. 

Te autem, K mam ac pientissimum patrem ac patronum, imploro, 
invoco, rogo, oro atquo obsecro, ut pro singulari tua industria et 
rerum agendarum maxima prudentia ac summa experientia 
dirigat negotium meum in bonum et felicem exitum, et quidem 
quam citissime jus! queaitum non tollatur, scandala vitentur, ratio 
Eckii habeatur, intrusus non moveatur loco, R" M Farnesius oblata 
pensioue sit contentus, quam etiam micjii potius ex sua liberal i- 
tate condonare deberet in Stipendium laborum meorum, ut editis 
libris suam magnificentiam toti orbi decantarem: habet enim 
majora, quid inbiat parvis 5 ? 

De causa luderana quid scribam? quotidie serpit in Ger- 
mania, ut in alia Scheda adnotavi *. taceo de Anglia et Dania: 
timemus multum ne conventus damnati oppidi Schmalchalden 5 
nobis quid mali adferat, nam illic sunt oratores Caesaris, regia 
Romanorum, regum Galliae, Angliae et Daniae; in propria per- 
sona sunt elector Saxo, dux Wirtembergensis , marchio Branden- 
burgensis Georgius, lantgravius Hassiae et dux Lunenburgensis, 



1) Erwähnt als scriptor apostolicus: Nuntiaturberichte II, S. 76, 
Anm. 2; als Notar der RoU ebendas. Bd. IY, S. 236, Anm. 4. 

2) Moritz von Hutten? 

8) Ein Schreiben Ecks an den Papst vom 1. Marz 1537, dem er 
eine Erörterung Ober die Abstammung der Farnese beilegte, ist er- 
wähnt in Nuntiaturberichte, Bd. IL, S. 179, Anm. 1. 

4) Hiermit ist wohl der von einem Freunde aus Nürnberg Eck zu- 
gesandte Bericht gemeint, der aus einer Abschrift im Cod. Vat 3918 
in Nuntiaturberichte, Bd. II, S. 128, Anm. 2 abgedruckt ist. 

6) Vgl. Nuntiaturberichte, Bd. II, S. I27ff. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 229 



Hemricus Hechelbargen sis ac princeps de Anhalt Wolfgagnua 
cum multis civitatibua. boni consulite meas ineptias, quas ne- 
cessitaa extorsit, et yalete feliciasime. 

Ingolstadt 18 februarii anno gratie 1537. 

125. Eck an Aleander and Blosio Palladio ] : Dank 
für ihre Mitwirkung bei der Ordnung der Würzburgischen An- 
gelegenheit Vorsatz, ein schon begonnenes Werk über den Pro- 
pheten Maleachi dem Kardinal Farnese zu widmen. Klage 
über Vergerio, der Eck inbetreff eines ihm streitig gemachten 
Regensburger Kanonikats im Stiche läfst. Besorgnis, dafs die 
Lutheraner das Konzil zu hintertreiben versuchen. 1537 Sep- 
tember 5 Ingolstadt 

Aus Cod. Vatic. 6199 fol. 155, eigenh. Orig.; mit dem Vermerk 
von Aleanders Hand: 8 octobris. gratias agit ob procuratam 

pensionem 300 flor. etc. 

Paratissima obsequia pro salute. amplissime pater. essem 
profecto vehementer ingratus, si Amplitudini Taae ac domino 
Blosio perpetua animi gratitudine non officiosissime responderem, 
cum in re tarn difficili, tautis conatibus agitata, contra viros 
tanti nominis ac dignitatis tarn fidoa ac integros amicos, bene- 
factores et Maecenates tos exhibueritis: qnare si res non eum 
finem est sortita quem optabam *, in tanta tarnen difficultate ac 
tot perplexis dubiis gratias ago Deo, finem tarnen comicum 
tragediae isti subsecutum. studebo impensius gratitudinem osten- 
dere non modo sedi apostolicae ac San* 0 Domino Nostro, sed et 
optimo principi cardinali Farneeio a pedibus serviam et, quod 
hortamini, libello aliquo nuncupato humanissimum ac beneficum 
adulescentis an im um nostratibus declarabo. ante enim severiora 
studia hiemis mox receptis litteris vestris (ut sciatis nunquam 
vo8 frustra Eckio mandata daturos) revolvi praelectiones meas in 
auditorio theologico publice factas et incidi in Malachiam pro- 
phetam. confestim laborem annorum no?em ursino more lam- 
bendum desamo et jam succisivis horis torno ac levigo. expolitum 
sub praelum mittam, ut orbi terrarum sub auspiciis ß mt vice- 
cancellarii cardinalis Farnesii divulgetur *. interea in officio veetro 
persistite et me R n,M suae Amplitudini commendate. quod vero 

1) Blosio Palladio, päpstlicher Sekretär, Bischof von Foligno 1640, 
gest 1550. 

2) Es handelte sich noch immer um die Einkünfte der Würzburger 
Propstei, aus denen Kardinal Farnese auf Anhalten Aleanders und 
Blosios Eck eine Pension ton 300 fl. gewährt hatte; s. o. die Quellen- 
angabe sowie Nuntiaturberichte, Bd. IV, Nr. 241. 

3) Über diesen Vorsatz und wie weit er zur Auaführung kam, siehe 
•die nächstfolgenden Briefe. 



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230 



ANALEKTEN. 



ad te attinet, R m * archiepiscope et humanissime Blosi, vester 
sum cliens ac servitor perpetuo, nunquam tanti beneficii 
immemor. 

Quanto antem vigilantior extitit Amplitudo Tua, Brundusine, 
in negotio Eckiano, tanto negligentioreni experior dominom Petmm 
Paulum Vergerium, sedis apostolicae nuncium, qui me adegit ut 
canonicatum Ratisbonensem susciperem; et dum Iis michi move- 
tur, consilio Fabri et Otonelli eui 1 gentilibus suis mandatum 
transmisi: Uli me derelinqaant indefensum, ut jam sententia in 
limine sit super qua re Vitus Krumher *, si ita opus fuerit, 
R Tnmm P. T. informabit. nichil egu curo de canonicatu; lubens 
cedam: modo litigans diluat michi expensas possessionis adeptae; 
in has enim me conjecit fraude sua. sitit ille pensionem quam 
dare non possum: ad nichilum enim michi conducit. si michi 
non fuisset mota Iis, resignassem alioquin docto alicui et catho- 
lico viro; utcumque servum domini non decet litigare: Tellern 
hac liberari molestia. Hutteni adventum adhuc expectamus. 

De concilio generali quando certi aliquid intellexerit, me faciat 
certiorem : seit ß m * P. T. quam notus sim episcopis et prineipibus : 
illi tarn frequentes ad me scribunt. id sibi persuadeat sedes 
apostolica nichil aeque Lutheranos omnes timere ac concilium; 
nnde omnem lapidem moTebunt ad concilium avertendum. si 
quiequam egerint cum Mantuano 9 , ignoro; tarnen multi multa 
suspicantur. Terentur enim schismatici, ne in concilio expeditio 
generalis contra eos concludatur. 

Valete et sahete feliciter, B™* pater ac humanissime Blosi. 

Ingolstadii 5 septembris anno gratiae 1537. 
E. R w P. ac praeclarissimae humanitatis 

deditissimus 

serTitor 
J. Eckius. 

126. Cok an Aleander: die Vereitelung des Mantuaner 
Konzils und die Lutheraner. Gebrauch der deutschen Sprache 
seitens der letzteren. Pamphlete und deutsche Scherzgedichte, 
die er gern nach Rom schicken würde, wenn ein anderer das Porto 

1) Ottonello Vida, Auditor und zeitweise Stellvertreter des Ver- 
gerio während der Nuntiaturen dieses; Tgl. Nuntiaturberichte, Bd. I. 

2) Langjähriger Sachwalter Ecks in Rom, s. u. mehrfach. 

3) D. i. der Herzog von Mantua, dessen Hauptstadt bekanntlich 
zur Malstatt des Konzils ausersehen war. Eck will also saßen, dafs 
die Lutheraner auf den Herzog, aus dessen Gegenforderungen der Papst 
Anlafs nahm, um am 1. November 1537 die Prorogation auszusprechen, 
eingewirkt haben könnten. Vgl. Nuntiaturberichte, Bd. II, S. 49 und 
S. 426 ff. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 231 



bezahlen wollte. Glänzende Aufnahme Poles und Gibertis in 
Batern. Stand der Arbeiten an Maleachi. Galler und Krumher. 
Grufs an Blosius. 1537 Oktober 8 Ingolstadt. 

Aus Cod. Vatic. 6199 fol. 156, eigenh. Orig.; von Aleanders 

Hand: ßomae 24 novembris. 

Parata obsequia pro salnte, B™ 0 pater ac patrone. Luterani 
miras [injjurias evomunt contra neglectum concilium Mantuanum; 
adhec Luder contra partem evangelii (ita ludere sibi videtur 
nebulo) de donatione Canstantini K nomine etiam regis Angli 
maximas emiserunt contumelias adversus sedem apostolicam et in 
ea sedentem ac omnem statum Bomannm et, qua fraude jam 
viginti annis usi sunt, omnia in vernacula lingua Germanica, quo magis 
alliciant et seducant plebem. belli homines epigrammata et epi- 
taphia criminationum plenissima publicarunt contra honorem et 
famam Bomanorum pontificum Sixti, Innocentii, Alexandri, Julii, 
Leonis etClementis: omnia terribilia; et quod est eorum farinae, 
post carmina subjecerunt rythmos lingua vernacula pejores car- 
minibns, omnia plena sunt aculeis et punctionibus. 

Et profecto multi pusilli scandalizati sunt ex prorogatione 
concilii, cum concilium abierit in ventuin. 

Illa omnia mitterem pontifici ad urbem, at neminem audio 
qui postam velit contentare. novit B m * P. T. me ubique prin- 
cipibus et praelatis cognitom, et ita celeriter ad me perferuntur. 

B mus cardinalis Beginaldus Polus et B raoa antistes Veronensis 
hac iter fecerunt *. quanto honore dux meus tractaverit eos, ipsi 
melius narrabunt: nam quampridem rescivit eos in terra ditionis 
suae, mox in suas impensas excepit et solemniter fecit dedncere 
via bona et plana usque ad fines territorii sui; providit de op- 
timis piscibus (qui vix alibi sunt meliores quam in Bavaria), vinis 
et feris, imo curavit ut eis fierent venationes ante oculos cum 
tot cervis et hinnulis et in conspectu eorum sagittis conficie- 
bantur. doluit princeps quod non rescivit quam primum in- 
gressi sunt provinciam suam, voluisset etiam eos ex omnibus 
hospiciis liberasse. 

Malachias est in calce adornationis suae. si vel dominus 
Quirinus Galler vel Vitus Krumher meo nomine te imploraverint, 



1) „Einer aus den hohen Artikeln des allerheiligsten päpstlichen 
Glaubens, genannt Donatio Constantini, durch D. M. Luther verdeutscht, 
in das aufgeschobene Konzil von Mantua.". Köstlin, M. Luther, 
Bd. II, S. 405. 

2) Pole war bestimmt gewesen, begleitet von Bischof Giberti von 
Verona, als Legat nach England zu gehen, kam aber nur bis in die 
Niederlande und kehrte von dort im Herbst 1537 durch Deutschland 
nach Italien zurück. Dittrich, Contarini, S. 444. 



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232 



A.NALEKTEN. 



fac quod Semper fecisti, hoc est patronum presta. valeat et salva 
sit Amplitudo Tua in longos annos. 

Ingolstadii 8 octobris anno gratiae sesqnimillesimo 37. 

Blosio meo homini occupatissimo, magno tarnen Maecenati meo, 
omnia bona opto. 

127. Eok an Aleander : Schwierigkeit, den Kommentar Ober 
Maleachi zum Druck zu bringen. Fortdauernde Unsicherheit 
über das Konzil. Aussterben der alten Generation der Glaubens- 
kämpfer; die neue Generation ist weniger zuverlässig. Das ihm 
bestrittene Regensburger Kanonikat; schändliches Verhalten 
seiner Prozefsgegner. Augsburg uud Nürnberg. Neue Er- 
klärung der Zwinglianer Ober die Eucharistie. Ecks Brief 
an den Papst Über Aleanders Übergehung im Kardinalst 
Empfehlung Krumhers. Grafs an Blosio. 1537 Dezember 11 
Ingolstadt. 

Aus Cod. Vatic. 6199 fol. 140 — 141, eigenh. Orig.; Ton Aleanders 

Hand: 18. jan. 1638. 

Paratissima obsequia pro salnte cum sui commendatione, B me 
archipraesul et patrone observandissime. quod nuper sum polli- 
citus, praestiti quantum ad me attinet; nam commentariolnm in 
Malachiam expolivi B m0 cardinali Farnesio dedicandum ; cum autem 
calcographi civitatum imperialium vicinarum non permittunt ein- 
cubrare nostra, ambigo ubi locorum in praelum mittam. jam in 
tractatu emptionis versor calcographiae instructae, non quod ego 
hujusmodi aleam subire velim, hominum fraudes jam in Senium 
vergens experturos; sed ei quae parva scriberem, brevi ederero, 
missis a calcographo aliquo faventi servitoribusad hanc artem paratis. 

Rogavi praeterea R mum p. T. ut si quid de concilio futuro 
statueretur, id michi cum primis significaret. expectavi literas 
Amplitudinis Tuae; at ubique auditur rumor, volant literae, Vin- 
ceutiae esse tralatum concilium: at bullam desuper emanatam 
nondum vidi, si 8an IDas Dominus Noster omiserit celebrare con- 
cilium, ve Germaniae, ve Angliae, ve Daciae Svetiae Norvegiae: 
et quando erit finis discessionis, usque quo revelabitur filius per- 
ditionis? 

Docti viri et integri, quorum syncera fides erat perspecta, 
paulatim deficiunt; recentium pleromque suspecta. obiit Emserus, 
Hohstratus, Wimpina, Lempus \ Dietenbergius *, Kölhin *, üsin- 



1) Jakob Lemp, gest. in Tübingen 1532. 

2) Johannes Dieteoberger, gest. in Mainz 1537. 

3) Konrad Köllin, Dominikaner, gest. in Köln 1536. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 233 



gius, 1 , Detzelius *, Sasgerus 8 et plures alii; oriuntur Hanerii, 
Wicelii, Galli 4 etc., quibus non integre fido, quia petias vetustatis 
a Lutero nobis adferunt. quod si coram dabitur de his colloqui 
in concilio, intelliges animura Eckii pro more apertom et can- 
didum. 

Scripsi prioribns literis B mM P. T. de negotio canonicatns 
Batisponensis, non quod ambiam ipsum; sed cum fraade et dolo 
adveraarius et saus procarator, dolis consutissimus , neglexerint 
insinuare preces, immo procurator saus dolose isto die se absen- 
ta?it, et ego quasi coactns recepi possessionem , capitulo prius 
requisito cum testibus ac notario, an ne preces r egal es extarent; 
qni capitulariter et privatim dixeront nihil sibi constare de 
precibus. itaque cum impensis centum florenornm accepi posses- 
sionem. facile contemno canonicatum; solum peto nunc per sedem 
apostolicam consuli ut expensao resarciantur, quas fraude et dolo 
adversarii passua sum. et hoc credo de jure mihi deberi, quia 
pro sedis apostolicae honore et obedientia accepto brevi apostolico 
comitatns sum nuncium apostolicum non inutiliter: mercedem 
nullam peto, sed sopplico ne obsit michi com itatos ille. forte 
prodesset fieri supplicationem ad San nnm Dominum Nostrum , ut 
revocaret causam Ulam ad se et committeret vel cardinali vel 
episcopo Palatino [?el] praelato alicui domestico 6 , qui aequum et 
decens respiciendo, viso quod Eckius fuisset in servicio Sanctitatis 
Suae ac sedis apostolicae et nuncius apostolicus providiaset ei, nemine 
comparente cum precibus regiis, imo procuratore dolose se sub- 
trahente, Sanctitas Sua nollet suum servitorem et sedis apostolicae 
devotom ex hoc degravari etc. facile tunc peireniretur ad con- 
cordiam, aut quod refunderet michi impensas aut alio bono medio 
absolverer. 

Vide, optime archipraesul, quam insaniant nostri. adversarius 
mens dives est, canonicus est, parochus est multarum ecclesiarum, 
cancellarius est episcopi Brixinensis. rogavi eum supplex ut at- 
tentis laboribus meis pro fide habitis hanc parvam faceret michi 
gratiam, ut differret preces ad proximam vacationem et meis im- 
pensis purgaret preces: nihil potui ab ingrato impetrare, etiam 
Regia Majestate per episcopum Yiennensem et cardinale Triden- 
tino per magistrnm curiae instantibus. in tanto pretio sumus 



1) Bartholomäus Usinger, Mitarbeiter an der Konfutation. 

2) Der bekannte Ablafsprediger Johann Tetzel war schon 1519 ge- 
storben. 

3) Kaspar Schatzgeyer, gest. in München 1527. 

4) Eck denkt vielleicht an den in dieser Korrespondenz mehrfach 
erwähnten Hanius cancellarius Brixiensis, seinen Prozefsgegner in Re- 
gensburg. 

5) praelato alicui domestico am Rande ohne Venreisungszeichen. 



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234 



AXALEKTEN. 



laborantes pro fide apud praebendosos illos Nemroth venatores, et 
hactenus tres fnerunt vacationes, tibi votorum compos esset factus. 

Posset San mtt " Dominus Noster causam advocare usqne ad fu- 
turum concilium. 

Si explicarem me ex hoc negotio et alio Ratisponensi, in- 
sisterem tranquillitati studiorum meorum nec unquam me intru- 
derem negotiis sacerdotiorum , etiam si pro episcopatu agendum 
esset: mallem cedere quam litigare. 

Augusta indies fit insolentior; Nurinbergenses sunt mitiores, 
non tarnen videntur ex animo micbi favere sedi apostolicae. denuo 
Turegii convenerunt Zuingliani, etiam tuus mendax Capito, et 
consenserunt verum corpus Christi realiter existere sub eucharistia, 
non solum ex fide accipientium. boc faciunt diabolo instigante, 
non quod ament veritatem, sed quia ex boc dissidio Lutheri et 
Zuinglii vident eorum novitates suspectus populo. 

Forte legisti literas ad San rann> Dominum Nostrum pro tuo 
bonore datas, in quibus profecto non deficit micbi seges et materia 
te laudandi; sed oratio me destituit barbarum et inelegantem, 
magistrum Yitum Krumber, cui onus sollicitandi res meas im- 
posni, babe commendatum in meis et suis; domino Blosio ho- 
mini candidisshno omnia bona precor, scio me huic plurima debere, 
qui et a tempore Leonis optimi pontificis semper magno favore 
me est prosecutus. opto vos foelicissime valere. 

Ingolstadii 11 decembris 1537. 

128. Eck an Aleander: Rückkehr seines Bruders Simon von 
Aleander, freilich ohne Briefe dieses. Zunahme des Luther- 
tums in der Oberpfalz. Das Edikt Kurfürst Ludwigs und 
Ffalzgraf Friedrichs. Die Konzilsfrage. Mitteilungen des 
Bischofs von Augsburg über eine projektierte Gesandtschaft 
der lutherischen Fürsten an den Kaiser; Eintreten erstem für 
die Clevische Nachfolge in Geldern. Nachlässigkeit des Papstes 
und des Kaisers. Antikaiserliche Haltung der Lutheraner. 
Was dem Kaiser zu tbun obliegt Todesfälle in den Reihen 
der Vorkämpfer des Katholicismus in Deutschland; die Über- 
lebenden. Empfehlungen; Eck mit dem zufrieden, was er be- 
sitzt Streitschriften. Eine streitige Pfründe. 1538 De- 
zember 2 Ingolstadt K 

Aus Parma Arch. di Stato Carteggio Farnesiano, gleichzeitige 

Abschrift. 

Paratissima obseqnia cum sni commendatione pro salute. R a ° 
in Christo pater ac patrone pientissime. quod fratrem meum tam 



1) Ich verdanke die Abschrift dieses wichtigen Briefes, sowie der 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 235 



liberaliter dimisisti \ ago gratias, paratus Semper inseryire Ampli- 
tudini Tuae, ubi ubi potero, licet primo subtristis fuerim, cum 
nullas adferret tuas literas; sed hoc tribuo occupationibus tuis 
majoribus, et forte quae volles me scire, non tuto literis com- 
mendantur: ita draconis custodia omnia observant Lutherani. 

Arbitror me nupor scripsisse quomodo Cancer Ulias haoresis 
serpat per superiorem Palatinatum, ubi dux Fredericus dominatur. 
per literas enim princeps elector et ipse 8 permiserunt liberum 
subditis eligendi praedicatores , qui pure, inpermixte et darum 
evangelium praedicarent. et de communione sub utraque specie 
8cripserunt non se dare licentiam ea utendi, sed etiam nolint pro- 
hibere, sed eoram conscientiae permittere. quo factum est ut 
Amberga statim miserit Wittenbergam pro praedicatore et jam 
inceperint uti communione sub utraque specie et, ut mihi dicitur, 
sine confessione praevia. Monui ego episcopum vicinum quod 
una cum aliis vicinis episcopis deberent mittere nuncium ad 
ducem Federicum (eo enim absente publicatae faerunt hae litterae) 
in Brabantiam, ut inhiberet et revocaret banc terribilem licen- 
tiam, sed surdis cano fabulam. mirum quam Thrasonice glo- 
rientur Lutherani, dum jam babeant ex Bavaricis ducibus adsen- 
tientem. 

Episcopi aliqui et praelati saepe me inquietant literis et 
cupiunt scire quid sperandum de concilio; nescio Ulis respondere. 
Vellern tarnen eis dare bonam spem de San m0 Domino Nostro et 
futuro concilio, ei intelligerem ex Amplitudine Tua quidquid 
hujusmodi pro solatio et consolatione fidelium. recurrunt enim 
frequenter ad me, sperant se plus consolationis reperturos quam 
reperiant. heri accepi literas a R m0 episcopo Augustensi plenaa 
desperationis. misit tumultum Lutheranorum , qui excitatas fuit 
inter principes eo quod fama percrebnit Caesarem venturum in 
Brabantiam et praetexere expeditionem Turcicam, revera autem 
moliri bellum in evangelicos, et Caesar hoc promiserit pontifici. 
venit Hessus cum Lunemburgensi Lipsiam 8 ; supervenere mox alio- 
rum oratores. conclusum ut oratores destinarent ad Caesarem et 
vellent scire an pacem haberent in causa fidei ; quam si nollot 
promittere, instructo exercitu ei occurrerent. quod si etiam 
Iuliacensem invadere vellet imperator, renunciarent se non posse 
relinquere illum, quia ducatus Geldriae ad Imperium perticcat. 
ipsi in hoc non adversentur imperatori, sed duci Burgundiae cum 

des Briefes Nr. 147 der Güte des Herrn Archivdirektors P. Vayra 
in Parma. 

1) Über Aleanders damalige Legation bei K. Ferdiuand und in 
Deutschland s. Nuntiaturberichte, Bd. III. IV. 

2) Vgl. Nuntiaturberichte, Bd. III, Nr. 79 (S. 278 ff.). 

3) Vgl. Lenz, Briefwechsel Philipps von Hessen mit Bucer I, S. 52, 1. 

Z*iUchr f. K.-O. XIX. 2. 21 



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236 



AXALEKTEX. 



aliis. adjecit aliqua ncn comittenda literis, sed quae maxime 
terrent. 

Qaanto ergo San mu8 Dominus Noster diutius differt concilinm 
et Caesar differt consulere causae fidei, tanto res fit deterior. 
unus dncatus deficit post alium, nna civitas post aliam, unus no- 
bilis post alium. et imperator nedum estimet defectum religionis, 
sed experietur apud perfidos istos cadere obedientiam et reveren- 
tiam Romani imperii. Dispeream si Zoingliani et Lutherani no» 
8int adeo infeliciter fascinati et excoecati, ut mallent Turcam 
vincere quam imperatoiem: ita furiunt et insaniunt. nimia in- 
dulgentia Caesaris dedit ansam tantae perfidiae, qui si consilia 
marcbionis Brandeburgensis electoris , ducis mei Wilhelmi ac- 
Georgii Saxoniae ducis maluisset audire quam lavantium et prave 
mediantium, non impegissemus in has Syrtes et Symplegades. 
Caesar adbuc posset, si vellet, toties a regulis Gennaniae con- 
temptus, vindicare gloriam Dei et ecclesiae et suam, quoad per- 
sonam suam attinet et domum Austriacara. an non fait maximus 
contemptus, Hessulum expulso Austriaco restitnere bannitum ducem 
Wirtenbergensem ? et cum obex ille Gallicus, impedimentnm 
illud, fuerit amotum, quid est reliquum nisi quod Dei, ecclesiae 
et suam injuriam zelo justiciae ulciscatur? sed hactenus votia 
fidelium non fuit responsum. 

Porro, R me pater doctissimus ipse, doctorum suscipe patro- 
cinium et eos fove qui pro fide agonizant. incipiunt esse pauci» 
mortui sunt Tetzel, Emserus optimus, Wimpina, Usiüger, Ment- 
zinger Dietembergius, Schlupfius*, Scbatzgerus et alii plures. 
pauci sunt qui in eorum locum succedant. superstites sumus 
Vienenses episcopus, Nausea, Cocbleus et alii pauci, ex juibus 
sunt quos dijudicare nequeo. scio clauditationem fidelibus pro- 
bibitam. 

Fratrem doctorem Simonem R mM P. T. commendo et, si oc- 
casio offertur, Eckardo Joanni consulatur. pro me nibil ampliu» 
peto si his, quae habeo, non spoliabor. ecce babes theologum 
qui dicit: sufficit, nec plus petit 

Expecto ex praelo aliqua med ita ta nostra, quae ubi prodierint r 
mittam copiam. non enim pationtur Lutberani nt libri mei ex- 
cudantur apud eos, ideo exemplaria in Beigas mittere cogor. 

Quod Hanius cancellarius Brixiensis movit mibi lites anto 
biennium et sex menses (jam silet), ego libenter cedam canoni- 
catui Batisponensi, modo ipse ferat et restituat impensas per me 



1) Der bekannte katholische Theologe Johannes Mensiug lebte nocb 
1541 ; liegt ein Versehen Ecks vor oder wen hat er im Sinn? 

2) Johann Schlupf, Pfarrer in Überlingen, Teilnehmer an der Dis- 
putation zu Baden 1626 (Wiedemann S. 243). 



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FRIEDENSBUBG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 237 



factas in solatione statutorum. si quae occurrerint , postea scri- 
bam uberius. jam me R"* e Amplitodini toae commendo cum 
meis. si tantisper distulissem ponere fenestram tuam, jam rubeo 
esset omata galero. Deus sospitet B. D. T. in maltos annos. 

Ingolstadii raptim (ita soleo) secundo decembris anno huius 
saeculi 38 *. 

129. Eck an Johann Fabrl, Bisohof von Wien: Ab- 
wesenheit des letzteren. Ruprecht von Mosham: Absetzung; 
Erlebnisse in Nürnberg; Verlassen der Stadt; Schriften und 
Gegenschriften; Mosham und die Kurfürsten Pfalz und Mainz. 
Zunahme des Luthertums. Zustände im Öttingenschen, in Am- 
berg und in Cham. Sendung der Lutheraner nach Heidelberg. 
1539 Dezember 4 Eichstadt 

Aus Bibl. Vat cod. Vat 6404 fol. 139»— 140 b , gleichzeit Ab- 
schrift. 

R mo p.iter. qood in confinia Hungariae et Stiriae fueras pro- 
fectus, fecit tot literas meas minus acceperis post primas. 

Goliath illum superbum a Moshaim 2 30 octobris privavimus 
et depo8uimus per sententiam 3 . iste interea malo consilio venit 
Norimbergam (satius ei fuisset Augnstam vel Argentinam petere, 
ubi in fide omnis generis variatur). petiit a senatu ut eum re- 
ciperent sub eorum protection e, ut evangelium libere predicaret 
et librum suuro contra Rosinum 4 liceret sibi imprimere apud 
chalcographum ; in illo autem est injuriarum sylva contra papam, 
Romanam ecclesiam, Paternitatem Vestram et me. deputarunt sex 
ad eum probandum : duos antiquos civium magistros, duos doctores 
juris, duos predicatores Wenceslaum et Hosandrum 6 . sed quarta die 
dissensio facta est super justificationis materia, ubi Moshaimer con- 
stanter defendit opera contra Lutberanos, licet dicat fidem, quae 
sola justificet, a Papistis non intellectam. die quinto, dum redi- 



1) Ein weiteres Schreiben Ecks an Aleander, vom 7. Januar 1539, 
ist mitgeteilt in Nuntiatur berichte, Bd. III, S. 375 Anm. (Ebendaselbst 
auch Auszug eines Briefes Ecks an seinen Bruder Simon aus der näm- 
lichen Zeit.) 

2) Über Ruprecht von Mosham vgl. Reusch in Allgem. deutsche 
Biogr., Bd. XXII S. 393 f., und Schrödl in Wetzer und Weltes Kirchen- 
lexikon, Bd. VIII', S. 1964 f.; s. auch einen froheren Brief Ecks Ober 
Mosham, Nuntiatur berichte, Bd. IV, S. 588. 

3) Eck war, wie er spater berichtet (unter S. 261) vom Bischof 
von Passau zu dem Prozefs gegen Mosham als „inquisitor" zugezogen 
worden. 

4) Wohl der Domherr Stefan Rosin in Passau, der Nuntiatur- 
berichte, Bd. III, S. 148 erwähnt wird. 

5) W. Link und Osiander. 

21* 



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238 



ANALEKTEK 



rent ad eandem dissensionem , dixit Moshaimer ad Hosandrmn : 
ich bin heut auch an ewer bredig gewesen; hab vil luge gebort, 
ille contra: Ir liegt selber, et venerant ad con?icia, ut nemo 
amplius vellet convenire ex deputatis ad domum senatoriam in 
churfurstenstuben ; sed convenerunt in aedibus apud sanctum Se- 
baldum. in fine 1 concloserunt dogma Moshaimericum esse plus 
Zwingliacum , Parabaptisticum et seditiosum quam christianuni. 
repulsam ergo passus a senatu Moshaimer, ut alio migraret, 
10 octobris hat er noch gefret 8 und suppliciert an rath. frustra, 
sie abiit 23 octobris. hatt seinem wirt, der im das glaitt geben, 
ein geschrifft zuegestellt contra praedicatores ; hat etlichen be- 
kanten hinder sich allerlay enbotten et dedit hospiti in scriptis. 
Scheurlium insimulavit proditionis. uni senatori: er wol erlebou 
das bapsthumb und Luthertbumb zaegleich werden zue boden 
gesturtzt, et alii alia. predicatores, auseepto ejus scripto, ac- 
cinxerunt se ad responsionem 3 , nam pluribus placet Norimbergae 
quod opera extulit et damnavit fidem sine operibus. 

Ex Dinckelspuel scripsit literas ad senatum Norimbergen- 
sem, conquestus se intellexisse senatum disposuisse equites ad 
eum capiendum, petiitque ab eo responsum an et cur tentaverint, 
at senatus non est eum dignatus responso. adiit prineipem 
electorem Palatinum, cai prolixum supplicem libellum porrexit, 
at respondit dux se non esse tbeologum, sed prope esse electo- 
rem ecclesiasticum cardinalem Moguntinum, primatem Germaniae. 
venit is ad cardinalem, qui non cavit Jnlium Pflog, quid actum 
nondum scio; visum est ad longum hanc comediam retexere. 

Ex Aschaffenburg 4 misit proprium nontium ad senatum Narin- 
bergensem cum scripto contra predicatores. at Uli jam respon- 
sionem paraverant, quam senatus cum eodem nuntio Moshaimero 
remisit. adhuc scribit se Regiae Majestatis 4 consiliarinm: multis 
videtur eum fore exautorandum. 

In causa fidei quanto dintius Caesar abest, tanto virus illud 
serpit latius et radices agit profundius. isto anno comes Ludo- 
vicus de ötingen in oppido Ottingen Luterismum totum assnmpsit, 
sie frater suus comes Carolus in Homberg (quod tarnen dominium 
solum tenet pro pignore ab imperio). comes Martinus, qui me- 
dietatem oppidi tenet, viriliter resistit. mandat Ludovicus, ne 
quis ex suis audiat missam Tel sermonem presbyteri a Martino 



1) Hs. fide. 

2) Sic! 

3) Erschien im November 1539 (Epistola tlieologorum Norirabergen- 
aium ad d. R. a Mosbaro). 

4) Hs. Aschenburg. 

5) Nämlich König Ferdinands. 



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FRIEDENSBUKG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 239 



institnti. contra Martinas inhibet suis ne aadiant latherannm: 
ist nit priester, ist ein schreiner gewesen, halt graff Ludwig für 
ein pfeifen aufgeworffen. de Wordea est timendnm. Ambergenses 
exclusernnt quidem duos predicatores , behalten aber noch den 
im spital, qai comunicat populum sab utraque specie; et mores 
predicatorum relegatorum adhuc sunt Ambergae, sperant reditum, 
quia Ambergenses adhuc praestant eis stipendia. Uli in Cham 
omnino nolunt deponere predicatorem ad jussum principis. iterum 
miserunt Haidelbergam Lutherani nescio quid petita ri pro eorum 
predicatoribus. 

Datum Eich8tadii 1 4 decembris anno 1539. 

130. Eck an Fabrl: Aufzählung der Lutheraner unter den 
Reichsständen und auswärtigen Fürsten; antikaiserliche Ten- 
denzen der ersteren. Mahnung an Fabri, durch K. Ferdinand 
den Kaiser zum Einschreiten zu bewegen. Unwirksamkeit der 
Reichsversammlungen. 1540 Februar 9 Eichstädt (Auszug). 

Aus Bibl. Vat. cod. Vat 6419 fol. 238* b Abschrift der Kanzlei 
Morones, mit Vermerk: ex literis fichü datis Eichstadii nono 
februario 1540 Rev. episcopo Viennensi. 

Jam ad primum et precipuum ?enio, hoc est ad religionis 
causam, quam nisi sacratissimus Imperator et rex nobis restituant, 
actum est, cum tot principes hoc vinculo anathematis sint illa- 
queati. expende solum terras, dominia, civitates, oppida, castella, 
yillas omnium ducum Saxoniae, omnium marchionum Brandenburgen- 
sium, ducum Wirtembergii; taceo Sviceros et tot civitates imperiales, 
reges Daniae, Svetiae et Norvegiae, ducem Brunsvicensem, fratrem 
Henrici *, ducem Mekhelburgensem fratrem Alberti 9 , cum pluri- 
mis aliis. et cum neminem habeant quem timeant nisi Caesarem, 
nemo dubitet eos cupere Romani imperii destructionem. ideo 
preter, imo contra Caesaris consensum foedera faciunt et ligas; 
ideo mandata sua contemnunt, edicta rejiciunt, Camerae Impe- 
rial iß Judicium irrident, imo assentatores eorum quoties Saxonem 
regem vocant. hinc in literis ad regem scripseram negocium 
imperii conjunctum cum causa religionis; nescio an istas receperis, 
sicut et de aliis dubito. hic omnes conatus, omnes nervös in- 



1) Hier verweilte Eck, weil damals eine pestartige Krankheit in 
Ingolstadt wütete (vgl. die folgende Seite). 

2) Es kann nur Ei nst von Lüneburg gemeint sein , der bekannt- 
lich einer anderen Linie des Hauses Braunschweig angehörte als Heinrich 
von Wolfenbüttel. 

3) Heinrich V. (von Schwerin), Anhänger der Reformation, Bruder 
des katholisch bleibenden Albrecht VII. (von Güstrow). 



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240 



AXALKKTEN. 



tendas ad regom persuadendum , quo urgeat et impellat divum 
Caesarein, quo tantis malls occurrat l . 

Omnes opinantur Caesarem coacturum conventum imperii ad 
hos tumultus sedandos. ego contra sentio Caesarem nihil minus 
expediturum quam in comiciis. narn ibi Lutherani in magno 
numero conveniunt, Consultant frequentius et vigilantiores sunt 
in perfidia quam nostri pro fide. porro eorum consilia sunt 
secretiora quam statuum ordinumque imperii, et coadunati se 
mutuo animant et fortius resistunt jussibus imperii et impera- 
toris. contra cum longo ab invicem assunt nec semper augurari 
norunt quid Caesar docreverit, plus absterrentur nnis literis aut 
mandato quam tot conclusiouibus ventosis statuum imperii. semper 
enim timerent ne graviora Caesar in eos statuisset. yidimus hoc 
Augustae. ideo forte satius esset fidelium principum, qui Caesari 
adhererent , habere intelligentiam et negotium forte adgredi, quam 
plures con?entus imperii cogere. 

131. Eck an Vitus Krumhor, Sachwalter In Rom': 

Pfründen- und Dispens - Angelegenheiten. Johannes Schaup. 
Das Nahen des Kaisers. 1540 März 3 Eichstädt. 

Aus Florenz Arch. di Stato Carte Cervin. filza 9 fol. 91, 

eigenh. Orig. 

8. p. venerande magister. scripai saepius D. T. , licet re- 
sponsum nulluni receperim, adeo ut suspicer literas meas fuisse 
interceptas. eapropter noperas inclusi literis B mi cardinalis Brun- 
dusini, ne venirent in manus lupi Arabici. oro autem plurimum, 
omnia diligenter prosequaris; nam R mna cardinalis promisit se 
curaturum ut Valentinus Bocher cederet actioni et juri praetenso, 
quia revera nibil juris habet in prebenda capellaniae et officio 
custodiae Ratisponae. citaverain intrusos ad executorem precum 
regalium, episcopum Viennensem; amici se interposuerunt et res 
est concordata pro minimo. tarnen illud nolunt promere, sed 
deponunt quousque habeant cessionem. ita urge Brundusinum 
ut effectum reddat, quod recepit se curaturum. 

Super dispensatione cujusdam hospitis nostri Eistettensis etiam 
bajulus literarum, d. Enoch Martius, habet commissionem. et 
super hoc colloquetur. de doctore Sigismundo Uan an pergat 
mihi molestus, nihil intelligo, nam peste furente secessi Eich- 
stadium, ubi amici rarius per literas me invisunt quam si essern 
Ingolstadii. 



1) Vorlage occurra mit Stiich über a. 

2) Die Adresse auf der Rückseite des Schreibeos bezeichnet Krum- 
her als causarum sollicitator in curia Romana; vgl. obeii S. 230. 234. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 241 



Habeo poerum ingeniosum valde ac studiosissimum , qui est 
nepos ex sorore non tarnen uterina, nescio quomodo pro eo 
gratiam impetrarem super episcopo Eistetteusi, ut sie provideretur 
quod etiam me mortuo posset prosequi studia ineepta; si Dens 
mihi vitam prolongarit, nunquam ei deero. et quia Studium 
philosophiae est penitus desolatum, propono eum post annum 
mittere ad Parrhisios, ut septennium ibi agat in philosophia et 
tbeologia. nomen Uli est Johannes Schaup, clericus Augustanae 
diocesis. 

Haeretici jam silent post adventum Caesaris *, de quo multa 
speramus; timemus tarnen ne pauca faciat. 

Vale feliciter et cum domino Enoch mitte schedam cardinalium 
jam viventium. iterum vale et salve. 

Eichstadii 3 marcii anno salatis 1540. 

132. Eck an Kardinal Gasparo Contarinl: ein früherer 
Brief an diesen. Der Kaiser und die Neugläubigen. Der 
Wunsch des Elekten von Eichstadt die Würzburger Dompropste i 
zu behalten. Zustände im Eichstädter Bistum. Die Markgrafen 
Georg und Johann Albrecht von Brandenburg Widersacher der 
Eichstädter Kirche; Kloster Wolzburg. Eck begehrt eine Eich- 
städter Propstei, die Emst von Bayern, Koadjutor von Salz- 
burg, besessen hat. Klage, dafs er an der Kurie nicht mehr 
die gleiche Gunst finde wie zur Zeit Leos X. 1540 März 3 
Eichstädt. 

Aus Arch. Vat. Armar. 62 vol. 37 fol. 124, eigenh. Orig. 

B m * ac amplissime pater in Christo, obsequia paratissima 
offert et optima quaeque precatur et optat. 

Pientissime pater. ineivilis fui profecto nuperis litteris, qui 
iiusus fui longissima epistola et nescio qnibus gerris virum tarn 
sublimem, tot arduis negotiis implicitum et, quod majus est, 
michi incognitum, obruere et tedio afficere*; verum aliquid dabis 
zelo et turbato animo meo ob haereticorum infamiam, qui tarnen 
modo silent post Caesaris adventum qui si absque meliori pro- 
visione abierit quam hactenus fecerit, ve Germaniae, ve ecclesiis 
«t monasteriis. 

Fama mala nunciavit nobis nolle pontificem dispensare cum 
electo nostro Eistettensi 8 , nt retineat praeposituram Herbipolensem : 



1) Nämlich in den Niederlanden. 

2) Ein früherer Brief Ecks an Contarini hat sich nicht erhalten; 
in seinen beiden Antworten vom 24. April und 26. Mai 1540 (Ditt- 
rich, Regesten Contarinis, S. 3 10 f.) hält der Kardinal die verschiedenen 
Briefe, die Eck ihm geschrieben, nicht auseinander. 

3) Moritz von Hutten, zum Bischof von Eichstädt gewählt Juni 



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242 



ANALEKTEN. 



at ille fixe ac firmiter constituit se potius relicturum episcopa- 
tnm quam praeposituram, et sie pontifex exponet ecclesiam Aurea- 
tensem 1 maximo discrimini. aliae ecclesiae ab baereticis pa- 
tiuntur, nostra ecclesia adbuc salva est, excepto eo quod 
marchio * aliquot monasteria cum pluribus oppidis et infinitis 
YÜlis subtraxit jurisdictioni episcopi nostri et obedientiae sedis 
apostolicae. et propter fratrem marebionis illius sectarii sedes 
apostolica molesta est ecclesiae Eistettensi. quid debent dicere 
Catholici aut cogitare de San™ 0 Domino Nostro? utinam Sanctitas 
Sua dornen ti us respiceret Eistettenses ! magnnm est scandalum 
pusillis, cum omnes in patria ista noverint intra 20 annos ad 
preces marebionum monasterium Wildsburg ordinis s. Benedicti 9 
mutatum in canonicos saeculares; marchione F^derico ibi prae- 
posito mortuo 4 successit frater ille marchio, qui monasterium 
illud cum omnibus redditibus etc. dedit fratri suo sectario, ut 
jam nec monachus nec sacerdos aliquis assit nec unquam missa 
legatur ibi nisi luterica: et pontifex Uli vult dare praeposituram 
aliam Herbipolensem in destruetionem ecclesiae Eistettensis. dato 
vulcano has litteras: malum est in eos scribere qui possuut 
prosenbere. 

Dux Ernestus administrator Pataviensis , frater prineipum 
meorum dueum Bavariae, assumptus est in coadjutorem Salis- 
burgensem ; cui autem decreverit dare praeposituram Eistettensem, 
non audio; attentavi aliquando ejus animnm, an cederet eam 
michi sub pensione 200 florenorum; nam cum habeam hic ca- 
nonicatum lecturae theologicae annexam, unde mihi non solum 
honorifica esset praepositura , sed multis rationibus commoda et 
utilis: si papa Leo viveret et patres purpurati, qui me bene- 
volentissime prosequebantur, facile impetrassem, ut tantisper fuisset 
confirmata coadjutoria, si michi cessisset praeposituram. modo 
autem Sau mns Dominus Noster non tanto me complectitur favore 
sicut Leo, et pauci ex senatu cardineo me norunt antiquis car- 
dinalibus mortuis: michi emoriendum est in scbolae pulveribus! 

Speramus multa a Caesare Catholici omnes; timemus tarnen 
ne facilitate sua abutantur haeretici. 



151-59. Vgl. zur angezogenen Sache die beiden Briefe Contarinis an 
Moritz vom 7. Juni und 18. Juli 1640, bei Dittrich a. a. 0. S. 311. 
313. 

1) Aureatura, ältere von den Hunnen zerstörte Stadt an der Stelle 
des späteren Eichstädt. 

2) Markgraf Georg von Brandenburg -Ansbach, Bruder Jobann Al- 
brechts des Bewerbers um die Würzburger Propstei. 

3) Wolzburg unweit Weifaenburg i. N. , ehemals Benediktinerabtei, 
hernach 1588 markgräfliche Festung. 

4) gest. 1636 (Friedrich war ebenfalls ein Bruder Georgs von 
Ansbach). 



FBIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 243 



Deus optimns maximus sospitet R m * m Paternitatem Tuam in 
multos annos. 

Eichstet 3 marcii anno salntis 1540. 

133. Eok an Contarinl: Sadolets brieflicher Verkehr mit 
den Ketzern. Der Nämliche weist Eck an Contarini, dem er 
nächstens über die kirchlichen Zustände Deutschlands schreiben 
wird. Mahnt den Verspottungen Pasquillos Einhalt zu thun. 
Treiben der Universität Wittenberg. Verzögerung des Be- 
scheides Ober die Würzburger Propstei. Die Wünsche des 
Elekten von Eichstädt betr. die Verleihung von Papstmonaten. 
Schaup. Nachgiebigkeit der Kurie gegen die Semilutheraner; 
Vernachlässigung Ecks. Dessen Schreiben an Aleander. Das 
Konzil. 1540 März 11 Eichstädt. 

Aus Arch. Vat. Arm. 62 vol. 37 fol. 126, eigenh. Orig. 

S. p. et paratissima obsequia. R m * pater. admonueram in- 
comparabilem virum cardinalem Sadoletum, ne pateretar haereticos 
abuti bonitate et facilitate sua, nt induceretur ad scribendum 
eis; nam litteris suis abutuntur malevoli in ecclesiae et fidei 
praejudicium. volnerim ut meas litteras Amplitudini Tuae com- 
municaret scripserat enim Sturmio, Melanchtoni item et Mos- 
haimero. novi autem integritatem viri, quod syncero et optimo 
animo hec fecerit; admonui ut in posterum cautius faceret. is 
ex Carpentorato michi scripsit se abesse Borna: negotia fidei 
R mM P. T. scriberem , quae esset sie aflfecta ut ecclesiae statum 
cuperet videre pnrgati&simum. statueram itaqne multis tecum 
agere super statu ecclesiae Germanicae; sed et tarde nunciatum 
est mihi abiturum cras mane tabellarium et jam est profunda 
nox et San™ 08 Dominus JN oster mihi 200 subtraxit aareos ex pen- 
sione Herbipolensi , quae suffecisset pro scriba et amanuensi , ut 
omnia manu mea inter tot occupationes sint exaranda. proxima 
posta ero liberalior in litteris scribendis l . jam hec rogaverim : 
cohibete pasquillos illos injuriosissimos , quibus diffamantur pon- 
tifex cardinales, e quibus scrandalisantur simplices et tripudiant 
haeretici. olim docta carmina prodibant a pasquillo; modo abn- 
titur sacris litteris, votis spiritus saneti ad jocom, injnriam et 
infamiam hominum. nosti Eusebium de praeparatione evange- 
lica * etc. : noctuas Athenis ! dein mirum quod Witenbergensem 
academiam non detestet et execret papa: hodie promovent doctores 
autoritate apostolica, confluunt studentes etc. 

San BU " Dominus Noster admodum tardat cum R ra0 nostro 



1) S. u. zum 13. März. 

2) EvayytXuti) 7iQü7ta(i«axivq\ in 15 Huchem. 



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244 



ANALEKTEX. 



electo in causa praepositurae : satis informatus est ponlifex, satis 
informatum collegium cardinalium, non dico plura. 

Petitunis est episcopus electus ut San™ 118 Dominus Noster per 
bienninm concedat ei etiara mensem pontificium in prebendis, nt ex- 
torribos et exulibus sacerdotibus a Luterismo pulsis posset Pro- 
vider e. et hanc causam promoveas velim, licet sciam in hujus- 
modi concessionibus fallacias committi , scilicet 1 non causam ut 
causam, praetextus est bonus; Ratisbona allegatur; at in eventu 
aliquando non observatur, sed, ut alibi fit, suis servitoribns, pin- 
cernis, scribis, senatorum filiis provident ideoque episcopo in 
inense pontificio unum vel alterum adjungerem, quo secundum 
tenorem bullae procederet, eo salvo quod provideretur Eckii nepos, 
quem totum theologiae dabo et proximo anno ad Parrhisios 
destinare intendo. 

Postremo inclusi negotium fidei , ut ex scripto intelliges *, 
quod tuo tarnen offero judicio; nam illara facilitatem sedis apo- 
stolicae in Semiluderanos non probo. miror cur in me semper 
fuerit difficilis, ut papa noster Paulus non me judicaverit dignnm 
praepositura et ex pensione, quae inter partes con venerat, michi 
200 detraxerit florenos. utinam liceret biduo te alloqui super 
negatio fidei et statu ecclesiae. aliqaa, sed pauca scripsi H mo 
patrono meo cardinali Brundisino, ut qui non parum no?it res 
Germanicas. lassus me commendo R mM P. T., quam Deus servet 
incolumem, ut bis oculis possem eam intueri in generali concilio. 
sed tanta sunt peccata nostra, ut mundus non sit dignus concilio, 
nnde totus Status ecclesiasticus ubi?is gentium periclitabit. vale 
et salve amplissime pater. 

Ex Eichstet, quo propter pestem Ingolstadicum confugi, 11 marcü 
anno gratiae 1540. 

134. Eok an Contarlai: stellt eine Anzahl anstöfsiger Stellen 
aus zwei Schriften Georg Witzeis zusammen, und erörtert aus- 
führlich, dafs letzterem in Glaubenssachen nicht zu vertrauen 
sei. [1540 März 11 Eichstädt] 3 . 

Aus Aren. Vat Armar. 62 vol. 37 fol. 132—136, eigenh Orig. 

1) So? (in der Handschrift abgekürzt). 

2) S. das folgende Stück. 

3) Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, dafs wir hier 
das scriptum haben, auf welches Eck gegen Ende des voraufgehenden 
Briefes verweist; die Hindeutung auf die Semiluderani findet hier ihre 
Erklärung. Contarini bezieht sich hierauf in der schon erwähnten Ant- 
wort vom 24. April 1540, wo es heifst: non satis intelligo quisnam 
sit ille Semiluteranus, de quo mihi tarn multa scribis. In der That 
nennt Eck keinen Namen; er hoffte wohl, dafs Aleander und andere, 
die der deutschen Dinge in Rom kundiger waren als Contarini, letzteren 
aufklären würden. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 245 



Suspecta in fide et aliqua plane erronea viri quem sedes 
apostolica fovet non sine magno scandalo fidelioui ecclesiae et 

Luderi. 

1) Pro concordia: nnaqaaeque partium cedat alteri! 

Kon est hoc scandalum? ecclesiam debere cedere haereticis 
novis, quae nunquam veteribus cessit nec uno apice literario. no- 
tetur b. Basilius. 

2) Homo habet liberum arbitrium, non ex natura, sed ex 
gratia. 

Nec Manicheus neque Luterus plus Optant notetur arti- 
culus bullae Leonis. 

3) Missas privatas damnat, tarnen quottidianas admittit ait 
enim: fateor ingenue me diu et bene circumspexisse cum in 
byblicis scriptis tum in libris veterum patrum, sed nicbil inveni 
quod multiplicitati conductarum missarum conferat. 

Si quis voluerit audire missam, eat ad missam publicam. 

Causae ad missas privatas tollendas assignantur ab eo in- 
nnmerabilia peccata altaristarum. 

Hoc suum Judicium contra privatas missas appellat manifestam 
veritatem. 

Patres non multiplicarunt missas mercenarias, neque sacra- 
mentnm eucbaristiae babuerunt in hujusmodi usu sine fundamento 
«vangelii. ecclesiastici emendent pudendum abusum missarum et 
atultas superstitiones. 

Abscidatur consuetudo legentinm missas propter pecunias, quo 
impie vendunt sacra. 

Minuatur numerus quottidie missas celebrantium , modo ut 
repleant ventreni. 

4) Vult preces et collectas in baptismo per sacerdotem ger- 
manice pronunciari. 

5) Quicquid scholastica tbeologia de sacramento ordinis sta- 
tnit, hoc ipse rejicit. 

Non est dignum ut diu disputetur de longis togis vel tunicis, 
de Corona et raso vertice. 



1) Im zweiten Teil dieser Aufzeichnung giebt Eck die Lebens- 
geschichte seines Ungenannten, der kein anderer ist als der Konvertit 
Georg Witzel (s. Räfs, Konvertiten I, S. 122 — 184; Schmidt, Georg 
Witzel, ein Altkatholik des 16. Jahrh. 1876; Tschackert in Allg. 
Deutsche Biogr., Bd. XLI1I, S. 657—662), und bezeichnet auch diejenigen 
beiden Schriften, aus denen obige Blutenlese entnommen ist, nämlich: 
Dialogorum übt i tres. Drei Gesprechbüchlein von den Religionssachen in 
itzigem fehrlichen zwispalt, auffs kürzist und artigst gefertigt; Leipzig 
1539 (Räfs S. 151, Nr. 44) und: Methodus concordiac ecclesiasticae 
post omnium sententias a miiiimo fratre monstrata, non praescripta; 
Leipzig 1537 (Räfs S. 150, Nr. 33). 



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246 



ANALEKTEN 



6) In antiquis ordinationibus nulla fuit facta mentio de cha- 
ractere, de voto, de missae celebrationibus. 

7) Vota sacerdotura et monacborum non oportet in disputa- 
tionem vertere, quia non sunt ?era vota sacerdotura, quae solum 
conditionaliter fiunt; monacbi et moniales aetatcm habent, respon- 
deant pro 86 ipsis. 

8) Dom 8ermo fit de secnlari dominio ecclesiasticorum , re- 
spondet, provocatur ad jus: et breviter christianus orbis factuß 
est videns. et multis improbat praetiositatem et pompam episco- 
palis ornatus. 

9) Cathedrales ecclesiae et monasteria sont antiquissima et 
illa non ex toto deleantur; at videamus eornm ortum et initium 
etc. 8i qui autem sint obstinatae mentis ut non velint pati refor- 
mationem etc., optat multitudinem monasteriorum otriusque sexus 
minui. et quod Uli pauci nemini essent onerosi. 

Eiistimat consultius ut pars monasteriorum et sacerdotum 
(inutilia pondera terrae) minuatur aut tollatur. 

Ponderetur quot genera sint monacborum; ad quid prosint: 
ut quid necesse sit tot varietates esse regularum, quae etiam 
8ibi adversantur et quas major pars odit aut observat invitus 
cum magno tedio. 

10) Eo inclinat ut bonum opinetur sacerdotibus dari uxores. 
appellat insaniam si quia existimet Luteranos debere dimittere 
uxores suas. 

Non enim omnes sunt mali viri, qui in sectae ministerio 
comprebenduntur. 

lt) Canon missae non est omnino rejiciendus (ergo innuit 
saltem aliqua rejicienda). 

12) Cuperet collectas teutonice legi in officio missae. 

13) Communicare sub utraque specie in se non est injustam: 
hoc nec mundus potest, sed aliquis poterit abuti, erigendo sectas 
cum ea. ideo qui petit sacramentum sub utraque specie, non 
hoc suscipiat a sectis, sed a catholico sacerdote. 

Hoc omnium esset certissimum ut sacra eucharistia tota sn- 
meretur, ex quo scriptura et ecclesia concordant; modo fieri 
posset sine tumultu. 

Hec contentio pendet ex relaxatione bumanae traditionis et 
coostitutionis. 

Laudabile foret in generali concilio decerni communionem 
sacramenti sub utraque specie. 

Loqoens de communione sub utraque specie exclamat: ntinam 
in hoc articulo omnes idem sentiremos! 

14) Legere vigilias mortuorum nihil aliud est quam legere 
sacram scripturam, cum peractionibus mortuorum deberet pro- 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 247 



videri; nam res est infecta per pompam di?itum et avariciam 
sacerdotum. 

Quartus liber dialogorum Gregorii hoc modo confotetur: ut 
audiatur non ita esse in omnibus, cum isto vel alio. 

Maxima occupatio peractionum pro mortuis, nam tempore 
patrum exequiae Christianorum non fuerunt luxuriosae 

15. De purgatorio fluctoat; non promit sententiam suam: 
quam si non esset depravata, non difficulter fateretur. inquit 
tarnen: non est innitendum allegoriis Ambrosii et Gregorii, quia 
allegoria nichil probat. 

16. Omnem molestiam baereticorum patitor ecclesia propter 
theologiam scholasticam. 

Monachica et scholastica theologia plures terminos excogi- 
tavit; etiam excogitarunt plures additiones in fide. 

Sectarii et sophistae sunt in eadem libra: cum multis aliis 
contumelÜ8 in scbolasticos, ut Luterani modo nominare incepe- 
mnt doctores. 

17. Biblia est interpretanda ex fontali origine in oinnes 
linguas. 

18. In confessione permittatur ut non confiteamur circum- 
stantias peccatorum. appellat confessionem torturam conscien- 
tiarum. 

19. Nimis plures sunt dies festi; sacerdotes petunt ferias 
agi plus quam aequum est. 

20. Questionarii cum excommunicata superstitione reliquiarum 
quam perditissimi nepotes in contemptum ecclesiae invexerunt; 
de quo veteres nichil sciverunt *. 

22. Ornatus iste sumptuosns ecclesiarum ?ix est sine peccato, 
quando pauperes per hoc negliguntur. 

Lubet etiam serio deliberari an conveniat nostrae religioni 
hujusmodi ornatus templorum. 

23. Hoc est verum quod omnes praelati nimium multipli- 
cant ceremonias. 

Et invehitur contra ceremonias; improbat etiam usum quo 
mortuis venduntur cavalli monachorum. 

24. Constitui debet ut tolleremus imagines, sed ne adorentur. 

25. Votum facere sanctis, caereas imagines eis appendere, 
ipsis tanquam patronis jejunare, festum agere, offerre, in necessi- 
tate eos invocare, eos adorare etc. : hec omnia pertinent soli Deo, 
neque canonica scriptura neque apostolica ecclesia hec docet 
sanctis exhibenda; sed oppositum hujus posset inveniri in byblicis 
scripturis et contrarium actum in apostolica ecclesia. 

Multa possent tollerari, si non esset contra fidem unius ?eri 



1) Nr. 21 ist ausgelassen. 



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248 



AXALEKTEN. 



Dei, de quo scriptum est ut eum adoremus et illi soli ser- 
viamns. 

Iadaei , Turcae , Graeci noscunt et vident nostrum defectum, 
et est maja8 ferme impedimentum quod remoratnr populos istos 
a fide nostra suscipienda. 

Verum est: sancti, qui modo cum Christo sunt, honorandi 
sunt bonore qui creaturae convenit: Deus retinet honorem sunm 
sibi soli nec dat alten; sed mortuis eanctis servire vel eos ado- 
Tare vel invocare in necessitatibus , non est recte factum, etiam 
si angelus de coelo diceret. 

Cum latria sanctorum nimium laboratum et excesserunt nostri; 
quod sancti dominum pro nobis orent, est probabile et posset 
ostendi, sed non sunt invocandi. 

In missa non perrigitur oratio ad sanctos, sed ad Deum unum. 
Hec extracta ex duobus libellis ejus. 

Fuit iste luderanus et rexit ecclesiam sub Luteranismo et 
sub principe electore Saxone 1 ; sed cum Arrianus 8 per meDsem 
fuisset apud eum bospitatus, incidit in suspitionem haeresis Ar- 
rianae. Luterani autem et Zwingliani concluserant inter eos non 
esse tollerandos Arrianos; unde secta illa statim fuit sopita. Lnter 
vero detulit suum discipulum apud electorem tamquam fautorem 
Arrianae haeresis; a quo conjectus in carcerem aliquot mensibus 
et privatus parochia, jussus excedere dominium electoris ad co- 
mitem quendam 5 venit, qui cum fratre oppidum regebat: frater 
Luterismum induxit, comes antiquae fidei observans illi relegato 
facultatem praedicandi certis horis dedit, qui prius erat ignotus, 
puta qni nunquam studuerat aut audiverat theologiam; sed ex 
Prisciani schola irruperat in Paulinam theologiam, praesidio lu- 
teranorum librorum. is ergo jam solutus carcere cupiebat se 
vindicare de Ludero et complicibus. plurima in eos scripsit 
acerbissime, Tal et enim calamo, sive linguam nostram sive Latium 
voluerimus; gustavit etiam Graecas litteras et Hebraeas. quibus 
libellis bonum nomen sibi paravit etiam apud Catholicos pleros- 
que, ut et episcopis aliquibns et praelatis placeret ejus scripta 
non intelligentibus, et adeo nt jam non desint episcopi qui agnnt 
ut ad eos veniat 4 et ei uberes conditiones offernnt ; nam cum 
ipsi sint in theologia asophi, audientes illum media quasi via 
incedere neqne plane Papistam esse sicut Fabrum, Cochlaeum et 
Eckium, neque omnino Luteranum, eum arbitrantur concordiae 



1) Zu Niemegk unweit Wittenberg 1525—1531. 

2) Der Auti tri ni tarier Johannes Campanus. 

3) Graf Hoyer von Mannsfeld (in Eisleben). 

4) Wetzel fand vorübergehend bei den Bischöfen von Meifsen und 
Würzburg sowie dem Abte von Fulda Schutz und Unterkommen. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 249 



aptiorem. crednnt enim sie agendum de fide sacrosaneta ac st 
Iis inter vicinos agatur saper agro, ubi interveniunt arbitri et 
amicabiles compositores, qui huic adimunt, alibi addunt, ut con- 
troversiam tollant: ita censent praelati tractandam fidei causam, 
äuget favorem quod sedes apostolica huic pensionem proprio motu 
* adsignavit et cum eo, ut rumor erat, dispensa?it ut in matrimonio 
perseveraret sacerdos. 

Bogo, B™ 0 pater, benigne audias quae amore fidei christiana9 
scribo: dum prodirent libelli ejus primi, quibus mores Luteri et 
sui cleri suis pimit coloribus, non potuerunt mihi displicere libri 
isti; nam cum ipse ex eodem foisset sodalicio, eorum mores cor- 
ruptos et abusus ita detexit ut cuique viro bono merito debe- 
bant displicere. ita in hoc videbatur juvare partes nostras 
plurimum. unde factum est ut Luterani pejus angue eum odirent; 
ipse vero quo magis eum provocabant et libellis famam ejus prosci- 
debant, tanto magis ferociebat libellum libello compensans. 

Ego saepe interrogatus quid de ejus fide judicarem , ab initio 
me continui; primum post aliquot annos Cochleo tarn instanter 
petenti 1 animum meum super illo revertente aperui, quem 
Amplitudini Tuae jam quoque develabo. prineipio in libris editis 
expendebam nichil illos spirare quam odium et vindictam in Lu- 
teranos, quorum opera fuerat incarceratus et dein relegatns. 
nullum zaelum fidei vel religionis in eo deprehendi nec mirum 
quidem, dumtaxat querebat se ulcisci ad versus eos. nichil re- 
peri quod ad aedificationem pertineret, sed eos fortiter jugulabat; 
unde dubitabam an pleno rediisset ad nos ex animo ant solo 
fueo et mente ac proposito se ulciscendi. seenndo cum fuisset 
luteranus pastor, sacramenta vel contempserat vel aliter admini- 
strarat quam apostolica ecclesia; articulos haereticos Luteri a 
sede apostolica damnatos praedieaverat, landaverat, secundum 
hos vixerat, et ita dubio proeul fuerat exeommunicatus ; num- 
quam tarnen potui intelligere eum absolutum fuisse vel pe- 
tiisse absolutionem ; sed suo arbitrio se sacris et divinis ingessit, 
quod erat viri potius luterani quam catholici. tertio remorabatur 
jndicium meum quod uxorculam, quam more lnderano doxerat in 
eorum sodalicio (quam aliqui dicunt fuisse monialem) non ab- 
dieavit, sed retinuit, primo quidem pudice sub nomine cocae, mox 
eam iterum conjugem agnovit et in hnnc diem pro sua habet, 
binc non potui assentiri illum ex corde ad ecclesiam transfugisse, 
sed fueo solum et ficte. quarto quod legi palliatam ejus ex- 
cusationem super eo quod tempore belli servilis, miseris rnsticis 



1) Cochlaeus nahm Bich Witzeis eifrig an und bemühte sich sogar 
um die Drucklegung seiner Schriften, vgl. seine in dieser Zeitschrift 
(Bd. XVIII) »eröffentlichten Briefe aus dieser Epoche. 



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250 



ANALEKTEN 



a lupis illis praedicantibus seductis, ipse tunc parocbiam rexit 
sub lantgravio Hassiae, novo Antiocho ille idem de quo agi- 
mus, ab ecclesia soa perrexit ad exercitura rusticorum, com quibus 
moratus usqae quo fama venit Hassum equitutn approximare, ubi 
ille nescio quorsum se proruit; nam ob Ueasum non an de bat 
publice ambülare. excusat hanc seditionis commnnionem quia 
caetum rusticorum adierit eo animo ut monitis suis et suasionibus 
subditos Boos posset avocare et ad rura sua redncere. at si hoc 
erat animo, cur non suasit, cur non monuit, antequam secede- 
rent'? si autem opinabatur plus valituias suas admonitiones 
quando erant cum tota multitudine quam cum domi erant soli, 
profecto fuit imprudentissimus. 

Quinto maxime me morabatur ut me viro non crederem, quia 
super articulis principalibus, in quibus luctantur haeretici contra 
ecclesiam, nolebat pandere animi sui sententiam. inter tot libel- 
los 8 suos (saepius etiam pariebat quam coniculi 1) nunquam vidi 
reprobratos sectarios super votis monasticis, super celibatu cleri, 
super veneratione sanctorum, super constitutionibus humanis sen 
positivis ecclesiae, super communione sub utraque specie, super 
sacramento confirmationis , ordinis et penitentiae ac extremae 
unctionis, super excommunicatione, super purgatorio, super sacri- 
ficio missae et similibus. solom in uno versatus est loco, scilicet 
de justicia operum et quod fides sola non sufficeret, quem non 
uno libello tractavit prolixius et acervum testimoniorum ex biblia 
collegit pro bonis operibos. 

Antequam digrediar ad sextum motivum meum, oportet pol- 
iere nebulas matutinas; nam qui ei favent, solent objicere illa 
duo potissimum: quia in luteranos mores et schisma severiter 
scripserit ut quis alius; dein quod bunc errorem de sola fide 
tarn valide autoritatibus scripturae confutaverit illis opinor ra- 
tionibus etiam Bomae persuasi estis ut buic pensionem adsigna- 
retis. at ego circumspiciens et non cito credens non pili facio has 
rationes: primam non, quia Tbeophylus Alexandrinus de Apolli- 
nari baeretico simili teguinento a discipulis suis defenso ait: licet 
adversus Arrianos et Eunomianos scripserit et Originem alios- 
que haereticos sua disputatione subverterit etc., tarnen sive iste 
sive alii haeretici non erunt absque crimine, ecclesiasticae fidei 
repugnantes. non adfero Philastrum, non Augustinum , qui 
testantur haereticos etiam alias haereses extinxisse, cum Hussitae 



1) Witzel war im Jahre 1525 kuize Zeit Pfarrer in der Nähe von 
Eisenach. Über sein Verhalten zu Münzer und den aufständischen 
Bauern vgl. Räfa S. 126—129. 

2) Wohl eher secederet zu lesen? 

3; Räfa S. 14« ff. zählt aus den Jahren 1532 bis 1540 einund- 
fünfzig Schriften Witzeis auf. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 251 



suppresserint Adamitas vix natos et Luterani quam pertinaciter 
persecuti sunt Zwinglium, et ambo ipsi, Luterani scilicet et 
Zwingliani, omnibus nervis studaerunt extirpare ParabaptUtas. 
nee ffle movet ratio secunda, quoniam ut Erasmus de libero 
arbitrio, sie iste de bonis operibus delegit materiam fidelibus et 
infidelibus communem; nam et Parabaptistae nullum habuemnt 
artieulum plausibiliorem adversus Lnteranos quam illum ipsum 
de bonis operibus. Bupertus a Moshaim decanus olim Pataviensis 
(quem B mu- pater cardinalis Sadoletus jussu pontificio per litteras 
ad urbem voeaverat; cam autem is esset haeresibus exuleeratus, 
magnaa turbas Catholicis tecit sub umbra litterarum illarum; 
Semper enim praetexuit hnnc fueum, jactayit vocationem papae, 
donec asinum exueramus induviis leonis et nudatum corniculum 
ostenderemus ; nam B maa Pataviensis voca?it me ut inquisitorem 
pro assistentia; et eum ut haereticum condemnavimus) : is cum 
ecclesiam misere prosciderit, Bomam dixerit magnam meretricem 
Babylonis, papae adhaerentibus aculeum infixerit et pontificem 
ipsum dixerit magnum Antichristum , tarnen de bonis operibus 
strennue militat ad versus Luterum et damnat Luteri fidem justi- 
ficantem. increpat enim Luterum ob hoc punctum, ut eum par- 
vum app eilet Antichristum. ideirco submonui B n>nm cardinalem 
Sadoletum (quia perspecta est michi hominis integritas tot annis) 
ne cito crederet mellitis verbis haereticorum. si quando rhetor- 
culi ae laudant, mutuo extollunt ac mulus mulum scabit, nisi 
exploratam habeatis prius in fide hominis constantiam; si yel 
curtisani vestri nec flocci religionem facientes aut alii aliquem 
vobis laudent, suspendite judicium tantisper quo ab aliquo so- 
lidae fidei testimonium reeipiatis. oportet probare spiritus, si ex 
Deo sunt! at hec interjectitia ; ad statum ordinem dicendi re- 
vertamur ! 

Sexto animadverti posteriores libellos; in quibus dum aliquam 
materiam attiogeret salebrosam, mussitabat nescio quid, et tecte 
occulere errores: Semper autem magis ac magis thesaurum ma- 
lorum, quem apud Lutheranos collegerat, evomuit, et potissimum 
in dialogo germanico *, pestiienti libello, ubi introdneit collo- 
queDtes papistam, luteristam et se orthodoxum; ex quo et Me- 
thodo superiores articuli sunt extracti. insu per edidit schedam 
majusculam, supresso nomine suo, sub Eleuterobii titulo, in qua papam 
ponit a dextris et adjecit in quo debeat papa cedere Lutero, a 
sinistris Luterum, adjecit etiam in quo ipse debeat cedere ponti- 
fici; in medio sententiam suam statuit concordatricem stultisai- 
mus aut potius arrogantissimus aut verius impiissimus, ut homo, 



1) Über diese Schrift die „drei GesprachbQchlein 41 vgl. Pastor, 
Die kirchlichen Reunioosbestrebungen, S. 161 ff. 

ZritMbr. f. K.-G. xix, s. 22 



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252 



AXAEEKTEX. 



qni scriba fuit oppiduli et ludimagister , dein plebanus in yiUU, 
ex Prisciano, Valla, adagiis Erasmi loquacitatem nactus, audeat 
de orbe christiano judicare ac de ipso pontifice Christi vicario, 
de ipsa ecclesia statnere! et sufficiat, ipse dixit 

Cum bec lego, video et audio, rubescit in me spiritus mens, 
nullo profecto odio, quod Denm testor, sed zaelo fidei, quam 
labefactat. ideo resisto, ne ab episcopis viciniae. noetrae ad?o- 
cetur, quom totam terram infecturus esset suis erroribus et scan- 
dalis. neque frigidus est neque calidus; si quidem tepidus est r 
eum evomui, licet meo exili judicio satis superque sit frigidus. 
rumorem autem de dispensatione super perpetna sua scortatione 
modo intellexi esse falsum, quia cum Ser m0 * rex Ferdinand us iter 
jam per Nurimbergam fecit \ per amicum sum certior factus a 
B mo San mi Domini Nostri nuncio petitum ut dispensaret: quod 
ille dextre recusavit. rursus rogatum ut vel tollerantiam daret, 
et hoc quoque cons tanter rennuit. at importune sollicitantibus 
fertur tandem respondisse: sive N. episcopns vel N. eum foveat, 
promitto pontificem nulli propter hoc molestum futurum. 

At ego per litteras episcopis illis contrarium scribo, ponti- 
ficem non po68e pati, si pastor esse velit, ob innumera scandaia; 
nam quid catholici principes Bavariae et alii Catholici dicturi 
sint: ecce nos ob zaelum fidei incarceravimus et ejecimus sacer- 
dotes uxoratos a beneficiis et territoriis nostris: et Uli hierarcbae 
collignnt talein? si bic invenerunt glosellam quo luteranum er- 
rorem admittant, forte in articulis aliis similiter invenient quid 
quod episcopi illi se infamabunt, cum omnis homo suspicabitnr 
eos ipsos esse luteranos et quod propensi sint ad conjuges du- 
cenda«? profectos Tel saltem clerum in magna parte in ruinam 
traherent, qui mox concubinas et amasias vel clam ab initio, vel 
palam successu temporis maritarent. et forte pingues et inde- 
voti canonici essent primi, ut si quando bona ecclesiastica usur- 
pare possent, exclusis ecclesiis, et facere haereditaria, id quod 
Mariani 1 fecerunt in Prussia, eruditio tua me hoc levat labore, 
ut non cogar explicare impietates, quae sequuntur ex articulis ab 
initio signatis. 

Nam privatis missis extinctis diruenda essent altaria, ubi 
unum sufficeret; cessarent omnia monasteria, omnes ecclesiae oa- 
thedrales et collegiatae, quia nec canonicis nec vicariis nec tot 
fratribus opus esset, ubi una missa sufficeret; evanescerent omnia 



1) K. Ferdinand hatte Anfang Februar auf der Reise von Böhmen 
in die Niederlande zu Karl V. Nürnberg berührt; als Nuntius befand 
sich Giovanni Morone, Bischof von Modena, in seiner Umgebung. 

2) D. i. die Ritter des Deutschordeus oder Ordens des Hospitals 
S. Maria der Deutschen in Jerusalem, auch Marienritter genannt. 



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FKIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 253 

simplicia beneficia, anniversaria , fraternitates, peractiones pro 
mortui8. 

Hoc non diceret, si crederet aliquara esse missae virtutem 
vel utilitatem et quod prodesset vivis et mortuis. et profecto 
pejor est Lutero, qui a missa ademit sacrificium, iste nedum 
sacrificinm, sed omnem ntilitatem et fructum missae ademit. sie 
per alia puneta similiter procederem, nisi doctrina tua me sub- 
levaret. 

Hec R"* pater significare tibi volui, coi audio rem fidei 
cordi esse, ut inte Iii gas Catholicis non modo bellum esse cum 
hostibus, qui in aperto et ex professo hostes sunt, sed et 
periculum esse ex falsis fratribus et qui subintrant, ut experiantur 
libertatem nostram: plus scripta, ut te, ut pontificem, ut sedem 
apostolicam moneam (quae in bis quae sunt facti, et fallit et 
fallitur) , quam quod delectet quemquam Theonino dente 1 arro- 
dere. hec pro toa eruditione expende ac bene cordatis Corn- 
ea unica; mallem tarnen non venire in manus Alemannorum, quia 
plures ex bis non minus sunt infecti Luterismo in urbe quam 
hic reliqua in epistola. 

Eckjus scripsit. 

135. Eck an Contarini: Aufkommen und Ausbreitung des 
Luthertums in Deutschland ; Schwierigkeit, die Bewegung rück- 
gängig zu machen. Priestermangel auf katholischer Seite; 
Verleihung der Pfründen an Unwürdige. Lässige Auffassung 
der kirchlichen Pflichten seitens der Laien. Reformbedürftigkeit 
der katholischen Kirchen Deutschlands. Verkennung der Ver- 
dienste Ecks seitens Pauls III.; Entziehung eines Teiles seiner 
Pension; Streit mit Valentin Bocher; Regensburger Pfründe. 
Die lutherisch gewordenen Universitäten ; unzeitiger Tod Leos X.; 
Nachlässigkeit seiner Nachfolger. Verdrängung der scholasti- 
schen Theologie durch die Schriften Erasmus* und Luthers; 
daraus entstandene Nachteile. Das Konzil als einziges Heil- 
mittel; Stellung Pauls III. zur Konzilsfrage. Die von Eck begehrte 
Passauer Propstei. Erneute Klage über den Tod Leos X.; 
Ecks letzte Unterredung mit diesem. 1540 März 13 Eichstädt 

Aus Arch. Vat Arm. 62 vol. 37 fol. 127—130, eigenh. Orig. 

Schildert das Aufkommen und die Verbreitung der Luthertums 
in Deutschland und erörtert die Schwierigkeit, diese Bewegung 
rückgangig zu machen * : et si omnino redire sponte voluerint 



1) Horatii Epp. 1. 1, ep. 18, v. 82. 

2) Dieser ausführliche, erste Teil des Briefes ist abgedruckt in 
Raynaldi, Annales ecclesiastici 1540, § 6—8. 

22» 



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254 



ANALEKTEX. 



et non potentia saeculari obstinate errorem defendere, ubi habe- 
bimus monacbos, ut ad priorem statum reducantur monasteria? 
ubi accipiemus sacerdotes pro parochis et curatis 1 ? taceo de 
8implicibuß et collegiatis ecciesiis, com nos Catholici tot carea- 
mus sacerdotibus, et ipsi quoque Luderani magnam patiuntnr 
penuriam. modum inveniri praeetaret, qno juventus ad Scholas 
alliceretur et ordines sacros. at bic vinculum imponere oportet 
lupis Aphricae, curtisanis Bomae, qui negotiationi prebendarum 
dies et noctes inseriunt: non ut improbein San mQtn Dominum 
Kostrum curiae Bomanae servitores providere, sed hi qni nun- 
dinantur, qui non sunt contenti 20, 30 accepisse beneficia, 
eed indies resignant, vendunt sub pensionibus cum facultate re- 
demptionU semel pro Semper, in crastinum iterom alia beneficia 
inpetrant, cum quibus iterum mercantur. novi ego tempore Leonis 
papae scopetarium, qui nobis dinumerabat 39 beneficia et unam 
praeposituram obtenta: ego jam praelegi in tbeologia 31 annis, 
in philosophia 10 annis: nunquam potui habere unam praeposi- 
taram vel parvam. 

Et hoc quoque dolenter expendendum: etiam eos qui in vera 
fide perstiterunt, eos tarnen factos avidiores vel negligentiores in 
fide catholica. layci enim, qui bis ante haue haeresim solebant 
confiteri in quadragesima, plores ex bis unam omittunt olim 
grave fuisset comedere ova in jejunio, jam pro nichilo ducitur, 
quia Luderani etiam carnes comedont, ita do jejuniis, visitandis 
ecciesiis, oblationibus, feriis et aliis. sacerdotes non luteraui 
rarius celebrant, negligentias minus curant, horas canonicas citius 
negligunt, aut non celebraturi in toto amittunt; in summa se- 
veritas canonum et diseiplina ecclesiastica est enervata, ita ut 
totam clericorum vitam difficile sit ad priscam morum honestatem 
redigere. 

Quod si hec omnia ad lineam et antiquam amussim redu- 
cantur, quantnm 8 laboris erit reformare ecclesias cathedrales, po- 
tissimum ubi soli nobiles canonicantur : nam ubi sunt 24, 30 aut 
40 canonici, et 3 vix quinque cx eis aut sex sunt sacerdotes. 
scio ecclesiam cathedralem, in qua sunt 54 canonici et ex Om- 
nibus solum tres sunt sacerdotes, cum optima et pinguissima 
habcaut beneficia; et, quod cum dolore dico, quot sunt in omnibus 
catbedralibus , quorum aliqui nunquam orant, alii raro horas 
canonicas recitant, in theologia studet nullus; nam in aliquot 
ecciesiis cathedralibus sunt plures quam quingenti canonici nobiles, 

1) Soweit Raynaldus 1 1. 

2) Von hier an bis nullus studet wiederum bei Raynaldus 1. 1. 
(ebenso weiterhin der kurze Passus : novi ante paueos — f uerunt sacer- 




8) Sic! 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 255 

ex quibus omnibus nullus est qui theologiam in schoüs andi?erit 
aot in theologia promotus sit, vix sex ant octo ex his suut doctores 
juris, quot ex illis sunt Luderani, qoi ejus libros babent, legunt, qui 
licet canonici tarnen ad Studium Wittenbergense se contulerunt, 
jactant familiaritatem Lnteri, quod cum Lutero cboreas egerint 
et convivia! porro quam male serviunt ecclesiis: raro sunt in 
loco, rarius in templo, rarissime in cboro; etiam si distribuantur 
praesentiae, ingrediuntur quidem, recipiunt pecuniam et mox egre- 
diuntur, ut canis ex Nilo. et quomodo posset disciplina cano- 
nica observari, nbi non est decanus sacerdos? novi ante paucos 
dies ecclesiam, nbi neque episcopus neque praepositus neque 
decanus fueruntsacerdotes. novi etiam ecclesiam idem patientem. olim 
curtisani non permisissent decanum non sacerdotem tot annis in 
administratione decanatus; jam silent et simplices vexant: 

Dant veniam corvis, vexat censura columbas! 

Pontifex dederat gratiam michi. jus meum cessi nunc electo 
Eistentensi. conventom fuerat de pensione 500 florenorum. cum 
res devoluta esset ad sedem apostolicam, pontifex detraxit michi 
ducentos florenos et dixit non fuisse intentionis suae theologo 
praeposituram [dari]. tanti fecit papa labores, disputationes, 
scripta, declamationes, pericula vitae, quae in me suscepi pro fide 
et honore sedis apostolicae, cum tarn multis indoctis interea provi- 
deatur et o utinam non Luderanis! 

Rex quoque Ferdinandus, qui novit quomodo Iiipsiae et Badae 
cum bereticis disputaverim, quos haboerim labores in comiciis, 
scripta nostra vidit, is proprio motu dedit michi preces regales, 
vigore quarum prebendam cum officio custodia« acceptavi. concor- 
davi cum intrusis, ut custos det 20 florenos et capellanns 
15 florenos pro pensione juveni, quo possit studio insistere. 
nolunt tarnen qnatrinum dare nisi sint liberati a quodam Valen- 
tino Bocber, stanneario pontificis, qui minatus est eis citationem. 
cum autem nichii possit contra preces, tarnen michi illam facit 
molestiam. B mu> patronus meus cardinalis Aleander sepe polli- 
citus est me liberaturum, nichii tarnen adhuc misit quo illos 
liberem a metu citationis comminatae. 

Proximo majo quintns annus complebitur quo nuncius apo- 
stolicus contulit michi canonicatum eo praesente Ratisbonae va- 
cantem l . compulsus ab eo acceptavi, feci impensas; confestim 
anno sequenti fui citatus ad urbem; interea nichii actum est. 
R ma * cardinalis Tridentinus 2 promiserat se curaturum ut liberarer. 
eo autem mortuo iterum ex nrbe minantur citationes. vivente 



1) Vgl. Nuntiaturberichte, Bd. I, S. 376 Anm. 2 (s. auch oben 
Nr. 119). 

2) Der oben erwähnte Bernhard Cless, gest. 1539. 



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256 



ANALEKTEN. 



Leone papa neu fuissem sie molestatus! sed mitto haec pri- 
vata. 

Ad publica redeo. DaTs 1 die lutherisch gewordenen Uni- 
versitäten fortfahren, Doktoren zu promovieren, ist ein Unfug, 
gegen den, wie Eck in litteris pridie scriptis mahnte, einge- 
schritten werden mufs. Schon vor 20 Jahren, als es sich allein 
um die Universität Wittenberg handelte, machte er Papst Leo auf 
dieses Treiben aufmerksam. Der Papst versprach einzuschreiten, 
aber der Tod raffte ihn innerhalb eines Monats hin: anima ejus 
vivat Deo. iste solus inter pontifices praestitit se Maecenatem 
studiorum meorum. cum ab IIP 0 principe meo missus essein ad 
Adrianum papam, illud idem sollicitabam ; sed ille videbat et 
providebat, quousque moriebatnr. proposui etiam Clementi electo 
is legato Campegio dixit illa et alia commissurum; verum dum 
legatus esset in Germania, quoties eum interpellabam , negabat 
quiequam hnjusmodi sibi esse commissum. an San™ 09 Dominus 
Noster quipiam velit statuere, sui est arbitrii et collegarum tui 
consilii. 

At ut perveniam ubi volebam, Erasmus et Lnderani ad solas 
bonas literas (ita elegantiores appellant) scholasticos adhortantes. 
philosophiam et theologiam una pessundedernnt, et etiam studia 
Germaniae quae a Luterismo sunt libera, philosophiam tarnen 
omnem perdiderunt. nemo est qui discat theologiam scholasti- 
cam, pauci adhnc ex nobis vivunt doctoribus, qui ei operara 
dederunt. quod etsi non laudem nimium illam philosophorum 
aquam a Parrhisiensibus vino theologico inmiitam, tarnen non 
Video quomodo exaetus possit esse theologus qui sententias patrum 
a Petro Longobardo congesta* non intellexerit, licet eum nolim 
adigere ad tot hecritates 8 , formalitates, relationes, instantia originis 
et naturae, entia rationis, licet illa ebibisse in adulescentia non 
poeniteat. itaque studia magna egent correctione, pueri dialogoa 
discunt Erasmi, sed non inbibunt contemptum etiam divorom, cere- 
moniarum et odium monachorum? unde magna quoque emen- 
datione acreformatione egent scholae, quas Luterismus pene desolavit. 

Sed quomodo tantis malis contraibimus ? solo in quam concilio, 
nnico et saluberrimo afflictae ecclesiae remedio, de cujus salu- 
britate et utilitate erubesco quiequam dicere coram tanto viro; 
cui domi illa nascuntur selectiora, non nostro eget nasturcio. volo 



1) Der Abschnitt über die Universitäten, bei deren Aufzählung zu 
Anfang Tübingen — zwischen Freiburg und Ingolstadt — ausgefallen 
ist, bei Raynaldus I. 1. 

2) Die von Eck damals ausgearbeiteten Denkschriften sind gedruckt 
in Koldes Beiträgen zur bayer. Kirchengeschichte, Bd. IL 

3) Sic? 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 257 



rescindere: San mQS Dominos Noster male aadit ob conciliam; 
dolent Luterani, qui in tantum opposuerunt se concilio, cum ut 
Ajunt nonquam fuit pontificis mens conciliam celebrare neque 
Mantnae neqae Vincentiae etc. parce, amplissime pater, ineptiis 
et multiloquio: nisi enim illectns essem fama integritatis ac eru- 
ditionis tuae, accedente jussu domini Sadoleti, tot verbis te mi- 
nime oneraasem; cnm autem nuncius postae tardaret, volni id 
praestare quod promiseram. 

Heri accepi literas, K muin administratorem Pataviensem, ducem 
Ernostum, postulatum coadjutorem Salisburgensem. is est prae- 
positns noster Eistetensis, quo jam tempore pestis de sna de- 
mentia huc confugi in domum praepositurae , et quia pro labore 
stipendii lecturae meae Ingolatatii nichil babeo nisi nnam preben- 
dam canonicalem (alii canonici omnes sunt nobiles), cujus pro- 
ventus sunt in frumentis et semper ferme occurrit michi villicus ini- 
quitatis in tarn paucis fructibus colligendis, rogavi ß mnia ducem 
Ernestum ut michi resignaret praeposituram pro 200 florenis, ex 
bis causis quia, licet decreverim annos vitae a Deo concessos 
conterere in scbola theologica legendo et disputando, tarnen in hoc 
prepositura me non impediret, cum non requirat residentiam, sei- 
licet cum nullas babeam aedes pro canonicatu meo, quia oportet 
me esse in studio, ideo cum Eichstet accedo, non habeo hos- 
pitium, cogor esse aliis onerosus et in festivitatibus saepins venirem, 
si esset hospicium proprium, sicut habet praepositura. 

Ad hec accedente dignitate praepositurae scripta mea forte 
majorem haberent dignitatem et Catholici ex eis reeiperent ma- 
jorem consolationem ; postremo cum prius babeam ibi frumenta 
canonicatus, si accederent frumenta praepositurae, possem bonum 
et legitimnm habere procuratorem, qui singula colligeret et debite 
conser?aret ac me volonte ac jubente venderet cnm quibusdam 
aliis. verum cum sit admodnm intentus rebus suis 1 , quod venit ad 
«um, non ejicit foras: me hactenus suspendit. scio si Leo papa 
sederet jam in papatu, non confirmaret Uli coadjutoriam nisi michi 
«ederet praeposituram. qaamvis si ipse vel paucis annis superstes 
fnisset, omnino providisset michi de aliqua praepositura, sicut 
Marliani 2 pollicebatnr michi in die s. Ceciliae quando novissime 
allocutns sum Beatitndinem Suam, et super illo promisso osculabar 
ei pedes: 9 diebus proximis mortuus est! omnino spero ut haeresim 
extinxisset; nam confidenter loquebar cum Sanctitate Sua et con- 
querebar qnod aestate illa post edictum Caesaris parum fecisset; 
respondit: si vicerimus Mediolanum, vieimns Lnterum. nos tantos 



1) Nämlich Herzog Ernst. 

2) Magliani, päpstliches Schlofs zwischen Rom und Ostia« 

3) 22. November; am 1. Dezember (1521) starb Leo X. 



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258 



ANALEKTEN. 



6umptu8 et impensas facimus non tarn pro juribus qnae abstulemnt 
nobis officiales regis Gallorum, quam quod cupimus extinctam 
Luteri haeresim ! et profecto bis verbis nixus dum nuncius veniret 
de Mediolano capto, pollicebar michi victoriam paratam contra 
Luderum. sed peccata nostra in Germania aliud merebantur. 

Parce, dignissime antistes, quod tot verbis oneroso *. utinam 
praesens et coram de omnibus possem plurimis tecum agere. 

Me commendo Amplitudini Tuae, quae me San™ 0 Domino 
Nostro commendet ... 

Eichstet 13 marcii anno salutis 40 super sesquimillessimum. 

136. Eoks Verzeichnis seiner Streitschriften nnd an- 
derer Werke, [c. 1540 März] *. 

Aus Arch. Vat Arm. 62 vol. 37 fol. 125, eigenhändig. 

Libri Johannis Eckii contra Ludderanos. 
Epistola ad Carolum imperatorem, non esse audiendum 
Ludderum s . 

De primatu Petri libri tres ad Leonem papam 4 . 

De poenitentia libri quattuor 6 . 

De purgatorio libri quattuor 6 . 

De non tollendis imaginibus liber unus 7 . 

De sacrificio missae libri tres *. 

Enchiridion locorum communium 9 . 

Apologia pro rege Angliae 10 . 

Articuli 404 contra Luteranos Caesari oblati Augustae n . 
Repulsio articulorum Zwingiii Caesari oblatorum 1S . 



1) Sic! 

2) Das nachfolgende Verzeichnis wurde dem Kardinal Contarini 
eingesandt, der in der Antwort vom 24. April den Empfang bescheinigt, 
mit dem Bemeiken, er werde sich die betreffenden Schriften in Rom zu 
verschaffen suchen und sie, sobald er könne, „avidissime 14 lesen. Ditt- 
rich a. a. 0. S. 310 f. 

3) 1521: Wiedemann S. 519 f., Nr. 33. 

4) 1520: Wiedemann S. 517ff., Nr. 32. 

6) 1522, dem Papste Adrian VI. gewidmet: Wiedemann 8. 622 f., 
Nr. 87 (in zwei, nicht in vier Büchern). 

6) 1623: Wiedemann S. 524 f, Nr. 39 (in drei Büchern). 

7) 1522: Wiedemann S. 520f., Nr. 35. 

8) 1526: Wiedemann S. 554 f, Nr. 46 (in zwei Büchern). 

9) 1625: Wiedemann S. 528ff. f Nr. 44. 

10) Asseritur hic Angliae regis liber de sacramentis (1523). Wiede- 
mann S. 523 ff.. Nr. 38. 

11) 1530: Wiedemann S. 580ff. ; Nr. 55; Ficker, Die Kon- 
futation des Augsburgischen Bekenntnisses, S. XXIII. 

12) 1530: Wiedemann S. 691 f., Nr. 57. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 259 



Plurima parva responsa et apologiae, partim latine, partim 
germanice. 

Disputatio Lipsica i . 

11. de Adventu usque ad Pascha 
2. de Paschate usqoe ad Adventum 
Homiliarom tomi qainqoe < 3. de sanctis 

i 4. de sacramentis 
f 5. de decalogo. 
Preter bec scripsi: Chrysopassum predestinationis *. 

Commentario8 in mysticam theologiam Dio- 
nysii *. 

Commentarium in Petram Hispanom et 
totam dialecticam et physicam Aristo- 
telis Stagyritae 4 com plurimis aliis. 
8i aJiquem ex his haberi placuerit, rescribite. 

137. Eok Ml Contarlnl: die Hagenaoer Tagfabrt; schwacher 
Besuch ; Lässigkeit der Bischöfe. Eck nicht anwesend. Freude, 
dafs Contarini nicht gekommen. Seuche als Folge der sommer- 
lichen Hitze und des Wassermangels. Todesfalle. Nutzlosig- 
keit der Religionsgespräche. Das Konzil. Reformbedürftigkeit 
des katholischen Klerus. Ecks Bemühungen, Witzel von 
Würzburg fernzuhalten und die Nachfolge eines des Luther- 
tums verdächtigen Domherrn im Stift zu hintertreiben. An- 
feindongen deswegen. 1540 Augost 26 Eichstädt. 

Aus Arch. Vat Armar. 62 vol. 37 fol. 137 — 138, eigenh. Orig.; 
gedruckt teilweise Baynaldus Annales eccles. 1540 § 51 eben- 
daher. 

S. p. et omne bonum. B ne pater et omni honore digni&sime. 

Etsi magno animi adfectu tuum desiderarim in Germaniam 
adventum, at coram tan tum virum intuerer et de lapso ecclesiae 
Germanicae statu fusiori colloqoio tractarem, tarnen cum nulla 5 
epes esset rei bene gerendae in comiciis Hagenoe ob Caesaris 
absentiam, unde pauci principes se eo contuleront, et imprimis 
episcopi nostri, ultra quam dici potest, supinam babent negli- 
gentiam in religionis causa; nam 6 ex nostro angulo defaerunt 



1) 1519: Wiedemann S. 492f., Nr. 18. 

2) Verfafst 1512, ediert 1514: Wiedemann S. 453ff.. Nr. 4. 

3) Verfafst 1519: Wiedemann S. 495 ff., Nr. 21: der Autor, um 
den es sich handelt, ist Dionysius Areopagita. 

4) 1516: Wiedemann S. 464 f., Nr. 7. 

5) Nulla spes — nonnichil infectus gedruckt bei Raynaldus, 
Ann. eccles. 1540, §51. 

6) Die begonnene Satzkonstruktion ist nicht durchgeführt 



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260 



AXALEKTEN. 



Brixinensis, Constantiensis , Curiensis, Pataviensis, Frisingensis, 
liatisponensis, Basiliensis, Herbipolensis, Bambergens, Eistettensis 
episcopi; solus Augustensis 1 interfuit, qui non ex toto Candidas 
est in fide, Erasmicis scriptis non nichil infectas; qua ratione 
neque Ill mQ8 ac catholicus prinreps meus Wilhelmas Bajoariae 
dux voluit adire comicia, sed fratrem docem Ludovicum misit, 
micbi autem in mandatis dedit ut tantisper differrem quo nsque 
juberet: qua ratione factum est, ut non venerim Haganoe, sicut 
et praesentia mea nichil profuisset. quanto magis doluissem B. P. T. 
tarn longnm, tarn arduum fecisse iter 8 et tarn funestum in tanto 
aestu perpetuo, prorsos sine fructu, utilitate ac profectu; magnam 
etiam luem apud nos reliquerunt continui illi calores, ut homines 
capite doleant usque ad maniam: pauci moriuntnr, sed qui re- 
convalescunt, mire debiles sunt, inventi sunt messores in agris 
mortui ex nimio haustu aquae, potissimum in montanis, ubi exic- 
catis puteis a longe ex vallibus aquas advexerunt, eis no?as et 
irjsolitas. est parvum oppidum hic forte 4000 eucbaristiam su- 
mentium; tarnen plures qnadringentis decumbunt physici nostri 
et causam et medicinam infirmitatis ignorant. heri retulit michi 
amicu8, Nurinbergae exectum corpus emortui ac inventum epar 
pluribus vesiculis ac felliculis tabidum, humore quodam putri plenis. 

Von 3 hohen Persönlichkeiten sind der Erzbischof von Trier 4 
und Herzog Erich von Braunschweig dem Hagenauer Konvent 
zum Opfer gefallen. So sterben die Guten dahin, die Tyrannen 
und Ketzer aber triumphieren. 

Ein ähnlicher unglücklicher Ausgang ist in Worms zu be- 
fürchten, falls die dorthin berufene Versammlung zustande kommt 
Überhaupt soll man nicht mit den Ketzern disputieren; diesen, 
die ungeachtet ihres dem Kaiser verpfändeten Wortes ihre Ge- 
meinschaft stets erweitern und stets mehr Kirchengüter an sich 
reifsen, ist mit solchen Mitteln nichts anzuhaben. 

Itaque huic malo nodo durior querendus est cuneus: vel sacri 
concilii generalis adhibenda est autoritas, quod Semper saluberri- 
mum fuit haeresibus extirpandis 6 remedium, ut etiam corrup- 
tissimi mores episcoporum ac canonicorum militarium reformarentur ; 
nam eorum licentiosam vitam ac minime ecclesiasticam egregie 
juvati8 Romae cum tot dispeusationibus. et bellum eBt atque ter 
pulchrum ut electis ac confirmatis episcopis condonetis ne sacer- 



1) Christof von Stadion 1517—1543. 

2) Bekanntlich war schon damals die .Sendung Contarinis nach 
Deutschland als apostolischer Legat in Aussicht genommen gewesen. 
Dittrich, G. Contarini, S. 516ff. 

3) Von hier an wieder Rayualdus 1. 1. 

4) Johann III., gest. Juli 1540. 

6) Ende des Textes bei Raynaldus. 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 261 



dotes fiant scripsi alias 1 esse ecclesiam cathedralem in qua 
nee episcopus nec praepositus nec decanas nec scholasticus nee 
cantor sunt sacerdotes; scripsi quomodo in tribus magnis eccle- 
siis cathedralibus paucissimi sint viri docti, nulli penitus doctores, 
et nemo est, qui eorum infamiam corrigat vel emendet et laycos 
mores, hec R™** P. T. scribo dolenter, sed ita ne effluat; qui 
enim apud vos in urbe sunt Germani, nicbil curant negotium 
fidei, forte me proderent pontifieibus nostris, onde invidia michl 
conflaretur. 

Audi quid michi obtigerit. Wicelius, de cujus erroribus alias 
ad longum scripsi, is aliquorum Luteranorum fayore vocatus 
fuit Herbipolim, nt in ecclesia cathedrali contionaretur. quod ubi 
reseivi, submonui episcopum , virum bonum *, multis rationibus 
ne so redderet suspectum, ne clerum civitatis et totius dioecesis 
scandalisaret, si statueret sacerdotem conjogatum, qui secum 
haberet conjugem praetensam et pueros, in ecclesia cathedrali 
docentem et praedicantem : an non totus clerus suus passim 
epithalamia caneret? quid cogitaret rex, quid prineipes Bavariae 
etc. effeci ut illum mox urbe ejiceret. at episcopo illo e vivis 
sublato per fautores Wicelius fuit revocatns. quod dum intelle- 
xissem, scripsi praedicatori et canonico ecclesiae collegiatae in 
Haugis Herbipoli, totum negotium pendere in episcopo deligendo : 
quod si faveret hic sectis, actum esset de episcopata. me nolle 
deligi N. canonicum, sub quo ruinam pateretur ecclesia. meus 
vero amicus incautior litteras illas cuidam doctori bono catholico 
concredidit, qui seniori totius capituli praesentavit. quod etsi litteras 
illas privato scripseram et pro officio et zelo meo, tarnen senior 
ille in consilio litteras meas recitavit et omnes contra illum ca- 
nonicum ambientem episcopatum exaeerbavit. dum deligeretur 
episcopus, intervenit episcopus alius magnus amicus canonici 
(quem ego in bunc diem suspicor esse luteranum). intelligens 
acta cum litteris meis magnam coneepit ad versus me indignatio- 
nem, ineusans ac si ego amicum suum impedivissem in electione 
epi8copatos. et licet illius episcopi indignatio miebi multis modis 
sit detrimento8a , tarnen parvipendo, si fidei negotio erit con- 
sultum. me commendo B mM P. T., quam Deus servet incolumem. 

Datum Eichstet 26 augusti anno gratiae 1540. 

Jo. Eckius. 

De Lucretio mandavi ut pro juvene 5 negotium expediret 
quod si tuam imploraret clementiam, ei non desia rogo. 



1) S. o. S. 255. 

2) Konrad III. von Thüngen, seit 1519, jrest. 16. Juni 1540. 

3) D. i. wohl der früher erwähnte Neffe Ecks. 



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ANALEKTEN. 



138. Eok an Morone: dessen Mitteilung Ober Contarinis 
Kommen. Bereitwilligkeit, an den Regensburger Verhand- 
lungen teilzunehmen. Die Controversiae des Pighius. Abso- 
lution eines Benediktiners. 1541 Februar 15 Ingolstadt 

Aus Mailand Bibl. Ambros. cod. 0. 230 sup. fol. 196, eigen- 
händig. Orig. 

S. p. et paratissima obsequia. R me pater. immortali me gaudio 
aflfecisti, dum nunciasti B mi cardinalis a Contarenis adventum l . 
uiiigni nominis est apud nostros ab integritate, nt exemplo suo 
poasit plures movere, ego paratus sum venire quandocunque ad 
opus Wormaciae inceptum *. 

Quod Pighius hic suas meditationes excudit disp licet Prote- 
stantes conquerentur promissa eis non servata. porro destruit 
quae concordavimns ; aedificat nichil nisi Jericho. Augustinum, 
tantum lumen ecclesiae, damnat quem non intelligit; receptam 
Anshelmi sententiam improbat meris neniis et sophismatibus ; 
antiqnam reprobatam opinionem suscitat, cujus ... 4 in litera 
meminit, et a nullo vidi pejus declaratam. an quis crederet diffi- 
cile esse Eckio tres aut quatuor modos proferre, si singularitati 
et vanitati studere vellet, probabiliores quam sit modus Pighii? 
an Durandus Barhonis Armacanus Egidius Maronis et alii non 
sunt lecti ab Eckio et intellecti, et quibus probabiliora et tollera- 
biliora attulisset ecclesiae catholicae quam Pighiana? vidi meum 
Gabrielem et in margine invenio me annotasse et improbasse 
figmentum Pighianum ante 32 annos, dum profiterer theologiam 
Friburgi: at coram plura de illo. vollem tantum ingenium non 
studere singularitatibus. 

D. Ulricum profossum s. Benedicti de licentia abbatis sui 
potentem absolvi. facite quod potestis. roliqui et commisi literaa 
abbatis sui sigillatas et supplicationem suam Wormaciae Rev. 



1) Contarini war am 10. Januar zum Legaten für Deutschland er- 
nannt worden und hatte am 28. Rom verlassen; am 12. März erreichte 
er Regensburg, wo der Nuntius Morone seit dem 31. Januar verweilte. 
Ein Schreiben Contarinis an Eck aus Regensburg vom 23. März gedr. 
Dittrich, Regesten, S. 316, Nr. 54 — ein früheres (vom 6. Januar 
aus Rom) ebendas. S. 314, Nr. 51. 

2) Über Ecks Teilnahme am Wormser Religionsgespräch s. aufser 
den neueren Publikationen über dieses auch Wiedemann S. 296 ff. 

3) Es handelt sich um das 1542 erschienene Werk des Pighius 
Controversiarum praeeipuarum in comitiis Ratisponensibus tiactatarum 
explicatio, dessen erste Abschnitte der Autor damals in Ingolstadt 
drucken liefs. 

4) Hier folgt ein unleserliches Wort (wohl nicht: ragr. = Ma- 
gister?). 



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FRIEDENSBURG, BEITRÄGE ZUM BRIEFWECHSEL. 263 



Paternitati Vestrae, quae properantibus nobis et tarnen tarde do- 
mom redeuntibus neglexi. 

Valete felicissime et si quid effeceritis in causa fidei aut 
cui parti potissimum incumbam, semper facite me certiorem. 

Ingolstadii 15 februarii 1541. 

139. Eck an Morone: Angelegenheit de9 Georg Ammann. 
Pighius. Voreiliges Edieren der Deutseben; Bescheidenheit 
Ecks. Dessen Kommen nach Regensburg. Der Weibbischof 
Melchior von Konstanz für die Teilnahme an den Religions- 
verhandlungen geeignet Der Modus der Verhandlung. 1541 
Februar 28 Ingolstadt. 

Aus Mailand Bibl. Ambros. cod. 0. 230 sop. fol. 197, eigen- 
händig. Orig. 

S. p. et omne bonum. B me pater et patrone observantissimo 
aeeepi testimoniales literas restituti d. Georgii Amman et pro- 
fecto magni beneficü loco aeeepi. spero me babiturum inter- 
cessorem apud illum virum, et omnes habituri sunt qui hoc nego- 
tium promoverunt 

De d. Albrechto 1 Pighio non attinet plura dicere, cnm ei 
perspecta fit mea innocentia cur inhibiti sunt libri ne edat. et 
profecto pro sua prudentia nec ipse debebat optare ut ederentur. 
de reliquis materiis minor cura: de articulo concordato nulla fuit 
movenda nova quaestio. at hoc vicium est nobis Germanis ut 
simus praecoces in edendo nec ursino more lambimus, multo minus 
in nonum premimns annum. ego certe plura habeo etiam elabo- 
rata in materiis controversis in fqtura; at illa non edo nisi cum 
judicio nt prosint. jam 20 annis volvo hoc saxum; nihil edidi 
nisi quae mihi videbantur necessaria, scilicet de primatu Petri, 
de penitentia et partibus ejus, de sacrificio missae, de purgatorio, 
sermone8 de tempore, sanetis sacramentis et decem praeeeptis et 
ultimo quoddam enchiridion locorum communium: alia extra 
ordinem nisi pauca. et de bis plura coram. 

Quam primum intellexero R mnm cardinalem a Contarenis venisse, 
virum tantum, tarn reverendum et omnibus modis suseipiendum, 
continuo adero. in presentia tua consultabimus, non quod ego 
me ingeram tanto consilio, sed pro meo debito servitio et obsequio 
in sedem apostolicam et ecclesiam catholicam omnia paratus 
sum facere et suggerere vobis. nam certum est hic plurimum 
valere eruditionem in negotio, in quo commilitones mei plurimi 
possent prodease; at omnia superat prudentia et remm agen- 
darum industria, quam tu cum R™ 0 domino legato praestabis. 

1) Siel 

f 

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264 



ANALEKTEN. 



Qnam vollem vos apostolicos nosse homines huic negotio opor- 
tunos. neglectus fuit doctor Melchior suffraganeus Constantiensis 1 
et decanus capituli. ob virtutes suas et eruditionem iß esset utilior 
quam quattuor aut quinque alii theologi. is est qui novit 
omnem practicam Zvinglianoruni ad . . . * is est quem obser- 
vant septem cantones Svitzerorum catholici ut apostolum; valet 
calamo egregie, declamat ad populum etc., et quem nemo odit 
nisi malus. 

B m * P. T. inquirat diligenter ab ülustri domino a Granvella 
de modo procedendi, an iste Wormaciensis sit continuandus aut 
alias, at haec omnia coram melius et fidelius. 

Ingolstadii pridie kal. mar. 1541. 

Mitto Schedas, ut ideam videas disputationum nostrarom pro 
doctoratu. 



1) Dr. Melchior Vattii, Weihbischof von Konstanz, erscheint unter 
den Verordneten zur Disputation zu Baden 1526: Wiedeinann, Eck, 
S. 221. 

2) Folgen zwei unleserliche Wörter. 

(Fortsetzung folgt.) 



Dnick tou Friedrich Andreas Terthes in Goth*, 



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< 
1 



i 



J ^ 



Inhalt. 



SeiU 

Untersuchungen und Essays: 

L v. Dobschütz, Euthaliusstudien 107 

2. Rosenfeld, Beiträge zur Geschichte des Naumburger 
Bischofstreites 1 55 

Aaalekten : 

1. Burn M. A., Neue Texte zur Geschichte des apostoli- 
schen Symbols 179 

2. Grützmacher, Die Viten des heiligen Furseus .... 190 

3. Kuck, Hartmuth von Cronberg als Interpolator des von 
Luther an ihn gerichteten Missives 196 

4. Hubert, Verloren geglaubte ulmische Keformationsakten 204 

5. Friedensburg, Beiträge zum Briefwechsel der katholi- 
schen Gelehrten Deutschlands im Reformationszeitalter 
(Fortsetzung) 211 



^ r 



Ausgegeben den 1. Oktober 1898. 



ZEITSCHRIFT 

4b OPT 28 I8C8 

KIRCHENGESCHICHTE. 



HKKAl "SUiaiKUKN VON 



D. THEODOR BRIEGER, 

ORPKRTI.. PROfKRHOR OfR K IRCHKNOKRCIIICHTK AN l>KR l'NI VK.RftITAT I.KIP7.W, 



INI» 



rsoF. Lic. BERNHARD BESS, 

ZUR ZFIT IlC LK> ARUF.ITRR AN l»K.R KOL. VNIVKK*ITÄTRRIHI.luTMKK XU OÖTtlNfirJ«. 



XIX. Band, 3. Heft. 




QOTHA. 

FRIEDRICH ANDREAS PERTHES. 
1898. 



A it/'rtiffi'H und Manuskript*' werften erbeten an d'u 
Adresse des Meriten Jlerftnsurbers. 



V 




Georgios Gemistos Plethon. 

Von 

D. Dr. Johannes Dräseke, 

Professor am Matthias Claudius-Gymnasium zu Wandsbeck. 



Dafs das Wiederaufleben des klassischen Altertums in 
Italien eine wesentliche Vorbedingung für die deutsche Re- 
formation war, dafs derselben insbesondere die liebevoll und 
begeistert eindringende -Beschäftigung mit den im Mittelalter 
vergessenen oder raeist nur inhaltlich gewürdigten Werken 
der römischen und griechischen Klassiker gerade von Seiten 
■der Deutschen in ihrem Kampfe gegen die Verweltlichung 
der römischen Kirche, die Verunstaltung ihrer Lehre, das 
vielfach schandbare Leben und die Unwissenheit der Geist- 
lichen die wirksamsten Waffen geliefert hat, das sind Wahr- 
heiten, die je dann und wann ins Gedächtnis zu rufen durch- 
aus nicht überflüssig oder unzeitgeraäfs ist. Der allgemeine 
geistige und ästhetische Gehalt des Altertums war im Mittel- 
alter verloren gegangen. Männer wie Petrarca (gest. 1374) 
und sein Schüler Boccaccio (gest. 1375) liefsen das klassische 
Altertum in neuer Gestalt wieder aufleben. Man sah jetzt 
nicht mehr auf den Inhalt der Schriftsteller allein, die Form- 
schönheit und von geläutertstem Kunstgeschmack zeugende 
Vollendung ihrer Werke waren es, auf die jetzt das Haupt- 
gewicht gelegt wurde. Durch Petrarca, der auf zahlreichen 
Reisen in Italien, der Schweiz und den Niederlanden den 
Spuren des Altertums unermüdlich nachzugehen, die ver- 
schollenen Reste desselben wieder aufzufinden sich bemühte 
und dem es u. a. gelang, Seneca, Quintilians und Ciceros 

Zeltschr. f. K -O. XIX, 3. 23 



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26G 



DKÄSEKE, 



rhetorische Schriften aus dem staubigen Dunkel der Biblio- 
theken wieder ans Licht zu ziehen, ward zum erstenraale 
der Begriff der weltlichen Kunst und Dichtung wieder zu 
Ehren gebracht. Boccaccio, der die erste griechische My- 
thologie schrieb, hat Italien wieder daran gewöhnt, sich lieber 
in die heitere griechische Götterwelt zu versetzen, als in die 
toten, geistlosen Spitzfindigkeiten des scholastischen Dogmas 
sich zu vertiefen. Der einseitig gefafste Begriff des katho- 
lischen Priestertums tritt jetzt in den Hintergrund vor dem 
der Menschheit, und zwar diese ausgerüstet gedacht mit dem 
schönen Erbe, das Gott ihr an Verstand, Edelmut und Be- 
geisterung gegeben, freilich aber auch behaftet mit allen 
jenen Schwächen, wie Leichtfertigkeit, Eitelkeit und Ruhm- 
sucht, an denen wir besonders italienische Humanisten kran- 
ken sehen. Aber das Altertum füllte doch einmal wieder 
in seiner ganzen Herrlichkeit den Gesichtskreis aller derer 
aus, die nach höherer Geistesbildung trachteten. Und so 
trat an die Stelle der mittelalterlichen, an so viele wissen- 
schaftlich unhaltbare Lehren und Meinungen geknüpften 
Weltanschauung der Grundsatz des gesunden Menschenver- 
standes, das grundsätzliche Gewichtlegen auf edle, zu vollem 
Ebenmafs des Wissens und Könnens gebildete Menschlich- 
keit, der wahre Humanismus. 

Zu der begeisterten Hingabe an die Geisteserzeugnisse 
der Alten kam nun aber für die italienischen Humanisten 
noch ein anderer, ihr Streben bedeutend beeinflussender und 
lebhaft befeuernder Gedanke, der an das Vaterland. Sie 
fühlten sich als unmittelbare Nachkommen der alten Römer. 
Deren Bildung in sich aufzunehmen und in derselben klas- 
sischen Form wie jene den Kindern ihrer Zeit, im Bunde 
mit dem, was diese ihnen Neues bot, zu vermitteln, war Ziel 
und Zweck ihrer rastlosen, vielgeschäftigen Thätigkeit. Ein 
Mann wie Laurentius Valla, der in seiner mit Recht be- 
rühmten, aber erst durch Ulrich von Hutten 1 1517 zur Gel- 
tung gebrachten Schrift „Von der falschen und erlogenen 

1) Hutten gab das Werk mit einer beißenden, an den Papst ge- 
richteten Vorrede heraus. Auch in seinem „Vadiscus" vom Jahre 



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GEORGIOS G EMISTOS PLETHON. 



267 



Schenkung Konstantins" (De falsa et ementita donatione 
Constantini) vom Jahre 1440 zuerst Licht in jenes geistliche 
Mythengewirr brachte und in der richtigen Ahnung davon, 
wie eine gesunde geschichtliche Beurteilungskunst zu ver- 
fahren habe, dem päpstlichen Machtgebäude kühn die Grund- 
lagen entzog, erklärt offen, aus Liebe zum Vaterlande seinen 
Beruf als Humanist zu erfüllen. Und der als Geschichts- 
schreiber und klassischer Übersetzer des Herodianos gefeierte 
Angelus Politianus „ führt in ähnlicher Weise als Grund seiner 



1620 (Übersetzung von Dr. Otto Stäckel, Berlin 1869, S. 14) kommt 
er auf die Sache zu sprechen und äufsert dort: „Dafs das Ganze nichts 
ist als ein Betrug, der aus päpstlicher Habsucht hervorging, dafür zeugt, 
dafs wenn die damaligen Pfaffen gewesen wären, wie die heutigen, sie 
sich nichts hätten entziehen lassen. . . . Wahr ist, dafs niemals ein 
Papst auch nur in den Besitz eines Vierteils der Lande gekommen, die 
ihnen nach ihrer Behauptung Konstantin geschenkt haben soll; aber 
tfauz - von dem andern zu geschweigen, sogar der Stadt Rom haben sie 
erst mehrere Jahrhunderte nach dem Tode jenes Kaisers sich zu be- 
mächtigen gewagt, während sie dieselbe vorher keineswegs inne gehabt. 
Also spät erst folgte dieser uralten (wie sie sprechen) Schenkung die 
Besitznahme auch nur des winzigsten Teils derselben. Hätten sie aber 
zu irgendeiner Zeit auf dieselbe aus freien Stücken verzichtet, würden 
sie sich darüber nicht von den Königen und Fürsten haben Brief und 
Siegel ausstellen lassen? Haben sie nun das Privilegium Konstantins 
so sorgfaltig aufbewahrt, wer will dann glauben, dafs sie dies Zeugnis 
ihrer Großmut so wenig in Acht genommen? Schwänke das alles! Dafs 
ich sage, was ich meine, so hat sich's mit der Geburt dieses Privi- 
legiums also verhalten : Als einmal ein habsüchtiger Papst, sei's wer es 
wolle, bei günstiger Gelegenheit einen Teil Italiens an sich gerafft hatte, 
behagte ihm der erlangte Vorteil ganz außerordentlich, und wie die Hab- 
sucht unersättlich ist, machte er dabei nicht Halt, sondern nahm sich 
vor, weiter um sich zu greifen. Die Zeiten waren günstig, der Aber- 
glaube stand in voller Blüte und nährte die Hoffnung auf weiteren Ge- 
winnst, wenn man die Einfalt des Volkes und die Trägheit der Fürsten 
nur benutzen wollte. So begann ein Papst, sein Gebiet zu erweitern. 
Seine Nachfolger schritten auf diesem Wege weiter, das Rauben, was 
einer sich erkühnt, ward zur Gewohnheit, bis zuletzt ein sehr durch- 
triebener Papst, der meinte, der Kirche einen grofsen Dienst zu leisten, 
wenn er diesen Anmaßungen einen Rechtsgrund gäbe, auf ein alt Stück 
Pergament oder das er vorher hatte im Staube liegen und sich mit 
Schimmel überziehen lassen, dieses göttliche Edikt geschrieben bat, un- 
zweifelhaft viele Jahrhunderte nach Konstantin." 

23* 



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268 



DRÄSEKE, 



Beschäftigung mit römischen Schriftstellern an, dafs diese sich 
, de majoribu8 nostris* wohl verdient gemacht hätten und 
folgerichtig mit vollem Bürgerrecht wieder in ihre alte Hei- 
mat zu kommen trachteten " K Anders stand es mit den mit- 
strebenden Griechen, die schon lange vor dem Falle Kon- 
stantinopels — der erste Manuel Chrysoloras, seit 1397 — 
immer zahlreicher sich in Italien einstellten und hier ihre 
Sprache lehrten und ihres Volkes Geisteserzeugnisse den 
Abendländern, Italienern und Deutschen auslegten. Sie hat- 
ten keine Heimat mehr, die allmähliche Überflutung ihres 
Vaterlandes durch die Türken hinderte sie auf geistigem 
Wahlplatz .für Herd und Altar zu kämpfen. Sie waren 
meist arme Flüchtlinge, die des Abendlandes Gastfreund- 
schaft in Anspruch nahmen. Es bedarf hier nicht der Aus- 
führung, mit welchem Ernste gerade die deutschen Huma- 
nisten, an Gründlichkeit und Tiefe der Bildung ihren itali- 
enischen und griechischen Lehrern gar bald überlegen — 
es seien nur Männer wie Agricola, Wessel, Hegius, Busch, 
Erasmus, Reuchlin, Melanchthon genannt — , die neue Geistes- 
bildung in den Dienst der christlichen Bildung und Wissen- 
schaft stellten. Und dadurch unterschieden sie sich wesent- 
lich von den italienischen Humanisten. Während diese, durch 
das blendende Beispiel ihrer Vorfahren verführt, in Gesinnung, 
Haltung und Sitte heidnischem Wesen zuneigten und zum 
Christentum in bewufsten Gegensatz traten, nahmen die 
Deutschen die neue Bildung zwar mit gleicher Begeisterung 
wie jene auf, blieben aber im Herzen gute Christen. Und 
das gilt auch im wesentlichen von der Mehrzahl der Griechen. 
Nur einer aus ihrer Mitte, der letzte selbständige Neupia- 
toniker und für das Abendland der gefeierte Erneuerer des 
Piatonismus, ein Mann, in welchem die gesamte Bildung des 
griechischen Altertums sich noch einmal vereinigt zeigt, 
wandte sich von dem väterlichen Glauben der griechischen 
Kirche in starrer Uberzeugung zum hellenischen Heidentum 
zurück, Georgios Gemistos Plethon. 



1) Jacob Mahly, Angelus Pontianus. Ein Kulturbild aus der 
Renaissance (Leipzig, Teubner, 1864), S. 3. 



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GEORGIOS GEMISTOS PLETHON. 



2Ü9 



Dieser Mann aber wollte mehr sein als blofser Erklärer 
und Ausleger Piatons, auch in Italien, wo wir ihn zur Zeit 
der Florentiner Kirchen Versammlung 1439 in dieser Richtung 
thätig sehen. Er wollte Reformator seines Volkes werden, 
wollte eine staatliche und religiöse Erneuerung seines Vater- 
landes herbeifuhren. Dafs er im Sinne und in Nachahmung 
Piatons diesen Versuch auf altheidnischer Grundlage unter- 
nahm und gleichwohl in den religiösen Angelegenheiten des 
byzantinischen Reiches, den Kirchenvereinigungsbestrebungen 
des fünfzehnten Jahrhunderts eine hervorragende Rolle spielte, 
führte ihn zum Zwiespalt mit sich selbst und seinen Zeit- 
genossen. Und dieser brachte sein Werk zum Scheitern. 
Dasselbe mufste scheitern, ebenso wie der gleichartige Ver- 
such des Kaisers Julianus, weil Plethon in seiner blinden 
Begeisterung für das Altertum die Bedingungen für die 
Durchfuhrung seiner Gedanken völlig unterschätzte und ver- 
kannte und die furchtbaren Zeichen der Zeit nicht zu deu- 
ten verstand. 

Die reformatorischen Bestrebungen Plethons hier schil- 
dern zu wollen, hiefse Eulen nach Athen tragen. Abgesehen 
von dem älteren trefflichen Werke von W. Gafs, Genna- 
dius undPletho, Aristotelismus und Piatonismus 
in der griechischen Kirche (Breslau 1844), hat beson- 
ders Fritz Schultze in einer von ihm geplanten, leider 
unvollendet gebliebenen „Geschichte der Philosophie der 
Renaissance in einem ersten, Kuno Fischer gewidmeten 
Bande (Jena, Maukes Verlag, 1874) „Georgios Gc- 
mistos Plethon und seine reformatorischen Be- 
strebungen" so eingehend und gründlich behandelt, dafs 
jedes Wort weiter über diese Frage vom Übel sein würde. 
Wohl aber dürfte es lehrreich sein, Plethons Stellung zu 
den seine Zeit bewegenden theologischen Fragen ein wenig 
genauer kennen zu lernen, um so mehr, als ein naheliegen- 
der Vergleich mit unserem Reformator D. Martin Luther 
dessen Wert und Bedeutung uns einmal wieder von anderer 
Seite zum Bewufstsein bringen wird. Alle hierfür nötigen 
Quellenschriften, die Reste von Plethons Hauptwerk, sowie 
andere Schriften von ihm, seinen Freunden und Gegnern 



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270 



DHÄSEKE, 



Hegen uns vor in einer ausgezeichneten Veröffentlichung des 
französischen Philologen C. Alexandre in Paris, der alles 
von anderen und ihm Entdeckte im Jahre 1858 herausgab 
unter dem Titel: IIAHQÜXOZ NOMilN ZYITPAOHZ 
TA SÜZOMRNA. Pltfthon. Traite des lois, ou re- 
cueil des fragments, en partie inedits, de cet ouvrage; texte 
revu 6ur les manuscrits, prece'de' d'une notico historique et 
critique, et augmente* d'un choix de pieces justificatives, la 
plupart inddites, par C. Alexandre, membre de llnstitut, 
Acaddmie des Inscriptions et Belies - Lettres ; traduction par 
A. Pellissier, agrdge" de philosophie, professeur de logique 
au College de Sainte-Barbe. Paris, Librairie de Firmin 
Didot freres. 

Das äufsere Leben Plethons ist, von dem schon erwähn- 
ten Florentiner Aufenthalt abgesehen, fast ein Jahrhundert 
lang in solcher Stille im Peloponnes zu Sparta, oder Misi- 
thra, wie dies damals hiefs, verlaufen, dafs es sich kaum 
verlohnt, darüber viel zu reden. 

Plethon, um 1355 in Konstantinopel geboren und aus 
angesehener Familie stammend, hatte schon in seiner Jugend 
das Elend der auf seinem Vaterlande lastenden Zeitumstände 
kennen gelernt. Das Christentum seiner Zeit war erstarrt 
und verknöchert und bildete keine lebenschaffende Macht 
mehr in seinem Volke. So sehen wir den ernsten Jüngling 
bereits mit der Frage beschäftigt, wie dem Vaterlande zu 
helfen, wie es zu retten sei, und frühzeitig hat sich ihm, an- 
gesichts der trostlosen staatlichen und religiösen Zustände 
des byzantinischen Reiches die Erneuerung der Einrichtungen 
und religiösen Anschauungen des Altertums als das einzige 
Mittel dazu ergeben. Als Kaiser Johannes V. Paläologos 
1370 jene abenteuerliche Reise in das Abendland unter- 
nahm, auf der er Hilfe und Schutz gegen die türkische 
Überflutung des Reiches zu suchen ging, war Konstantinopel 
schon in tiefem Verfalle. Um so mehr hoben sich durch 
Sultan Murats Unterstützung von Kunst und Wissenschaft 
die beiden damals schon türkischen Hauptstädte, in Europa 
Adrianopel, in Asien Brusa. Wir finden Plethon, den 
traurigen Zuständen der Vaterstadt entronnen, um 1380 in 



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OEORGIOS GEM1STOS PLETHON. 



271 



Brusa, wie sein späterer Gegner Gennadios behauptet, um 
den bei Hofe sehr einflufsreichen Juden Elissäos zu hören, 
der Polytheist gewesen sei. Ob Plethon durch ihn mit 
Zoroasters Lehren bekannt wurde, wissen wir nicht, aber 
das eine läfst sich vermuten, dafs, falls Plethon damals schon 
dem Christentum feindliche Anschauungen hegte, er durch 
Elissäos darin bestärkt wurde, wo nicht, so konnte er hier 
in Brusa auf das leichteste dazu kommen. Das beklagens- 
werte Geschick seines Lehrers, der — es ist nicht ganz 
klar, aus welcher Ursache — den Feuertod starb, veranlafste 
Plethon um 1393 den osmanischen Hof zu verlassen. Er 
ging aber nicht nach Byzanz zurück, das gerade seit 1393 
eine zehnjährige Belagerung von Seiten der Türken zu be- 
stehen hatte, sondern wandte sich nach dem Peloponnes, wo 
er als Lehrer in Sparta (Misithra) seinen Wohnsitz nahm 
und dort bis zu seinem Tode blieb. In diese Zeit fällt eine 
Reihe von noch nicht selbständigen Schriften, zumeist Aus- 
zügen aus den Werken der Alten. Selbständiger erscheint 
eine geographische Schrift über Thessalien und ein kalen- 
darisches Werk, in welchem wir höchst wahrscheinlich schon 
ein Kapitel aus Plethons später noch besonders zu erwähnen- 
dem Hauptwerke, den „ Gesetzen " {Nöftot oder N6(.nov ouy- 
yQaq>tf) zu erkennen haben. Die elenden Zustände des Lan- 
des, die sittliche Verworfenheit des Volks, unter dem er leben 
mufste, der trostlose staatliche Verfall mufsten einen mit der 
Geschichte seines Volkes so vertrauten Mann wie Plethon 
dringend bewegen, auf Abhilfe zu sinnen. Der Peloponnes, 
im Anfange des 13. Jahrhunderts von fränkischen Rittern 
erobert, unter Michael VIII. Paläologos zum gröfsten Teile 
wiedergewonnen und seit 1262 durch byzantinische Statt- 
halter verwaltet, war 1388 von Kaiser Johannes V. seinem 
Sohne Theodoros zu Lehen gegeben worden. Die Zustände 
unter seiner Regierung waren geradezu unhaltbar. Erschüt- 
ternd und betrübend zugleich ist die Schilderung, die der 
gleichzeitige Mazaris in dem seiner „ Hadesfahrt " angehäng- 
ten Briefe davon entwirft ». Theodoros war aber nicht etwa 



1) A. E Hissen, Analekteu der mittel- und neugriechischen Litte- 



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272 



» 

DRÄSEKK, 



besser als seine Unterthanen. Als 1396 die Osmanen zum 
ersten male durch die Thermopylen in Hellas einbrachen und 
1397 im Peloponnes erschienen, floh er, nachdem er den zur 
Verteidigung wie geschaffenen Istbmos ohne Schwertstreich 
preisgegeben hatte, schimpflich aus dem Lande und wollte 
dieses nunmehr an die Johanniter verkaufen, ein Versuch, 
dem sich allein Sparta, wahrscheinlich durch des Philosophen 
thatkräftiges Eingreifen dazu bestimmt, kUhn widersetzte. 
In dieser traurigen Zeit gewannen Plethons Gedanken zur 
Neugestaltung der Verhältnisse Gestalt und Leben. Die Zeit 
schien ihm ganz besonders dazu günstig. An die Stelle des 
1407 gestorbenen, unfähigen Theodoros war dessen gleich- 
namiger Neffe getreten, der Sohn seines Bruders Manuel 
(1391 — 1425), welcher Johannes IV. Paläologos auf dem 
kaiserlichen Thron gefolgt war. Dazu kamen die friedlichen 
Verhältnisse, in denen das Reich damals zu Sultan Moham- 
med I. stand, der, einzig auf Abwehr der ihm drohenden 
furchtbaren Tartarengefahr bedacht, unter Abschlufs eines 
Freundschaftsbündnisses, Kaiser Manuel II. Thessalien und 
den Peloponnes sowie auch eine Reihe befestigter Plätze am 
Schwarzen Meere und an der Propontis überlassen hatte. 
Jetzt forderte Plethon nachdrücklich den durch den Os- 
maneneinfall als dringend nötig erwiesenen Bau der über den 
Isthmus zu ziehenden Mauer. Aber die Mauer allein konnte 
den Hauptübelständen nicht abhelfen ; es bedurfte vor allem 



ratur, 4. Teil, Abtl. I, S. 238 ff. Genauer lautet der Titel dieser zeit- 
und besonders sittengeschichtlich aufserordentlich wichtigen Schrift: 
'Enidqpfa MdtaQt iv Atöov. Was den Verfasser betrifft, so glaubte 
noch Ellissen (a. a. 0. S. 27) die Frage unentschieden lassen zu 
müssen, „ob der sonst nirgends genannte Name Mazaris oder Ma- 
zari sein wahrer, oder nur ein fingierter Name sei". Auch für Fritz 
Schultze (a. a. 0. S. 34), dessen zuvor genanntem Werke ich im 
Folgenden einige wichtige Belegstellen in deutscher Übersetzung ent- 
nommen habe, war „der unbekannte Verfasser des satyrischen Toten- 
gesprächs Mazaris" nur ein Zeitgenosse, dessen Schüderungen durch 
die Geschichte bestätigt werden. In einem sehr lehrreichen Aufsatz 
über „Mazaris und seine Werke" (Byz. Zeitscbr. V, S. 63—73) hat 
Spyr. P. Lambros dagegen bewiesen, dafs Mazaris „der wirkliche, 
nicht ein erdichteter Name des Autors" ist. 



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GEORGIOS GEMISTOS PLETHON. 



273 



einer sittlichen Neugeburt. Die christliche Religion, das hatte 
ihm die bisherige Erfahrung bewiesen, war dazu nicht im- 
stande gewesen. Es galt zur Rettung des Vaterlandes eine 
andere Religion zur Geltung zu bringen. Und damit schlofs 
sich nun Plethon an die grofsen Reformatoren des Altertums, 
Pythagoras und Piaton an. Was Piaton zum Heile des 
Staats gethan und ersonnen, dafür tritt auch Plethon be- 
geistert ein. Er ist, wie ich zuvor schon bemerkte, der letzte 
grofee Neuplatonikcr, und sein grofses zusammenfassendes 
Werk, die bereits genannten „Gesetze" (Nöfiuv ovyyQCuptf), 
das uns freilich nur aus umfangreicheren Bruchstücken be- 
kannt ist, legt dafür Zeugnis ab. Daß) die Hauptgedanken 
dieses bedeutenden Werkes schon um 1415 in Plethon ge- 
reift waren und zum Teil bereits in der dort gewählten 
Fassung ihm feststanden, geht aus den beiden Denkschriften 
„Uber die Angelegenheiten im Peloponnes" hervor, 
welche Plethon in diesem Jahre an Kaiser Manuel II. und 
seinen Sohn Theodoros richtete. Der Inhalt beider ist im 
wesentlichen derselbe, beide enthalten in kurzen Zügen die 
sittlichen und religiösen Gedanken der späteren Hauptschrift. 
Den Inhalt der geistvollen, in klassischem Griechisch ge- 
schriebenen Schriften im einzelnen zu verfolgen, würde zu 
weit führen *. Plethon fordert, in Anlehnung und Ausfuh- 
rung einzelner Gedanken Piatons in dessen „Staat" und 
„Gesetzen", eine gründliche Neugestaltung aller Verhältnisse, 
er verlangt ein wirkliches Volksheer statt der elenden, ehr- 
vergessenen Mietlinge, Bewachung des Isthmos, sachgemäfse 
Aufbringung der Steuern und gerechte Verteilung derselben 
u. 8. w. Aber auch seine religiösen Bestrebungen 
und Ansichten treten hier bereits deutlich hervor. Wenn 
er in der zweiten Schrift, an Theodoros, im 15. Kapitel 
(a. a. O. S. 73/74) von der Wichtigkeit der religiösen Uber- 
zeugungen der Landeseinwohner ftir das Wohl des Staates 
und von den drei wesentlichsten hier in Betracht su ziehen- 



1) Vgl. A. Eilissens schöne Ausgabe und Übersetzung der bei- 
den Schriften in der zweiten Abteilung des vierten Teiles der genannten 
Analekten (Leipzig, 0. Wigand, 1860), S. 41—84. 



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274 



DKÄSEKE, 



den Irrtümern handelt, und im 16. Kapitel (a. a. O. S. 74/75) 
die heilsamen Wirkungen der richtigen Erkenntnis in gött- 
lichen Dingen und die verderblichen Folgen der entgegen- 
gesetzten Irrtümer mittelst ihres Einflusses auf die Sittlich- 
keit erörtert: so bewegt er sich damit in religiösen Wahr- 
heiten, die allgemeinerer Anerkennung sicher sein konnten. 
Anders geartet sind seine Ausführungen in der ersten, an 
Kaiser Manuel Paläologos gerichteten Denkschrift. „Was 
die Leute betrifft", so erklärt Plethon hier im 15. Kapitel 
(a. a. O. S. 50 ff. bezw. S. 95 ff), „die ihr Leben, wie sie 
sagen, in geistlichen Betrachtungen hinbringen (voig de (ftXo- 
oorpetv niv (päoKovoi, der alte klassische Ausdruck für mön- 
chische Beschäftigung) und die unter diesem Vorwande auf 
einen richtigen Anteil am Staatsgute Anspruch machen, so 
kommt ihnen meines Erachtens nichts davon zu. Sie mögen 
das Ihrige ungeschmälert geniefsen und von den Steuern 
für das Gemeinwesen frei bleiben, aber ebenso wenig aus 
dem öffentlichen Schatze etwas empfangen, wie ich es wenig- 
stens für billig und ihrer Lebensart angemessen halte. Dafs 
solche Leute an dem Niefsbrauch des Staatsvermögens teil 
haben sollten, will weder für die Empfänger, noch für die, 
welche ihnen das Recht daran zubilligen, sich schicken. Die- 
jenigen, welchen der Ertrag der Staatsabgaben zugute kommt, 
empfangen damit den Lohn der Bemühungen, denen sie als 
Wächter des Gemeinwohls für die öffentliche Sicherheit sich 
unterziehen. Jene geistlich beschaulichen Leute aber (wie 
oben tou; öi (pilooofpeiv noiovfjtvovg) leisten nichts für das 
Gemeinwesen, indem für den öffentlichen Gottesdienst andere 
Priester verordnet sind ; vielmehr halten sie laut ihrer eigenen 
Angabe sich von jeder andern Beschäftigung fern, um sich 
nur der Gottesverehrung für sich selbst uud der Sorge für 
ihr Seelenheil zu widmen. Wenn nun die einen den Lohn 
der Verdienste um das Gemeinwohl mit unstatthafter Be- 
rufung auf ihre Tugendbestrebungen in Anspruch nehmen, 
die andern aber ihnen denselben zum Nachteil derer, welchen 
er wirklich gebührte, zuerkennen, so kann dies doch wohl 
niemand für billig halten, als wer selbst von gewaltigem 
Aberglauben, einer dritten Art von Gottlosigkeit, befangen 



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GEOKGIOS GEMISTOS PLETIION. 



275 



ist, vermöge dessen er sich einbildet, dafs solche über Ge- 
bühr ausgeteilte Gaben Gott wohlgefällig seien. (16) Eine 
solche Ansicht scheint mir selbst mit den Lehren derer, die 
zuerst jene beschauliche Lebensweise einführten, nicht über- 
einzustimmen; nach ihren Grundsätzen sollte vielmehr ein 
jeder nach Kräften arbeiten, um so möglichst seinen Lebens- 
unterhalt zu gewinnen, mitnichten aber auf Erpressungen 
sich angewiesen halten. Es kann nicht fehlen, dafs es übel 
um das Gemeinwesen steht, wenn bei der Bereitwilligkeit zu 
solchen ungehörigen Ausgaben auf der einen Seite , ander- 
seits Ansprüche auf derartige Verleihungen aus dem öffent- 
lichen Schatze von Menschen erhoben werden, die nichts 
dafür leisten, die nur den Staat schädigen und sich selbst 
ein müfsiges, drohnenartiges Leben bereiten, ohne auch nur 
die geringste Scham darüber zu empfinden (a^v Mxi xi?- 
fprpiüöri l'giv Offlaiv avzotq 'AazaOAevdZovxagy xat ovtf aioxvvo- 
pivovg uii T<p xov trQctyiiacog atoxQü)." 

Das war ein Schlag gegen das Mönch tum im byzan- 
tinischen Reiche, und zwar ein so unerhörter und einzig- 
artiger, dafs jeder andre Byzantiner um solcher Aufserungen 
willen für immer mundtot gemacht, seiner Freiheit oder 
seines Vaterlandes beraubt worden wäre. Ellissen freilich 
meint (a. a. 0. S. 142, Anm. 19), es scheine „Plethon selbst 
unter dem aufgeklärten Teile des Klerus nicht durchaus an 
Beistimmung gefehlt zu haben." „Schwerlich würde sonst", 
folgert er, „nachdem er sich Öffentlich zu solchen Ansichten 
bekannt, das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, der Patri- 
arch Joseph II. (wie Syropulos, Hist. concil. Florent. VII, 8, 
p. 197, erzählt) seine Weisheit und seinen Wahrheitseifer in 
so verbindlichen Worten anerkannt und nach seinem Tode 
sogar ein Mönch, Gregorios, sich zu seinem Lobredner 
(s. Alexandre, p. 387—403) berufen gefühlt haben." Die 
angeführten Gründe erscheinen mir nicht stichhaltig. Gre- 
gorios gehörte dem vertrautesten Freundeskreise Plethons 
an und teilte, trotzdem er Mönch war, die heidnischen An- 
sichten seines Meisters, die er, wie die von der Seelenwan- 
derung und der Unsterblichkeit, in fast wörtlicher Uberein- 
stimmung mit Plethons Ausführungen in den „Gesetzen" 



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276 



DRÄSEKE, 



in seiner Gedächtnisrede zur Darstellung bringt l . Der Pa- 
triarch Joseph aber konnte infolge der religiös - politischen 
Haltung Plethons, auf die wir noch zu sprechen kommen, 
gar nicht anders, als dessen Weisheit und Eifer anerkennen. 
Nein, der Grund für die Möglichkeit unbeanstandeten Aus- 
sprechens nach byzantinischen Begriffen so ketzerischer An- 
sichten über das Mönchtum lag einzig und allein in dem 
hohen, allgemeinen Ansehen, das Plethon als eine sittlich in 
jeder Hinsicht makellose Persönlichkeit, als gefeierter Lehrer 
und als wegen seiner Milde und Weisheit berühmter Rich- 
ter * — ein Amt, dessen er bis zu seinem Tode waltete — 
beim ganzen Volke und besonders am kaiserlichen Hofe ge- 
nofs. Und letzterer ist der allein ausschlaggebende. Der 
kaiserlichen Huld hat er sich Zeit seines Lebens zu erfreuen 
gehabt. Schon 1445 durfte er Kaiser Manuel II. und seinem 
Sohne die beiden Denkschriften widmen. Und zwölf Jahre 
später wurde er, wie drei von Pasquale Placido 1862 aus 
dem Archive zu Neapel ans Licht gezogene byzantinische 
Urkunden beweisen, vom kaiserlichen Hause mit einigen wert- 
vollen Besitzungen nebst allen daran haftenden Gerechtsamen, 
sogar mit dem Recht der Vererbung an seine Söhne, be- 
lehnt, eine Gnadenerweisung, die Kaiser Johannes VIIL 
(1425 — 1448) bei seiner Anwesenheit im Peloponnes 142& 
durch eine Goldbulle feierlich bestätigte. 



1) Vgl. Gregorios bei Alexandre, Append. XIX, S. 400 *Arä- 
koyov ovv (%hv tfttalv xrL mit Plethons Xoftot S. 242; S. 402 owf£ 
yäo oi$ % iarlp dnXOg xrl. mit Nopiot S. 242. 

2) Gregorios a. a. 0. S. 396; Tbv plv ovv ^ivaiftd/ov naidd 
(feto iv *AQiatt(drjv töv (fÖQtov äfrfory dutvofx^ ptyiGtov Inl dutaio- 
avvrji nagii näat rotg "EU^atv aitajrjoao&cti xUog. Ovxog d' 01% 8na(, 
(oantQ Ixttvog, äUd näat <Ft« ßtov vtfitov i« J/xcuci , noUty xaxüvov 
intQ^Qi totg nüaiv. "Og yt xttl 7iQoardxr}g avatfttvdg inl XQ 0vov <*vx v0v 
rffiv nttr^iov xttl xoiv&v vöfiotv , inl rjj anpfUUt jßv HUtav noUdxtg 
atkiytoQti xkI Tfih» olxt(<ov, TlXuxtovi xav toi't^j nuO-öittvoq . . . "Off 
i>nd tftkav&{Mon(a$ ot'J' itpxft dtaiTrjijj, nQoaxdxrjg 6n> xttl xctüxtt xoO 
tQv 'EXl^vtnv fitytaxov ätxttaxrjQiov, AUA xoivtji nnootdry xttl xr\ütp6vi, 
lm.xovQtp xi xul nax(U, x**Q a ßorj&tittg aätxovfxtvoig dotyovxi, /»fea*ff 
inaoxoOvxt noUtbug, ivJrfoiv imxntooOvxi , näatv ig~!jg ix xßv iv6vxtav 
iltfi vvovxt. 



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GEORGIOS GEMISTOS PLETHON. 



277 



Plethons Vorschläge zur Neugestaltung der Dinge im 
Peloponnes kamen zu spät, wie der abermalige, acht Jahre 
später erfolgende Einbruch der Osmanen mit furchtbarer 
Anschaulichkeit bewies. Zeit und Menschen waren unfähig, 
des Philosophen tiefdurchdachte und an sich durchaus nicht 
undurchführbare Gedanken zu fassen und in die Wirklich- 
keit umzusetzen. Seine Denkschriften haben daher die wider- 
sprechendste Beurteilung erfahren. Während Ellissen 
(a. a. 0. S. 25) in ihnen „das mit klarem Bewufstsein aufs 
Praktische gerichtete Streben eines kräftigen und kühnen, 
vor keinen Konsequenzen zurückschreckenden Geistes" sah, 
„der zudem und zwar gerade bei seinen gewagtesten, an- 
scheinend unausführbarsten Thesen, in der Theorie auf die 
noch heute in höchster Geltung stehende Autorität eines der 
gefeiertsten Weisen des hellenischen Altertums sich berufen 
konnte": so erschien Plethon den älteren Beurteilern, Fall- 
merayer (1836) und Finlay (1851), die beide noch nichts 
von dem engen Zusammenhange wufsten, in welchem die 
Denkschriften mit Plethons Hauptwerk, der — erst 1858 
veröffentlichten — „Gesetzesaufzeichnung" (Nopwv ovyyQcupiy) 
stehen, als „eine merkwürdige Person, weil er zu jenen Män- 
nern gehört, die ihrer schwer erworbenen Bücherweisheit 
auch eine praktische Anwendung zu Nutz und Frommen 
ihrer Mitbürger zu geben suchen ", als „ ein gelehrter Schwär- 
mer, der seine Zeit ebenso wenig als die Menschen überhaupt 
begriff" 1 . Fallmerayer hat gleichwohl schon aus den 
kurzen Andeutungen der Denkschriften die tieferen, beson- 
ders dem Christentum feindlichen Grundgedanken Plethons 
richtig herausgefühlt und dieser seiner Auffassung vortreff- 
lichen Ausdruck gegeben. „Will man übrigens", sagt er 
a. a. O. S. 317, „Plethons Restaurationslehre im Geiste seines 



1) So Fallmerayer in seiner „Geschichte von Morea" II, S. 300. 
Finlay sagt in seiner „History of Greece", p. 282 ganz ähnlich: A 
political moralist of the time, Gemistos Plethon, with the boldness, that 
characterises speculative politicians, proposed schemes for the regenera- 
tion of the people as daringly opposed to existing rights , and as im- 
practicable in their execution, as the wildest projects of any modern 
sociali8t. 



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278 



DRÄSEKE, 



eigenen Jahrhunderts und nacli der innersten Grund- und 
Lebensidee des byzantinischen Staates prüfen, so wird das 
antibvzantinische und sohin antichristliche derselben 
deutlich hervorleuchten. Im tausendjährigen byzantinischen 
Reiche, diesem neuen Rom und Jerusalem, hat sich der Gottes- 
staat, dessen Geschichtschreiber und Gesetzgeber St. Augustin 
war, zum erstenmal in der Welt verwirklicht und zugleich 
vollen Beweis gemacht, dafs ein allgemeines Weltreich Christi 
nach dem theologischen Sinne nur dogmatisch und in den 
Formen ausführbar, ein Gottesreich lebendiger Tugend und 
allgemein befruchtender Gerechtigkeit aber hienieden ebenso 
unerreichbar ist als im weltlich- klassischen Sinne die Repu- 
blik. In der byzantinischen Staatsidee waren Christus und 
der Imperator in eins verschmolzen, das sichtbare Haupt 
eines Weltreiches, eines himmlischen, eines goldenen Reiches 
der Mitte, dessen Feldherren nicht mit irdischen Waffen und 
Söldnern fochten, sondern mit Hilfe des kaiserlichen 
Segens, kaiserlicher Mirakel und Glaubensdefinitionen, gegen 
die in scythischen und saracenischen Leibern heranziehenden 
Geister der Hölle zu Felde zogen. Die Springfedern dieses 
Reiches sowie die Heilmittel zur Wiederherstellung und Be- 
festigung der Teile desselben lagen in der gegenseitigen Liebe 
und Übereinstimmung zwischen Christus und dem theolo- 
gischen Imperator auf dem Throne zu Byzanz. Dieser Be- 
griff war so lebendig ausgeprägt, dafs unter Konstantin Po- 
gonatus im 7. Jahrhundert die byzantinische Armee einen 
Kaiser in drei Personen forderte, um der himmlischen Drei- 
einigkeit gleichsam eine irdische, von einem Willen beseelte 
Dreikaiser - Trinität entgegenzustellen. Geraistus aber will 
dieses geistliche Reich säcularisieren und ist unter allen 
byzantinischen Gelehrten der erste und einzige Abtrünnige, 
der zweite Julian der himmlischen Staatstheorie; er ist Anti- 
christ durch den neuen Grundsatz, welchen er seiner poli- 
tischen Heilmittellehre unterlegt, dafs nämlich Wohl und 
Wehe der Staaten nur von der Gesetzgebung, 
d. i. von der richtigen Einsicht und dem kräftigen Willen der 
Menschen abhängig sei." 

Um fürPlethons Verhalten in den theologisch- 



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GEORGIOS GEMISTOS PLETHON'. 



279 



politischen Fragen seiner Zeit das rechte Licht des 
Verständnisses zu gewinnen, bedarf es nur des Hinweises 
auf eine Thatsache, deren völlige Klarstellung wir Fritz 
Schul tze verdanken. Derselbe hat nachgewiesen, wie der 
engere Kreis der vertrauten Schüler, der sich um Plethon 
in Sparta sammelte, zu einer Art Bund vereinigt war. Das 
Gesetzbuch dieses Bundes war die „Gesetzesaufzeichnung" 
(NöfW)v ovyyQdCffyy jene Hauptschrift Plethons, welche nach 
seinem eigenen Ausdruck seine „Dogmen" enthielt, worin 
er, wie Gregorios sich ausdrückt 1 , „den schlechten Weg", 
d. h. das Christentum verwarf, gegen welches Plethon dort 
wiederholt sich feindlich wendet. Und diese Schrift lag da- 
mals bereits vor, wie viele wörtliche Benutzungen von Ple- 
thons Schülern beweisen. Ja Georgios Scholarios, der 1428 
den Kaiser auf seiner Reise in den Peloponnes begleitete, 
erklärt ausdrücklich, dafs ihm damals glaubwürdige Männer 
das Vorhandensein des Werkes bezeugten, und dafs er selbst 
aus zahlreichen offenbaren Beweisen zuerst im Peloponnes, 
dann später in Italien dasselbe bemerkte * 

Aus dieser Thatsache erklären sich alle Verwickelungen 
und Zweideutigkeiten in Plethons weiterem, besonders öffent- 
lichem Leben. Er wollte eine neue Religion gründen, er 
wufste, dafs er bei seiner Umgestaltung und Neuordnung 
aller Dinge mit allem Bestehenden in Widerspruch und Zwist 
geriet, hatte aber nicht den sittlichen Mut, den Vertretern 
der alten Ordnung freimütig und offen entgegenzutreten und 
für seine Überzeugung den Kampf «aufzunehmen. Denn als 
Kaiser Johannes VIII., der nach dem Tode des freundlich 



1) Gregorios a. a. 0. S. 398: x«i xotg alQovfxtvoig 6<fov ^atrjp 
Utfitv iniOTqftTjg , xrjv öi xal (favXrjv ovaav Movg (aIv Xav&tivovaav 
akri&iaTara xal aotfanara l&Xiyl-ag, nXdvtjg &ii nX((arr\g rö t<öv av- 
»(hoticov y(vog ünrjXXag't. 

2) Gennadios in seinem Briefe an den Exarchen Joseph, bei 
Alexandre, Append. XIX, S. 412/413: 'Extipog xotvw dnotog fy>, (x 
noXXoC AijXog fytv lyty6vti t xal Sri rotoOro ßißX(ov Iv nXtioai /(kJvo*? 

ovyyty(Httfiag, noXXOv u ^riyovfxivuiv a£((ov nnsitvi<s&at, xal j}u©v 
noXXaig xal (favigatg anoiSt(ZiOiv Iv IJeXonowqooi /btiv n^Orov, fiV tv 
'fxaXfq xauUijifouav. 



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280 



DRÄSEKE, 



gesinnten Sultans Mohammed II. (1421) durch dessen Nach- 
folger Murad infolge seiner unklugen, diesem gegenüber be- 
obachteten Politik in die schwierigste Zwangslage versetzt 
war und darum zunächst Frieden um jeden Preis gesucht 
hatte, dann aber, um die Hilfe des Abendlandes zu gewinnen, 
dem Gedanken des Konzils und der Kirchenvereinigung 
gegen den Rat seines Vaters Manuel näher getreten war, 
1428, wie schon erwähnt, im Peloponnes erschien und nun 
Plethon, den hochberühmten Weisen von Sparta um Rat in 
dieser schwierigen Frage anging, antwortete dieser (nach 
Syropulos a. a. O. S. 155): „Eine Reise nach Italien halte 
ich durchaus nicht für zweckmäfsig, noch glaube ich, dafs 
für uns ein Nutzen daraus erwachsen wird. Findet sie aber 
doch statt, so müfste man die Sache sehr überlegen und die 
Punkte ausfindig machen, die wir zu unserem Nutzen for- 
dern und verlangen müfsten. Das werden ja dann auch die 
schon thun, welche die Sache später beraten werden. Ich 
will nur das, was mir gerade einfällt, erwähnen: Wenn ihr 
die Reise antretet, so werdet ihr bei eurer Ankunft dort nur 
in sehr geringer Anzahl jenen gegenüber stehen, deren Zahl 
sehr grofs sein wird. Wenn ihr nun ohne Vorbedacht dem 
Konzil beiwohnt, so werden euch jene in ihrer Gesamtheit 
ins Schlepptau nehmen, und ihr seid dann nicht zu einem 
Konzil, sondern zu einer Verurteilung hingekommen. Des- 
halb mufs zuerst darauf gedrungen werden, dafs nicht nach 
der Zahl der Köpfe gestimmt werde, sondern dafs die eine 
Partei ebenso viel Stimmen hat wie die andere, sei auch die 
eine noch so grofs und die andere noch so klein. Unter 
dieser Bedingung allein dürft ihr das Konzil eröffnen lassen." 

Das ist eine elende Antwort. Sie tadelte einmal das 
ganze Unternehmen, anderseits gab sie dem Kaiser einen 
Rat, dessen tückischen, hinterlistigen Endzweck dieser frei- 
lich nicht ahnte. Nicht auf das Wohl des Reiches und der 
griechischen Kirche kam es Plethon an, sondern auf die 
Durchführung und Verbreitung seiner Religion. Mochten 
beide Kirchen in unseligem Zwiespalt sich schwächen und 
zerrütten, um so eher schien sich ihm die Möglichkeit 
zur Einführung seines neuen Heidentums zu bie- 



0E0R010S GEMISTOS PLETHON. 281 



teL. Das aber gerade wagte er nicht offen auszu- 
sprechen. Wie schwächlich und unwürdig ist schon hier 
Plethons Haltung! Sie erinnert lebhaft an die der huma- 
nistischen Schöngeister des Abendlandes. Deren geistreicher 
Spott war gleichfalls aufserstande , die römische Priester- 
herrschaft zu stürzen, sie waren in jeder Hinsicht dazu zu 
feige. Zu Führern ihres Volkes im Entscheidungskampf 
taugten sie nicht, solange sie nicht über eine hochmütige 
Verachtung der Pfaffen und aller, welche nicht zu ihrer 
Fahne schworen, hinauskamen. Warnendes Beispiel hierfür 
ist Erasmus, dem trotz seines verdienstlichen Kampfes 
gegen die Unwissenheit und Thorheit der Geistlichen (s. *Ey- 
yuißfiiov fuoQt'ag, laus stultitiaej die sittliche Kraft abging, der 
besseren Uberzeugung nachzuleben, der es gern andern über- 
liefs, ein Märtyrertum zu suchen, und im Falle eines Auf- 
ruhrs „fast Petrum in seinem Falle nachahmen" zu müssen 
erklärte. Wie anders derjenige, der mit seinem trotzigen 
„Ich hab's gewagt ! " den Bann jener Kreise brach, Ulrich 
von Hutten, dem aber doch erst ein gröfserer Held den 
Weg gewiesen, D. Martin Luther! Plethon verheimlicht 

• * 

aus Menschenfurcht seine Uberzeugung, Luther, der mit 
»einen mannhaften Thesen gegen den schändlichen Mifsb rauch 
des Ablaases der römischen Kirche 1517 den Fehdehand- 
schuh hingeworfen, tritt zu Worms 1521 den höchsten geist- 
lichen und weltlichen Machthabern seiner Zeit kühn mit der 
Antwort ohne Hörner und Zähne entgegen, um des Gewissens 
willen entschlossen, keinen Finger breit von der Wahrheit 
des Evangeliums zu weichen, und ob die Welt voll Teufel wär' ! 

Der Doppelzüngigkeit jener Antwort Plethons ent- 
sprach dann auch zehn Jahre später sein Verhalten auf 
dem Konzil zu Florenz, wohin er als kaiserlicher Rat 
im Gefolge des Kaisers mitgenommen war. Von den Ver- 
handlungen des Konzils, das im Jahre 1439 die Kirchen- 
vereinigung nur in den Akten, nicht in Wirklichkeit brachte, 
ist es nicht nötig, an diesem Orte noch einmal 1 zu reden. 



1) Ich verweise auf meine Aufsätze „Markos Eugenikos und Kar- 
dinal Bessarion" in der Neuen kirchl. Zeitschr. V, 1002—1020, „Jo- 

Ztitochr. f. K.-O. XIX, 3. 24 



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282 



DRÄSEKE, 



Plethon gehörte dem engeren Ausschufs an und stand als 
starrer Dogmatiker auf Markos' von Epbesus Seite, der be- 
kanntlich als Haupt Wortführer der Griechen ein erbitterter 
Gegner der Kircheneinigung war. Er beteiligte sich wenig 
an den Verhandlungen. Nur bei Gelegenheit der seit Alters 
viel umstrittenen Frage vom Ausgang des h. Geistes griff 
er persönlich und zwar mit Erfolg ein. Er wies die Be- 
hauptung der Römer zurück, dafs der Zusatz im Glaubens- 
bekenntnis (filioque) schon in uralten Konzilsakten, insbe- 
sondere denen des siebenten (zweiten Nicänischen) vom Jahre 
787 sich finde, indem er zur Beschämung der redlich Ge- 
sinnten, selbst unter den Römern, den Beweis der Fälschung 
jener Handschrift erbrachte, welche den Zusatz (tx roC- na- 
tgög 'Aal zov itot' i/.7coQ€r6{ievov) enthielt. Den Kaiser und 
den Patriarchen mahnte er zur Vorsicht und stärkte den 
letzteren insbesondere durch die — von Syropulos (VII, 8. 
S. 197/198) uns überlieferte — Antwort: „Keiner von uns 
darf über die Punkte schwankend sein, welche unsere Kirche 
lehrt. Denn wir haben diese Lehre erstens von unserem 
Herrn Jesus Christus selbst, dann auch von dem Apostel, 
und das waren stets die Grundsteine unseres Glaubens. 
Dazu beweisen sie alle unsere Lehrer. Da nun unsere Lehrer 
auf jenen Grundsteinen stehen und in keiner Weise von ihnen 
abweichen, diese Grundsteine aber die allersichersten sind, 
so darf keiner einen Zweifel in das setzen, was jene sagen. 
Ist aber jemand in diesem Punkte zweifelhaft, so weifs ich 
nicht, worin er dann noch seinen Glauben zeigen will. Ja, 
nicht einmal unsere Gegner bezweifeln das, was unsere 
Kirche behauptet und lehrt. Denn sie geben selbst zu, dafs 
unsere Lehre schön und sehr wahr ist; und sie suchen mit 
Gewalt zu zeigen, dafs ihre Dogmen mit den unsrigen über- 
einstimmen. Daher darf keiner aus unserer Kirche über 
unsern Glauben ins Schwanken geraten ; unsere Gegner wür- 
den sonst dasselbe thun. Gegen den Glauben jener aber 



seph Bryennios" ebendaselbst VII, 208 — 228, „Zu Georgios Scholarios" 
in der Byz. Zeitschr. IV, 561—580 und ebendort V, 672—585 „Zum 
Kircbeneinigungsversuch des Jahres 1439 w . 



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GEORGIOS GEM1STOS PLETHON. 



283 



mufs man Zweifel erheben, und das mit Recht, weil er jedes 
Beweises ermangelt, stimmt er doch mit dem unsrigen gar 
nicht überein." Wie heuchlerisch und unehrlich erscheint 
uns hier wieder Plethon ! Während er dem Kaiser und dem 
Patriarchen sich als den eifrigsten und Uberzeugungstreu sten 
Verfechter des väterlichen Glaubens zu erkennen giebt, wirkt 
er gleichzeitig im lebendigen Gespräch mit den Römern, 
Geistlichen wie Weltlichen, für seine Sache, trägt zum Arger 
seiner Landsleute, denen der vertrautere Umgang mit den 
Lateinern verboten war, an der Tafel des geistreichen Kar- 
dinals Cesarini die Lehren Piatons vor, flöfst in flammender 
Rede, wo nur immer sich ihm Gelegenheit bietet, Begeiste- 
rung für die griechischen Musen, insbesondere für den gött- 
lichen Piaton ein, von der wir schon hundert Jahre früher 
Petrarca durchdrungen sehen, und die jene ersten Lehrer 
des Griechischen und Ausleger der schriftstellerischen Hin- 
terlassenschaft ihres Volkes in Italien, Barlaam, Leontios 
Pilatos und Plethons eigener Schüler Manuel Chrysoloras 
(f 1416) mit Eifer geweckt und gepflegt hatten. Die von 
Plethon — der übrigens jetzt erst statt seines ursprünglichen 
Kamens Gemistos diesen gleichbedeutenden und an Piaton 
erinnernden Kamen annahm — geschürte Begeisterung für 
Piaton ergriff immer weitere Kreise, sie führte Cosmo von 
Medici zur Stiftung der Akademie in Florenz. Mifstrauisch 
blickte schon damals Georgios Scholarios, der gelehrte kaiser- 
liche Richter, Plethons späterer Gegner, dessen Einigungs- 
formel dieser, freilich aus anderen — oben angedeuteten — 
Gründen als Markos und der Kaiser verwarf, auf die Män- 
ner, mit welchen Plethon in Florenz verkehrte. „Wer diese 
Plethonsch wärmer sind", sagt er in seiner späteren Streit- 
schrift gegen Plethon l , „wissen wir wohl; viele haben sie 
dort im Verkehr mit Plethon gesehen. Von der Philosophie 
verstehen sie so viel, wie Plethon von der Tanzkunst" *. — 

1) ScholarioB' Äufserungen wörtlich in Gemistos Plethons Schrift 
n$6s ras (Gafs und Schultze roi/s) vnlg 'dfHOTortlovs HtoQytov toO 
^XoXagiov ävtilfttyHs bei Gafs a. a. 0. S. 55 und 56. 

2) Vgl. meinen Aufsatz „Zu Georgios Scholarios" in der Byz. 
Zeitschr. IV, 564. 

24» 



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284 



DRÄSEKE, 



„So mufaten auch diese Männer", entgegnet ihm Plethon, 
„welche doch in jeder Art der Weisheit beschlagener und 
von schärferem Verstände sind als du, unter dem Neide lei- 
den, den du gegen mich hegst . . . Mit wem von den weisen 
Männern im Abendlande hast du denn aber verkehrt? Alle, 
die mit uns dort gewesen sind, wissen ja, dafs du ihre Ge- 
sellschaft gemieden hast. Weshalb, ist ganz klar: damit es 
nämlich nicht an den Tag käme, dafs du viel unbedeutender 
bist, als du zu scheinen wünschest. Du bist also mit keinem 
von ihnen zusammen gewesen; und hättest du auch einige 
zufällig getroffen, so wärest du doch kein mafsgebender Rich- 
ter über ihre Weisheit gewesen. Ich aber bin mit ihnen im 
Verkehr gewesen und weifs, wie es mit ihrer Weisheit steht" 
Es würde für unsere Zwecke hier zu weit führen, wenn 
ich das heidnische Treiben an dieser durch den Edelsinn 
jenes kunst- und wissenschaftsbegeisterten Fürsten geschaffenen 
Pflanzstätte der platonischen Philosophie eingehender schil- 
dern wollte. Nur an die in jenen Tagen zu Florenz gethane 
Äufserung Plcthons möge erinnert werden : Der gesamte Erd- 
kreis werde in wenigen Jahren einmütig eine und dieselbe 
Religion annehmen, zwar nicht die Christi oder Mohammeds, 
sondern eine, die von dem altgriechischen Heidentum nur 
wenig verschieden sei. Schon damals begann die Weis- 
sagung in Florenz sich wunderbar zu erfüllen. Die Fort- 
schritte, die das Heidentum in Männern wie Marsilius Fici- 
nus Hugo Bencius, Pomponius Lätus offenbar machte, tru- 



1) Den oben angedeuteten Gegensatz, Versinken in heidnisches 
Weseu bei den Italienern, treues Festhalten am Christentum bei den 
Deutschen, sehen wir z. B. in Marsilius Ficinus und seinem Schüler 
Reuchlin verkörpert. Letzterer gehörte dem Kreise der Florentiner 
Platoniker an und war zugleich Schüler von Plethons durch seine 
schwungvolle Gedächtnisrede auf seinen Meister (bei Alexandre, 
Append. XIII, S. 376—386) und seine lateinische Übersetzung des auf 
Wunsch Sultan Mohammeds von Gennadios vorgelegten Glaubensbekennt- 
nisses (vgl. Otto, Des Patriarchen Gennadios von Konstantinopel Kon- 
fession [Wien 1864], S. 6. 11. 19) wohlbekannten Schüler Hierony- 
mos Charitonymos oder Georgios Hermouyraos von Sparta 
(nach Allati us, Hodius, Wharton und Alexandre bezeichnen beide Namen 
eine und dieselbe Person), der nach der Zerstörung Konstantinopels ins 



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GEOUGIüS GEM1STOS PLETHON. 



285 



gen wesentlich dazu bei, Plethons auf die Verwirklichung 
«einer Pläne gerichtete Hoffnungen und Erwartungen auf 
das höchste zu erregen. 

Auch von Plethons in diese Zeit oder in den damaligen 
Kreis seiner Gedanken fallenden Schriften und dem mit 
Scholarios seit jenen Tagen um die Bedeutung und rechte 
Würdigung der beiden grofsen Philosophen Piaton und Ari- 
stoteles geführten Streite soll hier nicht geredet werden. 
Dieser kam erst eigentlich nach Plethons Tode zwischen 
Gennadios und Plethons Schülern zum Austrag. Die Kon- 
zilsverhandlungen waren inzwischen im wesentlichen frucht- 
los verlaufen. Die Griechen waren in die Heimat zurück- 
gekehrt, Plethon mit seinem dem Einigungswerke durchaus 
abgeneigten Despoten Demetrius nach Sparta, wo er nun- 
mehr wieder friedlich seines Richteramtes waltete. Jetzt 
schrieb er jene heftige Schrift gegen den für Aristoteles ein- 
tretenden Gennadios (Scholarios), die zum Glück vom Kaiser, 
dem er sie zuvor eingesandt, zurückgehalten wurde, so dafs 
bei Lebzeiten Plethons zwischen den beiden errofsen Männern 
äufserlich wenigstens ein freundliches Verhältnis bestand. 
Das geht auch noch aus dem Schreiben des Scholarios her- 
vor, das dieser auf Anlafs der um 1448 von Plethon ver- 
öffentlichten Schrift „Uber den Ausgang des h. Gei- 
stes" an diesen richtete. Auf diese Schrift müssen wir noch 
ein wenig genauer eingehen, sie ist das letzte Glied in der 
Reihe derjenigen Thatsachen, welche für die Doppelzüngig- 
keit und sittliche Schwäche Plethons Zeugnis ablegen. 

Wie sehr Scholarios' Mifstrauen gegen Plethon gerecht- 
fertigt war, zeigt besonders diese Schrift In keinem seiner 
früher bekannt gewordenen Werke tritt des Verfassers Hei- 
dentum so klar und deutlich zutage wie hier. Hatte er bis- 
her nicht den Mut gehabt, sein seit langen Jahren fertiges 
und in» diesen letzten peloponnesischen Zeiten wohl immer 

Abendland tibersiedelte und als Lehrer des Griechischen in Paris wirkte. 
Durch Reuchlins Verraittelung ist somit auch Philipp Melanch- 
thon in weiterem Sinne Schüler Plethons und diesem daher um des 
von ihm ausgehenden Stromes philosophischer Belehrung willen auch 
die deutsche Reformation zu Danke verpflichtet. 



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266 



DRÄSEKE, 



noch weiter verbessertes und gefeiltes Hauptwerk, die „Ge- 
setzesaufzeichnung" (Nöftotv oiyyQaqt]) zu veröffentlichen, so 
waren ihm hier Aufserungen entschlüpft, die von seinen 
Zeitgenossen sofort als heidnische erkannt und bezeichnet 
wurden. Man wufste ihm ob dieses Eintretens für den Glau- 
ben der Kirche mit Recht keinen Dank. 

„Das Werk", so etwa beginnt Plethon 1 — es kommt 
natürlich hier nur auf die für diesen bezeichnenden Wen- 
dungen an, nicht auf das, was sich, wie in unzähligen gleich- 
artigen Schriften, so auch bei ihm sich findet — , „welches 
zu Gunsten des lateinischen Dogmas erschienen ist (es han- 
delt sich um irgendeine dieselbe Frage behandelnde Schrift 
Bessarions), bedient sich in seiner Beweisführung eines Satzes, 
welcher der hellenischen Theologie ganz besonders wert, der 
Kirche aber durchaus feindlich ist, dafs nämlich, wo die 
Kräfte verschieden sind, auch die Substanzen verschieden 
sind .... Natürlicherweise ist dieser Satz der Kirche durch- 
aus feindlich. Denn die hellenische Theologie stellt an die 
Spitze des Alls einen einzigen höchsten Gott, eine unteilbare 
Einheit; diesem spricht sie dann mehrere Kinder zu, die in 
dem Verhältnis der Uber- und Unterordnung zu einander 
stehen ; und deren jedem sie einen besonderen gröfseren oder 
kleineren Teil des Alls unterordnet; von denen sie indes 
keinen dem Vater gleich oder auch nur ähnlich sein läfst. 
Denn sie läfst alle von verschiedener und viel geringerer 
Substanz und Göttlichkeit sein. Abgesehen davon aber, dafs 
sie dieselben — Kinder jenes Gottes und selbst Götter nennt, 
nennt sie sie zugleich auch Werke desselben Gottes, da sie 
nicht will, dafs man in jenem Gotte die Erschaffung von 
der Zeugung unterscheide, ebenso wenig wie das Wollen von 
seiner Natur, oder kurz gesagt, die Thätigkeit von seinem 
Wesen (pv< dSioCoa hii ye zoC Qw€ yerrtfoeiog öri^iiovQyiav 
öictAQheiv , bti nrße ßovXuoiv qvoeaßg, bfoog de et7cetp, ft^d 
oiaiag ivtQyeiav). Die hellenische Theologie läfst aber des- 



1) Die Schrift, zum erstenmal 1698 in Jassy veröffentlicht, findet 
sich bei Alexandre, Append. VII, S. 300—311, vgl. dessen Notice 
preüminaire, p. XXVIII ff. 



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OEORGIOS GEMISTOS PLETHON. 



287 



halb die Kinder des höchsten Gottes von verschiedenem und 
zwar geringerem AVesen und Göttlichkeit sein, weil sie sich 
auf keinen anderen als gerade auf diesen Satz stützt, dafs, 
wo die Kräfte verschieden sind, auch die Substanzen ver- 
schieden sind ((hg tov ai övvdfjetg dtd(poQOi, xot aviä £v 
iiri xatg ovaiaig dict(poQa), indem sie den gröfsten Unter- 
schied findet zwischen der Kraft des durch sich selbst 
Seienden und der Kraft des durch anderes Seienden. Die 
Kirche nimmt aber offenbar diesen Satz nicht an, denn 
sonst würde sie nicht den Sohn dem Vater - gleichsetzen 

U. 8. W." 

Das ist keine christliche Beweisführung mehr, sondern 
-eine heidnische. Im weiteren Verlauf seiner Erörterungen 
stützt er sich, oder giebt es wenigstens vor, auf die Grund- 
sätze der kirchlichen Theologie, wie er sie im Gegensatz 
zur hellenischen oder heidnischen nennt. Von letzterer spricht 
er selbst zwar nicht mehr; aber bricht seine Vorliebe für 
sie nicht fast aus jedem Wort in der angeführten Stelle her- 
vor? Ist es nicht augenscheinlich, dafs seine sogenannte 
hellenische Theologie durchaus nicht die der Alten, sondern 
nur seine eigene ist? Und sollte in dieser Hinsicht noch 
irgendein Zweifel vorhanden sein, er würde bald verschwin- 
den, wenn wir dieselbe Stelle mit den betreffenden Aus- 
fuhrungen der „ Gesetze " vergleichen wollten. Wir würden 
in ihr nichts weiter als einen kurzgefafsten Entwurf seines 
philosophischen Lehrgebäudes erkennen. „Aus der Zuver- 
sicht aber", bemerkt Fritz Schultze (a. a. O. S. 100) 
sehr richtig, „mit der Plethon hier seine Theologie schon 
der kirchlichen nicht blofs als ebenbürtig, vielmehr als über- 
legen entgegenstellt, insofern er die Kirche nicht einmal jenen 
Grundsatz alles Denkens, den der Kausalität, anerkennen 
läfst, kann man schliefsen, wie hoch Plethons Hoffnungen auf 
Verwirklichung seiner Pläne in den letzten Jahren gestiegen 
sein mochten." 

Gennadios hielt es für seine Pflicht, Plethon, der sich so 
wenig Zwang auferlegte, seine dem Christentum feindliche 
Gesinnung zu verbergen, entgegenzutreten. Er that es in 
einem an ihn gerichteten Briefe, dessen einziger Fehler seine 

s 

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•288 



DRÄSEKE, 



Länge ist , einem Meisterstücke rednerischer Gewandtheit K 
Des Schreibers Lage war unzweifelhaft eine heikle. Zu 
gleicher Zeit mufste er Plethon loben, die gute Sache ver- 
teidigt, und tadeln , sie schlecht verteidigt zu haben. Er 
mufste ihn wegen seiner Rechtgläubigkeit beglückwünschen 
und ihn merken lassen, dafs man nicht daran glaube; er 
mufste ihn als einen gefahrlichen Mann schonen und gleich- 
zeitig ihn einschüchtern durch die Andeutung, dafs man ihn 
erkannt habe und bereit sei, ihm die Maske vom Gesicht 
zu reifsen, kurz er mufste schonende Rücksichten der Höf- 
lichkeit walten lassen und den äufseren Schein einer engeren 
Verbindung wahren, die noch vorhanden, aber dem Bruche 
schon recht nahe war. Der Eingang kann eine Vorstellung* 
von den Beziehungen geben, die damals noch zwischen den 
beiden Männern bestanden. Scholarios schreibt: „Ich habe, 
bester und weisester der Freunde, den Brief erhalten, in 
welchem du mir versicherst, dafs du mich liebst, dafs du 
mir nicht zürnest, noch aus Groll etwas gegen mich unter- 
nehmest ; dafs du aber dem durchlauchtigen Kaiser ein Buch 
zugesandt habest, welches gegen meine Schutzschrift für 
Aristoteles gerichtet sei. Zugleich aber erschien von dir eine 
Schrift gegen das lateinische Dogma (ßißltov ti aov xara 
jlaviviov xf s g dö$r}g ifpaivero), und da du derselben gegen 
mich gar nicht Erwähnung thust, so hat es doch wieder den 
Anschein, als grolltest du mir (o£ nQÖg t^äg ye ov 
fuvog y itfaig a? xat /i^wW*, S. 313) . . . Auch wider deinen 
Willen ist aber diese Schrift vor allem in meine Hände ge- 
kommen. Was die Schrift aber anbetrifft, von der du sagst, du 
habest sie hergeschickt, und ich könne sie hier (in Byzanz), 
wenn ich wollte, in Empfang nehmen, so hat sie mir der 
Kaiser nicht gegeben, weil er, wie ich behaupten möchte, 
mehr um deinen Ruf besorgt ist als du selbst (00V xat tfjg 
afjg 66^; j.tällo\>, dbg &V eyioye cpaiyv , y^doftevog) . . . Viel- 
leicht wird man sie mir eines Tages auch ohne mein Bitten 
geben, sei es, um mir einen Gefallen zu thun, sei es, um 



1) Alexandre, Append. IX, S. 313—369: 1Iq6s nirj» 
tj nQÖs t6 inl(f Atxxtvtav ßißUov aitoö «navTqOH, fj xata 'EiXfjvcjv. 



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GEOKOIOS GEMISTOS PLETHON. 



289 



mich zu kränken (iowg 61 nove dutoei xig xert ^ drtaiTotvn, 
1} xaQUio&ai t Vj Iwrfoetv oidftevog, S. 314)." — Scholarios 
geht nun alle Gründe Plethons durch, indem er sie teils 
durch stärkere Beweise stützt oder sie unter der Form höf- 
licher Zustimmung widerlegt. So beglückwünscht er Plethon 
wiederholt, die aus der hellenischen oder heidnischen Philo- 
sophie entlehnten Sätze, auf welche er sich in seiner Schrift 
beruft, nicht angenommen zu haben. „Doch sollten", fährt 
er fort (a. a. O. S. 324), „einige auch jetzt noch jene häfs- 
lichen Albernheiten der Hellenen zu erneuern wünschen, so 
mufs man diese als in unverzeihlicher Verblendung befind- 
lich bezeichnen. Denn seit der Offenbarung des Monotheis- 
mus, welchen jene Leugner durch die Einführung von falschen 
Göttern im Grunde verwerfen und nur dem Namen nach 
verehren; welchen aber der mit Gott einsseiende und wesens- 
gleiche, Mensch gewordene Logos ohne Zweifel und schlecht- 
hin zu glauben gelehrt: wie wäre es da noch recht, neue 
Götter zu machen, zu versuchen, jene unsinnige, erloschene 
Götzenbildnerei wieder anzufachen, Götter einzuführen, die 
,im Gegensatz zu den Verdrehungen der Dichter von der 
Philosophie anerkannt sind, einfache Kultusgebräuche, wie 
jene Leugner sagen, einzurichten, Sitten gesetze und Lebens- 
regeln nach Zoroaster, Piaton und den Stoikern zu geben*! 
(eine unmittelbare Bezugnahme auf Plethons Vorrede zu seinen 
„Gesetzen", a. a. 0. S. 2 und 4, die Scholarios, als er dies 
schrieb, schon bekannt gewesen sein muls) . . .Sollten aber 
Schriften derartigen Inhalts eines Tages in meine Hände 
fallen, so werde ich und viele andere zeigen, dafs sie leeres 
Geschwätz sind; und sollte ich jemals einen Kampf dagegen 
beginnen müssen, so würde ich zwar nicht mit Feuer, aber 
mit Gründen der Wahrheit gegen diese Schriften zu Felde 
ziehen, da das Feuer sich mehr für die Schreiber passen 
würde" (dlla y Ivoivo xd/uoi toüto ivOTfoaa&ai töv äyQva, 
xort fitj nf)Q f dllct Xöyovg nälkov älr\teiag hcaqxivai totg 
yQafifjaatv, &g ro7g yga^aai /jällov nolnowog zoti xvodg). 
Die letztere Wendung ist ohne Zweifel sehr stark und mufste 
Plethon erbittern. Gleichwohl können wir sie kaum ernst 
nehmen. Die Liebe zwingt uns, darin mehr eine rednerische 



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290 



DRÄSEKE, 



Wendung als eine Drohung zu sehen, und zwar eine Drohung, 
die in Scholarios' Heimat nur den Sinn einer Anspielung auf 
abendländische Sitten haben konnte. In Griechenland sind 
niemals Scheiterhaufen für Ketzer errichtet worden, im Gegen- 
teil, erst Plethon ist es, der dieses entsetzliche Rechtsmittel 
in sein Staatswesen eingeführt zu sehen wünscht („Gesetze", 
a. a. 0. S. 126). 

Als bald nach Scholarios' Schreiben Kaiser Johannes im 
Jahre 1448 starb, da trat Plethon mit der durch den Herrscher 
bisher zurückgehaltenen, auf den philosophischen Streit um 
Piaton und Aristoteles bezüglichen Gegenschrift gegen Scho- 
larios hervor. Die ganze Schale seines lange zurückgedräng- 
ten Zornes schüttete der erbitterte Philosoph über den Vor- 
kämpfer seiner Kirche aus, und zwar in einer so gehässigen 
Weise, wie dieser es wohl nimmer gedacht hatte. Scholarios 
aber schwieg, wie er sagt, durch des Vaterlandes Unglück 
am Schreiben gehindert. Und damit endete der zwischen 
den beiden Männern bei Lebzeiten Plethons geführte Kampf. 
Im Jahre 1452 starb Plethon *, fast hundertjährig, eine kurze 
Krankheit nahm den bis unmittelbar vor seinem Tode rüsti- 
gen Greis hinweg. 

Es würde über den Rahmen dieser kirchengeschicht- 
lichen Nachweisungen hinausfuhren, wenn ich auf Gennadios' 
späteres Ketzergericht über Plethons nachgelassenes Haupt- 
werk hier noch näher eingehen wollte. Ich habe über das- 
selbe an anderer Stelle und in anderem Zusammenhange ge- 
redet *. Nur eine Ergänzung möge hier ihre Stelle finden. 
Obwohl Scholarios (in der eben angeführten Stelle) seiner 
Zeit nicht Gewalt, nicht Feuer gegen seine Gegner zur An- 
wendung zu bringen gelobt hatte, hielt er es im Jahre 1460 
als Patriarch, d. h. als Schirmherr und Verteidiger des 
Christentums, das im Graus der Verwüstung und unter dem 
Drucke der türkischen Knechtschaft in Gefahr stand, seinem 

1) Vgl. Demetrakopulos, *Oq96JoSos 'EIXds , S. 108/109 und 
besonders Alexandre, Notice prelim., p. XXXIX, anders F. Schultze, 
S. 106/107. 

2) Vgl. meinen Aufsatz „Gennadios Scholarios" in der Neuen 
kirchl. Zeitschrift VIII, S. 652—671, besonders S. 663-665. 



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GEORGIOS GEMISTOS PLETHON. 



291 



Volke verloren zu gehen, für seine Pflicht, das ihm von 
Demetrios und seiner Qemahlin ausgelieferte Werk Plethons 
zu verbrennen. So sehr wir diesen Schritt von allgemein 
menschlichem, im besonderen wissenschaftlichem Standpunkt 
aus bedauern müssen, so dürfen wir doch Gennadios' Be- 
gründung seiner That, die er in einem ausführlichen, an den 
Exarchen Joseph gerichteten vortrefflichen Sendschreiben (bei 
Alexandre a. a. O. Append. XIX, S. 412—441) darlegt, 
nicht unbeachtet lassen. „Alle Kapitel des Buches", erklärt 
er zum Schlüsse (S. 439), „hatte er mit Hafs gegen die 
Christen angefüllt, indem er unsere Lehre schalt, doch nicht 
widerlegte, ebenso wie er die seinige gab, doch nicht bewies. 
Deshalb glaubte ich keinen Teil des Buches den Gläubigen 
zu Gesicht kommen lassen zu dürfen, da es ihnen keinen 
Nutzen, wohl aber ihren Seelen Ärgernis bereiten konnte. 
Abgesehen aber von derartigen widersinnigen gelegentlichen 
Bemerkungen enthielt das Buch auch nichts von weisen 
Lehren, sondern es war in allen Stücken die Ausgeburt des 
gröfsten Stumpfsinns, weshalb durch die Vernichtung des 
Buches auch den Menschen durchaus kein Gut geraubt 
wurde, wie ich es, ohne mich an gewisse Unvernünftige zu 
kehren, sagen mufs. Darum nun, weil er einerseits nicht 
im Glauben stand, sondern abtrünnig war, und weil ander- 
seits unser Volk sich jetzt in einer schrecklichen Verwilde- 
rung befindet, habe ich, nicht nur um es zu vernichten, 
sondern auch zur Strafe sein Buch dem Feuer überantworten 
lassen. Es war ganz von seiner eigenen Hand geschrieben. 
Da es nun leicht möglich ist, dafs das Buch von irgend- 
einem Anhänger Plethons, sei es bei seinen Lebzeiten oder 
nach seinem Tode abgeschrieben ist und sich irgendwo be- 
findet, so befehlen wir allen im Namen Gottes, wann immer 
und wo immer es bei einem Christen ganz oder teilweise 
gefunden wird, es den Flammen zü überliefern; denjenigen 
aber, der es etwa besitzt und verheimlicht, wenn er nicht 
nach zweimaliger Aufforderung es freiwillig verbrennt, von 
der Gemeinschaft der Christen auszuschliefsen." Gennadios 
hat trotz abweichender Uberzeugungen vor der Persönlich- 
keit Plethons stets die gröfste Achtung und Ehrfurcht be- 



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292 DRÄSEKE, GE0RG10S GEM1STOS PLETHON. 

wiesen, über die niedrigen Beweggründe des Neides und 
Hasses war dieser Mann erhaben. Und so werden wir seine 
ehrliche Überzeugung, wie er sie in der Begründung seiner 
aus glühendstem Eifer für die christliche Religion entsprun- 
genen That zum Ausdruck bringt, nicht bezweifeln dürfen. 

Plethons Lebenswerk ist schmählich zu Schanden ge- 
worden. Menschenfurcht und schwächliche Gesinnung be- 
stimmten ihn, wie wir gesehen, während seines ganzen langen 
Lebens ein doppelzüngiges, dem Christentum gegenüber un- 
würdiges, unverkennbar feindseliges Spiel zu treiben. Das 
Verdienst, das sich Plethon durch die Wiedererweckung de» 
Piatonismus im Abendlande erworben, wird ihm unvergessen 
bleiben ; für ihn selbst freilich war das nur der erste Schritt 
auf dem Wege der Neugestaltung aller irdischen Dinge, wie 
er sie geplant und in seinen „ Gesetzen u entworfen hatte. 
Wir aber freuen uns, dafs alles Folgende der Welt erspart 
blieb; die christliche Wahrheit, wie sie Gennadios vertrat, 
hatte wieder einmal den Sieg behalten. 



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Die Stellung des Urbanus Rhegius im 
Abendmahlsstreite. 



Von 

Lic. Otto Seitz in Naumburg. 



Wer es unternimmt, die Stellung des Urbanus Rhegius 
im Abendmablsstreite zu behandeln, wird nicht umhin können, 
sich mit der Auffassung dieses Gegenstandes auseinanderzu- 
setzen, die der Biograph des genannten Reformators, D. Uhl- 
horn, in seinem gleichlautend überschriebenen Aufsatze 1 vor- 
getragen hat. Es wird daher nötig sein, diese Auffassung 
dem Leser in wenigen Zügen vorzuführen, während die 
Kritik der folgenden Darlegung überlassen bleiben soll. Nach 
Uhlhorns Urteil ist Rhegius nicht nur durch Luthers Schrif- 
ten dem Evangelium zugeführt worden, sondern auch „seine 
Anschauung, seine Predigtweise, sein ganzer theologischer 
Charakter war durch und durch lutherisch". Gilt dies von 
der ersten Periode der reformatorischen Wirksamkeit des 
Rhegius (ca. 1521 — 23), so bringt die zweite Periode, die 
mit der Zeit des Abendmahlsstreites zusammenfällt, eine 
auffallende Wandelung mit sich. Zwar tritt Rhegius im 
Anfang dieses Streites noch Karlstadts Anschauung entgegen. 
Bald aber verläfst er die Partei Luthers und tritt offen zu 



1) Jahrbücher für deutsche Theologie, 5. Band (S. 3—45). Gotha 
1860. — Auf diesen Aufsatz gehen die bezüglichen Aussagen der Bio- 
graphie desselben Verfassers („Urbanus Rhegius. Leben und aus- 
gewählte Schriften." Elberfeld 1861) zurück. 



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294 seitz, 

Zwingli über. Natürlich mufs dieser „Übertritt" durch ge- 
wichtige Gründe veranlafst gewesen sein; es werden als 
solche angeführt des Rhegius „Mangel an dogmatischem 
Scharfsinn", ferner seine „theologische Unselbständigkeit", 
nicht zum wenigsten seine „ Friedensliebe " und endlich seine 
„ Abhängigkeit von der Anerkennung der Menge " oder seine 
„Eitelkeit". In der Art dieser Motive aber lag es begrün- 
det, dals die Zwingli freundliche Stellung nicht die endgül- 
tige sein konnte : dem „Übertritt" zu Zwingli folgte ein „Rück- 
tritt" zu Luther, der etwa im Jahre 1529 zum Abschlufs 
kam. Von da an war und blieb Rhegius, was er nach Uhl- 
horns Anschauung von Anfang an gewesen war, ein luthe- 
rischer Reformator. Die Ubereinstimmung mit Zwingli hat 
also in der Entwickelung des Rhegius nur die Bedeutung 
einer Episode: „Der Zwinglianismus ist nur ein eingespreng- 
tes fremdes Stück, dem darum auch keine lange Dauer zu- 
kommen kann", so lautet das zusammenfassende Urteil. 

Wenn diese Auffassung im Nachstehenden an dem vor- 
handenen Quellenmaterial, d. h. an dem Inhalt der von Rhe- 
gius während des Abendmahlsstreites verfafsten Abhand- 
lungen, Predigten und Briefen geprüft werden soll, so ist 
eine zweifache Vorbemerkung nötig. Einmal ruht die Uhl- 
hornsche Darlegung auf der Voraussetzung, dafs die dem 
Abendmahlsstreite vorangehende theologische Entwickelung 
des Rhegius so verlaufen sei, dafs er mit „durch und durch 
lutherischen" Ansichten in die zweite Periode seiner Wirk- 
samkeit eintrat. Zum Beweise hierfür wird hingewiesen auf 
die weitgehende, oft wörtliche Übereinstimmung mit Äufse- 
rungen Luthers, die in allen Kundgebungen aus der An- 
fangszeit unseres Reformators sich findet. Allein wenn sich 
auch diese letztere Thatsache nicht leugnen läfst, so ist gegen 
die daraus gezogene Folgerung ein Doppeltes geltend zu 
machen. Erstens kann die Übereinstimmung mit den rela- 
tiv unentwickelten Aufserungen aus Luthers ersten Jahren — 
denn um diese vornehmlich handelt es sich — nicht allzu 
viel beweisen. Selbst Zwingli befand sich bis ca. 1523 in 
weitgehender, wenn auch schon damals nicht vollständiger 
Übereinstimmung mit dem Wittenberger Reformator. Zwei- 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMÄHLSSTREITE 295 

tens aber sind in den Schriften des Rhegius neben jener 
Übereinstimmung mit Luther starke Spuren einer anders- 
artigen Anschauung zu konstatieren, die der Zwingiis ähn- 
lich ist. Mag man diese Ähnlichkeit durch Wurzel Verwandt- 
schaft — Rhegius wie Zwingli sind vom Humanismus aus- 
gegangen und auch als Reformatoren von ihm beeinflufst 
worden — oder durch Abhängigkeit des Augsburger Refor- 
mators von dem Züricher erklären, jedenfalls ist man be- 
rechtigt zu urteilen, dafs die reformatorische Anschauung des 
Rhegius schon in der Zeit bis 1 523 mehr der Zwingiis ver- 
wandt ist als der Luthers K 

Eine zweite Vorbemerkung betrifft die Beurteilung des 
Abendmahlsstreites im allgemeinen. Das Problem, das die 
Stellung des Rhegius in diesem Streite bildet, wäre leicht zu 
lösen oder gar nicht vorhanden, wenn man den Abendmahls- 
streit als einen Streit betrachten dürfte, der nur einen ein- 
zelnen, wenn auch wichtigen Lehrpunkt oder gar nur eine 
Differenz in der Exegese einiger Bibelstellen betraf. Allein 
je mehr der Streit resp. die Streitschriften äufserlich be- 
trachtet diesen Anschein erwecken könnten, um so nötiger 
ist es, von vornherein sich daran zu erinnern, dafs in dem 
Sakramentsstreit die beiden Richtungen des Protestantismus 
aufeinander trafen, dafs an dem einen Punkte der Abend- 
mahlsanschauung der relative Gegensatz zweier Gesamtan- 
schauungen zum Ausdruck kam. Daraus in erster Linie, 
nicht lediglich aus Rechthaberei und Mifsverständnis erklärt 
sich die Schärfe des Kampfes. Diese tiefer hegende Diffe- 
renz, die oft über den Kampf um Einzelfragen vergessen zu 
sein schien, ahnte Luther, wenn er am Ende des Streites 
über die Gegner urteilte: „Ihr habt einen andern Geist als 
wir." Freilich that er seinen Gegnern, speziell Zwingli Un- 
recht, wenn er sie unterschiedslos als Vertreter einer und 
derselben Richtung zusammenstellte. Zutreffend dagegen war 

1) Es sei mir gestattet, hierfür auf meine Dissertation: „Die theo- 
logische Entwickelung des Urbanus Rhegius, speziell sein Verhältnis zu 
Luther und Zwingli, in den Jahren 1621— 1523 * (Gotha 1898) hinzu- 
weisen, in welcher ich den Einzelnachweis für die oben aufgestellten 
Behauptungen zu erbringen versucht habe. 



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L>9G 



SEITZ, 



es, wenn er bei ihnen allen ein einheitliches Bestreben her- 
ausfühlte. Wir können es im Anschlufs an sein Urteil be- 
zeichnen als das „Interesse für den geistigen Charakter des 
Evangeliums und der Heilsmitteilung" (vgl. Köstlin, Luthers 
Theologie, Bd. II, S. 138), auch wenn wir dabei der tief- 
greifenden Unterschiede zwischen den einzelnen Trägern 
dieses Strebens, besonders Zwingli und Karlstadt uns klar 
bewufst sind. Gegenüber einer von hier aus bestimmten 
Auffassung der Sakramente und speziell des Abendmahles 
kam es Luther darauf an, den ,, Charakter des Sakramentes 
als einer göttlichen, objektiven, realen Gnadengabe" festzu- 
halten. Ist diese Beurteilung des Abendmahlsstreites zu- 
treffend, so ergiebt sich daraus, wie schwierig es ist, einen 
zweimaligen totalen Meinungswechsel bei Khegius anzu- 
nehmen und seine Übereinstimmung mit Zwingli nur als 
„eingesprengtes fremdes Stück" zu betrachten. 

Wie der Ausbruch des Streites überhaupt durch Kap- 
stadts Auftreten mit seiner neuen Erklärung der Einsetzungs- 
worte herbeigeführt wurde, so ist auch Rhegius durch diesen 
Mann zur Abfassung der ersten Schrift, die er jetzt erscheinen 
liefs, veranlafst worden. Seine Schrift „ Wider den neuen 
; irrsal Doctor Andres || von Carlstadt, des || Sacraments 
halb , war || nung. [| D. Vrbani Regij " 1 war die erste, die 
überhaupt Karlstadts Behauptungen entgegentrat. Die Abend- 
mahlslehre dieses Mannes ist charakterisiert durch ihre 
„wunderliche" Exegese der Einsetzungsworte, der die Leug- 
nung der realen Gegenwart Christi im Abendmahl zugrunde 
lag. Diese aber steht wiederum in engstem Zusammenhang 
mit dem mystischen Element in Karlstadts Anschauung, der 
eine unmittelbare Einigung der Seele mit Gott, ohne alle 
Vermittelung eines äufserlichen Dinges als das höchste lehrt. 
(Vgl. Köstlin a. a. O. S. 70f. Jäger, Karlstadt S. 325 ff.) 
Wie hat Rhegius diese Abendmahlslehre Karlstadts, die ihm 
durch „zwaibüchle" bekannt geworden war, bekämpft und 
zu widerlegen gesucht? Er teilt seine Schrift in drei Ab- 



1) Mit Titelbordüre. 20 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Eine 
andere Ausgabe ist beschrieben Jahrbb. V, S. 13, Anm. 1. 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAHLSSTREITE. 297 

schnitte, entsprechend den hauptsächlichsten Irrtümern Kap- 
stadts. Zuerst wird die Behauptung widerlegt: „sacrament 
vergibt die sünd nit"; sodann: „Im sacrament ist weder 
laib noch blftt christi, sonder ain brot wie ain ander brodt 
vnd ain natürlicher wein wie ein andrer wein"; endlich 
drittens: „das sacrament ist kain arra oder pfand oder Ver- 
sicherung, das die sünd vergeben sey." Von diesen 3 Tei- 
len ist der erste weniger wichtig, weil es hier, wie Rhegius 
selbst sagt, nur um einen Wortstreit sich handelt. Was an 
diesem Teile richtig ist, gehört sachlich mit dem dritten zu- 
sammen. So bleiben in der Hauptsache zwei Streitpunkte: 
die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi und die Be- 
deutung des Sakraments als „ Pfand " der Sündenvergebung. 
Das sind aber dieselben zwei Dinge, die Luther nachher als 
„Obiectum fidei, das ist, das Werk oder Ding, das man 
gläubt oder daran man hangen soll", und „der Glaube 
selbs, oder der Brauch, wie man dafs, so man gläubt, rech- 
ten brauchen soll" bezeichnet hat (E. A. 29, S. 329). Be- 
züglich des ersteren nun macht Rhegius vor allem es sich 
zur Aufgabe, die exegetische Begründung der Ansicht Kap- 
stadts zu widerlegen, indem er gegenüber dessen Künsteleien 
immer wieder auf den „text mit allen vmbstenden" hinweist. 
Positive Ausfuhrungen über die Gegenwart von Leib und 
Blut treten dagegen sehr zurück ; nähere Ausfuhrungen über 
die Art der Verbindung von Brot und Leib fehlen gänzlich. 
Nur gelegentlich wird einmal im Gegensatz zu Karlstadts 
Behauptung von dem Sitzen Christi im Himmel von Christi 
Gegenwart gesprochen in Worten, die an Luthers spätere 
Aussagen über die Ubiquität erinnern und wohl von Aufse- 
ningen Luthers in der Schrift „Vom Anbeten des Sakra- 
ments" beeinflufst sind (vgl. Dieckhoff, Die evangelische 
Abendmahlslehre im Reformationszeitalter, Bd. I, S. 362). 
Und erst im 3. Teil, der bereits von etwas anderem handelt, 
kommt gelegentlich der Satz vor: Christus hat uns gegeben 
„vnder wein vnd brot sein selbs leib, der mein tod ertöte 
hat, sein aigen blut, darinn ich von den todten wercken ge- 
waschen bin". Bezüglich des Gebrauches des Sakraments 
aber wird Karlstadts Berufung auf die Forderung der „ Prü- 

ZeiUcbr. f. K.-O. XIX. S. 25 



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298 



SEITZ, 



fung" vor dem Genufs des Abendmahls (l Kor. 11, 28) 
als unzutreffend bezeichnet und die richtige Erklärung der 
Worte angeführt. Sodann wird die Behauptung von dem 
unmittelbaren Zeugnis des Geistes richtig gestellt und end- 
lich die Idee des Neuen „Testaments" als eine für das Ver- 
ständnis des Abendmahls grundlegende in Karlstadts Aus- 
führungen vermifst. Positiv wird das Abendmahl bezeichnet 
als „tröstlich zaichen", „Versicherung vergebener sund", 
„das aller edlest pfand, der aller sicherste vnnd kostlichste 
sigel." — Die Ähnlichkeit der hier von Rhegius gegebenen 
Ausführungen mit den Gedanken und Worten Luthers liegt 
auf der Hand. Und der Beifall, den die Schrift in Witten- 
berg selbst fand — sie wurde nicht nur dort noch einmal 
gedruckt, sondern auch im folgenden Jahre von Lange unter 
Hervorhebung ihrer Vorzüglichkeit neu herausgegeben — r 
läfst erkennen, dafs man Rhegius dort als Verfechter der 
eigenen Anschauung betrachtete. Für eine Auffassung, der 
Rhegius von Anfang an „durchaus lutherischer" Theolog ist^ 
ergiebt sich daraus, dafs dem auch seine Stellung am An- 
fang des Abendmahlsstreites — bis auf eine noch zu be- 
sprechende Ausnahme — vollständig entspreche. Nur einen 
Fehler nämlich habe Rhegius bei seiner Polemik begangen: 
der Behauptung Karlstadts, dafs der Geist unmittelbar in- 
wendig in uns wirke, habe er nur die entgegengesetzt, dafs 
doch daneben auch eine durch Wort und Sakrament ver- 
mittelte Wirkung stattfände, nicht aber die, dafs alle Wirkung 
des Geistes an solche äufsere Vermittelung gebunden sei 
(vgl. Dieckhoff a. a. O. S. 365 f. Uhlhorn in Jahrbb. V T 
S. 1 1 ff. „ Urb. Rheg." S. 92). Rhegius' eigene Worte lau- 
ten: „der mensch mag zwayerlai weifs versichert werden, 
das im die sünd vergeben vnd got nun gnedig sey. Zum 
ersten inwendig, als oben gehört ist, durch den gaist Christi 

selbs, vnnd das ist die recht Versicherung , die vor 

allen dingen not ist. Dann wa das hertz durch den hailigen 
gaist nit in warem glauben befridet würd vnd versichert, 
das im got gnedig sey, würde tausent sacrament von aufs- 
wendig nichs helfTen Zum andern ist auch ein aufs- 
wendige versicherüg [sie!] oder pfand, dem seiner raafs zu- 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAHLSSTREITE. 299 

geleget wirt, das es verraane, sichere oder bezeug, als da 
seind die zaichen u. s. w." (a. a. O. Bl. C. 2 b 3*, vgl. 
Deutsche Werke des Rhegius, Bd. IV, S. 120 b . 121 a ). Die 
Wichtigkeit dieses Punktes für den ganzen Abendmahlsstreit 
leuchtet nach dem früher Gesagten ein : In jener Behauptung 
Karlstadts kam das Interesse der Gegner Luthers am klar- 
sten zum Ausdruck. Ganz dementsprechend hat auch Luther 
selbst in seiner später erlassenen Gegenschrift gegen Karl- 
stadt „wider die himmlischen Profeten von den Bildern und 
Sacrament" auf diesen Punkt hingewiesen, um „den Grund 
und Meinung, dahin sich all sein Toben lendet, auszu- 
streichen" (E. A. 29, 208). Dabei erkennt auch er zweier- 
lei Weise an, auf die Gott mit uns handelt: äufserlich durch 
Wort und Sakrament, innerlich durch den Geist. Aber das 
rechte Verhältnis dieser beiderlei Weise ist durch den Satz 
festgelegt: „das alles der Mafsen und der Ordenung, dafs 
die äufserlichen Stücke sollen und müssen vorgehen, und 
die innerlichen hernach und durch die äufserlichen 
kommen u. s. w." Damit war die prinzipielle Differenz ge- 
troffen und Luthers Auffassung der andern scharf entgegen- 
gestellt. Der Unterschied dieser Aussage von der des Rhe- 
gius liegt auf der Hand : Rhegius hat die unmittelbare inner- 
liche Wirkung des Geistes „on als mitel" gegenüber der 
äufserlich vermittelten verselbständigt, sie der Zeit nach vor 
und dem Werte nach — als die „ recht, bestendig vnd aller 
nottigest Versicherung der gewissen" — über jene gestellt. 
Die Wichtigkeit und Gröfse dieses Unterschiedes ist von den 
früheren Bearbeitern zugestanden worden. Sie fuhren ihn 
auf mangelnde Einsicht des Rhegius in die zwischen Luther 
und Karlstadt bestehende Differenz zurück und finden dann 
hierin die Schwäche seiner Argumentation (vgl. Dieckhoff 
und Uhlhorn a. a. O. O.). Aber diese Betrachtung ist rich- 
tig nur unter der Voraussetzung, die dabei gemacht ist, dafs 
Rhegius in seiner ganzen theologischen Anschauimg und 
speziell in der Abendmahlslehre „lutherisch" dachte und 
Luthers Lehre gegen Karstadt verteidigen wollte. Diese 
Voraussetzung trifft jedoch nicht zu. Dafs Rhegius bis da- 
hin weder im allgemeinen noch inbezug auf das Abendmahl 

25* 



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300 



SE1TZ, 



„durchaus lutherisch" dachte, läfst sich an den Schriften 
des ersten Zeitabschnittes nachweisen (vgl. die oben ange- 
führte Dissertation). Dafs er in der vorliegenden Luthers 
Meinung gegenüber Karlstadt verteidigen wolle, sagt er nir- 
gends, und es kann auch nicht daraus geschlossen werden, 
dafs die Wittenberger die Schrift so auffafsten (über die 
Ubereinstimmung seiner Ausdrücke mit denen der lutherischen 
Auffassung s. unten). Vielmehr müssen wir die Ausfuhrun- 
gen des Rhegius in der vorliegenden Schrift so nehmen, wie 
sie uns lüer gegeben sind. Und da zeigen sie, dafs Rhegius 
gerade an dem Punkte, an welchem die Differenz zwischen 
der Ansicht Luthers und der seiner Gegner wurzelte, eine 
Auffassung vertritt, die von der Luthers ebenso abweicht, 
wie sie der der Gegner ähnlich ist. 

Wie aber stimmt zu dieser Beurteilung die weitgehende 
Ubereinstimmung, die vorher zwischen den Aussagen Rhegius' 
und Luthers konstatiert werden raufste? Es ist wahr, dafs 
Rhegius über das „obiectum fidei" fast ganz wie Luther 
denkt, die Realpräsenz von Leib und Blut „unter" Brot und 
Wein lehrt, ja bereits einen Ansatz zur Ubiquitätslehre macht 
(s. oben). Jedoch mufs man sich hüten, diese Thatsachen 
zu überschätzen. Denn erstens sind die Aufserungen des 
Rhegius durchaus bestimmt durch den Gegensatz zu Kap- 
stadts Behauptung, speziell seiner Auslegung der Einsetzungs- 
worte, deren Bekämpfung Rhegius einen viel grÖfseren Raum 
gewährt als der Darlegung seiner eigenen Auffassung. Je 
wunderlicher aber die Deutung war, die Karlstadt als Stütze 
für seine Leugnung der Realpräsenz gab, um so begreiflicher 
ist es, dafs sein Gegner für die volle Wahrheit des von 
jenem angegriffenen Satzes eintrat. Der Gegensatz gegen 
eine ungeschickt begründete neue Auffassung hat den Rhe- 
gius plerophorischer für die alte Ansicht eintreten lassen, als 
er es sonst vielleicht gethan hätte. Und was nun zweitens 
diese alte Ansicht selbst betrifft, so ist an Luthers Wort 
von 1526 zu erinnern: „Nu habe ich bisher von dem ersten 
Stuck (dem objectum fidei) nicht viel geprediget, sondern 
alleine das andere, wilchs auch das beste ist, gehandelt" (E. 
A. 29, 329). In der That hat erst der Abendmahlsstreit, 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAHLSSTREITE. 301 



an dessen Anfang wir stehen, die über diesen Punkt vor- 
handenen Differenzen herausgestellt. Auch Zwingli, der frei- 
lich eine abweichende Meinung schon länger hegte, hat doch 
erst im Jahre 1525 diese seine Meinung öffentlich ausge- 
sprochen (vgl. Loofs, Dogmengeschichte, 2. Aufl., S. 358). 
Danach bestimmt sich der Wert der Thatsache, dafs Rhcgius 
im Jahre 1524 über das obiectum fidei wesentlich ebenso 
denkt wie Luther, nachdem durch Karlstadt der Streit über 
diesen Punkt eben erst angeregt worden war. — Wichtiger 
scheint es zu sein, dafs Khegius auch über den andern 
Punkt, den „ Brauch " des Sakraments, mit Luther überein- 
stimmt, indem er an der tröstenden, der Vergebung ver- 
sichernden Kraft des Abendmahls, an seinem Werk als 
„Pfand" oder „Siegel" festhält. Doch haben wir uns auch 
hier zu erinnern, dafs auch Zwingli noch im Sommer 1523 
neben des „widergedächtnufs des Opfers Christi" beim Abend- 
mahl die „sichrung der erlösung" stellte und die versich- 
ernde Kraft des Abendmahls und seine Bedeutung als 
„Pfand" anerkannte, dafs er erst im Jahre 1524 den Be- 
griff des Gnadenmittels aufgab (vgl. Loofs a. a. 0. S. 354. 
357). Und wenn in der Schrift des Rhegius diese Gedanken 
nicht nur neben anderen, sondern durchaus als die vor- 
herrschenden auftreten, so ist zu bedenken, dafs der Gegen- 
satz zu Karistadt unsern Verfasser veranlassen mufste, ge- 
rade die von jenem vernachlässigten oder ganz ausgeschie- 
denen Momente beim Abendmahl zu betonen. Dafs Rhegius, 
wenn er von sich aus, ohne polemische Spitze seine Gedanken 
über das Abendmahl darlegte, schon damals so gut wie ganz 
mit dem damaligen Zwingli übereinstimmte, zeigt ein Ab- 
schnitt über die „Mefs" in einer dem Beginn des Sakra- 
mentsstreites kurz vorangehenden Schrift unseres Reformators, 
seiner „Erklärung etlicher läuftigen Punkte" vom Jahre 
1523 (vgl. die angeführte Dissertation, S. 63 ff.). So ist es 
auch in der vorliegenden Schrift zu beachten, dafs der Ver- 
fasser in der beigefügten, nicht mehr polemisch gestimmten 
Mahnung an die Gläubigen das Wort Joh. 6 von dem Fleisch, 
das kein nütze ist, auf das Abendmahl anwendet (Bl. E. 3* 
vgl. Werke IV, S. 124 b ). Diese Stelle wurde von Zwingli 



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302 



SEITZ, 



bereits 1523 und dann immer wieder in dem ganzen Streit 
als Hauptstelle verwendet, während Luther schon 1520 in 
dem Praeludium de captivitate babylonica die Beziehung 
dieser Stelle auf das Abendmahl entschieden abwies (vgl. 
Köstlin, Luth. Theol. I, S. 346. Baur, Theol. Zwingiis II, 
S. 271. 296 ff.). 

So bleibt es bei der aufgestellten Behauptung, dafs des 
Rhegius Anschauung vom Abendmahl bereits beim Eintritt 
in den Streit gerade an dem entscheidenden Punkte von der 
Grundanschauung Luthers abwich und der seiner Gegner, 
speziell Zwingiis nahe kam. Diese Behauptung wird nicht 
widerlegt durch die scheinbar entgegenstehenden Thatsachen, 
die vielmehr geschichtlich zu verstehen sind. Sie wird be- 
stätigt durch den Blick auf die vorangegangene Entwickelung 
unseres Reformators. Dabei ist seine Anschauung, wie sie 
uns hier entgegentritt, einer weiteren Entwickelung nicht 
nur fähig, sondern auch bedürftig: sie ist noch unfertig, in 
sich unausgeglichen. 

Der Streit mit Karlstadt bildet nur eine Episode in dem 
grofsen Abendmahlsstreit oder ein Vorspiel dazu. So hatte 
auch Rhegius in den nächsten Jahren nicht wieder Veran- 
lassung, gegen Karlstadt zu schreiben. Nur eine Aufserung 
aus dem Anfang des nächsten Jahres (1525) verdient der 
Erwähnung: in einem Gutachten sprach er dem Rat der 
Stadt Memmingen seine Freude aus, dafs er einen gewissen 
Sympertu8 als zweiten Prediger angenommen habe. Man 
müsse sich darüber nur freuen, „wo Sympertus nit partheisch, 
Carlostadisch oder dergleich ist " (vgl. Schellhorn, Amoenitates 
literariae, T. VI, p. 384 sqq. 391). Das genannte Gut- 
achten ist aber nicht nur wegen dieser Stelle interessant. 
Es soll zunächst nur noch auf eine Stelle hingewiesen wer- 
den. Das Gutachten enthält einen Abschnitt: „Der Jartäg 
Messen vnd Vigilien halber." Da billigt es Rhegius, dafs 
man in Meromingen „alle tag in ieder pfarr nu ain ampt" 
hat, und fahrt dann fort: „Form söllichs ampts kan ich 
euch nit besser geben, dann wie zu Wittenberg wirt ge- 
halten, das hapt ir wol bei euch, allein gefallt mir nitt, das 
des Herrn nachtmal soll in die höche aufgehept werden, alls 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAHLSSTKEITE. 303 

war es ain opfer, das ist, wider die insetzung Christi." Also 
die Beibehaltung der Elevation gelallt Rhegius nicht. Dieser 
Punkt ist an sich von geringerer Bedeutung, wird aber in- 
teressant dadurch, dafs auch Luther gerade hierüber im Streit 
mit Karlstadt sich ausgesprochen hat. Und zwar hat er da- 
bei im Gegensatz zu einem strikten Verbot der Elevation 
durch Karlstadt seinen Standpunkt der evangelischen Frei- 
heit gegenüber allen Aufserlichkeiten scharf zum Ausdruck 
gebracht. (E. A. 29, 188 ff. vgl. Köstlin, Mart. Luth. II, 
S. 461. 588.) Er erkannte auch in diesem Stück „den 
Geist Doctor Carlstadts", der „damit umbgehe, wie er uns 
vom Wort reifse und auf die Werk führe"; das „Pochen 
vom äufserlichen Schein", womit man zugleich „neue Artikel 
des Glaubens aufrichte, da Gott nichts von weifs". Auch 
die Berufung auf Christi Vorbild läfst Luther nicht gelten, 
ja er tadelt sie besonders. Grundsätzlich erklärt er dagegen: 
„wir haltens dafür, dafs nicht vonnothen sei, alles zu thun 

und zu lassen, was Christus gethan und gelassen hat 

Denn was er hat wollen von uns gethan und gelassen haben, 
das hat er nicht allein gethan und gelassen, sondern auch 
dazu mit Worten drauf gedeutet, geboten und verboten, was 
wir thun und lassen sollten". Das gilt aber in diesem Falle: 
„Nun ist das Aufheben des Sacraments, Platten tragen, 
Kasel und Alben anlegen u. s w. ein Thun, da Gott nichts 
von geboten noch verboten hat; drümb solls frei sein, wem 
es gelüstet zu thun und zu lassen." Dafs aber die Elevation 
auf ein Opfern hindeute, bestreitet Luther nicht nur für ihren 
Gebrauch in der evangelischen Gemeinde, sondern selbst für 
den in der katholischen Kirche. Diesen Grundsätzen ent- 
sprechend liefe er denn auch, wiewohl ers „furhatte, das 
Aufheben auch abzuthun", in der Wittenberger Pfarrkirche 
die Elevation fortbestehen. Ja später, als er nun doch die 
Beseitigung dieses Brauches zuliefs, glaubte man darin ein 
Aufgeben seiner eigenen Abendmahlslehre, eine Hinneigung 
zu der zwinglischen sehen zu müssen (vgl. Köstlin, Luth. 
Theol. II, S. 78. 215). — Es leuchtet ein, dafs die Argu- 
mentation Luthers gegen Karlstadt auch Rhegius traf, der 
gleich jenem sowohl wegen des „Opfercharakters" als auch 



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304 



SEITZ, 



wegen der „Einsetzung Christi" die Elevatum verwarf, und 
wiewohl daraus an sich noch nicht allzu viel gefolgert wer- 
den kann — auch Bugenhagen war ein Gegner jenes Brau- 
ches — , so ist diese Stellung des Khegius zur Elevatum im 
Zusammenhang mit dem früher über sein Verhältnis zu 
Karlstadts Anschauung Gesagten auch nicht bedeutungslos, 
zumal wenn man bedenkt, dafs er die Deutung, welche Luther 
der Elevation gab, kannte und selbst früher geteilt hatte 
(vgl. die angeführte Dissertation, S. 9). 

Die letzten Ausfuhrungen haben bereits das Element in 
Karlstadts theologischer Anschauung berührt, das neben dem 
mystischen das herrschende in ihr ist: Das gesetzliche Wesen,, 
das Wertlegen auf Aufseres, das scheinbar in unverträglichem 
Gegensatz zu jenem steht und doch in engstem Zusammen- 
hang mit ihm auftritt. So hat denn auch Luther in seiner 
Polemik gegen Karlstadt gerade auf dieses beides hinge- 
wiesen. In des Rhegius Streitschrift findet sich ein beson- 
deres Eingehen auf das gesetzliche Weseu bei Karlstadt 
nicht, wie ja diese Schrift eine enger begrenzte Aufgabe 
hatte. Aber es wird zur Kenntnis der Stellung, welche 
Khegius in Wahrheit zu Karlstadt einnahm, nicht unwichtig 
sein, auf gleichzeitige Ausführungen von ihm hinzuweisen, 
die den fraglichen Gegenstand behandeln, wenn auch nicht 
direkt im Gegensatz zu Karlstadt. Er erliefs im Jahre 1525 
oder frühestens Ende 1524 eine Schrift: „Das Blatten : Kut- 
ten : Kappen || Schern, Schmern, Saltz, Schmaltz, vnd || alle* 
der gleichen , Gott abschewlieh || seindt , finstu grüntlich 
an || zaygung der geschrifft. || [Holzschnitt]. |] Nement für 
euch das schwert des geysts, welchs || ist das wort Gottes. 
Ephe. vj." *. Hier wird nicht nur ausgeführt, dafs diese 
äufserlichen Dinge durch die Schrift nicht geboten und darum 
der in der römischen Kirche geübte Zwang gegen Gottes 
Wort sei. Vielmehr werden diese Dinge an sich [abgesehen 

1) 8 Blätter in Quart, letzte Seite leer. Die Schrift steht in den 
gesammelten Werken Bd. IV, S. 7» — 10 b , mit der Randnotiz: „Anno 
1525". v. d. Hardt II, S. 120 setzt sie ins Jahr 1524. Der in der 
Schrift mehrfach vorkommende Hinweis auf das römische „ Jubeljahr "~ 
macht die im Text gegebene Zeitansetzung wahrscheinlich. 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAI1LSSTRE1TE. 305 



davon, dafs man sie zum Gesetz machte] als durch Gottes 
Wort verboten hingestellt, indem die alttestamentlichen Ge- 
bote auf sie einfach übertragen werden, z. B. besonders aus- 
führlich bei der Tonsur. Dazu vergleiche man, was Luther 
an der oben angeführten Stelle der Schrift wider die himm- 
lischen Propheten sagt über „ [das Aufheben des Sacraments,] 
Platten tragen, Kasel und Alben anlegen u. s. w." Hier 
bestätigt sich das über die innere Verwandtschaft des Rhe- 
gius mit Karlstadt Gesagte. 

Diese bedeutsamen Spuren einer Luther entgegengesetzten 
Anschauung machen es unmöglich, Rhegius beim Beginn des 
Streites als „durchaus lutherisch" denkend zu betrachten. 
Und jene von Luther abweichenden Gedanken mufsten um 
so mehr Aussicht haben, die weitere Entwickelung des Re- 
formators zu bestimmen, als sie hier nicht plötzlich auftreten, 
sondern wie hervorgehoben, bereits in den dem Streit vor- 
angehenden Schriften die Vorbedingungen und Ansätze zu 
ihnen vorhanden sind. 

War Urbanus Rhegius der erste gewesen, der in die 
durch Karlstadt angeregte Erörterung der Abendmahlslehre 
eintrat, so glaubte er im weiteren Verlauf derselben schwei- 
gen zu müssen, nachdem GrÖfsere als er auf den Kampf- 
platz getreten waren. In den eigentlichen Streit hat er durch 
eine theologische Streitschrift überhaupt nicht eingegriffen. 
Dies sein Schweigen wird jedoch nicht nur verständlich 
durch seine der Polemik abgeneigte persönliche Eigenart, 
sondern noch mehr vielleicht durch das Verhältnis, in welchem 

* • 

er nach seiner theologischen Uberzeugung zu den beiden 
kämpfenden Parteien stand, wie es seine in der Zeit des 
Kampfes geschriebenen Schriften und Briefe erkennen lassen. 

Im Jahre 1526, nachdem der Streit weitere Kreise zu 
beschäftigen begonnen hatte, erschien eine von Rhegius her- 
ausgegebene und zum Teil auch von ihm stammende Schrift: 
„ De Ver II bis coenae domini- || cae & opinionum uarie- 
tate, || Theobaldi Billicani ad Vr || banum Regium Epi || stola. 
'! Responsio Vrbani Regij || ad eundem. || Wittenbergae. || M. 
D. XXVI." 1 Diese Schrift, deren bei weitem gröfsten Teil 

1) Mit Titelbordüre. 19 Blätter in Oktav, letztes Blatt leer, Titel- 



306 SE1TZ, 

ein Brief des Billican an Rbegius über die Abendmahlsworte 
bildet, zeigt in des letzteren kurzer Antwort seine Stellung 
zu den streitigen Fragen. Billican hatte die verschiedenen 
Meinungen aller Gegner Luthers, namentlich die Karlstadts, 
Zwingiis und Ocolampads, zu widerlegen versucht, indem er 
sich lediglich auf die Einsetzungsworte zurückzog, durch 
deren Erklärung er zu einer festen Ansicht zu kommen 
suchte ». Rbegius spricht in seiner Antwort seine Freude 
über diesen Brief aus; sachlich Neues bringt er kaum hin- 
zu. Um so charakteristischer sind seine Ausführungen für 
seine damalige Stimmung. Er beklagt sich bitter über die 
„ Carolostadiani die jeden verdammen, der in ihre läster- 
lichen Reden nicht mit einstimmt Und dabei sei ihre An- 
sicht noch nicht einmal eine neu gefundene, sondern schon 
von Wiclef und den Waldensern vor langer Zeit verfochtene. 
Dann aber beteuert er, dafs er selbst gegenüber dieser Lehre 
gezaudert habe. Er habe die Gründe, die man für das 
„ Karlstadtsche Dogma 4 ' anführe „haud oscitanter" erwogen, 
habe dann offen bekannt, dafs ihm dies alles „ plausibiliter " 
gesagt zu sein scheine, dafs es vor allem geeignet sei, die 
römische Messe gänzlich abzuthun. Was ihn schliefslich 
doch bewogen habe, dieser Auffassung nicht zuzustimmen, 
sei gewesen die „coacta quorundam locorum expositio & 
corradendi ubique suffragia immodicum Studium". Weiter 
sagt er dann, auch die Berufung auf die „veteres" haben 
ihn nicht bestimmen können, da diese teils freilich der Mei- 
nung der „Karlstadtianer" günstig zu sein schienen, teils 
aber auch das Gegenteil aussagten. Ja selbst bei der Stelle 
Joh. 6 haben die Alten nie „plena quod aiunt cera" die 
Auffassung der Gegner unterschrieben. Er führt dies alles 
an, um zu zeigen, „quam non temere sim cunctatus". Wie 
schwer der Kampf für ihn gewesen, lehrt der schmerzliche 
Ausruf : „ Quanto tentationis ariete concussum arbitraris hunc 

rückseite bedruckt. Vgl. Rbegius* gesammelte lateinische Werke, Bd. II, 
S. 1»— 6». Auch in Luthers Werken, ed. Walch 17, 1922ff. ist sie ab- 
gedruckt. 

1) Die Schwäche dieser Methode hat Uhlhorn, Jahrbb. V, S. 23 
dargelegt. 



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URBANUS KHEOIUS IM ABENDMAHLSSTREITE. 307 

animum, mi Theobalde?" (cf. Opp. lat. II, p. 5*. b [Bl. 
C 3 b — 6*]). Will Rhegius auf diese Weise sein bisheriges 
Schwanken und Zaudern gleichsam entschuldigen, so zeigen 
seine Ausführungen dabei, dafs er in Wahrheit über dieses 
Schwanken auch jetzt noch nicht hinausgekommen ist. Er 
wagt doch nirgends zu sagen, dafs die Aufstellungen der 
Gegner Luthers falsch seien; nur nicht sicher genug sind 
sie ihm: Die Stelle 1 Kor. 10: „uix (!) tropum admittere 
posse videbatur"; auf die Worte Joh. 6 stützen sich die 
Gegner „non tuto"; vgl, das „nunquara plena cera" in der 
angeführten Stelle. Ja Rhegius giebt selbst im Ton der 
Klage und Bitte zugleich zu, dafs er vielleicht hinter jenen 
Männern, mit denen er einst verbunden war, zurückgeblie- 
ben, dafs sie ihm auf dem Weg zur Wahrheit vorangegan- 
gen seien: „Quod si illi me anteuortunt, fratrum functi 
officio, precibus apud deum instent, ne a tergo relinquar 
raiser" (Bl. C 6 b ). — Es ist begreiflich, dafs Luther über 
diese beiden Briefe sich freute: die Betonung der Einset- 
zungsworte nach ihrer wörtlichen Erklärung, wie sie in dem 
ungleich längeren Schreiben Billicans gebracht wurde, be- 
stimmt sein günstiges Urteil. Aber es ist auch völlig zu- 
treffend, wenn Zwingli über des Rhegius damalige Stellung 
urteilte: „ Urbanus Rhegius fluctuat" l . Bei Karlstadts wun- 
derlicher Erklärung der Einsetzungsworte war es Rhegius 
nicht schwer geworden, scharfe Kritik zu üben und Luthers 
Erklärung mit Plerophorie zu verteidigen. Sobald jedoch 
eine weniger angreifbare, im Grunde aber verwandte Auf- 
fassung an die Stelle trat, wie es seitdem durch Zwingli und 
Ocolampad geschehen war, wurde er schwankend. Und das 
kann nicht nur oder nicht hauptsächlich darauf zurückge- 
führt werden, dafs er sich durch grofse Theologen habe 
„imponieren" lassen, und dafs das Schwinden der Volks- 
gunst Eindruck auf ihn gemacht habe (so Uhlhorn vgl. oben 
S. 294). Dafs beides nicht ganz fehlte, beweisen allerdings 
Stellen der zuletzt besprochenen Schrift Aber die Möglich- 



1) Zwingiis Werke Bd. VII [Epistolae I], S. 460, vgl. Jahrbb. V, 
S. 25. 



308 



SE1TZ, 



keit und Nötigung, solchen Eindrücken nachzugeben, lag für 
Rhegius im letzten Grunde in der Verwandtschaft seiner 
eigenen theologischen Anschauung mit der der Gegner, wie 
sie bereits in früheren Schriften und speziell auch in der 
gegen Karlstadt zu konstatieren war. Nicht sowohl für seinen 
Übergang zur Meinung der Gegner mufs man auf „im- 
ponierende " theologische Gröfsen hinweisen. Sondern gerade 
sein relativ langes Festhalten an der lutherischen Erklärung 
ist sicher mit darauf zurückzuführen, dafs dieser Mann, 
dessen Schriften ihn ja hatten zum Reformator machen 
helfen, ihm „imponierte", so dafs er ihm folgte, obwohl die 
eigentliche Richtung seines theologischen Denkens nach der 
andern Seite ging! 

Einen Beweis für diese zuletzt aufgestellte Behauptung 

. liefert eine Schrift, die noch in demselben Jahre 1526 er- 
schien, eine Streitschrift zwar, aber ohne direkten Zusammen- 
hang mit dem Abendmahlsstreit. Ihr Titel zeigt ihren In- 

, halt: „De nova doctrina " oder „Die new Lehre, sampt jrer 
Verlegung" Rhegius stellt hier der von Neuerungen erfüll- 
ten Lehre der Kirche die wahrhaft „alte" Lehre des Evan- 
geliums gegenüber. Sind also die Aussagen der vorliegen- 
den Schrift an diesem Gegensatze orientiert, so lassen die 
Ausführungen über die Abendmablslehre die damalige An- 
sicht des Verfassers erkennen, wie er sie ohne Rücksicht 
auf den innerprotestantischen Zwist, also in gewissem Sinne 
unbefangen darlegte. Abgesehen von dem sehr allgemein 
gehaltenen Abschnitt „de sacramentis " kommt hauptsächlich 
der „de coena domini" in Betracht. Da wird in G Thesen 
die Abendmahlslehre zusammengefafst, und man kann diese 
Darstellung nicht nur als „mehr zwinglisch als lutherisch" 
bezeichnen (so Uhlhorn, Jahrbb. V, S 29), sondern als in 
allem Wesentlichen ganz zwinglisch. Denn dafs die spezielle 
Erwähnung der Einsetzungsworte und ihrer Deutung nach 
Zwingli nicht vorkommt, wird man noch nicht als durch- 



1) Die Schrift erschien ursprünglich lateinisch, dann vom Verfasser 
selbst ins Deutsche übersetzt. Vgl. Lat. Werke I, S. 17«— 30» Deutsche 
Werke I, S. 121*— 1UK 



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UKRAKUS RHEGIUS IM ARENDMAüLSSTREITE. 309 

schlagendes Argument gegen diese Aulfassung anführen 
können. Für sie aber läfst sich fast jedes Wort der Thesen 
anführen. Als Zweck des Abendmahls wird bezeichnet, dafs 
«s „jugi dominicae mortis recordatione" in uns Glauben, 
Liebe und Hoffnung stärke und uns immer mehr antreibe 
„ad gratiarum actionem . . . ., ad abolendum corpus peccati, 
& ambulandum in uitae nouitate." Es ist also „salutiferae 

mortis Christi memoriale, non sacrificium , sed recor- 

datio." Besonders deutlich heifst es in der letzten These 
unter Berufung auf Joh. 6: „[panis uitae, quem] edere est 
in Christum credere" und „Faxit Christus, ut . . . , carnem 
Christi uere manducemus, Hoc est, credamus in Christum 
crucifixum, & inseramur ei per similitudinem mortis eius" 
etc. Da ist die Realpräsenz nicht nur übergangen, sondern 
direkt ausgeschlossen. Christi Fleisch essen heifst (nach 
Joh. 6) an ihn. glauben; ein Erinnerungsmahl, das wie jede 
Erinnerung an die geschichtliche Verwirklichung des Heils- 
werkes den Glauben stärkt, ist das Abendmahl; zugleich 
übernehmen die Teilnehmer dieses Mahles von neuem die 
Pflicht der Bruderliebe, überhaupt eines Wandels im neuen 
Leben. Das ist die zwinglische Abendmahlslehre ihrem 
Wesen nach vollständig, selbst wenn man nicht alle Formeln 
derselben findet. Das Schwanken, das sich in dem wenig 
früheren Briefe an Billican deutlich zu erkennen gab, ist 
jetzt überwunden. Rhegius tritt selbst da, wo es sich nicht 
um den innerprotestantischen Streit handelt, für Zwingiis 
Abendmahlslehre ein. Und es ist gewifs nicht zufällig, dafs 
die erste Schrift, in der das mit Entschiedenheit zum Aus- 
druck kommt, geschrieben ist, um die katholische Lehre zu 
widerlegen. Schon Luther hatte im Brief „an die Christen 
zu Strafsburg " ausgesprochen, dafs man mit der Leugnung 
der Realpräsenz „dem Papsttum hätte den gröfsten Puff 
können geben" (E. A. 53, 274). Aber der Text hielt ihn 
gefangen bei seiner Auffassung, und darum rechnete ihn 
Zwingli zu den „ Papisten " (vgl. z. B. Zwingiis Werke Bd. 
II, 2, S. 16). Auch für Rhegius ist in der vorliegenden 
Schrift der Gegensatz zur papistischen Lehre bestimmend 
geworden, sich entschieden der Auffassung Zwingiis anzu- 



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310 SEITZ, 

schliefsen, von dem er in einem fast gleichzeitigen Briefe 
urteilte: „Vicisset semel universos Papistas" (vgl. Jahrbb. 
V, S. 29). 

Inzwischen hatte die Schrift „ De verbis coenae domini 
einen lebhaften Meinungsaustausch hervorgerufen. Vor allen 
Zwingli selbst nahm Stellung zu ihr und widmete ihr eine 
ausführliche Widerlegung Dafs er in derselben von seiner 
eigenen Position nichts aufgab, kann nicht wundernehmen. 
Er legt seine Uberzeugung mit aller Schärfe noch einmal 
dar. Um so bemerkenswerter ist die Wirkung, die dieses 
Schreiben bei Rhegius hatte: er gab von nun an jeden Wi- 
derstand auf! Zwar sagt er noch in dem Briefe an R. und 
Th. Blarer vom 14. Juni 1526 * im Zusammenhang mit der 
eben citierten Aufserung: „De coena Domini etsi possit co- 
argui, ab Ulis tarnen pseudotheologis vinci plane non potuis- 
set." Aber diese Möglichkeit, dafs Zwingli in seiner Abend- 
mahlslehre widerlegt werde, ist nur eine in der Theorie be- 
hauptete. Rhegius macht nicht mehr den Versuch dazu. 
Die Antwort, die er dem Zwingli auf jenes Schreiben gab,, 
kann nichts Derartiges enthalten haben. Zwingli erwiderte 
mit seiner „ De peccato originali declaratio .... ad Vrbanum 
Rhegiura", in der er beiläufig auch seine Sakraments-, spe- 
ziell Abendraahlslehre vortrug und zwar auch die typische 
Erklärung der Einsetzungsworte ohne irgendwelche Ab- 
striche. Rhegius aber antwortete darauf mit freudigem Dank 
und sagte über den streitigen Punkt: „Quod ad Eucha- 
ristiam attinet, Augustae nihil est periculi, Veritas trium- 
phat" etc. (Dieser Brief ist abgedruckt in Zwingiis Werken 
Bd. VII, S. 544 f.) Besonders charakteristisch ist die Nach- 
schrift über Rana und Agricola, seine bisherigen Genossen 
im Kampf gegen Zwingiis Abendmahlslehre: „Si quid pec- 



1) Zwingiis Werke, Bd. III, S. 646-677: „Ad Bülicani & Regy 
epistolas responsio". Inhalt und Beurteilung vgl. Uhlhorn, Urb. Rheg., 
S. 101. Jahrbb. V, S. 27 ff. Baur, Zw. Theol. II, S. 368 ff. 

2) Handschriftlich, vgl. Jahrbb. V, 8. 80 f. — Das Schreiben des 
Rhegius an Zwingli ist nicht erhalten, sein Inhalt aber ungefähr zu er- 
kennen aus zwei Äufserungen des letzteren: Werke VII, S. 519; III, 
S. 627. 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAHLSSTREITE. 311 

cant, non peccant malitia in caussa nostra (!) de Eucharistia." 
So konnte Zwingli am 16. Oktober 1526 schreiben: „In 
Eucharistiae re, gratuior vobis , te nostrum esse factum." 
Entsprechend urteilten auch andere, z. B. Luther, über die 
damalige Stellung des Rhegius *. Er war in dem Kampfe 
ganz auf Zwingiis Seite getreten, und man kann dies sein 
Verhalten nicht aus dem Mangel an „dogmatischem Scharf- 
sinn " erklären , wie es Uhlhorn thut sondern eben nur 
daraus, dafs er Zwingiis Ansicht wirklich teilte. Das be- 
zeugen aufser dem bereits Gesagten auch die folgenden bei- 
den gleichzeitig, aber unabhängig von dem Streit entstan- 
denen Schriften. 

Im Januar 1527 nämlich verfafste Rhegius „Ain Summa 
|| Christlicher leer, wie || sy Vrbanus Regius, zu || Hall im 
Intal, vor || ettlich Jaren ge- || predigt hat. || 2. Thessalo. 1. || 
Welche nit gehorsam sind || dem Euangelio Christi, die wer- 
den peyn leyden, das ewig || verderben. Darüber falle || oder 
stände wer da wÖll, es || wirt nichs anders draufs" s . In 
dieser Schrift handelt ein Abschnitt „Von der Mefs vnd 
Nachtraal des Herren", und die Anschauungen, die da 
ausgesprochen werden , sind durchaus zwinglische. Das 
Abendmahl ist als „ain ewige gedechtnufs auff gesetzt, difs 
sains opflfers am Creütz ain mal besehenen". Die Abend- 
mahlsworte werden erklärt in einer Weise, die fast an Karl- 
stadt erinnert: Christus gab seinen Jüngern Brot und Wein 
„vnd sagt jn, was an jm solle volbracht werden, vmb vnsere 
hayls willen. Er wolt sein layb in todt geben, sein blut 
vergiessen, vmb vnsert willen" u. s. w. Was wir thun 
sollen nach des Herrn Befehl, ist „ Christlicher wayfs zusamen 
kommen . . . ., von des herren brot [nicht „Leib"] essen vnd 
von seinem Kelch [nicht „Blut"] trincken, dabey des 
Herren todt verkündigen bifs er kompt." So ist das Abend- 

1) Zwinglis Werke VII, S. 551. — Luther: de Wette III, S. 154. 

2) Jahrbb. V, S. 32. Hier zeigt sich auch Uhlhorn wieder geneigt, 
die Zustimmung zu Zwingiis Lehre irgendwie, wenn auch anders als 
der von ihm bekämpfte Heimburger, abzuschwächen. 

3) Mit Titelbordüre. 96 Blätter in Oktav, Titelrückseite bedruckt, 
letztes Blatt leer. Werke Bd. I, S. 45»»— 74». 



312 



SEITZ, 



mahl lediglich Gedächtnismahl; es handelt sich hier um eine 
„Seelenspeiße " nach Joh. 6; „das Unterscheiden den Leib" 
wird dementsprechend gedeutet: man mufs wissen, um was 
es sich hier handelt. Als Bedeutung des Sakraments wird 
bezeichnet, dafs man in ihm „die gcmainschafft der Chri- 
sten .... yebt, gedenckt, die man täglich fürhalt mit Pre- 
digen, vermanen, straffen, lernen vnd vergeben " (vgl. Werke 
I, S. 68 ft . b . 69 a [Bl. K 3 a — 4 a . C a . 7 ft ]). Auch dieser 
Gedanke der „communio sanctorum", der freilich anfangs 
von Luther übernommen, dann aber von diesem als unge- 
nügend bezeichnet und durch eine andere Erklärung ersetzt 
war, ist durchaus zwinglisch J . Ist somit der zwinglische 
Charakter der hier niedergelegten Abendmahlsanschauung 
aufser Frage, so ist noch zu berücksichtigen, dafs die „Summe 
christlicher Lehre" zunächst nicht eine Darstellung dessen 
sein will, was Rhegius zur Zeit ihrer Abfassung — 1527 — 
dachte und predigte, sondern eine Zusammenfassung dessen, 
was er einst bei seinem Aufenthalt in Hall, also vor 3 — 4 
Jahren gepredigt hatte (vgl. den oben citierten ausfuhrlichen 
Titel). Wenn dennoch diese Schrift die Gedanken enthält, 
wie sie dem Rhegius vom Jahre 1527 eignen, so ist freilich 
im Auge zu behalten, dafs seine Stellung zur Zeit der Ab- 
fassung der Schrift notwendig von Einflufs sein mufste für 
die Fassung der Gedanken. Immerhin aber ist es unmög- 
lich, dafs Rhegius bei der Abfassung seiner Schrift das Be- 
wufstsein hatte, inzwischen eine so starke Wandelung durch- 
gemacht zu haben, wie die von einem „Lutheraner" zu einem 
„Zwinglianer" ist. Wenn das, was er damals in Hall ge- 
lehrt hatte, so grundverschieden gewesen wäre von seinen 
jetzt dargelegten Anschauungen, so hätte er nicht hoffen 
können, bei der Gemeinde Anknüpfungspunkte zu finden, er 
hätte sie nur verwirren können. Er mufste also das Be- 
wufstsein haben, schon damals wenn auch vielleicht anders, 
so doch nicht wesentlich verschieden gelehrt zu haben. Da- 
mit bestätigt sich, was über Rhegius' frühere Stellung gesagt 
wurde. 

1) Vgl. Köstlin, Luth. Theol. II, S. 107f. 11. — Baur, Zwinglis 
Theologie I, S. 368. — Zwinglis Werke I, S. 574 ff. 



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CRBANUS RHEGIÜ8 IM ABENDMAHLSSTREITE. 313 



Ganz ähnlich wie in der besprochenen Schrift redet Rhe- 
gius in der 1528 erschienenen „Prob zu des Herren Nacht- 
mahl" (W. W. I, S. 118 a — 121 a ). Auch in dieser prak- 
tischen Schrift wird die zwinglische Anschauung vertreten, 
und zwar unter Hervorhebung zweier Momente, des Be- 
kenntnisses und der Verpflichtung beim Abendmahl. Wir 
sollen nach der Einsetzung des Herrn „das heilig zeichen 
seyns leibs vnd bluts mit dancksagnng vnd öffentlicher 
kundschafft vnsers glaubens empfahen", oder „die selige 
Vereinigung vnd einleybung in die gemeinschaft der heiligen 
im glauben vnd liebe besehenen kundtbar machen". Der 
Hervorhebung der beim Abendmahl übernommenen Ver- 
pflichtung sind längere Ausführungen gewidmet 

Die Beschaffenheit der von nun an zu besprechenden 
Schriften erfordert es, hier einen Abschnitt zu machen. Was 
haben die bisher behandelten Schriften aus der Zeit des 
Abendmahlsstreites für die Stellung unseres Reformators er- 
geben? Sie zeigten ihn zuerst auf einem unentwickelten 
Standpunkt, der sogar für gut lutherisch gelten konnte, in 
Wahrheit aber doch bereits deutlich die Spuren einer im 
Grunde verschiedenen Anschauung zeigte (vgl. die Schrift 
gegen Karlstadt). Die Gewöhnung des Denkens, der Ein- 
flufs Luthers, verschiedene Schwächen in der Position der 
Gegenpartei, namentlich in der exegetischen Begründung 
hielten Rhegius noch fest. Zum letztenmal sprach er diese 
seine Bedenken aus in dem Brief an Billican, der zugleich 
seine Neigung sie zu überwinden erkennen liefs. Der dann 
folgende Briefwechsel mit Zwingli schlug jene Bedenken 
nieder und gewann Rhegius vollends, so dafs er nicht nur 
Zwingli selbst gegenüber seine Übereinstimmung aussprach, 
sondern auch in gleichzeitigen, aufser Zusammenhang mit 
dem Streit stehenden Schriften eine durchaus zwinglische 
Ahendmahlsiehre vertrat. 

Die letztere Thatsache darf man nach Ausweis der 
Quellen weder mit Heimbürger 1 leugnen, noch auch so, wie 



1) H. G. Heimbürger, Urbanus Rhegius, Hamburg und Gotha 1 
1851. Vgl. namentlich S. 107. 108. 

Zeitoehr. f. K.-G. XIX, 3 26 



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SEITZ, 



es Uhlhorn thut, abschwächen. Wenn dieser sagt: „Urba- 
nus ist nie in dem Sinne zwinglisch geworden, dafs er, wie 
bisher in die lutherischen Anschauungen, so nun in die 
zwinglischen eingegangen wäre" (Jahrbb. V, S. 33 f.), so ist 
das richtig, weil Rhegius in der That früher in die „luthe- 
rischen" nicht eingegangen ist (s. oben). Wenn es aber 
dann weiter heilst: „Wir finden nicht einmal die zwinglische 
Abendmahlslehre nach ihrem spezifischen Charakter bei ihm 
wieder, namentlich nirgend die Erklärung des , est* durch 
, bedeutet <u , so kann dieser Satz nach den angestellten Un- 
tersuchungen nicht als zutreffend betrachtet werden. Was 
zunächst das Fehlen der zwinglischen Erklärung des „est" 
anlangt, so ist zu bemerken: 1) Zwingli hat diese seine Er- 
klärung sowohl in der Antwort aut des Rhegius Brief an 
Billican wie in der Schrift über die Erbsünde deutlich aus- 
gesprochen. Rhegius hat auf beide Schreiben geantwortet, 
aber nirgends diese Erklärung als ihm nicht zusagend an- 
gegriffen, während er in andern Punkten Zwingli unver- 
hohlen seine Bedenken mitteilte; gerade in Bezug auf die 
Abendmahlslehre hat er sich vielmehr mit Zwingli identifi- 
ziert. 2) Die Anschauung, die jener Erklärung Zwingli» 
zugrunde liegt, die Leugnung der Realpräsenz, hat Rhegius 
zweifellos geteilt Und endlich 3) die Gleichung est = significat 
in den Einsetzungsworten war fiir Zwingli nicht der Aus- 
gangspunkt seiner Abend mahlslehre, ja nicht einmal der 
eigentliche exegetische Stützpunkt; diesen fand er vielmehr 
in Joh. 6, einer Stelle, die Rhegius fast in allen seinen Aus- 
führungen herangezogen hat. Das Fehlen jener Gleichung 
bei Rhegius kann also als entscheidend nicht angesehen wer- 
den. Und was abgesehen davon den „spezifischen Charak- 
ter der Abendmahlslehre" anbetrifft, so sind, wie oben nach- 
gewiesen, für die Auffassung des Rhegius alle die Momente 
konstitutiv, die es für die Zwingiis waren. Wenn man etwa 
die Schärfe der Formulierung vermissen wollte, so erklärt 
sich das Fehlen derselben aus dem Charakter der in Be- 
tracht kommenden Schriften : es sind nicht theologische Streit- 
schriften, sondern der praktischen Belehrung und Erbauung 
der Gemeinde dienende Schriften. 



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L KHANUS RHEGIUS IM ABENDMAHLSSTKEITE. 



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Dieser unserer Auffassung scheint nun allerdings eine 
Kundgebung des Rhegius zu widersprechen, die an Wert 
dadurch gewinnen niufs, dafs sie die erste ist — falls man 
nicht die Schrift de verbis coenae domini als solche be- 
zeichnen will — , durch die Rhegius direkt in den Sakra- 
mentsstreit einzugreifen versuchte. Es ist die Vereinigungs- 
formel, welche am 15. April 1527 von einer Conventio 
praedicatorum Evangelicorum in Augsburg angenommen, von 
Urbanus Rhegius verfafst war l . Diese scheint in der That 
zu beweisen, dafs Rhegius selbst damals „mehr eine unio- 
nistische Stellung einnimmt als eine bestimmt zwinglische" 
(Jahrbb. V, S. 35). Denn jene Vereinigungsformel sollte 
die streitenden Parteien einigen und stellte deshalb die 
streitigen Punkte mehr zurück. Aber gerade der Inhalt 
dieser Formel zeigt deutlich, dafs die theologische Anschau- 
ung, von der aus ihr Verfasser seinen Unionsversuch macht, 
durchaus die zwinglische war. Es finden sich hier fast wört- 
lich dieselben Ausführungen, die bereits in der „ Summe der 
christlichen Lehre" gegeben waren. Es ist daher begreif- 
lich, dafs die Vertreter der lutherischen Anschauung diese 
Formel zurückwiesen. Für unsere Untersuchung aber er- 
giebt sich, dafs Rhegius selbst da, wo er vermitteln wollte, 
von der zwinglischen Anschauung im Grunde nicht abging. 
Das würde nicht der Fall gewesen sein, wenn seine da- 
malige Auffassung vom Abendmahl nicht eben eine recht 
„bestimmt zwinglische" gewesen wäre! 

Aber doch war hier der Punkt, von dem die weitere 
Entwickelung bei unserem Reformator ausgehen sollte. Das- 
selbe Interesse, das ihn bewog, zunächst noch ohne eine 
solche Änderung in seiner Anschauung diese Vereinigungs- 
formel aufzustellen, führte ihn bald auch sachlich weiter. 
Die Einigung zwischen Zwinglianern und Lutheranern war 
schon damals für ihn nicht Selbstzweck gewesen. Sie mulste 
vielmehr im höchsten Grad wünschenswert und notwendig 
erscheinen im Interesse' einer wirksamen Bekämpfung an- 



1) Sie ist abgedruckt in Zwingiis Werken, Bd. VIII (Epistolae II), 
S. 46 ff. 

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SEITZ, 



derer Meinungen, welche einen gefährlichen Einflufs zu ge- 
winnen anfingen. Denn neben der noch immer vertretenen 
römischen Lehre hatten gerade in Augsburg die Ansichten 
der radikal wiedertäuferisch Denkenden immer mehr Boden 
gewonnen, und ihr Einflufs machte sich in der Schätzung 
und Beurteilung des Abendmahls in weiten Kreisen fühlbar 
(vgl. Jahrbb. V, S. 35 — 39). Auch Rhegius empfand diesen 
Einflufs, der zu einer gänzlichen Verachtung des Sakramente 
führte, schmerzlich und gab dem mehrfach Ausdruck (a. a. 0. 
S. 39. 41 u. ö\). Seine folgenden Schriften aber zeigen, 
dafs das Herrschend werden jener radikalen Ansichten auf 
die Weiterbildung seiner eigenen Uberzeugung Einflufs ge- 
wonnen hat. In den Auswirkungen der radikalen Prin- 
zipien zeigte sich die ganze Gefährlichkeit derselben; na- 
mentlich das übertriebene Wertlegcn auf den rein geistigen 
Charakter des Christentums und die damit verbundene Unter- 
schätzung resp. gänzliche Nichtachtung der sogen. Gnaden- 
mittel erwiesen sich hier als gefährlich und unhaltbar. So 
wurde Rhegius in seiner bisher eingenommenen Stellung, 
über deren innere Verwandtschaft mit der jener Radikalen 
trotz tiefgreifender Unterschiede im Früheren öfter zu reden 
war, wankend gemacht. Dazu kam positiv, dafs Luther ge- 
rade in dem nun zu Ende gehenden Abendmahlsstreit seine 
Schätzung der „ Gnadenmittel" weiter ausgebaut und voll- 
ständiger dargelegt hatte (vgl. Köstlin, Luth. Theol. II, 
S. 85 ff.)- Diese negativen und positiven Momente ver- 
einigten sich, um in der Anschauung des Rhegius einen 
Umschwung herbeizuführen. Derselbe tritt relativ plötzlich 
zutage in den nun zu besprechenden Schriften; aber aufser 
dem Gesagten trägt auch der Inhalt dieser Schriften dazu 
bei, das Plötzliche des Ubergangs zu erklären. 

Am unmittelbarsten gewährt einen Einblick in die bei 
Rhegius sich vollziehende Umbildung sein Brief an Am- 
brosius Blaurer vom Thomastag 1528 *. Namentlich der 
Gegensatz gegen den falschen Spiritualismus kommt hier 



1) Eine Abschrift findet sich in der Simlerschen Sammlung in 
Zürich; ich citiere nach einer Kopie derselben. 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAIILSSTREITE. 317 



deutlich zum Ausdruck. Es sind nach ihm „maleferiati 
quidam et totius negotii plane ignari", welche das Volk 
überreden, „satis esse, sicubi in spiritu et fide edaraus car- 
nem Christi et bibamus sanguinem, panem nihil praestare 
et ceremoniam , quasi vero toti in spiritum siraus trans- 
mutati". Ein solches Verfahren bezeichnet Rhegius als 
falsch, sowohl mit Rücksicht auf die „plebecula rudior", für 
welche „ Ceremonieen " nötig seien „ceu paedagogia", als 
auch auf die „carnis fragilitas" im allgemeinen, welche 
neben der Predigt des Wortes das „exercitium Typorum" 
nötig mache, damit nicht „topor et segnities" den Geist be- 
falle. Was Rhegius dann positiv über das Abendmahl sagt, 
ist weniger bedeutend. Er erklärt es für das Geratenste, 
alle Streitfragen in den Hintergrund zu schieben und allein 
„Kraft und Frucht" des Sakraments zu lehren. Bemerkens- 
wert ist dabei die ausdrücklich gegebene Versicherung, nicht 
[mehr] mit Zwingli übereinzustimmen: „etsi ipse non sen- 
tiam cum Zuinglio". So besteht der Wert des Briefes 
darin, dafs er zeigt: Rhegius' Anschauung ist auf einem 
Übergang begriffen, dessen er sich selbst bewufst ist, und 
das treibende Interesse dabei ist der Gegensatz zu einem 
übertriebenen Spiritualismus. 

In demselben Monat Dezember 1528 erschien von 
Joh. Rana herausgegeben eine kurz zuvor von Rhegius ver- 
fafste Abhandlung : „ MATE- || ria cogitandi de || toto Missae 
nego || cio partim ex scripturis sanctis, || partim e priscae 
Ecclesiae ruinis || eruta conscriptaque, ad || Joannem Ranara |; 
Theologum || per || Vrbanum Rhegium. || 1. Thessa. 5. || Pro- 
phetias ne aspernemini. || M.D.XXVIII." f . Hat diese Schrift, 
wie bereits der Titel zeigt, hauptsächlich die römische Lehre 
vom Mefsopfer zum Gegenstand, so findet daneben der 
Gegensatz gegen das andere Extrem eine fast ebenso aus- 
gedehnte Darlegung, der Gegensatz gegen „quosdam prae- 



1) Mit Titelbordüre. 48 Blätter in Oktav; Titelrückseite bedruckt, 
letztes Blatt leer. Am Ende: „Excudebatur per Henricum Staincr 
Ty- II pographuui Augustae Vindelicorum, || Anno M.D.XXXVIII. || Mense 
Decemb." (vgl. Opp. lat I, p. 67»— 76*>). 



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SEITZ, 



postere spirituales, qui praetexunt spriritura & carnem Christi 
in coena contemnunt" (cf. Opp. I, p. 70* [Bl. E 7 k ]). Der 
Umschwung scheint hier bei Rhegius bereits vollzogen, ja 
bis in seine letzten Konsequenzen durchgeführt sein. Es 
wird die Realpräsenz von Leib und Blut behauptet, jede 
tropische Deutung ausdrücklich verworfen (Opp. I, p. 68 b sqq. 
59*. 61 b u. ö.). Die durch das Abendmahl hergestellte Ver- 
einigung mit Christo wird in möglichst starken Ausdrücken 
beschrieben als „naturalis communio" oder „unitas", ein 
„carnaliter manere" Christi in uns (a. a. O. S. 69* b ). Die 
Wirkung des Fleisches Christi ist, dafs auch unsere Leiber 
unsterblich werden. Daraus erklärt sich das Urteil Uhl- 
horns, dafs Rhegius in dieser Schrift „zuerst wieder ent- 
schieden lutherisch" lehre (Jahrbb. V, S. 44). Aber schon 
Uhlhorn mufs dieses Urteil einschränken: „Allerdings läfst 
sich nicht verkennen, dafs Urbauus mehr in Gefahr ist, den 
falschen Spiritualismus durch einen nicht minder einseitigen 
und gefährlichen Materialismus zu ersetzen". Und nicht nur 
dieser Umstand will bei der Beurteilung dieser Schrift in 
Betracht gezogen sein. Aufser der Neigung zum Extrem 
eines falschen „Materialismus" ist für die vorliegenden Aus- 
führungen charakteristisch das Nebeneinander zweier An- 
schauungen, die sich eigentlich widersprechen. Denn neben 
jenen Aufserungen finden sich solche, in denen das Abend- 
mahl ganz in der Weise Zwingiis beurteilt, d. h. recordatio, 
gratiarum actio und vitae eraendandae Studium als die 
Hauptsachen hingestellt werden (Opp. I, p. 64* b . 57 b [Bl. C 
7*. 8 b ; A 3 b ] u. ö.). Wie löst sich dieser Widerspruch? 
Wie erklärt sich überhaupt der Charakter der Schrift? 
Dafür ist Verschiedenes in Betracht zu ziehen. Einmal soll 
die Schrift nicht eine völlig ausgearbeitete Lehrschrift sein, 
sondern nur eine „Materia cogitandi", die auf Bitten eines 
Freundes geschrieben war, um durch sie „tranquillis domi 
cogitationibus meditationeque sagaci habita" zu einer Klä- 
rung der Ansichten eventuell beizutragen. So ist sie eine 
rechte Gelegenheitsschrift, schnell und unter schwierigen 
äufseren Verhältnissen entworfen : „ qualia prae catarrho hac 
septimana conscribere licuit". Sodann aber ist zu beachten, 



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URBANUS KHEGIUS IM ABENDMAHLSSTREITE. 319 



dafs Rhegius in der Hauptsache nicht eigene Ausführungen 
giebt, sondern die „Väter" citiert, so z. B. auch in jenen 
„ materialistischen " Stellen. Freilich spricht er öfter — wenn 
auch keineswegs immer — seine Zustimmung zu der Auf- 
fassung der Väter aus; aber ein Unterschied bleibt doch. 
Und vor allem : Woher kommt diese plötzliche Berufung auf 
die Väter? Rhegius selbst sagt es in der Vorrede: Die 
Wirren der Gegenwart, in der jeder eine andere Meinung 
aufstellt und [können wir hinzufügen] durch Berufung auf 
die Schrift stützen will, lenken den Blick auf die Anfänge 
der Kirche, auf ihre Vergangenheit überhaupt Da glaubte 
Rhegius, der ja von jeher mit den Vätern vertraut war, 
Aussprüche zu finden, die ebensowohl die Irrtümer des ka- 
tholischen Mefsopfers wie die der radikalen Richtung als 
solche erkennen liefsen. Dabei ist es ihm noch nicht ge- 
lungen, eine neue einheitliche Anschauung an die Stelle der 
bisher von ihm geteilten zwinglischen zu setzen; er giebt 
und will geben mehr Material zur Bildung einer neuen An- 
schauung als schon eine solche selbst. — Was aber sein 
Verhältnis zu Luther anbetrifft, so steht er diesem jetzt 
zweifellos näher *, sofern er sich im Gegensatz weifs zu allen 
Leugnern der Realpräsenz und geneigt ist, die den Glauben 
stärkende Kraft des Abendmahls mehr als bisher anzuer- 
kennen. Dafs aber die spezifischen Gedanken Luthers, wie 
sie dieser im Laufe des Streites ausgesprochen hatte, bei 
ihm noch fehlen, geht aus dem Gesagten hervor. 

Wenige Monate später als die „Materia cogitandi" er- 
schien die ebenfalls gegen die römische Messe gerichtete 
„RESPON || sio Vrbani Rhegij ad du- || os libros primum & 
tertiura de Mis- || sa Joannis Eccij quibus, Missam esse || Sacri- 
ficium ex Scripturis osten- || dere, & aduersae partis j| obiecta • 
diluere co- || natur" etc. *. Teilt diese Schrift mit der vor- 



1) Einen äußeren Ausdruck findet dies darin, dafs er in dieser 
Schrift zum erstenmal wieder seit seinen Anfangsschriften Luthers Namen 
erwähnt. Cf. Opp. I, 60» 67» 71b [ßl. B 2 b , D 7», F 3 b J. 

2) Die Frage nach der Zeit der Abfassung ist eine verwickelte. 
Am Ende der Hauptausfuhrung (Bl. Q 8») ist als Datum angegeben: 



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SEITZ, 



angehenden die Anerkennung der Realpräsenz von Leib und 
Blut (Opp. II, p. 18*. 21» [Bl F 3 b . G 6*] u. ö\), so be- 
steht der wichtigste Fortschritt, der hier gemacht wird, darin, 
dafs Khegius hier „ Gnadenmittel " anerkennt und die Sakra- 
mente ausdrücklich mit unter sie rechnet: „Media, quibus 
Christi merita uelut distribuuntur, non reijcimus"; ja er 
stellt in diesem Zusammenhang den Satz auf: „Sacramenta 
necessaria quidem wenn er ihn dann auch sofort einschränkt 
(Opp. II, p. 7 b . 15 b . 27 a . 29* b [Bl. A 5 b , E 3 b ff., K 4^ b , 
L 4 b — 5 b ]j. Damit scheint der entscheidende Schritt, um 
vollständig zu Luthers Ansicht überzugehen, gethan und der 
„ festere Unterbau ", der Rhegius früher noch mangelte, näm- 
lich Luthers Lehre von den Gnadenmitteln, vorhanden zu 
sein (vgl. Jahrbb. V, S. 42. 44). Aber eine genauere Be- 
trachtung modifiziert dieses Urteil nicht unwesentlich. Was 
zunächst den Begriff der Gnadenmittel angeht, so ist dessen 
Wichtigkeit für Luthers Abendmahlslehre einleuchtend, und 
die von Uhlhorn angeführten Stellen bei Rhegius, denen sich 
noch andere zur Seite stellen lassen, beweisen, dafs er diesen 



„An. 1527. 22. April". Dann folgen zwei Briefe vom 21. und 24. März 
1528 (Bl. Q 8»>, R 3 b ), und am Ende der ganzen Schrift steht als 
Datum des Druckes: „Mcnse Feb. XVI. Anno M.D.XXIX" (R 3 b ). 
Mit Recht hat schon Uhlhorn darauf hingewiesen, dafs die Schrift un- 
möglich die Anschauung des Rhegius vom Jahre 1527 wiedergiebt 
(Jahrbb. V, S. 43 und Anm. 1); sie raufs vielmehr vor dem Druck 
„ nochmals durchgearbeitet u worden sein. Uhlhorn ist nun offenbar der 
Meinung, dafa diese spätere Überarbeitung vor der Abfassung der 
„Materia cogitandi" stattgefunden habe. Und diese Ansicht kann sich 
darauf stützen, dafs Rhegius in dieser bereits auf die Responsio ver- 
weist (Opp. I, p. 65»). Aber wie der Brief des Rhegius vom 24. März 

1528 (Responsio Bl. R 1») zeigt, hatte dieser das Manuskript seiner 
Responsio damals nur „tribus aut ad summum 4. anHculis"' vorgelegt, 
„ut quicquid id est, quod confeceram, in spongiam incumberet". Und 
noch am 29. Dezember 1528 bittet er in dem erwähnten Briefe Blaurer, 
ihm seine etwaigen Bedenken gegen einzelne Ausführungen der Schrift 
mitzuteilen, und erklärt sich bereit, sie bei der Drucklegung zu berück- 
sichtigen. Demnach ist es wahrscheinlich, dafs die definitive Über- 
arbeitung erst nach dem letztgenannten Termin, also etwa im Januar 

1529 erfolgt ist, wozu das Datum des Druckes (16. Februar) vorzüg- 
lich stimmt. 



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URBANUS RHEGIUS IM ABENDMAHLSSTREITE. 321 

Begriff jetzt mit Bewufstsein übernomman hat. Aber gerade 
die Hauptstelle, die über diesen Gegenstand handelt, zeigt, 
dafs er auch jetzt noch keineswegs vollständig auf Luthers 
Gedanken eingegangen ist Gegenüber der Behauptung Ecks, 
dafs wir durch das Mefsopfer an dem heilsstiftenden Opfer 
Christi Anteil erhalten, wird da ausgeführt, dafs wir nur 
dann Anteil an dem himmlischen Erbe erhalten können, 
wenn wir Söhne sind. „Filij autem non nisi electione di- 
uina, uocatione & fide efficimur, fides est ex auditu uerbi 
Dei . . . Ergo cum Euangelium praedicatur, sacramenta 
rite tractantur, atque spiritus s. uerbum Dei electorum cor- 
dibus inscribit . . ., tum uere merita Christi dispertiuntur & 
applicantur, aut iam ante data et applicata agnos- 
cuntur" (Opp. II, p. 24» [Bl. J l ab ]). Da erscheinen 
Wort und Sakrament als Gnadenmittel. Aber nicht nur 
wird daneben in relativer Selbständigkeit die Wirksamkeit 
des heiligen Geistes gestellt, welche gelegentlich der Verwal- 
tung von Wort und Sakrament stattfinden kann, und zwar 
nur bei den electi; sondern der letzte Zusatz zeigt auch, 
wie wenig der lutherische Begriff des Gnadenmittels in seiner 
Schärfe vorhanden ist. (Auch die Hervorhebung der Prä- 
destination in dieser Stelle ist nicht bedeutungslos.) Nach 
dieser einzigen ausführlichen Stelle aber dürften die kurzen 
Erwähnungen dieses Punktes, die sich sonst finden, zu ver- 
stehen sein. 

Verhält es sich so mit dem „Unterbau" der Abend- 
mahlslehre in des Rhegius „Responsio", so giebt die Dar- 
stellung dieser Lehre selbst zu ähnlichen Beobachtungen An- 
lafs. Zwar wird die Realpräsenz von Leib und Blut aus- 
drücklich gelehrt; wir glauben, „uerum eius corpus edere 
uerumque sanguinem bibere nos" (Opp. II, S 21 a ). Allein 
für die den Glauben stärkende Wirkung des Sakraments 
ist dies belanglos ; sie wird vielmehr lediglich vermittelt durch 
die commemoratio oder recordatio und gratiarum actio, die 
auch hier wieder als das eigentliche Wesen der Abendmahls- 
feier erscheinen (a. a. O. p. 22 a cf. 7 a ). Bei einer ausführ- 
lichen Schilderung wird aller Nachdruck gelegt auf die 
„annuntiatio uiuificae mortis Christi". Durch diese werden 



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SEITZ, 



wir zunächst an unsere Sünden erinnert und damit zur 
Bufse geführt; dann richtet die vox Euangelii uns auf „in 
firmara spem salutis", indem wir glauben, dafs Christus für 
unsere Sünden genug gethan hat, und in solchem Glauben 
die Ertötung des alten Adam in uns Gott darbringen. So- 
dann wird auf Leib und Blut Christi hingewiesen, in welchen 
das „sacrificium olim in cruce oblatum" gegenwärtig ist und 
von uns „tractatur". Der Sinn dieses „tractari" wird klar 
durch den sogleich folgenden Satz: „quam ueram expiationis 
plenissimae uictimam fideli comraemoratione & cum debita 
gratiarum actione uelut obtendimus Deo patri" (Opp. II, 
p. 17 b . 18 a [Bl. F 3* b ]). Ist diese Darstellung an dem 
Gegensatz zur katholischen Theorie vom Abendmahlsopfer 
orientiert, so wird in ihr zugleich der Unterschied von der 
Position Luthers deutlich, der vor allem die Gabe Gottes 
an uns betont, nicht irgendwelches Thun des Menschen. 
Dieser Unterschied von Luther tritt ebenso in der wieder- 
holten Verwendung von Joh. 6 zutage (z. B. Opp. II, p. 22*. 
38 b [Bl. H 2 a . 3 a . P 5 b ]), der Stelle, die von Zwingli 
im ganzen Abendmahlsstreit im Gegensatz zu Luther als 
Fundament seiner Auffassung betrachtet worden war. — 
Nach alledem können wir die von Rhegius jetzt vorgetragene 
Abendmahlsanschauung nur charakterisieren als eine der 
Luthers ähnliche, bei der jedoch Nachwirkungen der von 
Rhegius geteilten zwinglischen Ansicht deutlich zu spüren sind. 

Dieses Urteil aber gilt nicht nur von der eben be- 
sprochenen letzten Schrift des Rhegius im Abendmahlsstreit, 
zugleich der letzten, in der er seine Meinung über das Abend- 
mahl eingehender dargelegt hat. Auch die späteren gelegent- 
lichen Berührungen dieses Punktes zeigen ihn im wesent- 
lichen auf demselben Standpunkt. Erst vom Jahre 1535 
an ist eine entschiedenere Hinwendung zu Luthers spezi- 
fischen Gedanken bemerkbar. Es sei für die Zeit nach dem 
Sakramentsstreit nur hingewiesen auf Äußerungen in der 
praktischen Schrift: „Ertzney, || für die gesunden || vnd 
krancken, jm || todts nöten. || Durch || D. Vrba. Regium. 
Wittemberg" vom Jahre 1529 und in dem wenig später ge- 
schriebenen „Sendbrieff: War- || umb der ytzige zanck im 



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URBAKUS RHEGIUS IM AHENDMAHLSSTREITE. 



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glau || ben sey von zweyerley früm- 1| keyt. Vom rechten 
Got- || tes dienste. Vnd men- || sehen Satzungen." (W. W. 
III, S. ll b ,-20 a ; IV, S. 23 a .— 32 a .). Mit der Unbestimmt- 
heit der hier gelegentlich gegebenen Ausführungen stimmt 
des Rhegius praktisches Verhalten in den Vergleichsverhand- 
lungen von 1531, 1535 und 1536 *. Erst in dem Katechis- 
mus minor, den er 1535 erscheinen liefs *, ist er der luthe- 
rischen Auffassung näher gekommen, indem er hier u. a. 
ausdrücklich den Genufs der impii behauptet, auch zum 
erstenmale in der Weise Luthers das „pro vobis" in den 
Einsetzungsworten hervorhebt. Ahnlich betont er in seinem 
zweiten Katechismus von 1541, der letzten Schrift, die er 
noch selbst herausgegeben hat, die Bedeutung des Abend- 
mahls, sofern es dem einzelnen das Heil nahebringt, stellt 
wohl auch eine Beziehung des Abendmahlsgenusses auf die 
Auferstehung des Leibes her. Freilich läfst sich daneben 
auch hier noch immer ein Nachwirken des früheren zwing- 
lischen Standpunktes z. B. in der Verwendung von Joh. 6 
beobachten (Opp. I, p. 158 a .). 

Überblicken wir somit den Entwickelungsgang, den die 
Anschauung des Rhegius im Verlauf des Abend mahlsstrei tes 
im ganzen durchgemacht hat, so haben wir in seinen Kund- 
gebungen der ersten Jahre, etwa bis 1527, das durch den 
Streit herbeigeführte Offenbarwerden der Verwandt- 
schaft mit der zwinglischen Anschauung zu kon- 
statieren. Die Keime, die vor dem Streit und sogleich beim 
Beginn desselben, in der Polemik gegen Karlstadt zu be- 
merken waren, haben sich unter dem Einflufs der eingehen- 
den Auseinandersetzung zwischen lutherischer und zwinglischer 
Abendmahlslehre, wie sie der Streit brachte, entwickelt. 
Diese Entwicklung erreichte ihren Höhepunkt, als Rhegius 
den letzten Widerstand gegen Zwingli aufgab und von diesem 
als Gesinnungsgenosse begrüfst wurde. Dann aber erfolgte 
der Umschwung, veranlafst negativ durch das gefahrdrohende 



1) Cf. Löscher, Historia Motuum ;i, p. 185—187. — Uhlhorn, 
Urb. Rheg., S. 324 u. 326. 

2) Cf. Opp. I, p. 88»— 125»; besonders p. 11 Ob. 111 *>. 



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324 seitz, 

Überhandnehmen des Radikalismus, das sich speziell in 
Augsburg fühlbar machte, positiv durch die während des 
Abendmahlsstreites erfolgte Fortbildung und Festigung der 
lutherischen Anschauung. Doch schlofs dieser Umschwung 
nicht den völligen Verzicht auf die bisher vertretene Meinung 
zu gunsten einer gänzlich neuen und andersartigen ein : viel- 
mehr fehlt zunächst die Schärfe der nun übernommenen 
lutherischen Anschauung, und in demselben Mafse, als dies 
der Fall ist, ist die neue Anschauung der zwinglischen ver- 
wandt. — Daraus aber geht hervor, dafs der Thatbestand 
inbezug auf die Stellung des Urbanus Rhegius im Abend- 
mahlsstreit es unmöglich macht, den „Zwinglianismus" für 
ein „ fremdes eingesprengtes Stück " zu erklären, dessen Her- 
einkommen nur auf persönliche, mehr oder weniger zufällige 
Gründe zurückgeführt werden müsse. Vielmehr steht die 
zwinglische Periode in des Rhegius Entwickelung in guter 
Verbindung nach hinten wie nach vorn. Sie tritt weder 
unvermittelt, unvorbereitet bei ihm auf, noch geht sie spur- 
los und ohne bleibende Wirkung vorüber. 

Eine Bestätigung findet das bisher Angeführte dadurch,, 
dafs auch an einer ganzen Reihe anderer Punkte sich die 
gleiche Entwickelung bei Rhegius feststellen läfst, wie sie 
bezüglich der Abendmahlslehre zu beobachten war. Nur 
für einige hauptsächliche mögen in Kürze Belege gegeben 
werden. — Zu den Gegenständen, die im Zusammenhang 
mit dem Abendmahlsstreit erörtert wurden, gehört die Taufe; 
namentlich der Widerspruch der Wiedertäufer führte hier zu 
einer lebhaften Diskussion. Was nun Rhegius anbetrifft, so 
dachte dieser über die Taufe von seinem frühesten reforma- 
torischen Auftreten an so, dafs ihm alles Gewicht auf das 
verpflichtende Moment bei der Taufe fiel, wenn er auch 
anderes zunächst nicht leugnen wollte. Von dieser Stellung, 
die sich in den gelegentlichen Aufserungen seiner Schriften 
von 1521 — 1527 nachweisen läfst ! , ist er fortgeschritten zu 



1) Für die Zeit vor 1524 vgl. meine Dissertation S. 61 ff. Für die 
Jahre 1524—1527 vgl. Nova doctrina von 1626 Opp. I, p. 21». — 
„Summa christlicher Lehre" von 1527. Werke I, S. 59«>. 66«». 



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URBAN' US RHEGIUS IM ABENDMAIILSSTRE1TE. 325 

einer durchaus zwingliscbcn Anschauung in seiner ersten 
Schrift gegen die Wiedertäufer, der „Notwendigen War- 
nung .... wider den neuen Tauforden" vom Jahre 1527, 
in die er vieles fast wörtlich aus Zwioglis Schrift „Vom 
Tauf, Wiedertauf und Kindtauf" herübergenommen hat [hier 
stimme ich mit Uhlhorn, Jahrbb. V, S. 42 überein]. Es findet 
sich also hier ungefähr zu gleicher Zeit derselbe Fortschritt, 
der bei der Anschauung vom Abendmahl konstatiert worden 
ist Und auch die weitere Entwicklung ist eine ganz pa- 
rallele, sofern Rhegius in den Aufserungen der folgenden 
Zeit zunächst die Schärfe der zwinglischen Auffassung auf- 
giebt [so in der zweiten antianabaptistischen Schrift], dann 
sich immer mehr der Ansicht Luthers nähert [so in den 
Schriften der Jahre 1529 ff.] und endlich sie ganz annimmt. 
Das letztere geschieht wiederum erst vom Jahre 1535 an, 
wie die „Formulae quaedam" von 1535, die dritte Schrift 
gegen die Wiedertäufer von demselben Jahre und die bei- 
den Katechismen von 1535 und 1541 zeigen (vgl. z. B. W. 
W. IV, S. 202 b ff. Opp. I, p. 104 a sqq.). 

Mit der Vorstellung von der Wirksamkeit der Taufe 
hängt innerlich zusammen die Anschauung von der Erb- 
sünde, und so ist auch über diese im Verlauf des Streites 
verhandelt worden ; ja Zwingli hat eine seiner ausfuhrlichsten 
Darlegungen hierüber dem Urbanus Rhegius gewidmet (vgl. 
oben S. 310). Eben diese Schrift Zwingiis führte in Rhegius' 
Anschauung den Wendepunkt herbei, sofern er sich durch 
sie völlig für die zwinglische Anschauung gewinnen liefs 
(vgl. seinen Brief an Zwingli vom September 1526 und dessen 
Antwort in Zw. Werken VII, S. 544. 549). Auch hier hatte 
ihn seine ganze frühere Entwickelung für den Anschlufs an 
Zwingli vorbereitet: von jeher hatte er in seinen Aussagen 
über die Erbsünde von der Schwächung der menschlichen 
Fähigkeit zum Guten viel, von der Schuld der Erbsünde 
nichts zu sagen gehabt *. Wenn er trotzdem noch im Jahre 



1) Für die Zeit von dem Streit vgl. die angeführte Dissertation 
S. 69 ff. Für die Zeit von 1524 ff.: „Wider den neuen Irrsal Karl- 
stadts", Werke IV, S. 122». — De nova doctrina Opp. I, 21». 



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SEITZ, 



1526 einer Differenz zwischen seiner und Zwingiis Anschau- 
ung sich bewufst war, so erklärt sich dies einmal aus der 
gröfseren Schärfe der Zwinglischen Aufstellungen, zum an- 
dern aber auch aus der Mifsverstündlichkeit derselben: 
Zwingli selbst erzählt, dafs er von vielen mifaverstanden sei 
(W. W. VII, S. 628). Der bald folgende, vollständige Über- 
gang des Rhegius zu der Anschauung des Schweizer Refor- 
mators läfst die in Wahrheit zwischen beiden bestehende 
innere Verwandtschaft erkennen. So vollständig ging Rhe- 
gius auf Zwinglis Gedanken ein, dafs er auch den Wieder- 
täufern gegenüber die kirchliche Taufe von hier aus zu 
rechtfertigen versuchte (vgl. die erste Schrift gegen die Wie- 
dertäufer. W. W. IV, S. 135 ff.). Und zwar dauert diese 
zwinglische Periode etwa bis zum Jahre 1530. In dem 
„Sendbrief" von 1531 findet sich zum erstenmalc eine 
deutliche Hervorhebung der Schuld der Erbsünde (W. W. 
IV, S. 24 ft . 26 a ). Die völlige Hinwendung zu Luthers Auf- 
fassung aber ist vollzogen in der dritten Schrift gegen die 
Wiedertäufer vom Jahre 1535 sowie in dem Katechismus 
minor desselben Jahres (W. W. IV, S. 203 a . Opp. I, p. 107 b ). 

Endlich möge, um anderes zu übergehen, noch auf einen 
Punkt hingewiesen werden, an welchem der Unterschied 
zwischen Luthers evangelischem Christentum und dem 
Zwinglis deutlich erkennbar ist, auf die Beurteilung der 
Beichte. Freilich sahen sich liier beide Reformatoren zu- 
nächst vor die Aufgabe gestellt, die Übelstände der herrschen- 
den kirchlichen Beicht praxis, namentlich die erzwungene 
Ohrenbeichte abzustellen. Dabei gingen sie jedoch von einer 
verschiedenen Schätzung der Beichte als solcher aus. Luther 
schätzte die Privatbeichte stets hoch als ein „überaus köst- 
lich Ding", weil hier gerade dem einzelnen die Vergebung 
zugesprochen wird. Zwingli dagegen sah in solcher Schät- 
zung der Beichte ein zu weit gehendes Zugeständnis an den 
Katholizismus; ihm ist die Beichte nur „eine Ratserholung 
beim Priester oder Nächsten " \ — Bei Rhegius haben wir 



1) Vgl. Köstlin, Luth. Theol. II, S. 520ff. 529 f. — Baur, 
Zwinglis Theol. I, S. 182. 235 u. ö. 



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URBASUS RHEGIUS IM A HEX DM AHLSST REITE. 



327 



in den ersten Jahren seiner Wirksamkeit über diesen Gegen- 
stand nur unbestimmte Aufserungen, die eine fest entwickelte 
Anschauung noch nicht erkennen lassen , obwohl er die 
Beichte zum Gegenstand zweier Schriftchen gemacht hat 1 
Dagegen ist deutlich, dafs er in den Jahren 1525 — 1528 
Zwingiis Ansicht von der Beichte durchaus geteilt hat. Er 
bezeichnet als den Kern der Beichte ausdrücklich das „ radts 
fragen" oder „rat forschen", schliefst sich auch in der Er- 
klärung des „Bindens und Lösens" ganz an Zwingli an 2 . 
Später aber hat er sich offenbar dieser Auffassung ab- und 
der Luthers zugewendet. Die Beichte ist ihm da nicht mehr 
nur eine beratende Unterweisung in Gottes Wort, sondern 
er sagt: Christus „per os Ministri nos absoluit a peccatis 
nostris", vermittels der Schlüsselgewalt, welche er seiner 
Kirche gegeben, und welche diese den Dienern des Wortes 
zur Ausübung übertragen hat s . 

So ergiebt sich, dafs der Entwickelung, die Rhegius in 
seiner Abendmahlsanschauung durchgemacht hat, parallel 
geht seine Entwickelung auch in sonstigen Punkten. Seine 
zeitweilige Ubereinstimmung mit Zwingiis Abendmahlslehre 
ist auch in dem Sinne nicht ein „eingesprengtes fremdes 
Stück", dafs er etwa nur diese eine Anschauung zeitweilig 
zu der seinigen gemacht hätte, im übrigen aber bei einer 
andersartigen Gesamtanschauung geblieben wäre. Ferner 
hat sich ergeben, dafs überall nicht ein zweimaliger Um- 
schwung, ein „Übertritt" zu Zwingli und ein „Rücktritt" 
zu Luther, zu konstatieren ist, sondern dafs sein Anschlufs 
an Zwingli das Resultat einer gewissermafsen geradlinigen 
Entwickelung und nur seine Hinwendung zu Luther als 
„Ubertritt" zu beurteilen ist Endlich hat sich gezeigt, dafs 
der Umschwung mit besonderer Deutlichkeit zutage tritt vom 



1) „ Underricht || Wie ain Christenmensch got|| seinem herren teg- 
lich beichten Boll Docto || ris Vrbani Regy' 4 1521 und „Von Reu, Beicht, 
Bufs kurzer Beschluß" 1523 (Werke I, S. 98*>— 100». 100b— 103»>). 

2) Werke I, S. 66»>-67«>. — Schellhorn, Amoenitates litt VI, 
p. 386 sq. 

3) „Formulae quaedam" 1535. Opp. I, p. 83». — Vgl. Werke 
1IJ, S. 94*. 



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328 SEITZ, URBAN US RHEGIUS IM ABENDMAT1LSSTREITE. 

Jahre 1530 resp. 1535 an. Die letztere Thatsache aber 
enthält zugleich einen Hinweis auf die bestimmenden Gründe, 
aus denen der Meinungswechsel zu erklären ist. Es wird 
aufser dem bereits Gesagten (vgl oben S. 323 f.) hinzuweisen 
sein auf das Aufhören bestimmender zwinglischer Einflüsse — 
1530 verliefs Rhegius Süddeutschland, und 1531 starb 
Zwingli — , das zeitlich zusammentraf mit dem Herrschend- 
werden starker lutherischer Einflüsse: 1530 erhielt Rhegius 
durch sein [einziges] persönliches Zusammentreffen mit Luther 
auf der Coburg einen nachhaltigen Eindruck *, und zugleich 
trat er in ein Arbeitsfeld ein, auf dem er entschieden luthe- 
rische Anfange antraf 2 . Erst dadurch ist Rhegius zu dem 
geworden, was er dann geblieben ist: zu einem bewufst und 
faktisch lutherischen Reformator! 



1) Vgl Uhlhorn, Urb. Rheg., S. 160. — Rheg. Opp. II, p.80*-*. 
Diese Briefe zeigen, mit welcher Freude uod Begeisterung er noch nach 
Jahren an diesen Besuch zurückdenkt. 

2) Vgl. Uhlhorn a. a. 0. S. 163ff. — Tschackert in der 
„Zeitschrift für niedersächsische Kirchengeschichte", 1. Jahrgang (1896), 
S. 10 f. 



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Ein neuer Beitrag zur Lebensgeschichte 
des Reformators M. Antonius Corvinus. 



Von 

Prof. P. Tschackert in Göttingen. 



«Antonius Corvinus (gest 1553 zu Hannover), neben 
Urbanus Rhegius der bedeutendste Reformator Niedersachsens 
in der eigentlichen Reformationszeit (bis 1555), stammte aus 
Warburg im Bistum Paderborn, wo er 1501 geboren wurde. 
Sein Familienname war Rabe; sein Beiname Zitogallus 
(Bierhahn, Bräuhabn, Broihan) weist auf das Brauergeschäft 
hin, zu dem seine Familie Beziehungen gehabt haben mag. 
Als evangelischer Geistlicher fungierte er seit 1528 in Goslar 
und 1532 in Witzenhausen (Hessen). Leider sind wir aber 
über seine Jugend und den Gang seiner Entwickelung ohne 
genügend sichere Kunde. Nur einige spärliche Nachrichten 
finden sich darüber in seinen eigenen Schriften. Was bis 
18 97- darüber hat aufgefunden werden können, ist bereits 
von Abt D. Uhlhorn wie in seinen beiden sehr dankens- 
werten Schriften über Corvinus *, so zuletzt in seinem Ar- 
tikel „Corvinus" in RE. 8 IV, 302 ff. benutzt worden, und 
durch die ausgezeichneten Quellennachweise in seiner letzt- 
genannten Schrift (Antonius Corvinus, ein Märtyrer u. s. w. 



1) Gerb. Uhlhorn, Ein Sendbrief von Antonius Corvinus u. 8. w. 
mit einer biographischen Einleitung, Göttingen 1853. Derselbe, An- 
tonius Corvinus, ein Märtyrer des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses, 
Halle 1892 (= Schriften des V. f. Refgesch. Nr. 37). 

Z«iUchr. f. K.-0. XIX, 3. 27 



330 TSCHACKERT, 

[Halle 1892], S. 31 ff.) findet sich der Stand der Forschung 

ausführlich klar gelegt. 

Zu den bis dahin benutzten Quellen tritt hier nun eine 

neue, und zwar die erste authentische über das Verhältnis 

des früheren Mönches Antonius Corvinus zum Kloster 

Riddagshausen. Ich berichte zunächst, wie ich zu der 

neuen Quelle gekommen bin. 

Baring, Leben Corvini (Hannover 1749), S. 91 f. erwähnt, 
dafs Corvinus u. a. geschrieben habe eine „Epistola de pro- 
fessione evangelica et summa iustificationis ", (quae) „adiecta est 
Helmoldi Poppii u4nodtt£i, quod vota Benedictinorum cum voto 
baptismi pugnent etc. Marpurgi 1533. 8°". Aber Baring bat 
diese Schrift nie gesehen, sondern citiert ihren Titel nur nach 
der Angabe des Katalogs der Pariser Königlichen (jetzt National-) 
Bibliothek (Catalogus Bibliotbecae Regis Franciae, T. II, n. 396. 
400 F). Diese Notiz hat Rotermund in seinem „Gelehrten 
Hannover" s. v. Corvinus wiederholt. Studien zur niedergäch- 
sischen Reformationsgeschichte führten mich auf A. Corvinus und 
auch auf obigen Büchertitel. Da indes diese Epistola weder in 
Göttingen noch in Berlin, auch nicht in Marburg, wo sie 1533 
gedruckt wurde, vorhanden ist, so schrieb ich weiter im deutschen 
Vaterlande herum, von einer Bibliothek auf die andere; aber 
immer vergebens. Es blieb also nur die Nachforschung auf 
der Pariser Bibliothek übrig. Da diese Anstalt als Stand- 
bibliothek verwaltet wird, versendet sie keine Druckschriften; 
es mufste also an Ort und Stelle 1) nachgeforscht werden, ob 
sich die Corvinussche Epistola heute noch dort befindet, und 
2) mufste eventuell eine Abschrift derselben dort hergestellt wer- 
den. Da traf es sich gerade, dafs eine französische Dame, Made- 
moiselle Pellechet aus Paris, hier auf der Göttinger Biblio- 
thek arbeitete, um im Auftrage der französischen Regierung latei- 
nische Inkunabeln zu beschreiben. Auf meine Bitte erklärte sich 
diese sehr geehrte Dame bereit, nach ihrer Rückkehr in Paris selbst 
nach dieser Schrift zu forschen und eventuell für mich eine Ab- 
schrift derselben herstellen lassen zu wollen. Nach Verlauf von 
etwa vier Wochen hatte sie die Güte, mir mitzuteilen, dafs die 
Schrift sich noch jetzt auf der Nationalbibliothek zu Paris be- 
findet; gleichzeitig aber sandte sie als Geschenk — 
die Photographieen allerBlätter der ganzen Schrift 
selbst: statt der Kopie des Buches eine Photographie desselben. 
In vorzüglich lesbarer Gestalt waren die sämtlichen 14 Oktav- 
blätter der Schrift des Corvinus von Fräulein Pellechet selbst 
photographiert worden. Erwägt man, dafs ich der hochgeehrten 
Dame gänzlich fremd war und sie nur auf der Göttinger Biblio- 



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M. ANTONIUS CORVINUS. 



331 



thek durch Vermittelung des Direktors derselben, Herrn Geh. Rats 
Dziatzko, kennen lernte: so ist der Dienst, welchen sie der 
Wissenschaft leistete, wohl in das rechte Licht gestellt Unwill- 
kürlich mufs man dabei den Blick höher heben und sich freuen 
über die Noblesse, mit welcher aus den wissenschaftlichen Kreisen 
Frankreichs uns begegnet wird. Und noch nach einer andern 
Seite hin ist der Vorgang bemerkenswert: den Gegnern der 
Geistesarbeit der Frauen dürfte er Stoff zum Nachdenken geben. 

Ungefähr um dieselbe Zeit aber, als die Pariser Photogra- 
phieen eintrafen, erfuhr ich, dafs sich doch noch ein Exemplar 
der Schrift des Corvinus in Deutschland befindet, nämlich 
im Stadtarchiv zu Braunschweig, im Sammel bände M 726. Durch 
die Güte der Archivverwaltung erhielt ich es hierher zur Be- 
nutzung. Gleichzeitig erlaubte die Verwaltung, dafs von der 
'Anodt&s des Poppius [der aber nur durch einen Druckfehler 
des Setzers so heifst; sein wirklicher Name ist Koppius, Koppe, 
aus Braunschweig] eine Abschrift hergestellt wurde. Die Ver- 
waltung der Göttinger Universitätsbibliothek, der ich die Pariser 
Photographieen der Corvinus -Schrift geschenkt hatte, liefs nun 
die Abschrift des Werkes des Poppius anfertigen, und beide ver- 
eint bilden jetzt einen sehr wertvollen Sammelband, der nach 
dem an erster Stelle stehenden Teile seines Inhalts im Kata- 
loge den Titel „Helmoldi Poppii *An6dn'£i$" führt, die Signatur 
„H. E. Ord. 10 b 4°" hat und jedermann zur Verfügung steht. 

Was erfahren wir nun aus der Schrift des 
Corvinus, auf welche wir hier unsere Aufmerk- 
samkeit zu richten haben? 

Wir erinnern uns zuerst an eine bekannte Stelle aus 
einer andern Schrift des Corvinus, die im Frühjahr 1529 
verfafst und unter dem Titel „Wahrhaftiger Bericht " u. s. w. 
in demselben Jahre zu Wittenberg gedruckt wurde. Hier 
sagt Corvinus auf Blatt A3: „Es ist bei sechs Jahren, dafs 
mich wie einen lutherischen Buben mein Abt verjagt hat". 
Corvinus ist also 1523 oder 1524 wegen lutherischer Ge- 
sinnung aus einem Kloster, dessen Mönch er war, aus- 
getrieben worden. Welches Kloster das war, sagt er nicht 
Dafs es ein Kloster in Niedersachsen gewesen ist, dürfen wir 
aus einer andern Aufserung des Corvinus Schnelsen. In 
einem im Jahre 1539 in Hessen geschriebenen „Bericht ... 
an allen sächsischen Adel" teilt er nämlich mit, dafs er diese 
Schrift dem (nieder-)sächsischen Adel widme, „dieweil ich 

27* 



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332 



TSCHACKERT, 



lange Zeit in Sachsen gewesen und an den Orten, da eure 
Eltern viel hingegeben , mein erst Fundament gelegt und 
von eurem Almosen gelebt und studiert habe". (VgL 
D. Uhlhorn, Ant. Corvinus, ein Märtyrer u. s. w., S. 31.) 
Corvinus ist also in zwei oder mehreren Klöstern Nieder- 
sachsens, sei es als Schüler, sei es als Mönch gewesen; aber 
von keinem ist bis jetzt der Name authentisch bekannt 

Die erste authentische Nachricht flielst nunmehr aus 
der vorliegenden Epistola an den Abt von Riddags- 
hausen. Sie fuhrt den Titel „Iieverendo patri, Herrmanno 
Rerao, monasterii Rittershusensis abbati dignissimo, Antonius 
Corvinus Zitogallus gratiam et pacem optat per Jesum 
Christum dominum nostrum". Der Abt ist fast neunzig- 
jährig und fanatisch mönchisch gesinnt. [Nach Meibom, 
Chronicon Riddagahusense, Heimst 1620, p. 89 ist er als 
Herrmannus IV. 1503 zur Regierung gekommen; Meibom 
läfst ihn aber ürttimlicherweise schon 1531 sterben.] Über 
seinen Charakter informiert uns zunächst Poppius [r. Kop- 
piua] in seiner *^47t6dei^ig. Koppe erzählt darin nämlich 
[1532], wie und warum er vor ohngefahr fünf Jahren [„anno 
abhinc quinto, ni fallor") den Abt getäuscht und um seines 
evangelischen Glaubens willen das Kloster verlassen habe. 
Darauf trägt er dem Abte vor, dafs die Mönchsgelübde, 
welche nach der Regel Benedikts geschehen, keinen christ* 
liehen Charakter haben und durch das Taufgeltibde des 
Christen überflüssig sind; dafs der Austritt aus dem Kloster 
nicht verboten werden könne; dafs infolge dessen die Abte 
auch wegen Austrittes von Mönchen keine Strafgewalt über 
sie haben. „Du weifst sehr gut", schreibt Koppe, „welche 
Tragödie Du mir einst veranstaltet hast, als ich einmal im 
Kapitel gepredigt hatte, dafs der Mönch nicht durch die 
Kräfte seines freien Willens, sondern durch den Glauben an 
Jesus Christus selig wird. Da behauptetest Du, der Mensch 
habe seinen freien Willen, und nicht durch den Glauben, 
sonderen durch die Werke werden viele selig; dazu führtest 
Du noch Stellen aus der h. Schrift fälschlich an." „Non 
mirandum igitur", fügt Koppe hinzu, „si tu hyperaspistes 
sis liberi arbitrii acerrimus." Diesen verbissenen Verteidiger 



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M. ANTONIUS CORVLM'S. 



333 



der scholastischen Willensfreiheit zu Riddagshausen hatte sich 
also etwa im Jahre 1527 der aus Braunschweig stammende 
Mönch Helmold Koppe durch die Flucht entzogen und sucht 
jetzt, im Jahre 1532 als evangelischer Prediger in Goslar 
den Abt von der Nichtigkeit der Mönchsgelübde und der 
aus ihnen abgeleiteten Strafgewalt der Abte zu Uberzeugen. 

Mit Helmold Koppe war Antonius Corvinus befreundet; 
denn dieser rangierte mit jenem von 1528 bis 1630 zu- 
sammen in Goslar als Geistlicher. Als er daher die *An6- 
det^ig des Freundes im Jahre 1532 gelesen hatte und sie 
ihm ausnehmend wohl gefiel, schrieb er dazu, zur Bekräf- 
tigung der Gedanken desselben, seine „Epistola"an den- 
selben Abt. 

Corvinus sieht den Abt als seinen Feind an, erinnert 
sich aber, dafe man nicht blofs seinen Wohlthätern, sondern 
auch seinen Feinden 1 Gutes thun soll. Sieben Jahre 
vorher — das wäre also 1525 — sei er (Corvinus) anders 
gestimmt gewesen. Da habe er ein Buch angefertigt, um 
diesen Abt und seine Mönche lächerlich zu machen 8 ; aber 
auf Anraten seiner Freunde, besonders des Autor Sander 
von Braunschweig, habe er es vernichten lassen. Inzwischen 
sei in ihm die Liebe zu den heiligen Wissenschaften und 
die Sehnsucht nach dem ewigen Leben gewachsen; dadurch 
sei sein Geist, der vor Begierde nach Rache gebrannt *, all- 
mählich besänftigt worden. Daher vergiebt er jetzt dem Abte 
alles ihm angethane Unrecht 4 und wünscht nichts sehnlicher, 
als dafs sie sich wieder in gegenseitiger Eintracht zusammen- 
finden, dafs wieder der Abt ihn als Sohn und Corvinus um- 
gekehrt den Abt als Vater anerkenne. In der Anerkennung 
Christi als des wirklichen Heilandes und daher im Verlassen 
des verdammten Mönchtums liege der einzige Weg zu dieser 
Versöhnung ftir beide. (Blatt C 3.) 

1) „ut non amicis solum ac bene merentibus, verum hostibus 
quoque consultum cupiamus". 

2) „omnibus bonis deridendum propinaturus eram". 

3) flagrana vindictae cupiditate animus. 

4) „Itaque factum est, ut nunc et omnes iniurias, etiamsi nemo 
consulat, ultro tibi condonera." 



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334 



TSCHACKERT, 



Darnach darf man schliefsen, dafs der Abt, 
welcher etwa im Jahre 1523 den jungen Kloster- 
bruder „wie einen lutherischen Buben" ausgetrie- 
ben hatte, kein anderer als Herrmannus IV. Re- 
mus von Riddagshausen gewesen ist. 

Über Riddagshausen und diesen seinen Abt sagt Corvinus 
noch mancherlei, was ihn als Augenzeugen und Genossen 
des Klosters erkennen läfst. „Sicherlich ist in Deinem Klo- 
ster", schreibt er dem Abte, „gegen diejenigen, welche die 
Glaubensgerechtigkeit bekannten, bisher unbarmherziger ge- 
wütet worden als sogar bei den grausamsten Feinden des 
Evangeliums/' (Blatt C 4.) Corvinus „weifs", dafs der 
Abt „sich einzig immer an dem Traditionsbeweise ergötzt 
habe", dafs Christus nicht alles zum Heile Notwendige den 
Aposteln allein tibergeben, sondern den Rest den „Vätern" 
zu übergeben angeordnet habe. (Blatt Dl.) So redet der 
Augen- und Ohrenzeuge des Abtes. Dazu kommt die Schil- 
derung des behaglichen Lebens der Riddagshäuser Brüder: 
„Bei euch friert niemand, niemand hungert, niemand dürstet; 
Armut, Verfolgung und Schwert sind fern von euren Zellen 
(a contuberniis vestris); vor euren Augen aber sind Genufs, 
Mufse, Behagen. Die Welt hält euch für Heilige, schaut zu 
euch empor, verehrt euch, betet euch an." (Blatt D5.) In 
dieser Genossenschaft befand sich der junge Mönch, damals 
im Alter von etwa 22 Jahren, als der fanatische greise Abt 
mit ihm kurzen Prozefs machte und ihn aus dem Kloster 
stiefs. Die Ausdrücke, welche Corvinus selbst dafür gewählt, 
und die Feindschaft, die er in jugendlicher Erregtheit dem 
Abte einige Jahre nachtrug, lassen schliefsen, dafs die Aus- 
weisung in beleidigender Form geschah. Das Buch, welches 
er 1525 gegen den Abt und dessen ihm gleichgesinnte 
Mönche fertig hatte, würde uns gewifs noch über vieles 
andere die erwünschten Aufschlüsse geben. Wir begreifen 
aber auch, dafs der besonnene Braunschweiger Jurist Autor 
Sander und andere Freunde des Corvinus die Vernichtimg 
des Manuskripts herbeigeführt haben l . 

1) Blatt CS: Passus sum eum libellum cum Augusti Aiace in 



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M. ANTONIUS CORVINUS. 



.335 



Soweit reichen die authentischen Nachrichten. 
Aufser ihnen fliefsen nun aber noch trübe Quellen, von 
denen sich die einen auf einen Aufenthalt des Corvinus im 
Augustinerkloster in Herford in Westfalen, eine andere 
Äuf seine Zugehörigkeit zum Cistercienserkloster in Loc- 
cum bezieht *. 

Was zunächst die westfälische Tradition betrifft, so 
ist sie in der Zeitschrift f. vaterl. Gesch. u. Altertums- 
kunde, herausg. v. d. Verein f. Gesch. u. Altertumskunde 
Westfalens, Bd. XVI (Münster 1855), S. 14 in dem Auf- 
satze „ Paderbornsche Gelehrte aus dem Reformationszeit- 
alter " von G. J. Rosenkranz dargelegt. Rosenkranz schreibt 
(S. 14): „Die Grundlagen seiner wissenschaftlichen Bildung 
verdankte er (Corvinus) den Dominikanern in Warburg, 
welche dort eine gelehrte Schule hielten. Noch sehr jung 
widmete er sich dem Ordensleben und wurde Augustiner- 
mönch in Herford. Die damals durch Luther angeregte 
Glaubensbewegung übte einen so mächtigen Einflufs auf 
seinen feurigen und empfanglichen Geist, dafs er einige Jahre 
nach der Ankündigung des Reformators das Kloster verliefs 
und nach Wittenberg ging." Daran schliefst der Verfasser 
eine subjektive Bestreitung der Erzählung, dafs Corvinus 
als Mönch in den Cistercienserklöstern Riddagshausen und 
Loccum gelebt habe; diese Nachricht, meint Rosenkranz, 
„entbehre jeder historischen Begründung". Aber dieser Autor 
hat seine Nachrichten lediglich aus zwei handschriftlichen 
Chroniken, „Martin Klökener, Westf. Chronik F. 71. 74 
des Originalmanuskripts" und Heinr. Türk [Jesuit], Annales 
provinciae Rhenan. inferioris (Manuskr.) ad ann. 1536. Unter 



spongiara ineumbere." Die Erklärung dieses Ausdrucks verdanke ich 
Herrn Geh. Rat Prof. Dr. Dziatzko in Göttingen: Augustus hat (vgl. 
Sueton, Vita Augusti, p. 85) ein dramatisches Stück Aiax verfafet, 
hat es aber wieder von den Chartae wegwischen lassen. Corvinus ge- 
braucht aber noch dazu die Anspielung auf den Selbstmord des Ajax, 
der sich bei Homer in sein Schwert stürzt; der Ajax des Augustus 
„kroch in den Schwamm"; so auch die Streitschrift des Corvinus. 

1) Beide sind bereits von D. Uhlhorn a. a. 0. S. 31 u. 32 an- 
geführt. 

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336 



TSCHACKERT, 



diesen gehört schon der erstere, Klökener, dem 17. Jahr- 
hundert an; seine Angaben , die ohngefahr hundert 
Jahre hinter den angeblichen Ereignissen herlaufen, ver- 
dienen schon deshalb an sich wenig oder keinen Glauben. 
Aufserdem ist es wenig wahrscheinlich, dafs Corvinus zwei 
verschiedenen Orden angehört haben solL Da nun seine 
Zugehörigkeit zum Cistercienserorden durch seine Epistola 
an Abt Herrmann IV Remus sicher bezeugt war, so darf 
die westfälische Tradition wohl als irrtümliche beurteilt 
werden l . 

Die zweite Tradition ist die L o c c u m e r. Sie ist h a n d - 
schriftlich aufgezeichnet von Theodor Stracke, Abt 
zu Loccum 1600 — 1629, der die Geschichte des Klosters 
Loccum bis zum Jahre 1628 in einer daselbst befindlichen 
Chronik beschrieb. Diese Handschrift ist beurteilt und ex- 
cerpiert von Weidemann in seiner Geschichte des Klosters 
Loccum, herausg. von Köster, Göttingen 1822. Das Urteil 
Weidemanns über Strackes Chronik lautet geringschätzig. 
Die Chronik sei „mit vielen fremdartigen Erzählungen und 
Mönchslegenden über Mifsgeburten , Prodigien und Wetter- 
schäden angefüllt . . ." Auch seien „mehrere Begebenheiten 
in den Akten und Urkunden des Klosterarchivs enthalten, 
deren Stracke entweder überall nicht erwähnt oder denen 
er eine unrichtige und schiefe Stellung gegeben hat". Auch 
ist zu beachten, dafs er zwar formell 1593 mit dem ganzen 
Kloster Loccum zum Protestantismus übergetreten war, aber 
im Herzen weiter katholisierte (Weidemann S. 67). Stracke 
berichtet nun zum Jahre 1543 [excerpiert bei Weidemann 
S. 49]: 

„Anno 1543 ist Magister Anthonius Corvinus allhier aus 
dem Kloster gelaufen: zu Locken ist er ein Conventaalis ge- 
wesen Er hat auch eine Kirchenordnung gestellt, dar- 
nach sich das ganze Land müssen richten; in Summa, er hat 
auch andere Bücher mehr gemacht; allein alles nach seinem ver- 
wirrten Kopfe, da er ist aus dem Kloster gelaufen. Um seiner 



1) Nur die Nachricht von Roseükranz, dafs Corvinus als Knabe die 
gelehrte Schule der Dominikaner von Warburg besucht habe, mochte 
nicht zu beanstanden sein. 



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M. ANTONIUS CORVINUS. 



337 



grofsen Kunst willen (denn er ist voller Künste gosteckt) hat 
ihm das Kloster Locken noch müssen eine Summe Oeldes geben; 
das ist der Dank und Lohn gewesen, daJs sie ihn zu Leipzig 
haben studieren lassen; hat dem Kloster viel gekostet. Dieses 
ist der erste Rabe gewesen, der apostasiert hat Darnach ao. 1602 
ist noch ein andrer schwarzer Rabe gewesen, aus Bielefeld bärtig, 
Jodocus genannt [der dem Kloster ebenfalls viel gekostet habe 
nnd meineidig geworden sei]. Darum hüte sich hernach das 
Kloster für die Raben." 

So wie sie hier vorliegt, ist Strackes Erzählung natürlich 

nicht richtig. Es fragt sich aber, ob überhaupt etwas von 

ihr zu glauben ist und was? 

a) Man darf annehmen, dafs die dramatische Entfernung 
des Bruders Antonius Corvinus durch den alten Fanatiker 
von Riddagshausen in den niedersächsischen Cistercienser- 
klöstern bekannt und viel besprochen wurde; in dem bis 
1593 katholisch gebliebenen Loccum werden die Brüder sie 
gewifs auch erzählt und wiedererzählt haben. Dabei ist in 
späteren Generationen der Ort der Austreibung verwechselt 
worden ; so kam man schliefslich zur Verlegung der Scene in 
das Cistercienserkloster Loccum, wie wir bei Molanus lesen. 

b) Weiter führt eine Nachricht bei Weidemann a. a. 0. 
S. 42. Danach „schickte Abt Burchard II. (Stöter 
1519 — 152 8) im Jahre 1520 zwei Klosterbrüder, 
Ludolfum Herzog und Antonium Corvinum, wel- 
cher späterhin so berühmt wurde, nach Leipzig, 
um daselbst zu studieren". Da nun Weidemann, wie 
er selbst im Vorberichte mitteilt, seiner Darstellung zwar 
die Strackesche Chronik bis zum Jahre 1628 zugrunde legte, 
aber aus derselben keine Thatsache aufnahm, „ welche nicht 
mit den annoch vorhandenen Dokumenten sorgfaltig ver- 
glichen wäre, oder deren Richtigkeit Stracke nicht bezeugt 
hätte": so ist obige Nachricht mit Vertrauen aufzunehmen. 
Für die Richtigkeit derselben spricht der Umstand, dafs 
Corvinus in einem Dialog „Der vierte Psalm u. s. w. 1538" 
den „Pfarrer", der sich mit dem „Bürgermeister" unterhält, 
sprechen läfst (Blatt F4): „Ihr habt vor etlichen 
Jahren, wie Ihr wisset, mit mir zu Leipzig studiert" *. 

1) Vgl. D. Uhlhorn a. a. 0. S. 32. 



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338 



TSCHACKERT, 



Mit Recht hat Bchon D. Uhlhorn bemerkt, man dürfe an- 
nehmen, dafs hierunter der Pereon des „Pfarrers" Corvinus 
selbst rede. Das fingierte Gespräch stimmt also zu der 
Weidemannschen Nachricht Dagegen könnte freilich der 
Umstand sprechen, dafs der Name des A. Corvinus in der 
Leipziger Universitätsmatrikel zwischen 1515 und 1530 nicht 
vorkommt 1 . Ich habe demnach im Jahre 1897 in Zeitschr. 
d. Ges. f. niedersächs. Kirchengesch. II, 213 behauptet, dafs 
A. Corvinus nicht in Leipzig studiert hat. Seitdem aber 
habe ich mehrmals bemerkt und von anderer Seite bestätigt 
erhalten, dafs in den Universitätsmatrikeln keineswegs 
damals alle Männer eingetragen sind, die sich in den Uni- 
versitätsstädten „studierenshalber" aufgehalten haben. 

Es darf also festgehalten werden, dafs A. Corvinus 
1520 Mönch in Loccum war und in diesem Jahre 
von dem Kloster Loccum zum Studium nach Leip- 
zig geschickt wurde. Er ist dann aus Gründen, welche 
wir bis jetzt nicht kennen, aus dem Loccumer Cistercienser- 
kloster in das Riddagshäuser gekommen, von dort aber durch 
den fanatisch katholischen greisen Abt Herrmann IV. (Remus, 
1503 bis wenigstens 1532) etwa um das Jahr 1523 „wie 
ein lutherischer Bube" ausgetrieben worden *. 

1) Vgl. Codex Diplomatien Saxoniae Regiae. 2. Hauptteil. 16. Band: 
Die Matrikel der Univ. Leipzig, hrsg. von Erler. 1. Band. Leipzig 
1895. 

2) Bei dieser Gelegenheit füge ich eine Vermutung über die Er- 
wähnung des Jahres „1543", bei welchem Abt Stracke auf Corvinus 
zu sprechen kommt, hier hinzu. Warum kommt Stracke gerade auf 
dieses Jahr, als er erzählt, dafs Corvinus entlaufen sei, und dafs ihm 
das Kloster, das ihn habe studieren lassen, noch habe müssen eine 
Summe Geld geben? Im Jahre 1543 fand eine Kirchen- und Kloster- 
visitation im ganzen Lande Göttingen • Kalenberg durch A. Corvinus 
statt; die Akten darüber haben wir jetzt bei K. Kays er, Die refor- 
matorischen Kirchenvisitationen in den weif. Landen 1642—1544 (Göt- 
tingen 1897), S. 248ff. Daselbst fehlt zwar ein Protokoll über Loc- 
cum ; es müfste aber doch sonderbar zugegangen sein, wenn die Herzogin 
Elisabeth und der Superintendent Corvinus sich gescheut haben sollten, 
dieses Kloster zu visitieren. Die Klöster wurden in diesem Jahre 
alle gleichmäfsig behandelt, mochten sie Privilegien haben, welche sie 
wollten; und vom Kaiser war in diesem Jahre nichts zu fürchten; 



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M. ANTONIUS CORVINUS. 



339 



es war ja die Zeit der relativen Begünstigung des Protestantismus (1540 
bis 1545). Nach 1546 änderte sich das. Nehmen wir also einmal an: 
im Jahre 1543 ist durch A. Corvinus das Kloster Loccum ebenso 
visitiert worden wie alle anderen Kalenberg-Göttingenschen Klöster, ob- 
gleich darüber noch keine Akten aufgefunden sind. Im Jahre vorher, 
1542, war nun A. Corvinus als Visitator im Wolfenbütteischen und 
Hildesheimischen thätig gewesen. Das vollständige Protokoll dieser 
Visitation findet sich bei Kays er a. a. 0. S. 3 ff. Dort lese ich nun 
S. 106, daf8 bei der Abfindung des Abtes und der Klosterpersonen 
aus den Klostergütern, ratifiziert den 20. November 154 3, Antonius 
Corvinus als ehemaliger Konventual des Klosters für seine Be- 
mühungen [in der Visitation] 200 Thaler als Remuneration be- 
willigt erhalten hat. Es hat also 1543 eine erhebliche Geldzah- 
lung aus dem Cistercienserorden an Corvinus stattgefunden. Da sich 
nun Stracke das Jahr 1543 nicht aus den Fingern gesogen haben kann, 
so ist anzunehmen, dafs 1543 auch eine Abfindungsverhandlung im Klo- 
ster Loccum stattgefunden hat, und dafs Corvinus bei dieser Gelegen- 
heit sich auch von diesem Kloster als dessen ehemaliger „ Conventualis " 
„eine Summe Geldes" auszahlen liefs. So hätte er denn wirklich dem 
Kloster Loccum, wie Stracke erzählt, „viel gekostet nicht blofs durch 
die Sendung nach Leipzig im Jahre 1520, sondern erst recht durch 
einen finanziellen Aderlafs im Jahre 1543. 



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i 



ANALEKTEN. 



t. 

David von Augsburg 1 . 

Schriften aus der Handschrift der Münchener Hof- und 
Staatsbibliothek Cod. lat. 15 312 zum erstenmal veröffentlicht 

TOD 

Stadtpfarrer Dr. Ed. Lempp 

in Neckwsulm (W&rttemberf). 



L 

De offloio magistri noTioiorom. (fol. 93.) 

Officium magistri noviciorum est regulam eis et constitata et 
legere et exponere et informare de moribus, scilicet qualiter sit 
in choro standum, cantandum, legendum, orandum, inclinandum, 
et exhortari valde debet eos ad confessionem , orationem et ob- 
sequia humilitatis, lotionem scutellarom et pedom. Idem moneat 
eos ut officium suum addiscant, horas beatae Virginia, capitula 
regulae atqne alia de horis canonicis, et ut libenter ad missam 
seryiant, humiliter incedant tracta cuculla ante oculos, in choro 
et in mensa non circum spiciant nec judicent fratres, qui ad 
talia se non exponunt, quia si talia notayerint veiabuntur. Item 
confessione8 eorum audiet ad minus semel in ebdoma, tenebit cum 
eis capitulum, eos de bis quae necessaria et convenientia eis 
fuerint informando. Item non loquantur extraneis nisi ipso 



1) Vgl E. Lempp, David von Augsburg. Eine Studie, oben 
& 16 ff. 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBURG. 



341 



praesente vel alio fratre professo quem ad hoc deputaverit gar- 
dianu8. Novicii multum assuescendi sunt ad ordinem et non saepe 
eint inter fratres nisi cum conferretur de aedificatione morum vel 
cum essent in aliquo labore scilicet purgando herbam vel hujus 
modi. Item vix audiantur loqui inter fratros. Item saepe dicant 
culpam su am in genibus suis, omni tempore et omni loco a 
quocumque redarguantur. Item rumores non andiant fratrum, 
ignorent, nihil dijudicent, statim obediant, interdum redarguantur 
et fiat eis verecundia in aliqua confuaibili poenitentia, ut discant 
patientiam aliquando; tarnen blande tractentur ne pussilanimes fiant, 
audacia* in eis prae omnibus reprimatur et ideo non triumphetur 
cum eis; saepe confiteantur, dolicati non sint, sanctum habeant 
si fieri potest magistrum, inter religiosos nutriantur. 

Qnallter novioias se praeparot ad horam. 

Primo aigno pulsato ad chornm novicius statim praeparet se 
ad chorum et quotiescunque intrat vel exit deposito capocio in 
medio chori contra altare reverenter inclinet et funde. Item sta- 
tim cum chorum intraverit praeparet libros et postea ad loca sua 
reponat. Item ad missas libenter serviat cum omni diligentia et 
devotione. Item Semper gustet de Tino antequam praeparet ca- 
licem nec ibi aliqua negligentia fiat et serviat lotis manibus et 
mundis et non sine superpell icio. Item ad elevationem corporis 
domini caudelam accendat non super altare sed alibi si fieri po- 
test ne impediat sacerdotem. Item tempore hiemali praeparet 
sacerdoti carbones bene vivos et hoc ante introitum infra episto- 
lam post offertorium, post sanctus, post Pater noster, post commu- 
nionem. Item quandocunque praecedit altare deposito capucio 
reverenter inclinet contra corpus domini. Itera nunquam celebret 
vel communicet nisi facta prius confessione magistro suo, et con- 
anlo ut post celebrationem vel communionem conservi (?) se in 
gratiarum actione et in studio devotionis. Item raro per chorum 
discurrat nec nisi urgente necessitate. Item quaecunque legere 
debet vel cantare, prius praevideat. Item libenter jungat se ad 
libram et si credat se exterius scire psalmodias et alia, quae 
cantantur, ordinate cantet, ita ut nec alios festinando praecedat 
nec nimis tardando sequatur. Item horas beatae virginis et alia 
qnae dicenda sunt, tractim dicat et devote et non solum ad suum 
versum sed et ad versum chori alterius attendat. Item ad gloria 
patri et quandocunque inclinandum est, profunde et reverenter 
inclinet et Semper cogitet, quia dominus praesens est et angeli 
ejus quibus six inclinando reverentia exhibet. Item caveat, ne 
aliquando in choro dormiat ne diabolus ei dormienti aliquam 
illu8ionem immittat. Idem caveat ne fratres in suis orationibus 



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342 



AXALEKTEN. 



impediat scilicet respiciendo Tel aliquo modo. Item sedens in 
choro sine strepitu levet et deponat. Item lnmen in choro teneat 
ut in facies fratrum non resplendeat. Item extra sedes excreare 
studeat et in loco ubi fratres nec pedes nec vestimenta soa pol- 
luant. Item quandocnnqne in choro in aliquo errat, consulo nt 
statim buniiliando se terram com manu tangat Quandocunque 
pulsatur primum Signum ad missam sive ad collationem statim 
novitius expediat se et vadat sedere ubi fratres debent con venire. 
Item ubicunque sedet, si alius frater voluerit sedere iuxta eum 
somper bumiliter eidem assurgat. Item in mensa studeat non 
hinc inde respicere sed eleemosynam cum gratiarum actione su- 
mere et idem esse intentus deo vel lectioni. Item disciplinate 
comedat et non cum gulositate quasi saturari non possit, et ha- 
beat discretionem in comedendo et bibendo ita ut non gravetur 
nimis sumendo nec debilitetur nimis abstinendo. Item consulo 
ut Semper vinum aliquantulum misceat. Item consulo ut semper 
post mensam in chorum vadat et ad orationem vel gratiarum ao 
tionem aliquamdiu studeat, nisi alias fuerit impeditus. Quan- 
documque pulsatur ad dormitionem, statim expediat se ad dormi- 
endum. Item deponat se semper et surgat sine strepitu ne fra- 
tres per eum inquietentur. Item anteqaam dormire incipiat, 
semper studeat occupare cor suum cum bonis meditationibus, 
similiter postquam evigila?erit. Item si in somuis senserit ali- 
quam malam illusionem vel pollutionem, magistro suo confiteatur, 
quae patitur. Item quando aliquis frater exierit, nihil in lecto 
ejus accipiat praeter suam licentiam vel camerarii. Item quando- 
cumque ad cameras vadit, sie capucium ante faciem trahat, ut 
nulluni videat nec ab aliquo videri possit. Item novicius valde 
sollicitu8 sit, ut statim libenter et hilariter obediat Item regu- 
lam et constitutionem saepe legat, ut sciat, quid servare debeat. 
Item admonitiones sui magistri diligenter servet. Item saepe con- 
fiteatur ad minus tribus vieibus in hebdoma et studeat servare 
modum et tempus secundum quod instruxerit eum suus magister, 
et studeat semper devote orare et hoc a prima usque ad tempus 
prandii, a completorio usque ad pulsationem pro dormitione, post 
matutinas tamdiu, ut possent dici vigiliae cum IX lectionibus et 
hoc maxime tempore hiemali. Item diligentissime et frequenter 
studiat ad opera humilitatis scilicet serviendo ad missas, lavando 
scutellas et pedes fratrum, excutiendo tunicas eorum, legendo ad 
mensam et serviendo ad secundam mensam. Item dicat culpam 
suam libenter in capitulo fratrum de manifestis negligentiis. Item 
dicta culpa statim exeat capitulum nisi jubeatur manere. Item 
in capitulo sui magistri, quando arguit humiliter dicat culpam 
suam. Similiter quandocunque arguitur flexis genibus studeat 
dicere culpam suam. Item raro sit inter fratres et si aliter 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBURG. 



343 



oporteat eum esse cum ipsis tarnen pauca verba studeat habere. 
Item non judicet facta fratrum doc alicui detrahat. Item cum 
nullo disputet nee aliorum disputationi se jungat. Item non lo- 
qnatnr alicui extraneo sine licentia magistri sui. Item- studeat 
ad mores diseiplinatos et maturos et incedat manibus ante se trans- 
po8itis et vadat ordinate, non erecto collo, sed humeris humiliter com- 
pressis et oculis in terra dimissis, non currendo vel saltando nec 
cum strepitu calcando. Item loquatur sine motu capitis et exten- 
sione manuum et Semper humili suppressa voce loquatur et non 
quaerat pro rumoribus nec aliis rumores referat. Item non 
rideat cum apercione dentium et irrisn; exaltare vocem diligen- 
tissime caveat. Item inter omnia studeat diligentissime ad ista 
VII: primo ad veram obedientiam, 2° ad puram et frequentem 
confessionem , 3° ad devotam orationem, 4° ad morosam disci- 
plinam, 5° ad opera humilitatis, 6° Semper fuge familiaritatem 
mulierum 7° ut eligat sibi fratrem cujus mores et conversatio 
prae ceteris ei placeant et iste Semper sit sibi in exemplum. 
Explicit primus liber fratris David minoris fratris. 

II. 

Cod. lat. 15312 (fol. 195). (Traktat „de oratione".) 
Nota tros sunt species orandi 

omissis aliis quae possunt inveniri. Prima est communis et 
vocalis oratio, sicut com dieimus horas canonicas vol alias speci- 
ales orationes ut sunt psalmi poenitentiales, vigilias, cursus ali- 
quos vel alias orationes ab aliquo dictatas et compositas, ut 
orationes Anselmi, Augustini et aliorum sanetorum. Iste quanto 
attentiori corde dicuntur tanto fruetuosius laboramus, si tarnen 
potest caput sustinere. Triplex est autem attentio una super- 
ficialis tantum, ut scilicet attendat qui dicit quem psalmum interim 
dicat vel quam antiphonam vel orationem. Fructus attentionis 
hujus est, quod non opportet eum repetere, cum sciat se dixisse. 
Pro labore autem corporis quem bona intentione deo orando obtulit 
quo se cogit servire deo mercedem qualemcumque merito exspectabit 
Altera intentio est litteralis, quando bomo sensum litteralem tan- 
tum attendit et quid exterius verba sonant. Hoc fructus est ut 
sonent in super ficie devotiones, ut ibi miserere mihi deus et in 
similibus locis, ubi etiam ab illis illitteratis, si tarnen verba in- 
teliegerent, aliqua devotio capitur. Sed illis verbis pertransitis 
ubi intellectus mutatur verborum et devotio refrigescit. Qualis 
enim devotio haberetur ex tali sensu in istis verbis? Qui emit 
fen. incon. inter memor. pertrans. etc., quae tarnen omnia in sa- 
pientia facta sunt iuxta intellectum spiritualem. Tertia attentio 



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344 



ANALEKTEN. 



est intellectualis quando in verbo psalmornm affeetus spiritualis 
ut cum bistoria exitus Israelitaram et plagarum Egypti refertnr 
ad spiritualem ereptionem de peccato vel de saeculo et ad pec- 
torom sobmersionem in flactibus compunctionis et daemonnm cru- 
ciatus et mnlta talia. In tali attentione est maximns fructus. 
Secanda species orandi est cum homo familiariter cum deo pro- 
priis verbis confabulatnr et sua desideria deo effnndit vel snas 
necessitates Tel defectus Tel timores dam conqueritar et reme- 
diam et allegat com deo hinc snas miserias et illinc dei miseri- 
cordias (universale pro specialis causa propria orat vel alterios 
vel pro caris suis rogat etc.) gemitibns et lacrimis si habet deum 
ad exaudiendum flectere conatur colloquens ei sicut amicus ad 
amicum vel servus ad dominum vel reus ad judicem vel filiue ad 
patrem secundum quod tunc afficitur magis vel magis sapit ho- 
minis [?]. Ista species orandi quanto est laboriosior et rarior tanto 
saepius invenitur compendiosior ad devotionem obtinendam et 
facilior ad impetrandnm quod ex corde petitur. Majorem enim 
intentionem adhibet homo quando ex corde proprio loqnitur cum 
deo et plus exprimit affectum cordis sni per verba propria quam 
per aliena. Tercia species orandi est qnando mens illuminata a 
spiritu sancto et inflammata amore divino dominum familiariter 
amplectitor non solum quando est in loco orationis sed in hora 
omni et loco toto corde et toto amore intendit in deum quasi 
praesentem sibi et benigno favore eum prosequentem et paratum 
et exorabilem et se exhibentem sicut sponsa de sponso exultans 
in Cantico dicit: Dulcis mens mihi et ego Uli. Tales Semper 
habent corda ad dominum, Semper parati orare pro omnibos et 
gratias agere, semper ad dominum pium gerentes affectum, in quo 
et Buam conscientiam coram deo continuo disoutiont, quasi in 
speculo videntes quales ipsi se deo et qualem se dens eis exhi- 
beat permixtum dilectionis affectum. Cumque in se aliquam cul- 
pam deprehendunt, statim abluunt lacrimis poenitentiae et pura 
confessione, donec iterum servata conscientia benignum dei respec- 
tum se sentiant recuperasse. Iste modus orandi perfectior est 
licet alios duos priores suo tempore non obmittant Prima species 
perducit ad secnndam per frequentem usum, secanda ad tertiam. 
Tercia promovet ad puram contemplationem dei in qua gustatur 
et videtur quam suavis est deus. Ad hanc obtinendam ista sunt 
necessaria. Primo omni tempore mundam conscientiam habere ut 
nil permittamu8 in cogitatione et affectione scienter morari nil in 
lectione et opere indecens vel illicitum dominari. Secnndo ad 
bona opera et virtutum stndia prout curamus et possumus nos 
fideliter exercere Tertio ab occupationibus snperfluis et pertur- 
bationibus vanis et affectionibus levibus et inntilibus quietum 
custodire et orationi vacare et gratiam datam ab homanis laudi- 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBURG». 



345 



ous occultare et deum Semper in mente meditando vel cogitando 
portare. 

Explicit quartus liber fratris David. 

ni. 

Expositio regulao (fol. 266 ff.). 

Inolpit expositio regulae edita a tYatre David 

sanctissimo. 

Sanctus pater Franciscus, spiritu dei repletus desideravit a 
domino sibi revelari, quali via posset sibi perfecte secundum placi- 
tom suao voluntatis seryire. Dominus autem Ostend it ei, quod 
non solnm sibi vivere deberet, sed et alios sancto verbo et 
exemplo trabere ad vitam, sicut et ipse dei filins ad hoc venit 
in mundam et cum hominibus conversari 1 dignatus est, ut maltos 
8ervaret Formam autem, secundum quam et ipse viveret et hi, 
per quos deo et alios lucraretur, ostendit illi ex dictis sancti 
Evangelii et ex bis docuit eum conficere regulam pancis quidem 
sermonibus sed profundo summarum intellectu contextam. Tribus 
autem de causis ordinem istum deo revelante instituit. Primo 
ut esset portus salutis naufragantibus in saeculari pelago ut qui 
sine periculo non possunt in saeculari conversatione subsistere ad 
hanc ordinis navicnlam confugiant ut et salventur. Secundo ut 
esset desiderantibus ad altioris praemii gloriam pertingere, quam 
communis multitudo salvandorum assequatur, scbola exercitationis 
in arduis virtutum studiis scilicet paupertatis, humilitatis, casti- 
tatis, obedientiae, patientiae, caritatis, internae devotionis et opor- 
tunitatem habent, qui voluerint, in isto ordine magis quam alibi, 
si fideliter ad hoc laborant, sicut ostendunt plurimi in ordine 
sanctificati et ad indicium suae sanctitatis gloriosis miraculis 
corruscantes, quorum pauci generaliter canonisati sunt in ecclesia, 
reliqui ?ero non inferiori gloria fulgent in celo. Tertio ut ordo 
iste etiam aliis sit in aedificationem per praedicationis doctrinam 
et vivendi exemplum et orationis suffragium, ut hoc temporali 
funiculo, qui difficile rumpitur, peccatores extrahant fratres de luto 
faecis et ad coelestia secum ducant. In cujus rei indicium fra- 
tres funiculis cinguntur, quibus ipsi cum sponsa trahi se post 
Christum sursum postulant, ut alios secum trahant Nemo enim 
potest venire ad Christom nisi tractus a patre. Secundum autem 
testes institutionis causa congrua dedit in ipsam regulam corre- 
spondenda statuta scilicet praecepta salutis, consilia evangelicae 
perfectionis , officium praedicationis et exempla aedificationis. 
Voluit autem tantum esse XII capttula regulae secundum nume- 



1) Ms. conservari. 

Zettuchr. f. K.-O. XII, 3. 28 

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34G 



ANALEKTEN. 



rum XII apo8tolorum vel XII portarum Hierusalemitarum, quae 
in apocalypsi Johannis mystice describuntur, ut sicut per apo- 
8tolos fundata est ecclesia, quam per has XII portas ingreditur 
supernam Jerusalem, secondum singulorum meritorum distinctionem. 
Ita per regulam istam fratres aedificati super fundamentum apo- 
stolorum et prophetarum per observautiam istorom XII capituloruni 
quasi per portas coelestes ingrediantur. Coepit autem ordo iste 
fratrum Minorum quasi anno domini 1209, conversionis beati 
Francisci ad dominum anno tertio, sub domino Innocentio papa 
III, qui ordinem approbavit et regulam ei concessit, quam eis 
dominus Honorius papa III scilicet additis quibusdam necessariis 
consummavit, bullavit et registravit perpetuo permansuram. Uujus 
igitur regulae expositionem sicut a pluribus ministris meis tarn 
generali quam provincialibus audivi compendiose mihimet notare 
curavi, tarn secundum declarationem domini Gregorii et Innocentii 
paparum, quam secundum elucidationem generalium capitulorum 
per constitutiones generales, quam etiam secundum Traditionem 
seniorum nostrorum, qui sub temporibus S. Francisci sie viderunt 
in ordinem eam servari et illam observantiam ad posteros trans- 
miserunt. Quod autem beatus Franciscus in testamento suo pro- 
bibet glossas in regulam mitti sed sincere sicut ei deus revelavit 
eam voluit intelligere, non est de omni expositione aeeipiendum, 
quia si ipse beatus Franciscus bic viveret et rogaretur an non 
intelligentibus sibi exponi regulam necesse haberet per aliquas 
verborum interpositiones eam exponere et in lucem ponere quae 
obsenra viderentur ut fierent intelligibilia, sed de illis glossis 
probibuit quae sensum litterae per subtilitatem disputationum a 
sua puritate distrahunt et ab intentione beati Francisci, immo a 
spiritu [qui eam] 1 inspiravit, sicut patet in ipsa littera, cum vix 
aliquod verbum ibi sine pondere positum sit, sed omnia sapientiae 
spiritualis exuberent doctrina. Prologo igitur domini papae Honorii 
praetermisso a primo capitulo ineipiam sincere, sicut aliis laicis 
fratribus vel novieiis exponere consuevi. 

In nomine domini. Inolpit regula et Tita fratrum 

Cap. I. 

8 Regula et vita fratrum minorum haec est regula rationem 
dirigens ad ?iam justitiae, vita vivilicans, vita gratiae, per quam 
ratio incessu ad vitam perducitur eternam, minorum fratrum ku- 



1) ist zu ergänzen. 

2) Der Wortlaut der Ordensregel ist bier durch Kursivdruck her- 
vorgehoben. 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBURG. 



347 



militato et caritate insignitorum , de qaibus in jadicio Christus 
dicturus est Mtth. 25: Quod uni de his fratribus meis minoribus 
feceritis, mihi feceritis etc. Hoc est sanctissimi domini nostri 
Jesu Christi sanctum evangelium öbservare tarn in praeceptis 
canonibus, quam in consiliis Toto professionis comprehensis scilicet 
vivendo in obedientia superiornm secundom form am regulae, sine 
proprio tarn in singulari quam in communi omnis rei mobilis 
seu immobilis temporalis, et in castitate actionis et Toluntatis 
aliornm sine quibus caste non vivitur 

Quod fratres non reolpiant peonnlam. 

Cap. IV. 

Praecipio non leviter loquendo, sed firmiter in Tirtute ob- 
edientiae fratribus universis tarn magistris quam subditis sine 
ali cujus exceptione ut nullo modo nulla via vel arte denarios 
Tel obolos ßeu assegnates vel pecuniam sub qualem speciem re- 
cipiant jure possessionis seu proprietatis per se personaliter Tel 
per interpositam personam, quae nomine ipsorum serret sicut 
procura tor domino suo res ejus conservet, unde quia saepe ali- 
quibus indigent quod commode sine pecunia non possunt habere, 
semper ut pro necessitatibus inßrmorum fratrum et pannis et 
aliis fratribus quibuslibet induendis quae pro Christo aliarum 
necessitatum similiter exprimuntur per amicos spirituales qui pro 
domino nos amore diligunt speciali et si secundum carnem ali- 
quos in ordine propinquos habeant Ministri tantum et custodes, 
sub quibus nominibus sunt etiam gardiani intelligendi quia olim 
etiam ipsi Tocabantur ministri in ordine sed propter officiorum 
postea duritiam ex usu linguae latinae gardiani dicti sunt, id est 
custodes fratrum sibi commissorum; isti inquam tantummodo soüi- 
citam curam g tränt de procurandis praedictis necessitatibus 
fratrum et hoc per amicos familiäres, quibus mediantibus elee- 
mosyna fratribus oblata caute salva regula pro hujus necessariis 
promonenda, cum oportunum fuerit, convertatur secundum loca et 
tempora ubi et quando talia magis oportet procurari, quia, nisi 
certo tempore procuratur, alio tempore non habebitur et in uno 
loco necesse est aliud concedi, quod in alio non oportet, et se- 
cundum frigides regiones ubi in Testitu potest alium aliquid in- 
dulgeri quod non liceret alias, sicut necessitati viderint expediri 
Tel communi Tel speciali. Quod autem dicit ministros tantum et 
custodes debere sollicitam curam gerere de proTisione necessi- 
tatum, duo innnit obserTanda: unum quod non quilibet pro suo 
sensu aut pro libitu debet Tidere sWe judicare, quo ipse Tel alii 
indigeant pro necessitate, sed rectores debent solliciti esse quid 
eni detur; alterum, quod nullus alius debet aliquid petere, re- 

28* 



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348 



ANALEKTEN. 



ponere, distribuere nee emere nee immutare sine m inistri sui vel 
custodis commissione vel libera conceasione, com illorum tantam 
sit secundam regulam sollicitam curam gerere, quo quisque indi- 
geat et qualiter hoc caute et sine scandalo et sine transgressione 
praeeepti istius de non reeipienda pecunia congrue procuretur. 
Possunt etiam aliquando aliis committere, ut pro aliqua utilitate 
communi vel speciali procurent, sed ista tria neqoaquam a sna 
sollicitudine relinqnant videlicet ut videant quid expediat acqoiri 
vel procurari, item ut boneste et sicut decet petatur et pro. 
curetur vel aquiratur unde est solummodo facienda, item nt caute 
sine transgressione regulae deponatur pecunia pro fratribus ob- 
lata atque distribuatur. Hoc enim notantur in verbo illo quod 
de necessitatibus fratrum induendis ministri tantum et custodes 
solicitam curam gerant, ut aliis quandoque actionem committant, 
sed ipsi soli vel maxime praedictae sollicitudinis curam gerant 
eo Semper salvo ut sicut dictum est denarios vel pecuniam non 
reeipiant, ut proprium et suo dominio subjacentem. 

Ezpositio bona. 

Quia circa hujus capituli intellectum conscienciae multomm 
maxime sunt perplexae, ideo ejus discussioni latius immoremur, 
quid secundum primorem intellectum liceat seu non liceat con- 
siderantes. Aliquibus enim minus intelligentibus videtur quasi 
non intelligibile , dum idem videtur prohiberi et concedi et non 
sit allquö modo reeipienda pecunia et tarnen aliquo modo ne- 
cessafia procuranda. Aliis autem videtur quasi inobservabile 
et ideo periculose, foveri, quod nullatenus posset observari, ubi 
oportet plura per pecuniam procurari. Terciis autem videtur 
esse quaedam delusio, profiteri se nolle reeipere pecuniam et 
tarnen omnia necessaria per pecuniam procurare. Quarti vero 
ita libere petunt pecuniam, reeipi faciunt, mittunt, committunt, 
distribuunt, ac si nulla probibitione super hoc per regulam sint 
artati, cum non incassum sit tarn distinetum praeeeptum de hoc 
expresse formulatum. Primi duo debent advertere quod sedes 
apostolica, quae omnia solet cum matura deliberatione facere 
maxime tarn ardua, sicut est approbatio et confirmatio regulae 
tanti ordinis, nequaquam hoc fecisset, si in ipsa regula aliquid 
non intelligibile vel inobservabile perspexisset. Tertii seiant 
multa esse aliis perspicua et plana quae quibusdam videntur non 
intelligentibus quasi illusoria et obscura. Quarti discant quod 
in alto praeeipicio et angusta semita caute praevidere oportet in- 
cedentem ubi tute possit pedem figere si vult periculosam eva- 
dere ruinam. Angusta semita est istud distinetum praeeeptum, 
ruina gravis mortale peccatum, altum praeeipicium de celo in 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBUKG. 



infernum. Sanctus vero pater Franciscus spiritu divino repletüs 
non intendit fratribus hoc laqneo perditionis nocere, sed vias 
avaritiae voluit per hoc aliquatenus obstruere, ut qtio angustior 
esset eis aditus ad regulam et quo difficilior observantia prae- 
cepti, eo magis meritum. Cum expresse prohibeat pecuniam ali- 
quomodo recipere per se vel per interpositam personam et tarnen 
per amicos spirituales concedat ministris et custodibus curain 
fratrum suorum in corporalibus gerere necessitatibus, innuit me- 
diana viam quandam esse quaerendam atque tenendam ex tali 
concessione fratribns licitam atqne inter rigorem ac libertatem 
sie temperatam qua sie necessaria congrue procurantur ut tarnen 
transgressio regulae declinetur. Sciendum autem quod olim in 
primis temporibus regulae, quando amor paupertatis magis vige- 
bat et fervor devocionis in studiis spiiitualibns amplius calebat 
et timor transgressionis sensibilius pungebat, valde strictius ac 
per hoc cautius et purius hoc capitulum regulae cum aliis ge- 
neraliter servabatur, quia sanctus Franciscus singulariter ex- 
secrabatur, ejus transgressores, reputans pecuniam esse religionis 
cujnsque praeeipuam corruptelam et omnis vitii originalem cau- 
sam. Sed cum modo multo latius servetur tarn ratione multi- 
tudinis ac debilium fratrum, qui rigorem primum facere non 
valent, quam ratione studii et diversorum attinentium et edifi- 
ciorum, quae plura requirunt conqnirenda, ut tarnen aliqua in bis 
cautela servetur, et quibus nolunt carere fratres ut illa aliqoo- 
modo licite procurent, quam vis multo esset securius, qui posset 
ab omni se pecunia elongare, quatuor viae videntur mihi in his 
tenendae quae ad penitus consideranti occurmnt Qui in his 
magis diligens est et intelligens, plures et meliores vias poterit 
reperire: prima est qui ?ult dare fratribns eleemosynam peenniae, 
emat eis vel comperet per se vel per nuntium aliquem, quibus 
tunc indigere videntur, et si nuntium non habent, possunt ei 
fratres aliquem pro nuntio assignare, vel aliquis amplius potest 
in hoc pro deo se ei pro nnncio offerre. Secunda est ut solvat 
pro eis si qua debita contraxerint vel in parte vel in toto vel 
per nuntium. Tercia est ut servet apud se vel apud suos quous- 
que aliquo indigeant et requirant Quarta ut committat alicui 
amico fratrum vel deponat apud eum, qui vice sni fratribus inde 
provideat tempore suo, cum indigerint et requisierint. Et licet 
posset quilibet in hac parte vicem suam committere, tarnen si 
committit illam eleemosynam amico vel procuratori fratrum, sim- 
pliciter intelligitur etiam ei committere ut vice sui eam in utili- 
tatem fratrum l . Procurator non reeipit in persona fratrum sed 
in persona gerentis vicem illius, qui dedit eleemosynam, vel illo- 



1) Zu ergänzen convertat. 



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350 



ANALEKTEN. 



mm, qui ei procurationia officium commiserunt, qui scilicet curam 
fratrum talium pro deo assumpseront , quod eis ex toto vel ex 
parte de suis vel etiam alienis eleemosynis per se vel vicarios 
velint, in necessariis providere. Et secundum hoc potest dominus 
papa qui est generalis omniom pauperum Christi provisor, aliqnos 
constitnere vice procnratoris fratrum, quos ipsi elegerint, qui 
recipiant oblata pro fratribus et distribuant, secundum qnod ipsis 
fratribus videbitur convenire et hi gerunt in hoc vicem ipsins, 
qui eos instituit. Idem posset et dominus noster cardinalis cni 
a sede apostolica gubernatio ordinis est commissa, idem posset 
et episcopus loci nbi fratres morantur cum sit provisor pauperum 
suae dioecesis generalis. Idem posset et dominus terrae vel 
villae illius qui curam fratrum taliter pro deo sibi vellet assu- 
more. Idem posset et communitas civitatis vel opidi cujuscumque 
sicut solent quandoque conficere Xenodochiae vel hospitalia et 
committunt alicui vel aliquibus experte sui habere curam illo- 
rum et oblatam eleemosynam recipere et pro necessitatibus pau- 
perum dispensare. Potest etiam quisque fidelium se per se vel 
rogatus a fratribus ad hoc pro deo offerre, ut sicut dictum est, 
eleemosynam pro fratribus oblatam vice illorum, qui dant, servet 
et distribuat pro necessitatibus fratrum, et in hac procuratione 
procurator gerit negotium illorum, qui dant eleemosynam, itaque, 
qui sibi commiserunt procuratoris officium, et fratrum, quorum 
uecessitatibus sie providet, vel etiam creditorum, si ab eo ex- 
pedaut recipere, quae fratribus commodo daverunt quasi ipsorum 
nuntius vel fidejussor fratrum. Pecunia vero procuratori cuilibet 
vel nuntio sie commissa non est fratrum, cum nolint esse suam 
et ipse servat eam nomine tantum vel eorum, a quibus est, con- 
8titutus, vel creditorum, ut dictum est, qui debitum sibi ab eo 
expetunt loco fratrum. Etiam si ille, qui dat eleemosynam mo- 
riatur vel ita eximat se ab ea quod jam non ut suam deputet 
pecuniam, quam dedit pro fratribus, non tarnen est ideo fratrum 
dicenda quasi non habens alium dominum, cum nolint habere ins 
proprietatis in ea, sed habet se aliquomodo per modum legati 
vel testamenti, quod mortuo testatore transit in domicilium exe- 
cutoris, non ut sibimet retineat, sed ut secundum Ordinationen! 
testatoris distribuat. Sed fratres non possunt ab eo jure peti- 
torio vel possessorio exigere, cui commissa est talis pecunia, cum 
nihil babeant in ea proprietatis sed tantum rogaudo ac monendo 
vel informando et necessitatem suam ei insinnando, non imperando, 
humiliter ei dicere: „Talibus indigemus vultisne proenrare nobis 
ista ex eleemosyna vobis commissa?*' Qui si forte aliquid ex 
tali eleemosyna fraudaret, non possunt eum fratres super hoc im- 
petere quasi sua eis subtraxerit, sed monere quasi alium pecca- 
torem aut illis signare, qui eleemosynam ei commiserunt seu pro- 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBURG. 



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caratorem eum ronstituerunt. Et illi causam suam prosequantur ai 
volunt vel dimittant. Item et de quolibet nuntio qui eleemosynam 
pecuniae pro fratribus commissam servat. Nam quod meum non 
est non debeo repetere quasi meum. Cum autem eleemosyna pro 
fratribus deponatur ad certum usum assignanda ntpote pro libro, 
Teste vel alio, non possunt fratres eara ad alium usum retorquere 
sine voluntate dantis expressa vel tacita, cum non sit ipsorum talis 
pecunia sed dantis, qnamdiu non est commutata in rem aliam, 
quam fratribus licet habere, ut librum, vestem vel alia. Mutuum 
quoque non possunt fratres directe contrahere, cum nunquam sint 
habituri pecuniam, unde solvant, nisi sub hac forma, quod fide- 
liter laborabunt debita sua creditori restitui et oblatas pro se 
eleemosynas ei faciant assignari. Potest tarnen procurator vel 
alius pro fratribus fldejnbere sub spe bujus solucionis. Si qui 
fratres »aliquando babuerint vel receperint, quae vendi debeant, 
ut vestem vel librum et hujusmodi, istae viae in hoc servandae 
sunt, aut ut illae res committentur pro aliis, quibus indigent, ut 
non interveniet pecunia alioquin, sicut illae res erant f'ratrum, 
quae venduntur, ita et pecunia pro qua venderetar, quod fratribus 
non licet, aut assignantur creditoribus pro solutione debita iuxta 
valorem suum aut dentur alicui simpliciter, qui fratribus de rebus 
aliis, quibus indigent, tanti valoris pro illis aquirat non habito 
regressu ad pecuniam sed ad res alias sibi roddendas. Et ille 
postea faciat de rebus prioribns, quod vult, ut de suis. Si frater 
vendit fratri librum vel simile non dicitur proprio einptio vel 
venditio, ubi sunt omnia communia, sed de licentia superioris as- 
signat ei librum commissum ut per amicos familiäres provideat 
ei in alio tanti vel tanti valoris. Sed ut caucius agant fratres 
de pecunia, semper debent providere quod habeat alium dominum 
quam fratres, verum vel interpretatum: verum ut ille, qui dat, vel 
committit eam alicui ut inde vice sui fratribus necessaria pro- 
curet, interpretatum, ut ille sibi committitur a dante vel illi qui 
cnram fratrum ita suscipiunt ut per se seu per alios eleemosynam 
pro fratribus oblatam in utilitatem eorum con vertäut, ut snpra 
positum. Sicut autem dans fratribus eleemosynam potest alteri 
vicem suam committere, ut inde fratribus procuret, quibus indi- 
gent, cum per se ipse non vult vel non potest hoc facere, ita 
et illi, quibus hoc committit, possunt, si volunt, ulterius vices 
suas committere aliis, donec id quod primus disposuit explicite 
vel implicite, de tali eleemosyna perficiat, et omnes, per quorum 
man os illa pecunia sie medio tempore transerit, vicem gernnt 
illius dantis et illorum, qui sibi eam commisernnt pro utilitate 
fratrum ex inde procura nda. Nam si propria negotia solent pleri- 
que aliis comittere et eos per diversos mediatores longo vel prope 
expedire, cum voluerint, cur non et aliena similiter possint per 



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352 



AJsALEKTEN. 



alios procurare? Qui aliis religiosis seo pauperibus quibuslibet 
pecuniam recipere largitur eleemosynam, nihil amplius quaerunt 
ab eo, qoia semetipsis inde procurant ut placet Sed qui nobis 
largitur eleemosynam pecuniae, necesse est etiam, Tel per se Tel 
per alios procuret ut eadem pecunia convertutur ex parte sua in 
nostram utilitatem, sie ut non in nostram transeat Proprietät ein, 
licet id quod inde procuratur in nostrum usum proveniat. Aliud 
est enim fratribus dare pecuniam ut ipsorum sit, et secundom 
hoc non licet fratribus recipere pecuniam per se Tel interpositam 
personam. Item aliud est pro fratribus dare alteri pecuniam 
committendo eam alicui qui fratribus aliqua necessitate per ipsam 
procuret Tice ipsius dantis, et illa quae sie procurata inde fuerint r 
bene licet fratribus recipere nt Tictum, Testitum, libros et edi- 
ficia et talia, et quamTis proTeniat utilitas de pecunia procurata 
in usum fratrum, ipsa pecunia tarnen non est fratrum, cum nolint 
eam esse suam, sicut pisces in retibus captos bene reeipio, ipsa 
tarnen retia mea esse nolo. Et sie de multäs similibus exemplis. 
Et quia plures nesciunt dantes nobis eleemosynam secundum 
istam formam nobis providere, necesse est nobis, nos eos infor- 
mare sub tali cautela, qua et procurentur congrue ea quibus indi- 
gemus et tarnen transgressio regulae diligentissime caveatur. 
Quamvis inde saepe dantes nobis eleemosynam nesciunt ista dis- 
cernere etiam informati, sed simpliciter credunt se fratribus de- 
disse pecuniam, tarnen cautela fratrum, qua nolunt ea esse sua, 
et interpretiva dantis intentio, qua intendit, eam ita dare, sicut 
magis congruit fratribus ratum habens et gratum, si fratres cautius 
eam deponi faciunt, quam ipse sciat committendo, explicare 
ista faciunt illam pecuniam non esse suam. Et maxime pro- 
curatori proTidendnm, qui reeipit non nomine fratrum, sed no- 
mine dantis ut ejus Ticem gerat in procurandis ex ea necessi- 
tatibus fratrum, Tel nomine eorum, qui eum Tice sui procuratorem 
fratrum instituerunt, ut saepe dictum est. übi autem aliquis ne- 
quiter intenderet, fratres efficere transgressores regulae volentes 
eis tantum dare pecuniam et facere eos dominos pecuniae, et hoc 
eis constaret, nec debent recipere nec permitte re pro se reeipi 
tali modo. In tali enim negotio, in quo mors eterna per mortale 
peccatum insidiatur, qui non studet esse cautissimus, aut non 
habet timorem dei et amorem m se a ut etiam nimis stnlte prae- 
sumptuosus est et cito [in] immane praeeipitium pedem ponit et 
omnes labores suos in religione quoad meritum gloriae cassos 
reddit cum per regulae transgressionem, quam novit, spatium sa- 
lutis ammittit. Sicut autem pecunia, quam mihi aliquis dare 
disponit, non est mea, prius quam mihi eam assignaverit, ita etiam 
non est mea, quando eam procuratori suo committit ut inde Tice sui 
aliqua mihi procuret Sic non est fratrum pecunia taliter pro- 



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curatori commissa, quia non ipsa, sed res pro ea acquisita transit 
in possessionem fratrum. Forma autem ista non est dicenda esse 
delusio conacienciae seu varia confictio sed est provida irrationalis 
observantiae circumspectio, qua sie media via intendit ut necces- 
saria, quibus tanta multitudo fratrum carere non potest, pro- 
curentur, et tarnen contra prohibitionem regulae pecunia a fra- 
tribus non reeipiatur, ubi tarnen actus et verba et intentio non 
discrepant ab ea. Nam quandoque sola intentio discernit actus 
licitos ab illicitis ut si quis pretiosum munus dederit alicui ob 
dilectionem ipsius simpliciter, qui contulit sibi spirituale beneficium 
vel mutuavit sibi in neccessitate pecuniam, ubi pura intentio sola 
excusat actum illum ex una parte a crimine symoniae ex altera 
ab usura et sicut in aliis plurimis invenitur. Eodem modo et de 
praedicta formula non reeipiendi pecuniam a fratribus aestimandum 
firmiter autem sperandnm [?]. Et qui cautus esse studet in ob- 
servantia regulae sive in hoc capitulo special iter sive etiam in 
aliis, plus meretur apud deum, quam in aliis pluribus bonis operi- 
bus, quia nullum deo gratius servitium quam id studiose implere, 
ad quod quisque maxime tenetur. Sed plerique majorem saepe 
vim faciunt in modica rubrica ordinarii quam in incauta et con- 
tra regulam contractione pecuniae in acquirendo, servando, mittende, 
distribuendo, quasi nullum super hoc praeeeptum in regula datum 
sit, juxta id Matth. 23 Decimatis mentam et rutam et reliquistis quod 
graviora sunt ; leguntur excutientes culicem et camelum glucientes. 
Tales etiam hypoeritae a domino nominantur et sine causa deum 
colere commemorantur Matth. 15. Quamvis autem verba, quibus 
utuntur fratres petendo eleemosynam et committendo seu distri- 
buendo, non habeant vim jubendi vel praeeipiendi , sicut jubet 
dominus servum suum reeipere vel servare vel dispensare pecuniam 
suam, sed tantum habeant vim informationis vel petitionis vel 
insinuationis, ut hoc detur eis vel procuretur, quia bis vel his 
indigent vel similia, tarnen pro majori puritate conscientiae et 
ut alii intelligant formam cautelae suae, ne judicent eos trans- 
gressores regulae et sie scandalizentur de ipsis, expedit etiam ut 
cautioribus verbis in his utantur et magis cum intentione pura 
consonantibus, cum ex abundantia cordis os loqui dominus prohi- 
beat, videlicet ut caute et viriliter aut considerate et seriöse et 
non periculose ; mors enim et vita in manibus linguae. His ergo 
verbis vel aequipollentibus possunt fratres uti iu petendo eleemosy- 
nam pecuniae sive in committendo 8eu in transmittendo vel distri- 
buendo aut debita persolvendo, singnlis borum competentia verba, 
sicut exiget neccessitas adaptantes, verbi gratia. Ad dantes: 
Rogamus ut subveniatis nobis in his comparandis vel debitum 
persolvendis. Item mittäte istud per nuntium talem Ulis quibus 
tenemur vel qui nobis ista vice vestri procurent vel qui tantum 



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ANALEKTEN. 



de his quibus indigemus uobis dent pro eis. Ad internuntios : 
defer ista experte tali personae ut vice tni ve) domini toi nobis 
ista cum indigemus nobis procuret. Ad procurantes: Istud 
committit tibi talis persona ut vice sui illa nobis inde vel ibi seu 
taliter facias procurare. Nuntio: Die tali personae ut mittat per 
te illa quae promisit et hoc nobis ex parte etus inde procuretur. 
Creditori: Istud mittit tibi talis persona vel alii homines pro 
solutione eorum quae tibi debemus. Item intern untio: Die Ulis 
hominibus nt per talem nuntium mittant ea quae dabnnt pro no- 
bis hü qui vice ipsorum procurent quibus indigent. Isti sunt 
modi qnibus possunt fratres offendere contra regulam in reeeptione 
pecuniae: si sine voluntate sui ministri, custodis vel gnardiani, 
quibus tantum conceditur in regula sollicitam curam habere pro- 
curandorum necessariorum , quis peteret, deponeret, distribueret 
pecuniam. Item si cum scandalo et irreligiosa importnnitate ac~ 
qnireret eam vel peteret Item si ad tales usus distribueret, ad 
quos illi, qui daut, nollent distribui, si scirent Item si ita sibi 
eam oppropriat quod dominium pecuniae principaliter residet apud 
eum. Item si eam reeipit et tribuit vel distriboit sicut suam. 
Item si nimis sicut eam vel diligit et solicite custodit et amissam 
in Ordinate luget et circa eam nimis corde vel opere occupatur. 
Cupiditas enim et indecens usus peenniae maxime est in vitio et 
praeeipna causa inhibitionis reeipiendi eam et habendi. Quod 
autem regula rectores animarum in ordine ministros et custodes 
appellat, non est vel profana vel vana vocum novitas ut quidam 
asserunt, sed usitita in scriptnris sacris appellatio in exemplum 
id: Matth. 23. Qui major est vestrum erit minister vester. 
Cant Vm, 11: Vinea fuit paeifico meo et tradidit custodibus. 
Ministri autem dicuntnr ratione laboris et humilitatis, custodes 
ratione circumspectionis et sollicitudinis erga sibi commissos. 
Nomen vero gardiani postmodum introduetum est ex idiomate 
romano ad differentiam diversitatis officiorum compendiosius nomi- 
nandum. Sonat autem id quod custos, animarum enim custodia 
dignior est quam quorumlibet thesaurorum. 

Cap. V. 
De modo laborandi. 

.... Nam et Uber est corpori necessarius , eo quod visus, 
quo legitur, corporis est sensns et ita de simUibus sciendum 
praeter denaria vel pecuniam, de quibus si offerantur pro mercede 
laboris illa cautela servetur ac si gratis in eleemosynam offe- 
rantur .... 



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Cap. VI. 

Quod iYatres nil slbi approprient et de eleomosyna 
pot Gilda et de infirmia fratribus. 

Fratres nihil stbi nec in singulari nec in communi appro- 
prient jure proprietatis ac perpetuae possessionis nec domum in 
qua habitant aut aliara nec locum sibi conjunctum vel romotum 
nec aliquam rem temporalem mobilem vel immobilem, ut nihil 
nisi commodatam babeant et concessum aut ab illis qui sibi do- 
minium retinent in illis rebus, quas fratribus concesserint ad 
nsnm ad tempus, vel perpetuo quamdiu fratres indigent ut in 
locis vel domibus, in quibus morantur, aut a domino cardinali, 
qui fuerit ordinis gubernator, ad quem spectat dominium i Harum 
rerum, quibus ordo utitur, tarn locorum quam aliorum mobilium 
quae alium non babent dominum ut dictum est, ita quod sine 
illius licentia nihil possunt talium ab ordine alienare sed in 
ordine his uti possunt secundum superiorum suorum licentiam et 
jussionem tamquam commodatis et concessis et continuo resignan- 
dis. Sed tamquam peregrini ad primam expedite properantes 
et advenae nil hereditatis habere se profitentes in hoc saeculo, 
in quo nunc sunt quasi exules in paupertate rerum temporalium 
et humilitate cordum et morum domino, cujus servos professi se 
esse sunt, famulantes cum omni sinceritate vadant pro eleemo- 
sina quotidiana personaliter, ut mendici confidenter securi, quod 
sie placeat deo. Hic advorte, quod sanctns Franciscus per spiri- 
tum propbetiae praevidet illos qni dicerent quod mendicare pro 
domino sit damnabile his qui pro ipso omnia relinquunt, sed non 
debent hoc timere coram deo nec etiam opportet id est non est 
neces8e eos vcrecundari de mendicando coram hominibus. Quia 
dominus universorum pro nobis ad sui imitationom provocandis 
se fecit pauperem ei mendicum, in hoc mundo factus est homo, 
unde non est servo confusio, domino suo in hoc simulari, immo 
gloria magna ei est sequi dominum. Haec voluntaria mendicitas 
et evangelica paupertas est iüa celsitudo ad culmen perfectionis 
attollens altissimae paupertat is paucissimis attingibilis ut rarus 
sit qui arcanum virtutis ejus agnoscat. Alta paupertas est, quae 
nihil in speciale proprium possidet, sed in communi terrenas 
habet possessiones et perpetuos redditus praebendarum , ut in 
claustri8, ubi tantum secundum regulas paupertas vovetur. Altior 
paupertas est qui redditus possessionum non habet sed congregat 
in longum tempus unde vivat ut formica quae 1 salomonem con- 
gregat in messe quod comedat per annum vel ultra. Altissima 
paupertas est quae sicut volatilia, cum non seminant nec metant 



1) ergänze: secundum. 



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ANALEKTES. 



nec congregant in horrea, neccesse habent quotidie mendicando 
vagari et de celestis patris providuo victu oontinue praestolari. 
Quae vos carissimos fratrcs imitari ! Sancti Francisci fratres sunt, 
qui alia regulae instituta secundum formam commnnem in viola- 
biliter observant, sed ubi licite possunt rigorem ejus dispensatorie 
sibi temperari gaudent, tarnen propter statum salutis cari deo et 
sancto Francisco veraciter aestimantur. Cariores autem sunt qui 
ferventiores devocione in quarumlibet virtutum exercitiis se Stu- 
dent eis imitabiles exhibere, desidorantes ad primam poritatis 
perfectionem universaliter revocari, licet pro condescensione in- 
flrmorum se patienter contemperent mediocritati eorum. Carissimi 
vero sunt qui affectu et actu vestigiis sanctissimi patris fideliter 
inbaerentes altissimae paupertatis limites nec pro se nec pro alüs 
in aliquo patiuntur excedere atque omnis perfectionis ejus semitas 
ferventissime aemulantur. Quae paupertas tos non solum sicut 
ceteros salvandos ex gratia participes sed ex jure paternae si- 
militudinis heredes et reges regni celesti instituit, sicut reges 
totam regni gloriam posaident, ceteria quibuslibet sua portione 

contentis 

Tunc non essemus sub sancti Francisci regula, si ejus non 
teneremus statuta vel instituta, sicut non est sancti Benedicti 
discipulus, qui non ejns regulae statuta sed aliam quamcumque 
sectatur. Hnjus autem observantiae puritati omnino contrarium 
est recipere domos vel loca ubi fratres non resident mediantibus 
procuratoribus nomine ordinis sub annuo censu, vel si eis distinctis 
areae vel alia pro fratribus inde procurentur, quia secundum hanc 
viam possent fratres omnia recipere indifferenter quae offerrentur, 
hortos, agros, vineas, villas, castra, servos, ancillas, greges pecorum 
et similia et sie non differret hujus ordinis paupertas ab alüs qui 
possessiones reeipiunt, cum nil recusaret aeeipere quod daretur, et 
altissimae paupertatis professio louge extra terminos debitos exu- 
laret. Non enim sunt pauperes Spiritus qui non babent divitias, 
sed qui nolunt habere, quae illius professioni sunt contraria etiam si 
commode et quoad homines honeste possint habure. Et ubicunque 
sunt et se invenerint fratres in domo vel in via cujuscunque 
sint generis provinciae seu conditionis ostendant se affectu et 
opere domesticos inter se sicut unius doraus familiam et unius 
muneris filios ac patris et unius hereditatis consortes. Et se- 
eure absque timore vel pudore manifest et unus altert qui debet 
et potest sibi subvenire necessitatem suam indigitione necessi- 
tatis imminentis ut sicut congruum fuerit pro posse subveniatur 
ei in caritate. Quia sicut rnater diligit affectu et nutrit effectu 
fUium suum carnalem seu carnem de se genitum quanto düigen- 
tius debet quis diligere et nutrire fratrem suum spiritualem? 
ubi et propiuquitas nobilior est sicut Spiritus carne nobilior et 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBURG. 



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tarn dignior sicut Caritas spiritualis et amplins praemium regni 
celoram (?). Et si quis eorum sive superior sive inferior qui- 
libet conditione in infirmitatem quamcunque ccciderit, tum omnis 
cura sit in infirmis et pietas adhibenda, quia afflicti non valent 
sibimet subvenire; alii fratres ad qnos cura spectat infirmornm 
Sebent eis ex officio suo et ex mandato dei servire tarn in obse- 
<juiis quam in expensis necessariis sicut vellent, si et ipsi essent 
infirmi, ab aliis sibi serviri studiose, benigne et caute, ne noxia 
«is concedant. Infirmi vero recognoscant in infirmitate aua 
paupertatem se esse voluntariam professos, unde non ea irapor- 
tune a fratribns exigant, quae paupertatis eorum excedunt men- 
snram in pretiosis medicinis vel aliis solatiis, quae divites hojus 
saeculi, qui diu optant vivere, solent habere. Nos autem magis 
desiderare debemus ad patriam citius transire quam hic diu teneri. 
Vidimus tarnen aliquando etiam inter religiosos, qui se quod do- 
minum non minimi meriti aestimabant, quosdam ita postponere 
cnram fratrum suorum debilium et infirmorum, quod vix patienter 
eos secum in domo tollerabant propter modicas expensas vel la- 
borem eis ministrandi, qui si ipsi essent infirmi congruum repu- 
tarent quidquid humanitatis in hac parte sibi ab aliis impende- 
retur. Et tales plerique leviter incipiunt ut pro aedificio vel 
alio quocunque faciendo quoslibet magnos sumptus consumant, 
pro quo tarnen ignorant, an praemium Tel supplicium a Deo 
recipiant, sed pro multo minoribus sumptibus, cum infirmis et 
debilibus expensis queruntur, domum nimis esse oneratam, elee- 
mosynas non sufficere, debita accrescere, quasi infirmorum dens 
oblitus omnes eleemosinas pro solis sanis ei robustis ministret 
fratribns, vel quasi solum hoc sit justum et secundum ordinis 
justitiam, ut conventus et hospites sani et fortes bene procurentur 
et infirmi et debiles contemnantur , cum econtrario Caritas ibi 
major appareat, ubi secundum dei praeceptom et regulae man- 
4atum expressius exerceretur, comminante judice pro hoc specia- 
liter ignem eternum damnandis, quod ipsum in fratribus suis 
minoribus infirmis non visitaverunt, quem apertius tangere quam 
qui ex professione regulae id sortitur. Infirmum visitare est non 
solum prae8entialiter videre, sed etiam benignis verbis consolari 
et obsequiis fovere et patienter supportare et necessariis rcmediis 
pro posse recreare. Hoc non facit qui etiam infirmitatem a domo 
excludit et meritum similis (?), cum occasionem habere poterat, 
amittit, cnm tarnen infirmi nostri et debiles et senes sint nostrae 
verecundiae tegumentum, in eo quod jnnioribus et robustis et 
sanis magna foret verecundia, quaerere vel uti delicatis cibis et 
potibue, altas domos et latas areas comperare cum ex paupertatis 
suae professione omnes mundi delicias contemnere debuerint et 
«as denuo repetere sit praevaricatio voti, nisi excusationis tegumen 



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AXALEKTEX. 



pro se habeant, quod pro debilibus et infirmis sustentandis et 
recreandis talia necesse habent quaerere et recipere et procurare 
quibus et sani ministrando et ea necessaria procurando colla- 
borant. Conveniens enim videtor, ut socii possessionum sint et 
80cii consolationum , et maiime, ut sani sint ex hoc magis ad 
laborem volnntarii et ipsi debiles eo audacius talibus utantur 
recreationibus , qno divina largitas tarn abunde eas amministrat 
quod et alii secum inde consolentur 

Cap. VIII. 

De electlono generalis ministri hojas fraternitatls 
et de eapitulo penteoostos. 

Univcrsi fratres unum de fratribus istius religionis pro- 
fes8um teneantur Semper habere generalem ministrum, sub quo- 
totus ordo quasi sub uno capite uniatur. Et servum totius 
fraternitatis in causis et laboribus, quos officium tale reqnirit, 
et ei teneantur firmiter dbedire, quia non congrue regeret, quibus 
non posset imperare. Nota ex boc, quod, si qui se ab ordinis 
obedientia sequestrent, etiam si ceteras observantias regulae quo- 
modo servarent, tarnen ordinis membra non essent nec securum 
statum salutis haberent Quo decedente vel ab officio absolnto 
electio successoris fiat, non postulatio est, de gremio ordinis assu- 
matur. A ministris provincialibus et custodibus in eapitulo ge- 
nerali pentecostes, quia illo tempore anni fere de omnibus pro- 
vineiis commodius valent con venire et inde ad loca sua redire, 
in quo provinciales ministri teneantur Semper, nisi evidens ex- 
cuset ipsos, veniant missi ab aliis, qui vicem eorum gerunt in 
electione vel absolntione generalis ministri, si contigerit, ubi- 
cunque a generali fuerit constitutum habita consideratione utili- 
tatis totius ordinis et hoc semel in tribtis annis, ut parcatur anno 
distributionis (?) vel ad alium terminum majorem vtl minorem 
triennio sicut a praedicto generali ministro cum consensu capi- 
tuli fuerit ordinatum. Et si aliquo tempore apparet ex causis 
probabilibus universitati potioris partis ministrorum provincialium 
et custodum, ad quos spectat electio generalis ministri praedictum 
ministrum generalem non esse sufßcientem et ex causis rationa- 
bilibos non expedientem ad servitium et communem utili totem 
fratrum in his maxime, quae ad animarum spectant profectam 
et regnum, teneantur praedicti fratres ministri et cnstodes 
quibus electio generalis ministri data est, a sede apostolica et 
romana in nomine domini innotata ejus gratia alium sibi et 
ordini eligere in custodem animarum suarum et generalem mi- 
nistrum, qui custos dicitur, ut servet sibi commissos a malo, 
minister, ut promoveat in bono. Qui si forte recusaret officio 



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LEMPP, DAVID VON AUGSBURG. 



359 



cedere, ipso eo quod apparet insufficiens universitati electorum 
jam reputatur depositus, tum ex mandato regulae alium eligere 
teneantur nec ex timore vel fniore privato liceat eis hinc man- 
dato, quantum in eis est contraire. Ibst capitulum vero Pente- 
costes celebratum ministri provinciales et custodes posaint sin- 
guli simol convenire, si voluerint et eis pro statu provinciae 
ordinando vel corrigendo expedire videbitur t eodem anno et in 
aliis annis, quia quod non prohibetur permittitur, semel fratres 
scilicet commissos ad capitulum provinciale convocare juxta for- 
mam et numerum sicut ab eis fuerit constitutum. 

Cap. IX. 
Do praedioatorlbns. 

Fratres non praedicent aperte populo in episcopatu alicujus 
episcopi, qui sit legitimus pastor ecclesiae, cum ab eo Ulis , ne 
praedicent fuerit [contradictum vel generaliter vel cum aliqua 
acceptione temporiß et loci vel ceterum juxta tenorem contra- 
dicti, nisi dominus papa aliud mandaret, ut de praedicatione 
crucis vel simile. Et nullus fratrum populo aperte penitus 
audeat praedicare licet in capitulis vel collegiis religiosorum se- 
cretas posset facere exhortationes nisi a generali ministro hujus 
fraternitatis fuerit examinatus et approbatus de moribus, aetate, 
facundia et aliis expedientibus per se personaliter vel per alium 
seu per scripta vel bonum testimonium aliorum et ab eo officium 
praedicationis sibi concessum. Ista forma est regulae. Quod 
secundum autem declarationem domini Gregorii papae dicitur de 
instructis in theologica facultate, quod possint praedicare et se- 
cundum Privilegium in provinciali capitulo examinari et licentian- 
dum ad praedicandum idonei, non prosequor, cum hoc sit de 
gratia sedis apostolicae special i. Ubi vero fratres bonam habe- 
rent oportunitatem accedendi in ministrum generalem et ab eo 
officium praedicationis recipiendi secundum regulam, purius esset, 
et securiu8, cum ideo Privilegium datum sit pro vitando discnrsu, 
ubi commode generalis minister haberi non posset 



Nachtrag zu 8. 15 — 46. 

In der Chronica anonvma, deren erster Teil wohl kurz nach 
1280 abgefafst ist (in den Analecta Franciscana, Quaracchi 1885, 
T. I, p. 290) findet sich folgende Stelle, die für das Todesjahr, 
die Schriften und die Charakteristik Davids von Wert ist: Mor- 
tuus etiam est anno 1272 devotissimus quidam frater David, 



4 

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360 



AXALEKTEN. 



qui conscripsit libellnm de eiteriore et interiore homine secun- 
dum triplicem statum: incipientiom , proficientium et perfoctorum 
[vgl. Fonnula interioris hominis, cap. 10-15!] et brevem ex- 
positionem super regulam fratrom Minorum; is vitam scribitur 
duxisse innocentissimam. Hora obdormitionis eius revelata fuit 
fratri Borth oldo, Ratisbonae acta praedicanti, qui recommendans 
eum populo, hunc versum: „Qui pius, prudens, humilis, pudicus, 
sobrius, castus fuit et quietus, vita dum praesens vegetavit eius 
corporis artus", in eius laudem recitavit. 



2. 

Ein Ablaßbrief von 1482. 

Mitgeteilt 

von 

Otto Clemen in Zwickau. 



Einblattdruck auf Papier in zehn Exemplaren auf den Ein- 
bandinnenseiten der Bände I, II, 8; I, V, 4; I, V, 7; I, V, 8; 

I, XIV, 27 der Zwickauer Batsschulbibliothek. Fehlerhaft ab- 
gedruckt bei Tobias Schmidt, Chronici Cygnei pars posterior 
(1656), p. 232 (vgl. Herzog, Chronik der Kreisstadt Zwickau 

II, 142). Dasselbe Formular liegt vor in dem von Joh. Nix- 
stein am 21. April 1482 Herzog Wilhelm zu Sachsen und dessen 
Gemahlin Katharina ausgestellten Ablafsbrief in Kappens 
Kleiner Nachlese etc. zur Erläuterung der Reformationsgeschichte 

III, 73. 

Pateat vniuersis presentes litteras inspecturis qualiter 
Deuot .... ad opus sancte cruciate contra impiissimos Thurcos 
crucis xpi et fidei xpiane inimicos per sanctissimum dominum 
nostrum dominum Sixtum divina prouidentia papam quartnm ordi- 
natum debitam fec . . . contributionem. Qua propter auctoritate 
prefati domini nostri pape potestatem habet eligendi confessoretn 
presbiterum sibi ydoneum religiosum vel secularem qui audita 
diligenter e . . . confessione absolvere e . . . possit auctoritate 
premissa ab omnibus commissis per e . . . excessibus et peccatis 
quibuslibet quantumcunque enormibus etiam si talia forent prop- 



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CLEMEN, EIN ABLASSBRIEF VON 1482. 



361 



ter que sedes apostolica esset merito consulenda. Et a censuris 
et penis ac excommunicationibus omnibus a iure vel per statuta 
quecunque promulgatis et sedi apostolice reseruatis semel dorn- 
taxat A non reservatis vero eidem sedi tociens quociens id pecie . . . 
ac semel in Tita et in mortis articulo plenariam omnium pecca- 
torum suornm indulgentiam et remissionem impendere. Non 
obstantibus quibuscunque reseruationibus a praefato pontifice Tel 
eins praedecessoribus facti s prout in bnlla data M.cccc.liix. pridie 
nonas decembris plenins continetnr. In cnins rei fidem et testi- 
moninm Ego frater Jobannes Nixstein ordinis minorum fratrum 
de obseruantia vulgariter Nuncupatornm in hoc cruciate negotio 
auctoritate apostolica subcommissarius presentes litteras fieri feci 
et sigillo qno in talibus vtor iussi appressione mnniri. Datum 
anno incarnationis domini Millesimo qaadringentesimo octuagesimo 
secundo. Die vero .... Mensis . . . 

Forma absolutionis. 

Misereator tui etc. Dominus noster ibüs xps per suam piissi- 
mam misericordiam te absoluat et ego auctoritate eins et beatorum 
Petri et pauli apostolornm ac sanctissimi domini nostri pape 
michi commissa et tibi concessa te absoluo a vincnlo excommuni- 
cationis si incidisti et restituo te sacramentis ecclesie ac vnioni 
et participationi fidelium. Et eadem auctoritate te absoluo ab 
omnibus et singulis criminibus delictis et peccatis tuis quantum- 
cunque grauibus et enormibus etiam si talia forent propter que 
sedes apostolica merito consulenda foret. Ac de ipsis eadem 
auctoritate tibi plenariam indulgentiam et remissionem confero. 
In nomine, p. et filii. 

Item in mortis articulo adiungenda est hec clausula. Si tarnen 
ab ista egritudine non decesseris plenariam remissionem et in- 
dulgentiam tibi eadem auctoritate in mortis articulo conferendam 
reseruo. 



ZoiUehr. f. K.-O. XIX. ». 



2U 



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362 



ANALEKTEN. 



3. 

Ein Empfehlungsbrief Philipp Melanthons 
für Josias Menius aus Stolp. 

Mitgeteilt 
von 

Hermann Freytag, 

Prediger in Wiesenthal (Weatprenfsen). 



Das Stadtarchiv in Danzig bewahrt neben vielen andern 
Schätzen auch einen eigenhändigen Brief Philipp Melanthons 
auf, der bisher dem Auge der Forscher entgangen ist K Es ist 
einer der zahlreichen Empfehlungsbriefe, die Melanthon für seine 
Schüler geschrieben hat, und die ein schönes Zeugnis für die 
Fürsorge bilden, die er denselben auch in ihren persönlichen An- 
gelegenheiten widmete. Der Brief, der nach einer Notiz, wie sie 
gewöhnlich allen Eingängen beigefügt wurde, am 3. Dezember 1550 
abgegeben wurde, trägt folgende Adresse: 

Den Ernvesten, Erbaren weisen vnd furnemen herrn Bürger- 
meistern vnd Badt der löblichen königlichen Stadt Dantzik, meinen 
gunstigen herrn. Er lautet folgendermnfsen : 

Gottes gnad durch seinen eingebornen Son Jbesuin Christum 
vnsern heiland vnd warhafftigen helffer zu vor / Ernveste Erbare 
weise gunstige herrn / Eur Ernveste vnd Erbarkeiten bitte ich 
vleifsig diso meine schrifft gutwilliglich anzunemen / In betrach- 
tung das ich vnd andere so die Jugent in christlichen vud an- 
dern notigen künsten vnterweisen sollen / schuldig sind jungen 
armen discipeln, da gute hoffnung zu haben, furderung zu thun / 
bitte derwegen E. Ernveste vnd Erbarkeiten zu wissen, das in 
diser vniuersitet ein junger knab ist, mit namen Josias Menius 
welches vatter ein schul zu Dantzik trewlich regirt hatt, derselbig 
Josias ist von gott mit naturlichen gaben ingenii seer wol geziret, 
jn schreiben vnd latein zu reden fein wol geschickt, vnd ist 
zuchtig vnd gottfurchtig / dweil ehr nu kheine menschliche hulff 
weifs, denn Eins Ernvesten vnd Erbarn Bades zu Dantz«v» mildi- 



1) Stadtarchiv Schieblade CV A 



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FREYTAG, EIN EMPFEHLUNGSBRIEF HELANTHONS. 363 

keit, dweil sein vater die jugent zu Dantzik mit grofser arbeit 
vnd nutzlich vnterwisen hatt, bitt ich, vnd ehr/ vnd ich neben 
jhm, Ein Ernvester vnd Erbarer ßadt zu Dantzik wolle ihm vinb 
gottes willen eine jarliche hulff zum studio vff ettliche jar ver- 
ordnen. Dise Eor Ernveste vnd Erbarkeit wollthat, wirt durch 
gottes gnaden wol angewant sein, denn das jngeniü ist gut, vnd 
hatt ein loblichen anfang / Ich habe seine latinische schritten 
gesehen, die seer schon gestellet sind, vnd ist nicht zweifei der 
allmecbtig gott gibet für solche wolthaten seine gaben der reich- 
lichen, friden vnd selige Regirung, wie vnser heiland der son 
gottes spricht, wer dem geringsten vnter den meinen vmb der 
lahr willen, Einen trunk wasser gibet / der wirt belobnüg empfan- 
gen/ So erbitet sich auch gedachter Josias der loblichen Stadt 
Dantzik vor allen andern zu dienen / der allmechtig gott woll/ 
Ewr lobliche Stadt/ Ewr Ernveste vnd Erbaren pereonen/ vnd 
die Ewrn gnediglich bewaren vnd Eegiren/ datum witteberg 13 
Octobris Anno 1550. 

Ewr Ernveste vnd Erbarkeit 

williger 

Philippus Melanthon. 

Josias Menius war der Sohn eines früheren Rektors der Ma- 
rienschule zu Danzig l . Näheres wissen wir von dem Vater nicht, 
doch scheint er, ehe er nach Danzig kam, in Stolp gewesen zu 
sein, wo Josias geboren wurde. Am 15. Mai 1550 wurde letz- 
terer als Josias Menius Stolpensis Pomeranus in Wittenberg im- 
matrikuliert *. Obiger Brief Melau thons für ihn war nicht 
ohne Erfolg. Am 10. Dezember desselben Jahres antwortet der 
Rat Melanthon, dafs er auf seine Empfehlung dem Menius viertel- 
jährlich 4 Thaler Stipendium bewilligt habe s . Doch scheint das- 
selbe zum erstenmale Ende 1551 für die zweite Hälfte dieses 
Jahres gezahlt worden zu sein, dann aber regelmäßig bis zum 
Ende des Jahres 1553 *. Vielleicht ist auf jene Verspätung der 
ersten Zahlung die wiederholte Empfehlung des Menius von seiten 
Melanthons an Johann Plakotomus, der damals als Arzt in Danzig 
lebte, in den Briefen vom 7. Juli und 13. Oktober 1551 zurück- 



1) Corp. Reformatorum VIII. p. 481. 

2) Focrstemann, Album Academiae Vitebergensis, p. 256. 

3) Danziger Stadtarchiv, Libri Missivarum 10. Dez. 1550. 

4) In den Käminereibüchern (Stadtarchiv) finden sich folgende Ein» 
tragungen: 1551, 5. Dezember. Item Josia Menio dem Student to sinem 
studeren to behelf gesant 8 daler = 13 mk. 12 sc, 1562 Pfingsten: 
Item Josia Menio togesant to Wittenberch 8 daler und vor utgift am 
11. Juni lut des zceddels betalet 16 m. 33 sc. Ferner erhielt Menius 
um 10. Dezember desselben Jahres 13 Mk. 33 gr., 1553 am 27. Mai 
13 mk. 12 sc. und endlich 1553 am 16. Dezember 13 mk. 12 sc 

29* 



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364 



ANALEKTEN. 



zuführen l . Auch in diesen Briefen wird das ingenium des Menius 
rühmend hervorgehoben, zu dessen Erweis Melanthon einige Ge- 
dichte desselben mitschickt Auch erfahren wir, dafs der Herzog 
von Mecklenburg dem Menius zehn Joacbimsthaler geschenkt habe. 
Im Jahre 1553 soll letzterer für die Zeit eines Jahres zum Lehrer 
an der Marienschule in Danzig gewählt worden sein f . Näheros 
ist darüber nicbt bekannt 

Am 31. Juli 1554 wird Menius in Wittenberg zum Magister 
promoviert 8 und am 10. Mai 1555 durch Melanthon an Hierony- 
mus Baumgärtner in Nürnberg empfohlen, damit er durch dessen 
Vermittlung eine Stellung finde 4 . Diese Empfehlung war nicht 
erfolglos, 1555 finden wir ihn als Inspektor der zwölf Knaben 
im Spital zu Nürnberg wieder 6 . In dieser Stellung hatte er 
mehrfach Angriffe auf die von ihm befolgte Lehrmethode abzu- 
wehren, wodurch er veranlafst wurde, am 24. September 1556 
in einem Briefe an Melanthon dieselbe ausführlich darzulegen 6 . 
Die Antwort Melanthons vom 12. Oktober 1556 fiel im wesent- 
lichen zustimmend aus 7 . 

Später soll er sich wieder nach Wittenberg gewendet haben 8 , 
doch finden wir ihn in den sechziger Jahren als Rektor des Gym- 
nasiums zu Elbing wieder, dem er bis zum 7. März 1564 vor- 
stand 9 . An diesem Tage aus uns unbekannten Gründen seines 
Amtes entsetzt, verschwindet er für uns, so dafs über sein Lebens- 
ende nichts bekannt ist. 

Schließlich sei bemerkt, dafs uns die Titel einiger Schriften 
des Joeias Menius aufbewahrt geblieben sind. 

Allegoria picturae Georgii, significantis principem pium et 
salutarem. carmine elegiaco descripta. Wittenb. 1551. 

Elegia de excubiis angelicis scripta ad Dom. Jon. a Werdou 
equitem auratum Burggrabiutn et cousulem inclytae urbis Geda- 
nensis. Wittenb. 1551. 

Elegia ad eundem „in qua praemissa eins laude, ipsi qnovis 
modo studia sua commendat". Wittenb. 1551 10 . 



1) Corp. Ref. VII, p. 804. 847. 

2) Handschriftlicher Zusatz zu Praetorius, Athenae Gedanensea 
(Lips 1713), Stadtbibliothek zu Danzig XV, o. 199. 

3) Köstlin, Die Baccalaurei und Magistri der Wittenberger philo- 
sophischen Fakultät, Hft IV (1891), S. 15. 

4) Corp. Ref. VIII, p. 481. 

5) Will, Nürnbergisches Gelehrten-Lexikon, Bd. II, S. 611. 

6) Corp. Ref. VIII, p. 853. 

7) Corp. Ref. VIII, p. 868. 

8) Will a. a. 0. 

9) Prätoriug a. a. 0. S. 229. 

10) Die zweite und dritte der genannten Schriften dürften die in 
dem Briefe Melanthons an Plakotomus vom 7. Juli 1551 (s.o.) genannten 
carmina sein. 



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CLEMEN, BEMERKUNG ZU DEM SCHMÄHGEDICHT. 365 



Conspectae in coelo imagines non procal a Brunsuiga anno 1549 
descriptae elegia. Wittenb. 1553 l . 

Im Jahre 1564 endlich verfafste er eine gegen Johann 
Plakotomus, den oben genannten Frennd Melanthons, gerichtete 
Schrift „Über die Aufführung deutscher Komödien" *. 



1) Vgl. zu den angeführten Titeln Pratorius a. a. 0. und 
Will a. a. 0., welch letzterer sie nach Charitius, De viris eruditis 
Gedani ortis, Wittenb. 1517, mitteilt. 

2) Vgl. Schnaase, Joh. Plakotomus und sein Eioflufs auf die 
Schule in Danzig. Danzig o. J. (1865), Frey tag, Die Beziehungen 
Danzigs zu Wittenberg in der Zeit der Reformation, Zeitschr. d. West- 
preufs. Geschichtsvereins XXX VIII (Danzig 1898). S. 76 f. 124. 



4. 

Bemerkung zu dem Schmähgedieht gegen 

die Bettelmönche. 

Von 

Otto Giemen in Zwickau. 



Das S. 106 von Dr. E. Mfisebeck mitgeteilte „Schmähgedicht 
gegeu die Bettelmönche aus der Reformationszeit" scheint sich 
zu beziehen 1 auf den Titelholzschnitt der Strobel, Nene Bey- 
träge V, 2, S. 267 und Panzer, Annalen II, Nr. 2563 an- 
geführten Flugschrift (Ex. Zwickauer Ratsschulbibliothek XVII, 
XII, 4, 20): 

15. Dyalogus. 24. 

<TI Andächtigs volck kumpt sehet mich an 
Ob ich nicht sey ain haylig man 



1) In ganz ähnlicher Weise scheint das Seidemann, Dr. Jakob 
Schenk (1875), Beil. I abgedruckte Gedicht an den Titelholzschnitt jenes 
von Johann Agricola 1521 veröffentlichten Schriftcheus: Eine kurze An- 
rede zu allen Mifsgünstigen Doktor Luthers und der christlichen Frei- 
heit anzuknüpfen (Theol. Studien u. Kritiken 1897, S. 823). 



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366 



ANÄLEKTEN. 



Mit namen brüder Gfttzer genant* 
Der schier zu Pern ward yerbrandt 
An matterer schar billich ward gesetzt 
Vmb mein fünff wunden die mir seind geetzt 
Von den München Prediger orden 
Wie dann von uns gedruckt ist worden 1 
Darumb kumpt her vnd rüfft mich an 
Dann ich wol Hoson flicken kan. 

Der darunter befindliche Holzschnitt zeigt einen Dominikaner- 
mönch, der seine durchbohrten Hände und Füfse zur Schau stellt; 
am Boden liegen Elle, Ahle und Schere; das Bild soll also den 
als Novize ins Berner Dominikanerkloster aufgenommenen Schneider- 
gesollen Hans Jetzer aus Zurzach darstellen, der 1507 den vier 
an der Spitze des Klosters stehenden Männern als Werkzeug zur 
Inscenierung ihrer berüchtigten schändlichen Betrügereien dienen 
mufste, dann, als die Sache herauskam, in einen „Käfig" ein- 
gesperrt wurde, aber entkam. Die Flugschrift selbst ist ein Ge- 
sprach zwischen Jetzer und einem andern Mönch, der unter dem 
Namen Scotus eingeführt wird; schliefslich tritt auch Jetzers 
Prior auf. 

Behält man diese Beziehung im Auge, so wird manches ans 
dem Gedicht erst recht verständlich, z. B. V. 18: „Schauet zu, 
sy haben mir durchstochen hende, fusse vnd leib" und V. 21: 
„Szo magk man euch billich hyssen auch (dieses Wörtchen aller- 
dings von Müsebeck ergänzt, aber wohl richtig) confessores" (vgl. 
in dem Titelgedicht unseres Dyalogus V. 51). Zu V. 3 ist wohl 
zu ergänzen: Schwyzerland ; V. 24 vielleicht zu lesen: mastsen. 
Zu Y. 7 ff. vgl. unsere Flugschrift fol. dij b : „Unsere Semmler 
(sagt Scotus) kamen letzthin spät und brachten 12£ hundert 
Käse und 6 dazu, die sie erschunden hätten besonders aber: 
Eyn gesprech zwyschen vyer Personen | wye sie eyn getzengk 
haben, von der Walfart ym Grim- | metal . . . (andere Ausgabe 
Woller, Bepertorium typographicum, Nr. 2090 und Suppl. II 
[2090]), fol. 8 b : „Bauer: mich wundert, wo die vielen Käse hin- 
kommen, die sie sammeln. Handwerker: Sie tragen Tonnen voll 
Käse zusammen und verkaufen sie tonnenweise." 



1) Gemeint ist wohl Panzer, Annalen II, Nr. 1205 = Weller, 
Rcp. typogr. Nr. 1906. Vgl. N. Paulus, Ein Justizmord an vier Do- 
minikanern begangen. Aktenmäfsige Revision des Berner Jetzerprozesses 
vom Jahre 1509 (Frankfurt a. M. 1897), S. 68 Anm. 3. 



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TSCHACKERT, JESUITISCHE MISCELLEN. 



367 



5. 

Jesuitische Miscellen. 

Von 

Prof. P. Tschackert in Göttingen. 



1) Zar Frage nach dem Verhältnis des Jesuitenordens 

zum Protestantismus. 

Die authentischen Gesetze des Jesuitenordens enthalten kein 
Wort über den Protestantismus (Institution Societatis Jesu. Prag 
1757. 2 Bände fol.). Bei advokatenmäfsiger Benutzung dieser 
Gesetze könnte man also den Schlufs ziehen, dafs der Jesuiten- 
orden sich ex professo nicht mit dem Protestantismus befafst. 
Die Freunde des Ordens machten seit 1872 von diesem Argu- 
ment in der politischen Presse und in den Parlamentsverhand- 
lungen wiederholt Gebrauch. Nun wissen zwar die Kenner der 
Geschichte seit 1540, dafs dem Jesuitenorden durch sein Missions- 
gelübde indirekt auch die Arbeit unter Protestanten auferlegt 
wird; denn der Jesuit soll „hingehen in alle Welt, wohin Seine 
Heiligkeit befiehlt, ohne Entschuldigung, ohne ein Reisegeld zu 
erbitten, unter die Gläubigen oder die Ungläubigen, 
für Angelegenheiten, welche sich auf den göttlichen Kultus und 
auf das Wohl der christlichen Religion beziehen" (Institutum 
I, 341). Die Geschichte der Gegenreformation, zumal in Deutsch- 
land seit dem Einzüge der Jesuiten in Ingolstadt 1549, hat be- 
wiesen, dafs unter jenes Arbeitsgebiet auch die Protestanten ge- 
hören. 

Aber eine direkte und offizielle Bestätigung dafür, dafs 
Ignatius von Loyola gegen Martin Luther aufgetreten sei, fehlt 
auch nicht Sie begegnet uns (seit dem 17. Jahrhundert) in den 
(vollständigen!) Ausgaben des Bre viarium Rom an um am 
Feste des heiligen Ignatius (▼. Loyola), am 31. Juli, Lectio V. 
Es findet sich diese Stelle sowohl in der bischöflich approbierten 
Ausgabe Embricae [d. i. Emmerich?] 1670, p. 443 b , als auch in 
der neuen vollständigen und in Rom ausdrücklich appro- 
bierten Edition Mechliniae 1887, Pars aestiva p. 570 u. 571. 
Sie lautet: 

», Lutetiae Parisiorum adjunctis sibi ex iila academia variarum 



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368 



AXALEKTEN. 



nationum sociis novem, qui omnes artium magisteriis et theologiae 
gradibus insignes erant, ibidem in Monte Martyrum prima or- 
dinis fundamenta jecit: quem postea Romae instituens, ad tria 
consoeta quarto addito de Missionibus voto, Sedi Apostolicae 
arctius adstrinxit: et Paulus Tertius primo recepit confirmavitque: 
moi alü Pontifices ac Tridentina synodua probavere. Ipae autem 
miaao ad prsedicandum Indis evangelium sancto Francisco Xaverio 
aliiaque in aliis mundi piagas ad religionem propagandam disse- 
minatis, ethnicae 8uperstitioni baeresique bellum indixit, eo suc- 
cessu continuatum, ut constan8 fuerit omnium sensus, etiam 
Pontificio confirmatus oraculo, Deum, sicut alios aliis 
temporibus sanctos viros, ita Luthero ejusdemque tem- 
pori8 haereticis Ignatium et institutam ab eo So- 
cietatem objecisse." Das läfat an Deutlichkeit nichts zu 
wünschen Übrig; der antiprotestantische Charakter des Jesuiten- 
ordens ist damit auch offiziell und ausdrücklich erwiesen. Ich 
möchte aber wohl erfahren, welcher Papst (schon vor 1670!) 
seinen Spruch (oraculum) dahin abgegeben hat, dafs Gott „Igna- 
tius und den Jesuitenorden einem Luther und den Häretikern 
seiner Zeit entgegengeworfen" habe. Da das im Breviarium Ro- 
manum steht, mufs man es doch an der Kurie wissen. 

2) Noch einmal „Der Zweck heiligt die Mittel 0 . 

Im 15. Bande dieser Zeitschrift (Gotha 1895), S. 436—438, 
hat der ?erdionte Spener- Biograph Lic. Paul Grünberg zu 
Strafsburg i. E. eine kleine Abhandlung über den Satz „Der 
Zweck heiligt die Mittel " gegeben und darin das Resultat ge- 
wonnen, dafs es „nicht statthaft sei", diesen Satz „als ein von 
deu Jesuiten ausgesprochenes Moralprinzip in den Vorder- 
grund zu stellen, so lange nicht bessere Belege als [zwei von 
ihm besprochene Stellen aus Busenbaums Medulla] vorliegen". 
Ich möchte dazu bemerken, dafs in Ha 8 es „Handbuch der prot. 
Polemik" und in meiner „Evangelischen Polemik" darüber be- 
reits in einer deutlichen Weise gehandelt ist Da ich aber den 
Eindruck habe, dafs die Grönbergsche Ausführung im Kreise des 
Protestantismus leicht ein Gefühl der Unsicherheit erzeugen kann, 
ob wir den Jesuiten obigen Satz noch mit Recht zuschreiben 
dürfen, so möchte ich hier diese Angelegenheit in aller Kürze 
nochmals bebandeln. 

Schon Hase sagt inbezug auf die Jesuiten (Pol. 3. Aufl. 
1871, S. 287), dafs „sich der Grundgedanke ihrer Welt- 
moral, der Zweck heiligt die Mittel, unseres Wissens 
so kahl ausgesprochen, nirgends in einer anerkannten Jesuiten- 
schrift findet"; „es wäre das auch sehr gegen die Weltklugheit 
gewesen, und es ist wohl nur der geschärfte Ausdruck les Vor- 



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TSCHACKEKT, JESUITISCHE MI8C ELLEN. 



369 



Wurfs, dafs nach jesuitischer Moral zur Erreichung eines guten, 
ja heiligen Zweckes jedes Mittel erlaubt sei. Dieser Vorwurf 
gründet sich teils auf Thatsachen . . . ., teils auf moralische 
Schriften der Jesuiten*'. Sodann findet sich in meiner Ev. 
Pol. (1. Aufl. 1885, S. 174; 2. Aufl. 1888, S. 177) der Passus: 
„Die Jesuiten haben die Tugendübung vollends erleichtert, indem 
nach ihrer Praxis ,der Zweck die Mittel heiligt*. Dieser Satz 
findet sich zwar nicht wörtlich, aber , transparent 4 in ihren 
Schriften dutzendmal." Hase und ich haben also längst gesagt, 
dafs die Jesuiten den fraglichen Satz „nicht ausgesprochen" 
haben; aber Hase und ich folgern aus Thaten und Lehren der 
Jesuiten, dafs bei ihnen „der Zweck die Mittel heiligt". Der 
Protestantismus bat damit das Richtige getroffen, instinktmäisig 
das Bichtige, möchte ich sagen, wenn ich diesen Ausdruck ge- 
hrauchen darf. 

Ich habe lange gedacht, Über solche Dinge wäre man in der 
protestantischen Christenheit einverstanden. Da dies aber nicht 
der Fall ist, lasse ich diese Zeilen hier folgen. 

Was zunächst den Jesuitenpater Roh betrifft, so erinnere ich 
mich noch sehr wohl aus meiner Halleschen Studentenzeit, dafs 
er in den sechziger Jahren mit seinem Anerbieten der 1000 
Thaler für Auffindung des Satzes in einem jesuitischen Buche 
einen starken Eindruck gemacht hat. Das Anerbieten Rons wurde 
aber in gebildeten protestantischen Kreisen als ein raffiniertes 
Komödiantenstück beurteilt Heute können wir es wohl begraben 
sein lassen. Seit dem Ausbruche des preußisch-deutschen Kirchen- 
streites [Kulturkampfes] 1872 hat man dann der Moral der Je- 
suiten eine erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt Ein deutscher 
Katholik gab anonym Quellenanszüge aus den wichtigsten 
Moral Schriftstellern des Jesuitenordens vom 16. bis zum 19. Jahr- 
hunderte heraus; der Titel dieser sehr verdienstlichen Sammlung 
lautet: „Doctrina moralis Jesnitarum. Die Moral der Jesuiten, 
quellenmäfsig nachgewiesen aus ihren Schriften von einem Katho- 
liken (2. Aufl.), Celle 1874". Darin finden sich zahlreiche 
Belege für die Praxis, dafs der Zweck die Mittel 
heiligt. Ich fQhre daraus hier einige Stellen an: 

Antonius de Escobar (gest. 1669), 

Univ. theologiae moralis receptiores . . . sententiae etc. (Lugd. 
1652—1663), T. IV, 1. 33, sect. 2, probl. 65, n. 300, p. 336 

(vgl. Doctr. moralis, p. 110): 

„Finis dat specificationem „Der Zweck giebt den Hand- 

actibus, et ex bonovelmalo lungen ihren eigentlichen Cha- 

fine boni vel mali red- rakter, und durch einen 

duntur." [Escobar redet da- guten oder schlechten 



i 

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370 



ANALEKTEN. 



bei von „Actus ex natura sua Zweck werden sie gut 
mali" z. B. Mord.] oder schlecht gemacht 

Carolus Antonius Casnedi (gest. 1725), 

Orisis theologica (Lissabon 1711), T. I, disp. 7, sect 2, § 5, 
n. 87, p. 219 (vgl. Doctr. moralis, p. 125): 

„Ut a Calvino , quantum „Um von Calvin soweit als 

p08sumu8, recedamus, dicen- möglich abzuweichen, mufs man 

dum est, nunquam posse behaupten, dafs man niem als 

peccari sine advertentia ad sündigen kann ohne Hin- 

malitiam, nunquam cum neigung zur Bosheit, nie mal s , 

bona in ten tione.". wenn man eine gute Ab- 
sicht hat" 

Johannes de Alloza (gest 1666), 

Flores summarum (Cöln 1667), p. 242 (vgl. Doctrina moralis, 

p. 20): 

„Licet ad grave malum im- „Um ein schweres Übel 
pediendum, alium inebriare. zu verhindern, ist es erlaubt, 

einen andern betrunken 
zu machen. 4 ' 

Nun erst setze ich hinzu die beiden längst von Hase, dann 
von mir a. a. 0. angeführten und von Grünberg aufs neue be- 
sprochenen Stellen aus Herrmann Busenbaums (gest. 1668) 
„ Medulla theologiae moralis", Frankf. 1653, die sich wegen ihrer 
spruchartigen Kürze leicht behalten lassen. 

p. 320 (vgl. Doctr. mor., „Wenn der Zweck er- 
p. 10: „Cum finis est Ii- laubt ist, sind auch die M ittel 
citus, etiam media sunt erlaubt", und 
licita", und 

p. 504: „Cui licitus est „Wem der Zweck erlaubt 
finis, etiam licent media", ist, dem sind auch die Mittel 

erlaubt". 

Wer mehr wünscht, braucht nur die citierte 
„Doctrina moralis" (Celle 1874) durchzublättern. 

Ich gehe auf Escobar zurück: Wenn der Zweck es ist, der 
einer Handlung (d. i. der Anwendung eines Mittels) den eigent- 
lichen Charakter giebt, wenn also der gute Zweck eine an 
sich schlechte Handlung (d. h. die Anwendung eines an sich 
schlechten Mittels) gut macht, so sondert der gute Zweck die 
Anwendung des an sich schlechten Mittels für das richtende Ur- 
teil aus der Sphäre des Schlechten aus und stellt sie für das 
richtende Urteil in die Sphäre des Outen. Denken wir nun nur 
noch das Moment hinzu, dafs das Gute in Gegensatz gegen das 



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TSCHACKERT, JESUITISCHE MI SC ELLEN. 



371 



Böse tritt, dann ist der Begriff des Heiligen gewonnen: Was 
gut ist, mufs, in seinem Gegensatz gegen das Böse gedacht, auch 
immer heilig sein; wenn also der gute Zweck gelegentlich die 
Anwendung eines von Natur schlechten Mittels für das richtende 
Urteil gut macht, dann macht er die Anwendung des schlechten 
Mittels streng genommen auch heilig. 

Ich weifs nicht, wo, wann und von wem der Wortlaut des 
Satzes „Der Zweck heiligt das Mittel" geprägt worden ist; 
aber dafs der Satz selbst in den Schriften von Jesuiten, wenn 
auch nicht wörtlich, so doch transparent enthalten ist, dürfte 
erwiesen sein. Dafs die Praxis des Ordens ihm entsprochen hat, 
ist bereits das Urteil Hases. 



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Inhalt. 



MI« 

rntersuchungcn und Essays: 

1. Dräseke, Georgios Gemistos Plethon 26$ 

2. Seite, Die Stellung des Urbanus Khcgius im Abend- 
rnahlsst reite 29:1 

3. Txchackert, Ein neuer Beitrag zur Lebensgeschichte des 
Reformators M. Antonius Corvinus 320 

Analekten : 

L Lcmpp, David von Augsburg 340 

2. Clemen, Ein Ablafsbrief von 1482 3<i0 

3. Freytag, Ein Empfehlungsbrief Philipp Melanthons für 
Josias Mrnius aus Stolp 3G2 

4. Clemen, Bemerkung zu dem Schmähgedicht gegen die 
Bcttelmönche 866 

5. Tschackert, Jesuitische Misccllen ........ 3(J7 

Anhing;: 

Bibliographie der kirchengeschichtlichen Littcratur. 

Vom 1. Januar bis 1. Juli 1898 ^7.*) 



> r 



Ausgegeben den 2. Januar 1899. 



ZEIT^P;'. 



KIRCHENGESCHICHTE 



II KH A l'S( i Kf i Kl! K N VON 



D. THEODOR BRIEGER. 

OHI'KNTI .. l'KorRHXOlt (■KH KIMrHr.XMKAriliritTK 4P* l>Ht UNIVI'MITiT I.KIfXlft, 



DKD 



P Lii BERNHARD BESS, 

XL' II XKIT nCl.rMlllir.ITKH AS l'ER KCL. IS IVKKSITÄ1 Silin loTHl.K IQ »f'iTTIM UC* 



XIX. Band, 4. Heft 



5» 



GOTHA. 

nOBDBICfl ANDKEAS PEUTIIES. 

1899. 



Anfragen und Manuskripte werden erbeten an die 

Adresse des streiten Her« tt suche rs. 



FEB 15 1899 



Bischof Arnold zu Camin 1824-1330. 

Ein Beitrag zur Geschichte des Caminer Bistums. 



Von 

Dr. M. Wehrmann in Stettin. 



Die Zeit Kaiser Ludwigs des Bayern ist besonders 
häufig der Gegenstand eingehender Untersuchungen gewor- 
den. Bietet sie doch auch mit dem Kampfe um die deutsche 
Krone, dem überaus heftigen Streite mit der päpstlichen 
Kurie, dem ersten Erwachen eines gewissen Nationalgefühls 
der deutschen Fürsten des Interessanten und Lehrreichen 
genug. Für Pommern aber ist diese Zeit von besonderer Be- 
deutung, da das Land damals zuerst eigentlich in direkte 
Beziehungen zum Reiche und seinem Herrscher trat und 
aus dem bisherigen Stillleben in die größeren Begebenheiten 
jener Jahre hineingezogen wurde. Die Wellen, welche durch 
die verschiedenen Stürme in Deutschland erregt wurden, zo- 
gen auch das Land am Meere in ihre Kreise, nachdem dort 
eben durch den Abschlufs der Germanisierung das Deutsch- 
tum zum Siege gelangt war. Die erste Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts brachte dabei für Pommern eine Reihe von äufserst 
wichtigen Fragen, welche die Existenz des jungen deutschen 
Staatswesens aufs tiefste berührten. Die Kämpfe im Osten 
um das Erbe Mestwins II., die Kriege mit Brandenburg 
nach dem Tode des letzten Markgrafen aus dem Stamm der 
Askanier, die Streitigkeiten mit Mecklenburg bilden den 
wichtigen Inhalt jener Zeit. Diese Kämpfe und Kriege mit 
ihren stets wechselnden Begebenheiten, die dazu gehörenden 

Zeit»chr. f. K.-G. XIX, 4. 33 



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374 



WEI1UMANN, 



Verhandlungen sind auch in neuerer Zeit wiederholt dar- 
gestellt und behandelt worden l . Wenig beachtet aber ist 
es, dafs auch der grofse Streit mit dem Papste, der im 
3. Jahrzehnte alle Gemüter bewegte, auch Pommern gar sehr 
berührt hat. Es gewinnt dadurch die pommersche Geschichte 
dieser Zeit etwas allgemeineres, gröfseres Interesse, das ihr 
Bonst nur zu oft abgeht, und eine Darstellung dieses kirch- 
lichen Streites, der mit dem politischen auf das engste zu- 
sammenhängt, kann zugleich als ein kleiner Beitrag zu der 
Geschichte des damals herrschenden Kampfes gelten. Auch 
wird dadurch ein Beispiel gegeben, wie derselbe sich in 
einem kleinen, von dem Mittelpunkte der Begebenheiten ent- 
legenen Bistum abspielte. 

Das pommersche Bistum, das 1140 gestiftet, um 1176 
seinen Sitz in Camin erhalten hatte und 1188 als unmittelbar 
unter dem päpstlichen Stuhle stehend vom Papste bestätigt 
war, gelangte allmählich im Laufe des 13. Jahrhunderts zu 
einer gewissen Selbständigkeit gegenüber dem Herzogtum 
des Landes. Durch Erwerbung einer Landeshoheit nament- 
lich im Lande Kolberg hatte Bischof Hermann von Gleichen 
(1251- 1289) den Grund zu dieser wenn auch nicht recht- 
lich ausgesprochenen, so doch thatsächlichen Unabhängigkeit 
gelegt, die für das Herrscherhaus um so verhängnisvoller 
wurde, als 1295 das Land endgültig wieder in zwei Herr- 
schaften geteilt ward. Von diesen umfafste das Herzogtum 
Stettin, in dem Otto I., seit 1320 in Gemeinschaft mit 
seinem Sohne Barnim III. gebot, Mittelpommern zu beiden 
Seiten der Oder, während das Land Wolgast, in dem von 
1295—1309 Bogislaw IV. und nach ihm sein Sohn War- 
tislaw IV. herrschten, das ganze Gebiet an der Küste in 
Vor- und Hinterpommern mit den Oderinseln einnahm. Der 
nördlichste Teil, Vorpommern und Rügen, gehörte zum 
Fürstentum Kügen (Wizlaw III. 1302—1325). Mitten 
in den hinterpommerschen Teil des Wolgaster Landes ragte 



1) Vgl. besonder? die Aibeiten von F. Z ick er mann in den 
„Forschungen zur Brand, u. Prenfs. Geschichte" IV, S. I ff. und von 
F. Räch fahl ebendort V, S. 403 ff. 



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BISCHOF AltNOLD VON CAMIN. 



375 



das Gebiet des Bischofs von Camin mn Kolberg und Köslin 
hinein. 

Die Bischöfe hatten seit Hermann wiederholt selbständige 
Politik getrieben und waren dadurch in Gegensatz zu den 
Herzogen getreten. So war es geschehen bei der Streitfrage 
wegen Ostpommerns, so bei den verschiedenen Kämpfen mit 
den Nachbarn. Namentlich die Bischöfe Jaromar von 
Rügen (1289 — 1293) und Heinrich von Wachholz 
(1301—1318) hatten bald auf der Seite ihrer Landesherren, 
bald auch ihnen gegenüber gestanden. Ein treuer Anhänger 
dagegen der Herzoge war Bischof Konrad IV., der am 
13. August 1318 die päpstliche Konfirmation erhielt 1 . In 
die Zeit seines Episkopats fiel das Ereignis, das für Pommern 
von besonderer Bedeutung war, der Tod des Markgrafen 
Waldemar von Brandenburg am 14. August 1319. Dadurch 
bot sich für beide Linien des pommerschen Herzogshauses 
die Gelegenheit, sich von der märkischen Lehnshoheit, die 
1236 und 1250 doch nur widerwillig anerkannt war, zu 
befreien und Unabhängigkeit zu gewinnen. Aber zugleich 
suchten die Herzoge natürlich ebenso wie die anderen Nach- 
barn der Mark einen Gewinn an Land davonzutragen. War- 
tislaw IV. scheute sich nicht, dazu die vormundschaftliche 
Stellung zu dem letzten Sprofs des askanischen Hauses, dem 
jugendlichen Heinrich, zu benutzen. Noch heftiger wurde 
der Kampf, als auch dieser im Juli 1320 starb. Jetzt war 
Pommern vollkommen freigestorben, und es galt für das 
Land die höchsten Anstrengungen zu machen, die Freiheit 
gegenüber dem zu erwartenden neuen Herren der Mark mit 
aller Kraft zu behaupten. Diesem Ziele dienten mannigfache 
Bündnisse, aber der Streit um einzelne Teile des herren- 
losen Landes erregte Krieg und Fehde besonders mit dem 
Mecklenburger Heinrich dem Löwen. 

Um die Übertragung der Lehnshoheit an einen anderen 
zu erschweren, erklärten die Herzoge Otto, Barnim und 
Wartislaw am 16. August 1320, dafs sie ihre gesamten 



1) Vatikan. Akten zur deut. Gesch. in der Zeit König Ludwigs 
des Bayern, Nr. 118. 

33* 4i 

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376 



\V Ell KM ANN, 



Länder vom Bistum Camin zu Lehn nähmen l . Dieser 
Schritt, der zuerst vielleicht befremdlich erscheinen kann, 
ist zu erklären aus dem engen Verhältnisse, in dem die 
Landesherren zum damaligen Bischöfe standen. Von ihm 
hatten sie nicht zu befürchten, dafs er versuchen würde, 
seine Lehnshoheit, die nur auf dem Papiere stand, thatsäch- 
lich auszuüben. Die Erklärung hat niemals praktische 
Folgen gehabt, besonders da es bald darauf schien, als ob 
auch von höherer Seite die Lehnsfreiheit des Landes Be- 
stätigung empfangen sollte. Auf Bitten der Fürsten gab 
nämlich König Ludwig durch Schreiben vom 28. Dezember 
1320 dem Herzoge Wartislaw einen Aufschub zum Lehns- 
empfange und versprach, dafs er in der Zwischenzeit, auch 
wenn die Mark einen neuen Herrn erhielte, keinem anderen 
unterworfen werden sollte 2 . 

In den folgenden Jahren kämpften die Pommern fort- 
gesetzt, bald in Mecklenburg, bald in der Ucker- oder Neu- 
mark. Mit Bischof Konrad standen die Fürsten in engem 
Bündnisse s . Für ein energischeres Vorgehen vereinigten 
sich alle Herzoge am 1. Oktober 1321 zu gemeinschaftlicher 
Staatsverwaltung und Hofhaltung 4 . Die Einzelheiten der 
Kämpfe sind oft recht unklar, aber so viel ist klar, dafs es 
zu einer Entscheidung nicht kam. Da entschied aber die 
Schlacht bei Mühldorf am 28. September 1322 den Streit 
um die deutsche Krone zu gunsten König Ludwigs, der 
bald allgemeine Anerkennung fand. Wenn nicht schon 
früher, so fafste er sicher jetzt den Gedanken, die herrenlose 
Mark Brandenburg iür seine Familie zu gewinnen, und er 
übertrug wirklich im März oder April 1323 das Land seinem 



1) Zwei Urkunden in beglaubigter Abschrift im Kgl. Staatsarchive 
Stettin (K. St.A.St.): Bistum Camin. Die eine gedruckt in v. Eck- 
stedts Uikundensammlung I, S. 116. Vgl. Z ick er mann a. a. 0. 
S. 93. 

2) Riedel ß. I, S. 462. Vgl. Zickermann a. a. 0. S. 93f. 

3) Urkunden d. d. 1321 Mai 6, Juni 14 bei v. Eickstedt, Ur- 
kundensammlung J, S. 127 f., und im K. St.A. St.: Bistum Camin. 

4) Dähnert, Sammlung I, S. 244. 



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BISCHOF ARNOLD VON CAMIN. 



377 



jugendlichen Sohne Ludwig ! . Damit war für Pommern ' die 
Hoffnung auf Beseitigung der Lehnsunterthänigkeit dahin, 
wie der König auch in der förmlichen Belehnungsurkunde 
vom 24. Juni 1324 seinem Sohne die Mark ausdrücklich 
cum ducatibus Stettinensi et Deminensi übergab *. Natur- 
gemäfs wurden dadurch die Herzoge auf die Seite der Gegner 
des Hauses Wittelsbach gedrängt. Zwar kam es noch nicht 
sofort zu Kämpfen, doch die Verhandlungen, mit denen 
König Ludwig den Grafen Berthold von Henneberg 3 be- 
traute, verliefen ohne Ergebnis. In ihrem Kampfe gegen 
die Wittelsbacher fanden die Feinde derselben bald die 
wirksamste Unterstützung bei der Kurie, seitdem König 
Ludwig mit dem Papste Johann XXII. in Streit geraten 
war 4 . Dieser erhob am 8. Oktober 1323 den ersten Pro- 
zefs gegen den König und sprach dann am 23. März 1324 
den Bann über ihn aus. Hierdurch entstand eine Spaltung 
in Parteien, die alle Kreise der Deutschen ergriff, besonders 
als infolge einer Verbindung des politischen Streites mit 
einem dogmatisch-religiösen die beiden einflufsreichen Bettel- 
orden dem Kampfe gegenüber verschiedene Stellungen ein- 
nahmen und sich heftig befehdeten. In allen Sprengein 
standen sich Anhänger des Königs und des Papstes ebenso 
schroff wie die Minoriten den Predigermönchen gegenüber. 
In Pommern lagen nun die Verhältnisse so, dafs die branden- 
burgisch oder wittelsbachisch Gesinnten natürlich antipäpst- 
lich waren, während die Verteidiger der Lehnsunabhängig- 
keit des Landes auf der Seite des Papstes standen. Die 
Führer dieser Partei waren naturgemäß die Herzoge; dafs 
es aber auch Pommern gab, die an dem bisherigen Ver- 
hältnisse zu der Mark festhielten, ist leicht erklärlich, be- 

1) Salchow, Der Übergang der Mark Brandenburg an da9 Haus 
Wittenbach (Halle 1893), S. 44. 

2) Riedel B. II, S. I7sq. 

3) Vgl. über ihn J. Heidemann, Forschungen zur deut. Gesch. 
XVII, S. 109 ff. 

4) Wir verweisen auf das bekannte Buch von K. Müller, Der 
Kampf Ludwigs des Bayern mit der römischen Kurie (Tübingen 1879, 
1880). 



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378 



WEHRMANN, 



sonders da eine nicht geringe Zahl von angesehenen Adels- 
geschlechtern sowohl in Pommern als in der Mark angesessen 
war. Nicht ohne Einflufs mag es auch gewesen sein, dafs der 
auf Seiten des Königs stehende Franziskanerorden weit ver- 
breiteter in Pommern war als derjenige der Dominikaner, und 
den Einflufs der Mönche dürfen wir in den Städten nicht zu 
gering achten. Eine Spaltung ging auch durch das Caminer 
Domkapitel, in der aber die braudenburgisch gesinnte Partei die 
Majorität gehabt zu haben scheint. Dieser Zwiespalt kam 
zum Ausdrucke, als im Sommer des Jahres 1324 Bischof 
Konrad aus dem Lehen schied. 

Die Meinungsverschiedenheit, die im Domkapitel herrschte, 
liefs es zunächst nicht zu einer Wahl kommen. Der Propst, 
Friedrich von Stolberg, ein entschiedener Gegner der 
päpstlichen Partei 1 , führte zunächst die Verwaltung des 
Bistums. Kaum gelangte aber die Nachricht von der Er- 
ledigung des Episkopats nach Avignon, da griff Johann XXIJ. 
in der von ihm besonders beliebten Weise auf Grund der 
für das Caminer Bistum ausgesprochenen Reservation * eiu, 
bestellte am 14. November 1324 den Dominikaner Arnold 
zum Bischöfe und teilte diese Ernennung dem Kapitel, den 
Laien und Geistlichen der Diöcese mit, indem er zugleich 
zum Gehorsam gegen den neuen Bischof aufforderte 3 . Dieser 
Arnold war ein Sohn Wilhelms von Eitz (von der Linie 
des silbernen Löwen) und der Guda von Hammerstein. Er 
wird in den Jahren 1301 — 1316 wiederholt als Domherr zu 
Trier erwähnt 4 . Er scheint dann nach Avignon gegangen 
zu sein, wo er poenitentiarius des Papstes war. Schon am 
16. Dezember erhielt er durch den Kardinalbischof Wilhelm 



1) Vgl. über ihn Zeitschrift des Harzvereins für Geschichte und 
Altertumskunde XXIX (1896), S. 189 ff. Die dort gegebene Darstellung 
wird hier in Einzelheiten auf Grund neuerer Forschungen modifiziert. 
(Vgl. Monatsbliittcr d. Gesellsch. f. pom. Gesch. 1897, S. 58 f.) 

2) Vgl. über das Reservationsrecht liinschius, Das Kircheurecht 
III, S. 123ff. 

3) Vatikan. Akten Nr. 417. 

4) Vgl. F. W. E. Roth, Geschichte der Herreu und Grafen zu 
Eitz (Mainz 1690), Bd. II, S. 220 ff. 



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BISCHOF ARNOLD VON CAMIN. 



379 



von Sabina die Bischofsweihe verblieb aber noch geraume 
Zeit am päpstlichen Hofe. 

Inzwischen war der Papst trotz der Sachsen hausener 
Appellation Ludwigs mit einem neuen Prozesse gegen diesen 
vorgegangen , in dem er auch die weltlichen Fürsten auf- 
forderte, dem unrechtmäfsigen Könige nicht zu gehorchen. 
Ebenso griff er in den Kampf um die Mark ein, indem er 
am 2. Januar 13*25 den Auftrag gab, die Städte Pasewalk 
und Prenzlau anzuhalten, dafs sie sich nicht von dem Fürsten 
Heinrich von Mecklenburg trennen sollten, ehe nicht über 
Brandenburg entschieden sei *. Weiter befahl er am 1. August 
•die Briefe und Prozesse gegen Ludwig dort ungesäumt zu 
publizieren und verbot allen Unterthanen in der Mark, dem 
Sohne Ludwigs irgendwie zu gehorchen s . Am 10. August 
erliefs er Schreiben auch an die drei pommerschen Fürsten, 
in denen er sie dringend ermahnte, im Widerstande gegen 
den jungen Markgrafen von Brandenburg fortzufahren 4 . Zu 
einem ernstlichen Kampfe war es bisher zwischen den 
Pommern und Brandenburgern noch kaum gekommen, aber 
die Verhandlungen, die man geführt hatte, waren immer 
■ohne Ergebnis geblieben 6 . Drohend standen sich die Gegner 
gegenüber und suchten sich beiderseits durch Bündnisse 
Hilfe zu sichern, wie sich z. B. die Pommern am 18. Juni 
1325 mit dem Könige Wladislaw Lokietek von Polen gegen 
die Mark verbanden e . Doch der Tod des Fürsten Wiz- 
law III. von Rügen am 8. November 1325 zog das Interesse 
des Herzogs Wartislaw IV. von der märkischen Frage ab, 
da es für ihn galt, in dem ihm nach vorher getroffener 
Vereinbarung zugefallenen Erbe festen Fufs zu fassen. Der 



1) Nach einem von Herrn Archivrat Dr. Grotefend in Schwerin 
gütigst mitgeteilten Regcste aus dem Vatikan. Archive (Reg. Avin. 
XXXII, fol. 192). 

2) Vatikan. Akten Nr. 432. 

3) Geschichtsqucllen der Provinz Sachsen XXI, S. 166. Ray- 
naldi Ann. eccl. XV. fol. 299. 

4) Vatikan. Akten Nr. 532. 

6) Vgl. Zicker mann a. a. 0. S. 98ff. 
6) Vgl. Caro, Gesch. Polens II, S. 115. 



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380 



WEHRMANN, 



Lehnsherr Rügens, König Christoph von Dänemark, der 
einige Zeit selbst Pläne auf die Insel gehabt hatte, übertrug 
am 24. Mai dem Fürsten das Land l . Auch von Seiten der 
Stettiner Herren geschahen keine energischen Schritte gegen 
den Markgrafen Ludwig. Was sie anfänglich davon zurück- 
hielt, wissen wir nicht, dann aber brach im Anfange des 
Jahres 1326 jenes gewaltige littauische Heer in das Land, 
welches auf Veranlassung des Papstes die Mark verwüsten 
Bollte und nicht weniger furchtbar die benachbarten Länder 
verheerte 2 . Auf Jahre hin war namentlich auch die Neu- 
mark in eine Wüste verwandelt 3 . Noch mehr wurden die 
Stettiner Herzoge in ihren Unternehmungen gegen Branden- 
burg gehemmt, als am 1. August 1326 Herzog Wartislaw IV. 
starb und nur zwei unmündige Knaben hinterliefs, zu denen 
noch ein nachgeborener Sohn kam. Jetzt galt es vor allem, 
das pommer8che Land zu retten, da der Mecklenburger 
Fürst seine Hände nach diesem Besitze ausstreckte 4 . 

Die Nachricht von der Ernennung Arnolds erregte im 
Caminer Domkapitel lebhaften Widerspruch gegen diesen Ein- 
griff der Kurie in das Wahlrecht. Namentlich war der be- 
reits genannte Propst Friedrich von Stolberg die Seele des 
Widerstandes und veranlafste seine Anhänger zu einer Wahl 
zu schreiten. Dafs eine solche spätestens bereits im Jahre 

1325 erfolgt ist, geht aus der noch zu erwähnenden päpst- 
lichen Bulle hervor, in der bereits von einem electus die 
Rede ist. Sonst spricht der Dompropst selbst am 18. Januar 

1326 nur von dem zukünftigen Bischöfe, während er am 
1. September sich als Stellvertreter des electus Caminensis 
bezeichnet. Mit dem Namen wird uns der von dem Kapitel 
erwählte urkundlich nicht genannt. Nun findet sich in der 
Detmar-Chronik folgende Notiz zum Jahre 1324 6 : „Do starf 
oc de biscop van Camyn. Dat capittel droch overen unde 



1) Vgl. Barthold, Geschichte Pommerns III, S. 201 f. 

2) Caro II, S. H7f. 

3) Vgl. van Niessen, Gesch. der Stadt Dramburg, S. 40. 

4) Über den Rügisch - Pomm. Erbfolgekrieg vgl. Kosegarten, 
Pomm. Geschichtsdenkm. I, 8. 178 ff. 

5) Chroniken der deut. Städte XIX, S. 448. 



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BISCHOF AKNOLD VON CAMIN. 



381 



kos enen van den canoniken, meyster Jobanne van 
Ghotinghe de do was bi deme pavese to Avinion. Do 
de paves nam sinen kore, he nam dat biscopdom unde ghaf 
et enen predekerebroder Arnolde. Do he dar quam in sin 
stichte, en del der domheren satten sie weder ene; de ver- 
dref he; also wart dar en grot orloghe. Nicht lange dar 
na gaf de paves mester Jobanne van Ohotinghe dat biscop- 
dom to Verden. " Da die genannte Chronik an anderen 
Stellen ganz richtige Angaben über Caminer Verhältnisse 
macht, so ist auch diese Notiz wohl beachtenswert. Von 
Johann von Göttingen ist bekannt, dafs er am 3. Februar 
1319 vom Papste mit dem Dekanat zu Camin providiert 
wurde. Ob er die Würde wirklich übernommen und in 
Camin geweilt hat, läfst sich nicht feststellen. Aber am 
10. Februar 1322 providierte ihn Johann XXII. mit einem 
Kanonikat in Mainz unter der Bedingung, dafs er das De- 
kanat niederlege *. Wieder ist es unsicher, ob diese Be- 
dingung erfüllt ist, da bis 1332 kein Caminer Dekan ur- 
kundlich erwähnt wird. Das Mainzer Kanonikat hat er 
aber sicher übernommen, denn am 5. September 1323 kommt 
er als solcher und zwar in Avignon vor 8 . Es wird also 
die Nachricht Detmars, dafs er dort sich aufhielt, bestätigt 
Da können wir ihm wohl auch seine anderen Angaben 
glauben, indem wir annehmen, dafs Johann sein Dekanat 
noch nicht aufgegeben hatte und nun von seinen Mitdom- 
herren erwählt wurde. Er scheint allerdings niemals in das 
Stift gekommen zu sein. Am 27. März 1331 wurde der 
Mainzer Kanonikus Johann von Göttingen vom Papste zum 
Bischof von Verden ernannt *. 

Nun liegt aber noch eine andere urkundliche Nachricht 
vor. Am 2. Mai 1334 verzichteten Berthold, Graf von 
Henneberg, und sein Sohn Ludwig, electus Ca minensis, 
auf jeden Anspruch auf Ersatz der Kosten, die ihnen durch 



1) Geschichtsquellen der Prov. Sachsen XXI, S. 110. 130. 

2) Geschichtsquellen der Prov. Sachsen XXI, S. 139. 

3) Abbandlungen d. bist. Klasse der Kgl. Bayer. Akademie XVII, 
2, S. 310. 



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382 



WEH KM ANN, 



die Wahl entstanden seien *. Wann kann nun dieser Ludwig 
erwählt sein? Dafs etwa später, als Johann von Göttingen 
das Bistum Verden erhalten hatte, sich die alte Opposition 
gegen den vom Kapitel 1 330 erwählten Friedrich von Eck- 
stedt von neuem erhob, ist ganz unglaublich. Es ist nach 
1329, wie wir sehen werden, auch nicht eine Spur von 
Widerstand gegen Arnold in den Urkunden zu finden. Es 
bleibt für eine Wahl des genannten Ludwig nur die Zeit 
des heftigsten Kampfes gegen den vom Papste in das Stift 
entsandten Bischof übrig. Deshalb ist vielleicht anzunehmen, 
dafs die Domherren, welche zuerst Johann erwählt hatten, 
denselben im Laufe des Streites zum Verzicht bewogen und 
an seiner Stelle Ludwig erwählten. Hierzu veianlafste sie 
wahrscheinlich die Hoffnung, dafs der Vater des electus, der 
Verweser der Mark Brandenburg und Berater des jungen 
Markgrafen, dadurch für sie gewonnen und es nicht unter- 
lassen würde, seinen Sohn und dessen Anhänger kräftig zu 
unterstützen. Es mufs danach die Wahl des jungen Grafen 
als ein feiner diplomatischer Scbachzug der antipäpstlich und 
brandenburgisch gesinnten Mitglieder des Domkapitels er- 
scheinen. Allerdings täuschten sie sich in ihrer Hoffnung. 
Dafs der electus Ludwig jemals ernstliche Anstrengungen 
gemacht hat, in seiner Diöcese Anerkennung zu erwerben, 
dafür fehlt es an jedem Zeugnisse, und auch Graf Berthold 
war ein viel zu praktischer Politiker, als dafs er für seinen 
Sohn ernstlich in die Streitigkeiten des Stiftes einzugreifen 
versucht hätte Wann die Abdankung Johanns und die 
Wahl Ludwigs erfolgte, läfst sich nicht feststellen. Wir 
werden uns auch mit den beiden erwählten Bischöfen im Laufe 
unserer Untersuchung nicht mehr zu beschäftigen haben, da 
sie niemals irgendwie hervortreten. 

Nachdem so die Domherren ein geistliches Oberhaupt 
erwählt hatten, erklärten sie, als die Nachricht von der Er- 
nennung Arnolds anlangte, offen, dafs sie die päpstlichen 
Briefe nicht annehmen, sondern an ihrer Wahl festhalten 
würden. Wenn derselbe auf die Würde verzichten sollte, 

1) K. StA. St.: Bistum Carain. 



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BISCHOF ARNOLD VON CAMIN. 



383 



so würden sie zu einer neuen Wahl schreiten. Infolge dieses 
Widerstandes gab nun Johann XXII. am 13. Januar 1326 
dem Erzbischofe von Köln und dem Bischöfe von Osnabrück 
den Auftrag, die Untergebenen der Caminer Kirche, nament- 
lich den Propst Friedrich und die Domherren, zum Gehorsam 
gegen den von ihm kraft des Reservationsrechts ernannten 
Bischof Arnold anzuhalten, ja sie dazu, wenn es nötig sei, 
mit Gewalt zu zwingen ! . Wenige Tage später, am 26. Januar, 
erliefs er weiter eine gröfsere Zahl von Schreiben an die 
Herzoge Wartislaw, Otto und Barnim, an Heinrich von 
Mecklenburg und Johann von Werle, an die Bewohner der 
Städte Greifswald, Stettin, Kolberg, Pasewalk, Prenzlau und 
Soldin mit der Aufforderung, Arnold bei seiner Ankunft in 
der Diöcese als Bischof der Caminer Kirche aufzunehmen *. 

Arnold befand sich damals noch in Avignon, wo er am 
13. Juli 1325 zum ersten male für seine Sprengel thätig war, 
indem er einen dein Kloster Verchen erteilten Indulgenzbrief 
bestätigte s . Ehe er abreiste, erliefs der Papst am 27. März 
1326 eine Bulle zur Unterstützung seines Schützlings, durch 
die er die Bischöfe von Verden und Ratzeburg und den Abt 
von St. Marien bei Stade zu Konservatoren des Bischofs er- 
nannte und ihnen namentlich Schutz desselben gegen Ludwig, 
qui sc gerit pro raarchione Brandeburgensi , und seine An- 
hänger auftrug 4 . Auch verlieh er noch am 30 Mai Arnold 
mehrere Gnadenerweisungen betreffend Visitation in seiner 
Diöcese, Abhaltung des Gottesdienstes, Messelesen und Ver- 
leihung von Kanonikaten 6 . Alsdann brach der Bischof von 
Avignon auf. Am 20. August ist er in seiner Heimat, auf 
der Burg Eitz an der Mosel nachweisbar. Er weihte damals 
die dortige Burgkapelle 6 . 

1) Vatikan. Akten Nr. 606. 607. 

2) Vatikan. Akten Nr. 620. 

3) K. St.A. St.: Kl. Verchen Nr. 3». 

4) Vatikan. Akten Nr. 654. 

5) Nach vier von Herrn Archivrat Dr. Grotefend gütigst mit- 
geteilten Hegesten aus dem Vatikanischen Archive (Heg. Avil». XXIV, 
fol. 212\ 214»». 219) 

6) Vgl. F. W. E. Roth, Gesch. d. Herren und Grafen zu Eitz, 
Bd. II, Anmerkungen S. xxvi. 



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384 



WEHRMANN, 



Damals war in Pommern gerade wieder einmal ein Ver- 
gleich zwischen Brandenburg und Pommern durch Ver- 
mittelung des Grafen Ulrich von Lindow zustande gekommen, 
der allerdings die wichtigste Frage betreffend die Lehns- 
hoheit nicht berührte. Am 25. August 1326 ratifizierte 
Markgraf Ludwig diesen Vertrag l . Durch ihn wurde die 
Entscheidung aller Streitigkeiten einem Schiedsgericht über- 
tragen. Auch eine Streitfrage zwischen der Mark und dem 
Stifte Camin überwies man demselben. Im Jahre 1276 hatte 
der Bischof Hermann das Land Lippehne an die Mark- 
grafen verkauft *. Nach dem Aussterben der Askanier hatte 
das Stift dies Land in Besitz genommen, da es demselben 
wieder angestorben wäre. Bei den Verhandlungen bestritten 
die Märker diesen Anspruch, weil das Gebiet von den Mark- 
grafen rechimäfsig gekauft sei s . Zu einer Einigung kam 
man nicht, aber in dieser Angelegenheit, bei der es sich um 
eine nicht unwichtige Besitzfrage handelte, traten gewifs auch 
die antipäpstlich gesinnten Domherren den märkischen For- 
derungen entschieden entgegen. Ebenso sehen wir am 
5. September 1327 die Herzoge zusammen mit dem Stifte 
Camin einen vorläufigen Vertrag mit dem Markgrafen Ludwig 
schliefsen 4 . 

Wie die Verhältnisse im einzelnen in dem Stifte lagen, 
wie die Parteien im Caminer Domkapitel sich gegenüber 
standen, darüber fehlt es leider ganz an Zeugnissen. Nur 
eine Urkunde erlaubt uns, einen Blick in dieselben zu thun. 
Am 1. September ] 326 stellt der Dompropst Friedrich von 
Stolberg, gerens vices capituli ecclesiae Caminensis et electi, 
mit dem Kapitel eine Urkunde aus 5 . In derselben werden 
als Zeugen acht Domherren genannt, die wir wohl als An- 
hänger der vom Propst geleiteten Partei anzusehen haben, 



1) Vgl. Riedel B. II, S. 41. Vgl. Zickermann S. 100. 

2) P. U. B. II, Nr. 1042. 1043. Vgl. van Niefsen, Forsch, z. 
Brantlenb. u. Preufs. Gisch. IV, S. 34 f. 

3) Vgl. Riedel B. II, S. 37. Heidemann, Forsch, zur deut 
Gesch. XVII, S. 135. 142f. 

4) Riedel B. 11. S. 41 f. 

6) K. St.A. St.: Stadt Anklam, Nr. 5. 



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BISCHOF AKNOLD VON CAMIN. 



385 



zumal da drei von ihnen später ausdrücklich als Gegner 
Arnolds genannt werden. Es befindet sich, nur das mag 
hier hervorgehoben werden, nicht unter ihnen Friedrich 
von Eickstedt d. A., der damalige Vicedominus und spätere 
Bischof. 

Während im Lande vorläufiger Friede herrschte, erschien 
Bischof Arnold zum erstenmale in seinem Stifte und be- 
stätigte am 31. Oktober 1327 die Privilegien der Stadt 
Kolberg l . Hier fand er sogleich Anhang, namentlich bei 
dem dortigen Domkapitel, das häufig dem Caminer feindlich 
gegenüber stand. Daher finden wir als Zeugen in der Ur- 
kunde vier Domherren von Kolberg und nur einen aus 
Camin. Sonst brach aber nun infolge seiner Ankunft der 
Kampf im Stifte offen aus. Die antipäpstlichen Kanoniker, 
namentlich der Präpositus Friedrich von Stolberg, Friedrich 
von Eickstedt d. J., Nikolaus Schwanebek, Wizlaw Carvitz, 
Heinrich Wisbeke, fanden bei einem Teile des Stiftsadels 
und der Kleriker, besonders aber bei der Stadt Köslin Unter- 
stützung. Bei dieser mag die Eifersucht auf Kolberg eine 
Veranlassung zu dem Widerstande gegen den Bischof ge- 
wesen sein. Von den Vasallen des Stiftes, die auf Köslins 
Seite standen, werden Peter von Kameke, Wisko von Berte- 
lyn, Hasso von Schivelbein, Suantus Bonin und Bertrain 
de Domassin genannt. Mit besonderem Eifer nahmen sich 
die Bürger der Städte des Kampfes an. Nachdem einige 
Zeit ein kleiner Krieg mit Raub und Brand getobt hatte, 
versprach am 24. März 1328 der Rat von Köslin für sich 
und Suantus Bonin, mit der Stadt Kolberg bis Johannis 
einen Waffenstillstand zu halten *. Gegen die widerspenstigen 
Domherren und Kleriker ging Bischof Arnold mit Ab- 
setzungen oder Suspensionen vor, ja die Caminer Kirche 
ward mit dem Interdikt belegt und über einzelne Gegner 
die Exkommunikation verhängt. Warf man ihnen doch vor, 
dafs sie bischöfliche Güter entfremdet, Aufstand unter dem 



1) Original im Stadtarchiv Kolberg. Vgl. Riem an n, Gesch. der 
Stadt Kolberg, S. 175. 

2) Riemann, Gesch. der Stadt Kolberg, Anhang S. 20 f. 

» 

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3*6 



WEHR MANN, 



Klerus und der Laienbevölkerung erregt und unendliche Schand- 
thaten begangen hätten. Gegen den Propst aber und den 
Kanoniker Friedrich von Eickstedt unterliefs es der Bischof 
aus bestimmten, nicht angegebenen Gründen damals vor- 
zugehen. Aus Anhängern bildete er sich ein neues Kapitel. 
Wir finden in demselben den späteren Vicedominus Christian 
von Dollen, Dietrich von Zachelwitz, Walter von Günters- 
berg, der vorher Pfarrer in Dramburg, später Archidiakon 
von Demmin (1331 —1339) war, und den nachmaligen lang- 
jährigen Präpositus (1336 — 1353) Bernhard Behr. Auch 
gründete er zwei neue Präbenden. Uber sein Vorgehen be- 
richtete der Bischof alsbald an den Papst Den Führer 
der Gegenpartei, den Propst Friedrich, bestrafte Arnold, so 
können wir nur vermuten, vielleicht damals nicht, weil er, 
wie gleich erzählt werden wird, thatsächlich sein Amt nicht 
mehr verwaltete. 

In derselben Zeit drohte auch den Herzogen neue Ge- 
fahr, die es ihnen unmöglich machte, dem vom Papste ge- 
sandten Bischole irgendwelche Unterstützung zuteil werden 
zu lassen. König Ludwig war am 17. Januar 1328 in Rom 
zum Kaiser gekrönt und triumphierte über seine Gegner, 
namentlich auch über Johann XXII., dem er in Pietro von 
Corvara einen Gegenpapst gegenüber stellte. Er stand aut 
der Höhe seiner Macht. Daher erliefs er am 27. Januar an 
den Herzog Bogislaw und seine Brüder, und gewifs auch 
an die Herren von Stettin, ein drohendes Schreiben, in dem 
er sie aufforderte, ihre Länder von dem Markgrafen zu 
Lehn zu nehmen, denn dieselben ständen der Mark Branden- 
burg unmittelbar zu 2 . Da galt es nun für die Herzoge, 
sich zu rüsten zum entscheidenden Kampfe. Man brach, wie 
es scheint, die damals wieder schwebenden Verhandlungen 
ab. Die Pommern schlössen am 27. Juni 1328 den Bruders- 
dorfer Frieden mit Mecklenburg und vereinigten sich am 
15. November mit ihrem bisherigen Feinde Heinrich von 

1) Nach der päpstlichen Bulle vom 24. August 1329 (Geschieht*- 
quellen d. Prov. Sachsen XXI, S. 235 ff.). 

2) Riedel B. II, S. 43. Vgl. Zickermann S. 102. 



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BISCHOF ARNOLD VON CAMIN. 



387 



Mecklenburg K So brach dann auch hier der Krieg aus, 
und bei den vielfachen Berührungspunkten zwischen den 
Gegnern in diesem Kampfe und denen im Stift Camin mögen 
gemeinsame Unternehmungen, so weit von solchen bei diesem 
kleinen Kriege die Rede sein kann, bisweilen stattgefunden 
haben. Uber die Einzelheiten sind wir wenig unterrichtet. 
Während des Waffenstillstandes, der zwischen Köslin und 
Kolberg geschlossen worden war, verabredete man für 
Himmelfahrt (12. Mai) eine Zusammenkunft zur Besprechung 
der Streitpunkte. Aber bald mufsten sich die Kolberger 
bitter darüber beklagen, dafs die Verbündeten Kö*lins, 
namentlich Wisko von Bertelin, Peter von Kameke und die 
Parsow, den Waffenstillstand nicht beachteten und fort- 
fuhren zu rauben und zu plündern. Zwar versprach der 
Rat von Köslin auf die Klage, die sie „corde gemebundo", 
wie sie schrieben, vernahmen, sofort die beiden Ritter auf- 
zufordern, dafs sie von ihrem Treiben abliefsen, aber zu 
gleich zeigten sie selbst doch so wenig guten Willen zu einer 
gütlichen Ausgleichung, dafs sie um Verlegung des fest- 
gesetzten Termins auf den Sonntag vor Pfingsten (15. Mai) 
baten. Ihre Ratmannen seien zu einer Verhandlung mit 
Jasko von Sehlawe ausgezogen und könnten nicht früher 
von der Reise zurück sein *. Aber als dieser Tag da war, 
warteten die Kolberger Gesandten vergebens auf die Kös- 
liner. Sie erschienen nicht, und die Fehde begann von 
neuem. Gewifs um offen zu zeigen, wie treulos die Herren 
von Köslin gehandelt hätten, liefs der Rat von Kolberg sich 
die Schreiben jener in Abschrift durch den Belgarder Rat 
beglaubigen 3 . 

Die kirchlichen Strafen, welche Arnold verhängt hatte, 
scheinen bei einzelnen doch nicht ohne W'irkung gewesen 
zu sein. Bereits am 8. August 1328 ermächtigte der Papst 
Johann XXII. den Erzbischof von Bremen, das Interdikt 
und die Exkommunikation, die wegen des Widerstandes 



1) Meckl. Uik.-B. VII, Nr. 4940. 4992. 

2) Riemann a. a. 0., Anhang S. 21. 

3) Riemann a. a. 0. S. 176. 



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388 



WEHRMANN, 



gegen Arnold verhängt sei, aufzuheben l . Ob der Bevoll- 
mächtigte freilich von dieser Erlaubnis Gebrauch machen 
konnte, ist mindestens sehr zweifelhaft, denn der Streit und 
die Fehde dauerten noch länger fort. Von Einzelheiten ist 
nichts bekannt. Wir erfahren nur, dafs der Rat von Köslin 
am 26. Juni 1328 mit dem Herrn Jasko von Schlawe, dem 
Angehörigen der Familie der Swenzonen, einen Vertrag 
schlofs, nach dem dieser sich verpflichtete, während des 
Krieges der Kösliner mit dem Bischöfe und den Kolbergern 
neutral zu bleiben *. 

Auch von Arnolds Thätigkeit hören wir nichts. Kaum 
beachtet wird in Pommern sein die Bulle des Gegenpapstes 
Nikolaus V. vom 27. Januar 1329, durch die er Arnold des 
Caminer Bischofsamtes entsetzte und dasselbe dem Heinrich 
von Babenberg übertrug 3 . Die an die Laien, Geistlichen 
und Vasallen des Caminer Stiftes gerichteten Schreiben hatten 
nicht den geringsten Einflufs, zumal da der Widerstand der 
Gegner damals schon gebrochen war. 

Neben manchen Unglücksfallen scheint besonders der 
Umstand zu dem Siege der Anhänger Arnolds beigetragen 
zu haben, dafs das Haupt der Gegenpartei, Friedrich von 
Stolberg, seinem Wirkungskreise auf eigene Art entzogen 
wurde. Zwischen der Stadt Greifenberg und dem Kloster 
Beibuk war wegen der Schiffahrt auf der Rega ein heftiger 
Streit ausgebrochen. Auf Beschwerde beim päpstlichen 
Stuhle wurde die Entscheidung u. a. dem Dompropst von 
Camin aufgetragen. Als am 7. Mai 1328 das endgültige Urteil 
gesprochen und das Kloster zu einer hohen Entschädigung 
verurteilt wurde, weigerte sich der Abt, sich der Entscheidung 
zu fügen. Da brach eine offene Fehde zwischen Greifen- 
berg und Beibuk aus. Der Abt liefs Greifenberger Bürger 
aufgreifen und gefangen nach Löknitz führen. Dagegen be- 
mächtigten sich die Greifenberger der Person des Propstes 



1) Vgl. Abhandl. der Inst. Kl. der Kgl. Bayer. Akademie XVII, 2, 
S. 261 f. 

2) K. St A. St.: Stadt Köslin, Nr. 14. 

3) Vatikan. Akten Nr. 1137. 



BISCHOF ARNOLD VON CAMIN 



389 



Friedrich, der das Kloster begünstigt zu haben scheint, und 
hielten ihn gefangen, bis am 16. August 132!) die beider- 
seitigen Gefangenen freigelassen wurden *. Was Friedrich 
von Stolberg nach der Freilassung unternahm, wissen wir 
nicht. Er verschwindet für uns vollkommen. Vielleicht hat 
er unter Aufgabe seiner Stellung das Land verlassen, um 
nicht in kirchliche Strafen zu fallen, vielleicht ist er auch 
bald gestorben. Am 8. Januar 1330 bekleidet Barnim von 
Werle die Würde des Cammer Präpositus. 

In der Zeit nun, in welcher sich Friedrich in Gefangen- 
schaft befand, scheint es zu Verhandlungen zwischen den 
beiden feindlichen Parteien gekommen zu sein, die zu einem 
Ergebnisse führten. Bereits im Anfange des Jahres 1329 
wurde zwischen Kolberg und Köslin ein Friede geschlossen, 
der vom Bischöfe bestätigt wurde *. Die Vermittelung hatten 
mehrere Geistliche, Deutsch-Ordensritter uud namentlich die 
Bürgermeister von Greifswald, Anklam, Greifenberg, Treptow, 
Belgard u. a. übernommen. In den Vergleich wurden die 
Verbündeten Köslins mit einbezogen. Der wichtigste Punkt 
ist die Bestimmung, dafs die Kösliner und Genossen dem 
Bischof huldigen sollen. Sonst wird Auslieferung der Ge- 
fangenen, Niederlegung der Befestigungen, Aufhebung der 
Achterklärung bestimmt. Die beiderseitigen Helfer sollen in 
den Frieden einbegriffen werden, wenn sie sich binnen acht 
Tagen erklären. So wurde der Zwist im Stifte beigelegt, 
Arnold erlangte volle Anerkennung. 

Von nun an sehen wir den Bisehof wiederholt in fried- 
licher Thätigkeit in seinem Sprengel, doch scheint er sich 
last stets in seiner treuen Stadt Kolberg aufgehalten zu 
haben. Wenigstens sind alle von ihm erhaltenen Urkunden, 
in denen der Ausstellungsort angegeben ist, dort ausgestellt. 
Dieser Stadt gab er auch am 19. Juni die Erlaubnis, wegen 



1) Vgl. Hie man Ii, Gesch. der Stailt G: eitenbeig, S. 30. 

2) Die Originalurkunde (K. St.A. St.: Stadt Köslin) hat kein Datum, 
doch liegt dabei eine Abschrift und Bescheinigung der Städte Greifen- 
berg und Treptow d. d. 1329 Febr. 8. 

Zeiucbr. f. K.-CJ. XIX. 4. 34 



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390 



WEHRMANN, 



der enormen Kosten, die sie in dem Kriege gehabt hatte, 
zwei Häuser zu verkaufen ! . 

Der Kampf zwischen Pommern und Brandenburg dauerte 
länger, doch vermögen wir auch hier Einzelheiten nicht zu 
erkennen. Es scheint aber nach einer Nachricht bei Kantzow 8 
Markgraf Ludwig nicht glücklich gekämpft zu haben. Er 
soll in das Land Stettin eingefallen, aber von Herzog Barnim 
mit grofsem Verluste zurückgetrieben sein. Vielleicht ver- 
anlafste ihn dieser Mifserfolg am 29. Januar 1330 vor den 
Twenraden mit seinen pommerschen Gegnern einen Waffen- 
stillstand zu schliefsen s . Wieder wurde die Entscheidung 
einem Schiedsgericht übertragen. In diesen Vergleich nahm 
Ludwig die alten Domherren und ihre Genossen, den Grafen 
von Naugard, die Stadt Massow und Heinrich von der Dosse 
auf. Daraus erkennen wir, dafs die von Arnold abgesetzten 
Domherren mit ihren Verbündeten nach dem Friedensschlüsse 
der bischöflichen Fehde bei den Märkern Zuflucht und Hilfe 
gefunden hatten und an deren Seite gegen die Gegner der 
Wittelsbacher kämpften. Zu einem Abschlüsse der Streitig- 
keiten brachte das Schiedsgericht es nicht, wenn es über- 
haupt zusammengetreten ist. Doch scheinen die Waffen für 
einige Zeit geruht zu haben. 

Am 9. April 1329 beurkundete Bischof Arnold eine 
Schenkung für das Kloster Verchen 4 , am 7. Juni bestätigte 
er eine Stiftung der Herren von Werle & , und am 7. Sep- 
tember einigte er sich mit dem Johanniter-Komtur in Körchen 
über den Bischofspfennig Zugleich versprach dieser dem 
Bischof den schuldigen Gehorsam 6 . Während so Friede im 
Stifte herrschte, langte dort die Bulle des Papstes vom 
24. August 1329 au, durch die er infolge des von Arnold 
vor längerer Zeit an ihn erstatteten Berichtes den Erzbischof 
von Bremen von neuem beauftragte, das Vorgehen des 

1) K. St.A. St.: Domkapitel Kolberg Nr. 18 und 38. 

2) ed. Gaebel I, S. 197. 

3) Riedel B. II, S. 61 sq. Vgl. Zickermann a. a. 0. S. 103. 

4) K. St.A. St.: Kl.Verchen. 
6) M. U. B. VIII, Nr. 5054. 

6) D reger, Cod. Mscr. VIIL No. 1602. 



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BISCHOF AKNOLD VON CAMIN. 391 

Caminer Bischofs gegen die widerspenstigen Domherren zu 
unterstützen l . Es wird ihm auch die Vollmacht gegeben, 
diese Handlungen zu bestätigen, wenn es die Gerechtigkeit 
verlange. Ob thatsächlich jetzt, als der Friede bereits her- 
gestellt war, noch eine Untersuchung stattgefunden hat, 
wissen wir nicht Das Vorgehen Arnolds wurde aber dann 
gebilligt, denn die von ihm eingesetzten Domherren sehen 
wir auch noch später im Besitz ihrer Wurden. Dagegen 
kommen die drei endgültig abgesetzten canonici, Nikolaus 
Swanebek, Wizlaw von Carvitz und Heinrich Wisbek, ebenso 
wie der bisherige Propst Friedrich nicht mehr vor. Fried- 
rich von Eickstedt d. J. unterwarf sich und blieb Mitglied 
des Caminer Kapitels. Er ist dann längere Jahre Prä- 
positus von Kolberg gewesen. Die Würde des Caminer 
Dompropstes erhielt, wie bereits erwähnt ist, Barnim von 
Werle, der Präpositus an St. Marien in Stettin gewesen 
war, vielleicht auf Verwendung der ihm verwandten Stettiner 
Herzoge. 

Von der weiteren Thätigkeit Bischof Arnolds zeugen nur 
noch vier Urkunden. Am 8. Januar 1330 bestätigte er für 
das Kolberger Domkapitel einen Tausch von Dörfern *, am 
19. Januar vereinigte er die Kapelle in Morgenitz mk der 
Usedoraer Pfarrkirche 3 , am 8. Februar bestätigte er dem 
Kapitel in Kolberg den Besitz eines Dorfes 4 , und am 3. März 
legte er ein Dorf zur Kirche in Grubenhagen 5 . Am 1 4. März 
und 17. April wird urkundlich ein Offizial des Bischofs 
Arnold in einer Weise erwähnt, dafs daraus zu erkennen 
ist, dafs der Bischof damals noch lebte 6 . Weitere Nachrichten 
über ihn fehlen bisher ganz. Im Sommer 1330 mufs er ge- 
storben sein, denn sein Tod wird erwähnt in der päpstlichen 
Bulle vom 17. September, durch welche Johann XXII. die 
nach dem Tode Arnolds erfolgte Wahl des vicedominus 



1) Geschichtsquellen der Prov. Sachsen XXI, S. 235 ff. 

2) Wachs, Gesch. d. Altstadt Kolberg, S. 323. 

3) K. St.A. St: Kl. Pudagla Nr. 91. 

4) Diplomat civil. Colb. No. 14. 

5) K. StA. St: Stadt Rügenwalde Nr. 9. 

6) K. 8t. A. St: Kloster Pudagla Nr. 72. 93. 

34» 



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392 



WEHKMANN, 



Friedrich von Eickstedt zum Bischöfe der Caminer 
Diöcese bestätigte Er erhielt dann am 2U. September in 
Avignon die Weihe und die Erlaubnis, sich auf seinen 
Bischofssitz zu begeben 2 . 

So endete das Episkopat des vom Papste in das Bistum 
entsandten Bischofs, der trotz des anfänglichen heftigen 
Widerstandes schliefslich doch allgemeine Anerkennung ge- 
funden hatte. Vielleicht ist auf seine Anregung und Ver- 
anlassung noch der eigentümliche Schritt zurückzuführen, 
den die Stettiner Herzoge Otto und Barnim unternahmen. 
Sie bevollmächtigten nämlich am 18. September 1330 den 
Domherrn Dietrich Zathelwitz, dem Papste alle ihre Lande 
als Lehn anzutragen und ihm den Treueid zu leisten 3 . Und 
wirklich stellte Johann XXII. am 13. März 1331 für alle 
pommerschen Herzoge einen feierlichen Lehnsbriet aus *. Es 
ist sehr wahrscheinlich, dafs Arnold den Herzogen den Rat 
gegeben hat, durch eine solche Lehnsübertragung an den 
Papst die immer noch nicht entschiedene Frage wegen der 
Lehnshoheit der Wittelsbacher über Pommern kurzer Hand 
zur Lösung zu bringen. Von praktischer Bedeutung war 
dieser Schritt natürlich nicht. Der Kampf um die Selb- 
ständigkeit der pommerschen Fürsten wurde dadurch auch 
nicht beendet, derselbe dauerte noch bis zum Jahre 1338 
fort. Durch den heftiger entbrannten Krieg wurde auch das 
Caminer Stift wieder sehr betroffen, das schon infolge der 
bischöflichen Fehde so sehr gelitten hatte, dafs man bereits 
1331 auf seiten des Bischofs Friedrich und der Herzoge an 
eine Verlegung des Bischofssitzes von Camin nach dem 
Kloster Beibuk dachte, das an einem festen und verteidigungs- 
fahigem Orte lag. Aui 5. Februar 1332 beauftragte Jo- 
hann XXII. mehrere Äbte, über diese Angelegenheit zu be- 



1) K. St.A. St.: Bistum Camin Nr. 52. 

2) Nach einem von Herrn Archivrat Dr. Grotefcnd gütigst mit- 
geteilten Hegest aus dem Vatikau. Archive (lieg. Avin. XXXVI, fol.84 b ). 

3) Vatikan. Akten zur deut. (Wh. Nr. 1443. 

4) M. U. Ii. Uli, Nr. 5225. Vgl. Baithold III, S. 236. 
Zickermaun a. a. 0. S. 103. 



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BISCHOF ARNOLD VON CAMIN. 



393 



richten *. Bekanntlich ist aus der beabsichtigten Verlegung 
nichts geworden. 

Noch einmal taucht später eine die Person Arnolds be- 
treffende Angelegenheit in den Urkunden auf. Am 20. Mai 
1344 nämlich übertrug der Kölner Domherr Ernst von 
Mulenacker dem Bischof Johann von Camin seine Ansprüche, 
die er nach dem Testamente des Bischofs Arnold an einige 
Kol berger Bürger hatte, und verzichtete zugleich auf seine 
Forderung von 600 Gulden, die er im Dienste Arnolds und 
der Caminer Kirche aufgewendet habe *. In einer weiteren 
Urkunde vom 26. November 1344 erhalten wir noch ganz 
merkwürdige Nachrichten. In derselben vergleicht sich 
Markgraf Wilhelm von Jülich mit dem Bischof Johann von 
Camin wegen der im Verlaufe eines Streites zwischen dem 
Bischöfe und dem Kölner Domherrn Ernst von Mulenacker 
erfolgten Gefangensetzung einiger Ritter und Knappen des 
Jülicher Landes 3 . Hier wird erzählt, dafs der genannte 
Domherr den Bischof Arnold gefangen genommen und be- 
raubt habe, bei dieser Gelegenheit aber einige Ritter des 
Landes Jülich in der Caminer Diözese gefangen seien. Es 
sind das Nachrichten, mit denen wir gar nichts anzufangen 
wissen. Ob diese Ereignisse im Verlaufe der Stiftsfehde oder 
bei anderer Gelegenheit, etwa als Bischof Arnold in seiner 
Heimat weilte, vor sich gegangen sind, müssen wir unent- 
schieden lassen. Wir erkennen nur, dafs ans noch gar 
vieles aus dem Leben und Wirken des Bischofs unbekannt 
und unklar ist. 

Und doch wissen wir jetzt über ihn erheblich mehr, als 
alle älteren Geschichtsforscher. Es ist geradezu merkwürdig, 
wie dieser Bischof allmählich immer mehr aus dem Ge- 
dächtnisse verschwindet, bis man kaum noch etwas von ihm 
weifs. Sein Nachfolger Friedrich führt ihn in einer Urkunde 
für das Kloster Eldena in Mecklenburg unter seinen Vor- 



1) Nach einem von Herrn Archivrat Dr. (jrotefeiul jiütijrst mitge- 
teilten Reiste aus dem Vatikan. Archive (Res?. Avin. XXXVII, f. 205). 

2) K. St.A. St.: Bistum Camin Nr. 84. 

3) K. St.A. St.: Bistum Camin Nr. 8G. 

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394 WEHKMANN, 

gängern auf 1 . Auch sonst wird er gelegentlich, namentlich 
bei Transsumierung von Urkunden, genannt. Unser erster 
poramerscher Chronist, Johann Bugenhagen, bringt für 
die Cammer Bischofsgeschichte nur sehr dürftige Nachrichten, 
Arnold erwähnt er gar nicht, wie er überhaupt über die 
Jahre, in denen er Bischof war, nichts zu erzählen weifs. 
Thomas Kantzow stellt die pommersche Geschichte schon 
von einem weiteren Gesichtspunkte dar und unterläfst es 
auch nicht, von den Bischöfen zu berichten. In der ältesten 
niederdeutschen Bearbeitung finden wir keine Nachricht über 
Arnold. Ebenso wenig geschieht desselben Erwähnung in 
der ersten hochdeutschen Bearbeitung, in der zwar vom 
Kampfe mit der Mark, aber nichts von der Stiftsfehde er- 
zählt wird *. Nicht viel mehr ist in der zweiten hoch- 
deutschen Bearbeitung Uber diese Zeit enthalten. Dann aber 
hat Kantzow bei seinen weiteren Nachforschungen und 
Studien über Arnold einiges aus Urkunden erfahren. In 
einer Anmerkung hat er zum Jahre 1322 notiert: Circa hunc 
annum obiit Conradus 4, et successit ei Arnoldus ater 
monachus ex ordine Praedicatorum und ebenso zum Jahre 
1329: Obiit Arnoldus episcopus *. Sind beide Angaben auch 
ungenau, so weifs der Chronist doch wenigstens von der 
Existenz Arnolds. In der späteren Überarbeitung der 
Kantzowschen Chronik, die der Ausgabe von Kosegarten 
zugrunde liegt, wird Arnold auch erwähnt, doch hier taucht 
plötzlich die Angabe auf, dafs einige den Nachfolger Conrads 
auch Wilhelm nennen 4 . Diesen Namen geben von nun an 
fast alle späteren Geschichtsschreiber, die ja von der so- 
genannten Pomerania durchaus abhängig sind, z. B. Valentin 
von Eickstedt 5 und Petrus Chelopoeus c . Wie diese Nach- 
richt von einem Bischöfe Wilhelm entstanden ist, ist nicht 
zu erkennen. Benutzt hat sie der berüchtigte Fälscher Pristaff, 

1) M. U. B. VIU, Nr. 5280. 

2) Kantzow ed. Gaebel II, p. 126. 

3) Kantzow ed. Gaebel I, p. 169. 196. 

4) ed. Kosegarten I, p. 316. 3%. 

5) ed. J. H. Balthasar p 60. 64. 

6) ed. Zinzow, Progr. des Gymnasinms in Pyritz 1869, S. 41. 



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BISCHOF ARNOLD VON CAM IN. 



395 



von dem eine Urkunde des Bischofs Wilhelm d. d. 1324 
Oktober 9 herrührt ! . Sollte der Irrtum vielleicht auf einer 
Verwechselung des Namens Arnolds mit dem seines Vaters 
beruhen, der, wie berichtet ist, Wilhelm hiefs? 

Im Anfange des 17. Jahrhunderts schrieb im Auftrage 
des Herzogs Philipp II. Jürgen Valentin von Winther eine 
Geschichte des Bistums Camin, die unter dem Namen 
P. Wuja erschien. Er erwähnt gleichfalls im 27. Kapitel 
als elften Bischof Wilhelm, einen Mönch des Predigerordens, 
deu einige Arnold nennen, ut in rersiculis dicitur: 

Arnoldus frater terdenus praedicat acer. 

Weiter giebt er von ihm eine Charakteristik, in der er als ein 
Muster aller Frommen (speculum religiosorum omnium) be- 
zeichnet wird. Er beruft sich dann auf eine Nachricht in der 
Vandalia von Krantz (VIII, Kap. 2), nach der die Domherren 
in Camin aus ihrer Zahl Johann von Göttingen erwählt 
hätten, vom Papst aber ein Bruder Johanns für den Bischofs- 
sitz bestimmt habe. Bei dem Widerstande, den dieser ge- 
funden habe (hic frater veniens in ecclesiam tarn erat gratus 
quam sus, ut ferunt, in vicum Judaeorum *), sei er dann 
vom Papste an die Spitze der Diöcese Verden gestellt. Wir 
erkennen sogleich, dafs Krantz einiges nach der oben be- 
nutzten Stelle in der Detmar- Chronik richtig erzählt, aber 
natürlich damit Falsches verbindet. 

Auf die unrichtigen Angaben Wujas gehen nun alle 
weiteren Berichte zurück. Sowohl. Daniel Cramer in seinem 
pommer8chen Kirchenchronikon, als auch Michael Zulichius, 
der 1677 eine Historia episcopatus Caminensis veröffentlichte, 
nennen den Nachfolger Conrads Wilhelm, und nur bisweilen 
taucht daneben der Name Arnold auf. Als neu kommt 
dazu noch die Behauptung Wachses (Gesch. der Altstadt 
Colberg, S. 323), Arnold sei nur Koadjutor des Bischofs 
Friedrich gewesen. So ist allmählich eine solche Verwirrung 
entstanden, dafs es auch Barthold (III, S. 209 f.) aufgiebt, 



1) Ölrichs, Fortges. historisch-diploraat. Beiträge, S. Uö. 

2) lo der Poraerania (Kantzow ed. K ose garten 1, S. 407) wird 
dasselbe von dem 1386 nach Camin entsandten Bischof Johann erzählt. 



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396 WEHRMANN, BISCHOF ARNOLD VON CAMIN. 

die Dunkelheit dieser Zeit aufzuhellen In den bekannte» 
Verzeichnissen der Bischöfe zeigt sich daher grofse Unsicher- 
heit. Potthast (Bibliotheca historica medii aevi. Supplement 
S. 290J z B. nennt drei Bischöfe in dieser Zeit: Wilhelm II. 
1324— 1329, Otto 13..— 1326, Arnold 1326 — 1329. Die- 
selben Angaben finden wir bei Gams (series episcoporum). 

Als ein Versuch, Klarheit in diese dunkle Periode zu 
bringen, mag die vorliegende Untersuchung gelten. So viel 
ist ganz sicher, dafs Wilhelm aus der Reihe der Caminer 
Bischöfe verchwinden mufs und Arnold mit den Regierungs- 
jahren 1324 — 1330 einzusetzen ist. 



1) R. Hannckc (Pomm. Kulturbildcr, S. 50) macht Arnold gar 
zu einem Stralsunder Schwarzmönch. 



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Staat und Kirche in der Mark Branden- 
burg am Ende des Mittelalters 1 . 

Voll 

Felix Priebatsch. 

An Zusammenstöfsen zwischen der geistlichen und der 
weltlichen Gewalt, an Versuchen, ihre beiderseitigen Befug- 
nisse abzugrenzen, an theoretischen Erörterungen dieser 
Fragen hat es im ganzen Verlaufe des Mittelalters zu keiner 
Zeit gefehlt. Aber alle Einwendungen gegen das strenge 
kirchliche System bezogen sich nur auf einzelne Fälle, auf 
das Rangverhältnis beider Gewalten, auf die Auslegung der 
weltlichen Schutzverpflichtungen und Berechtigungen. Selbst 
die schroffsten Gegner kirchlicher Ansprüche gingen nicht 
so weit, der Kirche das Recht zu bestreiten, das von ihr zu 
bestellende Feld selbst abzustecken und zu bebauen. Selbst 
die schroffsten Gegner weltlicher Einmischung wollten den 
weltlichen Arm nicht ganz entbehren. Erst im 14. und 
15. Jahrhundert, nach der Erschütterung alles kirchlichen 
Wesens durch das Schisma, gelangte man zu einer Art von 
Staatskirchenrecht, das auf ernstgemeinten Kompromissen 
zwischen beiden allmählich völlig getrennt getafsten und als 
im wesentlichen ebenbürtig betrachteten Mächten beruhte, 



1) Eine zweite Abhandlung über die kirchlichen Zustände des 
Landes am Ende des Mittelalters ist bere.ts fertiggestellt und wird in 
nicht allzu langer Zeit in eben dieser Zeitschrift zum Abdruck ge- 
langen. 

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39* 



PKIEBAT3CII, 



und zu einer festeren Praxis der weltlichen Behörden den 
kirchlichen Angelegenheiten gegenüber, die sich auf die jetzt 
unennüdlich geltend gemachte Staatsraison und die neue 
Anschauung von der Gleichberechtigung der Kirche und der 
Laien gründete. 

In früheren Zeiten hatte die Laienwelt sich vor kirch- 
lichen Übergriffen nur durch gelegentliche furchterregende 
Gewalttaten zu sichern vermocht und auch aus den zahl- 
reich erworbenen Patronats- und Vogteirechten nur sehr be- 
scheidene Einwirkung auf die Kirche herleiten können. Die 
weltlichen Machthaber bemühten sich zwar, auf die einzelnen 
geistlichen Würdenträger, die in ihrem Bereiche amtierten, 
Einflufs zu gewinnen, sahen in dem von ihnen freigebig ver- 
mehrten Eigcntume der Kirche eine für Zeiten der Not will- 
kommene Schatzkammer, erblickten in der jeden Unter- 
thanen unmittelbar berührenden kirchlichen Gewalt ein ihnen 
selber zu gute kommendes Mittel, eine Sicherung des Ge- 
horsams des Landes, aber die kirchliche Organisation als 
solche pflegten sie z T. gerade aus den eben genannten 
Gründen nicht anzutasten. 

Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts lagen aber die 
Schäden der Kirche, die Gebrechen ihrer Organisation in- 
folge der öffentlichen Erörterung dieser Fragen klar zu 
Tage. Die Hoffnung, dafs die Kirche aus sich heraus ge- 
sunden werde, schwand immer mehr. Ihr Ansehen war fast 
verbraucht. Das kräftig emporstrebende weltliche Fürstentum 
war dagegen von Erfolg zu Erfolg geschritten und hatte 
seine Befähigung auf vielen Gebieten bewiesen. Es mufste 
bald dahin kommen, diejenigen Gebiete, die die verfallende 
Kirche nicht mehr behaupten konnte, selber in Besitz zu 
nehmen und kirchliche Ansprüche und Mafsnahmen auf ihre 
Berechtigung und ihre Verträglichkeit mit dem Staatswohle 
und den Interessen der Bevölkerung zu prüfen und unter 
Umständen zu beseitigen. Es zögerte dann auch nicht 
mehr, wo es Schäden in dem kirchlichen Leben wahrnahm, 
selbständig bessernd und reformierend einzugreifen, und da 
seine Macht augenfälliger als die der kirchlichen Oberen, 
sein Wille ernster und nachdrücklicher war, gewöhnte es 



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STAAT UND KIRCHE IN DER MARK BRANDENBURG. 3 ( J»J 



■die Untertbanen und den Klerus ziemlich Bchnell daran, 
sich seine Eingriffe, seine Bevormundung und Aufsicht ge- 
fallen zu lassen, ja sie herbeizurufen. Dem Klerus bot es 
den bei der Unwirksamkeit des Schutzes der entfernten 
Päpste und Kirchenoberen notwendigen weltlichen Beistand 
gegen den VolkBhafs, gegen die zunehmende Begehrlichkeit 
der Laien, gegen die Versuche der Kirchenoberen, ihre er- 
schöpften Säckel durch harte Besteuerung der Priester 
wieder zu füllen; den Laien gewährte es Hilfe gegen Uber- 
griffe und Pflichtverletzung des Klerus. Der Fürst tritt 
durch all das in viel lebhaftere Beziehungen zu der Geist- 
lichkeit. Er vermehrt nicht nur ohne grofse Mühe sein Recht 
auf die Besetzung zahlreicher kirchlichen Stellen; er kann 
jetzt sogar bei ihrer Verwaltung ein Wörtlein mitsprechen. 

Diese neuen staatskirchlichen Bestrebungen zeigen auf der 
einen Seite noch ein mittelalterliches Gesicht, da der Fürst 
die kirchliche Organisation als solche nicht antasten zu wollen 
erklärt und von den Versuchen der Reformer nicht gerade 
viel hält, anderseits aber bereits auch ein sehr modernes, 
da er die Kirche seines Territoriums gewissermafsen als 
einen Ausschnitt aus der allgemeinen Kirche betrachtet, und 
ihre Beaufsichtigung und Leitung — teils in Konkurrenz mit 
den kirchlichen Organen, teils statt dieser — zu den Auf- 
gaben des werdenden Staates rechnet. Er besitzt nicht nur 
wie ehedem einen kleinen Handgriff an dem riesigen Me- 
chanismus der Kirche, sondern er ist auf dem Wege, diesen 
selber zu zerstückeln und die Kirche zu einem Zweige der 
inneren Verwaltung seines Landes zu machen. 

Diese Erweiterung der fürstlichen Macht vollzog sich 
im wesentlichen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 
Das zwiespältige und entkräftete Papsttum mufste den 
Wünschen der Fürsten nachgeben, ja sie sogar bisweilen 
begünstigen, um sie nicht in das Lager der Reformer oder 
Gegenpäpste zu treiben. In der zweiten Hälfte des Jahr- 
hunderts bemühte sich das restaurierte Papsttum allerdings, 
das verlorene Gebiet wieder zurückzugewinnen oder zum 
mindesten festzustellen, dafs in den Zeiten der Wirren 
wenigstens kein kirchliches Prinzip geopfert worden war, 

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400 



PKIERATSCH, 



aber in den meisten wichtigeren Territorien war das fürst- 
liche Kirchen regiment bereits zu einer in sich ruhenden, ge- 
festigten Macht geworden und hatte, wenn es behutsam 
amtierte und die kirchlichen Gewalthaber nicht ohne Grund 
reizte, keine erheblichen Anfechtungen mehr zu gewärtigen. 

Zum Verständnis der Art, wie dies fürstliche Kirchen- 
regiment nun seines Amtes waltete, mufs man sich aber 
vergegenwärtigen, dafs die hier zu behandelnden Jahre eine 
Zeit der Reaktion, der Abspannung nach heftigen Kämpfen 
darstellen. Daher die Seltenheit prinzipieller Erörterungen, 
die Neigung zu Notbehelfen, das Fehlen neuer, fruchtbarer, 
auf wirkliche Reformen im grofsen Stile gerichteter Gedanken. 

Die Bedeutung dieser staatskirchlichen Bestrebungen, die 
sich übrigens auch bei den namhafteren Städten zeigen, ist 
bereits von einzelnen Forschem (z. B. v. Friedberg, Rieker 
und Below) 1 gewürdigt, wenn auch noch nicht in ihrer 
Wichtigkeit für die Entstehung des fürstlichen Kirchen- 
regimentes, das dann die Reformation schuf, in allen Teilen 
klargelegt worden; vor allem eine Darstellung der Ent- 
wickelung dieser Dinge in einem bestimmten Territorium 
ist bis jetzt noch nicht versucht worden. 

Hier sollen die Beziehungen zwischen den weltlichen 
Machthabern der Mark Brandenburg und den kirchlichen 
Organen inner- und außerhalb des Landes während der 
letzten dreißig Jahre des 15. Jahrhunderts und die kirch- 
lichen Zustände der Zeit beleuchtet werden. Die unmittelbar 
vorangehende Epoche, die Zeit Friedrichs II , ist freilich für 
die Auseinandersetzung zwischen Kirche und Staat, für die 
Entwicklung des fürstlichen Einflusses auf die Geistlichkeit 
bedeutungsvoller und fruchtbarer gewesen; aber da sich 
eine Darstellung dieser Jahre nur an der Hand des dem 
Verfasser zur Zeit noch nicht zugänglichen, entlegenen rö- 
mischen Materials hätte ermöglichen lassen, anderseits in 

1) In der Ilist. Zeit>chr. LXXV, 452—457. Daselbst Angaben über 
die sonstige Litterutur. Zu dem Kirkel sehen Buche: „Die rechtliche 
•Stellung der evangelischen Kirche" tritt jetzt noch ein Aufsatz in der 
„Histor. VierteljahrsschiifV N. F. III, 3, S. 370. 



ed by Gopglt: 



STAAT UND KIKC'UE IN DEtt MARK BRANDENBURG. 401 



der „Politischen Korrespondenz des Kurfürsten Albrecht 
Achilles" 1 eine Menge wertvoller Nachrichten vorliegen, die 
die thatsächliche Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse der 
Mark nach den Reformen Kurfürst Friedrichs II., die Wirk- 
samkeit des neuen Staatskirchenrechtes während der Regierung 
seiner Nachfolger beleuchten, schien es angezeigt, mit dieser 
Zeit den Anfang zu machen und über die früheren Epochen 
nur, soweit es das bereits gedruckte Quellenmaterial zuläfst, 
eine Ubersicht zu geben. Von früheren Arbeiten aus dem- 
selben Stoffgebiete kommen nur ein paar Seiten aus der 
Einleitung von Max Lehmanns „Preufsen und die katholische 
Kirche" in Beträcht. Die Tendenz der landesherrlichen 
Politik wird dort zutreffend gezeichnet. Da L. aber Unter- 
scheidungen zwischen der Haltung der einzelnen Markgrafen, 
zwischen der Mark und Franken nicht macht, bedarf das 
von ihm gegebene Bild in wesentlichen Zügen einer Kor- 
rektur. Hädickes Untersuchung „Die Reichsunmittelbarkeit 
und die Landsässigkeit der Bistümer Brandenburg und 
Havelberg" (Abhandl. z. Jahresberichte der kgl. Landes- 
schule Pforta 1882. Programm No. 217) bestätigt den 
bereits von Ficker erbrachten Beweis, dafs diese beiden 
Stifter ursprünglich reichsfrei und erst allmählich von den 
Markgrafen abhängig geworden sind. Die Darstellungen 
der märkischen Reformationsgeschichte geben in ihren Ein- 
leitungen meist tendenziöse Gemälde des Verfalles der Hier- 
archie. In den zahlreichen Stadtgeschichten wird der kirch- 
lichen Verhältnisse nur selten in ausreichendem Mafse ge- 
dacht Nur eines der märkischen Klöster, Lehnin, hat bis 
jetzt eine brauchbare Bearbeitung erfahren. 



1) Publikationen aus den Kgl. Preufo. Staatsarchiven L1X, LXVU 
und LXX1. Die „Polit. Corrcsp." wird im Folgenden kurzweg P. C- 
eitiett. Riedels „Codex diplomat. Biaudeuburgonsis" wird unter Weg- 
lassnug des Titels citiert , und zwar wird die Abteilungsnuiiinier durch 
Buchstaben, die Bandnummer mit Zahlen angegeben. M. F. bedeutet 
Märk. Forsch.; B. U.B. das Urk.-Buch z. Bcrl. Chronik. 



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102 



l'RIEBATSCH, 



I. 

Dio Entwiokelung des fürstlichen Einflusses auf 

die Kirche. 

Die Lage der märkischen Kirche in der ältesten Zeit 
ähnelt den entsprechenden Zuständen im Ordenslande. Die 
Bischöfe, die Domkapitel, die mächtigen Kollegiatkirchen 
verfügen über ausgedehnten, grösstenteils mit Herrschafts- 
rechten begabten Besitz. Sie sind nahezu völlig unabhängig. 
Zwei der märkischen Bistümer, Brandenburg und Havelberg, 
verdanken ihre Stiftung den deutschen Königen und sind 
ohne Zweifel reichsunmittelbar, Lebus ist ursprünglich polnisch 
und tritt erst ganz allmählich in Beziehung zu der Mark 
Brandenburg. Die Markgrafen sind zwar mächtige Terri- 
torialherren und die Fundatoren des weltlichen Besitzes 
ihrer Geistlichkeit, gegen deren Willen die Prälaten nicht 
gut aufkommen können; es steht ihnen aber keinerlei 
Herrenrecht über ihre Bischöfe und Kleriker zu. Die 
Ascanier suchen die unter ihrem Schutze stehenden ganz; 
selbständigen Domkapitel gegen die Bischöfe auszuspielen, 
bemühen sich, die Bischöfe zum Anschlufs an ihre Politik 
zu nötigen und ihnen Lasten aller Art aufzubürden. Aber 
vom Reiche können sie sie nicht losreifsen, und nur das 
Lebuser Stift, dem dieser Rückhalt fehlt, wird landsässig. 
Auch unter den Wittelsbachern ändert sich dies Verhältnis 
nicht; erst Karl IV., der die Mark fest mit Böhmen ver- 
ketten will und auch die Kirche der Mark mit der böh- 
mischen zu verknüpfen strebt, behandelte die märkischen 
Bischöfe wie ihre böhmischen Amtsgenossen als vornehme 
Landsassen. Er liefs sich von Markgraf Otto die Mark 
mit ihren Bischöfen abtreten und dachte einen Augenblick 
daran, sie dem von ihm abhängigen Prager Erzbisturae in 
kirchlicher Beziehung zu unterstellen. Seit Karls Regierung 
gehören die drei Bischöfe zum Territorium; die schwere 
Bedrängnis, in die sie während der Zeit der Anarchie am 
Ende des 14. Jahrhunderts gerieten, liefs ihnen selber den An- 
schlufs an den Landesherrn und die Unterordnung unter ihn 
ratsam erscheinen. Als die Hohenzollern in die Mark kamen, 



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STAAT UND KIRCHE IN DER MARK BRANDENBURG. 40& 



war die äufsere Zugehörigkeit der Bischöfe zum Lande 
zwar nicht rechtlich festgestellt, aber kaum noch ernstlich 
bestritten. Daran änderte auch die Thatsache nichts, dafs 
Kaiser Siegiamund den Brandenburger Bischof bisweilen in 
des Reichs Geschäften verwandte, ihn princeps anredete und 
als reichsunmittelbar behandelte. Aber mit der blofsen An- 
erkennung der nominellen Oberhoheit der Markgrafen war 
für diese noch nicht viel gewonnen. Die Bischöfe . waren 
jetzt die einflufsreichsten Vasallen und erfreuten sich einer 
besonders bevorzugten Stellung; zu bestimmten Leistungen 
waren sie noch in keiner Weise verpflichtet, und es war 
kaum anzunehmen, dafs sie eine schroffe Auslegung ihres 
Abhängigkeitsverhältnisses sich gefallen lassen würden. Bei 
ihren geringen Machtmitteln konnten die Markgrafen zu- 
nächst nicht mehr thun, als die Bischofs- und sonstigen 
Wahlen auf gefugige und ergebene Leute zu lenken und 
mit den Gewählten von Fall zu Fall Abkommen zu treffen 
über irgendwelche für das Land zu übernehmende Leist- 
ungen. 

Friedrich I. hatte das Glück, dafs der vom Konzil her 
mit ihm befreundete Papst Martin seine Pläne förderte. In 
Brandenburg und Lebus gelangten nur Männer zur Re- 
gierung, die ihm genehm waren und dauernd Treue hielten^ 
und als das Havelberger Stift 1427 (dreimal rasch hinter- 
einander) ledig wurde, stellte der bei der Zwiespältigkeit des 
Kapitels auf den markgräflichen Einflufs angewiesene ob- 
siegende Bewerber Konrad von Lintorf einen Revers aus, 
wonach er sich zu völligem Gehorsam verpflichtete. In 
Lebus setzte Friedrich im Jahre 1424 sogar die Wahl eines 
Franken durch, des Christoph von Kotenhan, obwohl das 
Kapitel zuerst selbständig den Märker Peter Burgsdorff er- 
wählt hatte. 

Die tiefe Zerrüttung, in die die Kirche während des 
Basler Konzils geriet, ermöglichte es Friedrichs Nachfolger, 
die landesherrliche Macht noch viel weiter auszudehnen. 
Angesichts der herrschenden Verwirrung mufste ein frommer 
Fürst wie Friedrich II. den Antrieb fühlen, die Kirche seines 
Territoriums, die ihm nach seiner Auffassung des Fürsten- 



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404 PillEBATSCH, 

amtes ebenfalls von Gott anvertraut war, so viel auf ihn 
ankam, zu bessern und zu behüten. Um dazu in der Lage 
zu sein, mufste er danach trachten, den Bestrebungen, die 
sein Vater schon mit Glück verfochten hatte, die rechtliche 
Grundlage zu geben. Gegen die allzu grofse Selbständigkeit 
der Domkapitel, die bei Wahlen Überraschungen befürchten 
liefs, spielte er das päpstliche Provisionsrecht aus, er liefs 
sich aber vom Papste, der im Kampfe mit den ßaslern 
die mächtigeren Fürsten auf seine Seite bringen wollte und 
daher mit Gnaden sehr freigebig war, die Zusage erteilen, 
er werde nur solche Männer zu den Bischofssitzen erheben, 
die vom Kurfürsten als ihm genehm empfohlen würden. 
Er erreichte dies bedeutende Zugeständnis freilich nur für 
die Dauer seines eigenen Lebens; da er aber sofort nach- 
drücklich davon Gebrauch machte, stand wohl zu erwarten, 
dafs es die Haltuug der Kapitel dauernd beeinflussen würde. 
Auch für die Kurie war es, einmal gegeben, ein Präjudiz, 
das nicht meiir ohne weiteres abgethan werden konnte. 

Friedrich erlangte noch neben einigen, nur für sich und 
sein Haus geltenden gottesdienstlichen Erleichterungen, eine 
Keihe anderer Zusagen, ein ziemlich weitgehendes Aufsichts- 
und Verfügungsrecht über die kirchlichen Einkünfte, eine 
erhebliche Vermehrung der landesherrlichen Patronatsstellen, 
ein bündiges Verbot aller Übergriffe der geistlichen Gerichts- 
barkeit, eine Verminderung des Einflusses der nichtmärkischen 
Bischöfe auf die politisch zur Mark gehörigen Teile ihrer 
Diöcesen. Papst Nikolaus erlaubte ihm, die dem Gegen- 
papste Felix anhängenden Geistlichen abzusetzen; an ihrer 
•Stelle sollten personae marchioni aeeeptae ernannt werden K 
Friedrich schuf sich so die Möglichkeit, mit den kirchlichen 
Pfründen seine Beamten zu versorgen, er erreichte die päpst- 
liche Erlaubnis, die diesen Absichten hinderliche Präraon- 
stratenserregel der Domherren zu Brandenburg und Havel- 
berg aufzuheben und dort unter Verpflanzung der Mönche 
an die Wilsnacker Wunderkirche freiweltliche Stifter zu 
begründen * Zur Ausführung kam dieser Plan bei Fried- 

1) Kaum er, Cv>tl. dipl. continuat. I. 304. 

2) Ki edel Dd. XXIV, S. 430 ff. 



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STAAT UND KIKCHE IN DE Ii MARK IlttANDEKBlTKQ. 405 



richs Lebzeiten nicht mehr, vielleicht weil das Domstift zu 
Stendal, das Papst Nikolaus fast ganz dem fürstlichen Ein- 
flüsse überlieferte, und das von ihm neugegründete zu Köln 
zur Versorgung der kurfürstlichen Räte ausreichten. Fried- 
rich machte schliefslich auch von der Genehmigung, die 
Mansionarien und die Präcentorei zu Lebus nach Köln zu 
übertragen 1 , keinen Gebrauch, obwohl ihm ursprünglich 
bei der Umwandlung der Schlofskapelle in ein Stift 2 der 
Gedanke vorgeschwebt hatte, hier in seiner neuen Residenz 
einen Mittelpunkt des kirchlichen Lebens seines Fürstentums 
zu schaffen, wie ihn die fränkischen Lande seines Hauses 
in dem Guiu brechtstifte zu Ansbach besafsen und wie es 
hier, wenn die Hauptstadt Sitz der Bisturasregierung des 
schon vielmals verlegten Lebuser Bistums wurde, noch in 
viel höherem Mafse hätte eintreten können. Aber Friedrich 
benutzte weder diese noch so manche andere Vergünstigung, 
die ihm der Papst während der Jahre des Kampfes mit 
dem Baseler Konzil förmlich in den Schofs warf. Selbst 
das von ihm besonders wertgeschätzte Vorschlagsrecht bei 
Bischofserneunungen liefs er nach anfänglicher starker Be- 
nutzung zuweilen fallen und erlaubte den Kapiteln eine 
Wahl vorzunehmen, wenn er nur über die Zuverlässigkeit des 
Kandidaten der Domherren Gewifsheit hatte. Und wo er 
■Geistliche von ihrer Stelle vertrieben, nahm er sie nachher, 
wenn sie sich gefugt hatten, wieder zu Gnaden an s . Wie 
in seinem Kampfe mit den Städten, so sah er auch hier 
von allen nicht unbedingt nötigen Veränderungen ab und 
brachte es doch fertig, seine Stellung zur Kirche seines 
Landes ganz anders zu gestalten, als in allen Nachbarlanden 
und als sie zu den Zeiten seiner Vorgänger gewesen war. 

Die Fülle der päpstlichen Zugeständnisse hätte allein das 
nicht ermöglichen können. Andere deutsche Länder waren 
von der Curie in diesen schweren Tagen noch viel frei- 



1) A. 24, 432f. 

2) Siehe unten. 

3) Tilemann Pellen, Propst zu Spandau, den Friedlich entfernt 
wird dann doch wieder Propst. 

ZeiUchr. f. K.-O. XIX. 4. 35 

4 

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40G - 



PRIEBATSCH, 



gebiger bedacht worden. Man braucht nur an die Kon- 
zessionen zu erinnern, die der Kaiser im Jahre 1448 und 
hernach 1468 bei seiner italienischen Reise davontrug. Auch 
in Bayern und in Sachsen waren den Fürsten die benach- 
harten Bistümer überantwortet und die Besteuerung der 
Geistlichkeit ausdrücklich genehmigt worden; es wurden 
ihre dynastischen Pläne, jüngere Söhne in z T. sehr ent- 
legenen Bistümern zu versorgen, bereitwilligst gefordert, ohne 
den sehr weltlich denkenden Herren kirchliche Verpflich- 
tungen aufzuerlegen '. Während sich die Hohenzollern erst 
in viel späterer Zeit einen Anteil an den nicht märkischen 
Stiftern zu sichern vermochten, beherrschten die Bayern, 
bereits um die Mitte des 15. Jahrhunderts die erzbischöf- 
lichen Kirchen zu Köln und Magdeburg, die bischöfliche 
zu Strafsburg u. b. w., und es giebt in der zweiten Hälfte 
des Jahrhunderts kaum ein wichtiges deutsches Bistum, in 
das die Wettiner nicht einen ihrer Prinzen oder Beamten 
zu bringen verstanden hätten, oder auf das sie nicht zum 
mindesten eine Anwartschaft erwarben * Schon wurden 
sogar allerhand Säkularisierungspläne bei ihnen laut 3 . Für 
die gröfseren Territorien kann es bereits als ausgemacht 
gelten, dafs der Fürst sich für belügt hielt, in den geistlichen 
Pfründen seine Beamten unterzubringen, und dafs diesen 
dann die Amtspflichten vor den geistlichen Obliegenheiten 
vorgingen. Bei der Begründung der deutschen Universitäten 
zeigte es sich ja, wie frei die Fürsten, aber auch die Städte 



1) Archiv für Kund«« «Hto-r. (ics< hichtsquellen VII, 140 

2) Von sächsischen Prinzen wurde Emst Erzhischof von Magdeburg 
und Bischof von Halberstndt, Albrecht Eizbischof von Mainz, Friedrich 
Hochmeister des Deutschen Ordens, Sieginund Bischof von Wurzbur*. 
In den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts wurde die Ernennung säch- 
sischer Piinzen zu Koadjutoren in Bamberg, Hildosheim und Würzburg 
von den dortigen Bischöfen angebeton und betiiebeu. In den Bistümern 
Naumbug, Merseburg, Meifeen safsen nur getreue sächs. Beamte, ein 
solcher (Mockau) wurde Bischof von Brixen und Kardinal. Die den 
Sachsen ebenfalls erpebenen abhängigen Vasallengescblechter der Beich- 
lingen und Schwarzbuig erlangten die Stifter Magdeburg, Münster i:nd 
Bremen u. a. 

3) Ulmann, Maximilian I. I, P83. 



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STAAT UND KIKCHE IN DEK MARK BRANDENBURG. 407 



mit kirchlichen Stiftungen schalteten Selbst ein Eiferer 
wie Jakob von Jüterbock hatte gegen die Verwendung 
kirchlicher Einkünfte zu weltlichen, allerdings zu wohl- 
thätigen Zwecken bereits nichts zu erinnern gefunden *. 
Aus allen Gegenden mehren sich jetzt die Beispiele skrupel- 
loser fürstlicher Härte und Habgier gegenüber der Kirche. 
Der Briefwechsel zwischen dem päpstlichen Ablafssammler 
Marianus von Fregeno und dem am Ertrage beteiligten 
Herzoge Friedrich von Sachsen bietet hübsche Belege hier- 
für 3 . Solche Sammlungen werden überhaupt nur noch 
gestattet, wenn daneben etwas für die fürstliche Kasse 
abfällt. 

Ein grofser Teil der Fürsten glaubt, durch die Gnade 
Gottes kraft des Fürstenamtes innerhalb der Kirche eine 
besondere Stellung beanspruchen zu dürfen. Es giebt keine 
kirchliche Vorschrift, von der er sich nicht unter Umständen 
dispensiert. Aus der grofsen Zahl der Heiligen sucht er 
sich die heilig gesprochenen Königskinder heraus, benennt 
nach ihnen seine Spröfslinge und widmet ihnen als den — 
um so zusagen — ebenbürtigen Fürbittern einen besonderen 
Kultus. Von den zahlreichen Demütigungen, die die Kirche 
auch von den Grofsen dieser Erde zu fordern pflegte, ist 
nirgends die Rede; nur durch prunkvolle Kirchfahrten und 
Prozessionen, durch ritterliche Reisen in ferne Lande glaubt 
der Hochgeborene Gott würdig dienen zu können. 

Wo aber ein wirklich frommer Füret regierte, wie etwa 
Albrecht III. von Bayern oder Wilhelm von Sachsen, da 
kam es wohl vor, dafs der Landesherr die Kirchenzucht zu 
bessern unternahm und dem Reformeifer seiner geistlichen 
Freunde seine Macht zur Verfugung stellte 4 , aber die Un- 



1) Kauf mau u, Gesch. d. deutschen Univ. II, 44. 

2) Ulimann, Reformatoren vor der Reformation II, 196. 

3) Dresdener Hauptstaatsarchiv. W. A. Religionssachen. 

4) Vgl. Kolde, Die Augustinerkongregation, über Wilhelms kirch- 
liche Landesordnung von 1446. Alle kirchlichen Verhältnisse, soweit 
sie von Interesse für den Staat sind, sind darin geregelt Piiester, die 
sich ungebührlich halten , werden bestraft. Anrufung ausländischer 
geistlicher Gerichte wird verboten, inländischer eingeschränkt. Geist- 

35* 



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4 OS 



PK1KBATSCII, 



geduld, mit der sie auf den Erfolg ihrer Bemühungen warteten, 
ihr fürstliches Selbstgefühl, ihre Radikalmittel und gelegent- 
liche Härten hinderten, dafs der Klerus — auch der bessere 
— sich unter ihnen besonders wohl fühlte und sich ihnen 
so bereitwillig unterordnete, wie dies in der Mark in der 
Zeit Friedrichs II. geschah. Friedrichs Regiment beruht 
auf einer innigen Verschliugung mit den kirchlichen Inter- 
essen; es zeigt bereits die Züge des Waltens des suinmus 
episcopus der Relormationsepoche. Es ist nicht leicht, hier- 
von eine genaue Darstellung zu geben. In eiuem aus 
Erfurt, vielleicht von einem der vielen märkischen Minoriten, 
die dort lehrten, stammenden Briefe wird versichert, dafs 
Friedrich mit seinen Geistlichen nach Belieben schalten 
könne \ und einige bekannt gewordene Fälle, in denen er 
Kleriker zum Verzicht auf ihre Stellen zwingt, mit Aus- 
weisung aus seinen Landen bedroht u. s. w. dürften dies 
bestätigen. Kirchlichen Interessen vorwiegend zugewandte 
Schriftsteller, wie Matthias Döring, setzen all' ihre Hoffnung 
auf Friedrich und nicht auf die zuständigen kirchlichen 
Organe. Gerade Döring entwirft ein fast ideales Bild von 
Friedrich, dem Schirmherrn und Leiter seines Landes und 
seiner Kirche *. 

Diese einflufsreiche Stellung, die in Bezug auf die einzelnen 
Gebiete, auf denen sie sich äufsert, nachher noch ausführ- 
licher zu begründen sein wird, und den Ruhm, den er vor- 
nehmlich in den Kreisen derer fand, die eine Besserung 
kirchlichen Wesens auf irgendwelche Art anstrebten, dankt 
Friedrich nun ganz gewifs nicht seiner Stellung zu den reli- 
giösen Parteien und den Problemen, welche die christliche 
Welt erfüllten. Die grofsen Fragen, die die Kirchenver- 
sammlungen beschäftigten, erregten ihn nur wenig. Er 
halste jede Abweichung von der katholischen Lehrmeinung 

liehe, die rein weltliche Sachen annehmen, verlieren alle Einkaufte; der 
Prozessierende hat ohne weiteres verloren. Vgl. auch Wegele, Thür. 
Geschqu. II, 460 f. Wilhelm duldet nicht, dafs jemand wider seinen 
Willen gebannt wird. Kolde a. o. O. S. 116. 

1) C. I, 406 f. 

2) Siehe roten. 



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STAAT UND KIHCIIK IN DER MAKE KR ANDENBURG. 409 



und verfolgte sie ohne Nachsicht. Er war sich der schweren 
Verantwortlichkeit voll bewirfst, in Glaubensfragen ein Feuer 
zu entzlinden, das er nicht würde löschen können x . Er 
war ein schlichter, frommer Mann voll Gottvertrauen, reli- 
giöser Zuversicht und Bekenntnisfreudigkeit, nicht ohne 
einen Anflug schwärmerischer Verklärung, und tief erfüllt 
von demütiger Zerknirschung über seine Sünden. Der 
Jungfrau Maria widmete er eine begeisterte Verehrung, und 
er hat in einigen Verson, die er ihr zu Ehren sang und 
vielleicht selbst verfafste *, und in einem Gebete, das er 
selber niederschrieb, das, was seine Seele bewegte, nieder- 
gelegt. Durch Teilnahme an möglichst vielen frommen 
Brüderschaften und durch Einschliefsung in das Gebet und 
die Andachtsübungen zahlreicher Klöster suchte er sein 
Anrecht auf die himmlische Gnade zu vermehren; er 
schreckte auch davor zurück, gegen die märkischen Wunder- 
stätten irgendwie einzuschreiten, obwohl die Zweifel gegen 
die Heilkraft und die Echtheit der vornehmsten derselben, 
der Wilsnacker, in aller Munde waren und gerade bei den 
frömmsten und wahrheitsliebendsten Männern zu scharfen 
Anklagen gegen das ganze Treiben geführt hatten. Die 
offenliegenden Schäden der Kirche entgingen ihm zwar 
nicht, er fühlte sich auch verletzt durch das schroffe Vor- 
gehen Eugens IV. gegen die rheinischen Kurfürsten, aber 
er sah es nicht als seines Amtes an, hiergegen mehr zu 
thun, als seinen Standpunkt zu wahren. Er unterstützte 
bei Benediktinern und Augustinern die Bestrebungen nach 
Klosterreform, Wiedereinführung strengerer Hegel, er wandte 
sogar einmal, wo sie besonders verbissenen Widerstand 
fanden, Gewalt an 3 . Aber er schirmte daneben die Fran- 
ziskanerkonventualen gegen den Ansturm der Observanten * 
und ahmte dem Beispiele anderer Fürsten nicht nach, die 
bisweilen, von frommem Eifer erfaßt, ein verlottertes Kloster 

1) A. 2, 148. 

2) K lüden, Marienverelming, S. 105 f. 

ü) Geschichtsquellen der Prnv. Sachsen XIX, 500-504, vgl. auch 
Sitzungsher. der Herl Akad. 1883, S. 459 f. 
4) So schützt er Döring. 



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410 



PRIEBATSCH, 



überfielen, die Mönche austrieben oder unvermittelt einem 
überaus strengen Leben unterwarfen. Er mag das vergeb- 
liche solcher Bemühungen erkannt haben; denn er erzählte 
dem Augustinerchorherrnprovinzial Johann Busch, der ihm 
seine Ziele verführerisch schilderte, dafs sein Vater ein 
fränkisches Kloster reformiert habe, dafs aber trotzdem die 
Unsittlichkeit die alte geblieben sei *, und er fragte ihn, 
ob er denn so genau wisse, welches Habit der heilige 
Augustinus getragen habe *. Er unterschied sich auch darin 
von den drängenden Eiferern, dafs er nicht wie sie jede 
Abweichung von der geistlichen Norm, jedes unsittliche 
Vorkommnis öffentlich brandmarken zu müssen glaubte; 
wenn man ihm Klatsch über das innere Leben märkischer 
Klöster zutrug, wies er ihn vornehm zurück; er wollte 
jedenfalls nicht noch mehr davon an die Öffentlichkeit ge- 
langen lassen 3 . Mit einigen Führein uer Klosterreforraer 
stand er zeitweise in vertrauten Beziehungen, so mit Busch, 
vielleicht auch mit Proles 4 ; er räumte ihnen aber deswegen 
keinerlei Einflufs auf die politischen Angelegenheiten ein, 
wie sie ihn in anderen Ländern, so in Sachsen, bisweilen 
fanden Man braucht blofs die Gespräche, die Busch mit 
ihm führte, zu lesen, um zu sehen, wie wenig der streitbare 
Chorherr in Friedrichs Politik eingeweiht war. Ebensowenig 
folgte Friedrich aber den Ratschlägen der konziliaren Oppo- 
sition, obwohl Matthias Döring sein Rat war, seinen Schutz 
genofs und ihm seine papstfeindlichen Schriften zusandte. 
Seine vertrauten Ratgeber geistlichen Standes waren harte 
Kanonisten, von Freude an mönchischer Askese ebensoweit 
entfernt, wie von Anerkennung der Berechtigung irgend- 
welcher Auflehnung gegen die Kurie. 

Dem sektiererischen Treiben, das namentlich in den nörd- 
lichen Landschaften der Mark die unteren Schichten der 



1) Geschichtsquellen a. a. 0. S. 434. 

2) Geschicbt8quellen a. a. 0. S. 434. 

3) Sello, Lehnin, S. 164. 

4) 1458 fand auf märkischem Boden zu Königsberg das Pro- 
viuzialkapitel der sächsischen Augustineretemiten statt. Kolde a. a. 0. 

S. 92. 



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STAAT UND KIRCHE IN DEtt MARK BRANDENBURG. 411 



Bevölkerung erfafst hatte, stand er ohne Verständnis, seit 
die Verbindung der geheimen Brüderschaften mit den böh- 
mischen Ketzern offenbar geworden, als erklärter Feind 
gegenüber. Harte Strafen, die den Schneider Hagen und 
seine Genossen trafen, legen davon Zeugnis ab So war 
er keiner Richtung in der Kirche zuzurechnen, wenn ihn 
auch alle umwarben und sich mit ihm beschäftigten, die 
einen ihn für Verbreitung der heiligen Schriften unter dem 
Volke und Anregung der Laien *, die andern für Reform 
der Klöster, die dritten für den Kampf gegen die Kurie, 
wieder andere für oder gpgen die Wilsnacker Wunder, 
andere für den sinkenden deutschen Orden zu gewinnen 
suchten. Jn dieser Wirkung, die er auf so verschiedenartige 
Strömungen durch die Lebhaftigkeit seiner kirchlichen In- 
teressen und durch seine lautere Persönlichkeit ausübte, 
läfst sich besser als aus seinen Regie rungsakten die Be- 
deutung ermessen, die er für das kirchliche Leben seiner 
Zeit und seines Landes errungen hat. Zwei Vertreter ganz 
entgegengesetzter Richtungen mögen das erhärten. Die 
Klosterreform im Sinne Eugens IV. und Nikolaus V. besafs 
in Norddeutschland keinen zäheren und erfolgreicheren Ver- 
trauensmann als den Holländer Johann Busch, Propst zu 
Neuwerk, später Provinzial der sächsischen Augustinerchor- 
iierren s , einen jener Männer von glücklicher Einseitigkeit 
und starrer Folgerichtigkeit, die zu Parteiführern wie ge- 
schaffen sind. Friedrich traf mit ihm auf einer Reise in 
Halle zusammen, feierte mit ihm das Osterfest, nahm ihn 
zu sich in sein Schlafgemach und führte mit ihm lange Zeit 
erbauliche Gespräche über Gott und das Gewissen, über 
liturgische Fragen, über Klosterzucht u. a. 4 . Busch war 
entzückt von dem gottseligen, freundlichen Fürsten, dessen 
kluge, edle Worte er bewundert, und gab ihm auch seiner- 
seits mehrere Ratschläge, empfahl ihm ein gutes Verhältnis 



1) Vgl. Abh. d. Beil. Akad. 1886 III, 72 f. 

2) C. I, 406. 

3) Vgl. über ihn die Arbeit und die Edition von Grube. 

4) Geschichtsquellen XIX, 772. 



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412 



PRIKDATSCH, 



zu dem Magdeburger Erzbischofe, einem Horte der Reformer, 
aber bisher steten Gegner Kurbrandenburgs. Er war noch 
mehr hingerissen, als er erfuhr, dafs die Erinnerung an 
diese Unterredung Friedrich zu grofser Nachgiebigkeit auf 
einem bald darauf stattfindenden Verhandlungstage bewogen 
habe. Da hört er, Friedrich habe bei einer Belagerung, 
um die Stadt in seine Gewalt zu bekommen, Feuer hinein- 
geschossen, unbekümmert um das Schicksal der Kirche, die 
dann auch in Flammen aufging. Nun wird er an seinem 
Helden irre, er verwünscht ihn ebenso sehr, wie er ihn 
vorher gepriesen hat. Er verlangt für ihn die schrecklichsten 
Höllenstrafen, will ihn über einem Feuer rösten lassen. 
Man wirft ihm ein, „Gott sei langmütig"; „so langmütig 
könne er nicht sein", erwidert er, „um solches ungesühnt 
zu lassen". Er bleibt bei seiner Verurteilung, selbst als er 
erfahrt, Friedrich sei nach Jerusalem gepilgert habe vom 
Papste die geweihte goldene Rose empfangen und sich mit 
dem Erzbischofe von Magdeburg vertragen. Erst allmählich 
besänftigt er seinen Sinn und wird völlig versöhnt, als er hört, 
Friedrich habe der Regierung entsagt und in einem fränkischen 
Kloster Frieden und ein seliges Ende gefunden. So schwankt 
er zwischen Hafs und Liebe ; er glaubt, den Kuriursten einer- 
seits schärfer beurteilen zu dürfen als andere, denn die Ein- 
äscherung einer Kirche war doch in dieser kriegerischen Zeit, 
die mit Vorliebe Gotteshäuser und Friedhöfe zur Verteidigung 
wählte, kein gar so verdammungswürdiges, unverzeihliches 
Verbrechen. Anderseits läfst er doch den Fürsten, den 
er schon verloren gegeben, nicht aus den Augen, er greift 



1) Über die Pilgerreise Fnediichs II. vgl. aufser den wenigen 
Stellen bei Geisheini: Die Hohenzollem am heil. Grabe noch 
Zerbster Stadtarchiv II, 18. Bürgermeister und Rat beider Städte 
Brandenburg an den Rat zu Zerbst. Kurfürst Friedrieh sei von seiner 
Pilgerreise übers Meer zurückgekehrt, über Venedig nach Deutschland 
gekommen. Bitten um event. Nachricht über sein Herannahen — am 
dage saneti Jeionimi anno domini etc. 1453; ferner deu Bericht bei 
Voigt, Die Erwerbung der Neumark, S. 337. Am 6. November 1453 
traf Fiiediich wieder in Berlin ein. C. 1, 318. Vgl. auch Voss. Ztg. 
1898, Nr. 481. 



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STAAT UND KIRCHE IN DEU MARK BRANDENBURG. 41& 



alle N achrichten auf, die er über ihn hört, modelt und 
formt an dem Bilde, das er sich von ihm gemacht und ist 
schliefslich glücklich, berichten zu können, Friedrich habe 
zu Vertrauten geäufsert, er verlange sehnsüchtig nach einer 
neuen Unterredung mit ihm, und Busch könne von ihm 
verlangen, was er wolle 

Gestaltete sich so das Charakterbild Friedrichs bei einem 
Manne, dessen harte Parteigesinnung keine Abweichung von 
seinen Lehren zuliefs, und der überdies in dem Kurfürsten 
den Feind seines Schutzherrn, des Erzbischofs von Magdeburg 
erblicken mufste, so weist die Zeichnung bei dem Prieg- 
nitzer Döring, dem märkischen Landeskinde, dem tapferen 
Minoritcn mit seinen hoch über den mönchischen Plänen 
eines Busch schwebenden Zielen ganz andere Züge auf* 

Matthias Döring hatte seine kirchenpolitische Bildung 
aus den Schriften des Marsilius von Padua und des Wilhelm 
von Occam geschöpft, den Beratern Kaiser Ludwigs im 
Kampfe gegen die Kurie. Er hatte dann auf der Baseler 
Kirchenversammlung zu der entschiedensten Opposition ge- 
hört und bei ihr ausgeharrt bis ziemlich zum Ende. Seit- 
dem führte er als sächsischer Provinzial einen zähen Kampf 
gegen den vordringenden, von den Päpsten begünstigten 
Obscrvantismus und zog sich endlich entmutigt und enttäuscht 
in eine Klosterzelle seiner Heimatstadt zurück. Er ver- 
zweifelte an Papst, Kaiser, Konzil, Fürsten, und wenn er 
in seiner Erbitterung die geistlichen und weltlichen Macht- 
haber musterte, glaubte er überall Unwissenheit, Feigheit 
und sittliche Fäulnis wahrnehmen zu müssen. Nur im Hin- 
blick auf einen einzigen richtet sich sein Mut wieder auf, 
und das war Friedrich. Sein Bild malt er mit besonderer 
Freude, er schildert seine rühmlichen Kriegsthatcn, wünscht 
sich ihn als Kaiser, rühmt, dafs ihn alle Wohlgesinnten ver- 
ehren, ist beflissen, ihm Dienste zu leisten. So schreibt er 



1) Geschichtsquellen XIX, 773. 

2) Vgl. über ihn die Schiift von Albert. M. Döring, und Geb- 
hards zwei Aufsätze in der Histor. Zritschr , Bd. L1X und dem Neuen 
Archiv, ferner Albert im Histor. Jahrbuch XI, 439-490. 



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414 



PH I EH ATSCH, 



ad jussum Friedrichs 1 für die Wilsnacker Wunder, obwohl 
er anderen Wundergeschichten ziemlich ungläubig gegen- 
übersteht Und wohl im Hinblick auf ihn verwirft er die 
Volkssouveränität und sieht in den Fürsten die Grundlage *. 
Die Fürsten, meint er, haben die Ketzer zu strafen, nicht 
die Kirche. In seinen Herzenswünschen, der Reform der 
Kirche, hat er auf Friedrichs Teilnahme nicht zu rechnen. 
Vielleicht hat er sich aber schon bekehrt zur Landeskirche, 
zu der Art, wie Friedrich die kirchlichen Dinge seines 
Landes zu leiten und zu bessern bestrebt ist. 

Denn so war Friedrich. In einem Lande, das bisher 
unter der Verwilderung, Entartung, Disziplinlosigkeit des 
Klerus schwer gelitten hatte, kam mit ihm ein Fürst zur 
Regierung, dessen Lauterkeit und Frömmigkeit unantastbar 
waren. Er erringt im Anschlufs au die rechtmäfsigen Ge- 
walten bedeutsame Vollmachten der Kirche seines Landes 
gegenüber. Diese Privilegien sind frei von dem Makel, der 
den Zugeständnissen, die andere Fürsten erhielten, auf- 
gedrückt war, sie seien durch den Abfall von der nationalen 
«Sache der Reformen erkauft. Friedrich konnte keiner des 
Abfalles zeihen, da jedermann wufste, dafs er sich niemals 
zu dem Kampfe gegen die Kurie ein Herz hatte fassen 
wollen, und dafs dieser ganze Kampf seiner Art widerstrebte. 
Friedrich machte dann von den päpstlichen Bewilligungen 
durchaus würdigen Gebrauch; gegen die Männer, die er in 
höhere Kirchenstellen beförderte, läfst sich keine Einwendung 
erheben. Durch Gründung frommer Brüderschaften suchte 
er in die etwas hausbackene Frömmigkeit seiner Märker 
höheren Schwung zu bringen, vor allem den Adel dafür zu 
gewinnen. Er kargte nicht mit Bewilligungen für geistliche 
Stiftungen, hatte für Klostergründungen eine so offene Hand 
wie wenige Fürsten 3 ; er sorgte lür Sonntagsruhe und für 



1) Albert S. 71. 

2) Albert S. 103. 

3) Er gründete das Pauliner Predigerkloster in Tangermttnde A. 16, 
65, das Augustiiierinneokloster za Stendal A. 15, 309 f., das Domstift 
zu Köln u a. 



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STAAT UND KIKCHE IN DER MAHK BUANDENBLKG. 41Ü 

gröfscrc äufsere Heilighaltung der Festtage ! . Er sah es 
als seine Aufgabe an, gegen die Ketzer einzuschreiten. Im 
Jahre 1458 liefs er sich zu einer harten Verfolgung gegen 
harmlose waldensische Sektierer hinreifsen. Die Angeschul- 
digten unterstanden zumeist dem pommerschen Bischöfe von 
Kammin; Friedrich läfst aber die Untersuchung durch den 
Bischof von Brandenburg und seinen Rat Dr. Kannemann, 
den eifrigen Verteidiger der Wilsnacker Wunder, vornehmen. 
Die beiden besitzen zu ihrem, den Bischof von Kammin 
umgehenden Verfahren keinerlei besondere päpstliche Er- 
mächtigung und handeln lediglich in kurfürstlichem Auftrage. 
Die Verhöre fanden in Gegenwart Friedrichs im Kölner 
Schlosse statt 2 ; sie enden mit der Verbrennung des Führers 
der Angeklagten. 

Friedrichs Standpunkt kann man am besten dahin prä- 
cisieren: Er gehörte bereits der neuen Generation an, die 
das Scheitern der konziliaren Entwürfe miterlebt, anderseits 
auch die entsetzlichen Vorgänge mit angesehen hatte, die 
auf die Lostrennung Böhmens von der Kirchengemeinschaft 
gefolgt waren. Eine Reaktion auf Grund solcher Erfahrungen 
konnte nicht ausbleiben. Weite Kreise flüchteten damals 
wieder in die Kirche und sahen darin den einzigen Ausweg, 
den befürchteten vollkommenen Umsturz der Weltordnung 
zu vermeiden; sie bequemten sich wieder dazu, alle kirch- 
lichen Satzungen aufs strengste zu erfüllen. Aber da hier- 
durch die Wiederherstellung der gesamten Kirche nicht zu 
erwarten war, legte man munter die Hand an, um unter 
Verzicht auf alle grofsen Pläne, wenigstens vor der eigenen 
Thüre zu kehren, die schlimmsten Mifsbräuche abzuschaffen. 
Die weltlichen Obrigkeiten überbieten sich daher, wenn 
irgend möglich im Anschlufs an die Kirche und mit ihrer 
Billigung, sowie unter Schonung der geistlichen Interessen 
die unerläfslichsten praktischen Reformen herbeizuführen. 
Auch Friedrich hat, wenn er bewufst nach einer märkischen 
Landeskirche strebte, den Einflufs fremder Bischöfe auf 



1) A. 12, 39G. Räumer I, 237. 

2) Abb. d. Berl. Akad. d. Wiss. 186G, Bd. III, S. 72. 



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416 PKIEBATSCH, 

brandenburgisches Land möglichst beschrankte, das Über- 
greifen der Geistlichkeit auf weltliches Gebiet verhinderte,. 
Kleriker, die sich ihm in den inneren Kämpfen der Mark ent- 
gegenstellten, empfindlich strafte, dabei doch die geistlichen 
Interessen energisch vertreten, ihre Lehren, ihre Wunder- 
stätten geschützt, ihre Sicherheit in diesem unruhigen Lande 
gewährleistet. Die theologischen Angriffe gegen das Wils- 
nacker Treiben fafste er als Angriffe gegen sein Fürstentum 
auf, erhob bei dem Territorialherrn des Hauptwortführer* 
Beschwerde und suchte sich dann mit ihm auf Verhandlungs- 
tagen zu verständigen, geradeso als ob es sich um Grenz- 
berichtigungen oder Raubthaten und Ahnliches handelte 
Die Kirche der Mark ist ihm bereits ein Teil seines Fürsten- 
tums 2 . Wenn auf der einen Seite das ungeheuerliche (und 
unwahre) Gerücht, dafs der Kurfürst den Brandenburger 
Bischof persönlich gezüchtigt habe s , zeigt, was alles man 
bei der Macht des Fürsten über seine Geistlichkeit glaublich 
fand, so steht auf der anderen Seite fest, dafs die Geistlich 
keit, wenigstens ihr besserer Teil, im grofsen und ganzen 
ohne erhebliche Konflikte mit diesem Fürsten gut auskam 
und in ihm den berufenen, starken Schirmherrn verehrte. 
Ihm konnte keiner nachsagen, dafs er wie andere Fürsten 
aus den päpstlichen Bewilligungen nur eine Polizeigewalt 
oder ein Recht, den Klerus zu besteuern, herleitete; gerade 
bei ihm sind diese Zugeständnisse ein Ansporn zu rühm- 
licher Fürsorge für die Geistlichkeit und das religiöse Leben 
seines Landes geworden. Er hat zwar auch durch sein 
Beispiel und sein Eingreifen die tiefen Schäden, die der 
Kirche anhafteten, nicht heilen können ; aber er hat doch 
manchen Mifsbrauch beseitigt, manchen ärgerliehen Zank 
unterbunden. Er hat durch die stete Bereitschaft, sich mit 
kirchlichen Angelegenheiten zu beschäftigen, die Geistlichkeit 
seines Landes daran gewöhnt, sich bei Beschwerden lieber 
an ihn als an die zuständigen Organe des Kirchenregiments 



1) Mark. Forsch. IG, 209 n. pafsim. 

2) A. 2, 148. 

3) A. 9, 201. 



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STAAT UND KIUCHE IN DER MARK liU ANDEN BTKG. 417 



zu wenden. Man darf es auch auf seine Wachsamkeit und 
seinen Takt zurückführen, dafs im Vergleich zu früheren 
Perioden und zu anderen Ländern in seiner Zeit sich nur 
sehr wenige Skandalfällc in den kirchlichen Kreisen der 
Mark ereigneten und diese wenigen nicht in die Öffentlichkeit 
gelangten. Selbst so kühne Eiferer und Reformer wie 
Matthias Döring hat er mit den bestehenden Zuständen in- 
folge der Aussichten, die ein besonnenes landesherrliches 
Regiment für die Zukunft erweckte, versöhnen können und 

hren Hoffnungen und Bestrebungen einen neuen Impuls 

gegeben. 

Dafs die Landeskirche es innerhalb der allgemeinen 
weltbeherrschenden Kirche zu einer völlig gesicherten recht- 
lichen Existenz nicht bringen konnte, dafs sie trotz allen 
Segens, den ein frommer Fürst wie Friedrich stiften konnte, 
die schöpferischen Kräfte nicht besafs, um das religiöse 
Leben dauernd zu befruchten und zu vertiefen, das alles 
entging den Zeitgenossen. Man hatte über die Müs stände 
und Mifsbräuche in der entarteten Kirche soviel geseufzt 
und geklagt und ihre Abstellung als so dringendes Bedürfnis 
empfunden, dafs man es jetzt froh begrüfsen mufste, dafs 
hier wenigstens einigermafsen Abhilfe vorbereitet wurde. 
Die Landeskirche ist daher seit dem Scheitern der konziliaren 
Bewegung in ganz Norddeutschland die einzige Hoflriung 
aller derer, die an einer Besserung der kirchlichen Verhält- 
nisse noch immer nicht verzweifeln wollten. Der Augustiner- 
eremit Proles, Provinzial von Sachsen, der ja auch in der 
Mark, auf deren Boden er das wichtige Provinzialkapitel 
von 1458 abhielt, kein Fremder war, sprach es offen aus 1 : 
Ist es nicht möglich, mit Hilfe der Ordensobern zum Ziele 
zu kommen, dann mit Hilfe der weltlichen Fürsten. Diese 
haben nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, hier 
einzugreifen. Der Meklenburger Dessin meinte wenig später *, 
der Fürst ist für seine Unterthanen vor Gott verantwortlich. 
Jakob von Jüterbock hält dafür: spes reformandi maxime 



1) Kolde S. 109, vgl. auch S. 113. 121. 

2) Jahrb. f. meckl. Gesch. u. Alteitumskunde XVI, 7. 



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418 



1'KIEBATSCH, 



residet apud praesidentes 1 ; da er an den Reformeifer der 
Kirchenobern nicht mehr glaubte, die Unfehlbarkeit des 
Papstes verwirft und den päpstlichen Stuhl selber für der 
Verbesserung bedürftig hält, deutet auch er damit an, dafs 
er, wenn nicht von den Konzilien, von der weltlichen übrig- 
keit das Heil erwartet. 

Diese Lehren vertrugen sich vortrefflich mit den ge- 
schilderten hochgespannten landesherrlichen Begriffen von 
ihrer eigenen Fürstlichkeit und den Befugnissen des modernen 
Staates; sie wurden von den Fürsten überall mit Begierde 
aufgegriffen. Herzog Wilhelm von Sachsen, an den die Er- 
mahnung von Proles gerichtet war, zeigte durch die kirch- 
liche Landesordnung vom Jahre 1446, wie sehr er sie zu 
berücksichtigen willens war; er liefs es auch nicht bei der 
Zurückführung der Mönche zu strengerer Zucht bewenden, 
sondern forderte auf allen Gebieten Unterordnung des Klerus 
und Beschränkung der Kirche auf ihren eigentlichen Beruf. 
Da er aber durch seinen nicht einwandsfreien Lebenswandel, 
durch die Härte gegen seine Gemahlin, durch anstöfsige 
Liebesgeschichten, durch launenhaftes Verhalten seinen Be- 
amten gegenüber Ärgernis erregte, konnte er die Stellung, 
die Friedrich zu seiner Kirche besafs, nicht erringen 
Ebensowenig ist dies einem anderen Fürsten geglückt. 



II. 

Kirchliche Anschauungen Albreohta. 

Als Friedrich im Jahre 1470 zu gunsten seines Bruders 
Albrecht zurücktrat, war an eine Gefahrdung der landes- 
herrlichen Macht durch geistliche oder bischöfliche Unbot- 
mäfsigkeit nicht mehr zu denken, obwohl die meisten der 
päpstlichen Privilegien nur für die Lebenszeit Friedrichs 
erteilt waren. Es liefs sich zwar annehmen, dafs die be- 
nachbarten Bischöfe, deren Sprengel in märkisches Gebiet 



1) U Ilmann, Reformatoren vor der Reformation II, 197. 

2) Vgl. z. B. Dörings Urteil über ihn. 



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STAAT I'ND KIRCHE IN DER MARK BRANDENBURG. 419 



hineinragten, darnach trachten würden, ihren früheren Ein- 
flufs zurückzugewinnen; die eigentlich märkische Geistlich- 
keit hatte sich aber schon zu sehr an die Unterordnung 
unter den Landesherrn gewöhnt, um der Herrschaft noch 
irgendwie ernsten Widerstand leisten zu können. Indes 
kam auf die Persönlichkeit des Herrschers doch noch sehr 
viel an. Friedrichs Ansehen gründete sich, wie gezeigt 
worden, mehr auf seine Persönlichkeit als auf die einzelnen 
päpstlichen Zugeständnisse; sein Wirken läfst sich etwa mit 
der Stellung vergleichen, die Ludwig der Heilige innerhalb 
der französischen Kirche seiner Zeit einnahm. 

Der neue Herr — Albrecht — stand zu den kirchlichen 
Fragen anders als sein Bruder: ihm fehlte dessen innige 
Frömmigkeit. Er war ein kühler, spöttischer Praktiker 
ohne jeden Zug von Mystik und überdies mit der Geist- 
lichkeit bereits oft genug zusammengeraten. 

In dem Kampfe zwischen Eugen IV. und der Baseler 
Kirchenversammlung hatte auch Albrecht sich ohne Bedenken 
auf die Seite des Papstes gestellt. Er hatte dafür eine 
Reihe erheblicher Vergünstigungen erhalten, darauf aber 
doch nicht eine thatsächliche Herrschaft über die Geistlich- 
keit des Nürnberger Burggraftums begründen können. Je 
mehr er darauf aus war, je höhere Anforderungen er an sie 
richtete, um so mifstrauischer wurde sie gegen seine Ab- 
sichten. Während im Norden die Kirche um diese Zeit 
unter monarchische Zucht geriet, bemächtigten sich im Süden, 
wo außerhalb der wittelsbachischen Gebiete gröfsere Terri- 
torien fehlten, aristokratische Elemente der Herrschaft. Der 
süddeutsche Adel regierte die Bistümer und wahrte sie eiter- 
süchtig vor der Begehrlichkeit der benachbarten Kleinfürsten. 
Die fränkische Geistlichkeit besafs daher einen starken 
Rückhalt an diesen aristokratischen und gegen die fürstlichen 
Absichten äufserst argwöhnischen Bischöfen, die ja zugleich 
mächtige Territorialherren waren und durch die Anlehnung 
an Albrechts Feinde, die Wittelsbacher, ihre Stellung noch 
wesentlich gefestigt hatten. Albrecht hatte daher auf viele 
der päpstlichen Bewilligungen thatsächlich verzichten müssen 
und konnte von denen, die ihm geblieben waren, oder die 



42U PK IE H ATSCH, 

er von neuem aus Rom ei hielt, keinen uneingeschränkten 
Gebrauch machen. Er mufste nach langen Kämpfen schliefs- 
lich zulassen, dafs seine Geistlichen seinem argen Feinde, 
dem Würzburger Bischöfe, das subsidium caritativum ent- 
richteten und bei Aufgeboten des Reiches eher daran dachten, 
ihren Bischof als ihren Laudesfürsten zufrieden zu stellen. 
Die Geistlichen waren um so mehr gesonnen, sich jedenfalls 
des Schutzes ihrer Bischöfe zu versichern, als Albrecht un- 
erschöpflich darin war, seinem Klerus mit immer neuen Zu- 
mutungen zu kommen und aus seinem Patronatsrechte fort- 
während neue Besteuerungs-, Einquartierungs-, Darlehns-, 
Vogteircchte ableitete, die den Geistlichen unerträglich und 
unrechtmäfsig dünkten. Auf die Vermehrung kirchlicher 
Stiftungen legte er wenig Wert; er war nicht gerade un- 
kirchlich gesinnt, er hielt es z. B. für eine Sünde, über die 
Grenzen der päpstlichen Gewalt zu disputieren, führte fromme 
Sprichwörter im Munde, beobachtete alle kirchlichen Feiern, 
legte Wert auf die Heilkraft der Reliquien, die er namentlich 
bei Schwangerschaften seiner Frau sich von weither ver- 
schrieb er zog nach Jerusalem *, trug ein Amulet an 
seinem Halse 3 und hielt sparsam, auch seinen Töchtern 
gegenüber, Haus mit dem nicht eben grofsen Reliquien- 
schatze, den er vou seinen Vorfahren übernommen hatte 4 . 
Aber neben dieser Werkheiligkeit offenbaren sich doch auch 
höchst unkirchliche Gedanken. Sie mögen eine Folge des 
langen Verkehrs mit Gregor Heimburg und anderen Re- 
formern, sowie der Nachbarschaft der hussitischen Böhmen 
gewesen sein; deren Lehren hatten ja auch auf Teile der 
Bevölkerung des Nürnberger Burggraftums, sogar auf an- 
gesehene Adelsfamilien, wie die Autsefs und Wirsberg, Ein- 
flufs gewonnen. Albrecht äufserte sich z. B. dahin, dafs 
Gebet und Erbauung nicht an die kirchlichen Stätten ge- 
bunden seien ft , dafs die vielen Wallfahrten ein Übel, dafs 



1) J\ C. II, 350 f. 

2) 1435 C. J, 197ff. 

3) P. C. II, 586. 

4) Ebenda. 

6) P. C. III, Nr. 713. 



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STAAT UND KIRCHE IN DER MARK BRANDENBURG. 421 



Bann und Kirchenstrafen nur Mittel geistlicher Herrsch- 
sucht seien ! . Er glaubte fest, ein Schützer der Armen 
zu sein, wenn er die kirchlichen Versuche, freiwillige oder 
unfreiwillige Abgaben einzutreiben, möglichst verhinderte 2 . 
Der Geistlichkeit als solcher war er zudem überaus ab- 
geneigt, er bediente sich in Streitigkeiten mit ihr ohne Be- 
denken brutaler Mittel 3 , schalt über ihren Geiz, ihren Wucher, 
der ärger sei als der der Juden 4 , ihre HofTart und ihre ge- 
hässige Kampfesweise. Man darf ihn darum noch nicht für 
einen erklärten Freigeist halten. Die kirchlichen Wirren 
hatten seinen Bruder fromm, ihn gleichgültig gemacht Er 
gleicht in religiöser Beziehung am meisten seinem jüngeren 
Zeitgenossen, Heinrich dem Mittleren von Lüneburg, der 
noch die Anfange der Reformation erlebte und, nach seiner 
Meinung gefragt, erwiderte, der neue Glaube tauge so wenig 
wie der alte 6 . Albrecht steht religiösen Fragen ebenfalls 
gleichgültig, kirchlichen Einrichtungen ohne wirkliche Ehr- 
furcht gegenüber. Dabei betrachtet er aber die Mühen der 
Reformer als nutzlose Arbeit mit überlegenem Lächeln und 
hält sektiererische Umtriebe für strafwürdig 6 . Aber er 
verfolgt hussitische Lehren nicht, die sich in seinen Landen 
zeigen 7 , um die Böhmen nicht gegen sich aufzubringen, und 
er scheint der einzige der süddeutschen Fürsten gewesen 
zu sein, der dem Treiben des Niklashausener Pfeifers nichts 
in den Weg legte, weil er sah, dafs die Wallfahrten zu 
dem Schwarmgeiste dem Würzburger Bischöfe ein Dorn im 
Auge waren. Er kennt auch die italienischen Zustände, die 
geringe Scheu der Wälschen vor den geistlichen Zucht- 
mitteln 8 , ist vertraut mit der Schwäche der Kurie und 
sucht sie auszubeuten. Der prinzipielle Streit zwischen 



1) Ebenda. 

2) P. C. I, 617. 

3) P. C. III, Nr. 713. 

4) P. C. I, 320. 

6) A. D. B. 11, 494. 

6) P. C. II, 584. 

7) Haupt, Die relig. Sekten in Franken, S. 48 f. 

8) P. C. III, Nr. 713. 

ZeiUchr. f. K.-0. XIX. 4. 36 



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422 



PRIEBATSCII, 



weltlicher und geistlicher Gewalt zog ihn lebhaft an, er 
verfügte über eine Menge Beispiele solcher Kämpfe, nicht 
nur selbst erlebter, wie der Händel Siegmunds von Tirol 
mit Nikolaus Cusanus oder der Widersetzlichkeit der rhei- 
nischen Erzbischöfe gegen Eugen IV., er wufste auch merk- 
würdige Geschichten aus der Vorzeit zu erzählen, wie von 
dem Papste, der den Kaiser Barbarossa in den Bann zu 
thun gewagt hatte und schliefslich flüchtig im Kloster zu 
Venedig für einen Pfennig Messe lesen mufste l . 

Albrecht gefiel sich darin, selbst befreundeten verdienten 
Geistlichen ihre Fleischessünden in nicht eben zarter Weise 
vorzurücken 8 . Während sein Bruder Friedrich gerade von 
den Geistlichen, wenigstens von dem besseren Teile, als 
willkommener Vertreter ihrer eigenen Interessen geschätzt 
und gepriesen wurde, mufste es Albrecht erleben, dafs selbst 
die Kleriker, die er in allen anderen Fragen als seine er- 
gebensten Werkzeuge betrachtete, und die an das System 
seiner Politik durchaus gefesselt waren, seine antiklerikalen 
Neigungen mit grofsem Mifstrauen beobachteten und seinen 
staatskirchlichen Plänen mindestens passiven Widerstand ent- 
gegensetzten. Das zeigte sich z. B. bei seinen vielfältigen 
Versuchen, den Klerus zu besteuern, und bei der Familien- 
verbindung mit dem gebannten böhmischen Königshause s . 
Als er hierüber selbst in den Bann verfiel, erinnerte ihn- 
sein einflufsreicher Ratgeber, der streng konservativ ge- 
richtete Propst Peter Knorre mit beachtenswertem Freimute 
daran, dafs er den Gehorsam, den er von seinen Unter- 
gebenen verlauge, auch selber seinen Oberen, vornehmlich 
den kirchlichen, zu leisten habe *. 

Die fränkische Geistlichkeit, die nicht in Albrechts 
Landen safs und auf ihn nicht Rücksicht zu nehmen hatte, 
äufserte sich über ihn entschieden feindselig und verketzerte 
ihn mit mafsloser Heftigkeit. Die Priesterschaft seiner Fiirsten- 



1) C. I, 478. 

2) P. C. II, 565. 585. 592. 613. 

3) M. Ursula hatte Heinrich von MQostcrberg geheiratet. 

4) 1\ C. I, 240 f. 



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STAAT UND KIRCHE IN DER l^ARK BRANDENBURG. 423 



tümer, die nicht so frei reden durfte, machte wenigstens in 
ihren Merk- und Tagebüchern ihrem geprefsten Herzen Luft. 
Das Hauskloster der Burggrafen Heilsbrunn überlieferte der 
Nachwelt alle die Verfolgungen, die es erdulden mufste, und 
schilderte darin die geradezu blutsaugerischen Beamten, die den 
Fürsten zu immer neuen Auflagen, zu Darlehen, die mit der 
Absicht, sie nicht zurückzuzahlen, gefordert wurden, zur Abhal- 
tung von allerhand Gastereien im Kloster, antrieben *. Mochte 
Albrecht auch den Handel, den er mit der Präsentation von 
Klerikern trieb, mit unverfänglichen Namen, Kanzleigeldern 
u. s. w. bemänteln, schliefslich wurden die Klagen über 
diese fürstliche Simonie immer lauter *. Albrecht war — das 
zeigte sich einige Jahre später bei der sogenannten Pfaffen- 
steuer — nur sehr weniger Priester wirklich sicher. Und 
ihr und ihrer Bischöfe steter, wenngleich oft nur passiver 
Widerstand brachte es dahin, dafs er aller päpstlichen Gnaden 
ungeachtet in kirchlichen Dingen nichts ohne die ärgste An- 
fechtung vornehmen konnte 8 und es schliefslich nur seiner 
grofsen Behutsamkeit in Personenfragen und immer neuen 
Aufwendungen in Rom dankte, dafs er bei der Besetzung 
der .wichtigsten Pfründen in den burggräflichen Hausklöstern 
und Stiftern mit seinen Kandidaten durchdrang. 



III. 

Pläne Albreohta für die kirchlichen Verhältnisse 

in der Mark. 

Mit solchen Erfahrungen kam Albrecht in die Mark und 
sah mit Freude, dafs sich die kirchlichen Verhältnisse hier 
ganz anders gestaltet hatten. Die drei Bischöfe waren mit 
ihrem weltlichen Besitztum ganz von den Markgrafen ab- 
hängig. Zwei waren die vornehmsten Räte des Landes, 
einer darunter, der Franke Friedrich Sesselmann von Lebus, 



1) Viel Material bei Stillfried, Kloster Heilsbronn. 

2) Siehe unten. 

3) Bezeichnend ist Höf ler, Das kais. Buch, S. 202 u. a. 

36» 



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424 



PRIEBATSCH, 



die Seele der Politik seines Vorgängers gewesen. Der dritte, 
Wedigo von Havel berg, ein sehr weltlicher Herr und mehr 
Haudegen als Bischof, ging ganz in den Kämpfen mit seinen 
unruhigen Nachbarn auf und war jedenfalls weit davon ent- 
fernt, dem Herrscherhause geistliche Opposition zu machen. 
Was Albrecht an Besetzung geistlicher Stellen, in Ausübung 
seines Rechtes der ersten Bitte oder des landesherrlichen 
Vorschlagsrechtes unternahm, ging glücklich von statten. 
Nur das Übergreifen der geistlichen Gerichtsbarkeit beklagte 
er; er hoffte aber, ihr durch Einrichtung zuverlässiger welt- 
licher Rechtspflege den Boden abgraben zu können 1 und 
iiefs sich in Rom neue Privilegien hiergegen erteilen *. 

Es ist eine ganz haltlose Erfindung späterer Zeiten, dafs 
die Mönche von Lehnin dem zum erstenmale in der Mark 
erscheinenden Kurfürsten den Eintritt in ihr Kloster ver- 
weigert und ihn als Gebannten von der Brücke herunter- 
gestofsen haben sollen. Die Geschichte, die eine gewisse 
Rolle bei der Deutung der Lehninschen Weissagung spielt, 
ist längst widerlegt worden, sogar mit dem Argumente, dafs 
es in Lehnin, das an keinem Flufse oder Graben liege, nie- 
mals eine Brücke gegeben habe; aber auch aus inneren 
Gründen ist sie ohne weiteres abzuweisen. Es gab in der 
Mark keine geistliche Korporation mehr, die es hätte wagen 
können, so gegen den Landesherrn vorzugehen. Albrecht 
befand sich zudem gar nicht mehr im Banne, sondern war 
schon vorher auf dem Regensburger Reichstage durch den 
päpstlichen Legaten losgesprochen worden und hatte gleich 
darauf ein verbindliches Schreiben von Paul II. erhalten, 
in dem ihn dieser zu ernstlichen Kreuzzugsrüstungen er- 
mahnte s . Albrecht war der erste der deutschen Fürsten 
gewesen, der dann dem folgenden Papste Sixtus IV. un- 
mittelbar nach seiner Erwähl ung seine Obödienz hatte ver- 
melden lassen 4 , und der Papst hatte ihn nicht lange danach 



1) Siehe unten. 

2) P. C. I, 296. 307. 311 f. 320. 349. 351. 

3) Pastor, Gesch. der Päpste II, 656. 

4) P. C I, 320. 



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STAAT UND KIRCHE IN DEK MARK BRANDENBURG. 425 

ex proprio motu wichtige Bewilligungen hinsichtlich zweier 
fränkischen Chorherrenstifter gegeben l . 

Albrecht wurde in allen Teilen der Mark mit dem ganzen 
Prunke kirchlicher Zeremonieen empfangen und äufserte sich 
gerade hierüber mit besonderer Befriedigung. Angenehm 
überrascht durch die durchaus geordneten, erfreulichen kirch- 
lichen Verhältnisse in der Mark, trug er sich von nun an 
mit einem staatskirchlichen Reformprogramm, das weit über 
die Wünsche Friedrichs hinausging und das er zwar nie 
vollständig formuliert hat, dessen einzelne Sätze aber in 
seinen Briefen wiederkehren und sich bereits zu wirklichen 
Antraten bei der Kurie verdichteten. 

Von der kirchenpolitischen Arbeit seines Bruders, auf 
dessen Schultern er doch stand, hatte er eine ziemlich geringe 
Meinung; er rügte, dafs Friedrich sich mit zu kleinen Zu- 
geständnissen begnügt und leider die Ausdehnung der päpst- 
lichen Privilegien auf die nachfolgenden Regenten nicht 
durchgesetzt hatte *. Der mafsvolle Gebrauch , den der 
Bruder von seinen Rechten gemacht hatte, mifsfiel ihm 
jedenfalls nicht minder. Friedrich hatte, wie dies ja oben 
geschildert wurde, nur die ersten Anläufe dazu genommen, 
die erreichten Privilegien für Staatszwecke auszunutzen. Er 
hatte sich teils selbst Beschränkungen auferlegt, teils inneren 
Schwierigkeiten weichen müssen. Er hatte z. B. trotz aller 
Vollmachten, die ihm niemand zu bestreiten wagte, weder 
den Klerus finanziell bedrücken, noch die Pfründen lediglich 
nach politischen Rücksichten vergeben wollen, und er hatte 
anderseits den langgehegten Plan, zur Vermeidung einer 
Zerstückelung der Mark dem jüngsten Bruder ein Bistum 
zu verschaffen, infolge der Abneigung des hierfür allerdings 
ungeeigneten Prinzen fallen lassen müssen. Er lebte in der 
Idee vom Gottesstaat und strebte dem Ideale des christlichen 
Fürsten nach. Albrecbt glaubte nun, das Werk des Vor- 
gangers ergänzen zu sollen. Er sah hierbei von vornherein 



1) Ebenda 349. 351. 

2) P. C. III, 280. 



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426 PRIEBATSCH, 

davon ab, das kirchliche Leben zu meistern und zu be- 
aufsichtigen, wie dies Friedrich stellenweise gethan hatte. 

Sein Rat Dr. Knorre hatte ihm einmal geschrieben, er 
gelte zwar überall als weiser und staatskluger Fürst, nirgends 
aber als Förderer christlicher Unternehmungen *. Er hatte 
nur die Erweiterung seiner landesherrlichen Befugnisse im 
Auge und fafste Kirche und Staat als gesonderte Gebiete. 
Er meinte: wir wollen unser kinder und uns nicht für grosz 
nemen, wir hetten [denn] die recht und oberkeit auf und 
über die drey stift ». Er verlangte mehr als Patronat und 
Vogtei und sah in den Geistlichen blofse Unterthanen. Die 
reichen kirchlichen Stiftungen, die die Vorfahren hinterlassen, 
sollten Zwecken des Staates noch mehr als bisher dienstbar 
gemacht werden; in ihnen sollten die gelehrten Räte des 
Fürsten, die Erzieher der jungen Markgrafen u. s. w., ihre 
Besoldung und ihren Lohn finden 3 . Die ßezüge der höheren 
Geistlichkeit sollten gleichmäfsig gestaltet werden; in dem 
„Verbund uud Contract", über den Albrecht im Jahre 1472 
mit dem Dänenkönige Christian sich einigte, waren für die 
Bischöfe Einkünfte, welche ihnen den Unterhalt von 8 bis 
10 Pferden ermöglichten, als Grenze gesetzt worden *. Da 
die Bischöfe der Nachbarlande ein wenig ins märkische Ge- 
biet mit ihrer Amtssphäre hineinragten und sie, nament- 
lich der von Kammin, bisweilen davon in einem den Mark- 
grafen feindlichen Sinne Gebrauch gemacht hatten, wünschte 
er kurzweg, dafs die kirchlichen Sprengel mit den Landes- 
grenzen zusammenfielen, oder dafs wenigstens die geistliche 
Jurisdiktion über Märkcr nur märkischen Bischöfen über- 
tragen würde 6 . Dafs er daneben nicht darauf zu verzichten 
gesonnen war, den Klerus zugunsten von Forderungen zu 
Reichsfeldzügen, die sich ja meist — dem Namen nach — 
gegen die Türken richteten, also von den Geistlichen seiner 



1) Höf ler, Das kais. Buch, S. 125. 

2) P. C. I, 448. 

3) C. I, 606. 

4) Droysen II, 1, 284, vgl. auch Dahlmann, Gesch. Dane- 
marks, S. 238. 

5) P. C. II, 245. 



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STAAT UND KIRCHE IN DER MARK BRANDENBURG. 427 



Meinung nach gar nicht abgeschlagen werden konnten, heran- 
zuziehen, versteht sich von selbst, ebenso dafs er in den 
Klöstern und Stiftern bequeme fürstliche Absteigequartiere 
erblickte und ihnen die Erhaltung landesherrlicher Pferde 
und Jagdhunde sowie des Jagdpersonals zuwies l . Die Ver- 
sorgung eines seiner Söhne mit kirchlichen Einkünften hielt 
er gleichfalls nur für sein gutes Recht; er verfugte sogar in 
dem von ihm erlassenen Grundgesetze seines Hauses für alle 
Zeiten, dafs jeder nachgeborene Prinz, für den die nur in 
•drei Teile zu teilenden weltlichen Besitzungen nicht aus- 
reichten, ein Prälat werden müsse. 

Dafs der Papst seinen Wünschen Schwierigkeiten in den 
Weg legen könnte, scheint er nicht befürchtet zu haben. 
Die Haltung der Kurie ermutigte ihn sogar. Er hatte 
-aus seinen Verhandlungen mit Rom die Überzeugung ge- 
wonnen, dafs man am päpstlichen Hofe mit Geld Alles er- 
kaufen könne *. Durch das Entgegenkommen der Päpste 
verwöhnt, glaubte er, selbst dessen nicht einmal zu bedürfen. 
Seit die Kirche durch die konziliare Bewegung, die Hussiten- 
stürme, die Türkengefahr und die italienischen Wirren voll- 
ständig in Anspruch genommen war, hatte sie sich darein 
ergeben, die Wünsche der mächtigeren Fürsten, wo sie 
irgend konnte, zu erfüllen. Sie gab darum, wenn es an- 
ging, ihren prinzipiellen Standpunkt nicht auf und blieb 
nach wie vor bemüht, durch ihre Gerichtsbarkeit auf alle 
Verhältnisse selbst der entlegensten Staaten ihren Einflufs zu 
üben und zu erhalten, aber bei der Besetzung kirchlicher 
Stellen erwies sie sich aus Gründen der Politik viel ent- 
gegenkommender, als es ihren finanziellen Interessen ent- 
sprechen mochte. Sie unterliefs es freilich nicht, auch ihre 
Bewerber vorzuschieben oder wenigstens zu sondieren, ob 
das Feld für ihre Thätigkeit bereitet sei. Aber sie beharrte 

1) P. C. II, 657 u. a. Kloster Diesdorf mufs recht oft die Jager 
und Hunde des Kurfürsten beherbergen und noch Triukgeld geben, Tgl. 
Diesdorf 12, 195b ; 14, 98; 14, 101»» (Klosterknecht dem Markgrafen 
zur Jagd zur Verfügung gestellt). Bei den Zöllen müssen die Pfarrer 
Regenschreiber sein. 

2) P. C. III, Nr. 982; II, 327. 



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428 



PRIKBATSCH, 



nicht auf ihren Vorschlägen. Es ist vor allem völlig grund- 
los, wenn man auch heute noch den zeitgenössischen deut- 
schen Beschwerdeschriften immer weiter die Klage über die 
vielen Italiener nachschreibt, die angeblich durch den römischen 
Stuhl in den Besitz deutscher Pfründen gelangt seien. Die 
Italiener in deutschen, vornehmlich in norddeutschen kirch- 
lichen Würden sind zu zählen; jedenfalls i6t ihre Zahl er- 
heblich geringer als die der Deutschen, die in Italien am 
päpstlichen Hofe ihr Glück machten *, die aber dann freilich 
als „ Kurtisanen " mit den Wälschen einfach zusammen- 
geworfen wurden. Die Kurie berücksichtigte bereits mehr,, 
als man anzunehmen pflegt, die Nationalität, und suchte 
namentlich, wenn sie umstrittene Pfründen verlieh, möglichst 
unverfängliche Leute auszuwählen. Wo sie es einmal ver- 
säumte, wie in dem Bistume Ermland, wo sie dem erwählten 
Nikolaus von Thüngen einen von König Kasimir empfohlenen 
Polen entgegenstellte, bekam sie den Einwand zu hören: 
„wie könne der die seiner Seelsorge Anvertrauten lehren, der 
ihre Sprache nicht verstehe", und mufste sich schliefslich den 
deutschen Kirchenfürsten gefallen lassen 2 . Iu Norddeutsch» 
land erschien ein päpstlicher Intrusus, gleichviel welcher 
Nationalität, überhaupt nur selten, wenn man auch hier nicht 
so drastische Mittel gegen sie gebrauchte, wie man sie in 
Süddeutschland 3 und in Thüringen * bisweilen gegen diese 
unwillkommenen Eindringlinge für erlaubt hielt 6 , und wie 
sie die Reformatoren nachher empfahlen. Auch alle übrigen 
Beziehungen zum römischen Stuhle regelten sich Verhältnis- 
mäfsig leicht und einfach. Es bietet ziemliches Interesse^ 
den Verkehr der Päpste mit Albrecht genauer zu betrachten. 
Man stofst da auf ein Svstem vollendeter Schmeichelei dem 
hierfür nicht unempfänglichen Fürsten gegenüber. Bekannt 



1) Vgl. die Ausführungen Luschins v. Ebengreuth hierüber. 

2) Vgl. Danzig. Stadtarchiv. Ständerezesse von P; eufsen Kg). An- 
teils. II, 330 (vgl. jetzt die Ausgabe von Thunert). 

3) Vgl. Sattler, Gesch. Württembergs unter den Graveu IV, 184. 

4) Thüring. Geschichtsqueüen II, 460. 

5) Aus dem Norden, vgl. jedoch Fontes rer. Austr. 1, 1, 91. Zeit- 
schrift des Ver. für Schlesw.-Holst. Gesch. XXIV, 126. 



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STAAT UND KIKCI1E IN DER MARK BRANDENBURG. 429 



sind ja die überschwenglichen Huldigungen, die Pius II. 
dem von ihm wohl aufrichtig bewunderten, damals in der 
Blüte seiner Manneskraft stehenden tapferen Markgrafen be- 
reitete. Aber auch später verliefs keiner der brandenburgi- 
schen Oratoren den römischen Hof, ohne eine Fülle von 
Komplimenten jeder Art ftir sich und seinen Herrn mit- 
zunehmen. Papst und Kardinäle wetteiferten in Beteuerungen, 
dafs sie keinen deutschen Fürsten so schätzten, ja liebten, 
wie gerade Albrecht; dafs sie um Mitternacht aufstehen 
würden, um nach Ansbach zu reiten, wenn es Albrecht zu 
dienen gälte; dafs, wenn man ihr Herz aufschnitte, man 
einen ganzen Markgrafen darin finden würde u. s.w. Selbst 
bei Meinungsverschiedenheiten oder Zerwürfhissen wie bei 
seiner, vor der Welt streng zu ahndenden hartnäckigen Ver- 
bindung mit dem böhmischen Königshause, oder wenn sieb 
seine Wünsche mit denen gewichtigerer Personen, wie etwa 
des Königs Matthias von Ungarn, kreuzten, hütete man sich 
sehr, ihn dauernd zu verstimmen oder ihm die Wieder- 
annäherung gar zu schwer zu machen. Albrecht kam daher 
alles in allem mit dem römischen Stuhle ganz gut aus und 
gab in seinem von kirchlichen Rücksichten sonst ziemlich 
freien politischen System einer Opposition gegen das Papst- 
tum keinen Raum. Er widmete ihm und seinen unmittel- 
baren Organen, den Kardinälen und Legaten, sogar eine 
weitgehende Subordination, wie er sie gegen die deutschen 
Kirchenfürsten, von denen einige nicht blofs seine Oberhirten,, 
sondern auch seine Lehnsherren waren, nicht gelten lassen 
wollte. Er sah selbst in einer päpstlichen Einmischung in die 
kirchlichen Angelegenheiten seines Territoriums nur eine 
geringe Qefahr; er wünschte sie zwar nicht, weil es sich 
nicht übersehen liels, welche weiteren Ansprüche man in 
Rom daraus in der Zukunft herleiten könnte Zudem war er 
besorgt, weil die Bewilligungen wegen des Besetzungsrechts 
der Bistümer seinem Bruder nur auf Lebenszeit erteilt worden 
waren ». Aber er war doch überzeugt, dafs der Einflufs 



1) P. C. III, Nr. 982. 

2) unser brflder marggraf Friderich seiger ist betört worden und 

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430 



P RIEBATSCH, STAAT l T ND Kl KCl IE. 



ihm wohlgesinnter Kardinäle es zu verhindern wissen werde, 
dafs ihm ein gänzlich unwillkommener Bischof ins Land ge- 
setzt würde. Ein Kandidat des Papstes, der seine Stelle 
nicht der Wahl seines Kapitels verdankte, war in der 
Kegel ohne Boden im Lande und mufste daher, um sich 
behaupten zu können, sich vornehmlich mit dem Landes* 
herrn gut zu stellen suchen l . Ein Prälat, der durch die 
Wahl der kirchlichen Orgaüe emporgehoben wurde, war 
hierin viel freier und konnte unter Umständen viel gefähr- 
licher werden. 



hat die lassen erwerben de novo im, und steet das wort „erben" nit 
dorinn. Nr. 982. 
1) Ebenda. 

(Fortsetzung im nächsten Hefte.) 



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ANALEKTEN. 

------v- ■ - * ----- . , 



Die Lamentationes Petri. 

Von 

Lic. Dr. Otto Clemen in Zwickau. 



Das Verdienst, die Lamentationes Petri, autore Esdra Scriba 
olim, modo pnblico sanctorum Pronotario, com anuotationibus seu 
additionibus Johannis Andreae aus der Vergessenheit hervor- 
gezogen zu haben, gebührt Be n rath l . Gröfstos Interesse würde 
die Schrift beanspruchen dürfen, wenn sie wirklich, wie zuletzt 
auch wieder Benrath angenommen , von Hendrik van Bomel 
(Henricu8 Bomelius), dem Verfasser der Summa der heiligen 
Schrift, herstammte. Das ist jedoch lediglich eine Vermutung, 
die, so weit ich sehe, auf Josias Simler, den Bearbeiter der 
Bibliotheca Tigurina Conrad Gesners, zurückgeht 2 . Aleander, 

1) Jahrbücher für protestantische Theologie VII (1882), S. 687 ff. 
Benrath benutzte das Exemplar der Hamburger Stadtbibliothek (genau 
beschrieben bei Dom m er, Auto typen der Reformationszeit I [1881], 
Nr. 64). Ein zweites Exemplar in Wolfenbüttel, ein drittes in der 
Zwickauer Ratsschulbibliothek, Sammelband XVn. X. 7, 9, bezeichnen- 
derweise zusammengebunden mit Wessels Tractatus de oratione und 
Briefsammlung, der Johann von Wesel zugeschriebenen Abhandlung 
De auctoritate, officio et potestate pastorum ecclesiasticorum , Gochs 
Dialogus de quatuor erroribus , seinen Fragmenta und seiner Epist. 
apol • vgl. meinen Aufsatz über Hiune Rode u. s. w. in Zeitschr. f. 
K.-G. XVIII, 360ff. 

2) Die Bibliotheca universalis (Tiguri 1546) selbst erwähnt nur 
(fol. 803 b ): Henrici Bomelij historia de bello Traiectano, nescio an im- 
pressa [1542 in Marburg gedruckt]. Dieselbe Angabe in der Epitome 
bibliothecae Conradi Gesneri per Josiam Si ml er um (1555), p. 72, in 
der Bibliotheca instituta et collecta primum a Conrado Gesnero, dein de 



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4.T2 



AXALEKTEX. 



der die Schrift seiner Bibliothek einverleibte 1 , bezeichnete der* 
Erasmus als Verfasser. Dies ergiebt sich aus dem Briefe des 
letzteren an Paulus Bombasius, Anderlecht, 23. September 1521 * r 
in dem er (ich beklagt, dafs man ihn immer wieder geheimer 
Sympathie mit Luther und seiner Sache beschuldige , und dann 
schreibt: Aleander iudicavit mihi tribui dnos libellos, quorum 
alteri titulus est Eubulus 8 , alteri Lamentationes Petri. Emoriar r 
si unquam mihi fuerat auditus titulus, antequam ille protulisset. 
Priorem necdum quivi nanoisci. In altero sie tractor, ut, si 
sciam auetorem, sim illi gratiam non optimam habiturus 4 . Nun 



in epitomen redacta et novorum librorura accessione locupletata, iam 
vero postremo recognita et in riuplum aueta per Josiam Sim ler um 
(1574), p. 272, und in der BiMiotheca instituta et collecta primum a 
Conr. Gesnero, deinde in epitomen redacta et locupletata per Josiam 
Simlerum, iam vero postremo amplificata per J. J. Frisium (1583), 
p. 322. An den letzteren beiden Stellen Bteht aber unmittelbar davor 
die Bemerkung: Henricus Bomelius, Germanus, patiia Geldiiensis (Nr. 2 
fügt noch hinzu: concionator Vesalicusis) , scripsit Lamentationes Petri 
seu novum Esdram, üb. 1. Ciaruit anno 1546. Darauf gründen sich 
nun die Angaben in Valerii Andreae Bibliotheca Belgica (1623), 
p. 372: Henricus Bommelius a Bommelio oppido Geldriac, descripsit 
Bellum Ultraiectinum, Marp. 1542. Addit Bibliotheca Tigurina scripsisse 
Lamentationes Petri seu novum Esdram fuisseque Ecclesiasten Vesa- 
Hensem, und in Francisci Sweertii Athenae Belgicae (1628). p. 323: 
Henricus Bommelius, Gelder, verbi divini apud Vesalienses praeco elo- 
quentissimus, scripsit Bellum Ultraiectinum . . Marp. 1542, Lamenta- 
tiones Petii seu novum Esdram teste bibliotheca Tigurina. Foppens, 
Bibliotheca Belgica (1739) I, 434 bezweifelt die Identität des Verfassers 
des Utrechter Kriegs und des Autors der Lamentationes Petri, wozu 
auch schon Burmannus, Tiaiectum eruditum (1736), p. 29 neigt, und 
fallt über letzteren das Urteil: niger is est et di versus ab hoc nostro, 
quem tu, Romane, cavetol Ebenso Hartzheim, Bibliotheca Colonienis 
(1747), p. 114 (citiert von Wolters, Refoi mationsgescliichte der Stadt 
Wesel [1868], S. 147 Anm.), der unsere Schrift ein pravae notae librum 
nennt und Zedier s Universallexikon IV, 532. Hainelmann, Opera 
genealopica-historica de Westphalia et Saxonia (1711) III, 165 notiert 
nur folgendes: H. B. sei ipsit historiam de hello Traiectino. Fuit con- 
cionator Wesalicnsis; an quid praeterea sciipseiit, iguoro. v. d. Aa 
endlich in dem Artikel über Bomelius seines Biographisch Woordenboek 
(B 251) erwähnt die Lamentationes Petii gar nicht. 

1) Dorez in der Revue des Bibliotheques II (Paiis 1892), p. 64. 

2) Erasmi epistolae, Lugil. Batav. 1703, p. 605. 

3) Oratio Constantii Eubuli Moventini de virtute clavium etc 
Böcking, Huttoni opera V, 350—362; Titel I, 444 f. (aber 14 ff ! 14* 
we.fs. 18* und 14» das Piis Chiistianis überschriebrne Stück, welches 
Böcking I, 444f